Klostergebäude; hier war es, wo die dreizehn Einsiedler das ~salve
regina~ zum Heiligtum hinuntersangen. Und hier, auf diesen spärlichen
Mauerresten, standen Eremitage und Kapellen von Santa Anna. Weiter
oben sind die Trümmer von San Benito; und ganz oben und hinten, ein
wahrhaftiges Schwalbennest an scheinbar unzugänglichem Felsen, hängt
das Trümmergemäuer der Einsiedelei San Salvador.
Deutlich vernahmen sie den Schall der Klosterglocken; denn dieses
Hochtal mit seinen Felsen ist ein Schallfänger. Amseln schmetterten
in der Ferne; kleinere Singvögel belebten mit leiseren Stimmen die
liebliche Nähe.
Einsiedlerstimmung! Karfreitagszauber!
Eine Hummel hing am Thymian und summte dann mit tiefem Ton von Blume
zu Blume, so daß es klang wie unterirdischer Glockenhall, der dem
Glockenton des Klosters Antwort gab. Alle Geräusche, auch die Stimmen,
erhalten zwischen jenen Felsen volleren Hall und stärkere Bedeutung.
Die Einsiedler durften sich kein Haustier halten; sie aßen kein
Fleisch; aber ihre Gefährten waren die wilden Vögel, die sich unscheu
in der Hütte niederließen und mit dem frommen Manne Freundschaft
schlossen. Gebet, Geläut und Vogelschlag klangen zusammen bei dieser
~laudatio perennis~, diesem ewigen Lobgesang, der über den Berg ging.
Auf den Trümmern von San Benitos Einsiedelei sitzend, wo eine
Steineiche aus den Überbleibseln der Mauer dringt, vernahmen die
Wanderer vom tiefen und unsichtbaren Kloster her Kirchengesänge.
Zugleich wurde das östliche Land ein wenig nebelfrei und gestattete
einen Fernblick auf die spanische Ebene. Drüben aber, am scheinbar
pfadlosen Felsensaum, schritt ein Mann mit einem belasteten Maultier
langsam zu Tal. Im übrigen war das ganze Gelände von einer erhabenen
Einsamkeit.
„Wir wollen höher hinan,” schlug Ingo vor, „wir wollen uns einen Weg
nach San Salvador bahnen.”
Der Fußpfad nach dieser hohen Ruine ist kaum zu sehen und durch
Gestrüpp versperrt. Doch oben ist ein gefälliges Höhlengemach in den
Felsen eingehauen, ein prachtvoller Sitz, der die Mühe des Aufstiegs
lohnt. Die wohnliche Grotte ist durch eine Röhre mit einer höher
gelegenen Zisterne verbunden, so daß der Siedler wie aus einem
Brunnenrohr Wasser auslassen konnte. Diese Eremiten ließen es sich
angelegen sein, zunächst eine Zisterne anzulegen auf diesem nicht
wasserreichen Bergland, indem sie durch eingegrabene Rillen Wasser
sammelten. Sie ummauerten den Behälter und schützten das wertvolle
Naß gegen die Sonnenglut. Auch Spuren eines Gärtchens sind bei
San Salvador. Die Wanderer entdeckten blaue Lilien und Goldlack
und beschlossen, diese Gaben der hohen Wildnis später den Damen
hinunterzubringen. Und welch ein uralt Gemäuer! Schon im Jahre 1272
starb hier oben ein Anachoret, der fünfundvierzig Jahre diese hohe
Siedelei bewohnt hatte. Der Blick von hier nach Süden und Osten, über
die wechselnd beleuchtete Ebene, fängt gewaltige Schönheit ein. Gegen
den Nordwind schützen Felswände. Und durch das Gestrüpp tastete sich
Ingo zu einem Pfad, der nach einem neuen Hochtal Ausblick gewährte:
nach San Antonio und jenem natürlichen Felsenturm, der Caball Bernat
heißt. Ein Falkenpaar umkreiste die Fremdlinge; ein Kuckuck rief aus
dem neuen Frühlingstal herüber; Felsen-Rundtürme erhoben sich in
unmittelbarer Nähe, Giganten der Urzeit, verzauberte Gralsritter, die
in dieser feierlichen Einsamkeit ein Geheimnis hüten.
„Ist dies der ältesten Götter
Unheimlich erhabenes Haus?”
Stein sprach es vor sich hin, am Eingang der Höhle auf seinem Mantel
liegend, während Bruck Vorräte auspackte.
Der Troubadour hatte die Laute zu Hause gelassen. Sie paßte mit ihrem
idyllischen Geklimper nicht mehr in solche großzügige Umgebung. Doch
schrieb er sich einen poetischen Gedanken auf, unter dessen Eindruck er
stand.
„Ist dies der ältesten Götter
Unheimlich erhabenes Haus?
Großartige Steingestalten
Schauen herab und hinaus.
Titanen der ältesten Rasse
Belebten titanisch den Stein;
Sie prägten die eigene Größe
Dem großen Gebirge ein.
Sie gaben den Felsen Gesichter:
Da ragten gespenstisch rings
Die gralbehütenden Ritter,
Die Memmonsäule, die Sphinx ...”
„Sie haben mich neulich”, begann Bruck nach einer Weile, scheinbar
ohne Anknüpfung an Gral und Sphinx, „auf dem Festabend in Barcelona
verwundert ins Auge gefaßt, als Schaller die Worte hinwarf, Sie möchten
sich vor mir hüten, denn ich sei ein Geisterseher. Es war Scherz von
Schaller; aber in Wahrheit verachtet er meine Weltanschauung gründlich,
was mich übrigens weder wundert noch ärgert.”
„Ich erinnere mich”, erwiderte Stein. „Wir sprachen ja wohl an jenem
Abend auch von Elfen und Nixen?”
„Ganz recht! Sie sagten einmal: Wenn's Elfen gäbe, worauf ich
erwiderte: Warum soll's denn die nicht geben?”
„Ja, ich erinnere mich dessen deutlich.”
„Nun gut,” fuhr der Konsul fort und strich mit der ihm eigenen
unerschütterlichen Gelassenheit seinen grauen Vollbart, „ich habe meine
Verteidigung oder Erklärung aufgeschoben bis zu dieser ruhigen Stunde.
Und da Sie mich gestern abend wiederum verwundert anschauten, als ich
vom Magnetismus dieses Berges sprach, bin ich Ihnen nähere Mitteilungen
schuldig. Sie sind zwar ein philosophisch und literarisch gebildeter
Mensch; aber mir wäre das wohl zu farblos. Ich brauche Tatsachen. Und
so war ich zunächst Materialist, bis mich vor etwa zehn Jahren allerlei
Erlebnisse zu spirituellen Einsichten zwangen. Heute such' ich keine
Beweise mehr für die Unsterblichkeit der Seele, denn sie sind mir in
überreicher Fülle gebracht worden.”
„Experimentelle Beweise?” fragte Stein bedenklich.
„Es ist schwer darüber zu sprechen”, erwiderte der merkwürdige Mann.
„Um aus höheren Sphären Mitteilungen zu erhalten, muß man sich vor
allen Dingen selber zu höherer Wesensart reinigen und erziehen. Anders
ist eine Verbindung mit oberen Mächten gar nicht möglich.”
Der Konsul begann vorsichtig und taktvoll zu erzählen; Stein hörte mit
vorurteilsloser Aufmerksamkeit dem älteren Gefährten zu.
„Tatsachen, wie ich sie Ihnen mitteilen kann, sind durch die ihnen
innewohnende natürliche Würde und Schönheit erhaben über die
sogenannte Debatte, wie ihr ja wohl in Deutschland das Zanken einer
größeren Menge nennt, mit nachheriger Abstimmung und Entscheidung
durch die Mehrzahl von Köpfen, nämlich von Dummköpfen. Aber mit der
sogenannten öffentlichen Meinung oder mit dem sogenannten allgemeinen,
freien, gleichen und geheimen Wahlrecht, das in Wirklichkeit eine grobe
Vergewaltigung der Gebildeten durch den Pöbel ist, hat die höhere
Wahrheit nichts zu schaffen. Leben Sie einmal in Brasilien am Rande des
Urwaldes oder in Indien inmitten der Pest oder im Kaukasus unter einer
meuchelmörderischen Bevölkerung -- und Sie wachsen nach und nach über
europäische Mittelmäßigkeit ein wenig hinaus.”
Der Konsul machte eine Pause und fuhr dann fort:
„Es gibt Menschen von einem feinen Magnetismus, die -- wie man es von
den Dichtern sagt, welche ja wohl auch einst Seher gewesen sind -- mehr
hören und sehen und fühlen als die gröber eingekörperten Mitmenschen.
Diese gefährliche Begabung will natürlich Hand in Hand mit wachsender
sittlicher und geistiger Reife ausgebildet sein, sonst treiben solche
sensitiven Menschen ins Chaos und wissen sich unter ihren Stimmen
und Gestalten nicht mehr zurechtzufinden. Hellsehen und Hellhören,
automatisches Schreiben, wobei der Arm durch eine magnetische Gewalt
gelenkt wird, Schreiben mit einem sinnreichen kleinen Skriptoskop,
welches die Buchstaben bezeichnet, wobei gleichfalls magnetische
Beeinflussung die Schreibenden lenkt -- von solchen Verbindungen mit
der unsichtbaren Welt werden Sie vielleicht schon gehört haben.”
Stein konnte nun denn doch ein unbehagliches Gefühl nicht
zurückdrängen; er murmelte nur einiges und verhielt sich abwartend.
„Ich weiß wohl,” fuhr Bruck in Ruhe fort, „die Dilettanten und
Querköpfe sorgen dafür, daß dies alles verzerrt und verunreinigt an
die Öffentlichkeit kommt. Und die Öffentlichkeit verzerrt das bereits
Verzerrte vollends. Die wenigsten besitzen genügend eiserne Zucht und
Ruhe, um durch die Verwilderungen hindurchzudringen. Und diese wenigen
haben der Masse gegenüber schweigen gelernt.”
Der Konsul fügte abermals eine Pause ein, entnahm dann seinem Rucksack
ein Schreibbuch und legte es neben sich. Dann fuhr er fort:
„Auch ich und meine Zugehörigen, einschließlich eines Vetters,
entdeckten in uns diese seltsame Veranlagung. Aber wir waren als
willensfeste Naturen und klare Köpfe nicht gewillt, uns diese Dinge
über unsere Kraft wachsen zu lassen; wir schulten uns, wir sichteten,
wir waren im Umgang wählerisch auch in der Geisterwelt. Hierbei wurden
wir unterstützt durch Meister und Schutzgeister. Dieser Weg ist keine
Tändelei; der Neugierige kommt nicht auf seine Rechnung, sondern wird
gefoppt; für uns war es ein langsames Fortschreiten durch Prüfungen zu
Missionen, wobei wir wuchsen an Geduld, Selbstlosigkeit und Erkenntnis.
So bekamen wir durch unsre geübten Organe hindurch Mitteilungen aus der
uns alle durchdringenden und umflutenden unsichtbaren Welt.”
Ingo konnte als klassischer Humanist aus der Fülle seiner Bildung
heraus ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Konsul sah es und sagte:
„Lächeln Sie ruhig, mein lieber Herr Baron, ich erwarte das gar
nicht anders. Nehmen Sie ruhig an, meine Mitteilungen wären meinem
sogenannten Unterbewußtsein entschlüpft. In diesem Kasten hat ja alles
Platz, auch Götter und Geister.”
Und er sprach bedachtsam weiter:
„Ich habe mir manches in dieses Buch geschrieben und will Ihnen gleich
zu Anfang etwas von Elementargeistern vorlesen. Versuchen Sie einmal,
von allem, was Sie als phantastisch hierbei stört, abzusehen, und
lassen Sie die Mitteilungen durch sich selber wirken!”
Sein braunes Buch mit den harten Deckeln war von Anfang bis zu Ende
vollgeschrieben; Brucks Handschrift war klar, groß und fest.
„Da kam einmal zu uns ein kleiner Blumengeist.”
Er blätterte. Stein, dessen Lächeln wich und dessen Phantasie sich zu
entzünden begann, stellte eine Frage.
„Nehmen Sie meine Zurückhaltung nicht übel, Herr Konsul: Gibt es denn
wirklich solche Naturgeister? Sind es nicht Einbildungen der Dichter?”
„Keineswegs! Diese Elfen, Sylphen, Gnomen und andre Elementarwesen sind
so lebendig und wirklich wie Sie und ich. Nur sind sie aus so feiner
Substanz, daß sie von gewöhnlichen Augen nicht gesehen werden, so wenig
wie die ultravioletten Strahlen. Auch haben sie keine Seele wie wir,
kennen weder Leid noch Liebe, weder Tugend noch Sünde. Ich könnte Ihnen
in diesem Augenblick sagen, daß dort drüben an der Felswand eine ganze
Reihe von Gnomen sitzt, aneinandergereiht wie Äffchen auf der Stange,
äußerst putzig und drollig uns Menschen betrachtend -- aber das würde
ja nicht viel nützen, denn Sie sehen es ja doch nicht.”
Mit verdutztem Lächeln schaute Stein sich nach allen Seiten um.
„Aber ich bitte Sie, Herr Konsul, wo sitzt denn das Völkchen? Wollen
Sie mich nicht den Herrschaften vorstellen? Können sich denn aber
solche Naturwesen mit uns Kulturmenschen verständigen?”
„In seltenen Fällen und mit bestimmten Menschen. Manchmal löst sich ein
einzelnes Wesen aus seiner Gattung, mächtig angezogen von irgendeinem
menschlichen Kreise, und sucht bei uns etwas wie eine Seele.”
„Undine! Aber wie kommen sie grade zu Ihnen?”
„Unsre Ruhe zieht sie magnetisch an.”
„Und was wollen sie von Ihnen?”
„Liebe und Lehre.”
Das klang alles ruhig und selbstverständlich.
Ingo hatte die sonderbare Empfindung, als wäre sein bärtiger Nachbar,
der neben ihm auf dem Lodenmantel lagerte, auf diesem immer klarer aus
den Nebeln sich enthüllenden Gralsberge, ein zeitloser Druidengeist,
dem sich nichtige moderne Einwände gar nicht nahen können.
„Einst kam also”, sprach der Konsul, in sein Schreibbuch schauend, „ein
allerliebster Blumengeist, der an der Grenze der Menschwerdung stand
-- denn es kommt bisweilen vor, daß ein Naturgeist als Mensch geboren
wird --, wovor sich aber dieses lichte und leichte Wesen fürchtete.
Doch drängte es den Geist dennoch zu dem schweren Pfade, denn er konnte
ja dadurch höher steigen. ‚Oh, der Duft!’ begann das Geistchen -- wir
hatten duftende Rosen auf dem Tische stehen -- ‚wie gemahnt er mich an
das, was ich Heimat nannte! Ich bin noch kein Mensch gewesen, das lange
Leid hab' ich noch vor mir; ein ätherzartes Wesen war ich und soll nun
eine üble Masse werden. Mein Dasein floß dahin zwischen Schönheit und
Seligkeit, gewiegt vom säuselnden West. Des Himmels Diamanten flocht
ich in mein wehendes Haar, süße Zwiesprache hielt ich mit raunenden
Bäumen. Duftblaue Weiten umfaßte meines Auges Blick, mein Leben floß
dahin wie des Baches Welle, der über Blumen geht.’ -- ‚Hast du keine
Schwestern?’ fragte ich. -- ‚Ich hatte Schwestern, selig und glücklich
gleich mir; wir tranken den Tau, wir atmeten den Duft, wir badeten im
Mondschein, und wir jubelten der Sonne zu. Wir erzählten uns tausend
süße Dinge, wir tanzten im Winde, und waren wir müde, so betteten wir
uns in Blumen. Aber meine Schwestern sind noch nicht so weit wie ich.
Wohl sehe ich sie noch, erkenne sie wohl, aber sie denken nicht mehr
mein. Euch hab' ich liebgewonnen, euch beide Menschen im Silberhaar.
Nicht oft mehr werde ich auf Flügeln der Winde euch nahen, nicht oft
mehr im Sternenschein den Duft meiner Heimatrosenfelder trinken, nicht
oft mehr in Sehnsucht meiner Schwestern Stirnen ungesehen umschmeicheln
-- bald trag' ich Not und Lasten, bald geh' ich in Jammer und Weh, bald
werde ich ein Mensch wie ihr!’”
Stein schlug erstaunt und entzückt in die Hände.
„Das ist ja Poesie! Herr Konsul, Sie sind ja ein verkappter Poet!”
„Im Unterbewußtsein?” lächelte der Konsul. „Was mein Oberbewußtsein
anbetrifft, so hab' ich nie einen Vers geschrieben.”
„Irgendwo in Ihrem Kreise muß doch das stecken!”
„Das kommt auch, wenn ich einmal nicht dabei bin. Sie meinen also
hartnäckig, wir erfinden diese Geistchen? Die Gnomen da drüben an der
Felswand lachen und drehen Ihnen lange Nasen. Nun also, lassen Sie
sich in Ihrem Wahn nicht stören! Ich will Ihnen nur noch sagen, wie
dieses Geistchen ausgesehen hat: die Gestalt war durchsichtig, das
Gesicht ein feines Oval von mattem Weiß, die Haare silberhell wie
Mondschein, und zwar selbstleuchtend, die Augen von einem tiefen, fast
grünlichen Blau. Oh, sie sind herrlich, diese Gäste aus dem Lande der
Schönheit!”
So erzählte der Konsul.
Er sprach von seinen Geisterfreunden wie von lebendigen Menschen.
Er fuhr dann fort und beschrieb andre Naturgeister, die sich zu ihm
herangedrängt hatten und um Förderung baten.
„Ach ich kann Ihnen sagen, mein lieber Herr Baron,” sprach der Konsul,
und der ernste, kühle Westfale wurde nach und nach sichtlich weich
und warm, „durch das ganze Reich der Geister und der unerlösten Natur
geht die Sehnsucht nach Erlösung durch Liebe. Sehen Sie, da kam einmal
der Geist eines armen Berliner Kindes zu uns, das nach Hunger und
Mißhandlungen früh gestorben war. Es erzählte uns seine Geschichte, wie
es auf den Stufen einer Kirche vor Sehnsucht hinübergeschlummert sei,
nachdem es in einer Weihnachtspredigt zum erstenmal von Liebe hatte
sprechen hören. ‚Da kam’, sagte der kleine Geist, ‚ein gütiges Wesen zu
mir, und ich fühlte etwas ganz Sonderbares von ihm ausgehen, was ich
auf Erden nie gekannt hatte. Auf meine Frage nach diesem so unsagbar
beseligenden Etwas sagte sie mir, es sei die Liebe; das war so schön,
daß ich dafür keine Worte finden kann.’”
„Wunderbar!” rief Stein, der in immer wärmere Schwingung geriet. „In
den Preis der Liebe, die Sonn' und Sterne bewegt, klingen Goethes
Faust und Dantes Commedia aus. Und Novalis ruft in seiner berühmten
Abendmahlshymne: Wenige wissen das Geheimnis der Liebe.”
„Ich bin kein studierter Mann”, erwiderte Bruck. „Aber ich weiß es aus
meiner besondren Welt, daß helfende und schaffende Liebe die Sonne des
Kosmos und die Sonne des Menschenherzens ist. Mein Schutzgeist schärft
mir das immer wieder ein.”
„Ich fange an, Ihre Geisterfreunde lieb zu gewinnen.”
„Meine Geisterfreunde sind auch die Ihrigen”, versetzte der Konsul mit
der ihm eigenen ernsthaften Ruhe. „Und es ist kein Zufall, daß wir
zwei hier beieinander auf dem einsamen Gipfel eines spanischen Berges
sitzen. Die heitren Mozart-Elfen, die in Ihnen wirkten, um Sie nach
Barcelona zu locken, haben ihr Werk rühmlich zustande gebracht und
sitzen jetzt dort in den Blumen und freuen sich über unser Gespräch.”
Der Alte lachte behaglich. Stein fuhr herum, von Schauer durchrieselt.
Er starrte in diese große, fremde Welt, ohne etwas andres zu sehen
als einige schaukelnde Lilien. Fast erschrocken schaute er dann einen
Augenblick dem rätselhaften Mann ins Gesicht. Sollte etwas von des
Troubadours verliebter Schwärmerei für Martha ruchbar geworden sein?
Doch der Konsul plauderte gelassen weiter.
„Ich kann Ihnen nun auch ruhig anvertrauen, daß wir in unsrem kleinen
Kreise jährlich bestimmte Missionen auszuüben haben, die uns um die
hohe Zeit des Weihnachtsfestes von unsren leitenden Geisterfreunden
erteilt werden. Und zwar Missionen an bestimmten Gruppen von Geistern,
die grade durch unsre Wesensart gefördert werden können. Sie werden
erstaunen, wenn Sie hören, daß etwa eine Gruppe von Lügengeistern zur
Wahrhaftigkeit angeregt werden oder eine Gruppe verrohender Wesen
einen geistigen Impuls erhalten soll. Es ist oft schwer, mit solchem
anfänglichen Unflat zu verkehren, wir könnten es ablehnen; aber es wäre
nicht unser Segen. So führen wir diese Sitzungen zäh und regelmäßig
jeden Sonntag und Mittwoch durch, bis diese Wesen geläutert genug sind,
reine Geister überhaupt wahrzunehmen. Denn in ihrem traurigen Zustand
sind sie blind.”
„Merkwürdig! Merkwürdig!” murmelte Stein. „Sie lesen also sozusagen
den Toten vor? Wie jener schwäbische Prälat mitternachts in der Kirche
Gottesdienst hielt für die Geister?”
„So ungefähr. Nur daß der Ausdruck ‚Tote’ nicht paßt, denn die Bewohner
der spirituellen Welt sind lebendig. Anfangs äußern sich manche
höchst naiv. ‚Geisterfreund,’ sagte mir da einmal einer, ‚ich war sehr
schlimm, bin es heute noch. Doch sagtest du neulich, auch wir könnten
besser werden. Solange ich noch in jener erstarrten Wüste lebte,
kannte ich nichts anderes und hatte keine Sehnsucht nach Besserem.
Nun aber sehe ich den Unterschied zwischen mir und euch. Dazu kam ein
Hoffnungsfunke, der durch deine Rede in meine Seele fiel. Nun frage ich
dich: Ist es wahr, kann aus mir noch etwas werden? Und sage mir noch
eins: Was hast du für einen Grund, den Geistern, die dir doch nichts
geben können, zu helfen? Hilfst du Menschen auch? Hast du Vorteile,
wenn du Menschen hilfst? Hilfst du deiner Frau und sie dir? Liebst du
alle Menschen und wirst du auch mich die Liebe lehren? Sie scheint mir
das Höchste, doch fühle ich nichts von ihr.’”
„Die Liebe!” warf Stein dazwischen. „Immer wieder suchen diese Wesen
Liebe! Sie ist offenbar der Magnet, zu dem sich alle hingezogen fühlen!”
„Sie ist der heilige _Gral_”, sagte Bruck mit tiefem Ernst ...
Jetzt hatte sich der Gralsberg aus den Nebeln herausgelöst und lag nun
mit seinen Felsentempeln ruhevoll in der buntschimmernden Ebene. Die
Wandrer vor ihrer Grotte genossen weltweiten Ausblick. Auf einer blauen
Blume in der Nähe funkelte diamantener Tau, als glühte dort das Auge
eines Elfchens liebesuchend herüber.
„Fahren Sie fort!” bat Stein. „Erweitern Sie meine Welt zum Kosmos! Ich
möchte ganz in diese Gralsburg eindringen.”
„Gern!” erwiderte der Alte, um dessen weißgraues Haar der Morgenwind
spielte. „Ich bin glücklich, daß Sie mit Teilnahme zuhören. Noch viel
von Elementargeistern könnt' ich Ihnen erzählen. Doch mitten in diesen
kleinen Dingen steht hier die ernste Mission unsrer Geisterfreundin
Santa. Sie hatte zwei Jahre lang eine Sendung auf Erden zu erfüllen.”
„Ein Geist, der als Geist auf Erden eine Sendung hat?”
„Warum nicht? Wie so mancher Mensch seine Sendung hat. Hören Sie Santa
selber!”
Feierlich las er mit seiner tiefen, volltönenden Stimme, die
gelegentlich zu leisem Pathos neigte:
„‚In heiligen Hallen ruhte zuletzt mein Fuß, auf reine Liebe blickte
zuletzt mein Auge, in Sphärenharmonie schwelgte mein Ohr. Aus
Gottesgefilden bin ich zur Welt herabgesandt; trostloses Elend, Haß,
Neid und Roheit sind es, die mich hienieden erwarten. Gönnt mir ein
Plätzchen, wo ich mich erquicken kann! Bereitet eure Herzen, daß ich
eine Freude habe! Meine Mission ist schwer, helft sie mir tragen!
Der Geisterfreunde nur eine einzige Runde auf Erden darf ich mir zur
Erholung wählen; ihr seid es, auf welche meine Wahl gefallen ist. Seid
gütig, selbstlos und liebreich, übt euch in Geduld, und ihr bietet mir
ein Labsal!’”
„Wie muß man sich Santas Mission vorstellen?” fragte Stein.
„Auch das will ich mit Santas eigenen Worten lesen; sie hat sich in
Umschreibung, gleichsam in Erzählungsform, darüber geäußert. Hören Sie
und versuchen Sie mir zu glauben, daß nicht ich oder eine meiner Damen
diese Mitteilung erfunden haben!”
Er las. Und Ingo erging es eigen: er mußte bei Santa immer an Elisabeth
denken, die stille Krankenpflegerin.