Es wurde getanzt. Der Troubadour phantasierte später, als sich die

Gesellschaft verteilte, so toll am Flügel, daß der spanische Professor

vor Begeisterung aus dem Häuschen geriet. Schaller ließ sich die

„Rosenlieder” singen, sein Leiblied; denn er wurde sentimental. Dann

tanzte man wieder zur Musik der Blinden; die jungen Leute führten ein

harmlos Scherzspiel auf; man trank sämtliche Spirituosen durch -- bis

lange nach Mitternacht der Halbmond über Meer und Montjuich stand.

Stein machte allen halbwegs hübschen Damen ebenso unbedenklich wie

liebenswürdig den Hof; verliebte Paare lustwandelten im Garten; er

glaubte sich zu entsinnen, Hände, Wangen und Lippen geküßt zu haben,

sogar die leider nach spanischer Unart gepuderte und geschminkte Carmen.

Gegen Morgen saß er schweren Hauptes in einem Automobil, hatte jedoch

Besinnung genug, nach dem Überzieher zu tasten, ob die provenzalischen

Briefe noch darin wären. Ja, da waren sie noch wohlbehalten an Ort

und Stelle. Und so glitt er denn auf lautlosen Gummireifen mit seinen

Briefen und mit seinem Rausch ins Hotel zurück, wo er lachend ankam und

immer vor sich hinrief:

„O Troubadour! o Troubadour!”

[Illustration]

Zweiter Teil

Ingos Einkehr

[Illustration]

Siebentes Kapitel

Der Gralsberg Montserrat

Wer ist der Gral?

Das sagt sich nicht.

Doch bist du selbst zu ihm erkoren,

Bleibt dir die Kunde unverloren.

_Richard Wagner_

In stiller Größe walten über den wechselnden Schicksalen der Menschheit

die Genien der Güte und die Meister der Innerlichkeit.

Nicht ist es ihre Sache, sich um den Haushalt des Alltags oder das

Getriebe der Gattung zu kümmern; das besorgen andre Geister und

Dämonen, ruhelos den Erdball umdrängend.

Aber die Meister warten. Die Meister warten auf einzelne erwachende

Seelen. Und wenn ein Gralsucher sich losringt von den Trieben der Masse

und fortan seinen persönlichen Weg sucht, so senden sie ihm ermunternd

und beratend einen Lichtboten.

„Dort ist ein Suchender deiner Teilnahme wert, lieber Bote”, sagen

dann die Meister. „Geh hinab, werde sein Schutzgeist! Arbeite an

seinem Herzen, durchdring' ihn mit dem Bewußtsein ewigen Wertes! Laß

ihn stolz sein, doch ohne Hoffart! Sag' ihm, daß nicht Titanenwille

den Göttersitz erobert! Denn wir sind es, die den durch uns

hindurchrinnenden göttlichen Strom weiterschenken; aber wir schenken

nur dem, der zur Erkenntnis stiller Größe nach Kampf und Irrfahrt reif

geworden. Geh hin, lieber Bote, tue dein Werk!”

Und die Lichtboten tauchen tatenfroh hinab in die Lebensfluten der Erde.

Wenn aber Boten des Lichtes vorüberziehen an den Gestaden der Düsternis

und der Vernüchterung und der Weichlinge, die an des Lebens Würde

verzweifeln, so strahlt in doppelter Schönheit der Gottesboten Gesicht.

Sie drehen der flammenden Schwerter flache Klinge dem Gestade zu, so

daß ein Widerstrahl von dem kraftvollen Silber hinüberblitzt in das

Land der Dumpfheit.

Da hebt dort einer oder der andre sein Haupt: „Wer zieht vorüber? Wer

hofft noch? Wer wagt noch an Freiheit und Freude zu glauben in diesem

Räderwerk der Fronen?”

„Ich, mein Bruder!” flammt es zurück. „Und sieh her, wie meine Muskeln

straff und meine Blicke voll Mut sind und mein Atem den Busen schwellt!

Sieh her, wie mir wonnig und wohl ist, weil ich wandeln darf als Bote

der Gottheit!”

* * * * *

„Bis jetzt haben Sie Laute gespielt oder Klavier, Herr Spielmann”,

sagte der Konsul. „Aber Sie kennen noch nicht die Macht und Tiefe der

Orgel. Wie die Orgel zur Laute, so verhält sich der Montserrat zur

Wartburg. Was Sie mir soeben aus Ihren Blättern über Lourdes vorgelesen

haben, läßt mich annehmen, daß Sie dort eine erste Weihe empfangen

durften: das heißt, eine Ahnung von den höheren Gesetzen, die hinter

dem Sichtbaren walten. Vielleicht gibt Ihnen dieser Berg eine zweite

Weihe. Und das Leben selber hernach die dritte und beste.”

Sie saßen bereits in der Bahn, als diese Worte gesprochen wurden. Das

Reiseziel der Familie Bruck und des Spielmanns war nicht mehr fern.

Der Felsenberg Montserrat erhebt sich einsam und majestätisch aus den

Hügeln der katalonischen Landschaft.

Nähert man sich an duftigem Sonnentage von Barcelona her dem Städtchen

Monistrol im vielgewundenen Tal des Llobregat, so scheint sich

plötzlich am Horizont ein Wolkengebirge zu türmen. Man späht genauer --

und man entdeckt mit erhabenem Staunen: es sind keine Wolken, es sind

Felsen!

In abenteuerlichen Steinformen zackt sich der gewaltige Berg wie

eine Walhalla aus den Dünsten des Flachlandes empor. Sein Name ist

Montserrat, das heißt Zackenberg, weil wie die Zähne einer Säge diese

Kammlinie zerrissen und zerschnitten ist. Und um so wirksamer ist der

langgestreckte und hohe Felsenbau, weil er sich einsam mitten in wenig

hohen, zerwaschenen Lagerungen der katalonischen Lehmhügel erhebt.

Die Phantasie gesellt sich hinzu und verbindet mit dieser Stätte eine

der tiefsinnigsten Legenden.

An diese hohe Felsenburg heftet sich eine Sage, die aus keltischen

Bezirken stammt. Der Montserrat ist der mittelalterliche Montsalvat

oder Munsalvaesche der Gralsage.

Dem Gralsucher Ingo von Stein war der Gral, dieses geheimnisvolle

Becher-Kleinod, das verjüngende Kraft gibt, lange schon anziehend und

bedeutsam. Er fühlte längst den unbestimmten Drang, durch Klingsors

Gärten und Blumenmädchen hindurch diesen schwer zu erreichenden

Einsiedlerberg zu besuchen. Doch ohne Kenntnis des Spanischen ist

die Fahrt zum Montserrat beschwerlich. Es ist oben, auf einer

Felsenterrasse, eingenistet in eine Schlucht, nur ein großes

Benediktinerkloster mit allerlei umfangreichen wirtschaftlichen

Gebäuden und Logierhäusern. Ein Gasthaus nebst Kaufladen ist zwar

auch vorhanden, aber kein eigentlicher Hotelbetrieb, nur einige

Laienbrüder, die das Gepäck besorgen. Die Gäste, die familienweise

kommen, erbitten sich je nach ihrer Kopfzahl in irgendeinem der

Logierhäuser eine Wohnung und bereiten in der dazu gehörigen Küche ihr

Essen selber. Durch ein schickliches Trinkgeld entschädigt man das

Kloster für die Gastfreundschaft. So sind dem einzelnen Ausländer die

Zugangsbedingungen erschwert; doch um so ungehemmter kann er sich dann

der Einsamkeit des Berges überlassen.

„Ich glaube gelesen zu haben,” äußerte Stein, als er mit der Familie

Bruck auf der gewundenen Zahnradbahn im Schatten der Felsenwände

hinauffuhr, „daß schon Wilhelm von Humboldt begeistert von diesem

Berge gesagt hat, er habe nie einen ähnlichen Anblick genossen, denn

an dieser Stätte vereinige sich alles, was einer Landschaft Größe und

Schönheit zu geben vermag.”

„Sie werden staunen”, sagte der Konsul. „Ich war schon vor Jahren

oben.”

„Im übrigen muß ich Ihnen gestehen, daß ich Spanien nicht sehr liebe”,

fuhr der Troubadour fort. „Es ist Grausamkeit in diesem Volk der

Stierkämpfe; sie haben Peru und Mexiko vernichtet, waren mit Bluthunden

hinter den Indianern her, haben Torquemada, Alba und die Inquisition

erzeugt -- ein fanatisches Land, kein Land der Liebe!”

„Immerhin, sie hatten auch den Vorkampf gegen die Mauren”, fügte

Bruck ausgleichend hinzu und strich nachdenklich seinen Druidenbart.

„Sie haben in ihrer Art, unter dem Cid zum Beispiel, den Gral des

Christentums gegen die Araber behütet.”

„Das ist wohl wahr”, räumte Ingo ein. „Aber es saßen damals Germanen

in Spanien: Goten. Und erst im mittelalterlichen Deutschland hat sich

der Gralsgedanke vertieft. Es ist vielleicht eine europäische Mission

der Germanen, solche Gedanken zu pflegen und wachzuhalten. Wolfram von

Eschenbach hat sie nach Deutschland getragen, Richard Wagner hat die

alte Burg neu erbaut im Herzen moderner Kultur und Kunst.”

„Wer ist der Gral?” zitierte Brucks belesene Tochter aus Wagners

Parsifal. „Das sagt sich nicht; doch bist du selbst zu ihm erkoren,

bleibt dir die Kunde unverloren.”

„Waren Sie in Bayreuth?”

„O ja! Und sahen den Gral und das Nibelungengold.”

„Wunderbare Gegenstücke! Der Edelstein des Heils -- und das Gold des

Unheils! Jener kommt aus der Höhe -- dieses aus den Tiefen. Dort eine

Taube -- hier ein Drache. Wunderbar!”

„Ja, und dort Reinheit, hier Begierde. Man kann sagen, daß Parsifal ein

geläuterter und erlöster Siegfried ist. Auch der Drachentöter hat einen

Speer, tötet damit und wird getötet. Aber Parsifals Speer heilt.”

Ingo und Bruck verstanden sich erstaunlich in der Deutung dieser tiefen

Symbole; sie nahmen einander förmlich das Wort von den Lippen und

setzten sofort ein, wo der andre aufhörte. Im hochgebildeten Freiherrn

von Stein wurde die einfach-große Madonnen-Stimmung von Lourdes wieder

lebendig; es arbeitete etwas in seinem ganzen Organismus. Sein Zustand

war kein Denken, sondern mehr als dies, auch das Denken umfassend:

sein Zustand war einsaugendes Erleben. Und Bruck selber, einem alten

Barden an Gestalt nicht unähnlich, schien gefüllt zu sein mit solchen

Gedanken, deren plastische Kraft durch sich selber und ohne Beweis

überzeugte.

„Da nach der Sage so viele Ritter das Kleinod des Grals gesucht haben,”

sprach der Freiherr, „so muß es sehr schwer zu erringen, sehr kostbar

und sehr geheim sein.”

„Das Einfachste ist meist das Schwerste”, warf Bruck ein.

„Ja, denn diese großzügige Einfachheit ist eine Summe von tiefsinnigen

und verwickelten Dingen, aber ins Klare gebracht”, fuhr Ingo fort. „In

einem Tautropfen spiegelt sich eine ganze Umwelt. Und so ist wohl der

Gral gesammelte Kraft.”

„Ganz gewiß, und zugleich Heiligkeit, Lebensheiligung, denn er hängt

mit dem Karfreitag zusammen.”

„Sehr wahr, er ist eine Mischung aus keltischer Sage und christlicher

Legende. Die Sage vom Wunschgefäß -- vom Tischleindeckdich --

vereinigte sich mit der Kunde von jener heiligen Schale, aus der das

letzte Abendmahl gehalten worden und in die Joseph von Arimathia

Christi Blut aufgefangen hat. Die Sage ist also ritterlich und religiös

zugleich. Welt und Himmel, Abenteuer und Gebet, Phantasie und Ethik!

Ja, bis ins alte Indien führt sie zurück: das Wunschgefäß, das so

viel Segen gibt, soll die Sonne selber sein, aus den Drachenwolken

herausgekämpft von Indras Speer.”

„Da dieses leuchtende Kleinod aus den geistigen Welten kommt, hat man

es sogar für einen Meteorstein gehalten,” fügte Bruck hier lächelnd ein.

„Und Munsalvaesch mag man ja von ~sauvage~ ableiten und als Wildenberg

deuten”, meinte Ingo. „Doch sinniger deucht mir die Ableitung von

~salvus~: Heilsberg.”

„Ein materialistisches Geschlecht hat das Geheimnis des Grals

verloren”, schloß der Konsul und schaute ernst an den Tempelmauern

dieses gigantischen Berges empor. „Denn sie haben heute weder Ehrfurcht

noch Heiligtum und müßten in einer neuen Mysterienschule erst wieder

nachdenksame Einsamkeit lernen.”

Als sie hinaufkamen vor die großen, vielstöckigen und mehr massiven als

schönen Häuserkasten aus rötlichem Stein, die sich unter überhangenden

grauen Felsen neben Kloster und Kirche ausbreiten, verhandelte der

Konsul mit den Angestellten und ließ sich eine Wohnung von zehn Zimmern

öffnen, so daß jede Person zwei Zimmer zur Verfügung hatte. Ein

Vorraum und ein Eßzimmer in der Mitte blieb dem gemeinsamen Gebrauch

vorbehalten; die Betten wurden überzogen; ein Glasschrank enthielt die

nötigen Gläser und Geschirre.

Und nun war man behaglich allein in dem fast noch unbewohnten,

großen, hallenden Hause, das nur im Hochsommer mit Flüchtlingen aus

der Bruthitze der Ebene überfüllt zu werden pflegt. Frau Bruck hatte

ihr Dienstmädchen mit; es knisterte bald in der Küche; und Ingo saß,

als Gast dieser ernstgestimmten Familie, mitten in Spanien an einem

deutschen Tisch.

Die Frauen, von häuslichem und unauffälligem Wesen, beide mit warmen

braunen Augen, deren Blick wohl tat, zogen sich früh zurück. Die

Tochter, eine junge Witwe, barg irgendeinen Lebenskummer, auf den man

aber nicht zu sprechen kam. Die beiden Männer packten ihre Lodenmäntel

aus und schritten dann miteinander in den kühlen Abend, eingehüllt wie

Mönche, um in der Kirche dem berühmten Vespergesang zu lauschen.

Denn die Mönche des Montserrat sind berühmt durch ihre Musikschule. Sie

unterrichten dreiunddreißig Knaben als Schüler; nur begabte Jugend wird

dieser Ehre teilhaftig. So kann man dort im Zauberdunkel der Kirche,

besonders abends, eindrucksvolle Kirchenmusik vernehmen; biegsamen und

hellen Knabenstimmen antworten männliche Gegenchöre der Mönche; beide

Gruppen bleiben unsichtbar; und die Begleitung der Orgel wird verstärkt

durch ein kleines Orchester. So ist der ganze Raum, in dem nur wenige

Beter anwesend sind, erfüllt von gregorianischer Kirchenmusik.

Auch hier bildet die Statue einer Jungfrau den Herzpunkt der

Kirche: eine Madonna, angestrahlt von vielen Kerzen. Sie steht über

dem Altar unter einem goldverzierten Bogenwerk, inmitten eines

maurisch-byzantinischen Chors, der von Gold funkelt. Die Jungfrau

ist blütenweiß gekleidet, das Kleid bauscht sich nach unten, viele

Kerzen vereinigen ihre Leuchtkraft: aber ihr Gesicht ist schwarz. Das

Maurische des Chors und die Schwärze der Jungfrau wirken fremdartig und

orientalisch.

Dieses höchste Heiligtum Kataloniens entstand vor einem Jahrtausend

im Grenzkampf zwischen arabischer und christlicher Kultur, zwischen

semitischen und christlichen Vorstellungen. War es das Erbe vielleicht

schon eines phönizischen oder vorarischen Heiligtums? Der Berg ist ja

ein riesenhafter Altar. Es saßen zur Zeit der Maurenkämpfe Goten in

Spanien; Gundomar hieß der Bischof, unter dem vor tausend Jahren das

Bild gefunden wurde. Die schwarze Holzfigur soll aus Palästina stammen

und war in einer Höhle des Berges verborgen; noch heißt die Grotte

~cueva de la virgen~; Hirten sahen dort jeden Sonnabend einen Glanz --

man drang mühsam vor und fand diesen heiligen Gegenstand. Eine Grotte

und eine Madonna auch hier -- wie dort in Lourdes!

Von einem Gral weiß diese kirchliche Legende nichts. Man müßte denn

dieses wohlbehütete, angeblich aus Palästina stammende Jungfrauenbild

als einen heiligen Gral ansprechen; wobei die ehemaligen Einsiedler als

Gralsritter zu betrachten wären.

Der Konsul erzählte dies alles.

„Es waren einst”, fuhr er fort, „da oben auf dem weitgedehnten

Felsenberg, noch höher als das Kloster, zwölf Einsiedeleien über den

Montserrat zerstreut, mit einer dreizehnten -- Santa Anna -- in der

Mitte, worin der älteste und würdigste dieser Eremiten wohnte, während

immer der jüngste die fernste und steilste Klause -- San Jeronimo --

zugewiesen bekam. Nun ging damals über den ganzen Berg ein sogenanntes

ewiges Geläute. Um zwei Uhr morgens gab die Klosterglocke das Zeichen:

die Mönche erhoben sich und zogen zu Gebet und Gesang in die Kirche;

nach bestimmter Zeit nahm die nächste Einsiedelei Glockenzeichen

und fromme Übung auf; und in genauer Reihe und Zeitfolge setzte sich

das fort, bis um Mitternacht San Jeronimo den Beschluß machte. An

bestimmten Tagen und Stunden vereinigten sich alle Eremiten bei Santa

Anna, im Mittelpunkte des Hochtales; von dort wanderten sie nach einem

Felsenvorsprung, von wo das Kloster sichtbar war, und sangen das

~salve regina~ herunter. Viele Äbte und andre hohe Geistliche haben

sich nach arbeits- und studienreichem Leben hierher zurückgezogen und

sind Einsiedler geworden, oft von Königen und Fürsten in ihrer Stille

besucht und um Rat gefragt. So ist die Luft dieses Berges magnetisiert

von heiligen Gedanken. Und Loyola folgte einer richtigen Ahnung, als

er sich nach seiner Bekehrung hierher begab und in dieser geweihten

Luft seine berühmten Exerzitien schrieb. Denn dieser Berg hat viel

Magnetismus, ich spüre das.”

Stein saugte mit erstaunten Sinnen diese absonderlichen Dinge ein.

Der Montserrat, dessen sich jetzt die Nacht bemächtigte, wurde immer

sprechender und merkwürdiger. Diese Felsengebilde da oben waren

Statuen; hatte ein Urvolk seine Götter in Stein gehauen?

Die beiden Wandrer fühlten sich erhaben gestimmt von der ungewöhnlichen

Kirchenmusik und ergingen sich auf dem äußersten Vorsprung, wo ein

Denkmal an jenen spanisch-französischen Kampf aus der napoleonischen

Kriegszeit erinnert, dem die Einsiedeleien zum Opfer gefallen, nachdem

ein französischer General von San Dismas herab das damalige Kloster in

Grund und Boden geschossen hatte.

Unter dem Schein des wachsenden Mondes erhöhte sich noch das

Phantastische der Felsformationen. Und phantastisch antwortete dem

Berge das verschnörkelte Land mit dem Flußlauf des vielgekrümmten

Llobregat. Überall ausgeschwemmte Tonerde, mit kahlgewaschenen

Felsenzügen dazwischen, voll von Runzeln und Schrunden, einer

Mondlandschaft nicht unähnlich.

„Abenteuerlich!” rief Stein. „Man ist in einer Märchenstimmung, ganz

dem Gewöhnlichen entrückt!”

„Und eine abenteuerliche Situation!” fügte er für sich selber hinzu,

als er sich nachher in der eisernen Bettstelle dehnte. Er schaute sich

noch einen Augenblick in dem schmucklosen weißgetünchten Zimmer um und

löschte dann die Kerze.

Grimmig zog er die Wolldecke um die Ohren und lachte grimmig über den

Schabernack, den ihm das Schicksal da unten in Barcelona gespielt

hatte. Bitterkeit lag nicht in seiner Natur; aber Wehmut wuchs im

Laufe der lautlos ruhigen Nacht. Kein Geräusch der Ebene drang

an sein Ohr; nur in ferner Schlucht vernahm er den Gesang einer

Nachtigall. Die Steingiganten über ihm hielten ritterliche Wacht; der

unvollkommen leuchtende Mond warf die langen Schatten dieser Ritter den

mitternächtigen Berg entlang. Welche Wirkungen des Mondes!

So lag er lange wach und horchte in die große Nacht und glaubte der

Erde und seinem bisherigen Leben entrückt zu sein -- auf einen Felsen

geschwemmt, wie ein Schiffbrüchiger der Titanic.

Nach und nach gestaltete sich diese erste Nacht auf dem Montserrat,

hoch über den Eisenbahnpfiffen der unruhigen Erde, zu einer stillen

Rückschau.

Er zog die Summe seines bisherigen Lebens.

Vor fünf Jahren hatte sich Ingo von Stein in den Gärten am Horn zu

Weimar eine Wohnung eingerichtet, hatte Bibliothek, Klavier, Gemälde,

Büsten, Fernrohr und andre Dinge geschmackvoll untergebracht und

gedachte nun seinem Ideal einer persönlichen Universalbildung schaffend

nachzuleben. Doch die Meister seines Schicksals waren damit noch nicht

einverstanden. Sie stellten Friederike von Trotzendorff zwischen ihn

und seine Braut. Und als Friedels geniale Natur alle Register ihrer

Phantasie- und Gefühlsromantik zog, trat die herbe, gefühlskeusche,

etwas menschenscheue Elisabeth still zurück; der Briefwechsel mit ihr

entschlief; sie wurde Krankenschwester beim Roten Kreuz und begab sich

später zu ihrer Schwester nach Pommern. Aber das Kleeblatt bereiste

Italien und England, ging allsommerlich nach Bayreuth und Tirol oder

an die See; und der Statistiker und Soldat Richard war glücklich,

daß die gern fliegende Gattin einen Flugkameraden gefunden hatte.

Ingo selber tat tiefe Einblicke in den Reichtum, die Zartheiten,

die Wunderlichkeiten einer Frauenseele und wurde durch diesen Bund

im Innersten gefördert, ja -- wie sie oft scherzend sagte -- mit

Genialität angesteckt. Bis dann diese Kameradschaft, durch zwei

harmlose Mädchen, in der Provence und am Fuße der Pyrenäen, in der

bisherigen Form zerschellte. Und -- seltsame Fügung! -- gleichzeitig

trat Elisabeth wieder in Sicht! Und zwar dort in Lourdes, inmitten

der ernsten Krankenstimmung, die so viel stille Kraft entfaltet, dort

bei Bernadette und ihrer wundersamen Madonna! Die heitre Schar der

Troubadours -- und dann die ernste Schar der Kranken von Lourdes: --

welch ein Gegensatz!

„Seltsam das alles!” dachte der Gralsucher. „Elisabeth, die

Krankenpflegerin, hat sich immer dem Lebensernst gestellt und war auf

soziale Fürsorge gestimmt -- doch Friedel und ich? Wir sind immer

davongeflogen in heitre Gefilde. Kann es da keinen Ausgleich geben?

Damals wär' ich Spießbürger geworden, hätt' ich mich mit Elisabeth in

jenes gemächliche Heim eingelullt -- aber jetzt? Sind heimliche Führer

über meinem Leben? Haben sie Friedel benutzt, wie sie sich jetzt der

Mozart-Mädchen bedienten? Ach, ihr seid mächtiger als ich! Ihr führt

mich im Zickzack durch die Welt, foppt mich mit hübschen Gesichtern --

und werft mich zuletzt auf diesen einsamen spanischen Berg, nachdem ihr

mir Elisabeth und Friedel und diese kleine Martha genommen habt! Ist

das der Gral? Ist dies nun das unbekannte Land, das ich suche?”

Immer wieder blitzte in seine beginnende Schwermut der Gedanke hinein,

es sei dennoch planmäßige Führung höherer Mächte, die hinter dem

Sichtbaren stehen.

„Ist der Gral vielleicht gar keine fertige Sache -- so wenig wie jener

Tempel? Kristallisiert er sich vielleicht in uns nach und nach? Und

leuchtet dann als ein Licht inmitten des Lebenstempels, den wir selber

nach und nach aufbauen?!”

Er rollte sich qualvoll in seiner Wolldecke hin und her; Sinnenhunger,

Lebenshunger, Gestaltungsdrang glühte in dem gesunden jungen Manne,

der hier vereinsamt, von weiblicher Liebe verlassen, auf dem weltfernen

Montserrat lag. Denn nicht mit Bausteinen der Romantik allein baut man

die Gralsburg, sondern nur aus der Fülle wirklichen Erlebens ...

In der gleichen Nacht schaute der wachsende Halbmond in das Fenster

eines Sanatoriums in München, wo eine schöne Frau bei elektrischem

Licht schlaflos lag und unter Schmerzen der Seele und des Körpers

umsonst zu lesen versuchte.

In der gleichen Nacht kauerte ein halbwüchsiges Mädchen zu Barcelona im

Nachtgewand auf dem Bettrand der älteren Cousine und unterhielt sich

mit ihr darüber, daß der Baron eigentlich noch netter wäre als Onkel

Schaller, und daß ihn Martha gewiß genommen hätte, wenn er ein wenig

früher gekommen wäre. Und unten saß Madame Frank-Dubois mit Marthas

Bräutigam zusammen und rechnete ihm vor, daß sie ihrer einzigen Tochter

vorläufig rund hunderttausend Mark mitgeben könne.

In der gleichen Nacht stand in Thüringen die hohe Gestalt des Fräulein

Elisabeth von Stein-Birkheim am Bett ihres schwerkranken Vetters und

gab der neuen Krankenschwester Anweisung, wie der Kranke zu pflegen und

zu beköstigen sei, da sie selbst am andren Morgen mit der leidenden

Mutter an den Genfer See reisen mußte. Dann fuhr sie spät in der Nacht

im Wagen durch den Mondschein nach Hause und empfand es in stillem

Hinträumen als ein großes Glück, Leidenden helfen zu dürfen. „Es ist

auch eine Form von Liebe”, fügte sie leise hinzu, nistete sich in ihren

Pelz ein und schloß seufzend die Augen.

* * * * *

„Wir zwei werden heut' allein den Gralsberg besteigen”, sprach Konsul

Bruck am andren Morgen. „Meine Damen lassen sich entschuldigen, sie

sind müde und möchten einstweilen ausruhen.”

Also nahmen die beiden Herren Lebensmittel in den Rucksack, Lodenmäntel

auf den Arm, Stock in die Rechte und stiegen durch Morgennebel eine

schmale Schlucht empor zu den Ruinen der Einsiedeleien.

Diese Schluchten sind üppig durchwachsen mit Efeu, Rosengebüschen,

Buchsbaum und Steineichen nebst andren Bäumen und Büschen dieses

pflanzenreichen Landes. Die Stufen sind neu zurechtgehauen, enge

Stellen zwischen den Felsen sind erweitert. So kommt man, wenn man

die letzte schmale Felsenpforte überschritten hat, plötzlich in ein

wildschönes Hochtal hinan, in dessen Mitte die spärlichen Trümmer der

Einsiedelei Santa Anna liegen, und das aufs neue von gigantischen

Felsen umstanden ist -- ein doppelt großartiger Anblick, wenn die

mächtigen Steingebilde durch ziehende Nebelwolken hindurch sichtbar

sind.

Diese Felsen sind rundbäuchig und kegelförmig, oft in dichten Gruppen

aneinandergebacken; sie sehen manchmal aus wie Donjons und Bastionen;

dann sitzt es wieder wie ein verzauberter Kopf auf der unteren Säule;

und oft scheint ein riesiges Profil herüberzudrohen aus diesen grauen,

kieseldurchsetzten Monolithen, aus diesen versteinten Termitenhaufen.

In einzelnen Ballen wirbelt der Nebelrauch vorüber, als stände jenseits

des Montserrat eine Welt in Brand. Grün und grau im Wechsel sind die

Farben dieses Hochlandes, das vor Winden geschützt und nur nach Osten

offen ist, wo jetzt die Sonne durch die Nebel zu brechen sucht.

Der Spielmann: Roman aus der Gegenwart · 第 7 / 17 段