Sicherheit. Sie fühlten sich nicht heimgesucht von irgendwelchem Hunger
nach Unendlichem. Das Rätsel des Daseins hatte sie nie bekümmert. Eine
erhebliche Rente in Gewahrsam zu bringen, genügte als Lebensziel. Wobei
sie Arbeitsamkeit, Ordnungssinn und andere bürgerliche Tugenden zu
achtenswerter Entfaltung brachten.
„Jetzt bin ich über die Zukunft meiner Tochter doch einigermaßen
beruhigt”, versicherte Frau Frank-Dubois. „Mit ihr selber wird es
sich schon ganz gut machen, denn sie ist ja sparsam und häuslich und
versteht den Haushalt. Die Schule ist ihr halt schwer geworden; aber
sie hat, was sie an Schulbildung braucht. Es ist eine stille Natur;
mein seliger Mann war auch so ein Stiller, sie hat's von ihm.”
„Das Mädel wird's wie eine Prinzessin haben”, versetzte Schaller und
nahm die Dame fest zugreifend unter den Arm. „Das glaube ich Ihnen
versichern zu dürfen. Also wenn ihr beide einverstanden seid, so klopf'
ich nach dem zweiten Gang ans Glas und mache die Sache bekannt. Ich
liebe immer Überraschungen, knappe, fertige Tatsachen. Punktum!”
Er trat zu den Mädchen, legte der Jüngsten von hinten her seine großen
Hände über die Augen und küßte ihre Wange.
„Na, Mausi, hast du dein Cousinchen aufgemuntert?”
„Pah, Onkel Schaller, die hat Angst!”
„Es schickt sich, daß eine Braut schüchtern tut”, erwiderte Schaller
und legte den Arm um das gazellenschlanke Mädchen, das nur um eine
Stirnbreite kleiner war als er selber. „Kinder, es soll famos
werden! Die Nacht wird durchgetanzt! Und außerdem hab' ich eine
Extra-Überraschung, besonders für die da, den kleinen Grashupfer!”
„Noch einen Bräutigam? Her damit!”
„Ruhig Blut, Sennorita! Es klingelt! Gäste kommen!”
* * * * *
Ingo von Stein hatte in Narbonne übernachtet. Er fuhr dann über
Perpignan nach Barcelona. Der Schnellzug lief an der See entlang,
deren Wasser im Ostwind an die Klippen schäumte und das tiefe Blau des
Mittelmeers in ein ebenso herrlich Weiß verwandelte.
Sprangen nicht mit glänzenden Schuppenschwänzen die Okeaniden herauf,
lachten den Fahrenden aus und schnellten im Purzelbaum wieder hinunter
in die Arme aufpustender Wassermänner? O Schaumtanz, o Schmeichelwelle,
o Heimat der schaumgeborenen Göttin Aphrodite! Herfunkelnd ans
knochig-männliche Festland -- und dem Greifenden zwischen den Fingern
zersprühend, ein schillernder Schein!
Am Bahnhof hatte ihn Schaller persönlich und ohne Chauffeur im
Automobil abgeholt. Bei ihm saß noch ein würdiger alter Herr, dessen
Wesen und Aussehen dem Ankommenden sofort angenehm und bedeutend ins
Auge fiel. Es gibt Menschen, zu denen man auf den ersten Blick ein
seelisches Verhältnis findet, als hätte man sich schon irgendwo einmal
gesehen. Dieser alte Herr, gleichsam der erste Gruß auf spanischem
Boden, wirkte in so merkwürdig anziehender Weise auf Ingo. Sie gaben
sich mit so gelassener Selbstverständlichkeit die Hand, als wären sie
gestern erst auseinandergegangen.
Der mehr als sechzigjährige würdige Herr war ein Freund des
Großkaufmanns und wurde als Konsul a. D. Ernst Bruck vorgestellt. Es
war ein Mann von Mittelgröße mit schönem grauem Vollbart, graublauen
Augen und einer klaren, hohen Stirn. Hätte er einen Turban getragen,
man hätte ihn mit seinem tropisch gebräunten Angesicht für einen
indischen Rajah halten können. Nur daß sein Wuchs nicht ragend genug
und sein Benehmen bei aller ernsten Ruhe einfach und ohne jede Pose war.
„Also steigen wir ein, fahren wir ab! Gepäck ist in Ordnung!”
Frisch und händereibend sprang der Spielmann in das Fahrzeug, es war
neuer Schwung über ihn gekommen. Wieder im Menschengewühl! Und Schaller
hatte in seiner rauhen und lauten Weise seiner aufrichtigen Freude
Ausdruck gegeben, den durchgeistigten Wanderer in seinem katalonischen
Heim begrüßen zu dürfen.
„Leider sind einstweilen meine Fremdenzimmer besetzt,” entschuldigte er
sich, „und ich muß Sie ins Hotel bringen. Aber wenn Sie sich ausgeruht
haben, werfen Sie sich gleich in Frack und kommen hinauf. Sie sollen
eine festliche Versammlung finden. Es gibt einen Knalleffekt, die
Mädels werden an die Decke hüpfen, außer mir und Bruck ahnt niemand
Ihre Nähe. Um sechs Uhr, bitte! Bruck holt Sie im Auto ab. Übrigens
fährt er morgen mit Frau und Tochter gleichfalls nach dem Montserrat,
kann Ihnen also Führer und Dolmetscher sein.”
Während sich Schaller am Steuer durch das Menschengewimmel der großen
Stadt hindurcharbeitete, erzählte der Konsul, wie er seinen Freund
vor einem Dutzend Jahren in Brasilien kennen und als tatkräftigen
Geschäftsmann schätzen gelernt habe.
„Ich baute damals eine Drahtseilbahn aus der Ebene nach einem Bergwerk
auf den Kordilleren”, sprach er mit seiner wohltönenden Baßstimme, in
einer langsamen, sachlichen Bestimmtheit, ohne jenes nervöse Fieber,
das dem modernen Menschen bis in die tägliche Redeweise hinein das
Gepräge gibt. Er bildete einen auffallend ruhevollen Gegensatz zu
Schallers Temperament, bei welchem man immer das Gefühl hatte, daß er
mit vorgerecktem Kinn, Fäusten und Ellenbogen um die Million kämpfe,
unter der berüchtigten Losung, die seinen Angestellten nur allzu
bekannt in die Ohren klang: „Wer nicht pariert, der fliegt!”
Der Konsul, gemächlich in die roten Lederpolster zurückgelehnt, faßte
seinen Fahrtgenossen ins Auge und sprach:
„Ich kenne Sie übrigens schon. Meine Tochter, die viel liest, hat mir
aus Ihrem Buch ‚Heroismus’ vorgelesen. Und Schaller erzählte mir von
Ihrem Gespräch über die Titanic. Ich darf Ihnen wohl gleich bekennen,
daß ich da ganz auf Ihrer Seite stehe.”
„Die Titanic! Sie haben recht. Jene grauenhafte Katastrophe hat mich
an das tiefste Problem gemahnt, das ich schon lange ungelöst in mir
herumtrage und neulich in Lourdes wieder ernsthaft durchdacht habe: wie
steht es um Tod und Jenseits? Die moderne Menschheit wirft sich mit so
viel Tatkraft auf so viele Probleme -- warum nicht auf dieses?”
Der Konsul nickte.
„Vielleicht grade weil die modernen Menschen zu tatkräftig, zu unruhig
sind. Man müßte, um einen Zugang zu dieser Frage zu finden, vor allem
andren eine Entfieberung vornehmen, eine Entgiftung. Nun, das muß
man der höheren Führung überlassen. In diesen Fragen stimme ich mit
Freund Schaller nicht überein. Ich selbst bin auch nicht unmodern, was
Tatsachensinn anbelangt; war Seemann, Ingenieur, Farmer, hielt mich
als Konsul im Kaukasus, dann in Indien und Brasilien auf und habe mich
nun in meiner Heimat Westfalen zur Ruhe gesetzt. Doch wir können ja
wohl über diese Dinge noch in aller Ausführlichkeit auf dem Montserrat
hoffentlich recht ergiebige Gespräche führen.”
So waren sie die Rambla hinuntergefahren und hatten den Gast im Hotel
abgesetzt.
Stein war durch Stand und Erziehung an die geselligen Formen gewöhnt,
so daß ihm der Übergang von nachdenklicher Einsamkeit zur gefälligen
Vielsamkeit nicht schwer fiel. Als er nun vor Spiegel und Waschbecken
den Eisenbahnruß hinwegspülte, besah er genauer als sonst seine äußere
Erscheinung. Eine grad und gut gewachsene Statur, kurzes Blondhaar,
milde mattblaue Augen, ein ungestutzt voller Schnurrbart und von den
Augenwinkeln zu den Enden des etwas vortretenden Mundes zwei scharfe
Linien, die eine edle Nase flankierten und dem gesundfarbenen Gesicht
im Verein mit einer hohen und breiten Stirn geistige Strenge verliehen.
Doch sobald er nur wenig lächelte, verwandelte sich die Strenge in
sonnige, fast kindliche Güte; und gar sein lautes Lachen war nach
Tonfall und Aussehen von herzbezwingender Macht. Neckerei wohnte gern
in diesen Zügen und spielte oft um den beweglichen Mund; aber Spott
und Schärfe hatten darin keine Wohnung; höchstens noch die Schwermut
und eine gewisse verträumte Abwesenheit. Das zu kleine Kinn war der
Gegensatz zu Schallers Bulldoggenkiefer und zur modernen Menschheit
überhaupt; dieses Gesicht mit seinem hellen Leuchten, sobald es
seelisch und geistig belebt war, paßte nicht in den Kampf aller wider
alle. So sah ein Sonnenbringer aus, ein Götterbote aus dem Lande des
Vertrauens, kein pfiffiger Späher aus dem Lande der Konkurrenz.
Er legte sich auf den Diwan, hatte noch ein Stündchen Zeit bis zum
Umkleiden und durchblätterte aufs Geratewohl die Gedichte des Novalis,
die er in der Tasche trug.
„Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun
Und deinem Beistand fest vertraun,
So löse doch des Alters Binde
Und mache mich zu deinem Kinde!”
Wen meint der Dichter? Die Madonna meint er. „Ich sehe dich in tausend
Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt” ... Da taucht immer wieder die
Jungfrau auf, das holde Urbild mütterlicher und zugleich kindlicher
Weiblichkeit, die der Welt das Genie schenkt: denn aus den Augen des
Kindes auf ihrem Arm leuchtet Geniefeuer. Das Geheimnis des Lebens ist
in den Augen dieses Kindes, das den Tod überwunden und eine Bahn in
den Kosmos zum „Vater” eröffnet hat. Ist die Jungfrau-Mutter Hüterin
des Lebensgeheimnisses? Ist das Geheimnis der Geburt zugleich das
Todesgeheimnis? Warum ergreift mich so mächtig das Rätsel des Todes?
Warum ergreift mich so mächtig das Rätsel lebendiger Frauenschönheit?
Warum sehn' ich mich nach dem einen Weibe -- und nach dem einen
Gral? Wo sind sie vereinigt? Wo sind Spielmann und Gralsucher eins?
Wo ist kein Zwiespalt mehr zwischen Leben und Tod, zwischen Poesie
und Religion, zwischen freudig erfaßtem Diesseits und edel erkanntem
Jenseits?
Das Leichte und Frohe der Mozart-Mädchen hatte ihn, vor seinen Augen
herschwebend, mit magischer Gewalt nach Spanien gelockt. In solchen
Mädchen ist Glück, Wärme, Stille -- waren es vielleicht grade diese
Eigenschaften, die er suchte, nicht die Mädchen selber? War es das
knospenhaft in sich Geschlossene der Jungfrau, was so bezaubernd auf
ihn gewirkt hatte?
Jedenfalls war er entschlossen, heute abend eine Frage an das Schicksal
zu stellen und die Entscheidung zu erzwingen: er war entschlossen,
seine Briefe persönlich zu überreichen. Säuberlich waren die bedenklich
warnenden Nachschriften der treuen Friedel abgeschnitten und im
Notizbuch verborgen. Er steckte die Briefe, die noch vom blauen
Band umflochten waren, behutsam in die Tasche seines Überziehers,
dachte mit Dank und Teilnahme an die ferne Freundin, fühlte sich aber
unwiderstehlich vorwärtsgetrieben. Sehenswert war gewiß morgen der nun
so nahe gerückte Gralsberg; aber sein rauschhaftes Empfinden suchte
zunächst einen andren Gralsberg irgendwo da oben am Gebirgszug Tibidabo.
Und rasch und neckisch vollzogen sich nun die Ereignisse.
„Wissen Sie, woher der Name dieses Berges kommt?” fragte Bruck, als sie
miteinander in Schallers Automobil zum abendlichen Fest hinauffuhren.
„~Tibi dabo~ ist lateinisch und heißt ja wohl: Ich werde dir geben.
Nämlich alle Reiche und Herrlichkeiten der Welt, wie der Versucher zum
Heiland sagte, so du niederfällst und mich anbetest. Aber der Heiland
hat das freundliche Angebot dankend abgelehnt. Es ist also der Berg der
ahrimanischen Täuschung und luziferischen Versuchung, wenn Sie wollen,
der Berg irdischen Besitzes.”
Der Konsul lachte sein sonores Lachen und schloß gelassen:
„Unser weltkluger Materialist Schaller hat sich also seine Gralsburg an
einen recht passenden Ort gebaut.”
Ingo, in Frack und Zylinderhut, eine Teerose im Knopfloch, zwei
Blumensträuße in Händen, lachte mit und vergaß in diesem Augenblick,
daß er selber über den Schmerz einer kranken Freundin hinüber dem auf
der Kugel schwebenden Glück nachjagte.
„Ja ja,” sagte er, „ich erinnere mich seines handfesten Programms. Erst
die Million, dann die Seele!”
„Stimmt!” lachte Brucks Baßstimme. „Nämlich dem Teufel die Seele, wenn
der ihm dafür die Million gibt! Aber Schaller ist gar nicht so schlimm,
wie er manchmal tut. Auf die Zehen läßt er sich allerdings nicht
treten. Teils durch Spekulation, teils durch Arbeit und zuletzt durch
Heirat zwingt er die Dämonen des Reichtums in seinen Dienst.”
Als Steins vornehme Erscheinung neben dem kleineren Bruck die
gewundenen Wege des Zaubergartens zu Schallers Burg hinanstieg, war
oben schon alles voll lustiger Gäste. Deutsch, Französisch und Spanisch
klangen in allen Tonlagen durcheinander.
Kaum in Sicht der Terrasse, wo sich die festlichen Menschen in der
Beleuchtung des Sonnenuntergangs bewegten, wurden die Ankommenden vom
Hausherrn selbst bemerkt.
„Holla, die erste Überraschung!” rief er. „Mädels, hierher! Wen haben
wir da? Den Troubadour!”
Und er packte in seiner nervös-energischen Art die beiden jungen
Damen an den Armen und riß sie herum, dem Kommenden entgegen, der den
Zylinderhut zog, schon von weitem lachend grüßte und dann seine Blumen
überreichte.
Martha wurde glutrot, die Jüngste schlug in die Hände.
„Der Baron!” rief sie, denn er wurde gesprächsweise nur der Baron
genannt. „Martha, aber was sagst du nur! Hab' ich's nicht gleich
gesagt, den werden wir noch einmal sehen?! Danke für die schönen
Blumen, aber warum haben Sie denn gar keine Silbe mehr von sich hören
lassen? Wir waren Ihnen schrecklich böse! Martha war anfangs fast
melancholisch. Ich auch!”
„So mach' ich heute abend alles wieder gut,” lachte Ingo, „ich werde
grade zu Ihnen beiden verschwenderisch liebenswürdig sein.”
So begrüßte man sich, hell und vertraut. Ingo wurde mit der
Gesellschaft bekannt gemacht: da waren Brucks freundliche Frau und
kränkelnde Tochter; Schallers Teilhaber, ein knochiger Geschäftsmann,
mit seiner Gattin, einer unendlich mageren und unendlich graziösen
Pariserin, ein Justizbeamter, ein Professor der Musik, Kaufleute,
Herren und Damen aus der Gesellschaft, junge Deutsche, die in Barcelona
geschäftlich tätig waren und sich an diesem Abend als Dolmetscher
zwischen den zwei oder drei Sprachen nützlich machten. An wahren
Schönheiten, das übersah der geübte Ingo mit raschem Blick, war nur
noch eine echte Spanierin vorhanden, die den Namen Carmen trug und ihre
Rasse prächtig vertrat.
Aber Martha, obschon verlegen und ungelenk, überstrahlte alle.
Stein war gewohnt, sich rasch auf eine Gesellschaft einzustimmen
und den Ton zu treffen, der sich in das Menschenkonzert einfügte.
Als man bei einem Rundgang durch die Räume am Flügel haltmachte und
der Musiker einige Sätze aus der Mondscheinsonate zum besten gab,
ließ ihm Ingo durch den Dolmetscher Komplimente machen über seine
romanische Umfärbung Beethovens, und es entspann sich, mit Hilfe
des geschickten Dolmetschers, ein Gespräch über Musik. Mit Carmens
Eltern sprach er über den Unterschied zwischen Katalonien und dem
übrigen Spanien; man stellte fest, daß Provence und diese spanische
Nordprovinz sprachverwandt seien, und daß beim Kongreß der ~félibres~,
unter Mistrals Führung, auch Kataloniens Dichtkunst vertreten war. Der
vielgereiste Ingo freute sich an den melodischen spanischen Lauten.
Und immer wieder, auch im Buschwerk des Kleingesprächs, wußte er durch
irgendeine Lücke hindurch nach Martha zu spähen, die aber den Blick
nicht erwiderte.
Er war ahnungslos.
Er machte sich innerlich Vorwürfe, weil sein Geschmack feststellte, daß
sie hier, auf dem Parkettboden der Gesellschaft, nicht den günstigen
Eindruck bestätigte, den er von ihr in Erinnerung trug. Die Bewegungen
der Elsässerin waren -- zumal neben der Pariserin -- von schwerfälligem
Rhythmus; sie glich einem zwar schlanken, aber etwas täppisch laufenden
russischen Windspiel; ihr Gesicht war mehr treuherzig als geistvoll;
auch unterhielt sie sich fast gar nicht, sondern ließ sich unterhalten.
Er steuerte unauffällig durch die belebten Gruppen und machte sich
kundschaftend an Frau Frank-Dubois heran, die ihm zur Tischdame
bestimmt war.
Die Herren boten den Damen den Arm; man zog zum Abendessen unter die
Arkaden, die unterhalb der Terrasse mit vielen Säulen märchenhaft
angelegt waren, mit Lampions und Blumen reizend verziert. Vier blinde
Musiker aus Barcelona sorgten für Tafelmusik. Und nun ergossen sich,
aus Silber, Porzellan und Kristall, die Genüsse der Tafel über die
sehr laute und heitere Gesellschaft, wobei vor allem die Deutschen den
südländischen Weinsorten, vom dunkelsten Purpur bis zum edelsten Gold,
mit Bewunderung zusprachen.
„Die Älteste sitzt neben mir,” hatte ihm Schaller mitgeteilt, „dafür
hab' ich Sie zwischen Marthas Mutter und den Goldkäfer gesetzt, der für
Sie schwärmt! Auf der andren Seite haben Sie den Geisterseher Bruck.
Nehmen Sie sich also nach allen Windrichtungen in acht!”
Und er hatte dem Baron zugeraunt, daß er sich mit der elsässischen
Bourgeoisdame französisch unterhalten möge; sie halte das für
vornehmer, und das Hochdeutsche falle ihr etwas schwer. Der
thüringische Freiherr stutzte einen Augenblick; aber er war von andren
Dingen erfüllt und sah in dieser würdigen Dame vor allem Marthas Mutter.
„Madame,” sprach er, als sie bei Tisch saßen, „gestatten Sie, daß ich
Ihnen eine drollige Geschichte erzähle? Auch Sie, Mademoiselle, meine
muntere kleine Nachbarin, passen Sie auf! Wissen Sie, Madame, daß ich
Sie und Ihre Tochter schon lange kenne? Ich besuchte in Straßburg
im vorigen Herbst einen mir befreundeten Schriftsteller; dieser
Schriftsteller hat einen Roman aus der Revolutionszeit geschrieben. In
diesem Roman kommt eine Leonie vor, die sich zuletzt mit einem etwas
pedantischen Hauslehrer verlobt. Als wir nun dort miteinander an einem
großen Platz -- heißt er nicht Broglieplatz? -- vor einer Buchhandlung
standen, kam eine Dame in Pelz und schwarzem Kleid mit ihrer schlanken
Tochter vorüber. ‚Sehen Sie sich die junge Dame an’, bemerkte mein
Freund: ‚so etwa sah Leonie aus.’ Das war in Straßburg. Und wen find'
ich einige Monate später an der Riviera? Jene nämliche Leonie, die mir
jetzt hier in Barcelona gegenübersitzt! Ist das nicht eine närrische
Welt?”
„~C'est charmant!~” rief die Junge. „Ich muß es gleich über den Tisch
hinüber Martha erzählen.”
Durch diese natürliche Art, sich zu geben, stellte Ingo rasch einen
vertraulichen Ton her.
Aber mit Madame Frank-Dubois entspann sich nach und nach ein immer
kühleres politisches Gespräch. Sie vertrat, mit mehr Eigensinn als
Begründung, den Standpunkt eines Teils der elsässischen Bourgeoisie,
Anschauungen, die weder mit der Mehrheit des elsässischen Volkes
noch mit den deutschen Empfindungen des Thüringers harmonisch
zusammenklangen. Er ahnte hier Klüfte. Ihre Tochter, äußerte sie
mit einem befremdlich anmutenden bürgerlichen Stolz, besuche nur
französische Tennisplätze und Gesellschaften.
„Was hat sie denn davon?” fragte Stein trocken. „Sie schließen sich
also vom deutschen Kulturgebiet ab?”
„Wir sind Elsässer.”
„Genügt das? Mit diesem engen Grundsatz kommen ja die Elsässer in den
Schmollwinkel.”
„Für einen Fabrikanten kann es ja wohl gleichgültig sein, wo er sein
Geld verdient.”
„Ist der Mensch bloß zum Geldverdienen auf der Welt? Hat er nicht auch
ein Vaterland?”
„Bei uns Elsässern, die wir Verwandte in Frankreich haben und morgen
vielleicht wieder französisch werden -- --”
„Aha, _damit_ rechnen Sie also?! Glauben Sie denn wirklich, Deutschland
werde das mit so viel Blut erkaufte Elsaß je wieder herausgeben?
Gestatten Sie mir einmal in allem Ernst die Frage: Möchten Sie wieder
französisch werden?”
Madame Frank-Dubois zögerte; sie hatte sich nie viel mit diesen Dingen
beschäftigt; sie machte eben mit, wie es in ihren Kreisen guter Ton
schien.
„Französisch werden?” wiederholte sie gedehnt. „Das nun grade nicht.
Das würde doch wohl wirtschaftliche Störungen mit sich bringen. O nein,
das eigentlich nicht! Nur -- --”
„Nur eben auch nicht deutsch, nicht wahr?” lachte Stein. „Also weder
Fisch noch Fleisch! Elsässer -- weiter nichts! O weh, wie würd' ich Ihr
schönes Land bedauern, wenn es ein Zwitterding würde wie Luxemburg!
Wissen Sie übrigens, daß auch ich elsässisches Blut in den Adern habe?
Eine meiner Urahnen war aus dem oberelsässischen Adel und hat nach
Thüringen geheiratet. Sehen Sie, damals sperrten sich die Elsässer
nicht ab!”
„Das sag' ich ja auch,” erwiderte Madame Frank-Dubois und atmete auf,
denn es war ihr bei diesem Gespräch nicht behaglich gewesen, „drum geb'
ich ja auch meine Tochter einem -- --”
Hier klopfte Herr Schaller, der besorgt in diese Politik
herübergelauscht hatte, hell und unternehmend ans Glas; und
die erglühende Martha senkte den Kopf. Er erhob sich in seiner
ragenden Größe und stemmte das Monokel ins Auge; sein kühnes und
festes Herrengesicht glänzte wie die Rose in seinem Knopfloch; der
studentische Schmiß glühte doppelt keck in der vielfarbigen Beleuchtung
der Lampions. Die Saitenmusik schwieg; das Tischgespräch ging über in
erwartungsvolle Stille.
„Meine Damen und Herren,” sprach er auf deutsch, übersetzte aber
sogleich jeden Satz mit eleganter Handbewegung ins Spanische, „die
erste Überraschung des Abends bestand darin, daß ich Ihnen einen
geistreichen Idealisten, den ich schätze und beneide, heute abend
zugeführt habe.” Er winkte mit leichter Verneigung dem Baron zu. „Ich
für mein Teil pflege offen meinen Realismus zu bekennen, denn ich mache
gar kein Hehl daraus, daß mir der Sperling in der Hand lieber ist als
die Taube auf dem Dache. Noch lieber ist mir _die Taube_ in der Hand
als der Sperling auf dem Dache. Und ich bin in der glücklichen Lage,
Ihnen sagen zu dürfen, daß ich ein Täubchen gefangen habe, eine schöne
weiße Taube, die fortan meine Arche Noah über den Ozean des Lebens
geleiten wird. Meine Herrschaften, gestatten Sie mir, Ihnen meine Braut
vorzustellen, Fräulein Martha Frank-Dubois!”
Erstaunte Stille -- dann ein brausendes Hoch in allen drei Sprachen
von allen Seiten des langen Tisches und der wunderlich gemischten
Gesellschaft! Es war ein Knalleffekt! Man hatte geahnt, man hatte
getuschelt; aber nur wenige waren auf die deutliche Tatsache gefaßt
gewesen. Alles drängte nun zu dem Brautpaar heran, Gläser klangen,
Glückwünsche flogen, Umarmungen fluteten über die Braut herab; und mehr
als ein Tropfen des köstlichen Getränkes spritzte auf Tisch und Teppich.
Stein saß vom Donner gerührt.
Der Trinkspruch hatte ihn einfach niedergeschmettert.
Die Andeutungen der Jüngsten während des Abends hatte er nicht
verstanden oder auf sich bezogen; daß etwas in der Luft lag, hatte er
nur vorübergehend empfunden. Jetzt saß der Troubadour mehrere Sekunden
mit buchstäblich offenem Munde und starrte sein entzaubertes Ideal an,
das sich mit der rosig verschönten Anstandsmiene eines gut erzogenen
Mädchens erhoben hatte und Umarmungen über sich ergehen ließ.
Dann aber kam ihm seine gesellschaftliche Schulung zu Hilfe. Er sprang
auf, schlug in die Hände und rief immer wieder: „Großartig!”, küßte der
Mutter die Hand, riß die Kleine übermütig ans Herz und nahm sie mit
hinüber zur persönlichen Beglückwünschung. Denn alle Tischordnung war
auf eine Weile zerbrochen.
„Hätt' ich eine Ahnung gehabt!” rief er drüben. „Ich hätte mir's nicht
nehmen lassen, mit Reim und Lautenklang das festliche Ereignis zu
feiern.”
„Es wäre zu nett, wenn Sie Ihre Laute mitgebracht hätten”, versicherte
die Braut mit schicklicher Höflichkeit.
Und so lachten sie und plauderten inhaltlose Sachen und bedauerten
das Fehlen der Laute und schüttelten Hände und gingen nachher, als
Schallers Geschäftsteilhaber ans Glas klopfte, um kurz und korrekt
zu beglückwünschen, wieder an ihre Plätze. Die Woge der Festfreude
legte sich einen Augenblick, schwoll aber immer wieder an; einige
Mütter seufzten, daß ihnen der reiche Kandidat entgangen war, Steins
Herz hämmerte, die Jugend war elektrisiert -- und alle miteinander
strahlten, schwatzten, lachten und zechten um die Wette.