der Schule heim und erzählte ihnen von ihrer bitteren Enttäuschung. Sie
ahnte nicht, welche Nachwirkung dieses Gespräch haben sollte.
Mathilde Braun machte am folgenden Sonntag ihrer Freundin Ruth einen
Krankenbesuch. Sie wußte nicht, daß Ruth von dem ganzen Plan, der sie
betraf, nichts erfahren hatte, besann sich auch nicht, ob sie ihr
denselben mitteilen dürfe; sie berichtete über alles, was sie Gretchen
in den schönsten Farben hatte schildern hören, und sprach auch von
Gretchens bitterer Enttäuschung. Die Kleine lauschte begierig. Sie war
nicht unternehmungslustig, aber mit „ihrem Fräulein“ fortzureisen, aus
der heißen Stadt hinaus aufs Land, dahin wo die lustigen Kleinen Rudi
und Betty waren, das schien doch auch ihr verlockend, und daß Gretchen
sich so sehr gefreut hatte und nun so bekümmert war, das beglückte sie,
das war Liebe.
Eine Stunde, nachdem Mathilde ihre kleine Freundin verlassen hatte,
sprach Frau Holland zu ihrem Mann: „Das Kind will mit ihrem Fräulein
reisen, da kann man nichts machen, man muß es eben reisen lassen,“ und
der Forstrat zürnte nicht wie sonst über die Nachgiebigkeit der Mutter,
sie kam ihm diesmal gar zu erwünscht, er wiederholte sehr befriedigt:
„Ja, man muß sie reisen lassen.“
Achtzehntes Kapitel.
Schulschluß.
Fräulein Bertrand zeigte lebhaftes Interesse für die von den Großen
beabsichtigte Schlußfeier und erkundigte sich in jeder französischen
Stunde nach den Fortschritten. Sie hatte den feinen Geschmack und Sinn
für alles Schöne, der den Französinnen eigen ist, und wie sie früher
schon den Rat gegeben hatte, die Mädchen sollten sich in Gruppen im
Schulzimmer verteilen, so brachte sie auch heute wieder einen Vorschlag,
um der Sache ein festliches Gepräge zu verleihen.
„Jede Gruppe,“ sagte sie, „sollte sich eine Büste ihres Dichters
verschaffen und diese Büste, mit Grün geschmückt und von Blattpflanzen
umgeben, als Mittelpunkt auf einem Tischchen vor sich haben. Das würde
dem ganzen Zimmer ein elegantes Aussehen verleihen.“
Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall.
„Wir haben eine Schillerbüste, wir Schiller, Goethe und Lessing,“ riefen
verschiedene der Mädchen. Schiller und Goethe waren mehrfach vorhanden,
aber wer hatte einen Uhland, wer einen Rückert?
„Wenn wir in allen Klassen Nachfrage halten, werden wir schon welche
bekommen,“ meinte die eine. „Aber dann wird unser Geheimnis leicht
ausgeplaudert,“ sagte eine andere.
Als man so eine Weile beraten hatte, ließ sich Elise Schönlein
vernehmen; in ihrem gewohnten, gleichgültigen Ton sagte sie: „Die Büsten
könnt ihr von mir haben.“ „Von dir? Welche? Rückert? Uhland?“ So fragten
die verschiedenen Gruppen durcheinander.
„Mir ist’s gleich, welche ihr wollt.“ „Ach,“ sagte Ottilie
geringschätzig, „die weiß wieder nicht, was man eine Büste heißt.“ „Wenn
ihr sie nicht wollt, braucht ihr sie ja nicht zu nehmen,“ entgegnete
Elise empfindlich. „Doch, doch,“ beschwichtigte Gretchen, „es wäre ja
reizend, wenn du sie verschaffen könntest; wie sehen denn deine Büsten
aus?“
„Wie werden sie aussehen? Füß’ haben sie nicht, aber Köpf!“
„Wie groß?“ „In drei Größen könnt ihr sie haben, zu 15 Zentimeter, zu 30
und zu 50, vom Sockel an gerechnet, weiß oder bronziert.“ Bei diesen
fachmännisch genauen Angaben horchten alle erstaunt auf und Ottiliens
spöttische Bemerkungen verstummten. Fräulein Bertrand wollte nun wissen,
wie Elise zu diesen Büsten käme.
„Mein Onkel hat sie alle in seinem Laden und verleiht sie. Wer eine
zerbricht, muß sie eben bezahlen, aber mit Rabatt sind sie nicht teuer.“
„Vielleicht könntet ihr die fünf Büsten zu billigem Preis bekommen und
Fräulein von Zimmern zur Erinnerung verehren. Wie hübsch würden sie sich
auf dem Bücherschrank ausnehmen!“ Dieser Vorschlag von Fräulein Bertrand
wurde von allen begeistert aufgenommen. Sie wollten heute noch ihre
Eltern um Erlaubnis bitten. Elise wurde nun mit Fragen über Preis und
Größe bestürmt und zum erstenmal in all ihren Schuljahren war _sie_ der
Mittelpunkt, die Hauptperson.
Auch Pfarrer Kern wurde noch einmal zu Rat gezogen. Wie und wann sollte
man Fräulein von Zimmern um die Extrastunde bitten und wie sollte man
das Gelernte hersagen? Er riet, nicht bis zu den letzten Schultagen zu
warten, wo Fräulein von Zimmern durch die Ausstellung der Handarbeiten
mehr als sonst zu tun habe. Es wurde beschlossen, ihr am Samstag den
Plan mitzuteilen und ihr zugleich ein Verzeichnis zu überreichen von
allem, was ihr zu Ehren gelernt worden war. So fertigte denn jede Gruppe
eine Liste aus, und Gretchen und Elise erfuhren zu ihrer Überraschung,
daß Ottilie als besonderes Glanzstück noch ein paar Seiten aus dem
„Abfall der Niederlande“ aufzuweisen hatte. – Nicht ohne Aufregung
erwarteten die Mädchen am Samstag um elf Uhr Fräulein von Zimmern zu der
gewohnten Literaturstunde. Ottilie war zur Sprecherin gewählt, denn alle
wußten, daß sie dies Vorrecht erwartete. Als sich die Vorsteherin an
ihren gewohnten Platz gesetzt hatte, sahen die Schülerinnen nicht wie
sonst auf sie, sondern alle Blicke richteten sich erwartungsvoll auf
Ottilie. Diese stand auf und errötend vor Fräulein von Zimmerns
erstauntem Blick begann sie ihre kleine Ansprache: „Wir Schülerinnen der
Oberklasse möchten Ihnen am Schluß unserer Schulzeit eine Freude machen,
und da wir nichts Besseres wußten, haben wir uns in den letzten Wochen
bemüht, unsere Literatur-Kenntnisse zu erweitern. Wir haben uns in fünf
Gruppen geteilt und jede Gruppe hat einen Dichter übernommen, seine
Biographie und seine Werke gelernt. Wir möchten Sie nun bitten, uns
einen Nachmittag zu bestimmen, an dem wir Ihnen das Gelernte hersagen
dürfen.“
Fünfzehn Augenpaare waren während dieser kleinen Rede auf Fräulein von
Zimmern gerichtet. Die sichtliche Überraschung und der freudige Ausdruck
auf den Zügen der Vorsteherin ließen deutlich erkennen, daß ihr der Plan
nicht vorher verraten war und daß die Mädchen getroffen hatten, was so
recht nach ihrem Sinn war. „Es freut mich herzlich,“ sagte sie bewegt,
„daß ihr mir zum Abschied noch solch eine Überraschung bereiten wollt,
und ihr hättet euch gar nichts Schöneres ausdenken können. Ich bin sehr
begierig, was ich zu hören bekommen werde.“ Die Mädchen überreichten
ihre Verzeichnisse.
Fräulein von Zimmern durchlas sie aufmerksam. „Lauter Stücke, die wir
noch nie in der Schule gelernt haben? Sogar Prosa? Das ist ja eine ganz
außergewöhnliche Leistung!“ Gretchens Gewissenhaftigkeit rührte sich.
„Nicht jede aus der Gruppe kann alles, was von ihrem Dichter verzeichnet
ist,“ sagte sie.
„Ich verstehe wohl, das wäre auch neben eurer andern Arbeit gar nicht
möglich gewesen zu lernen. Die Gruppe ist als _eine_ Person zu
betrachten, nicht wahr?“
„Ja, ja,“ sagte Gretchen, „und nicht wahr, wenn Sie uns ausfragen, dann
fragen Sie nicht die einzelne, sondern bloß die Gruppe?“
„Du brauchst unsere Sache nicht so herunterzudrücken,“ sagte Ottilie
halb im Scherz, aber doch ein wenig ärgerlich, „es haben doch alle die
ganze Biographie gelernt.“
„Ja, aber nur für ein Drittel kann jede einstehen.“
„Das darfst du nicht so betonen,“ sagte Fräulein von Zimmern lächelnd,
„sonst bekommst du böse Blicke von da und dort! Nun wollen wir uns
gleich wegen des Tags besprechen.“
Der nächste Mittwoch Nachmittag wurde bestimmt, um drei Uhr sollte die
freiwillige Literaturstunde beginnen.
Das war nun noch ein eifriges Lernen und Repetieren daheim, ein Sorgen
und Beraten in der Schule!
Am Montag abend hatte Gretchen eben ihre Bücher weggelegt mit der
Empfindung, daß sie für diesen Tag das Lernen satt habe, als unerwartet
Ottilie zu ihr kam. „Gretchen,“ sagte sie, „du weißt ja, daß ich mehr
als du und viel mehr als Elise zu lernen übernommen habe. Aber jetzt
habe ich wieder Kopfweh, und wenn ich noch weiter lerne, wird’s immer
ärger. Jetzt möchte ich dich bitten, daß du noch ein Stück von meinem
Teil übernimmst.“
„Jetzt kann ich doch nichts Neues mehr dazu lernen,“ entgegnete
Gretchen, „du hast gar zu viel übernommen, laß doch weg, was du nicht
mehr zustande bringst.“
„Das kann ich doch nicht, es ist ja schon auf dem Verzeichnis, das wir
Fräulein von Zimmern übergeben haben.“
„Was ist es denn?“
„Die Teilung der Erde.“
„Das ist ein schweres Gedicht!“ sagte Gretchen sehr bedenklich.
„Aber nicht lang,“ entgegnete Ottilie; „stelle dir nur vor, wie es
werden soll, wenn Fräulein von Zimmern sagt: ‚Nun möchte ich die Teilung
der Erde hören,‘ und sie fragt gewiß danach, ich weiß, sie hat es gern.
Sollen wir dann verstummen?“
„Nein; dann sagen wir: mit dem sind wir nicht mehr fertig geworden. Es
ist ja alles freiwillig!“
„Nein, Gretchen, das können wir wirklich nicht sagen, es wäre eine
Schande vor allen Gruppen! Kannst du’s denn nicht noch lernen? Du lernst
doch so leicht und hast nie Kopfweh. Wenn du es nicht übernimmst, dann
läßt es mir keine Ruhe, dann zwinge ich mich dazu und lerne die halbe
Nacht durch und bekomme rasend Kopfweh.“
„Unsinn, Ottilie, so darf man’s doch nicht machen! Ich will es ja
lernen, wenn dir gar so viel daran liegt. Aber dann muß ich jetzt gleich
anfangen, denn morgen habe ich noch mit Elise zu repetieren.“
„Ach, laß doch die fallen, die bringt doch nichts zustande.“
„Meinst du? Du wirst staunen über sie und Fräulein von Zimmern wird sich
über sie vielleicht am allermeisten freuen.“
Ottilie ging und Gretchen nahm ein wenig grollend ihren Schiller. Sie
hatte geglaubt, fertig zu sein, und nun ging das Lernen noch einmal von
vornen an!
Am Mittwoch nachmittag, schon bald nach zwei Uhr, versammelten sich die
Großen in ihrem Schulzimmer. Fräulein Bertrand, die versprochen hatte,
ihnen beim Herrichten zu helfen, fand sich pünktlich ein. Elise hatte
die Büsten richtig herbeigeschafft, Blattpflanzen und Efeuranken waren
zur Stelle, und nun wußte Fräulein Bertrand auf fünf Tischchen die Sache
sehr nett herzurichten und die Mädchen anmutig zu gruppieren. Der große
Schultisch war hinausgetragen und für Fräulein von Zimmern ein Sessel so
aufgestellt worden, daß sie alle Gruppen im Halbkreis um sich hatte.
Als um drei Uhr die Vorsteherin eintrat, war sie höchst überrascht von
dem unerwarteten Anblick. Das Zimmer mit dem vielen Grün, den
geschmückten Büsten und den hellgekleideten Mädchen sah ganz verwandelt
aus. Fräulein Bertrand forderte die Vorsteherin auf, Platz zu nehmen,
stellte ihr die Gruppen vor, und bat sie, den Vertreterinnen der Dichter
Gelegenheit zu geben, ihre Meister vorzuführen.
Die Mädchen hatten nicht anders erwartet, als daß Fräulein von Zimmern
eine Gruppe nach der andern schulmäßig abfragen würde. Nun war die Reihe
an ihnen, überrascht zu werden. Fräulein von Zimmern hatte sich mit
Hilfe des Verzeichnisses ihren Plan gemacht. Ihre erste Frage galt der
Kindheit Goethes. Nachdem ihr davon berichtet worden war, wandte sie
sich an eine andere Gruppe mit der Frage: „Ist euer Dichter auch in so
guten äußeren Verhältnissen aufgewachsen?“ und so wußte sie immer die
Gruppen zu verbinden, Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten hervorzuheben.
Auf diese Weise gewann das, was die Mädchen in den letzten Wochen fast
zum Überdruß gehört hatten, wieder neuen Reiz für sie. Fräulein von
Zimmern war bei diesem ihrem Lieblingsfach immer im Eifer, heute aber
noch viel mehr als sonst, und keinen Augenblick schien sie zu vergessen,
daß all dieses Wissen freiwillig ihr zuliebe erworben war. Sie sprach
immer wieder ihre Freude aus. Ottiliens Stück aus dem „Abfall der
Niederlande“ war die schwierigste Leistung und ging glänzend. Elise
hatte schon drei Gedichte fehlerlos hergesagt, worüber Gretchen stolz
war wie eine Mutter über ihr Kind. Nun wollte Fräulein von Zimmern das
Gedicht hören, in dem Schiller sich über die Dichter ausspricht: Die
Teilung der Erde. Ein rascher Blick wurde zwischen Ottilie und Gretchen
gewechselt, dann fing diese frisch an zu deklamieren: „Nehmt hin die
Welt, rief Zeus.“ Im vierten Vers gab es eine kleine Stockung, aber
Gretchen fand sich wieder zurecht. Aber im fünften Vers nach der
traurigen Frage des Poeten: „Soll ich denn allein von allen vergessen
sein?“ da blieb die Antwort aus. Gretchen wußte nicht weiter. Noch
einmal wiederholte sie die Frage, recht kläglich: „Soll ich denn allein
von allen vergessen sein?“ Es entstand eine peinliche Pause. Keine der
Schülerinnen war so vorsichtig gewesen, ihr Buch mitzubringen, keine
konnte nachhelfen.
Da sagte Fräulein von Zimmern freundlich: „Dem armen Poeten können wir
im Augenblick nicht helfen; wollen wir einmal hören, was Uhland über die
Dichter sagt.“ So kamen wieder andere an die Reihe, der peinliche
Eindruck war bald verwischt, alles ging glatt, und Fräulein von Zimmern
erklärte am Schluß, daß ihre Erwartungen weit übertroffen seien. Stolz
und glücklich verließen die Mädchen ihre Tischchen und überreichten ihre
Büsten zur Erinnerung an diesen Nachmittag.
Und Ottilie holte ihr fein gesticktes Deckchen herbei, breitete es zur
Überraschung aller, außer Gretchen, über ein Tischchen und bat Fräulein
von Zimmern, es als Andenken anzunehmen. Diese schöne Arbeit wurde
gebührend bewundert und Ottilie stand auf der Höhe, sie hatte sich heute
ausgezeichnet. Dennoch war sie nicht so fröhlicher Stimmung, wie man
hätte erwarten können. Sie war überzeugt, Gretchen würde eine
Gelegenheit suchen, um Fräulein von Zimmern zu sagen, wer eigentlich
schuld war an dem schlecht gelernten Gedicht. So beobachtete sie mit
Mißtrauen Gretchen, so oft sich diese Fräulein von Zimmern näherte. Aber
Gretchen hatte ihr Mißgeschick schon verschmerzt, Fräulein von Zimmern
war ja sichtlich zufrieden, ja mehr als das, somit war ja die Sache aufs
schönste gelungen.
Fräulein von Zimmern hatte mit jeder der Schülerinnen besonders
gesprochen, und nun erbat sie sich einen Augenblick Stille, da sie etwas
mitzuteilen habe. Die Mädchen horchten. „Ich denke mir,“ sprach die
Vorsteherin, „daß es euch allen heiß geworden ist bei diesen Leistungen
und ich möchte euch alle zu einer kleinen Erfrischung in mein Zimmer
laden. Wollt ihr, nachdem ihr hier ein wenig Ordnung gemacht habt, zu
mir herunterkommen?“ Freudig und einstimmig wurde die unerwartete
Einladung angenommen.
Fräulein von Zimmern verließ die Klasse, die Mädchen machten sich eilig
daran, aufzuräumen.
Nach einer halben Stunde saß die ganze junge Gesellschaft in gehobener
Stimmung um einen Tisch, auf dem eine stattliche Torte stand. Fräulein
von Zimmern füllte kleine Kelchgläser mit köstlichem Himbeersaft und
reichte sie den Mädchen herum, denen es ganz merkwürdig vorkam, von der
Vorsteherin bedient zu werden. Ja, die Schulzeit ging stark zur Neige,
deutlich kam es jetzt den Schülerinnen zum Bewußtsein. Fräulein von
Zimmern ließ die fünf Dichter und ihre wackeren Vertreterinnen leben,
und das Gespräch wurde bald lebhaft; die Mädchen erzählten, wie der
Pfarrer sie auf diesen Plan gebracht hatte, und auch die kleine
Täuschung mit den französischen Spielen wurde eingestanden.
„Wie ist’s wohl gekommen, daß dich heute dein sonst so treues Gedächtnis
im Stich gelassen hat?“ Mit diesen Worten wandte sich Fräulein von
Zimmern an Gretchen. Ottilie wurde dunkelrot – nun mußte die Aufklärung
kommen und sie blamiert dastehen. Gretchens Art war es nicht, eine Frage
ausweichend zu beantworten, auch war sie der Meinung, daß jetzt, nachdem
die ganze Überraschung so schön gelungen war, alles Vorhergegangene
offen erzählt werden könne. Schon hatte sie das Wort auf der Zunge, als
sie dem ängstlichen Blick Ottiliens begegnete, der ihr klar machte, was
diese fürchtete. Einen Augenblick besann sie sich, dann antwortete sie
gutmütig: „Ich habe das Gedicht erst vorgestern angefangen zu lernen,
und das war zu spät. Es ist mir recht leid, daß ich unsern Schiller so
schlecht vertreten habe!“ Nach dieser Antwort entstand eine kleine
Stille, Gretchen wußte nicht recht warum. Hermine und die meisten der
Mädchen blickten erwartungsvoll auf Ottilie, aber diese schwieg. „Ich
weiß übrigens jetzt die Antwort für den armen Poeten,“ fuhr Gretchen
fort, „darf ich den Schluß noch hersagen?“
Sie hatte kaum die letzten Worte des Gedichtes gesprochen, als Ottilie
anfing, von der Handarbeitsausstellung zu sprechen. Ihr lag es daran,
das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken, und es gelang ihr.
„Wenn ich nur in dieser Woche noch die zweite Nachtjacke fertig
brächte,“ sagte Gretchen, „damit ich bei der Ausstellung meine erste
damit bedecken könnte, denn die sieht oben schrecklich aus; bei meiner
zweiten hingegen ist das obere Knopfloch so wunderbar schön geraten;
wenn Sie es sehen, Fräulein von Zimmern, werden Sie kaum glauben, daß
ich es gemacht habe, es könnte wirklich von Ottilie sein.“ Ottilie sah
nachdenklich auf Gretchen. Wie konnte diese so neidlos anderer Leute
Vorzüge anerkennen!
Sehr befriedigt von diesem Nachmittag verabschiedeten sich die Mädchen
von der Vorsteherin. Jeder einzelnen sprach sie noch einmal Dank oder
Freude aus. Als Elise sich mit ihrem gewohnten, gleichgültigen Gruß
entfernen wollte, faßte Fräulein von Zimmern sie bei der Hand und sagte:
„Es ist mir ja ganz leid, daß ich dich gerade jetzt als Schülerin
verlieren soll, wo du so fleißig gelernt hast. Richte deinen Eltern aus,
daß du dich heute mit Lorbeeren bedeckt habest.“ Elise erwiderte ganz
ruhig: „Gretchen Reinwald hat mit mir gelernt, sonst hätte ich wieder
nichts gekonnt.“ Gretchen hatte davon nichts gehört, als sie aber die
Hand zum Abschied reichte, sagte Fräulein von Zimmern leise zu ihr: „Laß
dich’s nicht bekümmern, daß du ein Gedicht nicht gekonnt hast, du weißt
ja: gut _sein_ ist mir immer wichtiger, als gut _können_!“ Diese
freundlichen Worte machten, daß diejenige, deren Leistung am wenigsten
gelungen war, fröhlichen Herzens ihre Straße zog, während die, welche
sich vor allen ausgezeichnet hatte, bedrückt und verstimmt nach Hause
ging in dem Gefühl, nicht ehrenhaft gehandelt zu haben.
Dieser Tag sollte für Gretchen besonders schön ausklingen, denn am
Nachmittag war der Forstrat dagewesen, und Frau Reinwald hatte alles mit
ihm besprochen, so daß der schöne Plan der Ferienreise mit Ruth gleich
am ersten Vakanztag zur Ausführung kommen konnte. Der Arzt hatte auch
Ruths Mutter zu einer Reise überredet, sie wollte in einer
Nervenheilanstalt Genesung suchen, während ihr Töchterchen in fröhlicher
Umgebung zu kräftigerem Leben erstarken sollte.
Ja, das war eine beglückende Aussicht für Gretchen, aber wie ein Berg
lag noch dazwischen die unvollendete Handarbeit, die Ausstellung in der
Schule!
Am Freitag Nachmittag war die letzte Arbeitsstunde, da wollte Gretchen
fertig werden um jeden Preis. Von Montag bis Mittwoch wollte Fräulein
Weber die Arbeiten unten im großen Zeichensaal ausstellen. Die meisten
Schülerinnen hatten ihre Arbeiten schon abgeliefert, hübsch mit roten
Bändchen gebunden lagen sie bereit. Gretchen arbeitete, daß ihr die
Wangen glühten, sie nahm sich in ihrem Eifer nicht einmal die Zeit,
Fräulein Weber ihre Arbeit zu zeigen, als sie den zweiten Ärmel einnähen
wollte. Nur vorwärts, vorwärts! Und nun war die Stunde aus, aber auch
der Ärmel war eingenäht. „Fertig!“ jubelte Gretchen und hob
triumphierend ihre Nachtjacke in die Höhe. Sie strich mit der Hand
darüber hin, der Ärmel wollte sich nicht recht hinunterlegen. „Was hat
er denn?“ rief Gretchen, „warum starrt er so kurios hinaus!“ Mit
mißtrauischen Blicken besah sie ihr Werk.
Fräulein Weber warf nur einen Blick darauf und rief aus: „Aber Gretchen,
was ist das wieder! Der Ärmel ist ja verkehrt hineingesetzt, die obere
Seite sitzt unten! Hättest du es mir doch vorher gezeigt.“ Die
allgemeine Teilnahme wandte sich nun Gretchen zu. „O Fräulein Weber,“
bat Hermine, „lassen Sie doch Gretchen die Arbeit mit heimnehmen und zu
Hause fertig machen, es ist ja die allerletzte Arbeitsstunde!“
„Das kann ich nicht erlauben, es ist ganz gegen die Regel; die beiden
andern, die auch nicht fertig sind, würden dann dasselbe Recht
beanspruchen. Das siehst du selbst ein, Gretchen, nicht wahr?“ Diese
nickte nur und packte ganz ergeben ihre Arbeit zusammen. Wehmütig sah
sie noch einmal auf das Knopfloch, das so schön geraten war, und zeigte
es den teilnehmenden Freundinnen, die ihr die Bewunderung nicht
versagten.
Daheim erzählte Gretchen den Eltern ihr Mißgeschick. „Ich habe eben
immer Unglück mit der Handarbeit,“ schloß sie.
„So, das nennt man Unglück?“ sagte Herr Reinwald, „das werde ich mir
merken. Wenn ich den nächsten Erlaß für die Regierung ausarbeite, werde
ich mir’s leicht machen. Fällt er dann so verkehrt aus wie dein Ärmel,
so sage ich zum Herrn Regierungspräsidenten: ‚Ich habe eben immer
Unglück mit den Erlassen.‘ Dann wird mich der Herr Präsident ganz lieb
trösten, denn mit dem Unglücklichen soll man doch Mitleid haben.“
Gretchen lachte: „Ach Vater, das ist doch etwas anderes!“
„Jedenfalls ist’s recht bequem,“ entgegnete Herr Reinwald, „wenn man
sein Ungeschick Unglück nennt. Man schiebt damit ganz sachte die Schuld
von sich weg auf ein Verhängnis.“ „Du hättest Fräulein Weber deine
Arbeit rechtzeitig zeigen sollen,“ sagte Frau Reinwald, „übrigens ein
wenig Unglück ist doch dabei,“ bemerkte sie lächelnd zu ihrem Mann, „sie
hätte ja auch zufällig die richtige Seite des Ärmels erwischen können.“
„Mag sein, daß ein Unterschied zwischen einem Ärmel und einem
Regierungserlaß besteht,“ gab Herr Reinwald zu.
Während sich Gretchen im Geist mit ihrer unglückseligen Nachtjacke
beschäftigte, ging mit dieser eine Verwandlung vor. Gretchen war gleich
nach der Arbeitsstunde heimgegangen, Ottilie hingegen hatte gezögert,
und ohne daß es bemerkt wurde, war sie in der Schule zurückgeblieben. Es
war vier Uhr. Sie wartete, bis alle Klassen leer waren, und beobachtete
von der Treppe aus, daß sich Fräulein von Zimmern in den Zeichensaal
begab, wo schon die Tische gestellt waren, auf denen am nächsten Tag die
Arbeiten hingerichtet werden sollten. Erstaunt sah Fräulein von Zimmern
auf, als nun Ottilie zu ihr trat. „Fräulein von Zimmern,“ sagte sie,
„Gretchen Reinwald ist nicht fertig geworden mit ihrer Arbeit.“
„Ich weiß es, Fräulein Weber hat es mir erzählt.“
„Ich würde sie gerne fertig machen,“ sagte Ottilie in sichtlicher
Verlegenheit. Es war ihr etwas ganz Ungewohntes, eine Gefälligkeit
anzubieten, sie fühlte, daß es Fräulein von Zimmern auffallen mußte.
„Warum möchtest du das?“ fragte Fräulein von Zimmern und sah Ottilie
scharf an. „Weil ich ihr auch einmal gern einen Gefallen tun würde,“ war
die leise Antwort.
„Das ist schön von dir, Ottilie, aber du weißt, daß es gegen meine
Grundsätze ist; sie kann das nicht als ihre Arbeit ausstellen, was sie
nicht ganz und gar selbst gemacht hat!“
„Wenn die Nachtjacke gelegt ist, sieht man ja nur die Vorderseite, die
Gretchen ganz allein gearbeitet hat.“ Fräulein von Zimmern überlegte:
„Es ist mir leid, es kann nicht sein.“ Ottilie schwieg. Sie kämpfte
einen harten Kampf mit ihrem Hochmut; endlich sagte sie bittend: „O,
Fräulein von Zimmern, machen Sie heute eine Ausnahme! Ich bin so in
Gretchens Schuld, eigentlich schon so lange wir in die Schule gehen. Sie
war bis zuletzt so gut gegen mich, erst neulich wieder bei unserer
Literaturstunde. Wir kommen außer der Schule nicht zusammen; wenn ich
jetzt nicht noch gut machen kann, was ich versäumt habe, dann kann ich’s
vielleicht im ganzen Leben nimmer!“