Fröhlich ging das Gespräch hin und her, der Kutscher Bauer hatte

inzwischen Wein eingeschenkt und der Pfarrer erhob sich jetzt und sagte,

er müsse sich verabschieden. Aber in demselben Augenblick wurde die Türe

aufgerissen und die Buben, die den Kuchen zur Base getragen hatten,

stürzten herein mit dem Ruf: „Die Bas stirbt!“

In wenigen Minuten war die ganze fröhliche Gesellschaft

auseinandergesprengt. Zuerst ging der Kutscher Bauer, ohne ein Wort zu

sagen, hinaus. Man sah ihn durch den Hof eilen, die drei Kinder folgten

ihm. Der Pfarrer erbot sich, mit Lene hinaufzugehen zu der Base. „Bleib

du so lange bei dem Kind, Gretchen,“ bat Lene. „Ja, sei nur ganz ruhig,“

antwortete diese, „ich gehe nicht fort, ehe du wiederkommst.“ Der

Hofkutscher und seine Frau verabschiedeten sich von Gretchen; er trank

ordnungshalber noch die halbvollen Gläser aus und das Ehepaar verließ

das Haus.

So blieb Gretchen ganz allein zurück. Es hat etwas Erschütterndes, wenn

die Botschaft vom Tode plötzlich eindringt in den Kreis fröhlich

feiernder Menschen, und so war auch Gretchen tief ergriffen. Sie stand

in Gedanken versunken am Fenster und sah durch den Hof hinüber nach dem

Haus, wo die alte Frau ihren letzten Kampf auskämpfte.

Eine Weile war alles still im Haus, dann machte mit leisem Stimmchen das

junge Leben seine Ansprüche geltend. Drüben das Erlöschen, hüben das

Erwachen. Das kleine Gretchen fing an zu schreien, und das große

Gretchen ging in die Kammer, in der ihr Patenkind lag. Sie trug es

heraus und wiegte es sanft in den Armen, da gab es sich wieder

zufrieden. Sie setzte sich auf ein Kinderstühlchen, hielt die Kleine im

Schoß und spielte mit ihren winzigen Fingerchen.

„Du mein Gretchen, mein Herzblättchen,“ sagte sie bewegt vor sich hin,

„dich will ich lieb haben, für dich will ich tun, was ich kann.“ Sie

nahm die kleinen Händchen zwischen die ihrigen und sagte leise: „Lieber

Gott, mach uns beide fromm, daß wir beide zu dir in den Himmel kommen.“

Nach einer halben Stunde kam Lene mit verweinten Augen zurück.

„Ist sie wirklich gestorben?“ fragte Gretchen.

„Ach ja, sie ist tot, aber wir sind doch noch zu rechter Zeit gekommen,

sie hat uns alle noch angeschaut und ein paar Worte gesprochen. Der Herr

Pfarrer meinte, es sei wohl ein Herzschlag, der Doktor werde nicht mehr

helfen können. Wir haben aber doch nach ihm geschickt, aber bis er

gekommen ist, war alles vorbei.“

„Es ist doch traurig, daß sie gerade am Tauftag gestorben ist.“

„Ich kann mir schon denken, wie das gekommen ist,“ sagte Lene. „Sie hat

heute morgen zu mir gesagt: ‚Dem Tauftag zu Ehren könntet Ihr mir wohl

ein Schnäpschen holen.‘ Da wollte ich auch nicht Nein sagen und habe es

ihr gebracht. Nachher aber hat sie zu jedem von den Buben ebenso gesagt,

und jeder hat ihr eins geholt und sie hat alles getrunken, und das war

zu viel.“

„Wie schrecklich, so zu sterben!“ sagte Gretchen. „Ach, Lene, ich bin

doch froh, daß sie nicht zu Euch gezogen ist.“

„Und ich bin froh, daß ich es ihr doch noch angeboten habe, und dafür

war sie mir auch dankbar.“ Gretchen entgegnete nichts, aber sie hatte

über diese Dankbarkeit so ihre eignen Gedanken.

„Gretchen, deine Mutter hat mich damals überredet, den Stuhl

hinüberzubringen, und das danke ich ihr. Hätte ich mich nicht um die

arme Person angenommen, so müßte ich mir jetzt bittere Vorwürfe machen.“

Lene drückte ihr Kindchen ans Herz und sah wieder fröhlich aus den

verweinten Augen.

Zwei Tage später waren dieselben Menschen, die heute um die Wiege

gestanden hatten, um den Sarg der alten Frau versammelt.

Siebzehntes Kapitel.

Eine traurige Familie.

In den Pausen zwischen den Schulstunden ging es in diesen Wochen bei

unsern Großen ganz anders zu als früher. Da gab es nur noch _ein_

Gesprächsthema, das waren die fünf auserwählten Dichter und ihre Werke.

Gegenseitig wurde ausgefragt und überhört; es wurde kleinmütig gejammert

von den Verzagten und fröhlich triumphiert von den Siegesgewissen. Es

galten auch keine Freundschaften mehr, sondern nur Gruppen.

Heute, als die Mädchen sich um zehn Uhr auf dem großen Vorplatz

ergingen, faßte Gretchen Hermine am Arm, als diese sich eben wieder zu

ihrer Gruppe gesellen wollte. „Halt einmal, Hermine,“ sagte sie, „so

geht das nicht weiter. Meinst du, ich überließe dich wochenlang ganz

deinem Uhland?“

„Du hast ja dafür deinen Schiller!“

„Jawohl, und ich habe gerade auswendig gelernt, wohin seine Totengebeine

gebracht worden sind. Mit ihm kann ich nicht immerfort umgehen, ich

brauche dich, Hermine, und jetzt komme einmal mit, ich möchte auch

wieder einmal allein mit dir sein,“ und Gretchen zog ungestüm die

Freundin mit sich fort bis an das Ende des Ganges. Dort standen sie nun

miteinander unter dem Fenster.

Hermine legte ihren Arm um Gretchen und sagte: „Ich brauche dich ja noch

viel mehr, als du mich. Meine Gruppe ist ja ganz nett und Elsbeth May

habe ich wirklich lieb, aber so wie du ist keine.“

„Meinst du vielleicht, Ottilie und Elise seien so wie du?“ fragte

Gretchen.

Nach einer kleinen Weile sagte Hermine: „Ich kann mir’s gar nicht

denken, wie das wird, wenn wir nicht mehr miteinander in die Schule

gehen; es ist doch schön gewesen all die Jahre her, daß wir jeden Tag

beisammen waren. Ich weiß noch so gut, wie du zum erstenmal zu uns in

die Schule gekommen bist; weißt du’s auch noch?“

„Jawohl; zuerst hat mir’s gar nicht gefallen, aber du warst gleich gut

gegen mich.“

Hermine wandte sich um, sie hörte hinter sich Schritte. Fräulein von

Zimmern kam auf sie zu. Gütig sah sie auf die Freundinnen, die in

traulicher Umarmung beisammen standen und sie jetzt begrüßten.

„Das ist ein nettes Plätzchen zum Plaudern,“ sagte sie. „Ja,“ erwiderte

Gretchen, „wir haben gerade davon geredet, daß es uns fehlen wird, wenn

wir uns nicht mehr alle Tage in der Schule treffen.“

„Das glaube ich wohl, die Schule ist eine rechte Pflanzstätte für

Freundschaften. Aber wenn die Pflanze durch so viele Jahre hindurch

gepflegt worden ist, dann ist sie festgewurzelt und dauerhaft. Ihr

werdet euch durchs ganze Leben lieb haben, auch wenn ihr nicht mehr so

oft zusammenkommen solltet.“

Gretchen ging’s im letzten Jahr ganz eigentümlich. So oft sie außer den

Stunden mit Fräulein von Zimmern zusammen war, fühlte sie das Bedürfnis,

sich ihr liebevoll zu nähern, und als sie nun die herzlichen Worte

hörte: „Ihr werdet euch immer lieb haben,“ hatte sie das größte

Verlangen, die Hand der Vorsteherin zu fassen und zu sagen: „_Sie_

werden wir auch immer lieb behalten!“ aber es kam ihr doch vor, als ob

sich das Fräulein von Zimmern gegenüber nicht schickte, und so

unterdrückte sie die Bemerkung.

Etwas davon hatten vielleicht ihre Augen verraten, denn Fräulein von

Zimmern ergriff selbst in ungewohnter Traulichkeit Gretchens Hand,

während sie zu ihr sagte: „Ich wollte dir mitteilen, daß ich es für

besser halte, die Lesestunden mit Ruth jetzt aufzugeben. Das Kind leidet

sehr unter der Hitze. Gestern schlief sie während des Unterrichts ein

und heute wurde sie wegen Unwohlseins entschuldigt.“

„Sie sieht auch recht elend aus,“ sagte Gretchen und nahm sich vor, der

Kleinen einen Krankenbesuch zu machen.

Bei ihrer Heimkehr traf sie unter der Haustüre mit dem Briefträger

zusammen; sie erkannte gleich auf dem Brief, den er ihr entgegenhielt,

die Handschrift ihrer Tante, Frau van der Bolten. Vergnügt eilte sie

damit die Treppe hinauf. „Mutter, wo bist du? Ein dicker Brief von der

Tante ist gekommen!“ rief sie. „Endlich hört man wieder etwas von ihr,“

entgegnete Frau Reinwald und las, während Gretchen neben ihr stand und

begierig wartete, bis ihr die Mutter etwas daraus mitteilen würde. Sie

hatte für die ganze Familie das wärmste Interesse, auch enthielten die

Briefe meist irgend eine Notiz über Fräulein Trölopp, obwohl diese nicht

mehr in der Familie weilte.

„Allerlei Neues und schöne Pläne,“ sagte Frau Reinwald, nachdem sie

gelesen hatte. „Denke dir, van der Boltens haben für den ganzen Sommer

ein Häuschen im Gebirg gemietet. Mit Beginn der Ferien sollen

einstweilen die Kinder alle hinaus und von Fräulein Trölopp bemuttert

werden, bis nach ein paar Wochen Onkel und Tante nachkommen.“

„Wie nett,“ sagte Gretchen, „daß wieder Fräulein Trölopp dabei sein

wird, und diesmal bekommt sie es angenehmer als im Winter während des

Scharlachs!“

„Ja, gewiß; doch ist es auch nichts Leichtes, die Verantwortung für

fremde Kinder allein zu übernehmen!“

„Besonders, wenn Oskar dabei ist; aber sie wird schon fertig mit ihm,

überhaupt mit allem, was sie unternimmt!“ sagte Gretchen in voller

Bewunderung.

Am Nachmittag trat sie die Wanderung an zu Ruth Holland. Nie mehr war

sie dort gewesen seit jenem Tag, da sie sich entschuldigen mußte wegen

der Ohrfeige, und die Erinnerung kam ihr lebhaft, als sie in das Haus

trat und an der Kanzlei vorbei hinauf zu der Wohnung ging. Auch diesmal

wurde sie wieder in das kleine Empfangszimmer geführt, auch heute kam

ihr die Frau Forstrat entgegen. Sie sah etwas befremdet auf Gretchen,

sie erkannte sie wohl nicht mehr. Gretchen stellte sich vor. „O, ich

kenne Sie schon,“ rief die Frau Forstrat, „aber es wäre nicht nötig

gewesen, daß Fräulein von Zimmern Sie geschickt hätte! Wenn das Kind

nicht wirklich krank wäre, hätte es die Schule nicht versäumt. Sagen Sie

nur Fräulein von Zimmern, ein solches Mißtrauen wäre bei uns nicht am

Platz.“ Gretchen war sehr erstaunt über diese Auffassung. „Fräulein von

Zimmern schickt mich gar nicht,“ sagte sie; „ich wollte mich selbst gern

nach Ruth erkundigen und sie ein wenig besuchen.“

„Ich weiß schon, so sagt man ja wohl, aber es ist doch anders gemeint.

Ruth ist recht krank, keine Schulkrankheit, nein gewiß nicht, richten

Sie das nur Fräulein von Zimmern aus.“

„Darf ich ein wenig zu ihr hinein?“

„Nein, Fräulein, Sie müssen es mir schon so glauben. Der Arzt hat nicht

erlaubt, daß jemand zu ihr kommt, kein Mensch darf zu ihr hinein.“ „Das

tut mir recht leid,“ sagte Gretchen wirklich enttäuscht und wollte sich

eben noch näher nach des Kindes Krankheit erkundigen, da ertönte aus dem

Nebenzimmer der Klang einer Glocke, und ohne ein Wort zu sagen, folgte

Frau Holland dem Glockenzeichen und ließ Gretchen allein. Diese wußte

nicht recht, sollte sie gehen oder bleiben? Vielleicht lag Ruth im

Nebenzimmer, hatte ihre Stimme erkannt und wollte ihr etwas sagen

lassen. Sie wartete. Nach kurzer Zeit kam Frau Holland zurück. „Ruth

möchte Sie sehen,“ sagte sie, „kommen Sie nur herein.“

„Aber Sie sagten doch, es dürfe niemand zu ihr?“

„Wohl, aber die Kleine will Sie gerne sehen.“

„Ich möchte doch lieber nicht zu ihr, wenn es der Arzt ausdrücklich

verboten hat!“

„Wenn das Kind will, kann man doch nichts machen, kommen Sie doch!“

Gretchen weigerte sich nicht länger und folgte in ein Schlafgemach mit

drei Betten, das schlecht gelüftet und nicht aufgeräumt, einen

unangenehmen Eindruck machte. Die Kleine lag blaß und matt in ihrem

Bett, aber bei Gretchens Eintritt setzte sie sich auf und die Erregung

machte ihr rote Bäckchen.

„Wie geht’s dir denn, kleine Maus?“ fragte Gretchen zärtlich. Aber Ruth

konnte nicht zu Wort kommen, die Mutter fing die Frage auf: „Sie liegt

so elend da und mag nichts essen, bloß Kaffee will sie trinken, und der

Arzt sagt doch, es sei Gift für sie. Ich muß ihn ihr immer ganz heimlich

geben, daß es mein Mann nicht sieht.“ Gretchen wußte gar nicht, was sie

darauf sagen sollte. Von zu Hause war sie gewöhnt, daß Vater und Mutter

nichts vor einander verbargen und daß beide taten, was vernünftig und

recht war, nicht was dem Kind beliebte. Sie konnte diese Frau nicht

verstehen, wandte sich an Ruth und erzählte ihr leise von Rudi und

Betty. Die Kleine lauschte auf Gretchens Worte, aber es war nicht

leicht, eine Unterhaltung zu führen, denn Frau Holland begann nun hastig

im Zimmer aufzuräumen, was allerdings nottat.

„Es ist noch nicht gebettet hier innen,“ sagte sie, „ich kam heute

vormittag nicht dazu; mein Dienstmädchen ist nämlich nur so aus dem

Dienst gelaufen, schon die vierte, die es so macht, die Verdingerin

schickt mir absichtlich die schlechtesten.“ Frau Holland begann ihr Bett

zu machen, dicht neben Gretchen. Diese sah erstaunt auf. Die kleine

Patientin fing den Blick auf und verstand. „Mama,“ bat sie, „mach’ doch

das Bett nicht, solange mein Fräulein da ist.“

„Ich will jetzt nicht länger stören,“ sagte Gretchen, denn der

Aufenthalt in diesem Zimmer war ihr peinlich. „Bleiben Sie nur, Ruth muß

doch Unterhaltung haben.“ Sie ließ nun das Betten einstweilen sein, ging

aber ruhelos bald da bald dorthin.

Im Nebenzimmer hörte man Schritte. „Papa kommt,“ rief die Kleine wie

erschreckt. Der Forstrat trat ein, Gretchen ging ihm entgegen und gab

ihm unbefangen die Hand, er war ja ihr guter Freund, hatte ihr selbst

vor dem Fest die Blumen gebracht. Er begrüßte sie auch heute mit

herzlicher Freundlichkeit, aber bald verfinsterte sich sein Ausdruck,

und mit einem Ton, aus dem die tiefste Mißstimmung klang, sagte er zu

seiner Frau: „Diese Unordnung und diese Luft!“ und rasch riß er die

beiden Fenster weit auf. „Das Kind erkältet sich,“ rief die Frau.

„Das Kind geht noch zugrund durch deine Schuld!“ rief der Mann, verließ

das Zimmer und warf die Türe schmetternd hinter sich zu. Die Kleine

erzitterte und drückte ihr Köpfchen wie beschämt in die Kissen. Die Frau

schloß die beiden Fenster und ging, fast ebenso hastig wie der Mann,

nach der andern Seite ab.

Gretchen war ganz erschüttert über dies traurige Familienbild. Sie

beugte sich über das Kind, drückte einen Kuß auf ihr schmales

Gesichtchen und sagte liebevoll: „Komm du nur recht bald wieder zu mir,

du bist mein kleiner Liebling.“

Leise verließ sie das Zimmer, war froh, daß sie niemanden begegnete und

atmete erleichtert auf, als sie sich wieder auf der Straße befand. „Über

diese Schwelle gehe ich so bald nicht wieder,“ sagte sie leise vor sich

hin.

Was sie gesehen und gehört hatte, ging ihr den ganzen Tag nach, und ein

namenloses Mitleid mit der kleinen Ruth preßte ihr fast Tränen aus. Wie

konnte das zarte Pflänzchen in dieser Luft und Pflege gedeihen?

Auch Herr und Frau Reinwald hörten mit Teilnahme diesen Bericht. „Es ist

eine schreckliche Frau,“ sagte Gretchen, „aber daß auch der Mann so

heftig ist vor dem kranken Kind, das er doch so lieb hat, das kann ich

gar nicht begreifen.“

„Der Mann wäre vielleicht gar nicht so geworden ohne diese Frau,“ sagte

Herr Reinwald ernst, „eine Frau, die weder nach Verstand noch nach

Gewissen handelt, die ihr Hauswesen vernachlässigt und ihre Kinder

falsch behandelt, eine solche Frau kann ihren Mann zur Verzweiflung

bringen.“

Während Gretchen an diesem Abend länger als sonst wach im Bett lag und

an die Familie Holland dachte, wurde in aller Stille ein schöner Plan

geschmiedet.

„Wenn Fräulein Trölopp das kleine Mädchen noch neben den andern Kindern

hinaus aufs Land nähme,“ sagte Frau Reinwald zu ihrem Mann, „wie müßte

das dem schwächlichen Kind gut tun!“

„Die Gebirgsluft und die verständige Behandlung könnten da freilich

Gutes wirken. Glaubst du denn, das wäre zu machen?“ fragte Herr

Reinwald.

„An Fräulein Trölopp würde es nicht scheitern, wenn Ruths Eltern für den

Plan zu gewinnen wären.“

„Er sicherlich, sie scheint unberechenbar.“

„Sie muß doch auch einsehen,“ meinte Frau Reinwald, „wie gut für ihr

Töchterchen der Verkehr mit den glücklichen, fröhlichen Kindern wäre.

Ich will doch gleich einmal bei meiner Schwester anfragen. Wie würde

sich Gretchen für die Kleine freuen, es ist mir ganz leid, daß sie in so

traurige Verhältnisse Einblick getan hat.“

Gretchen erfuhr zunächst noch nichts von diesem Plan. Sie hatte keine

Ahnung davon, daß noch am selben Abend ein Brief an ihre Tante abging,

in dem in beweglichen Worten um Aufnahme der kleinen Ruth gebeten wurde.

Die Antwort kam umgehend: Fräulein Trölopp habe sich bereit erklärt, so

viele Kinder aufzunehmen, als für nützlich befunden würde. Herr und Frau

van der Bolten wollten gerne der kleinen Freundin ihrer Kinder diesen

Aufenthalt ermöglichen und frugen an, ob Gretchen sie nicht hinbegleiten

und mit Fräulein Trölopp und den Kindern den schönen Landaufenthalt

genießen wolle?

Dieser Brief kam in Abwesenheit Gretchens an.

„Wie schade, daß sie nicht zu Hause ist,“ sagte Frau Reinwald zu ihrem

Mann, „es ist wirklich eine Freude, Gretchen so etwas mitzuteilen.“

„Demnach willst du die Einladung für sie annehmen?“

„Meinst du nicht?“ fragte Frau Reinwald.

„Das mußt _du_ wissen, ob es für sie paßt,“ entgegnete er.

„Bei Fräulein Trölopp wird sie jedenfalls nichts lernen und sehen, was

nicht nützlich wäre,“ sagte Frau Reinwald lächelnd, „und mit den Kindern

wird sie sich sehr vergnügt im Freien tummeln.“

„Besonders günstig scheint es mir für des Forstrats Kind zu sein, es

wird sich leichter eingewöhnen mit Gretchen. Ich weiß nicht, ob Fräulein

Trölopp sich viel mit Kindern abgibt, die doch zur Zeit ‚unnütze‘

Geschöpfe sind.“

„Ja, es ist für Ruth und Gretchen gleich günstig,“ sagte Frau Reinwald.

„Wie schade, daß diese gerade heute so spät heimkommt, sie will nach der

Schule noch zu Elise Schönlein und mit ihr lernen. Ich kann es gar nicht

erwarten, bis ich ihr den schönen Plan mitteilen kann.“

„Nun auf ein paar Stunden kommt es doch nicht an! Man sieht schon, woher

Gretchen ihre Ungeduld hat,“ sagte neckend Herr Reinwald, indem er

fortging.

Gretchen kam wirklich erst spät am Nachmittag heim, und dann war ihr

erstes Wort zur Mutter: „Ich bin dem Vater begegnet und soll dir sagen,

er habe mir schon alles von dem Brief erzählt.“ Etwas enttäuscht fragte

Frau Reinwald: „Nun, und was sagst du dazu?“ „Ach, so wichtig ist mir’s

nicht, wie der Vater gemeint hat; wenn auch der Buchhändler die

Biographie nicht schickt –“

„Was sprichst du denn von der Biographie, von der ist doch jetzt nicht

die Rede!“

„Nicht? Der Vater hat mir doch von dem Buchhändlersbrief erzählt.“

Frau Reinwald sah Gretchen mit glückverheißendem Lächeln an: „Dann weißt

du freilich noch nicht alles! Es hätte mich doch auch gewundert, wenn

mir der Vater die schöne Neuigkeit weggenommen hätte, er hat mich nur

wieder necken wollen. Gretchen, ich weiß dir etwas ganz anderes als

Buchhändlersnachrichten, da nimm und lies den Brief von der Tante!“

Und nun las Gretchen, und Frau Reinwald verfolgte mit Genuß den Ausdruck

auf ihren Zügen. Zuerst nur Neugierde, dann Staunen, Freude und das

höchste Entzücken!

„Mutter!“ rief sie jetzt, „was hast du da wieder Herrliches ausgesonnen!

Wenn Ruth dorthin darf, muß sie ja ganz aufleben, und wenn ich sie

selbst hinbringen darf und mit für sie sorgen und mit Fräulein Trölopp

zusammenleben und mir von ihr erzählen lassen, Rudi und Betty haben und

auf dem Land, im Gebirg sein – kann so etwas wirklich wahr werden, ist’s

nicht zu herrlich?“

„Warum soll’s nicht wahr werden?“ sagte Frau Reinwald. „Freilich,

Forstrats haben noch keine Ahnung davon, und es wäre ja denkbar, daß sie

nicht einwilligen.“

„Sie _müssen_, da hilft gar nichts, sie müssen! Mutter, wann kann ich

hin? Heute abend noch?“

„Morgen, morgen.“

„O warum nicht gleich?“

„Es ist ja zu spät. Auf ein paar Stunden kommt’s doch nicht an, du

darfst nicht so ungeduldig sein,“ mahnte Frau Reinwald, und Gretchen

wußte nicht, warum sie dabei lächelte. „Ich möchte viel lieber mit Ruths

Vater reden, als mit ihrer Mutter,“ sagte Gretchen, „aber ich kann doch

nicht wieder auf seine Kanzlei.“ Dafür wußte Herr Reinwald Rat, als er

nach jubelnder Begrüßung seitens seiner Tochter beim Abendessen saß.

„Wenn _du_ nicht wohl auf die Kanzlei kannst, so kann ich das doch tun,“

sagte er. „Der Forstrat war ja neulich auch so freundlich, dir an Stelle

seiner Kleinen die Blumen zu bringen.“ Nun war Gretchen voll der besten

Zuversicht. Wenn der Vater selbst die Sache in die Hand nahm, dann mußte

sie ja gelingen!

Er kam auch am nächsten Tag mit gutem Bescheid heim: der Forstrat hatte

sich mit rührender Dankbarkeit über diesen Vorschlag ausgesprochen und

die besten Hoffnungen an diesen Plan geknüpft. Er wollte nun nur noch

mit seiner Frau und dem Arzt darüber reden und dann Antwort bringen.

Diese Antwort wurde am nächsten Tag mit großer Ungeduld von Gretchen

erwartet. Frau Reinwald war allein zu Hause, als der Forstrat kam.

Sie empfing mit freundlicher Teilnahme den Mann, den sie noch nie

gesehen hatte, und von dessen Familienleben sie schon so viel wußte. Er

hatte kaum ihrer Aufforderung, Platz zu nehmen, Folge geleistet, als er

kurz und fast mit rauher Art sagte: „Aus dem schönen Plan wird nichts,

meine Frau will nicht.“ Frau Reinwald sah ihn sehr enttäuscht an. „Aber

warum denn nicht?“ fragte sie in ganz schmerzlichem Ton.

„Warum? Darauf kann ich nichts antworten.“ Frau Reinwald war fast

schüchtern, weiter zu fragen, denn sie merkte dem Mann eine tiefe

Verstimmung an. Einen Augenblick schwieg sie, dann sagte sie zögernd:

„Wir könnten vielleicht Ihre Frau doch für unsern Plan gewinnen, wenn

wir die Gründe wüßten, die sie dagegen einnehmen.“

„Gründe,“ wiederholte der Forstrat mit Bitterkeit, „fragen Sie doch

nicht darnach. Nicht jede Frau handelt nach Gründen. Sie _will_ eben

nicht.“ Bei diesen Worten stand der Forstrat auf und ging aufgeregt im

Zimmer hin und her.

Frau Reinwald hatte das Bedürfnis, etwas Versöhnendes zu sagen. „Ihre

Frau will wohl deshalb nicht, weil sie das zarte Kind nicht Fremden

anvertrauen mag, und das kann ihr jede Mutter nachfühlen.“

Der Forstrat blieb vor ihr stehen, besänftigt durch ihre freundlichen

Worte. „Eine Mutter sollte aber doch tun, was für das Kind so offenbar

gut wäre,“ sagte er.

„Freilich, aber das stellt sie sich vielleicht nicht so vor. Ich meine,

wenn wir ihr recht schildern würden, wie gut es das Kind hätte, dann

würde sie nachgeben. Wenn ich ihr erzählte von dem schönen

Gebirgsaufenthalt, von den fröhlichen Kindern und der vorzüglichen

Pflegerin – soll ich das nicht versuchen?“

„Sie verkehrt nicht mit Fremden, und sie wird Ihren Besuch nicht

annehmen, wenn Sie kommen.“

Frau Reinwald schien erstaunt. „Können Sie nicht verlangen, daß sie mich

empfängt?“ fragte sie.

Der Forstrat blieb eine ganze Weile die Antwort schuldig, dann sprach er

mit gedämpfter Stimme: „Ich sage Ihnen, was ich noch keinem Menschen

gesagt habe: meine Frau ist leidend, ihr Gemüt ist verstört, ihre

Gedanken sind oft nicht klar.“ Da sah Frau Reinwald voll freundlicher

Teilnahme auf zu dem traurigen Mann und entgegnete: „Dann müssen wir

nicht nur für das Kind, sondern auch für die Mutter sorgen! Was meint

Ihr Arzt?“

„Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich keinem Menschen davon gesprochen

habe, auch dem Arzt nicht.“

„Das begreife ich nicht,“ sagte Frau Reinwald, „warum reden Sie nicht

davon? Es ist eine Krankheit wie viele andere, und sehr oft heilbar,

wenn man rechtzeitig etwas dagegen tut.“

„Glauben Sie das im Ernst?“

„Gewiß, ich weiß im Kreis meiner Verwandten und Bekannten mehrere, die

gemütlich erkrankt waren und wieder geheilt wurden.“

„Wie ruhig und einfach Sie das nehmen! Es kommt mir nun selbst verkehrt

vor, daß ich es so in der Stille mit mir herumgetragen habe.“

„Wie schwer müssen Sie darunter gelitten haben,“ sagte Frau Reinwald

teilnahmsvoll.

„Mehr als ich sagen kann,“ entgegnete der Forstrat und trat ans Fenster,

um seiner tiefen Bewegung Meister zu werden. Nach einigen Minuten kehrte

er mit verändertem Ausdruck zu Frau Reinwald zurück: „Ich gehe jetzt.

Ich will heute noch mit dem Arzt sprechen, ich habe vielleicht schon zu

lange gesäumt.“

„Ja, zögern Sie nicht länger,“ sagte Frau Reinwald, „und haben Sie guten

Mut! Jetzt sieht es wohl traurig bei Ihnen aus, aber so Gott will, haben

Sie übers Jahr eine gesunde Frau und Tochter.“ Er drückte dankbar ihre

Hand und ging.

Gretchen erfuhr von dieser Unterredung nur, daß Ruths Mutter ihre

Einwilligung nicht geben wolle. Sie war schmerzlich enttäuscht und

wollte sich gar nicht zufrieden geben. Auch das freundliche Versprechen

der Mutter, daß Gretchen, wenn auch ohne Ruth, doch einige Zeit bei

Fräulein Trölopp und den Kindern zubringen dürfe, konnte sie nicht

fröhlich stimmen. Der Gedanke an die blasse Kleine in der dumpfen

Schlafstube bei den aufgeregten Eltern verfolgte sie, und sie konnte

nicht verschmerzen, daß der schöne Plan ohne triftigen Grund aufgegeben

werden sollte.

Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr: Eine Erzählung für Mädchen von 13-16 Jahren · 第 17 / 19 段