Dies demütige Bekenntnis des sonst so hochmütigen Mädchens besiegte

Fräulein von Zimmerns Bedenken. „Geh, mein Kind,“ sagte sie, „und tue

das, wozu dich dein Gewissen treibt.“ Ottilie ging durch das stille

Schulhaus hinauf bis in den obersten Stock, wo die Kammer lag, in der

die Arbeiten aufbewahrt wurden. Die jüngsten Schulkinder hatten ihre

Strickkörbchen auf dem untersten Fach des großen Ständers, der die ganze

Wand der Kammer einnahm. Auch Ottiliens Körbchen war einst ganz unten

gestanden und war im Lauf der Jahre hinaufgerückt bis in das oberste

Fach, das die Kleinen nicht mit ihren Händchen erreichen konnten. Als

Ottilie so allein in dem stillen Raum war, kam eine weiche Stimmung über

sie. War sie wohl zum letztenmal in ihrem Leben hier?

Sie nahm Gretchens Arbeitskorb mit hinüber in das Schulzimmer und setzte

sich an den grünen Tisch. Es galt nun zuerst wieder aufzutrennen, was

Gretchen eben erst mit so viel Mühe gemacht hatte. Während sie einsam

dasaß, Stich auf Stich auftrennend, blickte sie zurück auf die

verflossenen Schuljahre. Ihr hatten sie viel Aufregung gebracht. Das

ehrgeizige Streben, die Mißgunst gegen die andern, die Feindseligkeiten,

die sie sich durch ihr spöttisches Wesen zugezogen hatte, dies alles

hatte sie zu keiner rechten Ruhe kommen lassen. Und nun dachte sie an

die, deren verunglücktes Werk sie in Händen hielt. Sie konnte sich

Gretchen nicht anders vorstellen, als fröhlich und friedlich, liebevoll

und geliebt, allezeit glücklich trotz manchen Mißgeschicks. Woher kam

der große Unterschied?

Fräulein von Zimmern trat ein, um sich nach der einsamen Näherin

umzusehen. „Kommst du zurecht?“ fragte sie. „Ja,“ sagte Ottilie, „ich

bin noch am Trennen, das geht langsam, aber es geht doch.“ „Wenn wir

alles so leicht wieder rückgängig machen könnten, wie eine verkehrte

Näherei, so wäre es gut, nicht wahr, Ottilie?“ sagte Fräulein von

Zimmern und legte ihr freundlich die Hand auf die Schultern. Ottilie

senkte den Kopf und sagte: „Ich wollte, ich könnte gerade noch einmal

von vornen anfangen, mit dem Strickkörbchen im untersten Fach des

Ständers!“ „Wenn du das sagst, Ottilie, so hast du schon von vorn

angefangen, vom untersten Grund des Herzens aus. Und wenn dich die

Schuljahre nur so weit gebracht haben, daß du dich selbst erkennst und

nach dem Guten strebst, dann sind sie nicht umsonst gewesen.“

Fräulein von Zimmern ging und ließ Ottilie allein. Es war eine gesegnete

Stunde, die das junge Mädchen bei ihrem Liebeswerk zubrachte.

Nun war die Arbeit vollendet, Ottilie legte das Nachtjäckchen hübsch

zusammen und brachte es hinunter in den Zeichensaal, wo sie es der

Vorsteherin übergab. „Nun wollen wir es so einrichten,“ sagte diese,

„daß Gretchen erst in der Ausstellung ihr schönes Werk entdeckt. Vorerst

soll sie der Meinung bleiben, daß nur ihre unschöne Jacke aufliege.“ „O

ja,“ rief Ottilie, „sie wird dann recht überrascht sein, wenn sie die

beiden auf ihrem Platz entdeckt. Niemand kann so strahlen, wie sie, wenn

sie sich freut.“

Fräulein von Zimmern sah Ottilie freundlich an. „Jetzt sehe ich auch an

dir etwas von diesem Strahlen, das aus einem liebevollen, guten Herzen

kommt. Gott behüte dich, Ottilie, und helfe dir weiter.“

* * * * *

Von Montag an stand zu erwarten, daß die Ausstellung fleißig besucht

würde, und so erhielten je vier und vier der Schülerinnen den Auftrag,

stundenweise anwesend zu sein, um die Besucher zu empfangen und auf

etwaige Fragen Antwort zu geben. Die ersten vier unter den Großen hatten

den Anfang zu machen, um zwei Uhr sollten sie sich einfinden.

Gretchen freute sich nicht darauf. „Ich wollte, ich müßte nicht hin,“

sagte sie zu ihrer Mutter, „ich muß mich doch nur schämen wegen meiner

Arbeit.“

„Sie wird vielleicht von niemand genau betrachtet,“ tröstete Frau

Reinwald. „Das wäre gut, Mutter, aber da kommt z. B. alle Jahre Fräulein

Schütze. Auf ihr Urteil gibt Fräulein Weber und auch Fräulein von

Zimmern am allermeisten. Sie wird immer besonders eingeladen. Sie sieht

die Sachen so genau an, daß ihr nicht das Kleinste entgeht und wenn sie

gleich ihr Lob und ihren Tadel mit sanfter Stimme ausspricht, so hören

doch alle darauf.“

„Kennt sie dich denn?“

„Sie hat mich schon öfter ermahnt und weiß längst, daß ich nicht viel

Schönes zustande bringe, aber so gering wie dieses Jahr hat meine Arbeit

in den letzten Jahren nie ausgesehen.“

Als Gretchen in den Saal kam, auf dessen langen Tischen die Arbeiten

aller Klassen ausgestellt lagen, waren Hermine, Ottilie und Elsbeth

schon anwesend, und sie gesellte sich zu ihnen. Fräulein Weber legte

noch da und dort ordnende Hand an, Fräulein von Zimmern ging mit

prüfendem Blick den Tisch entlang. Allmählich kamen einige Damen, Mütter

und Schwestern der Schülerinnen, sie fragten bald nach dieser, bald nach

jener Klasse oder Arbeit, und die Mädchen waren als Führerinnen

beschäftigt.

Und nun erschien Fräulein Schütze.

Sie wurde von Fräulein von Zimmern achtungsvoll begrüßt und von Fräulein

Weber selbst geleitet. Ja, Gretchen hatte recht gesagt, sie prüfte mit

einer Genauigkeit, daß ihr kein Mangel entging, aber sie wußte auch gute

Leistungen zu schätzen und hervorzuheben. Mit Unbehagen sah Gretchen die

gefürchtete Kritik ihrer Arbeit nahen. Sie stand gegenüber von Fräulein

Schütze als Begleiterin einer andern Dame. Jetzt hörte sie halblaut

ihren eigenen Namen, Fräulein Schütze las ihn ab von dem Zettelchen, das

auf der Nachtjacke angebracht war. Gretchen traute ihren Ohren nicht,

als sie nun Fräulein Schütze sagen hörte: „Das ist sehr sorgfältig

gearbeitet, das Knopfloch fadengerade und rein. Ich hätte nicht gedacht,

Fräulein Weber, daß Sie es bei dieser Schülerin so weit bringen würden.

Ist sie wohl hier? Ich denke, es wird sie nicht eitel machen, wenn ich

ihr einmal Lob spende, nachdem ich manches Jahr zu meinem eigenen

Bedauern Ungünstiges über ihr Werk sagen mußte.“ „Da steht sie eben,“

sprach Fräulein Weber lächelnd, und deutete über den Tisch hinüber auf

Gretchen, die mit offenen Augen und Ohren bei dieser Unterhaltung war.

„Ach ja, da ist sie,“ sagte Fräulein Schütze, „wie groß sie geworden

ist. So ist’s recht, liebes Gretchen, machen Sie mit Gottes Hilfe so

weiter.“

Gretchen aber sah sich nach Fräulein von Zimmern um. Diese stand oben an

der langen Tafel. „Entschuldigen Sie,“ sagte Gretchen zu der Dame, die

sie geleiten sollte, „ich komme gleich wieder;“ und eiligst schlüpfte

sie hinter den Besuchern weg. „Fräulein von Zimmern,“ sagte sie

halblaut, „ich weiß gar nicht, wie das zugeht, meine schöne Nachtjacke

ist jetzt doch ausgestellt, obwohl der Ärmel verkehrt darin ist.

Fräulein Schütze hat sie so gelobt, ich kann nichts dafür.“ Da lächelte

Fräulein von Zimmern und sagte: „Du träumst wohl, die Ärmel sind ganz

richtig hineingenäht.“ Gretchen schüttelte energisch den Kopf: „Von mir

aber nicht.“

„Das behaupte ich auch nicht, vielleicht von einer guten Freundin.“

„Von Hermine?“

„Nein, von der, die dort an deinem Platz steht, um zu hören, wie deine

Arbeit gelobt wird, und die jetzt so vergnügt zu uns herübersieht.“

Gretchen blickte hinüber. Hinter Fräulein Schütze stand Ottilie und

schaute gespannt auf Fräulein von Zimmern und Gretchen. Im Nu war diese

bei ihr; sie hätte unbekümmert um alle Anwesenden Ottilie umarmt oder

sie vor Vergnügen und Dankbarkeit im Zimmer herumgewirbelt. Aber Ottilie

war auf ihrer Hut. Sie wollte nicht, daß die Sache hier vor Fremden zur

Sprache kam. Indem sie Gretchen den Finger auf den Mund legte, sagte sie

leise: „Schweig still!“ Aber ein Geflüster gab es doch noch zwischen den

beiden, denn Gretchen wollte wissen, wie das zugegangen war. Sie war

sehr glücklich über diese Wendung der Dinge, am meisten aber über den

unverhofften Freundschaftsbeweis einer Schulkamerädin, die durch so

viele Jahre hindurch gleichgültig, ja beinahe feindselig neben ihr

hergegangen war.

Die Ausstellungstage waren vorüber, zum letztenmal hatte die Oberklasse

drei Stunden an dem grünen Tisch zugebracht. Pfarrer Kern hatte zum

Schluß noch einmal Stunde gegeben und warme Worte zu seinen Schülerinnen

gesprochen. Jetzt verabschiedeten sie sich alle von ihm, von den andern

Lehrern und Fräulein von Zimmern. Bepackt mit vielen Büchern und Heften

überschritten sie zum letztenmal als Schülerinnen die Schwelle des

Schulhauses, mit Wehmut und Freude zugleich. Die Schule lag hinter

ihnen, das Leben, zu dem sie nun ausgerüstet waren, lag vor ihnen.

Unter der Türe ihres Zimmers stand die Vorsteherin mit dem Pfarrer. Sie

hatten den Abziehenden nachgesehen, jetzt war die letzte verschwunden.

„Gott behüte die junge Schar,“ sagte der Pfarrer. Fräulein von Zimmern

schien bewegt. „Ich habe noch nie eine Klasse gehabt,“ sagte sie, „in

der, so wie in dieser, fast alle Schülerinnen vom ersten bis zum letzten

Schuljahr bei mir waren.“ „Und eben deshalb auch keine,“ fügte der

Pfarrer bei, „in der sich so, wie in dieser, gezeigt hat, daß sie nicht

nur Kenntnisse gesammelt haben, sondern auch im Charakter gebildet

worden sind.“

„Die meisten Eltern ahnen gar nichts von diesem Besten, das wir an ihren

Kindern leisten; die Charakterbildung steht nicht auf dem Stundenplan,

sie entzieht sich der Beobachtung.“

„Ja,“ bestätigte der Pfarrer, „die Eltern verlangen sie gar nicht von

uns, sie fordern nur Kenntnisse. Und doch gewährt ein gefestigter

Charakter mehr Bürgschaft für wirkliches Glück, auch im irdischen Leben,

als alles Wissen und natürliche Begabung.“

Der Pfarrer war mit Fräulein von Zimmern in ihr kleines Stübchen

getreten. Auf dem Tisch lag ein großes Buch aufgeschlagen, es zeigte

eine leere Seite. Mit einem Seufzer deutete Fräulein von Zimmern darauf:

„Hier liegt schon das Buch bereit zur Einzeichnung der Schülerinnen, die

sich fürs erste Schuljahr anmelden werden.“ Und der Pfarrer beantwortete

den Seufzer, indem er sagte: „Fangen Sie getrost wieder mit den Neuen

Ihre schwere Arbeit an, es liegt Gottes Segen darauf.“

* * * * *

Der Vorabend von Gretchens Reise ins Gebirg war gekommen. Etwas

verspätet erschien sie beim Essen, Vater und Mutter saßen schon bei

Tisch. „Ich habe noch Abschiedsbesuche gemacht,“ sagte sie

entschuldigend, „sonst käme ich nicht so spät. Ich mußte doch noch nach

Gretchen sehen.“

„Gretchen?“ fragte Herr Reinwald. „Was ist denn das für eine neue

Freundin?“ „Aber Vater,“ entgegnete Gretchen vorwurfsvoll, „mein

Patchen!“ „Ach so, entschuldige nur, daß ich diese wichtige

Persönlichkeit einen Augenblick vergessen konnte! Übrigens möchte ich

doch einen Vorschlag machen. Wenn man einmal soweit ist, daß man sich

eines Patchens rühmen kann und auf ein anderes Menschenkind seinen Namen

übertragen hat, dann sollte man sich nicht mehr ‚Gretchen‘ nennen

lassen, sondern Margarete. Oder willst du immer so ein Miniaturmensch

bleiben, ewig ein Menschchen, nie ein ganzer, voller Mensch?“

„Nein, nein,“ rief Gretchen eifrig, „ein ganzer Mensch möchte ich

werden.“ – „Was meinst _du_?“ fragten fast gleichzeitig Vater und

Tochter die Mutter. „Ich meine, wenn du nun von dieser Reise

zurückkommst, so wäre das gerade der richtige Lebensabschnitt, und bis

dahin könnte ich mich an den Gedanken gewöhnen, daß mein Gretchen der

Vergangenheit angehören soll.“

Am nächsten Morgen trafen sich zwei Väter mit ihren Töchtern an der

Bahn, Herr Reinwald mit Gretchen, der Forstrat mit Ruth. Sie waren

zeitig daran. Gretchen wanderte Hand in Hand mit Ruth und die beiden

malten sich den zu erwartenden Landaufenthalt in goldenen Farben aus.

Auch die beiden Väter, während sie nebeneinander auf und ab gingen,

sahen hoffnungsfroh in die Zukunft. „Meine Frau ist gestern in die

Heilanstalt abgereist,“ sagte der Forstrat, „und der Arzt hofft, daß sie

vollständig wiederhergestellt wird, wenn es auch lange dauern kann.“

„Bei Ihrer Kleinen wird es um so schneller gehen,“ sagte Herr Reinwald,

„sie sieht ja schon ganz rosig aus.“ „Das macht die Freude,“ sagte der

Forstrat.

Einige Minuten später saßen die beiden Mädchen in der Bahn, winkten aus

dem abfahrenden Zug den Zurückbleibenden zum Gruß, und Gretchen hörte

noch ihres Vaters Zuruf: „Auf glückliches Wiedersehen, Margarete!“

Inhalt.

Seite

1. Der erste Schultag 3

2. Lene 15

3. Häusliche Geschäfte 26

4. Die Ringelnatter 34

5. Die Base 40

6. Lehrerin und Schülerin 48

7. Schulstunden 62

8. Ausgeliehen 72

9. Schwierigkeiten 96

10. Heimlichkeiten 117

11. Eine Einladung 152

12. Bei der Königin 175

13. Fräulein Trölopp 192

14. Fragen, Antworten und ihre Folgen 202

15. Eine Gesellschaft 220

16. Wiege und Sarg 232

17. Eine traurige Familie 250

18. Schulschluß 263

Von Agnes Sapper sind erschienen:

Die Familie Pfäffling. Eine deutsche Wintergeschichte. 21.-30.

Tausend. Gebunden M. 3.–.

Agnes Sapper, die nur zu schreiben scheint, wenn sie etwas besonders

Schönes zu erzählen weiß, bietet dieses Jahr eine „Deutsche

Wintergeschichte“ unter dem Titel: „Die Familie Pfäffling“. Auf den

Geist, der dies köstlich erfrischende Buch beseelt, wird ein Satz

der Verfasserin aus der Widmung an ihre greise Mutter das rechte

Schlaglicht werfen: „Du hast uns vor Augen geführt, welcher Segen

die Menschen durchs Leben begleitet, die im großen Geschwisterkreis

und in einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind unter dem Einfluß

von Eltern, die mit Gottvertrauen und fröhlichem Humor zu entbehren

verstanden, was ihnen versagt war.“ Solch Gottvertrauen und Humor,

ernstes Streben und herzerquickende Freude umwehen uns in dem

kinderreichen Hause des schlichten Musiklehrers, der mit seiner Frau

so schwer arbeiten und so vielem entsagen muß, um den Kindern eine

gute Erziehung zu geben. Aber hier erfüllt sich auch das alte Wort:

„Viel Kinder, viel Segen.“ Wer sich eine geruhige, erquickliche

Stunde schaffen will, der lese dies Buch. Es ist keine Erzählung für

Kinder, aber zur Familienlektüre mit der heranwachsenden Jugend

vorzüglich geeignet.

Daheim.

Das kleine Dummerle und andere Erzählungen. Zum Vorlesen im

Familienkreise. 3. Auflage. Geb. M. 3.–.

So herzige Erzählungen aus dem Kinderleben, so lebensvolle und

reizvolle Schilderungen aus dem häuslichen Kreise, rührend und voll

schalkhaftem Scherz, wie die Verfasserin des „ersten Schuljahrs“ sie

schreibt, sind selten. Das Schönste aber, was ich von ihr gelesen zu

haben meine, ist „Das kleine Dummerle“, bei dem es nur schade ist,

daß seine Geschichte so frühe endet. Die elf andern Geschichten sind

teils kurz, teils länger, alle „zum Vorlesen“ im Familienkreis, bei

häuslicher Geselligkeit gedacht. Gerade hiefür ist es geschickt, die

Wahl zwischen langen und kurzen, ernsten und heiteren, sicherlich

aber schönen und anziehenden Erzählungen zu haben.

Ev. Kirchenblatt f. Württ.

Erziehen oder Werdenlassen? 1.-5. Tausend. 326 Seiten. In Leinwand

gebunden M. 4.–.

Das ist das Erquickende an A. Sappers Buch, daß sie bei aller

Würdigung der weiblichen Berufswahl und bei ihrem feinen Verständnis

für jede Eigenart stets das _Familienleben_ in den Mittelpunkt ihrer

Betrachtung stellt. Um diesen Kernpunkt kristallisieren sich Eltern-

und Kinderliebe mit dem Streben nach Wahrheit und Harmonie und dem

Endziel, tüchtige, wahrhaftige, selbständige Menschen heranzubilden,

die sich über uns, die Erzieher, hinaus entwickeln.

Beilage zum „Hamburger Correspondenten“.

Wer die Verfasserin aus der „Familie Pfäffling“ kennt, kann sich

ohne weiteres denken, daß er in diesem Buch nicht etwa eine

langweilige Abhandlung über die Begriffe „Erziehen“ und „Werden

lassen“, überhaupt keine Theorie der Pädagogik finden wird. Vielmehr

bietet diese Schrift den Niederschlag der gesamten _erzieherischen

Erfahrung_, die eine hellblickende Mutter im eigenen und in fremden

Häusern gesammelt und gesichtet hat. Ohne jede Enge und

aufgeschlossen für alles Gute, alt oder neu, läßt sich die

Verfasserin doch von keinem noch so modernen Erziehungsideal

blenden, sondern prüft mit nüchternem Blick die verschiedenen

Grundsätze nach ihren tatsächlichen Früchten in der Kinderstube und

im Menschenleben. Dabei sieht sie, daß _die_ Menschen am tüchtigsten

und glücklichsten sind, die früh gelernt haben, sich zu schicken und

auf andere Rücksicht zu nehmen, und darum zieht sie dem Grundsatz

des „Werdenlassens“ vielfach energische Schranken, so sehr sie auf

der anderen Seite alles Gute frei werden lassen und der reiferen

Jugend eine selbständige Entfaltung gewährleistet wissen möchte. Die

überzeugende Kraft dieses Standpunktes beruht nicht zum mindesten

auf dem reichen Material von _anschaulichen Beispielen_ aus der

Erfahrung, wie sie nur eine Mutter geben kann, die weiß, daß

Erziehung vor allem Kleinarbeit ist, und die darum auch für das

scheinbar Geringfügige einen Blick hat. Während mancher geistvolle

Satz Lhotzkys und anderer den Leser zwar packt, aber praktisch in

Ungewißheit darüber läßt, was nun in einem bestimmten Fall zu tun

ist, liegt der Wert des Sapperschen Buches gerade in dem Gefühl der

Sicherheit, das es durch seine fortwährende Bezugnahme auf die bunte

Mannigfaltigkeit des alltäglichen Lebens verschafft. So wird, wer

seine Pflicht gegenüber den Kindern ernst nimmt, mit Freuden und

Spannung zu diesem Buche greifen und reichen Gewinn davon haben.

Werden und Wachsen. Erlebnisse der großen Pfäfflingskinder. 11.-15.

Tausend. In Leinwand geb. M. 4.–.

Wollen die Leser ein recht erquickliches, lebenswahres und doch

sonnenfrohes Buch lesen, so raten wir ihnen zu Agnes _Sappers_

neuestem Opus: „_Werden und Wachsen_“ usw. Die Jugend der

Pfäfflingskinder hat uns Sapper in der früher erschienenen reizenden

„Familie Pfäffling“ beschrieben und damit viele Menschen ergötzt.

Aber weit darüber steht das vorliegende Buch. Etwas Köstlicheres,

ebenso reich an Humor wie an Lebensweisheit, haben wir selten

gelesen. Die Verfasserin führt uns in kerngesundes, deutsches

Familienleben; obenan steht der rasche, allezeit heitere und

warmempfindende Hausvater, der Musikdirektor Pfäffling, neben ihm

die kluge Hausmutter mit ihrem fraulichen Takt und treumütterlichen

Herzen. Die Kinder wurzeln tief im Familiengeist und der

Familienliebe. Aber nun kommt das spannende Problem: Sie werden groß

und müssen in die Welt hinaus. Jedes Kind hat andere

Lebensneigungen, und daraus entstehen allerlei Elternsorgen. Der

eine Sohn will nach Afrika, der andere kann absolut keinen passenden

Lebenslauf finden, der dritte nimmt sich eine unpraktische

Künstlerin zur Frau. Bei den Töchtern treten die ernsten

Lebensfragen der Verheiratung auf. Und über das alles stirbt mitten

hinein der Vater, und die Mutter steht als Witwe da. Kurz, lauter

Probleme, die fast in jede Familie eindringen und schwere Stunden

hervorrufen. Aber in der Familie Pfäffling lösen sich die Probleme

immer wieder zu hellem Sonnenschein; und ist gar keine Künstelei

dabei. Am Schluß erfahren wir den Hauptgrund: Die Mutter wurzelt im

Vertrauen auf Gott. Aber man muß das Buch selbst lesen. Es verdient

eine Prämie für den heurigen Weihnachtsmarkt.

Ev.-Luth. Kirchenzeitung.

Die groß gewordenen Kinder des Musiklehrers Pfäffling können sich

nach innerem Drang entfalten und sie dürfen einen Beruf wählen, der

ihnen zusagt und Freude bringt, in dem Bewußtsein: du leistest hier

Gutes. Alles Wichtige wird mit der Jugend beraten, nichts erzwungen.

Das Elternpaar, vor allem die zartfühlende und doch kluge Mutter,

steht im Vordergrunde. Den Willen stärken, schwächliche

Sentimentalität niederkämpfen, das ist die nicht ausgesprochene,

aber zwanglos offenbarte Tendenz des Buches, für das man der

Verfasserin viel Dank schuldet.

Schweiz. Mitteilungen über Jugendschriften.

Lieschens Streiche und andere Erzählungen. Mit Bildern von Gertrud

Caspari. Elegant gebunden M. 3.60.

Die Natürlichkeit und Frische der Darstellung, der klare und

herzliche Stil, ohne Übertreibung, weder zur Gefühligkeit noch zur

Trockenheit, macht Eindruck. Wir leben mit den Eltern und Kindern,

welche in den Geschichten vorkommen. Und durch dieses Miterleben

wird dem Leser die moralische oder pädagogische Tatsache, welche der

Verfasserin vorschwebt, ganz von selber mitgeteilt.

Schweiz. Evang. Schulblatt.

Das erste Schuljahr. Eine Erzählung für Kinder von 7 bis 12 Jahren.

4. Auflage. Gebunden M. 1.20.

Selten ist der Ton einer Erzählung so warm und richtig getroffen,

wie im Büchlein „Das erste Schuljahr“. Es ist eine kleine, einfache

Geschichte voller Erlebnisse aus einem Kinderleben, aber so

verständnisvoll mitgeteilt, so ungekünstelt dargestellt, daß es die

kleinen Leser andauernd fesselt.

Haus und Schule.

Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr. Für Mädchen von 12-16 Jahren.

Mit Titelbild. 3. Aufl. Geb. M. 3.–.

Der Verfasserin ist es gelungen, eine reizende, sonnige

Mädchengeschichte zu schreiben. Oberflächlich ist sie nirgends,

immer tritt der ethische Gesichtspunkt, die Wahrhaftigkeit, der

Gehorsam, die Bescheidenheit, hell zutage, ohne aufdringlich zu

werden. Wer die Probe mit seinem Töchterlein machen will, ob ihm die

Geschichte auch „spannend“ genug ist, darf es getrost versuchen. Das

Buch wird die Freude jeder „höheren“ Tochter sein.

Beide Teile in _einem_ Band gebunden:

Gretchen Reinwalds erstes und letztes Schuljahr. 3. Auflage. In

Leinwand M. 4.–.

Für kleine Mädchen. 10 Erzählungen. 2. Auflage. Geb. M. 1.20.

Gruß vom Rigi den Kindern daheim. In farbigem Umschlag M. 1.20.

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere

Änderungen, teilweise unter Verwendung späterer Ausgaben, sind hier

aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 213]:

... antwortete eine der Mädchen ausweichend. ...

... antwortete eines der Mädchen ausweichend. ...

Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr: Eine Erzählung für Mädchen von 13-16 Jahren · 第 19 / 19 段