noch.“
Gretchen war froh, als die Stunde vorüber war, in der es ihr immer
heißer wurde als in allen andern. Langsamer als sonst schlenderte sie
heim durch die heißen Straßen. Als sie später als gewöhnlich nach Hause
kam, sagte Franziska: „Es ist ein Mann im Besuchzimmer, es muß Sie auch
angehen, er hat auch nach Ihnen gefragt.“
„Wie sieht er aus?“
„Groß und breit, ein Vierziger denke ich; schwarz gekleidet, fast wie
ein Herr, aber doch kein Herr, meine ich.“
Als Gretchen ins Zimmer trat, erhob sich der Mann, der kein Herr war,
und Gretchen sagte erstaunt: „Ach, Sie sind’s, Herr Bauer, wie geht es
Lene und der Kleinen?“
„Ich danke für die Nachfrage,“ sagte der Kutscher, „es geht gottlob gut.
Ich habe Ihrer Frau Mutter die Bitte vorgetragen, die ich und meine Frau
haben, ob Sie nicht unserm kleinen Mädel zu Gevatter stehen wollten?“
„Die Mutter? Ach, wie nett!“ rief Gretchen.
„Nein, nicht ich, _du_ bist zu Gevatter gebeten,“ sagte Frau Reinwald.
„Ich?“ rief Gretchen in höchstem Erstaunen, „ich, Patin? Und bei Lenes
herziger Kleinen? O Mutter, das ist zu schön!“ und im Übermaß der Freude
umarmte sie ihre Mutter und frug halb im Scherz und doch halb im Ernst:
„Bist du nicht neidisch auf mich?“ „Fast,“ sagte Frau Reinwald
freundlich, „aber nun gib doch auch deinem Herrn Gevatter ordentlich
Antwort auf seine Anfrage!“ „Ist bereits nicht mehr nötig,“ entgegnete
der Kutscher; „soviel habe ich schon heraus, daß es Fräulein Gretchen
gern tut.“ „O freilich, und wie gern!“ rief Gretchen; „ich kann’s gar
nicht erwarten, bis ich mein Patenkind sehe. Wie soll’s denn heißen?“
„Wenn’s Ihnen recht ist, so möchten wir’s halt auch Gretchen heißen.“
„Ach, das wird ja immer netter; meinen Namen soll die Kleine bekommen!“
„Das ist fast zu viel Ehre für eine so junge Patin wie du,“ sagte Frau
Reinwald; „am Ende haben Sie noch eine ältere Patin, die es übel nimmt.“
„Wir haben weiter keine Patin, nur einen Paten! Lene meint, er werde
Fräulein Gretchen schon recht sein, nämlich der Hofkutscher Plitt.“ „Den
kenne ich ja schon, das wird wunderschön! Wann soll denn die Taufe
sein?“
„Wir haben noch nicht mit dem Pfarrer gesprochen.“
„Welcher Pfarrer ist’s?“ fragte Gretchen begierig; „am Ende unser
Pfarrer Kern?“
„Ich kann’s nicht sagen. Herr Pfarrer Kern gehört schon auch in unsern
Distrikt, aber die Herren wechseln ab mit den Taufen, und da weiß man
nicht so, wer die Woche hat.“
„Das kann ich erfragen, und nicht wahr, dann richten wir’s doch so ein,
daß die Taufe ist, wenn unser Pfarrer die Woche hat?“
„Wenn’s halt nicht gar zu lang dauert. Ich kann’s nicht leiden, so alte
Täuflinge, die fast schon dreinschwätzen.“
„Gleich morgen frage ich und bringe der Lene Antwort,“ rief Gretchen
ganz im Eifer.
Der Kutscher empfahl sich. Zu seiner Frau daheim sagte er: „Ungern genug
bin ich mit meiner Bitte in ein so vornehmes Haus gegangen, aber jetzt
ist mir’s recht, daß ich droben war. Wie hätte ich das auch denken
können, daß sich das Fräulein so über die Patensache freut!“
„Ich hab’ dir’s doch vorher gesagt!“
„Ich hab’s halt nicht geglaubt. Ihr Weiber schwätzt gar viel, da kann
einer nicht alles glauben.“
* * * * *
Am nächsten Morgen ging Gretchen frühzeitig in die Schule. Sie wartete
im Vorplatz des ersten Stocks auf Pfarrer Kern, der in der zweiten
Klasse Unterricht geben sollte. Nach und nach kamen all die Schülerinnen
dieser Klasse an ihr vorbei, als eine der letzten auch Ruth Holland.
Diese war sichtlich erfreut, als sie Gretchen da traf, und grüßte
herzlich.
Gretchen hielt sie auf. „Bleibe bei mir,“ sagte sie, „ich erzähle dir
etwas.“ Und nun erfuhr Ruth zuallererst, daß Gretchen Patin werden
sollte und wegen der Taufe den Pfarrer sprechen müsse. Die Kleine sah
mit noch mehr Achtung als bisher zu ihr auf. „Ich bleibe bei Ihnen
stehen, bis unser Pfarrer die Treppe heraufkommt,“ sagte sie.
Die beiden lehnten am Treppengeländer und sahen hinunter, Gretchen in
wachsender Ungeduld, Ruth in voller Teilnahme. Aber der Pfarrer kam
nicht und war auch jetzt noch nicht in Sicht, als das Zeichen zum Beginn
des Unterrichts gegeben wurde. Miß Hampton, die englische Lehrerin, war
schon längst die Treppe hinaufgegangen; Gretchen konnte nicht mehr
länger zögern, sie mußte unverrichteter Dinge hinaufeilen.
Ruth hatte nicht recht verstanden, was Gretchen mit dem Pfarrer
besprechen wollte; sie fürchtete, daß nun die Taufe und Patenschaft gar
nicht zustande komme, und war ganz unglücklich, daß gerade heute der
Pfarrer später als gewöhnlich kam. Und wie ärgerlich – kaum eine Minute
später hörte sie seinen raschen Tritt auf der Treppe. Im Bewußtsein, daß
sie auch zu spät daran war, ging sie rasch durch den Gang bis an die
Türe des Schulzimmers. Aber vor dieser machte sie Halt. Sollte sie nicht
dem Pfarrer sagen, daß Gretchen ihn so gern gesprochen hätte? Er konnte
es dann gewiß nach der Stunde möglich machen. Den Pfarrer aufzuhalten
und anzusprechen, war ein heldenmütiger Entschluß für die schüchterne
Kleine, aber für ihr Fräulein wollte sie das schon tun. Mit klopfendem
Herzen ging sie dem Pfarrer ein paar Schritte entgegen. Er gab ihr die
Hand und sagte: „Heute sind wir spät daran, nicht wahr?“ Und Ruth? Ruth
sagte kein Wörtchen und ging tiefbetrübt über ihr Schweigen hinter dem
Pfarrer in die Klasse.
Zum Glück war Gretchen nicht so ängstlich. Ein paar Minuten vor Schluß
der englischen Stunde bat sie Miß Hampton, sie zu entlassen, und erhielt
die Erlaubnis. Gretchen lauschte vor der Türe der zweiten Klasse.
„Nun wollen wir Schluß machen für heute,“ hörte sie den Pfarrer sagen,
und kurz darauf stand er vor ihr und sagte freundlich: „Hast du auf mich
gewartet oder wolltest du zu den Kleinen?“
„Ich möchte Sie etwas fragen.“
„Komm mit mir an das Fenster.“
„Ich soll Sie fragen, in welcher Woche Sie die Taufen in der Altstadt
haben. Der Kutscher Bauer und seine Frau möchten gern, daß ihr Kind von
Ihnen getauft wird.“
„Das wollen wir gleich nachsehen.“ Der Pfarrer nahm seinen
Taschenkalender zur Hand. „In der nächsten Woche ist die Reihe an mir.“
„O, das ist recht,“ rief Gretchen, und nun wollte sie erzählen, daß sie
zu Gevatter gebeten sei. Daheim hatte sie sich gefreut, es ihm
mitzuteilen, aber jetzt, da sie ihm gegenüberstand, kam es ihr plötzlich
in den Sinn, daß sie für solche Würde eigentlich zu gering sei. Er, der
solche Verpflichtungen so ernst nahm, konnte es gewiß nicht gut heißen,
wenn man ein Schulmädchen wie sie zu Gevatter bat.
Während sie sich darüber Gedanken machte, hatte der Pfarrer gefragt:
„Kennst du diese Familie?“ und Gretchen hatte ganz mechanisch
geantwortet: „Ich kenne die Familie.“ Der Pfarrer sah seine Schülerin
erstaunt an; er kannte sie ja so genau und merkte wohl, daß sie etwas in
ihren Gedanken bewegte, etwas Peinliches, wie ihm schien. Nun aber sagte
sich Gretchen: Erfahren muß er’s doch, also lieber gleich, und ganz
unvermittelt kam es nun heraus: „Ich bin zu Gevatter gebeten bei dem
Kind.“ „Du, Gretchen?“ fragte der Pfarrer überrascht. „Du sollst Patin
werden, und du sagst mir das, wie wenn es dir gar keine Freude wäre, daß
man dir dies Vertrauen erweist und dir solch ein kleines Menschenkind
ans Herz legen will? Sieh, da hätte ich gedacht, das müßte dir eine
wahre Wonne sein!“ „O, dann ist’s mir gleich eine,“ rief Gretchen wieder
in ihrem natürlichen, fröhlichen Ton. „Ich habe nur Angst gehabt, es
möchte Ihnen nicht recht sein, weil ich noch so jung bin.“
„Du bleibst ja nicht immer jung; bis das kleine Kindchen zu Verstand
kommt, bist du schon kein Kind mehr, und ich glaube ganz gewiß, daß du
ihm eine treue Patin wirst und schon jetzt im Gebet sein kannst. Also
gratuliere ich dir, und nun mußt du mir auch sagen, woher du diese Leute
so gut kennst.“
„Die Frau ist ja unsere Lene, die schon immer bei uns war; Sie haben sie
auch einmal bei uns besucht, wie sie krank war.“
„Ja, ja, deiner Lene kann ich mich wohl noch erinnern, und den Kutscher
Bauer sollte ich auch kennen. Ist Lene nicht seine zweite Frau? Ja, die
erste habe ich während ihres langen Leidens manchmal besucht. Der Mann
war sehr gut gegen sie.“
„Wie schön, daß Sie beide schon kennen!“ rief Gretchen.
„Es war auch eine alte Verwandte im Haus, die schien mir weniger
angenehm.“
„Das ist die Bas; ja, die ist viel weniger angenehm,“ bestätigte
Gretchen.
„Soll denn die Taufe im Haus sein?“
„Ja, es muß eine Haustaufe sein, weil der Pate nicht frei ist um die
Zeit, wo in der Kirche getauft wird. Er ist nämlich Hofkutscher.“
„Ach so, das ist am Ende _dein_ Hofkutscher, der sich bei der Königin
für dich verwendet hat?“
„Ja, das ist _mein_ Hofkutscher,“ sagte Gretchen vergnügt, „und darum
wird’s eben so schön bei der Taufe, weil sich alle schon ein wenig
kennen. Und das Kindchen ist auch ein besonders nettes.“
„Das weiß ich,“ sagte der Pfarrer.
„Kennen Sie denn die Kleine auch schon?“
„Nein, aber was wird denn dein Patchen nicht ein besonders nettes sein!“
Gretchen hatte den Pfarrer bis zur Haustüre begleitet, und als sie
umkehrte, war sie so glücklich, daß sie laut singend an Fräulein von
Zimmerns Türe vorbeiging. Es war ihr ja nur lieb, daß Fräulein von
Zimmern herauskam, die kleine Ungehörigkeit zu rügen, und daß sie auf
diese Weise noch ein teilnehmendes Herz fand für ihre Mitteilung und
ihre Freude.
An diesem Abend wanderte Gretchen zu Lene. Es kam ihr ganz wunderlich
und verkehrt vor, als Lene _ihr_ dankte; _sie_ hatte ja danken wollen!
Die Brüder zeigten mit Stolz ihr Schwesterchen und fuhren es so sanft
hin und her, daß Gretchen sich darüber wunderte. „Ja, sie haben das
Kleine lieb,“ sagte Lene, „und sie waren auch gegen mich gut die ganze
Zeit.“ Nach einer Weile traulichen Plauderns sagte Gretchen: „Ich muß
noch hinauf zur Base, die Mutter will’s, sie hat mir ein Stück
Kaffeekuchen für sie mitgegeben. Gehst du nicht mit mir hinauf, Lene?“
„Nein, Gretchen, es ist mir leid, ich kann jetzt nicht fort. Aber das
muß ich dir noch vorher sagen, die Bas zieht nun wirklich zu uns.“
„Aber doch nicht vor der Taufe?“
„Nein, so schnell geht das nicht. In einem Monat von heute ab kommt
sie.“
„Also hast du’s ihr angeboten?“
„Ja, siehst du, ich wollte es ja eigentlich nicht. Aber wie die Kleine
auf die Welt gekommen und die erste Nacht neben mir gelegen ist, da habe
ich mir so meine Gedanken gemacht, was einmal aus dem Kind werden wird.
Ob’s eine Frau wird oder nicht, und da ist mir’s auf einmal gekommen,
vielleicht ist’s in seinen alten Tagen auch so verlassen wie die Bas da
drüben, und kein Mensch will’s zu sich nehmen.“
„O nein, Lene, wie kannst du so etwas denken! Wir lassen’s doch nicht so
widerwärtig werden, daß es kein Mensch mag!“
„Nun ja, es war mir eben weich zumut, und ich habe gedacht, es ist nicht
recht, wenn man sich um die alten, einsamen Leute nicht annimmt, und
dann habe ich mir’s vorgenommen, mein erster Ausgang soll sein zu der
Bas und zu ihren Hausleuten zum Kündigen. Gestern war ich drüben.“
„Was hat sie gesagt, Lene, ist sie jetzt recht glücklich und dankbar?“
„Nun ja, weißt du, in ihrer Art schon, man muß sie eben verstehen. Aber
das habe ich ihr gesagt, das Schnapstrinken müsse sie dann bleiben
lassen; wenigstens dürfe sie nur so viel trinken, als ich ihr selbst
hole, ein Gläschen alle Tage, und durch die Buben dürfe sie’s nicht mehr
holen lassen.“
„Was hat sie dazu gesagt?“
„Ach, sie ist halt nicht so, wie sie sein sollte. Sie hat gesagt, sie
trinke überhaupt nie Schnaps und wenn sie einen trinke, dann lasse sie
ihn nicht durch die Buben holen.“
„Aber Lene, wenn die Base so lügt und unsere Kleine wächst neben ihr auf
und hört das!“
„So weit hinaus wollen wir halt nicht sorgen, Gretchen, ich hab’s ja gut
gemeint, es wird schon recht werden.“
Gretchen ging zur Base. Jetzt, nachdem Lene so edelmütig gehandelt
hatte, war Gretchen wenigstens sicher, daß die alte Frau nicht über sie
schelten würde. Im Lehnstuhl saß die Base und heftete gleich bei
Gretchens Eintritt verlangende Blicke auf den Kaffeekuchen. Als ihn
Gretchen vor sie auf den Tisch stellte, dankte sie zwar nicht
eigentlich, aber sie sagte doch: „Das tut wohl, wenn man auch einmal
etwas anderes zu sehen bekommt, als das trockene Brot. Mir sucht ja doch
der Bäcker immer das schlechteste heraus.“ Gretchen fragte nach dem
Befinden der Alten. Da wurde diese redselig und erzählte von ihrem
Gichtleiden so lang und ausführlich, daß es für Gretchens Geduld schon
viel war, um so mehr, als sie gerne von etwas anderem hören wollte.
Endlich machte die Base eine Pause, und Gretchen fiel schnell ein:
„Jetzt werden Sie ja bald nicht mehr allein sein; Lene hat mir gesagt,
daß Sie zu ihr ziehen.“
„Ich habe keine andere Wahl.“
„Es ist doch recht gut von der Lene, daß sie Sie jetzt ins Haus nimmt,
wo sie so viel Arbeit hat mit dem kleinen Kind und wo sie auch das
Stübchen gut selber brauchen könnte.“
„Ja, ja, sie weiß schon, was sie tut, die Lene!“ sagte die Alte mit
einem hämischen Lächeln. Gretchen wußte sich das nicht zu deuten,
fragend sah sie auf die alte Frau. „Wenn sie sich nur nicht verrechnet,
die Lene! Es hat schon manches auf eine Erbschaft spekuliert und ist
dann zu kurz gekommen.“ Gretchen verstand nicht genau den Sinn dieser
Worte, aber sie empfand die gemeine Gesinnung, aus der sie
hervorgegangen waren, die häßliche Verdächtigung gegen ihre Lene. Sie
sprang vom Stuhl auf. Keinen Augenblick mochte sie mehr hier bleiben,
kein Wort mochte sie sagen gegen solche boshafte Anschuldigung, aber
Rache mußte sie nehmen, Strafe mußte sein: Mit einem raschen Griff nahm
sie den Kaffeekuchen vom Tisch weg und unbarmherzig mit sich zur Türe
hinaus, während die Alte stöhnte: „Mein Kuchen, halt, mein Kuchen!“ In
größter Erregung sprang Gretchen die vielen Treppen hinunter.
Drunten überlegte sie, ob sie Lene den Kuchen bringen sollte. Aber dann
würde diese fragen, warum sie ihn der Base nicht gegeben habe, und um
keinen Preis hätte Gretchen ihr die häßlichen Worte wiedersagen mögen,
die sie so empört hatten. Sie mußte den Kuchen wohl mit nach Hause
nehmen, aber der Mutter würde es nicht recht sein. Sie hatte der Kranken
eine Freude machen wollen, nicht eine Enttäuschung bereiten. Bei
Gretchen rührte sich schon wieder das gute Herz. Wie lange würde sich
die Frau in ihrer Einsamkeit und Langeweile noch um den Kuchen grämen,
der schon in ihrem Zimmer war, ja ihr schon gehört hatte! „Mein Kuchen,
halt, mein Kuchen!“ tönte es noch in Gretchens Ohr. Unschlüssig stand
sie eine Weile am Eingang von Lenes Hof, dann siegte das Erbarmen über
den Zorn.
Sie ging noch einmal zu Lene. Die stand in ihrer Küche. Gretchen legte
rasch den Kuchen auf den Tisch, kehrte gleich wieder unter die
Küchentüre zurück und sagte hastig von der Schwelle aus: „Lene, ich habe
der Base den Kuchen weggenommen, weil sie mich geärgert hat; jetzt
dauert sie mich aber doch, sei so gut und schicke ihn durch die Buben
hinauf. Ich muß heim, so schnell ich kann, und lernen, lernen den ganzen
Abend.“ Ehe Lene die Frage tun konnte, die ihr auf den Lippen schwebte:
Warum hast du dich über die Bas geärgert? war Gretchen schon draußen im
Hof und auf dem Heimweg.
Die Alte hatte von ihrem Fenster aus beobachtet, wie Gretchen mit dem
Kuchen zu Lene hinein und ohne Kuchen von Lene herausgekommen war, und
vor Neid und Schmerz darüber, daß nun Lene genießen sollte, was
eigentlich für sie bestimmt war, weinte sie bitterlich.
Lene hätte gar gerne gewußt, womit die Base Gretchen so erzürnt hatte.
Am Abend, als die Kleine schlief, empfahl sie dieselbe der Obhut der
Brüder, nahm den Kuchen unter ihre Schürze und trug ihn selbst hinüber.
Als die Base Lene erblickte, erschrak sie. Entweder kam Lene, um ihr
Vorwürfe zu machen oder um das Versprechen zurückzunehmen, daß sie zu
ihr ziehen dürfe. Aber Lene zog unter ihrer Schürze den Kuchen hervor,
gab ihn der Base und fragte ganz wie sonst: „Wie geht’s Euch heute?“
Zuerst brachte die Base den Kuchen in Sicherheit, dann sagte sie:
„Schlecht geht’s, und was man so in seinen Schmerzen sagt, das darf man
einem auch nicht gleich so übel nehmen.“
„Was war’s denn, was habt Ihr gesagt?“
„Ihr wißt’s ja schon; ich habe wohl gesehen, daß das Fräulein zu Euch
hineingegangen ist.“
„Dann habt Ihr wohl auch gesehen, daß sie gleich wieder herausgekommen
ist. Sie hat mir nicht erzählt, was es gegeben hat. Sagt Ihr mir’s.“
„Was wird’s gegeben haben? Wenn’s was gewesen wäre, so hätte sie’s wohl
gesagt; ich weiß von nichts.“
Lene merkte, daß nichts aus der alten Frau herauszubringen war. „Ich muß
wieder hinüber zu meiner Kleinen,“ sagte sie, „es ist ein schönes Kind
und wird Euch auch gefallen, wenn Ihr es seht. Wenn Ihr Schmerzen habt
und allein seid, so denkt halt daran, daß wir Euch herüberholen in vier
Wochen, und wenn die Taufe ist, schicke ich Euch auch vom Kuchen und vom
Wein.“ Lene reichte der Bas freundlich die Hand, die nahm sie und dabei
überkam sie doch etwas wie Reue, und sie sagte: „Ihr seid gut gegen
mich, Gott lohn’s Euch.“
Gretchen hatte keine leeren Ausreden gebraucht, als sie zu Lene gesagt
hatte, sie müsse eilends heim, um zu lernen. Sie hatte sich mit Ottilie
und Elise in den Stoff geteilt, den sie bis zum Schulschluß bewältigen
wollten, und da Elise von manchem erklärte, es sei ihr viel zu schwer,
und von vielem, es sei nicht wichtig, so mußten die beiden andern die
Hauptsache übernehmen. Ottilie war das ganz recht, da gab es für sie
wieder eine Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Sie hatte mehr zu lernen
übernommen als Gretchen und gedachte im stillen, ohne Verabredung auch
noch ein Stück aus dem „Abfall der Niederlande“ zu lernen und mit dieser
schwierigen Leistung sich hervorzutun.
Gretchen hingegen wollte Elise ordentlich mit heranziehen, und als sie
herausfand, daß diese nicht einmal mit dem Wenigen Ernst machte, das sie
zu lernen versprochen hatte, redete sie ihr ins Gewissen. „Elise,“ sagte
sie, „du verdirbst die ganze Freude, wenn du dein Teil nicht lernst.
Denke nur, wie schlecht sich das machen wird, wenn alle andern so viel
können und du gar nichts zu sagen weißt.“
Elise versprach, sich nun auch ernstlich an die Arbeit zu machen.
Gretchen war sehr vergnügt darüber und fragte gleich am folgenden Tag,
wieviel sie nun gelernt habe? Da stellte es sich heraus, daß Elise doch
nicht dazu gekommen war. Jetzt war Gretchen entrüstet. „Wie kann denn
das sein, daß man immer nicht zum Lernen kommt? Bei mir zu Hause ist das
anders, da kommt man dazu. Komm mit mir heim nach der Schule, dann
lernen wir zusammen!“ Elise machte allerlei Einwände, aber Gretchen gab
nicht nach, Elise mußte mit ihr kommen, und nachdem sie erst einmal
zusammen gelernt hatten, widerstrebte sie nicht mehr; sie kam öfter, und
Gretchen hatte eine so rührende Freude an dem, was Elise zustande
brachte, daß diese selbst allmählich der Sache nicht mehr so
gleichgültig gegenüberstand. Es war Gretchen gelungen, ihr etwas von dem
eigenen Eifer einzublasen.
Inzwischen war der Tag herangekommen, auf den die Taufe festgesetzt war.
Auf zwei Uhr zum Kaffee, lautete die Einladung, denn später hatte der
Hofkutscher Dienst. So saß Gretchen schon beim Mittagessen in ihrem
schwarzen Konfirmationskleid dem Vater gegenüber.
„Sie sieht ganz würdig aus,“ sagte Herr Reinwald zu seiner Frau, „man
merkt schon von ferne, daß sie Patin werden soll.“
„Weißt du, Vater, daß ich im Wagen abgeholt werde? Herr Bauer hat es
angeboten und Lene hat gesagt: ‚Er weiß wohl, was sich schickt.‘ Ist das
nicht nett?“
„Freilich; wer klug ist, wählt darum sein Patchen immer unter den
Kutscherskindern.“
Kurz darauf saß Gretchen in dem Wagen, der vor dem Haus hielt, grüßte zu
Franziska hinauf, die zum Fenster heruntersah, und der Gevatter
kutschierte.
Gar sauber und freundlich hatte Lene ihre Stube zur Feier hergerichtet.
Ein kleines Tischchen, weiß bedeckt, mit Blumenstöcken geschmückt, war
zur Taufhandlung gerichtet, und nun kam auch schon der Kirchendiener und
brachte das silberne Becken. Die drei Brüder sahen in ihren besten
Gewändern ordentlich aus und waren in gehobener Stimmung. Der große
Tisch in der Mitte des Zimmers war als Kaffeetisch gedeckt, und an der
ganzen Art war wohl zu bemerken, daß die Hausfrau wußte, was guter
Geschmack war. Und nun ging die Türe weit auf und der Hofkutscher Plitt
in seiner scharlachroten, mit silbernen Tressen besetzten Livree trat
ein, bescheiden hinter ihm seine einfach gekleidete Frau. Ehe sie noch
die Anwesenden begrüßt hatten, kam schon Pfarrer Kern. Lene brachte
ihren Täufling herein, der ruhig weiter schlief, und alle scharten sich
um den kleinen Tisch, an dem der Geistliche stand.
Der Taufrede, die er nun hielt, war wohl anzumerken, daß der Pfarrer
schon vorher gewußt hatte, wer anwesend sein würde, denn sie schien auf
jedes einzelne Glied der kleinen Versammlung berechnet. Er sprach vom
Vater des Kindchens, dem nach schweren Jahren neues Glück erblüht sei,
von der Mutter, die schon in fremdem Dienst sich in treuer Fürsorge für
die Tochter bewährt habe, die nun als junge Patin dem Kindchen all diese
Liebe heimgeben wolle. Er wandte sich an die drei Brüder und sagte
ihnen, das Schwesterchen werde ihrem Beispiel folgen; wenn es immer
Liebes und Gutes von ihnen sähe, so würde es auch lieb und gut werden.
Nach der Ansprache während des Gebetes legte Lene das Kind in die Arme
des Paten. Der schien aber mehr Erfahrung mit Rossen als mit
Wickelkindern zu haben; er blickte immer in die Ferne statt auf das Kind
und hielt das Köpfchen so abwärts, daß Lene jeden Augenblick fürchtete,
es würde aus seinem Kissen herausrutschen. Da nahm sie es bald wieder
von den Armen des Paten und übergab es Gretchen; die hielt es liebevoll
an sich, während es zum erstenmal mit ihrem Namen genannt und als
Christenkindlein getauft wurde. Die Kleine, die bisher so musterhaft
geruht hatte, rührte sich nun, und es war gut, daß die Taufhandlung zu
Ende war.
Bald darauf saß die kleine Gesellschaft um den Tisch und Lene schenkte
den Kaffee ein. Der Pfarrer saß zwischen den zwei Kutschern, ihm
gegenüber Gretchen zwischen den Kutscherfrauen, oben und unten die
Buben. Der Pfarrer nickte seinem Gegenüber freundlich zu und sagte: „Ich
erinnere mich nicht, schon einmal eine so junge Patin bei der Taufe
gehabt zu haben, und ebensowenig,“ sagte er, sich an den Hofkutscher
wendend, „habe ich jemals einen so schönen, scharlachroten Paten
gesehen.“
„Das glaube ich,“ sagte Plitt, „ich habe es auch schlau anstellen
müssen, um die Erlaubnis zu erhalten, daß ich meine Livree bei dieser
Gelegenheit tragen darf. Es ist für gewöhnlich nicht erlaubt.“
„Das dachte ich mir. Was haben Sie denn für Gründe vorgebracht?“
„Ich habe mir erlaubt, mich gelegentlich einer Ausfahrt direkt an Ihre
Majestät die Königin zu wenden. Ich habe gehorsamst vorgebracht, daß
doppelte Beziehungen zwischen Ihrer Majestät und der Familie des
Täuflings bestehen, nämlich erstens: daß Majestät die Gnade hatte, der
Mutter des Kindes, der Frau Lene Bauer, vor einigen Jahren die Medaille
für langjährige, treue Dienstzeit zu verleihen. Zweitens habe ich mir
gehorsamst erlaubt zu unterbreiten –“
„Laß jetzt deine Sprüch,“ unterbrach ihn Bauer, „und red’ wie
unsereins!“
„Und zweitens?“ frug der Pfarrer.
„Und zweitens habe ich vorgebracht, daß Fräulein Reinwald, die Patin,
schon eine Audienz bei der Prinzessin gehabt habe.“
„Und darauf haben Sie die Erlaubnis bekommen, am Tauffest die Livree zu
tragen? Sie schmückt auch wirklich unsere Tafel, es wäre ja sonst die
ganze Gesellschaft schwarz.“
Frau Plitt, die sich bis dahin mehr schweigend verhalten hatte, wollte
jetzt auch noch etwas zur Sache sprechen: „Sein schwarzer Anzug ist
nämlich nimmer gut,“ sagte sie zum Pfarrer.
Der Pfarrer und sein Gegenüber lächelten, aber der Kutscher wehrte: „Was
brauchst du das zu sagen, das gehört doch nicht daher.“ Damit machte
er’s nur schlimmer, denn jetzt geriet seine Frau in Eifer: „Es ist doch
aber wahr! Er spiegelt schon!“ „So schweig doch!“ rief der Hofkutscher
ärgerlich; aber der Pfarrer ging ganz freundlich auf die Worte der Frau
ein.
„Ja, ja, Frau Plitt,“ sagte er, „das fatale Spiegeln, das kennen wir
Pfarrer auch an unsern schwarzen Röcken, wenn das nur nicht wäre.“