sie auf einem Unrecht ertappt worden. Jedenfalls war nun ein peinliches
Ausfragen zu erwarten, und man konnte doch nicht befriedigend antworten,
wenn man die geplante Überraschung nicht verderben wollte.
Aber es kam anders. Fräulein von Zimmern kannte Fräulein Bertrand als
eine altbewährte gewissenhafte Lehrerin, sie kannte auch ihre „Großen“
als eine fleißige Klasse, und so war sie weit entfernt, Böses zu
vermuten. Freundlich wandte sie sich an Fräulein Bertrand: „Ich habe in
dem untern Zimmer die ungewohnte Unruhe über mir bemerkt und dachte mir
gleich, daß Sie Spiele machen ließen. Es ist sehr anerkennenswert, daß
Sie sich diese Mühe geben. Ihre Schülerinnen können dabei manchen
Ausdruck kennen lernen, der in der Grammatik nicht vorkommt.“ Etwas
verlegen entgegnete Fräulein Bertrand: „Gewiß sind Spiele eine gute
Übung und ich will gern welche mit den Mädchen einüben.“
„Ich bin eben heraufgekommen, um zu sehen, wie Sie das angreifen. Lassen
Sie sich nicht stören, machen Sie weiter;“ und Fräulein von Zimmern
setzte sich in eine Fensternische, entschlossen, zuzusehen.
Lehrerin und Schülerinnen wechselten bestürzte Blicke. Einige wußten
sich vor unterdrücktem Lachen kaum zu halten; Fräulein Bertrand befand
sich in schwieriger Lage, da kam ihr Ottilie mit großer Geistesgegenwart
zu Hilfe. „Bitte, Fräulein Bertrand, ‚_la ronde_‘,“ rief sie und
damit nannte sie ein Spiel, so einfach wie unser deutsches
„Ringe-Ringe-Reihe“; sie selbst und ihre Cousine hatten das mit ihrer
Bonne als Kinder gespielt und Ottilie nahm an, Fräulein Bertrand müßte
es kennen. „Gut,“ sagte Fräulein Bertrand, „sage du den Text zuerst
deutlich vor.“
Ottilie sprach das kindische Verslein. Alle ihre Mitschülerinnen hatten
erfaßt, daß es nun galt, schnell die Worte zu behalten, und als sich nun
die Mädchen an der Hand faßten, sich im Kreis drehten und den Vers dazu
sagten, hätte man nicht gedacht, daß es zum erstenmal geschah. Fräulein
von Zimmerns Erwartungen schienen aber auch nicht voll befriedigt, denn
sie wandte sich an Fräulein Bertrand mit der Frage: „Ist dies Spiel
nicht etwas zu kindlich für die Oberklasse?“ „Es ist ein erster
Versuch,“ entgegnete die Lehrerin, „ich werde passendere Spiele wählen
und dieses mit den Kleinen einüben.“ „Das wird mich sehr freuen,“ sagte
Fräulein von Zimmern und verließ mit freundlichem Gruß die Klasse.
Sie hatte sich kaum entfernt, als die unterdrückte Heiterkeit bei allen
Mädchen durchbrach. Fräulein Bertrands Ermahnungen zu Ruhe und Ernst
wollten lange nicht fruchten, denn sie wurden mit gar zu heiterer Miene
gegeben.
Diesem Zufall verdankt es das Institut von Fräulein von Zimmern, daß
heute in den meisten Klassen französische Spiele eingeführt sind.
Fünfzehntes Kapitel.
Eine Gesellschaft.
Auf Mittwoch nachmittag hatte Ottilie ihre „Gruppe“ zu sich gebeten zu
gemeinsamem Lesen einer kleinen Biographie von Schiller. Frau Reinwald
hatte Gretchen die Erlaubnis gegeben, hinzugehen, obwohl an diesem Abend
die lang vorbereitete große Gesellschaft im Hause Reinwald stattfinden
sollte. Gretchens Hilfe war noch nicht hoch anzuschlagen, man konnte sie
am Nachmittag schon entbehren.
Als Gretchen die Treppe hinuntersprang, traf sie auf derselben mit Frau
Batz zusammen; diese war schon am Morgen ein paar Stunden dagewesen, um
Pastetchen zu backen und andere Vorbereitungen zu treffen, und nun
rückte sie an, um ihr Meisterstück in der Küche zu leisten. Neben Frau
Batz auf der Treppe vorbeizukommen, war nicht so leicht, denn sie
brauchte schon an gewöhnlichen Tagen fast die ganze Treppenbreite für
sich, und an solch großen Tagen, wie der heutige, war sie noch
umfangreicher. Im Gefühl ihrer Unentbehrlichkeit machte sie auch nicht
Platz für so unbedeutende Menschenkinder wie unser Gretchen. Diese
drückte sich ganz bescheiden an die Wand und grüßte sogar recht
freundlich, denn sie wußte, daß die Mutter und Franziska schon sehnlich
auf die Kochfrau warteten. Sie selbst teilte diese Sehnsucht nicht, war
froh, daß sie treppab gehen durfte, und ganz zufrieden, daß ihr die
vorüberschreitende Größe nur den Hut krumm geschoben hatte, den konnte
man ja wieder zurechtrücken.
Bei Ottilie fand sie schon Elise Schönlein und auch Frau von Lilienkron
war eben eingetreten, um die Mädchen zu begrüßen. Gretchen kam sonst nie
in dies Haus und hatte Frau von Lilienkron nur gelegentlich bei
Ausstellungen in der Schule gesehen.
„Sie sind immer noch so frisch und rotbackig, wie ich Sie als kleines
Mädchen gesehen habe,“ sagte Frau von Lilienkron freundlich zu Gretchen,
„und dabei sehen Sie immer so vergnügt aus, wie wenn Sie gerade ein ganz
besonderes Glück erlebt hätten.“
„Heute ist das aber auch der Fall,“ erwiderte Gretchen, „ich wollte es
gerade Ottilie erzählen: wir haben heute die Nachricht bekommen, daß
unsere Lene, die so lang bei uns war und voriges Jahr geheiratet hat,
ein Kind bekommen hat.“ Es schien, als ob Frau von Lilienkron dies nicht
als ein so außerordentlich glückliches Ereignis zu würdigen wußte; aber
Ottilie fügte bei: „Gretchen ist so anhänglich an sie, daß sie immer
noch zu ihr kommt.“ „Freilich,“ bestätigte Gretchen, „und Lene hat drei
Stiefkinder, lauter Buben, und ihr eigenes Kind ist ein Mädchen, das ist
doch eine große Freude?“ Auf diese dringende Aufforderung hin war auch
Frau von Lilienkron bereit, sich über Lenes Kind zu freuen. Sie sprach
noch ein wenig mit den beiden Mädchen und ließ sie dann allein.
Eifrig wurde nun an die Arbeit gegangen. Sie lasen zusammen die
Biographie von Schiller, merkten an, was ihnen wichtig schien zu lernen,
und verabredeten, was jede von ihnen übernehmen sollte. Waren sie
uneins, so galt wie in stillem Übereinkommen Ottiliens Stimme als
ausschlaggebend, und so ging alles glatt. Am Schluß wurde ausgemacht,
daß man am Samstag wieder zusammenkommen solle.
Ehe sie sich trennten, zeigte Ottilie ein reizendes Deckchen, das sie zu
besticken angefangen hatte. Ein Blick stillen Einverständnisses wurde
zwischen Ottilie und Gretchen gewechselt, letztere konnte leicht
erraten, daß die schöne Arbeit für Fräulein von Zimmern bestimmt war,
und sie freute sich sichtlich daran. Ottilie bemerkte es und dachte im
stillen: „Es ist wahr, wenn man sich so wie Gretchen mit andern freuen
kann, dann hat man viele Freuden.“
Gretchen eilte heim so schnell sie konnte. Es kam ihr nicht ganz recht
vor, daß sie so behaglich mit den Freundinnen beisammen gesessen war,
während die Mutter alle Hände voll zu tun hatte. Rasch legte sie ihre
Kleider ab, band sich eine Schürze um und kam ins Eßzimmer. Dort hatte
die Mutter schon den Tisch mit feinem Damast belegt, aber gedeckt war
noch nicht. Das war Gretchen eben recht, dabei konnte sie helfen. Flink
ging sie der Mutter zur Hand. Unter den schönen Bestecken war ein Messer
weniger glänzend als die andern. Frau Reinwald gab es Gretchen: „Sieh
das ist nicht blank, es muß noch nachgeputzt werden.“
Gretchen brachte es in die Küche. Ei wie sah es da aus! Der Herd war
schon geheizt, die Kessel dampften, Frau Batz rührte, Franziska trieb
die Reibmaschine, auf einem weiß bedeckten Küchentisch stand das feine
Porzellangeschirr hingerichtet.
Gretchen, in der Meinung, heute gehe alles die Kochfrau an, reichte
dieser das Messer hin und richtete aus: „Das Messer ist nicht blank und
muß nachgeputzt werden.“ Frau Batz sah sie groß an. „Ich hab’s nicht
schlecht geputzt,“ sagte sie, „das Fräulein hält mich wohl für eine
Küchenmagd?“ Gretchen merkte, daß sie etwas Ungeschicktes gemacht hatte.
Sie wandte sich an Franziska und hielt dieser das Messer hin. Die nahm
es ihr auch nicht ab. Vielleicht hatte sie an der Reibmaschine nicht
gehört, was Gretchen ausgerichtet hatte. Ziemlich laut wiederholte
Gretchen ihren Auftrag: „Das Messer ist nicht blank, es muß nachgeputzt
werden.“
„Ja, ja, ich bin doch nicht taub, ich hab’s doch gehört,“ rief sie und
trieb ihre Maschine weiter. Gretchen legte das Messer neben hin.
Franziska warf einen verächtlichen Blick auf dasselbe und sagte: „_So_
hat Ihre Lene geputzt, die mir immer als Muster vorgehalten wird?“ „Die
Lene hat _schön_ geputzt,“ rief Gretchen aufbrausend. „Jetzt ist sie
schon ein Jahr nicht mehr bei uns und soll noch schuld sein an dem
Messer.“
„Jawohl ist sie schuld, die Bestecke hat man noch nie benützt, seit ich
da bin.“
„Ich werde aber die Mutter fragen, ob das wahr ist!“ sagte Gretchen. Sie
stand da und wartete auf das Messer.
Die Zeit wurde ihr lang. Sie erbot sich, die Reibmaschine zu drehen;
aber Franziska wollte davon nichts wissen: „Es wird ja so furchtbar
nicht eilen mit dem Messer,“ sagte sie und ließ Gretchen warten. „Wenn
Sie doch einmal dastehen, Fräulein, dann könnten Sie mir einen Topf voll
Wasser aus der Leitung bringen,“ sagte die Kochfrau. Gretchen wußte
nicht so recht, welchen Topf sie nehmen sollte. Es stand einer auf dem
Küchentisch, in diesem schien schon etwas Wasser zu sein. „Kann ich den
nehmen?“ fragte sie, aber weder Frau Batz noch Franziska beachteten die
Frage.
„Ich werde ihn schon nehmen können,“ dachte Gretchen, „es ist doch nur
Wasser darin, aber vielleicht nicht ganz reines.“ Sie schüttete es in
den Ausguß, das vermeintliche Wasser glitt ganz eigentümlich aus dem
Topf. Gretchen erschrak. „Sollte es doch etwas anderes gewesen sein?“
dachte sie, während sie den Topf unter die Wasserleitung hielt. Jetzt
aber ging die Kochfrau an den Küchentisch.
„Wer hat mir den Hafen mit den acht Eiweiß weggeräumt?“ fragte sie. Im
selben Augenblick bemerkte sie den Topf in Gretchens Hand und rief:
„Weiß der Himmel, Sie haben das Wasser auf meine acht Eiweiß laufen
lassen!“ „Was darin war, habe ich für Wasser gehalten und
weggeschüttet,“ sagte Gretchen kleinlaut, und als Frau Batz immer lauter
wurde und auch Franziska in ihr Schelten einstimmte, sagte Gretchen:
„Ich habe doch gefragt, ob ich den Topf nehmen darf, aber es hat mir ja
niemand Antwort gegeben!“ „Jetzt müssen gar wir noch schuld sein,“ rief
Frau Batz, „ich sag’s ja immer: Keine Hilfe ist wenig, aber ein Fräulein
zur Hilfe ist noch weniger!“ Gretchen hatte genug gehört, sie verließ
die Küche mit dem unglückseligen Messer, das endlich doch geputzt worden
war.
Sie kämpfte mit den Tränen, als sie ins Zimmer kam. „Du hast lange
gebraucht,“ sagte Frau Reinwald und nahm das Messer, „aber du hast es
auch recht schön geputzt.“
„Ich nicht, Franziska. Ich habe bloß acht Eiweiß in den Ausguß
geschüttet.“ Gretchen konnte jetzt ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.
Acht Eiweiß verschmerzt eine Hausfrau nicht so leicht. Frau Reinwald war
sehr ärgerlich und zankte über Gretchens Ungeschick. Als sie aber hörte,
wie schlecht Gretchen in der Küche angekommen war, hatte sie doch
Mitleid mit ihr. „Warum hast du das Messer nicht selbst geputzt?“ fragte
sie, „so meinte ich’s, als ich es dir gab.“
„So? Daran habe ich gar nicht gedacht, sonst hätte ich’s schon getan.“
„Das war’s wohl, was Franziska geärgert hat. Wenn ein Dienstmädchen alle
Hände voll zu tun hat, und es kommt so ein halbes Kind wie du, tadelt
die Arbeit und sagt: mach’s besser, dann wird jede verdrießlich.“
„Frau Batz war aber noch viel ärger als Franziska.“
„Mir scheint eben, Frau Batz hat schon recht fatale Erfahrungen gemacht
mit kleinen Fräulein, die nichts können und die Schuld gern auf andere
schieben.“
„Ja, jedenfalls mag sie mich gar nicht und Franziska will heute auch
nichts von mir wissen. Im Zimmer will ich dir helfen so viel ich nur
kann, aber bitte, Mutter, schicke mich heute nur nicht mehr in die Küche
hinaus!“
„Weißt du, was du damit sagst, Kind? Du sagst: Bitte, Mutter, räume mir
die Schwierigkeiten aus dem Weg, damit ich sie nicht überwinden muß.
Kann ich darauf Ja sagen? Komm, sei mein tapferes Kind, nicht so ein
empfindliches Fräulein, geh hinaus, gib noch einmal acht Eier heraus und
sage Frau Batz, ich lasse ihr raten, einen großen Zettel an ihren Topf
zu binden mit der Aufschrift: „Vorsicht! Eiweiß!“
Frau Reinwald gab Gretchen den Speiskammerschlüssel in die Hand – was
wollte diese nun anders tun als in die Küche gehen?
Kochfrau und Köchin sahen diesmal beide auf, als die Türe geöffnet
wurde. Sie hatten nicht anders erwartet, als daß Gretchen sich über sie
beklagt habe, und daß nun Frau Reinwald, ärgerlich über sie beide,
verstimmt über die verlorenen Eier, in der Küche erscheinen würde. Als
sie anstatt der Frau des Hauses Gretchen eintreten sahen und an deren
Augen bemerkten, daß es Tränen gegeben hatte, schlug die Stimmung um,
und als nun Gretchen die Eier aus der Speiskammer brachte, vor Frau Batz
hinlegte und mit einem Versuch zu lächeln ausrichtete: Die Mutter meint,
Sie sollten auf den Topf schreiben: Vorsicht! Eiweiß! da lachte Frau
Batz und Franziska mit ihr, und tröstend sagte die Kochfrau: „Nehmen Sie
sich’s nicht zu Herzen, Fräulein, wenn auch die Frau Mama gezankt hat,
so etwas kommt öfter vor.“ „Ja,“ fügte Franziska hinzu, „in so einem
tiefen Topf sieht das Eiweiß aus wie Wasser.“ Das tat Gretchen wohl, und
ehe sie die Küche wieder verließ, sagte sie: „Wenn ich Ihnen später
etwas helfen kann, etwas putzen oder richten, wobei man nichts Dummes
machen kann, dann dürfen Sie mir nur rufen.“ „Ganz recht,“ sagte Frau
Batz, „nachher, beim Kartoffelschälen,“ und als sie allein waren, sagte
sie zu Franziska: „Sie ist nicht so hochmütig wie andere.“ „Nein, man
muß sie gern haben,“ meinte Franziska.
Auf acht Uhr war eingeladen, alles stand zum Empfang bereit, Herr
Reinwald erwartete die Gäste, während seine Frau noch einen letzten
Blick in die Küche warf.
„Du wirst wohl heute in die Verbannung geschickt?“ fragte Herr Reinwald
seine Tochter.
„Ja, sobald die ersten Gäste kommen, muß ich verschwinden. Es ist aber
ganz nett in meinem Zimmer, die Mutter hat mir eine Lampe
hineingestellt, mein Schiller liegt dabei, mein Tischchen ist gedeckt,
und von allem, was abgetragen ist, darf ich essen, soviel mir schmeckt.
Das hat nämlich die Mutter in Gegenwart von Frau Batz gesagt, sonst
würde ich gar nicht wagen, einen Bissen zu holen. – Es klingelt schon –
gute Nacht, Vater, – gute Nacht, Mutter!“
Gretchen verschwand in ihr Zimmerchen, während Franziska die ersten
Gäste empfing, ihnen beim Ablegen behilflich war und sie ins
Empfangszimmer führte.
„Jetzt wird’s gemütlich,“ sagte sich Gretchen, zündete ihre Lampe an und
nahm den Schiller vor. An diesem langen, stillen Abend konnte sie lesen
und lernen soviel sie nur wollte. Sie saß bald ganz vertieft und achtete
nicht auf das wiederholte Klingeln, als leise die Türe aufging, Frau
Batz ihren Kopf hereinstreckte und Gretchen winkte. Diese folgte ihr
leise in die Küche, denn im Vorzimmer legten eben wieder Gäste ab.
„Fräulein Gretchen, wissen Sie vielleicht, wo der Wein ist, den ich zum
Kochen nehmen darf? Franziska hätte ihn vorher hinrichten sollen, jetzt
kann sie nicht mehr abkommen.“ „Er wird in der Speiskammer sein,“ sagte
Gretchen und holte ihn.
„So, das ist recht; jetzt bleiben Sie nur außen, man muß doch jemand zur
Hilfe haben. Legen Sie mir noch Kohlen aufs Feuer, bloß eine halbe
Schaufel voll, und füllen Sie mir den Wasserkessel wieder auf und räumen
Sie das Geschirr da aus dem Weg.“ So ging das zu, bis nach einiger Zeit
Franziska herein kam und sagte: „Nun fehlt nur noch ein Paar, dann wird
zu Tisch gegangen.“
„Als erster Gang kommen die Pasteten mit der Sardellensauce,“ sagte die
Kochfrau, „die Pasteten können Sie einstweilen auf die Platte
hinrichten.“ Ganz hinten am Herd war eine Wärmeeinrichtung, dort waren
die Pasteten heiß gestellt. Franziska beugte sich über den Herd, um sie
vorzuholen. In dem Augenblick, wo sie das Blech mit den Pasteten über
den Herd hob, hatte Frau Batz den Deckel von dem großen Kessel
abgehoben, in dem eine Zunge kochte, der heiße Dampf fuhr Franziska an
den Arm, sie machte eine rasche Bewegung, hielt das Blech schief und in
einem Nu rutschten die sämtlichen Pastetchen herunter, geradenwegs in
den Kessel, wie wenn es ihre Bestimmung gewesen wäre, in der Zungenbrühe
aufgekocht zu werden. Franziska tat einen einzigen Schrei, dann lehnte
sie sprachlos und wie vernichtet an der Wand.
Frau Batz war nicht sprachlos. Das ganze Tierreich, vom Kamel bis
herunter zur Gans mußte herhalten, um Benennungen für die arme Franziska
zu liefern.
Eine solche Szene hatte Gretchen noch nie im Hause erlebt. „Ich will die
Mutter herausrufen,“ sagte sie. „Hat Ihre Mutter vielleicht Pasteten?
Kann sie welche aus den Ärmeln schütteln?“ rief die verzweifelte Köchin,
„wo die Batz kocht, da wird die Frau nicht herausgerufen.“
„Dann könnte man vielleicht die Pasteten ganz weglassen,“ schlug
Gretchen vor, „es gibt ja heute abend so viele gute Sachen.“
„Den ersten Gang weglassen? Das gibt’s nicht, ich wäre blamiert für alle
Zeiten. Ich muß etwas haben zu meiner Sardellensauce, aber es ist nichts
im Haus und zu allem zu spät!“
„Kann man keine Pasteten mehr bekommen beim Pastetenbäcker?“ fragte
Gretchen, „hat er keine? soll ich hinrennen?“
„Es ist spät und käme erst noch recht teuer.“
„Ich will alles zahlen,“ stöhnte Franziska.
„Ist ein Telephon im Haus?“ fragte jetzt Frau Batz in einem Ton, der
wohl zeigte, daß sie eine Hoffnung schöpfte. „Ja, unten beim Hausherrn.“
„Dann könnte es gehen, denn der Ausläufer beim Pastetenbäcker fährt oft
mit dem Rad. Schnell, Fräulein Gretchen, Sie können am besten springen,
gehen Sie hinunter zum Hausherrn, fragen Sie an, ob der Pastetenbäcker
augenblicklich dreißig Pastetchen schicken kann, versprechen Sie ein
gutes Trinkgeld, wenn er in einer Viertelstunde da ist.“ Gretchen flog
nur so die Treppe hinunter zum Hausherrn und schlüpfte gerade noch
unbemerkt durch seine Türe, ehe die letzten Gäste heraufkamen.
Arme Franziska, wie war’s ihr zumute, während sie die Besuche empfing!
Nach kurzer Zeit kam Gretchen triumphierend in die Küche zurück: „In
zwölf Minuten können die Pasteten da sein!“
Inzwischen waren alle Gäste versammelt, Frau Reinwald drückte auf die
elektrische Glocke und in der Küche wußte man, daß man anrichten sollte.
Gretchen dachte im stillen, es wäre doch besser gewesen, der Mutter
etwas mitzuteilen, damit sie die Gäste nicht so schnell zu Tisch führe,
man hätte dann ruhig noch eine Viertelstunde warten können. Sie sagte
aber nichts, denn die Kochfrau ging umher wie ein gereizter Stier, und
Franziska stand wie eine Trauerweide an der Wand. Gretchen konnte kein
Auge von der Küchenuhr verwenden. Von den zwölf Minuten waren sechs
vergangen, jetzt sieben, jetzt acht. Frau Reinwald klingelte noch
einmal, man mußte wirklich nervös werden. Frau Batz richtete die
Sardellensauce einstweilen an. Neun Minuten. Zehn Minuten. Ach wie ist
doch so eine Minute lang! Elf Minuten. Jetzt ein lauter Tritt auf der
Treppe, Gretchen stürzt hinaus, die andern ihr nach, draußen steht ein
atemloser schweißtriefender Radfahrer, hält ihnen eine heiße Blechkapsel
entgegen. In der Küche wird sie aufgerissen, tadellose Pastetchen kommen
zum Vorschein – eckige zwar, die andern waren rund – einerlei, nur
schnell, schnell auf die Platte und nun hinein, Franziska!
„Da hat’s scheint’s pressiert,“ sagte der Radfahrer und wollte mit
seiner Kapsel gehen. „Halt!“ rief Gretchen, und der Mann stellte
bereitwillig seine Kapsel wieder ab. Ihm ging’s jetzt gut, denn Gretchen
floß über von Dankbarkeit. Ein Glas Wein mußte er haben und Brötchen
dazu und das Trinkgeld schien auch nicht schlecht zu sein, schmunzelnd
zog er ab.
Inzwischen bot Franziska den Gästen die Pastetchen an. Frau Reinwald war
im Gespräch mit dem neben ihr sitzenden Herrn. Sie warf nur einen
flüchtigen Blick auf Franziska, deren langes Ausbleiben sie beunruhigt
hatte, und sprach dann weiter mit ihrem Tischnachbarn. Als an diesen die
Platte mit den Pasteten kam, schwieg Frau Reinwald mitten im Satz
betroffen still. Sein Pastetchen war ja eckig! Sie sah auf die Platte:
alle Pasteten waren eckig und sie waren doch rund gewesen! Jetzt kam
Franziska mit ihrer Platte an Frau Reinwald. Ein fragender Blick traf
sie. Das Mädchen schlug die Augen nieder, mußte sie nun wohl vor all den
fremden Leuten Rechenschaft ablegen? Da wandte sich der Tischnachbar an
Frau Reinwald: „Sie haben sich vorhin unterbrochen, Sie wollten sagen?“
Franziska entwischte.
Draußen in der Küche hatte Gretchen mancherlei Handreichung getan, denn
Franziska hatte allen Mut verloren, und Frau Batz war durch den
Zwischenfall etwas aufgehalten worden. Aber es ging ihr alles von der
Hand, daß es eine Freude war, ihr zuzusehen, und bald lag der Braten
schön garniert auf der Platte. „Jetzt sieht er schön aus,“ sagte
Gretchen. „Großartig macht er sich,“ sagte Frau Batz selbstgefällig, „so
sieht man auch nicht, daß er an einer Stelle ein klein wenig braun ist.
Die Röhre hat keine gleichmäßige Hitze.“ Gretchen dämmerte eine
Erinnerung auf, und wie träumend kam es von ihren Lippen: „Links hinten
ist ein Loch.“ Frau Batz sah sie scheel an. „So? Das sagt man mir, wenn
der Braten fertig ist?“
Das ganze Abendessen war meisterhaft gelungen, nicht zum wenigsten der
Salat mit dem Öl vom Hinterboxer, und so war auch mit jedem Gang die
gute Laune der Kochfrau gestiegen. Gretchen vergaß ganz, daß sie sich in
ihrem Zimmer ein Tischchen gedeckt hatte, die gemeinsamen Erlebnisse
hatten sie für den Abend mit Frau Batz und Franziska verbunden; sie aß
bei ihnen und aß mit Vorliebe von den Pasteten, die in der Zungenbrühe
gekocht waren, um Franziska zu trösten und ihr zu beweisen, daß sie doch
noch gut, wenn auch nicht mehr schön seien.
Als Gretchen endlich zu ihrem Schiller zurückkehrte und zufällig auf die
Uhr sah, konnte sie ihren Augen kaum trauen, es ging auf elf Uhr! Hatte
sie fast drei Stunden bei Frau Batz und Franziska zugebracht? Wer ihr
das heute nachmittag gesagt hätte!
Sechzehntes Kapitel.
Wiege und Sarg.
Heiß und staubig war es in den Straßen der Residenz, glühend brannte die
Sonne auf die Mauern der Häuser. Die Schulkinder schlichen müde in ihre
Schulen und waren träge bei der Arbeit. Auch im Institut bei Fräulein
von Zimmern machte sich die Schlaffheit fühlbar, bei Lehrern und
Lehrerinnen ließ die Frische nach. In der Klasse der Großen freute man
sich nicht mehr an dem Sonnenschein, den man im Herbst, im Winter und
Frühjahr so gerne zum Fenster hereingelassen hatte. Die Läden waren so
weit geschlossen, daß kaum mehr die nötige Helligkeit hereindrang. Heute
war Handarbeitsstunde. Das Nähen wollte nicht recht vorwärts gehen, die
Finger waren feucht und die Nadeln rutschten nicht durch den Stoff. Aber
Fräulein Weber wollte nicht nachgeben; ihr Ehrgeiz war, daß jede der
Schülerinnen die zwei Nachtjacken, die sie unter ihrer Leitung
angefangen hatte, bis Schluß des Schuljahrs vollenden sollte. Eine
kleine Ausstellung der angefertigten Arbeiten war jedes Jahr das
wichtigste Ereignis in dem Leben dieser Lehrerin, und zwar war es ihr
Ehrgeiz, daß sich nicht nur einige Mädchen durch besonders hübsche
Arbeiten hervortun sollten, sondern daß auch die weniger Begabten gute
Leistungen aufzuweisen hätten.
Elise Schönlein war auch in diesem Fach die geringste Schülerin, denn es
fehlte ihr an Fleiß und sie legte gern ein Viertelstündchen die Hände in
den Schoß. Aber auch Gretchen war in dieser Hinsicht keine gute
Schülerin, sie machte oft etwas Ungeschicktes.
Heute war wieder ein Unglückstag für sie. Sie hatte das oberste
Knopfloch zu groß geschnitten und mußte wieder ein Stückchen davon
zunähen. Daß sie nun zu viel zunähte und die Hälfte davon wieder
auftrennen mußte, gab dem Knopfloch ein trübes, zerzaustes Aussehen, das
auch nicht besser wurde, als Gretchen sich in den Finger stach und ein
Tröpfchen Blut daraus floß. Fräulein Weber war ärgerlich und Gretchen
unglücklich. Hermine tröstete sie freundlich: „Es ist ja die erste
Nachtjacke,“ sagte sie, „die ist nicht so wichtig, wenn nur die zweite
gut ausfällt, dann legst du bei der Ausstellung die schöne obenauf und
niemand sieht die verunglückte.“
„Ich werde gar nicht fertig mit der zweiten bis zum Schulschluß, ihr
seid fast alle weiter als ich.“