Nach der englischen Stunde kam Pfarrer Kern. In seinem Testament, aus

dem er seinen Schülerinnen immer einen Abschnitt vorlas, lag ein

Blättchen Papier. Als er es herausnahm, hätte Gretchen gern noch einen

ermutigenden Blick zu Elsbeth hinüber gesandt, aber diese hob die Augen

nicht auf. „Es ist mir da eine Frage zugegangen,“ sprach der Pfarrer,

„deren Beantwortung nicht für unsre Stunde paßt.“ Gretchen erschrak

ordentlich; also auch der Pfarrer fand die Frage ungeeignet? Was konnte

nur Elsbeth gefragt haben?

„Die Frage lautet: ‚Wir möchten gerne zum Schluß des Schuljahrs Fräulein

von Zimmern irgend eine Freude machen, etwas aufführen, deklamieren oder

dergleichen. Was könnten wir wohl tun?‘ Die Frage ist unterschrieben von

einem Kleeblatt. Diesem Kleeblatt möchte ich nun zu wissen tun: Ich bin

gern bereit, mit euch darüber zu beraten, aber nicht in dieser Stunde.

Am Mittwoch gebe ich von neun bis zehn Uhr Unterricht in der vierten

Klasse: wenn ihr um zehn Uhr hinunterkommen wollt, so haben wir eine

Viertelstunde Zeit zur Besprechung.

„Ich habe aber noch einen andern Fragezettel erhalten, und dieser hat

mich herzlich gefreut.“ Gretchen wagte einen raschen Blick auf Elsbeth,

diesmal _mußte_ es ihre Frage sein. „Die Frage hat mich gefreut, weil

sie ein Zeichen von Vertrauen ist. Sie lautet: ‚Ich kann vieles nicht

mehr glauben, was ich früher geglaubt habe und was wir Christen glauben

sollen, und ich möchte es doch gern glauben. Ich kann auch nicht beten,

wenn ich nicht glauben kann. Aber ich war viel glücklicher früher, wo

ich noch alles geglaubt habe. O, wenn ich nur wieder glauben könnte! Was

soll ich tun?‘

„Was soll ich tun?“ wiederholte der Pfarrer. „Das erste, was du tun

sollst, hast du schon angefangen zu tun: Du hast dich überwunden, deinen

Unglauben auszusprechen einem Gläubigen gegenüber. Wenn du es nicht nur

schriftlich tust, wird es dir noch mehr Segen bringen. Kommt zu mir,

wenn euch Zweifel beunruhigen, dann sprechen wir miteinander, oder wenn

ihr einen Vater, eine Mutter habt, die eure Zweifel befriedigend

beantworten können, so sprecht ganz offen mit ihnen. Meint nicht, daß

das etwas Seltenes, etwas Schlimmes sei, dessen ihr euch schämen müßt.

„Was soll ich tun? fragst du. Du sollst Geduld haben und Treue halten.

Ist dir das Glück jetzt nicht beschieden, fest im Glauben zu sein, so

kannst du dennoch treu bleiben. Denke an den Spruch: ‚So jemand wird des

Willen _tun_, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sei.‘ Es hat

mir einst eine Frau anvertraut: ‚Von meinem zwanzigsten Lebensjahr bis

zu meinem fünfzigsten habe ich mich immer an diesen Spruch halten

müssen, nach dreißig Jahren erst ist mir die richtige Erkenntnis

gekommen und ich weiß jetzt, daß diese Lehre von Gott ist. Es hat mir

keinen Schaden gebracht, denn in allem Unglauben bin ich treu

geblieben.‘ Also Geduld haben und treu bleiben, auch wenn Jahre darüber

hingehen. Lebe, wie wenn du glaubtest, dann bringt das Leben den

Glauben.“

Noch einmal wiederholte der Pfarrer die Frage: „‚Was soll ich tun‘? Du

sollst alles aufsuchen, was dich zu Gott führen kann: ernste Arbeit,

edle Erholung, gute Bücher, kräftige Predigten und wahre Christen, und

sollst alles meiden, was von Gott wegführt. Dann, glaube mir, kommt

einmal der Tag, wo du das Wort liest oder hörst, das gerade für dich das

richtige ist, dann wirst du wieder so glücklich sein oder noch

glücklicher wie zur Zeit des ersten Kinderglaubens.“

* * * * *

Als heute Pfarrer Kern die Mädchen verließ, waren sie schweigsamer als

sonst; sie wußten, daß eine unter ihnen war, der die Worte sehr nahe

gegangen sein mußten, und sie wollten nicht so schnell wieder von

gleichgültigen Dingen reden. Gretchen stand am Kleiderhalter und wollte

ihre Jacke anziehen. „Komm, ich helfe dir,“ sagte eine freundliche

Stimme. Es war Elsbeth, die ihre Hilfe anbot, eine Hilfe die nicht nötig

war, die aber Gelegenheit gab, sich gegenseitig verständnisinnig in die

Augen zu blicken und sich, von den andern unbemerkt, die Hand zu

drücken.

Während die meisten Mädchen mit ihren Gedanken über das Gehörte

beschäftigt waren, ließ sich plötzlich Elise Schönlein vernehmen: „Wer

hat denn das gefragt wegen der Aufführung für Fräulein von Zimmern?“

„Aber Elise!“ riefen ein paar Mädchen zugleich, „wir sollen doch nie

darnach fragen; wenn sie wollten, könnten sie es ja von selbst sagen!“

„Ja sie sagen’s eben nicht von selbst, darum frage ich,“ entgegnete

Elise. Die andern lachten. „Es bleibt allerdings doch kein Geheimnis,“

sagte Ottilie, „weil es unser Pfarrer mündlich mit uns besprechen will

und uns in die vierte Klasse bestellt hat. So kann ich es auch gleich

sagen: _ich_ habe angefragt und die beiden andern werden es wohl auch

nicht geheim halten können.“

Sie nannten sich; es waren eine Cousine von Ottilie und deren Freundin.

„Wie hat eure Frage gelautet?“ fragte Gretchen, „was für eine Freude wir

Fräulein von Zimmern zum Schluß machen könnten? Wir alle, die ganze

Klasse?“ „Ich habe nur an uns drei gedacht,“ sagte Ottilie. „Ich bin

begierig, was da verabredet wird,“ sagte Gretchen; „es gibt gewiß etwas

Nettes.“

Die Mädchen trennten sich. Eine ging leichteren Herzens von dannen, als

sie gekommen war, und pries sich glücklich, daß jemand sie abgehalten

hatte, davonzulaufen. Auch Gretchen dachte noch an die Antwort des

Pfarrers und freute sich, der Mutter von dieser Stunde zu erzählen. Aber

als sie heimkam, mußte sie sich gedulden; denn sie traf die Mutter nicht

allein. Eine große umfangreiche Person stand ihrem Mütterchen gegenüber.

Es war eine Kochfrau, die bei feierlichen Gelegenheiten als Köchin

berufen wurde. Im Hause Reinwald war sie bisher noch nie tätig gewesen,

denn Lene war selbst eine Meisterin in der Kochkunst und hatte keine

Hilfe bedurft. Von Franziska konnte man das noch nicht rühmen, und so

war die Kochfrau gebeten worden, die Bewirtung für eine größere

Abendgesellschaft zu übernehmen, die Herr und Frau Reinwald geben

mußten. Heute war erst die Vorberatung; diese wurde aber sehr lebhaft

gepflogen, und Gretchen fand, als sie eintrat, für ihren Gruß bei der

Mutter nur eine ganz flüchtige Erwiderung und bei Frau Batz gar keine

Beachtung.

Eine Weile hörte Gretchen nicht ohne Interesse zu, ob Pastetchen oder

Mayonnaise, ob Krebsauflauf oder Griespudding. Aber all die Einzelheiten

der Bewirtung interessierten sie nicht. Sie war auch noch so erfüllt von

der letzten Schulstunde und hätte gern vor Tisch noch mit der Mutter

darüber gesprochen. Jetzt war es schon bald ein Uhr, Essenszeit. Wenn es

wenigstens Notwendiges gewesen wäre, was diese Frau sagte, aber das

Nötige war offenbar schon längst erledigt; denn Frau Batz wiederholte

nun schon zum drittenmal: Ich sag’s ja, wer das Kochen los hat, der

macht aus einem Ei zwei.

Gretchen verlor die Geduld. „Mutter,“ sagte sie, „es ist schon so spät,

der Vater wird gleich zum Essen kommen.“ „Oh, es hat noch lang Zeit bis

ein Uhr,“ sagte Frau Batz, „und vor Eins wird in keinem meiner Häuser

gespeist. Natürlich unsereins kommt ja nur in die feinsten Häuser. Aber

die Schulkinder sind immer ungeduldig, es fehlt halt die Einsicht, das

rechte Verständnis. Aber wie gesagt, das Salatöl vom Hinterboxer –“

Gretchen rannte davon, sie war wütend über Frau Batz. Sie kam in des

Vaters Arbeitszimmer. „Vater,“ rief sie, „Frau Batz ist bei der Mutter

und läßt sie nicht los; bitte, komm doch ins Eßzimmer und räsonniere

gleich ein wenig über die Unpünktlichkeit.“

„Den Gefallen will ich dir tun, aber es ist leider noch nicht ganz ein

Uhr.“

Noch drei Minuten vergingen, dann schlug es und Herr Reinwald verließ

sein Zimmer. Aber Frau Batz ging nicht so leicht in eine Falle, auch sie

hatte mit dem Schlag das Eßzimmer verlassen, und so konnte Herr Reinwald

nichts tun, als ihren untertänigen Gruß artig erwidern, und Gretchen,

die ihm auf dem Fuße folgte, mußte es mit ansehen.

Auf die große Abendgesellschaft freute sich Gretchen gar nicht. Früher

war so etwas nett gewesen, denn wenn auch Lene an solchen Tagen während

der Zurüstungen nicht die rosigste Laune zeigte, so war sie nachher um

so liebenswürdiger gewesen, wenn alles glücklich serviert war. Gretchen

hatte solche Abende in der Küche zugebracht, wo ihr die besten Bissen

aufgetischt wurden, und wenn sie diesen gut zusprach, so war Lene

überzeugt, daß alles gut geraten sei, und die beiden waren sehr

gemütlich beisammen. Mit Wehmut dachte Gretchen an diese vergangenen

Zeiten und es trieb sie, wieder einmal Lene zu besuchen, die sie lange

nicht mehr gesehen hatte.

Diesmal traf sie Lene ganz allein zu Hause, saß bald gemütlich bei ihr

am Fensterplätzchen und erzählte. Hier fand sie immer die wärmste

Teilnahme für alle ihre Erlebnisse. Lene hatte ihr Strickzeug

herbeigeholt und arbeitete fleißig. „Für wen strickst du das nette

Kinderjäckchen?“ fragte Gretchen. „Ich kenne das Muster, es war das

letzte, was ich bei Fräulein Treppner gestrickt habe vor ihrem Tod.“

„Ja,“ sagte Lene, „es ist ein schönes Muster.“

„Für wen machst du’s?“ Da sah Lene von ihrer Arbeit auf und ihre Augen

leuchteten, als sie antwortete: „Für mein eigenes, kleines Kind, wenn

Gott mir eines beschert.“

„O Lene, was wäre das für eine Freude!“ rief Gretchen. „Gelt?“ sagte

Lene, „und wenn es nun gar ein Mädchen wäre zu den drei Buben, ich

glaube, es würde sie selber freuen!“ „Ja, aber mich noch viel, viel

mehr!“ Lene stand von der Arbeit auf. „Komm mit mir, ich zeige dir

etwas.“ Sie führte Gretchen über den Gang in ein Kämmerchen, das sie

aufschloß. „Sieh,“ sagte sie, „da steht schon der Kinderwagen bereit,

den hat mir mein Mann auf der letzten Messe gekauft und dazu gesagt:

‚Ein Kutscher muß doch zuerst fürs Fuhrwerk sorgen!‘ Und sieh, die

kleinen Bettchen, die waren noch da von den Buben, die habe ich frisch

hergerichtet, jetzt sind sie wieder wie neu. Und da sieh her, die

winzigen Hemdchen, weißt du, von wem die sind? Die hat mir neulich deine

Mutter mitgegeben, die sind von dir, Gretchen. Alle paar Jahre habe ich

sie wieder gebleicht, daß sie schön weiß bleiben, und habe manchmal

gedacht: es ist schade, daß wir kein Kindchen mehr für die netten Hemden

haben.“

Gretchen sah die kleine Wäsche, die so blühweiß vor ihr lag, und es kam

ihr in den Sinn, wie Lene schon für sie gesorgt hatte in einer Zeit, von

der sie nichts mehr wußte. Sie gab Lene einen Kuß und sagte: „Ich möchte

auch etwas für dein Kindchen tun, was kannst du wohl dafür brauchen?“

„Fürs erste ist gesorgt,“ sagte Lene, „aber später, wenn es Gottes Wille

ist, daß das Kind groß wird und alles in der Schule so schwer ist, wie

es bei dir immer war, wenn ich die Sachen nicht recht verstehe oder

vielleicht gar nicht mehr am Leben bin, dann hilfst du meinem Kind,

gelt, Gretchen?“ „Ja,“ sagte Gretchen, „ich weiß schon, was du meinst,

sie muß immer die erste sein, sonst bist du ja nicht zufrieden!“

Lene machte die Bettchen wieder zurecht und schloß sorgfältig die

Kammer. Gretchen schickte sich an heimzugehen. „Ich begleite dich durch

den Hof,“ sagte Lene, „ich habe da ein Stück Fleisch übrig, das will ich

der Base bringen. Ach Gretchen, mit der Base ist mir eine schwere Last

aufgelegt. Sie wird immer elender und nun klagt sie immer, wie einsam

sie sei, und sagt, wir sollten sie doch zu uns nehmen in die Kammer

neben unserer Schlafstube. Sie meint, es wäre so bequem, wenn sie mich

nachts rufen könnte und bei Tag in unserer Stube sitzen. Und dann sagt

sie wieder, sie wisse wohl, daß sie mir zu gering sei. Ach Gretchen, zu

gering ist sie mir ganz gewiß nicht, aber ich weiß keinen Menschen, der

so verdrießlich ist wie sie! Wenn ich sie ins Haus nehme, ist mir’s, als

wenn mir’s Regenwetter bis ins Zimmer hereinkäme.“

„Kann sie keine Pflegerin zu sich nehmen, ist sie zu arm dazu?“

„Sie wäre gar nicht so arm, sie bekommt viel aus der Kasse, aber bei ihr

ist’s so: sobald sie Geld hat, schickt sie ihr Schnapsfläschchen zum

Füllen. Die Buben müssen ihr’s besorgen, der Kleine hat mir’s verraten.

Da heißt’s immer: ‚Hol mir den Schnaps, sag’s dem Vater nicht, dann

kriegst auch einen Schluck.‘ Es ist nichts nutz für die Kinder! Ich

hab’s lang nicht begriffen, warum sie so gern zu der Bas gehen, aber

jetzt weiß ich’s; sie gibt ihnen auch oft ein paar Pfennige zum Naschen.

Es wäre freilich besser, sie wäre bei mir, dann könnte ich nach allem

sehen.“

„Ja, vor dir müßte sie sich schämen, Schnaps zu trinken.“

„Ganz könnt’ sie’s wohl nicht mehr lassen.“

„O Lene, du dauerst mich; wenn du sie nicht zu dir nimmst, ist’s nicht

gut, und wenn du sie nimmst, ist’s gar nicht mehr nett bei dir!“

„Ich kann mir’s noch überlegen bis zum Ziel, vorher rede ich noch mit

deiner Mutter.“ Lene und Gretchen standen längst an dem Punkt, wo sich

ihre Wege trennten.

„Adieu, Lene,“ sagte Gretchen, „komm nur bald zur Mutter, sie muß einen

Ausweg finden.“

„Ja, nach eurer Gesellschaft komme ich, vorher hat deine Mutter keine

Zeit.“

„Ach ja, die Gesellschaft, die Frau Batz, die aus einem Ei zwei macht!“

„Gegen die darfst du nichts sagen, Gretchen, sie ist weit und breit

berühmt, und du wirst sehen, wie fein sie alles macht. Aber eines kannst

du ihr ausrichten: links hinten im Bratrohr ist ein kleines Loch, auf

das muß sie ein Blech legen, sonst bekommt sie keine gleichmäßige

Hitze.“

„Ich will’s ihr ausrichten; adieu Lene.“ Als Gretchen schon ein paar

Schritte weg war, rief ihr Lene noch nach: „Ganz hinten, links!“ und

Gretchen wandte sich lachend um und rief zurück: „Ich habe schon

verstanden, ganz vorn rechts!“ über welche Zurufe die Vorübergehenden

etwas erstaunt aufsahen.

Am nächsten Mittwoch um zehn Uhr gleich nach der Geschichtsstunde sagte

Gretchen zu den neben ihr Sitzenden: „Kommt, wir lassen alle Bücher

liegen und gehen schnell hinunter, damit unser Pfarrer nicht warten

muß.“

„Ihr wollt hinunter?“ fragte Ottilie; „habt ihr auch etwas zu

verabreden?“

„Wir wollen doch mittun, wenn etwas für Fräulein von Zimmern verabredet

wird!“ sagte Gretchen. „Und möchten die Vorschläge hören,“ fügte Elsbeth

May hinzu.

Aber Hermine wehrte ab: „Bleibt doch, ihr seht ja, daß uns Ottilie nicht

dabei haben will.“

„Das brauchst du gar nicht so spitzig zu bemerken,“ entgegnete Ottilie;

„wenn man allein einen guten Gedanken hat, will man doch auch allein die

Ehre davon und den Dank dafür. Ihr hättet ja selbst daran denken können,

irgend eine Schlußfeier zu veranstalten.“ Das Kleeblatt verließ das

Schulzimmer. Es folgte ihnen keine der Kamerädinnen, es folgte ihnen

aber auch keine gute Nachrede!

Die Schülerinnen der vierten Klasse hatten ihr Schulzimmer schon

verlassen und der Pfarrer stand allein am Pult, als die drei Mädchen

eintraten. Ottilie dankte dem Pfarrer sehr artig für die versprochene

Beratung.

„Wo sind die andern?“ fragte der Pfarrer; „haben sie nicht mitkommen

wollen?“

„Wir wollen ihnen nachher Ihren Vorschlag mitteilen,“ antwortete eines

der Mädchen ausweichend.

„So? Mein Vorschlag ist allerdings auf die Mitwirkung der ganzen Klasse

berechnet.“ Die Mädchen schwiegen und sahen sich unschlüssig an. „Ihr

wollt wohl lieber etwas, bei dem nur ihr drei beteiligt wärt?“ „Ja,“

antwortete das Kleeblatt wie aus einem Mund.

Der Pfarrer ging ein paarmal auf und ab und blieb dann vor Ottilie

stehen. „Man muß sich nur immer klar machen, was man will. Ist es euch

darum zu tun, Fräulein von Zimmern eine große Freude zu machen, so

erreicht ihr das am besten, wenn ihr alle zusammenwirkt. Liegt euch aber

mehr daran, euch vor den andern auszuzeichnen, so müßt ihr allerdings

allein handeln, nur dürft ihr in diesem Fall nicht meine Hilfe in

Anspruch nehmen, denn das ist nicht nach meinem Sinn.“

Eine kleine verlegene Pause entstand, dann sagte Ottilie zu ihrer

Cousine: „Geh hinauf und hole die andern.“ Diese folgte, wie sie es

ihrer schönen Cousine gegenüber nicht anders gewöhnt war. Oben

angekommen, rief sie nur durch die Türe: „Ihr sollt alle

herunterkommen,“ und sie eilte voran, um über die bisherige Verhandlung

nicht ausgefragt zu werden.

Inzwischen sagte der Pfarrer zu den beiden Mädchen: „Wenn ihr nicht

lernt, euch mit andern zu freuen, so werdet ihr wenig Freude erleben,

wer sich aber mit andern freuen kann, dem wird es durch’s ganze Leben

hindurch nicht an Freude fehlen.“

Sobald die ganze Oberklasse versammelt war, sprach der Pfarrer in

verändertem, heiterem Ton: „Dies Kleeblatt hat also den Wunsch, eine

Schlußfeier zu veranstalten und hat euch gerufen, damit ihr alle mittut

und zunächst meinen Vorschlag mit anhört. Will man jemand eine Freude

machen, so muß man vor allem seine Eigenart bedenken. Da hat mich nun

Fräulein von Zimmerns große Vorliebe für die Literatur auf einen

Gedanken gebracht. Ihr wißt alle, wie gern und wie ausgezeichnet sie in

diesem Fach Unterricht erteilt, und wie gern sie euch noch mehr davon

gelehrt hätte, wenn die Zeit nicht so knapp zugemessen wäre. Wie käme

euch nun mein Vorschlag vor: Ihr fünfzehn Mädchen würdet euch in fünf

Gruppen teilen; jede Gruppe übernähme einen Dichter, würde seine

Biographie studieren und so viel von seinen Werken lernen, daß man ein

vollständiges Bild von ihm bekäme. Ich nehme z. B. an, drei von euch

hätten sich Schiller erkoren. Sie würden nun seine Biographie – die ich

euch verschaffen kann – gemeinsam lesen und dann verteilen: eine müßte

alle Fragen beantworten können, die seine Jugendzeit betreffen, die

zweite die nächstfolgende Periode, die dritte die letzte Periode.

Gedichte, die ihr früher auswendig lernen mußtet, blieben weg und

weniger bekannte, vielleicht auch Monologe aus dramatischen Werken oder

sogar Abschnitte aus prosaischen, würden gelernt. Kommt dann die letzte

Schulwoche, so fordert ihr Fräulein von Zimmern auf zu einer

außerordentlichen Literaturstunde und überreicht ihr feierlich die Liste

von allem, was sie euch abfragen darf. Versteht ihr wohl, wie ich’s

meine?“

Ehe noch die Mädchen antworten konnten, ertönte im Vorplatz das

Glockenzeichen, die Schülerinnen der vierten Klasse erschienen unter der

Türe und machten sehr erstaunte Gesichter über die Eindringlinge. Die

Großen mußten das Feld räumen, und der Pfarrer sagte im Fortgehen:

„Überlegt es euch, ob ihr soviel Arbeit auf euch nehmen wollt, wir

sprechen noch einmal darüber.“

Erst um zwölf Uhr hatten die Mädchen Zeit, ihre Gedanken über den

Vorschlag auszutauschen. Darüber waren alle einig, daß es ganz nach dem

Sinne von Fräulein von Zimmern wäre, auch fürchteten sie die Arbeit

nicht, es lagen noch zwei Monate bis zum Schulschluß vor ihnen, in

dieser Zeit konnte man viel lernen. Aber es war doch kein fröhliches

Besprechen und Beraten, denn vom Morgen her herrschte noch eine

Verstimmung zwischen dem Kleeblatt und den andern Mädchen.

Hermine sagte halblaut zu Gretchen: „Es ist nicht nett für uns,

mitzutun, wo man uns lieber nicht dabei hätte!“

„Ich glaube,“ sagte Gretchen gutmütig, „sie haben uns jetzt ganz gern

dabei, denn sie haben uns ja selbst heruntergerufen.“

„Weil sie mußten!“

„Das kannst du doch nicht wissen.“

„Sieh doch nur Ottilie an, wie sie verstimmt aussieht.“

Das konnte nun allerdings Gretchen nicht leugnen. Im stillen sann sie

nach, wie Ottilie wieder gut gestimmt werden könnte. Ihr war es immer

Bedürfnis, das gute Einvernehmen wieder herzustellen, wenn es gestört

war, und sie besann sich nie lange, wer schuld war an der Störung.

Einige Mädchen hatten schon das Schulzimmer verlassen, andere waren im

Begriff fortzugehen. Gretchen hielt Ottilie zurück, und sagte leise:

„Bleibe noch einen Augenblick bei mir,“ und sowie sie allein waren,

sagte sie: „Ottilie, mir ist ein guter Gedanke für dich gekommen, weil

du doch lieber allein Fräulein von Zimmern eine Freude gemacht hättest.“

„Ach nein, es ist mir ja ganz recht so, wie es ausgemacht ist. Übrigens

was hast du für einen Gedanken?“

„Du könntest für Fräulein von Zimmern eine schöne Handarbeit machen und

sie ihr am letzten Tag überreichen. Wir reden dann nicht vor den andern

davon, damit du etwas für dich allein hast.“

„Das gefiele mir wohl, aber man wird mir’s übelnehmen, wenn ich nicht

mittue bei der Literatur.“

„So meine ich’s auch nicht, du mußt natürlich mittun, sonst wäre es ja

gar nicht nett, aber die Handarbeit kannst du doch noch dazu machen, wir

haben ja noch zwei Monate Zeit.“

Ottilie überlegte. Die schönsten benähten Deckchen und gestickten Kissen

erschienen ihr im Geist. Feine Handarbeiten waren ihre große

Liebhaberei, der Vorschlag paßte für sie. Hermine, die vorangegangen

war, rief nach Gretchen. „Ich komme,“ rief diese dagegen und eilte der

Freundin nach. Ottilie folgte ihr langsamer und sagte halblaut vor sich

hin: „Es ist doch ein guter Kerl!“

Das waren nun in den nächsten Tagen endlose Beratungen in der Schule:

Welche Dichter sollte man wählen und wie die Gruppen bilden? Die

verschiedensten Vorschläge schwirrten durcheinander; von den fünfzehn

Mädchen sprachen immer vierzehn zugleich ihre Meinung aus und Elise

Schönlein, die keine Meinung hatte, blieb die einzige Zuhörerin. Die

Verstimmung war gewichen, alle waren voll Eifer für das Vorhaben, aber

die Sache war doch schwierig in Gang zu bringen.

Eines Morgens, bei Beginn der Pause, kam Mathilde Braun zu den Großen

und sagte zu ihrer Schwester Hermine: „Unser Pfarrer kommt gleich herauf

zu euch.“ „Woher weißt du es?“ frugen verschiedene Stimmen.

„Er hat mich gefragt, ob ich wisse, wie es mit eurem Plan stehe. Ich

habe gesagt: Es steht durcheinander. Dann hat er gelacht und gesagt, er

wolle euch besuchen.“

Richtig kam Pfarrer Kern auch schon die Treppe herauf, und nach kurzer

Zeit war alles aufs schönste geordnet. Jede Schülerin sollte am nächsten

Tag einen Zettel mitbringen, auf dem fünf Dichter vorgeschlagen wären.

Diejenigen Dichter, die die meisten Stimmen für sich hätten, würden

gewählt. Durch das Los sollten je drei Mädchen zu einer Gruppe vereinigt

und wiederum jeder Gruppe ein Dichter zugeteilt werden. Die nötigen

Bücher wollte der Pfarrer liefern und in den Inhalt derselben sollten

die einzelnen jeder Gruppe sich teilen.

Am Abend saß Gretchen sinnend vor ihrer Literaturgeschichte, um die fünf

Dichter zu wählen, die sie vorschlagen wollte. Schiller und Goethe waren

schnell aufgeschrieben, die durften ja nicht fehlen; dann kam Körner als

ihr Lieblingsdichter, und etwas zögernd folgten Lessing und Uhland.

Die ganze Klasse war am folgenden Tag sehr begierig auf die Zählung und

die Verlosung, die sie in der Freiviertelstunde vornehmen wollten.

Fräulein Bertrand, die um neun Uhr zur französischen Stunde kam, wurde

ins Vertrauen gezogen und gebeten, etwas vor zehn Uhr zu schließen, um

die Pause zu verlängern. Sie zeigte großes Interesse für den Plan und

erklärte sich bereit, in der Stunde die Zählung und Verlosung vornehmen

zu lassen, unter der Bedingung, daß dabei französisch gesprochen würde.

Das war unsern Großen keine zu schwierige Bedingung, und die Zählung

begann.

Schiller, Goethe und Lessing hatten weitaus die meisten Stimmen, dann

kamen Rückert und Uhland. Körner war zu Gretchens Bedauern

durchgefallen.

Nun wurden mit Hilfe des Loses die Gruppen gebildet. Ottilie, als die

Urheberin des Ganzen, durfte zu erst zwei Zettel mit Namen ziehen; der

erste trug den Namen: Elise Schönlein. Ottilie gab sich keine Mühe,

ihren Ärger zu verbergen, als ihr die Letzte zur Bundesgenossin zufiel,

aber wie um sie schadlos zu halten, stand auf dem zweiten Los, das sie

zog: Gretchen Reinwald. Die Erste und die Letzte, das konnte sich ja

ausgleichen.

Hermine Braun kam mit Elsbeth May und mit der Cousine Ottiliens in eine

Gruppe.

Bei der Verlosung der Dichter erhielt die erste Gruppe Schiller, und

Ottilie forderte Gretchen und Elise Schönlein auf, in der nächsten Woche

zu ihr zu kommen, um zu verabreden, was jede von ihnen lernen sollte.

Als alle Gruppen und Dichter verteilt waren, erkundigte sich Fräulein

Bertrand, in welcher Weise beim Schulschluß das Gelernte vorgetragen

werden sollte.

„Ganz einfach,“ sagte Gretchen, „wir bitten Fräulein von Zimmern um eine

Stunde, und sie fragt uns ab.“ Aber dies gefiel der Französin nicht.

„Ihr werdet euch nicht so nüchtern, wie alle Tage, um den grünen Tisch

setzen,“ sagte sie, „es treten sonst die Gruppen gar nicht hervor. Ihr

solltet euch getrennt in fünf Gruppen im Halbkreis aufstellen, Fräulein

von Zimmern in der Mitte, so wird es hübsch. Seht, so!“ Fräulein

Bertrand stellte die Mädchen je drei und drei im Halbkreis auf, wobei es

sehr lebhaft und fröhlich zuging, bis zu dem Moment, wo plötzlich jeder

Laut verstummte und alle wie versteinert stehen blieben – denn Fräulein

von Zimmern trat ein.

Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr: Eine Erzählung für Mädchen von 13-16 Jahren · 第 14 / 19 段