Zum Schluß des Festes wurden die Kinder in den Konzertsaal des Schlosses

geführt. Dort war eine kleine Bühne errichtet, auf der eine lustige

Puppenkomödie aufgeführt wurde. Von einer erhöhten Galerie aus sah die

Königin mit den drei Prinzen der Aufführung zu und konnte sich an dem

lauten Beifall der Schuljugend ergötzen. Im Hintergrund des Saales hatte

sich die Dienerschaft des Schlosses eingefunden, die von dem Fest nicht

nur die Mühe, sondern auch den Spaß haben wollte. Während einer Pause in

der Aufführung hatte Gretchen zufällig zurückgesehen, und seitdem wandte

sie sich öfter um und sah dorthin. „Warum siehst du dich immer um?“

fragte eine Schülerin des Adeligen Instituts, die in ihrer Nähe saß und

sie ein wenig kannte. „Dort hinten ist nichts Interessantes zu sehen,

dort steht nur die Dienerschaft.“ „Ich weiß,“ sagte Gretchen, „aber

unter diesen Leuten kenne ich jemand und dem möchte ich für etwas

danken.“ „Das geht doch nicht an, es ist ja auffallend, sogar die

Königin könnte es von oben bemerken. Ich möchte nicht vor ihr und all

diesen Mädchen mit jemand aus der Dienerschaft reden.“

„Warum denn nicht? Unter der Dienerschaft habe ich meine besten

Freunde,“ sagte Gretchen und dachte dabei an Lene.

Als nach dem nächsten Auftritt der Vorhang wieder fiel, hatte Gretchen

ihren Entschluß gefaßt. Sie stand augenblicklich auf, schlüpfte zwischen

den Reihen hindurch bis in den Hintergrund des Saals, unbekümmert um die

verwunderten Blicke, die ihr folgten. Mitten unter den Leuten stand der

Hofkutscher Plitt. Auf ihn hatte Gretchen es abgesehen. Plötzlich stand

sie vor dem Erstaunten, reichte ihm die Hand: „Ihnen muß ich danken,

denn wenn Sie nicht so gut gewesen wären, hätte ich keine Karte zum Fest

bekommen. Die Lene hat mir’s erzählt.“ „Nichts zu danken, es ist ja gern

geschehen,“ versicherte der Mann wiederholt. Es war ihm aber wohl

anzumerken, wie es ihn freute, daß eines von den größten und schönsten

Festfräulein so vor aller Augen zu ihm herkam und sich bei ihm bedankte,

und es folgten ihr viel freundliche Blicke der Dienerschaft, als sie zu

ihrem Platz zurückeilte, um ihn zu erreichen, ehe der Vorhang in die

Höhe ging.

* * * * *

Hoch befriedigt kamen all die jungen Gäste vom Fest heim und in

vornehmen und geringen Häusern wurde an diesem Abend von denselben

Erlebnissen gesprochen. Gretchen hatte aber noch etwas mehr erlebt als

alle andern. Die kleine Weile, die sie mit der königlichen Mutter allein

an der Wiege der Prinzessin gestanden war, schien ihr die köstlichste

Erinnerung von allem, und noch im Einschlafen schwebte ihr das holde

Lächeln des Kindes vor. Als Frau Reinwald ein paar Minuten, nachdem

Gretchen zu Bett gegangen war, noch einmal in ihr Zimmer kam, um das

weiße Kleid herauszunehmen (es _hatte_ ein Loch, aber die Königin konnte

es nicht gesehen haben), da war Gretchen schon eingeschlafen, und noch

im Schlaf lag ein glücklicher, friedlicher Ausdruck auf ihren Zügen. „Du

mein sonniges Glückskind,“ sagte die Mutter bewegt, „Gott erhalte dich

so wie du bist!“

Dreizehntes Kapitel.

Fräulein Trölopp.

Rudi und Betty hatten sich so eingelebt in der Familie Reinwald, daß sie

ganz erstaunte Gesichter machten, als eines Tages die Nachricht kam,

Fräulein Trölopp würde am nächsten Montag kommen, um sie heimzuholen.

Ihnen war es, als seien sie schon daheim, und sie sehnten sich nicht

fort. Auch Gretchen hatte sich sehr an sie gewöhnt wie an kleine

Geschwister und mochte gar nicht daran denken, daß sie nun wieder das

einzige Kind im Haus sein würde. Aber etwas war doch bei dieser

Mitteilung, das sie sehr glücklich machte: Fräulein Trölopp wollte ja

die Kinder holen. Sie freute sich so sehr darüber, daß sich Frau

Reinwald wunderte. „Du hast sie doch zu wenig kennen gelernt, um sie

eigentlich lieb zu gewinnen,“ sagte Frau Reinwald.

„Ich weiß auch gar nicht, ob ich sie lieb habe; aber sie ist so ganz

anders, als alle andern Menschen, daß ich zu gerne möchte, Ihr lerntet

sie kennen.“

Als am nächsten Tag Gretchen an die Bahn ging, um Fräulein Trölopp

abzuholen, brauchte sie sich nicht lange unter den Ankommenden

umzusehen. Der bekannte, grellgelbe Samthut leuchtete ihr schon von

weitem entgegen, auch der schillernde Reisemantel fehlte nicht, und die

fremdartige Erscheinung zog sogar in der Residenz manchen Blick auf

sich. Im ersten Augenblick war es Gretchen, als sei Fräulein Trölopp

noch etwas unschöner als früher, und während die dicke, kleine Gestalt

mit ihr durch die Straßen watschelte, mußte sie denken, was wohl die

Eltern von der neuen Bekanntschaft halten würden. Vielleicht fänden sie

dieselbe nur abstoßend und würden sie gerne möglichst bald wieder ziehen

sehen?

Konnte Fräulein Trölopp Gedanken lesen? Fast mußte es Gretchen glauben;

denn sie unterbrach Gretchens Gedankengang, indem sie sagte: „Ich werde

Ihren Eltern nicht lange zur Last fallen. Es ist jetzt elf Uhr, um zwei

Uhr werde ich mit den Kindern abreisen.“

„Aber Fräulein Trölopp,“ rief Gretchen erstaunt, „wir haben ja

gerechnet, daß Sie bei uns übernachten!“

„Ich mache nicht gerne unnütze Mühe; sagen Sie selbst, hat es einen

Nutzen, daß ich bleibe?“

„Sie müssen sich doch ein wenig von der Reise erholen.“

„Das ist unnütz.“

„Wir haben aber die Kindersachen noch gar nicht alle eingepackt.“

„Das kann ich zwischen elf und zwei Uhr besorgen.“

Gretchen wandte nichts weiter ein; sie mochte nicht sagen: Es wird uns

leid tun, wenn Sie so kurz bleiben. Den Eltern mußte ja die

abenteuerliche Erscheinung mißfallen. Warum konnte sich auch Fräulein

Trölopp nicht ein klein wenig anspruchsloser kleiden? Franziska würde

gleich spöttisch lächeln beim Anblick dieses Gastes! Als sie zu Hause

anlangten, öffneten die Kinder die Türe, und fast gleichzeitig mit ihnen

erschien Frau Reinwald, deren feine, schlanke Gestalt den größten

Kontrast gegen die kurze, dicke Figur Fräulein Trölopps bildete.

Gretchen sah fast ängstlich auf die Mutter, wie würde der erste Eindruck

sein?

Unnötige Sorge, Gretchen! Es gibt Menschen, die sehen durchs Äußere

hindurch ins Innere, und zu diesen gehört deine Mutter!

Frau Reinwald hieß mit großer Herzlichkeit Fräulein Trölopp willkommen.

„Sie haben meiner Schwester und ihren Kindern so viel Liebe erwiesen,

daß ich glücklich bin, Ihnen auch ein ganz klein wenig Liebe erweisen zu

können. Wer weiß, wie meine Schwester die schwere Zeit überstanden hätte

ohne Ihre Hilfe. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin!“

und bewegt zog Frau Reinwald die Fremde an sich und küßte sie. Gretchen

fühlte sich glückselig, alle ihre Erwartungen waren übertroffen! Ein

solcher Empfang wurde Fräulein Trölopp zu teil! Und sah diese noch so

häßlich aus? Nein, in diesem Augenblick war wenigstens _etwas_ Schönes

an ihr, das war der warme Strahl des Glücks, der aus ihren Augen

leuchtete, während sie zu Frau Reinwald aufsah und einfach sagte: „Sie

sind eine edle Frau!“

Gretchen fühlte sich am Kleid gezupft, als sie eben der Mutter und dem

Gast ins Zimmer folgen wollte. Rudi und Betty waren es, die sie

festhielten und ihr nun zuflüsterten: „Jetzt kommt die Überraschung.“

Neugierig trat Gretchen mit den andern in das Wohnzimmer und war in der

Tat überrascht. Ehe sie an die Bahn gegangen war, hatte die Mutter

gesagt: „Wir brauchen nichts zum Empfang zu richten, es wird ja bald

nachher zu Mittag gegessen und der erwartete Gast ist anspruchslos.“

Kaum aber war Gretchen fort gewesen, so hatte Frau Reinwald den Tisch

gedeckt, mit Blumen geschmückt, Kuchen und Wein aufgestellt. Sie wollte

den Gast und zugleich Gretchen damit erfreuen und ergötzte sich nun an

Gretchens Überraschung, die sie doch nicht aussprechen konnte.

Herr Reinwald trat ein, als sich Fräulein Trölopp eben für den

gastlichen Empfang bedankte. „Verlieren Sie nur keine Worte darüber,“

sagte er, „meine Frau meint nämlich mit ihrem Kuchen und ihren Blumen

gar nicht Sie, sie meint nur ihre gut gepflegte Schwester und glücklich

genesenen Neffen und allenfalls noch dieses Gretchen dort, das man nicht

mehr erfreuen kann, als wenn man eine gewisse Reisebekanntschaft ehrt;

ist’s nicht so, Gretchen? Wie sagt man, Córdova oder Cordōva?“

Das Einpacken der Kinderkleider, das Fräulein Trölopp zwischen elf und

zwei Uhr besorgen wollte, schien doch größere Schwierigkeiten zu machen,

oder hatte Frau Reinwald etwas anderes ausfindig gemacht, das ein

längeres Verweilen „nützlich“ erscheinen ließ? Jedenfalls leuchtete der

gelbe Samthut an diesem Tag nicht mehr auf dem Bahnhof, und Fräulein

Trölopp saß abends mit der Familie Reinwald am gemütlichen Teetisch. Die

Kleinen waren zum letztenmal in ihre Bettchen gebracht, Franziska hatte

den Teetisch abgeräumt, es war die Stunde traulichen Gespräches.

„Sie waren gewiß schon in größeren Haushaltungen tätig,“ fragte Frau

Reinwald, „da Sie sich so merkwürdig schnell in dem Hauswesen meiner

Schwester zurecht gefunden haben.“

„Ja, aber nur aushilfsweise, alles aushilfsweise. Ich war im spanischen

Amerika, was Sie auf deutsch etwa ‚Helferin‘ nennen würden.“ Gretchen,

die längst gerne etwas über Fräulein Trölopps eigentlichen Beruf gehört

hätte, fragte begierig: „Was tut eine Helferin?“

„Haben Sie noch nie gehört von dieser Einrichtung? Die Helferin hilft

aus bei unvorhergesehenen Schwierigkeiten.“

„Also in Krankheiten?“

„Auch da, doch nur so lange, bis eine Krankenpflegerin gefunden ist.

Öfter noch hilft sie in andern Fällen, einerlei was es ist, wenn es nur

unvorhergesehen und nützlich ist.“

Fräulein Trölopp schwieg. Es schien nicht ihre Art zu sein, viel von

ihrem Tun zu sprechen. Herr Reinwald bemerkte Gretchens Enttäuschung

darüber. „Sehen Sie nicht, Fräulein Trölopp,“ sagte er, „wie neugierig

dies große Kind ist, und wie gerne es noch mehr hören möchte von Ihrer

Tätigkeit in Amerika. Und wir Eltern verstecken uns selbst gern hinter

ihre Neugier und bitten Sie, erzählen Sie uns ein wenig!“

„Gerne, aber Sie können sich den Beruf der Helferin wohl selbst

vorstellen. Ich half eben aus, wo es not tat. Man wußte meine Adresse

auf der Polizei, bei Bekannten und später in immer weiteren Kreisen. Ich

folgte jedem Ruf, bei Tag oder Nacht, und lehnte bloß ab, wenn die Not

nicht unvorhergesehen war, oder wenn es sich um Unnützes handelte. In

den vielen Jahren, die ich in diesem Beruf stand, kam ich am öftesten in

Familien, wo durch Todesfall ein Haushalt unversorgt war. Die Helferin

bleibt immer nur so lang, bis ständige Hilfe gefunden ist, oft ist’s nur

ein Tag, und nie sollen es mehr als vier Wochen sein, damit die Helferin

immer wieder bereit ist für Unvorhergesehenes. Oft kommt mitten in der

Nacht ein Ruf an sie. Bei mir wurde einmal nachts angeläutet, und als

ich das Fenster öffnete, sah ich vor meinem Haus einen ganzen Auflauf.

Dort unten standen vielleicht zwanzig blinde Mädchen, ein Polizeimann

dabei. Er rief mir herauf: ‚Es brennt in der Blindenanstalt, Sie sollen

diese Blinden in das nächste Schulhaus bringen und bei ihnen bleiben,

bis sie abgeholt werden.‘ So übergab er mir, die ich mich eilends

gerichtet hatte, lauter zitternde, jammernde blinde Mädchen, die ganz

außer sich waren vor Schrecken und sich nicht so schnell wie Sehende

davon überzeugen ließen, daß sie der Gefahr glücklich entronnen waren.

Sie hielten sich an einem Leitseil. Mit diesem führte ich sie langsam

durch die ihnen fremden Straßen bis zu dem Schulhaus.

„Jederzeit nahm ich als Helferin in solchen Fällen zwei Dinge mit mir:

Das eine war Tee, den bereitete ich auch den armen, vor Schrecken,

Schlaf und Kälte zitternden Mädchen in dieser Nacht mit Hilfe der

Hausmeisterin; das andere waren Paul Gerhardts Lieder. Diese habe ich

mir, so gut ich eben konnte, ins Spanische und ins Französische

übersetzt, und sie haben geängstigten Menschen aller Bekenntnisse Trost

und Frieden gebracht. Auch die Blinden brachte ich mit diesen zwei

Mitteln zur Ruhe.

„Noch eine nächtliche Szene ist mir in Erinnerung, noch viel

schmerzlicher als die mit den Blinden. Mit Eintritt der Nacht wurde ich

in ein Haus geholt, dort hatte ein armer Mann in der Verzweiflung sich

und seine Frau ums Leben gebracht. Da lagen sie beide tot, fünf Kinder

schrieen und weinten vor Entsetzen. In einer Kammer nebenan verbrachte

ich die Nacht mit den armen Kindern. Ich konnte sie schwer zur Ruhe

bringen, eine Mutter hätte das wohl besser verstanden als ich: aber wenn

sie ganz allein geblieben wären, hätten sie sich doch noch mehr

gefürchtet, und sie tranken doch auch meinen Tee, hörten meine Lieder

und drängten sich um mich und die Kleinsten schliefen ein. Am Morgen

kamen die Kinder ins Waisenhaus.

„Aber nicht immer hatte ich als Helferin so traurige Pflichten; in der

Zeit einer Epidemie machte ich mehrfach die Stellvertreterin für

erkrankte Lehrerinnen; freilich bin ich nicht in allen Fächern genügend

beschlagen um zu lehren, aber ich konnte die Kinder doch in Ordnung

halten und nützlich beschäftigen. Während einer Epidemie wurde ich auch

in Geschäftshäuser gerufen. Ein paar Tage war ich Kassierin in einem

großen Bazar, dessen Personal erkrankt war; in solchen Fällen wurde ich

oft glänzend bezahlt, und das ist gut, denn wo Armut herrscht,

verzichtet man natürlich auf Bezahlung. Es ist gut, wenn sich solche

Frauen zu Helferinnen hergeben, die etwas Vermögen besitzen, denn man

kann nicht auf regelmäßige Einnahmen rechnen, soll es auch nicht um des

Verdienstes willen tun.

„Man möchte alles können als Helferin, um allen Anforderungen gerecht zu

werden. Einmal schickte Samstag nachmittags eine Büglerin nach mir, sie

habe viele Körbe voll Wäsche für den Sonntag zu bügeln versprochen und

könne sie nicht liefern, wenn ihr nicht jemand zu Hilfe käme. Solche

Fälle müssen oft genau untersucht werden, denn die Helferinnen müssen

sich vor Mißbrauch schützen. Hätte die Frau aus Gewinnsucht oder

Ungeschick zu viel Wäsche angenommen, so hätte ihr jede Helferin die

Hilfe versagen müssen. Es war aber ihrer Tochter der glühende Stahl auf

den Fuß gefallen, und das Bügelmädchen war telegraphisch zur sterbenden

Mutter berufen worden. Das war unvorhergesehen, da mußte die Helferin

eintreten. Ich bügelte mit der Frau bis nach Mitternacht; freilich eine

große Künstlerin bin ich darin nicht, aber es war doch brauchbar, und

die Frau verlor nicht ihre Kundschaft. Am Morgen trug ich mit ihr Wäsche

aus bis zur Kirchenzeit, denn einer Helferin darf keine Arbeit zu gering

sein. Sie soll sich aber auch in der eleganten Welt zu benehmen wissen,

denn auch in dieser kommen unvorhergesehene Notfälle vor, wenn auch

seltener, denn um Geld finden sich leicht helfende Hände.

„Eine unserer besten Sängerinnen sollte in der Stadt N. bei einem

Künstlerfest als Sängerin auftreten und war im Begriff mit ihrer Mutter

dorthin abzureisen, da übertrat sich diese den Fuß und konnte nicht

reisen. Es schien untunlich, das junge Mädchen allein reisen, allein mit

fremden Künstlern auftreten zu lassen. Um zwölf Uhr mittags begegnete

der Mutter das Mißgeschick, um ein Uhr wurde ich benachrichtigt und zur

Gardedame bestimmt, um zwei Uhr war ich schon mit meiner

Pflegebefohlenen unterwegs; diesmal war ich ohne Tee und ohne Paul

Gerhardt ausgezogen, aber mit meinem höchsten Staat, einem grünseidenen

Kostüm. Wir wurden in elegantem Gefährt abgeholt und zur Festhalle

geleitet. Ich ermutigte das junge Mädchen vor ihrem Auftreten, und nach

demselben half ich ihr die Blumen tragen, welche begeisterte Zuhörer ihr

gespendet hatten. Es war nicht überflüssig gewesen, daß ihr eine

Stellvertreterin für die Mutter mitgegeben worden war, denn nach dem

Konzert, in dem sie hinreißend schön gesungen hatte, kamen zwei Herren,

um sie zu bestimmen, daß sie sich für den Winter für ihre Musikhalle

engagieren lasse. Ich wußte, daß diese Herren keiner guten Gesellschaft

angehörten, aber sie machten glänzende Anerbietungen. Die junge

Künstlerin fühlte sich geschmeichelt und zeigte sich gleich bereit, den

Vertrag zu unterschreiben, mit dem sie dann ihre Mutter überraschen

wollte. Ich bestand darauf, der Vertrag müsse der Mutter vorgelegt

werden, ehe er unterschrieben würde. Aber beide Teile hörten wenig auf

meine Worte. Vielleicht hätten sie mehr darauf geachtet, wenn ich nicht

so klein und unschön wäre; eine Helferin sollte womöglich nicht so sein.

Die Herren drängten das Mädchen und drückten ihr die Feder in die Hand,

mit der sie den schon vorbereiteten Vertrag unterschreiben sollte. Ich

wußte nichts Besseres zu tun, als den Vertrag wegzunehmen, und in Stücke

zu zerreißen. Freilich mußte ich bissige Worte hören über den

‚aufgeblasenen Laubfrosch‘, womit sie mich in meinem grünseidenen Kleid

meinten; aber sie verließen uns doch und kamen nicht wieder. Die junge

Schöne zürnte wohl mit mir, aber in späteren Jahren schickte sie mir

eine große Summe mit der Aufschrift: ‚Verspäteter Dank für glückliche

Bewahrung.‘“

Fräulein Trölopp schwieg. Nach einer kleinen Weile sagte Frau Reinwald:

„Das ist ein schöner Beruf, in dem man so viel Not abwenden oder lindern

kann, Sie haben sich wohl schwer entschlossen, ihn aufzugeben?“

„Ich wurde kränklich und ging nach Deutschland, um mich ein Jahr

auszuruhen.“

„Das taten Sie wohl jetzt bei meiner Schwester?“ fragte Frau Reinwald

lächelnd.

„Ich war eigentlich schon ausgeruht, als ich in Europa ankam. Die

Seereise hat mir gut getan.“

Gretchen hatte während der ganzen Zeit kein Auge von der Erzählerin

gewendet, und nun rief sie mit Begeisterung aus: „Oh, solch eine

Helferin möchte ich auch werden! Darf ich, wenn ich groß bin?“ fügte sie

hinzu und sah gespannt auf die Eltern.

„Das wird sich finden,“ antwortete Herr Reinwald. „Geh du vorläufig

deine Wege, es ist bald zehn Uhr, höchste Zeit für ein Schulmädchen.“

Das war ein nüchternes Wort in Gretchens begeisterte Stimmung! Aber sie

widersprach nicht und stand vom Tisch auf. Beim „Gute Nachtgruß“

flüsterte ihr die Mutter zu: „Bringe noch frisches Wasser ins Gastzimmer

und sieh nach, ob sonst nichts fehlt, meine kleine Helferin!“

Gretchen hatte noch einige Fragen auf dem Herzen, die mußte ihr Fräulein

Trölopp am nächsten Morgen auf dem Weg zur Bahn beantworten. Sie ging

mit ihr voran. Frau Reinwald folgte, Rudi und Betty an der Hand.

„Kann man bei uns in Deutschland nicht Helferin werden?“ fragte

Gretchen.

„Diese Einrichtung besteht zur Zeit noch nicht, aber sie wird wohl auch

kommen, und einstweilen kann jeder einzelne Mensch für sich diesen Beruf

ausüben.“

„Was muß man lernen, wenn man Helferin werden will?“

„Sich selbst vergessen und an andere denken.“

„Das meine ich nicht; ich möchte wissen, was man studieren muß oder was

für ein Examen man macht.“

„Kein Studium, kein Examen! Man muß die Augen aufmachen, und wo man

etwas sieht, das nützlich fürs Leben erscheint, muß man es üben!“

„Es muß aber schwer sein, so vielerlei zu lernen!“

„Es ist viel, aber bedenken Sie, wie viele Stunden vor Ihnen liegen, Sie

junges Wesen! Nehmen Sie sich nur _eines_ vor: Nutzen oder Freude,

Erholung oder Arbeit soll Ihnen jede Stunde bringen; aber inhaltslos

vergeudet soll keine einzige werden. Einen Pfennig verschleudern wir

nicht, aber wieviel Viertelstunden vergeuden wir? Sie waren uns gegeben

zu Nutz und Freud und wir haben keines von beiden aus ihnen gezogen;

Geld kann uns ein glücklicher Zufall wieder in den Schoß werfen, aber

die Zeit ist unwiederbringlich verloren!“

Gretchen hätte nichts dagegen gehabt, wenn der Weg auf die Bahn doppelt

so weit gewesen wäre. Sie kam nun mit ihrer Gefährtin in das

Menschengewühl am Bahnhof, der Zug stand schon bereit, die Reisenden

mußten einsteigen. Die kleine Betty weinte Abschiedstränen, Rudi

hingegen schwenkte reiselustig sein Mützchen und Fräulein Trölopps

gelber Samthut glänzte aus dem Wagenfenster heraus. Einen Augenblick

später war all das verschwunden, aber Gedanken, die in einer jungen

Menschenseele wachgerufen werden, verschwinden nicht so schnell, ja

manchmal sind sie ausschlaggebend fürs ganze Leben.

Ein jedes Band, das noch so leise

Die Geister aneinanderreiht,

Wirkt fort auf seine stille Weise

Durch unberechenbare Zeit.

(Platen.)

Vierzehntes Kapitel.

Fragen, Antworten und ihre Folgen.

Es war recht still geworden in der Familie Reinwald, seitdem die kleinen

Gäste das Haus verlassen hatten, und Gretchen lebte mit all ihren

Gedanken in der Schule. Heute war wieder der erste Montag im Monat, der

Tag, an dem Pfarrer Kern eine Stunde in die Klasse der Großen kommen

sollte. Die Mädchen sprachen davon während der Pause um zehn Uhr. Heute

hatten nicht alle das Schulzimmer verlassen! Hermine und Ottilie, die

sich sonst nicht eben aufsuchten, hatten doch _ein_ gemeinsames

Interesse, sie waren beide geschickt in Handarbeiten, und da gab es nun

gerade ein neues Spitzenmuster auszuprobieren. Sie saßen eifrig damit

beschäftigt am grünen Tisch.

Gretchen hatte dafür kein Verständnis. Sie stand am offenen Fenster,

durch das die warme Sommerluft einströmte. Sie lehnte sich weit hinaus;

es war so schön, bis dorthin zu blicken, wo endlich die Häuser aufhörten

und grüne Hügel herübergrüßten. Sie hatte die Kamerädinnen ganz darüber

vergessen, als unvermutet eine derselben zu ihr trat. Gretchen wandte

sich um. Es war Elsbeth May, ein liebes, stilles Mädchen. Gretchen

mochte sie gerne, wenn sie auch nicht öfter mit ihr verkehrte. Sie

rückte an die Seite, um für sie Platz zu machen. „Es ist so schön da

draußen,“ sagte Gretchen. „Ja,“ erwiderte Elsbeth und lehnte ihren Kopf

ganz zum Fenster hinaus, und da draußen sagte sie ganz leise, daß es im

Zimmer nicht gehört werden konnte: „Gretchen, wie du unserem Pfarrer

einmal einen Zettel mit einer Frage geschickt hast, war’s dir da auch so

angst vor der Antwort, wie mir’s heute ist?“ „Angst war mir’s gerade

nicht; aber woher weißt du, daß ich eine Frage aufgeschrieben hatte?“

„Ich habe dir’s damals angesehen und ich glaube, mir wird man’s heute

noch viel mehr ansehen. Ich habe so Herzklopfen!“ Gretchen sah Elsbeth

an. „Ja, wirklich, man merkt es dir an. Warum ist dir’s denn so angst?“

„O, das wirst du gut verstehen, wenn du erst meine Frage gehört hast.

Ich mag sie dir gar nicht sagen, du hörst sie ja dann. Ich kann mich

selbst nicht mehr begreifen, wie ich so etwas fragen mochte; ich habe

die Frage an einem Abend aufgeschrieben, als ich ganz allein war, und

jetzt ist heller Tag und alles kommt mir anders vor. Meinst du nicht,

ich könnte vor der Stunde fortgehen und mich bei Fräulein von Zimmern

wegen Herzklopfens entschuldigen? Es wäre wirklich keine unwahre

Ausrede.“

„Aber Elsbeth, was fällt dir ein, dann hörst du ja die Antwort auf deine

Frage gar nicht.“

„Die könntest du mir morgen sagen, und ich weiß auch, daß du mich den

andern nicht verrätst, gelt, keiner, auch Hermine nicht?“

„Nein, gewiß nicht. Aber Elsbeth, ich ginge an deiner Stelle doch nicht

fort, man kann doch nicht immer gleich davonlaufen, wenn man vor etwas

Angst hat, und gar vor so einer Stunde davonlaufen, das käme mir

schrecklich dumm vor.“

Dieser etwas derbe Zuspruch übte eine gute Wirkung aus. Gretchen merkte

es und fuhr fort: „Glaube nur, Fräulein von Zimmern bekäme doch heraus,

warum du fort willst. Sie fragt dich genau, woher das Herzklopfen kommt,

und was willst du dann antworten? Lügen kann man nicht, so mußt du ihr

den Grund sagen; nein, wirklich, ich wollte lieber ruhig in der Stunde

bleiben, als so ein Verhör bei Fräulein von Zimmern durchmachen.“

„Ja,“ sagte Elsbeth, „wenn du meinst, sie frage so genau.“

„Ganz gewiß; Fräulein von Zimmern merkt es gleich, wenn etwas nicht ganz

in Ordnung ist.“

„Dann bleibe ich lieber.“

„Ja, bleibe nur, du hast vielleicht ganz unnötig Angst. Unbehaglich war

mir’s damals schon auch zumute, aber nachher war ich glücklich, denn die

Antwort hat mir so gut gepaßt. So geht dir’s gewiß auch. Komm, mach kein

so jämmerliches Gesicht, da iß!“ und Gretchen schob der trübseligen

Gefährtin einen Bissen Apfel in den Mund, so daß diese lachen mußte und

nicht mehr so kleinmütig aussah.

Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr: Eine Erzählung für Mädchen von 13-16 Jahren · 第 13 / 19 段