bei Franziska! Aber auch ein Getriebe! An ein neues Kleid war ja nicht
mehr zu denken, aber das alte mußte gerichtet, gestärkt und gebügelt
werden, und die Unterkleider und Bänder und Handschuhe und das
Blumenkränzchen, was gab es nicht alles zu besorgen! Aber alle halfen
gern nach Kräften, ja sogar Herr Reinwald, der, solange seine Tochter
zurückdenken konnte, noch nie von häuslichen Geschäften etwas übernommen
hatte, bot seine Hilfe an zum großen Ergötzen von Gretchen. „Vater,“
sagte sie lachend, „ich möchte dich sehen, wie du die Stärke anrührst
oder meine Röcke bügelst!“ „Hört, hört!“ entgegnete Herr Reinwald, „sie
ist schon ganz naseweis und übermütig, weil sie zu Hof geladen ist! Nun
also, wenn meine Hilfe verschmäht wird, so ziehe ich mich in mein Zimmer
zurück.“
Es währte aber keine Viertelstunde, so erschien Gretchen ganz demütig
bei Herrn Reinwald. „Vater,“ bat sie, „es wäre so gar geschickt, wenn
Lene zur Hilfe käme, heute und morgen, aber wir haben alle keine Zeit,
zu ihr zu gehen und sie zu bitten. Machst du nicht einen kleinen
Spaziergang in die Gegend von ihrem Haus?“
„Weil die Altstadt so verlockend ist als Spaziergang und weil der Regen
so sanft hernieder rieselt?“ fragte Herr Reinwald dagegen. Aber er stand
doch auf und erklärte sich bereit, Lene zu bestellen.
In diesem Augenblick wurde geklingelt und Franziska meldete, daß ein
Herr Fräulein Gretchen sprechen wolle. „Mich? Ein Herr?“ rief diese
erstaunt. „Nun ja,“ sagte der Vater, „es wird der König oder doch sein
erster Minister sein. In diesen Kreisen verkehrst du ja.“ Er ging mit
Gretchen in das Besuchszimmer. Dort stand ein großer, stattlicher Mann –
Gretchen erkannte ihn sofort wieder, es war Ruths Vater. Nach kurzer
Vorstellung und freundlicher Begrüßung überreichte er Gretchen ein
wunderbar feines Rosenzweiglein. „Meine Ruth bittet Sie, sich morgen mit
diesen Rosen zu schmücken. Sie hätte die Blumen Ihnen selbst gebracht,
aber sie konnte es im Augenblick nicht, sie hatte starkes Nasenbluten,
als sie aus der Stunde kam.“
„Aus _deiner_ Stunde?“ fragte Herr Reinwald.
„Ich weiß nichts davon, es hat gar nichts gegeben,“ sagte Gretchen
errötend.
„Nein, nein,“ bestätigte der Forstrat, „sie ist nur wie unsinnig
heimgerannt, um rechtzeitig das Kränzchen zu besorgen.“ „Es scheint ein
Verhängnis zu sein, daß ihr der Verkehr mit meiner Tochter Nasenbluten
zuzieht,“ sagte Herr Reinwald. „O Vater!“ bat Gretchen, der es peinlich
war, immer wieder an ihr erstes Zusammentreffen mit dem Forstrat
erinnert zu werden. Aber die beiden Herren lachten und der Forstrat
sagte: „Ich glaube, es war Ruth nicht arg, daß sie selbst nicht kommen
konnte, es wäre ihr eine Verlegenheit gewesen, ihr Kränzchen zu
überreichen. Sie ist immer noch so ein ängstliches Häschen.“ „Aber mit
unsern Kleinen spielt und plaudert sie ganz vergnügt,“ sagte Gretchen.
„Es ist mir von großem Wert für das Kind, daß es in Ihr Haus kommen
darf,“ sagte der Forstrat und dabei lag ein trauriger Ausdruck auf
seinen Zügen. Gretchen bat ihn, Ruth morgen zu schicken, damit sie
selbst sehen könne, wie sich die Röschen im Haar ausnähmen, und dankte
herzlich für des Forstrats Freundlichkeit. Die beiden Herren verließen
zusammen das Haus, Herr Reinwald mußte ja seinen Abendspaziergang in die
Altstadt machen.
Lene kam am Abend voll Dienstfertigkeit und Tatendurst. Diesmal
flüchtete Gretchen nicht vor ihr. „Heute habe ich mich auf dich
gefreut,“ sagte sie zu Lene, „aber das letztemal hätte ich mich nicht zu
dir hereingewagt, wie hättest du mich auch gezankt!“ „Ja, ja,“ sagte
Lene, „mit dir hat man aber auch seine liebe Not.“ „Jetzt fängt sie doch
an zu zanken,“ rief Gretchen lachend ihrer Mutter zu; „du hast doch noch
gar keine Not mit mir gehabt, die geht jetzt erst recht an, mit den
Kleidern!“
„_Die_ Not schlage ich nicht hoch an; aber wieviel gute Worte haben mein
Mann und ich dem Hofkutscher Plitt geben müssen, wie waren wir in
Aufregung, weil er zuerst nicht recht gewollt hat, und dann keine
passende Gelegenheit gefunden hat, es der Königin mitzuteilen. _Das_ war
eine Not! Aber gottlob, es ist ja gelungen,“ rief Lene und sah mit
glücklichem Stolz auf Gretchen. „Ja, Lene, ist denn das durch _dich_ an
die Königin gegangen?“ fragten wie aus einem Mund Frau Reinwald und
Gretchen. „Freilich, wir haben es dem Hofkutscher aufgegeben. So, das
haben Sie gar nicht gewußt? Ja, ja, woher auch? Aber Gretchen, du
hättest dir’s denken können!“ „Ja,“ sagte Frau Reinwald ganz bewegt, „du
hättest es dir denken können. Wem sonst wäre deine Sache so am Herzen
gelegen, wer anders hätte so für dich alle Hebel in Bewegung gesetzt?“
Gretchen fiel Lene um den Hals. Die wehrte mit feuchten Augen ab und
sagte: „Laß doch, jetzt heißt’s schaffen! Wo ist dein Kleid?“
Mit knapper Not wurde alles zur rechten Zeit fertig bis zum Donnerstag
Nachmittag, wo sich die Schülerinnen von Fräulein von Zimmern im
Schulhaus versammelten, um gemeinsam zur Residenz zu gehen. Gretchen
hatte das schlichteste Kleid an; aber die Röschen leuchteten freundlich
aus dem blonden Haar und die Augen strahlten vor Vergnügen. Mit
Wohlgefallen sah Fräulein von Zimmern auf die kleine Schar ihrer besten
Schülerinnen. Die jüngste, ein munteres sechsjähriges Mädchen, übergab
sie der besonderen Obhut der zwei größten und empfahl ihr, folgsam zu
sein. „Und nun geht hin“, sagte sie, als die ersehnte Stunde endlich
geschlagen hatte, „und freuet euch des schönen Festes. Laßt euch nicht
bange sein, wenn auch die Königin mit euch sprechen sollte. Wenn ihr
euch so benehmt, wie ihr es alle Tage mir gegenüber tut, so ist es
recht. Ich verlange täglich von euch eine feine Sitte, damit ihr euch
nie bedrückt fühlt, wenn euch die Verhältnisse in vornehme Kreise
führen. Heute wird es euch zu statten kommen.“
Jedermann in der Stadt wußte, was es für eine Bewandtnis hatte mit den
Gruppen weißgekleideter Mädchen, die um diese Zeit in allen Teilen der
Stadt nach der Residenz hinzogen. Eine große Menschenmenge hatte sich
auf dem Residenzplatz versammelt, um zu sehen, wie die festliche Schar
durch das große Schloßportal eingelassen wurde.
Obwohl von jeder Klasse nur _eine_ Schülerin geladen war, so kamen doch
aus den zahlreichen Schulen und Instituten der Residenz mehr als
zweihundert Mädchen zusammen. In Gruppen, wie sie kamen, wurden sie von
Lakaien in den großen Speisesaal geleitet, der rings mit grünen Bäumchen
und Blattpflanzen geschmückt war. Zwei lange gedeckte Tafeln reichten
fast von einem Ende des Saals zum andern. Niedliche Fähnchen ragten da
und dort vom Tisch in die Höhe und trugen die Aufschrift der
verschiedenen Schulen, so daß jede Gruppe leicht ihren Platz finden
konnte. Weitaus die größte Anzahl der Schülerinnen gehörte den
Volksschulen an. Manch armes Arbeiterkind durfte sich heute an eine
Tafel setzen, die sonst nur für vornehme Herren und Damen gedeckt wurde.
Die Töchter des adeligen Instituts, die sonst keine Gemeinschaft
pflegten mit den Kindern des Volks, die Klosterschülerinnen, die streng
getrennt lebten von andern Mädchen, die Waisenkinder, denen die Königin
selbst weiße Kleider an Stelle ihrer grauen gestiftet hatte, sie alle
waren heute in _einem_ Saal vereinigt mit den andern Schülerinnen der
Stadt, und wie sie äußerlich durch die weißen Kleider und den
Blumenschmuck im Haar sich ähnlich sahen, so hatten sie auch innerlich
einige Eigenschaften gemein. Fleißig und gut begabt waren all die
Anwesenden; denn die Faulen und die Dummen sind nicht auf den ersten
Plätzen zu finden und waren nicht unter den Geladenen. So ging es auch
jetzt geordnet zu, trotz der großen Anzahl von Mädchen und in kurzer
Zeit saßen sie alle erwartungsvoll an ihren Plätzen.
Gretchen und Hermine hatten zwischen sich die Kleine sitzen, die ihnen
Fräulein von Zimmern als Pflegekind anbefohlen hatte. Aber über diese
hinweg konnten die Freundinnen sich unterhalten: „Gretchen,“ sagte
Hermine, „wenn du jetzt nicht da wärest, könnte ich unmöglich glücklich
sein, ich müßte immerfort daran denken, daß ich dich um dein Vergnügen
gebracht habe. Ich hatte ja das Opfer angenommen, aber wirklich mehr um
des Vaters und der Geschwister willen als um meinetwillen. Aber so,
wie’s jetzt ist, ist’s herrlich!“ „Könnte gar nicht herrlicher sein,“
bestätigte Gretchen strahlend.
Schon ein Weilchen hatte die ganze, große Gesellschaft erwartungsvoll
dagesessen, sich an den reizenden Tellern und Täßchen gefreut und sich
gefragt, was wohl auf und in dieselben kommen würde, als eine Hofdame
eintrat. Sie hatte ein Papier in der Hand, auf dem einiges notiert
schien. Sie hielt sich bald bei dieser, bald bei jener Gruppe auf und
fragte nach einzelnen Namen. Kurz darauf wurde die große Flügeltüre des
Saales geöffnet und ein Diener verkündigte: „Ihre Majestät die Königin.“
Alle Mädchen erhoben sich und alle Blicke richteten sich auf die
liebliche Erscheinung der jungen Königin, die in lichtblauem
Seidenkleid, in Begleitung einiger Hofdamen, eintrat.
Eine der Schülerinnen, die unter der Flagge des „Adeligen Instituts“
saßen, ein zierliches, kleines Mädchen von kaum mehr als sechs Jahren,
verließ ihren Platz, ging der Königin entgegen, begrüßte sie artig mit
Handkuß, ergriff dann traulich die Hand der Hofdame, die zunächst der
Königin stand und sagte fröhlich und unbefangen: „Guten Tag, Mama, wir
sind schon alle hier, sieh nur, wie viele!“ „Wo sitzen deine
Kamerädinnen?“ fragte die Königin; „willst du mich zu ihnen führen?“ und
sie folgte dem Kind an den Platz, den die Zöglinge des „Adeligen
Instituts“ innehatten. Die Hofdame stellte mehrere derselben, deren
Namen für die Königin Interesse haben konnten, vor, und mit jeder
wechselte die Königin einige freundliche Worte.
„Majestät,“ sprach nun die Hofdame, „es ist eine Schülerin unter den
Geladenen, die gern Ihrer Majestät zur Begrüßung ein Lied vorsingen
möchte,“ und leise, nur für die Umstehenden verständlich, fügte sie
hinzu: „Es ist eine kleine Sängerin von Gottes Gnaden, sie wird einmal
von sich reden machen.“ „Eine zweite Jenny Lind?“ sagte die Königin; „wo
ist das Kind, zu welcher Schule gehört sie?“ „Es ist eine
Volksschülerin,“ antwortete die Hofdame und wandte sich dann weiter
unten an der Tafel an ein etwa achtjähriges Mädchen: „Maria Bucher,
willst du nun dein Lied singen?“ „Nein,“ antwortete zu aller Erstaunen
die Kleine mit großer Bestimmtheit, „jetzt nicht.“ Etwas scharf
entgegnete die Hofdame: „Jetzt ist die Zeit, später nicht; du hast doch
selbst gewünscht, vor Ihrer Majestät der Königin zu singen.“ Alle
schauten gespannt auf das Kind. Dieses blickte scheu ringsum: „Es sind
so viel Augen,“ sagte es leise, „da kann man nicht singen.“ Gütig neigte
sich die Königin zu dem verschüchterten Mädchen und sagte: „Du hast ganz
recht, vor so viel Augen geht das nicht; aber ich weiß, wo es geht,
willst du wohl mit mir kommen?“ und sie führte die Kleine, die ihr
willig folgte, an das Ende des Saals und stellte sie so, daß sie die
gedeckten Tafeln hinter sich hatte und vor sich die grünen Bäumchen.
„Hier kann man singen, nicht wahr?“ fragte ermutigend die Königin und
Maria Bucher antwortete: „Ja, schön!“ und ohne auf weitere Aufforderung
zu warten, fing sie mit einem glockenhellen Stimmchen an zu singen:
Prinzeßchen fein, Prinzeßchen klein,
Wir sind heut deine Gäste.
Wir sind geladen allzumal
In den geschmückten Königssaal
Zu deinem Wiegenfeste.
Prinzeßchen fein, bist noch so klein,
Mög Gott dich uns bewahren!
Du bist ja unsers Königs Kind,
Drum bleiben wir dir treu gesinnt
Jetzt und in späten Jahren!
Lautlose Stille hatte in dem ganzen Saal geherrscht und rührend hatte
die reine Stimme geklungen. Die Königin war sichtlich bewegt. „Wer hat
das schöne Lied gemacht?“ fragte sie das Kind, während sie es an seinen
Platz zurückgeleitete.
„Meine Mama hat es mir gemacht.“
„Da mußt du ihr einen Gruß von mir bestellen und mußt sie bitten, daß
sie mir das Lied aufschreibt und dann bringst du es mir und singst es
mir noch einmal.“ Die Königin bat die Hofdame, sich des Kindes Adresse
zu notieren. Inzwischen hatte sich die Kleine an ihren Platz gesetzt,
blickte um sich und sagte: „Nun sind schon wieder die vielen Augen da!“
Die Königin lächelte: „Daran wird sich meine kleine Sängerin gewöhnen
müssen,“ sagte sie; aber die allgemeine Aufmerksamkeit wurde jetzt
abgelenkt.
Die Hofdame hatte ein paar Worte mit der Königin gewechselt und
geleitete diese nun zu der Gruppe der Waisenkinder. „Du heißt Niemeier,
nicht wahr,“ sagte die Hofdame zu einem zwölfjährigen Mädchen, und als
diese bejahte, fuhr sie, zur Königin gewendet, fort: „Es ist die Tochter
des Feuerwehrmanns, der bei dem großen Brand im vorigen Jahr das Leben
eingebüßt hat. Ihre Majestät erinnern sich vielleicht, daß der Mann –“
„Gewiß, ich erinnere mich gut, solchen Heldenmut vergißt man nicht. Drei
Menschen hatte er aus dem brennenden Haus herausgeholt und als er zum
viertenmal eindrang, um das kleine Kind zu retten, das man noch
vermißte, da kam er nicht wieder.“ Dem Mädchen waren die Tränen in die
Augen getreten, als es so unvermutet, mitten in der Feststimmung, an
dieses Erlebnis erinnert wurde. Als aber die Königin ihr huldvoll die
Hand drückte und zu ihr sprach: „Dein Vater ist als Held gestorben, du
kannst stolz auf ihn sein und mußt seinem Namen immer Ehre machen,“ da
sah das Kind voll Begeisterung zu der Königin auf und fühlte sich über
die Trauer hinweggehoben.
Die Königin wandte sich an ihre Begleiterin: „Ich wünschte noch die
beiden Freundinnen zu sehen, von denen eine der andern die Einladung zu
unserem Fest abtreten wollte. Kennen Sie dieselben wohl?“
„Soviel ich weiß, gehören sie zu dem Institut von Fräulein von Zimmern,“
erwiderte die Hofdame; „diese sitzen an der andern Tafel, ich werde sie
Ihrer Majestät zuführen.“
Gretchen und Hermine wären schon von weitem zu erkennen gewesen an dem
Erröten, als sie hörten, daß die Aufmerksamkeit der Königin sich ihnen
zuwandte. Die Hofdame hatte sie auch bald herausgefunden und ihnen einen
Wink gegeben, ihr zu folgen. Obwohl sie gewußt hatten, daß die Königin
Gastgeberin bei diesem Fest sein würde, hatte doch keine von ihnen an
die Möglichkeit gedacht, daß unter den Hunderten von Kindern gerade sie
persönlich vorgestellt würden, und sie sahen sich im ersten Augenblick
betroffen an. Hermine ließ Gretchen den Vortritt; sie fühlte sich
gedeckt durch deren größere Gestalt und beruhigt durch die Erfahrung,
daß Gretchen selbstverständlich die Sprecherin machte in allen
schwierigen Fällen des Lebens. Den beiden Mädchen kam zu statten, was
sie bei Fräulein von Zimmern gelernt hatten. Es war ihnen nichts
Fremdes, sich anmutig zu verneigen, sie standen nicht steif und
unbeholfen vor der Königin, die sie nun anredete: „Welche von Ihnen
beiden ist nun die Erste?“
„Gegenwärtig bin ich’s,“ antwortete Gretchen, „aber in den letzten
Jahren war es immer Hermine, und nur diesen Winter ist sie durch eine
Krankheit zurückgekommen.“
„Dann wäre es allerdings bitter für Sie gewesen,“ sprach die Königin zu
Hermine, „nicht bei dem Fest zu sein.“ Mit Tränen der Erregung kämpfend
brachte Hermine nur ein leises „Ja!“ hervor. „Und Sie,“ fuhr die Königin
zu Gretchen gewendet fort, „hätten sich nicht der Freude hingeben
können, während die Freundin trauert. Ich begreife wohl, daß Sie ihr
lieber die Einladung abtreten wollten. Aber es ist Ihnen doch wohl
schwer geworden, auf das Fest zu verzichten?“ „Ja,“ sagte Gretchen, „ich
hatte mich so gefreut, ganz besonders darauf, die kleine Prinzessin zu
sehen.“
„Das tut mir leid,“ entgegnete die Königin, „ich fürchte, da wird Ihnen
das Fest eine Enttäuschung bereiten. Die Prinzessin ist zu zart, um in
so große Gesellschaft gebracht zu werden. Es war mein Wunsch, sie den
Kindern allen zu zeigen, aber der Arzt hat es nicht erlaubt.“ „O wie
schade,“ rief Gretchen sichtlich enttäuscht, „wir wären gewiß alle ganz
leise gewesen, wenn man die Prinzessin hereingebracht hätte.“
„Das glaube ich,“ erwiderte die Königin; „aber es handelt sich dabei um
die Luft, die dem Kindchen unzuträglich sein könnte. Haben wohl alle
Kinder die Hoffnung gehegt, die Prinzessin zu sehen?“ „Ich weiß nicht,“
entgegnete Gretchen. Da wagte Hermine auch ein Wort. „Nein,“ sagte sie,
„außer Gretchen hat es niemand geglaubt.“ Schon hatte diese auf den
Lippen zu sagen: „Ich habe es durch den Hofkutscher Plitt erfahren,“ als
ihr noch rechtzeitig ihr Taktgefühl eingab, daß es diesem Mann
vielleicht unangenehm wäre, wenn hier erwähnt würde, was er geplaudert
hatte. So unterdrückte sie die Bemerkung. „Ich hoffe, Sie werden dennoch
vergnügt sein an meinem Fest,“ sagte die Königin huldvoll, „zwei so gute
Freundinnen sind immer glücklich miteinander!“ Sie reichte den beiden
Mädchen die Hand, sie waren entlassen. Während sie an ihren Platz
zurückkehrten, flüsterte Gretchen Hermine zu: „Das war so etwas zum
Erzählen für unsere Urenkel!“
Die Königin verließ grüßend den Saal und nun wurde es belebt an den
Tafeln. Die Kinder untereinander plauderten, Diener erschienen und
schenkten aus silbernen Kannen Schokolade in die reizenden Täßchen und
boten Kuchen dazu an. Rudi und Betty wären vielleicht enttäuscht
gewesen; denn solchen Kuchen hatten auch „gewöhnliche Menschen“ schon
gegessen. Aber später hätten sie kennen gelernt, was ihnen vielleicht
noch besser als Rahmtorte erschienen wäre; als die Kinder nach
verschiedenen Spielen, die mit ihnen gemacht wurden, noch einmal an der
Tafel Platz nehmen durften, standen auf den Tischen silberne Körbchen,
die wie Blumen- und Obstkörbchen anzusehen waren. Aber die Rosen und
Lilien, die Birnen und Kirschen, die darin lagen, waren alle aus
Gefrorenem gebildet und hatten gar feinen Geschmack.
Die Kinder waren nicht mehr still wie anfangs, fröhliches Leben
herrschte in dem Saal, einzelne Damen sprachen da und dort die Kinder
an, Diener eilten hin und her. So wurde es kaum bemerkt, als eine der
Hofdamen zur Gruppe von Fräulein von Zimmerns Schülerinnen trat und
leise zu Gretchen sagte: „Kommen Sie mit mir.“ Gretchen folgte und
verließ mit der Dame den Saal. Im Vorsaal sprach diese zu ihr: „Ihre
Majestät die Königin will Ihnen die große Ehre erweisen, Ihnen die
Prinzessin zu zeigen. Majestät hätte gern allen diese Gunst erwiesen, es
kann aber nicht sein und wurde wohl auch von vernünftigen Menschen nicht
erwartet. Sie scheinen diese Hoffnung gehegt zu haben, und in ihrer
großen Güte kann die Königin den Gedanken nicht ertragen, daß einer
ihrer Gäste enttäuscht von dem Fest heimkehre. Ich soll Sie deshalb in
die Gemächer der Prinzessin führen. Sie werden nicht vergessen, sich für
diese Auszeichnung zu bedanken, und werden der Prinzessin nicht zu nahe
treten oder gar ihr die Hand küssen, wodurch Ansteckung möglich wäre.“
„Ich bin nicht krank,“ sagte Gretchen. „Wer kann das wissen? Vorsicht
schadet nie.“ Gretchen kam es vor, als ob ihre Führerin nur widerwillig
den Wunsch der Königin erfüllte. Sie fühlte sich dadurch bedrückt und
hätte in diesem Augenblick leicht auf die ihr zugedachte Ehre
verzichtet. Still ging sie neben der Hofdame im rauschenden Seidenkleid
durch die langen Korridore der Residenz. Endlich war das Ziel erreicht.
Auf leises Klopfen wurde ihnen die Türe von einer einfach gekleideten
Frau geöffnet. Es war die Amme der Prinzessin, die leise die Türe wieder
hinter den Besuchen schloß und sich in das Nebengemach zurückzog. An
einem Fenster des hohen, freundlichen Zimmers, durch das die
Frühjahrssonne warm herein schien, saß die Königin.
„Majestät,“ sprach die Hofdame, „hier ist Margarete Reinwald.“ Die
Königin erhob sich grüßend und sprach dann zu der Hofdame: „Lassen Sie
mir das Mädchen hier, ich werde sie zurückbegleiten lassen.“ Zu
Gretchens großer Befriedigung verließ die feierliche Dame auf diese
Worte hin das Zimmer. Allein mit der Königin, die sich so gütig gegen
sie gezeigt hatte, fühlte sie sich nicht mehr befangen. Jetzt überkam
sie die große Freude, daß sie die kleine Prinzessin sehen sollte, und
mit großem Verlangen sagte sie: „Darf ich wirklich das Prinzeßchen
sehen? O wo ist sie denn?“ Es war gut, daß die gestrenge Hofdame nicht
mehr anwesend war! Was hätte sie dazu gesagt, daß Gretchen so gegen die
Etikette verstieß, indem sie zuerst das Wort an die Königin richtete!
Aber die Königin war nicht nur Majestät, sie war auch Mutter, und das
dringende Verlangen, ihr Kind zu sehen, freute sie. Gütig lächelnd sagte
sie: „Ja, Sie sollen die Prinzessin sehen, kommen Sie!“ und sie führte
Gretchen durch eine Portiere in das anstoßende Gemach. Auf weichen
Teppichen schritten sie lautlos bis an die Wiege, neben der die Wärterin
stand. „Schläft sie noch?“ fragte die königliche Mutter. „Sie hat noch
keinen Laut gegeben,“ erwiderte die Frau. „Wir müssen sie doch sehen,“
sagte die Königin und zog sachte die zarten Tüllvorhänge der Wiege
auseinander. Und als sie beide – die Königin von der einen, Gretchen von
der andern Seite in die Wiege blickten, waren sie gleich sehr
überrascht, denn mit offenen Äuglein sah das Kind ihnen entgegen.
„Sie wacht ja,“ rief Gretchen ganz entzückt. Bei diesem hellen Ruf und
dem Anblick von Gretchens Erscheinung verklärte ein Lächeln das winzige
Kindergesichtchen. „Ei,“ rief die Königin, „sie lächelt Sie an! Da werde
ich fast eifersüchtig, denn sie ist noch sparsam mit ihrem Lächeln,
nicht wahr, Frau Walter?“ „Ja,“ sagte diese, „Prinzessin ist erst neun
Wochen alt, da kann man nicht viel verlangen.“ „Wie lieblich sie
aussieht, was sie für ein klein winziges Mündchen hat!“ rief Gretchen
ganz entzückt, und die Kleine schien Gefallen zu finden an dem blonden,
rosigen Kopf, der sich über sie neigte, und an der hellen Stimme, sie
lächelte wieder. „Sie hört Ihre Stimme gern,“ sagte die Königin.
Da fing Gretchen leise an, die Worte zu singen, die ihr noch in den
Ohren klangen: „Prinzeßchen fein, Prinzeßchen klein.“ Die Kleine horchte
und ihre Äuglein hafteten auf dem Röschen, das Gretchen angesteckt hatte
und das sich bewegte. „Das Röschen gefällt ihr,“ sagte die Wärterin.
Gretchen steckte es ab und bewegte es hin und her, und die Kleine folgte
mit den Augen. „Darf ich ihr’s geben?“ fragte Gretchen, zu der Königin
aufblickend. „Wenn Sie es gerne geben, dann können wir es an dem Vorhang
befestigen, daß sie es vor sich sieht.“ „Es ist Zeit zum Trinken,“
mahnte die Wärterin. „Dann wollen wir nicht länger stören,“ sagte die
Königin und drückte einen Kuß auf die kleine Stirne. „Lebwohl, mein
Liebling, wachse mir auch so blühend heran wie diese Tochter, die dir so
gut gefällt!“ Gretchen griff nach einem der kleinen Händchen, die aus
dem Spitzenjäckchen hervorsahen und hätte es vielleicht geküßt, wenn es
die Hofdame nicht untersagt hätte. So sagte sie nur: „Behüt dich Gott,
Prinzeßchen!“ folgte der Königin in ihr Gemach und nicht nur auf Befehl
der Hofdame, auch aus eigenem Herzensdrang dankte sie der königlichen
Mutter für die Freude, die sie gehabt hatte. „Es tut mir leid,“ sagte
die Königin, „daß ich den andern Mädchen nicht auch die Freude machen
darf. Erzählen Sie heute noch nichts von Ihrem Besuch bei der
Prinzessin, es täte vielleicht den andern weh.“ „Ich will nichts davon
sagen,“ versprach Gretchen, „ich freue mich nur, bis ich es heute abend
meinen Eltern erzählen darf.“
Mit strahlenden Augen kehrte Gretchen in den Saal zurück, wo sich manche
über ihre Abwesenheit gewundert hatte. „Du hast dein schönes Röschen
verloren,“ sagte Hermine, sobald sie Gretchen erblickte. „Macht nichts,“
entgegnete diese übermütig, „morgen erzähle ich dir, wo ich es gelassen
habe!“