_Rudi_: Betty, hör auf zu weinen, dann sag ich dir etwas, aber du darfst

es niemand sagen: Ich weiß halt selbst nicht, was besser schmeckt als

Rahmtorte, sonst hätte ich dir’s schon gesagt. Aber wenn Gretchen von

der Königin heimkommt, dann fragen wir sie gleich.

_Betty_: Ja, und ich sag dir morgen alles, wenn ich etwas weiß. Meine

Woche ist jetzt vorbei.

_Rudi_: Mein Monat ist auch vorbei. Gute Nacht, Betty, du bist nicht so

arg klein und dumm.

_Betty_: Ich muß jetzt auch nimmer weinen. Gute Nacht, Rudi.

* * * * *

Es war fünf Tage vor dem Fest. Frau Reinwald richtete alles zu, was für

die Kleidermacherin nötig war, die am nächsten Tag erwartet wurde.

Gretchen sollte noch einige Besorgungen machen, die sie in die Nähe von

Hermine führten, und sie wollte diese bitten, mit ihr zu gehen, wie das

die Freundinnen im Brauch hatten. Sie traf Hermine nicht zu Hause, aber

da diese jeden Augenblick heimkommen konnte, wollte Gretchen auf sie

warten. Sie ging in das Wohnzimmer, wo Frau Braun und drei von Herminens

Geschwistern sich aufhielten. Frau Braun begrüßte sie freundlich wie

immer, hingegen nahm es sich wenig freundlich aus, daß Herminens

dreizehnjähriger Bruder bei ihrem Eintritt vom Tisch aufstand und ohne

Gruß das Zimmer verließ. Gretchen, die sich in diesem Familienkreis ganz

daheim fühlte, fragte unbefangen: „Was hat denn Richard, warum läuft er

hinaus, wenn ich komme?“ „Ich weiß nicht, was er hat,“ sagte Frau Braun

und wollte das Gespräch auf etwas anderes bringen. Aber Otto, der

jüngere Bruder, sagte: „Ich weiß wohl, was Richard hat, er ist bös auf

Gretchen wegen der Einladung in die Residenz.“ „Ist es ihm so leid, daß

Hermine nicht hinkommt?“ fragte Gretchen. „Ja, aber es ist kindisch und

töricht von ihm, deshalb auf dich zu zürnen, du bist ja die ganz

unschuldige Ursache. Man muß ihn damit entschuldigen, daß es ihm am

meisten leid tut von uns allen.“ „Papa tut’s doch noch mehr leid,“

entgegnete Otto.

„Aber Hermine selbst hat es doch so leicht verschmerzt,“ sagte Gretchen.

„Meinst du, Kind?“ fragte Frau Braun in schmerzlichem Ton. „Da irrst du

dich. Hermine hat dich so lieb, daß sie sich vor dir beherrscht, weil

sie dir die Freude nicht verderben will. So etwas verschmerzt sich

überhaupt nie. Noch als altes Mütterlein wirst du dich deines Glückes

rühmen und von dem Fest erzählen, das du mitmachen durftest, und sie

wird in ihren alten Tagen noch von diesem Mißgeschick reden. Es ist ja

auch bitter für sie, und daß es ihr Vater so schwer nimmt, macht es

allerdings noch besonders schwer für uns alle.“

„Ja, und daß Richard immer behauptet, es sei ungerecht, weil Hermine

bloß durch ihr Kranksein zurückgekommen sei, und weil Fräulein von

Zimmern heuer die Probearbeiten früher machen ließ als sonst, gerade wie

wenn sie gewollt hätte, daß es so kommt.“

„Das ist aber nicht wahr,“ rief die kleine Mathilde, „wir haben die

Arbeiten früher machen müssen, weil zwei Lehrer fortkommen.“

Gretchen hatte genug gehört. „Hermine bleibt mir doch zu lange aus, ich

will jetzt gehen,“ sagte sie.

„Es ist mir nicht recht,“ sagte Frau Braun, „daß das alles vor dir

gesprochen wurde, es wird auch Hermine sehr leid sein. Nimm dir’s nicht

zu Herzen, du kannst ja gar nichts dafür. Wenn ich dich vorher nicht

mehr sehe, so wünsche ich dir recht viel Vergnügen zu dem Fest, komm nur

bald danach und erzähle uns.“

Die kleine Mathilde geleitete Gretchen hinaus, sie war sehr anhänglich

an sie. „Mathilde,“ sagte Gretchen zu ihr, „sage mir die Wahrheit, ist

Hermine sehr traurig?“ Die Kleine nickte nur mit ernsthaftem

Gesichtchen.

Gretchen ging. Wo war auf einmal all ihre Freude hin? Ganz in Gedanken

verloren wanderte sie durch die Straßen und machte ihre Besorgungen. Die

Seide, die Atlasbändchen, die sie auswählen sollte, waren ihr so

gleichgültig. Vor einer Stunde noch hatte sie sich gefreut, daß endlich

ihr Festkleid gemacht werden sollte, jetzt mochte sie gar nicht daran

denken. Eine ganze Familie war traurig geworden durch sie und nicht nur

traurig für kurze Zeit, nein, Frau Braun sagte ja, Hermine würde noch

als altes Mütterchen darum trauern. Das kam ihr gar schrecklich vor! Wie

hatten ein paar Worte doch ihre ganze, große Freude zerstört! Am

liebsten hätte sie jetzt noch zugunsten von Hermine auf ihre Einladung

verzichtet, aber es ging ja nicht mehr. Der Vater würde sagen, das seien

törichte und übertriebene Freundschaftsideen, die Mutter würde ihr

vorstellen, daß alles schon eingekauft und für morgen die Näherin

bestellt sei.

Wie zur Bestätigung dieser Gedanken trat ihr daheim Franziska mit den

Worten entgegen: „Der Schuhmacher hat die Stiefelchen geschickt, sie

sind hochfein, im Zimmer stehen sie.“ Nein, es war zu spät, um zu

verzichten. Sie wollte die Eltern gar nicht um die Erlaubnis bitten,

ihre Mutter würde es nur betrüben, wenn sie hörte, was Brauns gesagt

hatten. Sie wollte nicht auch der Mutter noch die Freude verderben,

diesen Kummer wollte sie vor ihr verbergen.

Der Kinder Geplauder brachte sie über die nächste Stunde weg, aber nun

mußten die Kleinen zu Bett, und dann kam der Vater zum Abendessen, sonst

eine gemütliche Stunde, auf die sie sich aber heute fürchtete, denn es

mußte die Rede auf das Fest kommen, und sie sollte davon sprechen wie

früher und dachte doch ganz anders darüber.

Das Essen ging vorüber, Gretchen fühlte sich immer mehr bedrückt, sie

war so gar nicht gewohnt, vor den Eltern ihre Empfindungen zu

verschweigen. Eine Weile nach dem Essen zog Herr Reinwald seine

Taschenuhr und sagte: „Ich habe heute noch einen Ausgang vor, auf neun

Uhr habe ich mich mit einigen Herren zu einer Besprechung verabredet,

Herr Braun ist auch dabei.“

„Herr Braun!“ rief Gretchen, und auf einmal wurde der gute Vorsatz, zu

schweigen, umgestoßen. „O Vater, Herr Braun ist so unglücklich, daß

Hermine nicht zum Fest darf, und Frau Braun auch und alle Kinder, und

sie meinen, Hermine werde es als altes Mütterchen noch nicht verschmerzt

haben. Hätte ich das doch früher gewußt, dann hätte ich gesagt, sie soll

statt meiner gehen, es wäre mir ja viel, viel lieber, denn ich kann mich

gar nicht mehr darauf freuen, aber gelt, jetzt ist es viel zu spät?“ Mit

ängstlicher Spannung sah Gretchen auf den Vater. Und dieser?

Ganz ruhig wandte er sich zu seiner Frau und sagte: „Siehst du, es kommt

ihr noch in der elften Stunde! Sie wäre ja nicht dein Kind, wenn sie

nicht so dächte!“ Und dann wandte er sich wieder zu Gretchen und sprach:

„Du hast ganz recht, laß du nur Hermine Braun als Erste gelten.“

Gretchen war über alle Maßen von dieser Antwort überrascht. Frau

Reinwald sah es ihr an. „Du bist ganz erstaunt, nicht wahr. Der Vater

und ich haben uns schon lange gewundert, daß du nicht daran denkst, zu

Gunsten von Hermine zu verzichten; aber wir wollten dich nicht

bestimmen, so ein Verzicht muß ganz freiwillig sein.“

„Ich habe ja bis heute nachmittag gar keine Ahnung davon gehabt, daß

Brauns es so schwer nehmen, haben sie es denn euch gesagt?“

„Nein, aber wir kennen ja die Familie und wissen, daß ihnen so etwas

viel wichtiger ist als uns.“

„O wie bin ich so froh,“ jubelte Gretchen, „ich hätte gar nicht gedacht,

daß ihr es jetzt noch erlaubt.“

„Praktischer wäre es allerdings gewesen, wenn sich dein Edelmut etwas

früher gemeldet hätte,“ sagte Herr Reinwald, „wie wollt ihr das nun

einrichten mit eurer Schneiderin?“

„Brauns müßten eben den Kleiderstoff mitsamt der Schneiderin gleich

morgen übernehmen, sie täten es natürlich auch gerne, wenn sie es nur

schon wüßten.“

„Also dann mach dich rasch fertig, Gretchen,“ sagte Herr Reinwald, „ich

begleite dich hin, und du bringst dort die ganze Sache in Ordnung. Geht

das?“

„Das geht, aber wer begleitet sie heim?“

„O da sorge dich nicht, Mutter, da begleiten mich alle sechs Kinder

heim, wenn ich will; oder ich schlafe bei Hermine, das wäre noch

lustiger; o laß mich dort schlafen, Mutter, bitte, sage ja, zum Ersatz,

weil ich nicht zum Fest darf!“

Fünf Minuten später war Gretchen mit ihrem Nachtzeug unter dem Arm

unterwegs. „Was soll ich machen, wenn sie es nicht annehmen wollen?“

fragte Gretchen ihren Vater.

„Sie machen dir vermutlich keine großen Schwierigkeiten.“

„Die andern nicht, aber Hermine vielleicht.“

„Der sagst du, ihr müßtet euren Vätern gehorchen, und diese würden es

heute abend so miteinander verabreden. Ich treffe Herrn Braun und werde

ihm im Heimweg ein paar Worte über die Sache sagen.“

Gretchens erste Frage im Haus Braun war: „Ist Hermine noch auf?“ und

dann: „Ist Herr Braun schon ausgegangen?“ und als das beides bejaht war,

ging sie sehr befriedigt auf das Wohnzimmer zu. Hermine kam ihr unter

der Türe entgegen: „Ich habe doch gleich deine Stimme erkannt,“ sagte

sie, „aber niemand wollte glauben, daß du so spät noch kommst.“

Gretchen trat ein. Die jüngsten Kinder waren schon zu Bett gebracht, die

älteren und Frau Braun saßen gemütlich an dem großen, runden Tisch, und

alle sahen sehr erstaunt auf den späten Gast. Richard wagte nicht, sich

zum zweitenmal so unhöflich zu zeigen, doch sah er gleich wieder in sein

Buch. „Was bringt dich denn so spät noch zu uns?“ fragte Frau Braun, und

alle warteten neugierig auf Gretchens Antwort. Wie sollte diese nun die

Angelegenheit einleiten? Es war eigentlich eine unangenehme Sache. „Wie

komisch, daß du so dastehst und nicht sagst, was du willst,“ sagte

Hermine.

Da lachte Gretchen und die Kinder lachten mit; das Eis war gebrochen,

Gretchen faßte Hermine, schüttelte sie und rief: „Kannst du’s denn gar

nicht erraten, weshalb ich komme? Du darfst zum Fest statt meiner! Ja,

staune nur, es ist ganz gewiß; dein Vater und meiner, die machen es

jetzt gerade miteinander aus, und wir beide müssen gehorsam sein,

verstehst du? Ist dir’s jetzt recht, daß ich so spät noch komme?“

Hermine war diesmal nicht erblaßt, nein, dunkelrot wurde sie in

freudiger Erregung und alle Kinder drängten sich um die beiden

Freundinnen.

Richard war der erste, der Worte fand: „Bravo, Gretchen, du sollst

hochleben!“ und Otto stimmte mit ein. Aber Hermine hatte sich jetzt

gefaßt und sagte: „Seid doch still, das kann ich doch gar nicht

annehmen!“ Richard fiel ihr eifrig ins Wort: „Hermine, nur keine

Umstände gemacht, es ist einfach dein gutes Recht, daß du zum Fest

kommst, und du nimmst es an.“ Frau Braun, die bei der Aufregung der

Kinder noch gar nicht zu Wort gekommen war, entgegnete Richard sehr

bestimmt: „Nein, ihr _Recht_ ist’s nicht, das Recht ist auf Gretchens

Seite. Aber wir wollen jetzt nicht vom Recht reden, sondern von

Freundschaft, und die Freundschaft kann man annehmen und kann sie auch

vergelten durch ein ganzes Leben hindurch.“ Bewegt zog sie Gretchen an

sich und küßte sie. Auch Mathilde drängte sich zu ihr und sagte bittend:

„Du bist doch nicht _so_ traurig darüber, wie Hermine war?“ Und Gretchen

lachte sie freundlich an und sagte: „Sehe ich traurig aus?“

Frau Braun stellte noch manche Frage, aber sie machte sich keine

Bedenken, das Opfer anzunehmen. Die ganze Familie war zu sehr unter dem

Eindruck gestanden, daß durch einen glücklichen Zufall Gretchen genießen

sollte, was Hermine durch jahrelange Arbeit verdient hätte.

Nun richtete Gretchen aus, was ihr Frau Reinwald wegen der

Kleidermacherin und des Kleiderstoffs aufgetragen hatte, und während sie

mit Frau Braun das alles besprach, stand Hermine wie in einem schönen

Traum verloren neben ihr und hielt ihre Hand fest.

„Hast du denn dort etwa schon den Kleiderstoff mitgebracht?“ fragte Frau

Braun, auf Gretchens Päckchen deutend.

„Ach nein, das ist etwas ganz anderes, das ist meine Entschädigung

dafür, daß ich nicht zum Fest darf.“

„Dann ist’s gewiß etwas sehr Schönes? Dürfen wir’s ansehen?“ Gretchen

lachte. „Ich will es lieber zuerst mit Hermine allein auspacken.“ „So

komm mit,“ sagte Hermine und ging mit der Freundin hinaus ins

Nebenzimmer. Sie sah zuerst ganz verständnislos auf das schlichte

Nachtjäckchen, das aus dem Paket herauskam. Dann begriff sie und kehrte

jubelnd zur Mutter zurück: „Gretchen darf bei uns übernachten, gelt,

Mutter, sie darf?“ Natürlich durfte sie! Noch ganz andere Dinge hätte

sie heute von dieser Familie verlangen dürfen. Jedes der Kinder bot sein

Bett an, alle Hände erklärten sich bereit, das Nötige für den

unerwarteten Gast zu richten. Mathilde, die gewöhnlich bei Hermine

schlief, durfte ihren Platz dem Gast einräumen, und nach einem

herzlichen „Gute Nacht“, das ihr von allen Seiten geboten wurde, blieb

Gretchen allein mit ihrer Freundin.

Nun gab es ein langes, trauliches Plaudern. Hermine wollte alles wissen

und erfuhr auch alles. Es fiel ihr nicht leicht, das Opfer von der

Freundin anzunehmen, und so wollte sie genau erfahren, wie groß das

Opfer für Gretchen war. „Eigentlich sind mir nur zwei Dinge wirklich

leid,“ antwortete Gretchen auf Herminens Fragen; „das eine, daß ich die

kleine Prinzessin nicht zu sehen bekomme, und dann das andere, daß

unsere Lene so bös auf mich sein wird. Daran mag ich gar nicht denken.

Aber es ist ja auch nicht nötig, daß ich daran denke; ich will jetzt

immer daran denken, wie du als altes Mütterchen bei deinen Urenkeln

sitzst und ihnen von dem Fest erzählst.“ „Von dir erzähle ich ihnen noch

viel mehr,“ sagte Hermine. Da klopfte Frau Braun an die Türe und rief:

„Hört einmal, es ist bald elf Uhr. Von euren Urenkeln könntet ihr auch

morgen noch sprechen, das eilt wohl nicht so sehr.“

Noch ein herzlicher Gute-Nachtkuß wurde gegeben und die beiden

Freundinnen schliefen ein.

Am nächsten Tage klopfte Gretchen bei Fräulein von Zimmern an, denn ihr

mußte doch die Verabredung mitgeteilt werden. Unterwegs hatte sie sich

überlegt, wie sie die Sache kurz, ohne überflüssige Füllwörter,

mitteilen wollte.

„Fräulein von Zimmern,“ sagte sie, „mit Zustimmung unserer Eltern soll

Hermine statt meiner zu dem Fest der Königin gehen. Erlauben Sie, daß

ich meine Einladungskarte an Hermine abtrete?“

Fräulein von Zimmern überlegte eine Weile, dann sprach sie: „Eine

Einladung, die von der Königin ausgeht, lehnt man nicht ab. Ich erhielt

die Karten für die Ersten; _du_ bist eingeladen, nicht Hermine.“

Gretchen erschrak. Die Möglichkeit, daß Fräulein von Zimmern nicht

einwilligen könnte, war ihr gar nicht in den Sinn gekommen; welch

schreckliche Enttäuschung wäre das nun für Brauns! „Es war freundlich

von dir gemeint, liebes Kind,“ fuhr Fräulein von Zimmern fort, „und ich

begreife, daß du der Freundin zuliebe verzichten möchtest, aber es wäre

nicht richtig gehandelt. Hattest du mir sonst noch etwas zu sagen?“

Gretchen war ganz bestürzt, das klang schon wie Entlassung! O, sie mußte

erst noch viel sagen!

„Ich war gestern bei Brauns, sie waren alle so unglücklich, der Vater,

die Mutter und sogar die Brüder. Sie nehmen es so schwer und meinen,

Hermine könnte es ihr ganzes Leben lang nicht verschmerzen. Und so ist’s

bei meinen Eltern gar nicht, sie haben mir’s augenblicklich erlaubt, daß

ich mit Hermine tausche, ich könnte auch gar nicht vergnügt sein bei dem

Fest; und wenn mich Hermine nicht immer so getrieben hätte, daß ich mehr

lernen soll, so wäre ich gar nicht die Erste geworden.“ Gretchen sprach

immer rascher und eifriger, denn sie fürchtete jeden Augenblick

hinausgeschickt zu werden. „Ich habe auch so unerhörtes Glück gehabt bei

den Probearbeiten. In der Geographie, bei den Nebenflüssen der Donau,

hatte ich die Enns vergessen zu schreiben. Da höre ich, wie hinter mir

eine andere fragt: „Schreibt man die Enns mit zwei ‚n‘?“ Natürlich habe

ich dann die Enns noch hineingeflickt.“

„Geflickt!!“

„Geschrieben,“ verbesserte Gretchen. „Wenn die Probearbeiten so spät

gewesen wären wie sonst immer, dann wäre Hermine gewiß wieder die Erste

geworden; seit sie gesund ist, holt sie ja alles Versäumte nach, und

jetzt ist schon die Schneiderin bei Brauns und hat den Stoff

verschnitten, für mich wäre Herminens Kleid viel zu kurz – o Fräulein

von Zimmern! ...“ Gretchen hielt ganz außer Atem mit diesen flehenden

Worten inne.

„Das geht etwas bunt durcheinander bei dir, Gretchen! Die Enns und das

kurze Kleid, aber ich habe dich doch verstanden. Ich werde es mir

überlegen. Wenn ich es mit gutem Gewissen kann, dann werde ich deinen

Wunsch erfüllen, aber auch nur dann. Heute nachmittag sollst du Antwort

haben.“

Gretchen war nur halb beruhigt. Fräulein von Zimmern hatte die Erlaubnis

von ihrem Gewissen abhängig gemacht; ach, das Gewissen von Fräulein von

Zimmern war gar nicht zu berechnen!

In der Freiviertelstunde nahm Gretchen Hermine beiseite und erzählte ihr

von der Unterredung. Arm in Arm wandelten die beiden miteinander, die

gemeinsame Furcht und Hoffnung bewegte sie, noch nie hatten sie sich so

lieb gehabt wie heute.

Und noch ein anderes Pärchen wandelte, mit derselben Angelegenheit

beschäftigt, draußen im Schulhof auf und ab. Es war Mathilde Braun und

Ruth. Sie waren sonst gute Freundinnen, aber jetzt hatten sie

entgegengesetzte Interessen. Mathilde war für ihre Schwester, Ruth für

Gretchen, und die beiden stritten darüber, wer das beste Recht auf die

Einladung zum Fest hätte. Wenn Ruth mit der Verteidigung Gretchens nicht

mehr recht nachkam – denn sie war nicht so redegewandt wie Mathilde –

dann seufzte sie nur und wiederholte immer wieder: „Ich hätte Fräulein

Gretchen das schönste Rosenkränzchen zum Festschmuck bringen dürfen,

Papa hatte es schon erlaubt;“ und Mathilde begriff dann, daß Ruth für

Gretchen stimmen mußte.

Auch Fräulein von Zimmern bewegte die Angelegenheit nicht allein in

ihrem Herzen. Sie suchte ihren treuen Berater, Pfarrer Kern, auf und

berichtete ihm. „Es ist eine schwierige Frage,“ schloß sie, „ob ich

berechtigt bin, eine andere als die Erste zum Fest zuzulassen. Was sagen

Sie dazu?“

„Was ich immer sage: Der Geist macht lebendig, der Buchstabe tötet. Im

Geist der Königin ist es, eine Freudenfeier zu schaffen, ihr Glück

andern mitzuteilen. In irgend einen Buchstaben mußte sie diesen Geist

fassen. Liegt nun der Fall so wie bei unserer zehnten Klasse, so käme

statt Freude und Glück nur Kummer und Unzufriedenheit heraus, wenn wir

auf dem Buchstaben beharren wollten und sagen: die Erste ist geladen.

Wäre das im Geist der Königin gehandelt?“

Die Karte, die zur Beteiligung am Fest berechtigte, ging mit Zustimmung

Fräulein von Zimmerns in Herminens Hände über, Gretchen hatte ihr Recht

verloren.

Es war ihr auf dem Heimweg von der Schule doch eigentümlich zumute.

Jetzt, da alles entschieden war, wurde sie sich erst bewußt, wie sie

selbst sich seit vierzehn Tagen gefreut, auf dies Ereignis hin gelebt

hatte und die Tage gezählt bis zu dem Vergnügen, das für sie in Nichts

zerronnen war.

Und nun, da unser Gretchen in dieser trüben Stimmung heimkommt, wird sie

von Franziska mit den Worten empfangen: „Lene ist da!“ Franziska hatte

freilich keine Ahnung, was sie damit sagte. Kaum hatte Gretchen diese

Worte gehört, so machte sie „Kehrt“ und stürmte die Treppe wieder

hinunter. Franziska war ganz verblüfft über die Wirkung ihrer Worte. Sie

trat ans Treppengeländer und rief der Fliehenden nach: „Fräulein

Gretchen, Sie haben mich gewiß falsch verstanden, Ihre Lene ist’s.“

„Ich weiß schon, ich komme nicht eher wieder, als bis sie fort ist!“

„Aber, wenn ich ihr das sage!“

„Sagen Sie’s nur, sie begreift’s. Ich gehe zu Hermine.“

Lene war gekommen, um sich Gretchens Festkleid anzusehen, und ihre

Enttäuschung, als sie alles erfuhr, ging Frau Reinwald zu Herzen; sie

nahm es der treuen Seele auch nicht übel, daß sie in ihrer Erregung

manches nicht ganz höfliche Wort und manches unverständige

hervorsprudelte. Von all den guten Gründen, die Frau Reinwald anführte,

wollte Lene auch nicht einen gelten lassen; erst als Frau Reinwald

sagte: „Lene, so ist eben unser Gretchen, so hast du sie immer lieb

gehabt und so mußt du sie auch ferner lieb behalten,“ da wurde Lene

still, wischte sich eine Träne aus den Augen und sagte: „Ich möchte sie

ja nicht anders haben!“

Rudi und Betty hatten Lenes Vorstellungen mit angehört und diese hatten

ihnen einen tiefen Eindruck gemacht. Es war am Abend noch zu bemerken,

als sie in ihren Bettchen lagen und das Ereignis des Tages besprachen:

_Rudi_: Hast du gehört, Betty, was die Frau Lene gesagt hat?

_Betty_: Ja, sie hat gesagt, daß es gar nicht recht ist von Gretchen.

_Rudi_: Und wenn’s die Königin erfährt, dann geht’s dem Gretchen

schlecht.

_Betty_: Was geschieht ihr dann?

_Rudi_: Ich weiß nicht; aber der Soldat, der bei uns einquartiert war,

der hat gesagt, wenn man den König verraten hat, dann wird man

erschossen!

_Betty_: O wie schrecklich!

_Rudi_: Oder geköpft.

_Betty_: Was tut weher?

_Rudi_: Erschießen tut nicht so weh.

_Betty_: Weißt du’s gewiß?

_Rudi_: Erschießen geht manchmal daneben.

_Betty_: Aber Rudi, gelt, Gretchen wird nicht geköpft?

_Rudi_: Nein, Mädchen werden nicht geköpft.

_Betty_: Und auch nicht erschossen?

_Rudi_: Nein, die halten gar nicht still. Erschießen paßt für die

Soldaten.

_Betty_: Was paßt für Mädchen, wenn Köpfen und Erschießen nicht paßt?

_Rudi_: Du fragst immer so dumm. Gute Nacht.

Nach einer Pause fängt Betty ganz leise noch einmal an:

_Betty_: Rudi, ich kann gar nicht schlafen wegen Gretchen. Sag mir doch,

was tut man mit den Mädchen statt Erschießen?

_Rudi_: Ich will mich auf etwas besinnen, damit du schlafen kannst.

_Betty_: Hast du dich jetzt besonnen?

_Rudi_: Ja. Kannst du schlafen, wenn ich sage; Mädchen kommen auf die

Teufelsinsel?

_Betty_: Nein, o nein, da kann ich nicht schlafen.

_Rudi_: Ach, mit dir ist’s eine Not! Aber jetzt weiß ich etwas: Mädchen

werden begnadigt.

_Betty_: Dürfen sie dann wieder heim?

_Rudi_: Ja, dann dürfen sie tun, was sie wollen.

_Betty_: Dann kann ich schlafen. Gretchen wird begnadigt. Gute Nacht,

Rudi.

_Rudi_: Gute Nacht, Betty.

Zwölftes Kapitel.

Bei der Königin.

Es war der letzte Nachmittag vor dem Fest. Gretchen saß mit Ruth allein

in dem Schulzimmer und ließ ihre kleine Schülerin französisch lesen.

Fräulein von Zimmern trat ein. Gretchen und Ruth sahen kaum vom Buch

auf, sie waren an diese Besuche gewöhnt. Aber heute kam Fräulein von

Zimmern nicht als stille Zuhörerin. „Schließt nur euer Buch,“ sagte sie

in ungewohnter Lebhaftigkeit, „ich bringe dir eine ganz unerwartete

Botschaft, Gretchen.“ Erwartungsvoll sah diese auf. „Sieh her, ich habe

wieder ein Schreiben aus dem Kabinett der Königin erhalten, ich werde es

dir vorlesen.“

In dem Schreiben stand, es sei der Königin bekannt geworden, daß eine

der Ersten dieser Schule zu Gunsten der Zweiten aus allzugroßer

Gewissenhaftigkeit auf die Einladung zum Fest verzichtet habe. Wenn sich

das tatsächlich so verhalte und die Beweggründe wirklich edle gewesen

seien, so sollen hiemit die beiden Ersten dieser Klasse eingeladen sein.

Eine weitere Eintrittskarte lag bei.

Gretchen sprang auf von ihrem Platz und mit dem Ruf: „Das ist herrlich,

einfach herrlich!“ nahm sie die Karte in Empfang. Wem hatte sie dies

unverhoffte Glück zu danken? Einen Augenblick zögerte sie, ob sie sagen

dürfe, was sie dachte; als sie aber nur Freude und Güte in den Zügen

ihrer gestrengen Vorsteherin las, da rief sie: „Fräulein von Zimmern,

das haben _Sie_ gemacht, Sie haben es die Königin wissen lassen!“ „Nein,

mein Kind, da irrst du dich, ich habe mich selbst schon besonnen, auf

welchem Weg dies in der kurzen Zeit von wenigen Tagen bis zu der Königin

gedrungen sein kann. Ich denke aber, wenn du unserm lieben Herrn Pfarrer

dafür dankst, wirst du wohl an den richtigen Mann gekommen sein. Es

freut mich herzlich für dich, auch für Hermine kann es jetzt erst eine

reine Festfreude geben. Und nun geh eilends heim zu deiner lieben

Mutter, ich denke mir, sie wird kaum mehr das Nötige richten können bis

morgen.“

Ruth hatte dies alles zwar schweigend, aber mit sichtbarer Freude

angehört. Gretchen verabschiedete sich schnell, ohne wie sonst zu

warten, bis Ruth ihre Bücher eingepackt hatte und mit ihr gehen konnte.

Sie wollte keine Zeit verlieren, eilte fröhlich die Treppen hinunter.

Aber doch wurde sie auf der Straße noch von Ruth überholt; die kleine

Gestalt rannte an ihr vorüber, ohne sich aufhalten zu lassen. Warum es

ihr heute wohl so pressiert? fragte sich Gretchen, sie ist doch nicht

geladen!

Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr: Eine Erzählung für Mädchen von 13-16 Jahren · 第 11 / 19 段