„Freilich, aber sie ist eben noch nicht ganz gesund und deshalb bleibt

sie länger liegen.“

„Ich will doch einmal nachsehen, ob sie noch fest schläft,“ entgegnete

Gretchen und wartete nicht weiter auf die Einwilligung des Mädchens.

Ohne anzuklopfen trat sie leise in Herminens Schlafzimmer. Die Vorhänge

waren zugezogen, es war dunkel und still im Zimmer; Hermine lag

schlafend, das Gesicht nach der Wand gekehrt. Gretchen zögerte ein

wenig. Durfte sie die Freundin wecken? Nein, aber doch ein wenig

probieren, ob sie noch fest schlief oder bald von selbst aufwachen

würde. Leise flüsterte sie: „Hermine, Fräulein Geldern war bei uns.“ Die

Schläferin bewegte sich ein wenig.

„Hermine, Fräulein Geldern hat der Mutter alles anvertraut.“

Die Schläferin wandte sich Gretchen zu, aber die Augen waren noch

geschlossen.

„Hermine, Fräulein Geldern hat an ihre Eltern geschrieben und sie um

Verzeihung gebeten.“ Jetzt öffnete die Schläferin die Augen und sah mit

Erstaunen auf Gretchen. „Guten Morgen, Hermine,“ sagte diese voll

Vergnügen, daß die Freundin wach war. „Guten Morgen, Gretchen. O, es ist

schade, daß du mich geweckt hast, ich habe gerade von Fräulein Geldern

so schön geträumt!“

„Ich habe dich eigentlich nicht geweckt, ich habe dir nur erzählt; o

Hermine, es ist jetzt alles offen und klar, und bald wird Fräulein

Geldern aus aller Not sein!“ Jetzt war Hermine ganz munter und voll

Teilnahme für alles, was ihr die Freundin erzählte. Mitten in dem

Bericht trat Frau Braun ein und war nicht wenig erstaunt, Besuch im

Schlafzimmer zu finden. „Das wird hoffentlich dein letzter Krankenbesuch

bei Hermine sein,“ sagte sie zu Gretchen, „morgen darf sie wieder in die

Schule.“ Das war eine frohe Botschaft für Gretchen; fröhlichen Sinns

verabschiedete sie sich und wanderte leichten Herzens, wie schon lange

nicht mehr, in ihre Schule.

Fräulein Geldern suchte heute nicht die Gelegenheit, mit Gretchen

zusammenzukommen, aber als sie sich zufällig auf der Schultreppe trafen,

drückte sie ihr die Hand und flüsterte ihr zu: „Grüßen Sie mir Ihr

goldiges Mütterlein!“ Nun wußte Gretchen, daß die Freundin ihr nicht

mehr zürnte wegen des „Verrats“.

Frau Reinwald teilte Fräulein von Zimmern mit, wie Gretchen ganz gegen

ihren Willen in Heimlichkeiten verwickelt worden war. Das wußte Gretchen

und so war es ihr auch nicht bange, als sie an einem der nächsten

Schultage in das Zimmer der Vorsteherin beschieden wurde; aber lebhaft

kam ihr in Erinnerung, wie sie das letzte Mal so ungnädig aus diesem

Stübchen entlassen worden war. Diesmal wurde sie freundlich angeredet.

„Du weißt wohl,“ sagte Fräulein von Zimmern, „daß deine liebe Mutter

alles aufgeklärt und in Ordnung gebracht hat, was unklar und verwirrt

war. Ich habe über diese Sache nichts mehr zu bemerken. Ich habe dich

rufen lassen wegen Ruths Stunden. Die Kleine hat nun ihre Kamerädinnen

eingeholt und braucht keine Nachhilfestunden mehr, doch wäre es gut,

wenn du sie noch ein wenig im französischen Lesen übtest; willst du das

noch diesen Monat hindurch tun?“

„Jawohl, gerne.“

„Wie gefällt dir nun das Unterrichten? Möchtest du gelegentlich wieder

eine kleine Schülerin?“

„Lieber nicht,“ sagte Gretchen offenherzig, „ich habe mir’s eben

eigentlich doch lustiger gedacht.“

„_Eben_, _eigentlich_, _doch_,“ wiederholte Fräulein von Zimmern, „drei

Füllwörter nebeneinander! Alle drei könnten wegbleiben. In deinem

letzten Aufsatz mußten auch einige Füllwörter gestrichen werden. Achte

künftig besser darauf! – _Lustig_ ist das Unterrichten freilich nicht;

aber eine Freude ist es doch, die Fortschritte einer Schülerin zu

beobachten und am meisten, wenn man dabei die Liebe der Schülerin zu

gewinnen versteht. Dies ist dir gelungen, Ruth ist dir sehr anhänglich.“

„Ich habe sie auch lieb.“

„Das freut mich. Du kannst nun gehen, mein Kind.“ Vertraulicher als es

sonst ihre Art war, reichte Fräulein von Zimmern Gretchen die Hand und

sah sie freundlich an, so ganz anders als bei dem letzten Gespräch;

Gretchen fühlte sich so glücklich darüber, daß sie in Gefahr kam, der

würdigen Dame zum zweitenmal um den Hals zu fallen. Sie faßte sich aber

noch und verabschiedete sich mit dem vorschriftsmäßigen Knicks. Draußen

aber, da ihr gerade die kleine Ruth in den Weg lief, packte sie dieselbe

in fröhlichem Übermut, setzte sich auf die unterste Treppenstufe, zog

das Kind auf ihren Schoß und rief: „Weißt du schon, Ruth, daß wir nun

bloß noch miteinander lesen müssen, keine langweiligen Übersetzungen

mehr schreiben, keine schweren Wörter mehr lernen? Ist das nicht lustig?

Hast du’s schon gewußt? Ja? Hat dir’s Fräulein von Zimmern gesagt oder

Fräulein Bertrand?“

„Beide.“

Das war wieder eine spärliche Antwort auf solchen Erguß; aber Gretchen

war im Augenblick viel zu vergnügt, um sich über irgend etwas zu ärgern.

Sie lachte nur und sagte: „Gelt, du hast noch nie einen Verweis bekommen

wegen der vielen Füllwörterchen; wenn man bei dir _ein_ Wort streicht,

so bleibt überhaupt nichts mehr übrig.“ Ruth verstand nicht, was

Gretchen mit den Füllwörtern meinte; aber sie empfand den guten Humor

und fühlte sich ganz behaglich als Schoßkind. Aber da ging die Türe auf

und Fräulein von Zimmern trat in den Vorplatz. Im Nu sprang Gretchen in

die Höhe und zog die Kleine mit sich fort, noch ehe die gestrenge

Vorsteherin ihr die Bemerkung machen konnte, daß die Treppe nicht zum

Sitzplatz bestimmt sei.

Hermine ging wieder in die Schule. Wenn sie noch einen Tag weggeblieben

wäre, hätte sie ihre schöne Freundin, Fräulein Geldern, nicht mehr

gesehen.

Am ersten Nachmittag, als sie die Schule wieder besuchte und eben

Fräulein Bertrand die französische Stunde erteilte, trat unerwartet

Fräulein von Zimmern in die Klasse und wandte sich an Fräulein Bertrand:

„Erlauben Sie, daß Hermine und Gretchen einen Augenblick mit mir kommen,

es wird nach ihnen gefragt.“ Überrascht folgten die beiden Gerufenen der

Vorsteherin bis hinunter an ihr Zimmer. „Ihr werdet hier jemand treffen,

der sich von euch verabschieden will,“ sprach sie und öffnete die Türe.

Da standen die beiden Mädchen zwei Damen gegenüber. Die eine, Fräulein

Geldern, ging freundlich auf sie zu. „Ich möchte meine lieben

Freundinnen, ehe ich fortgehe, meiner Mutter vorstellen,“ sagte sie;

„sieh, Mutter, das sind die beiden, die ...“

„Die dir so treulich beigestanden haben in deiner Not,“ vollendete

Fräulein Gelderns Mutter, eine hohe, stattliche Gestalt, die auf die

Mädchen zukam und sie herzlich begrüßte. „Ich war bei Ihrer Mutter,“

sagte sie zu Gretchen, „und habe ihr gedankt für das, was sie an meiner

Tochter getan hat, und nun möchte ich auch Ihnen beiden noch danken.“

Fräulein von Zimmern sah, daß die Freundinnen in Verlegenheit waren und

nicht wußten, was sie antworten sollten. Sie kam ihnen zur Hilfe:

„Fräulein Geldern wird heute schon heimreisen; ich habe euch gerufen,

damit ihr euch noch verabschieden könnt.“ Das taten nun die beiden

Mädchen und als sie wieder zu ihrer Klasse zurückkehrten, begleitete

Fräulein Geldern sie noch bis in den obern Stock. Dort fand Gretchen

noch den Mut zu der Frage: „Sind Sie mir nun gar nicht mehr böse?“

„Nein, gewiß nicht; aber eines möchte ich Sie noch fragen, Gretchen, mit

wem haben Sie damals über mein Geheimnis gesprochen, als Sie sich von

mir lossagten? Mit Fräulein von Zimmern oder mit Ihrer Mutter? Jetzt

können Sie es mir ja eingestehen.“

„Aber mit niemanden! Fräulein Geldern; ich habe es Ihnen doch schon

damals gesagt.“

„Ich kann es nicht glauben, Kind. Die Worte, die Sie damals sagten,

konnten nicht aus Ihnen kommen und ebensowenig Ihr plötzlicher, fester

Entschluß.“

„Es waren die Worte, die unser Pfarrer in der Stunde über Heimlichkeiten

sprach.“

„Ja,“ bestätigte Hermine, „wir hatten ihn gebeten, darüber zu reden,

aber er wußte nicht, warum.“

„Das waren gute Worte; Gott sei Dank für dieselben!“

Die jungen Mädchen trennten sich, Gretchen und Hermine sahen ihre schöne

Freundin die Treppe hinunter eilen – für sie war sie verschwunden, wohl

für immer.

Noch am selben Tag kehrte sie als ein gedemütigtes Kind nach schweren

Erfahrungen ins Elternhaus zurück.

Elftes Kapitel.

Eine Einladung.

In der ernsten Arbeit der nächsten Wochen war die Erinnerung an Fräulein

Geldern bald zurückgetreten bei unsern Freundinnen. Ihre Mitschülerinnen

waren froh darüber, daß Gretchen und Hermine wieder mehr für sie zu

haben waren. Ottilie von Lilienkron neckte die beiden nicht mehr wegen

ihrer Schwärmerei, und Elise Schönlein, die von den fünfzehn

Schülerinnen der Oberklasse die ungeschickteste war, konnte sich wieder

wie früher Hilfe erbitten bei der allzeit dienstfertigen Hermine oder

guten Rat bei Gretchen, in deren Kopf alles klar lag, was sich bei Elise

in trostlosem Wirrwarr befand.

Der Tag kam, in dem in der Schule von Fräulein von Zimmern Probearbeiten

gegeben wurden. Vom Erfolg derselben und von den Arbeiten, die im Lauf

des Winters gemacht worden waren, hing die Note ab und der Platz in der

Klasse. Hermine war seit Jahren die erste, während Gretchen und Ottilie

öfter auf dem zweiten und dem dritten Platz gewechselt hatten. Diesmal

hatte Gretchen gute Aussicht, den zweiten Platz zu behaupten und Hermine

war das wichtiger als Gretchen selbst. Während sie die Schultreppe

zusammen hinaufgingen, sagte Hermine: „Gretchen, bleib mir treu! Wenn du

nicht ganz schlechte Probearbeiten machst und Ottilie ganz

ausgezeichnete, so _kann_ sie gar nicht mehr über dich hinaufkommen.

Gelt, du paßt recht auf?“

„Ja, ja, ja,“ rief Gretchen ungeduldig, „wie oft willst du mir’s noch

ans Herz legen? Ich kann’s gar nicht ausstehen, wenn man immer so nach

den ersten Plätzen jagt. Ich wollte, ich wäre Elise Schönlein, die sitzt

so fest auf ihrem fünfzehnten Platz, mit allem Leichtsinn kann sie nicht

weiter hinunterkommen, solange nicht eine sechzehnte Schülerin

eintritt.“

„Aber Gretchen, wie du nur so etwas sagen magst, das kommt mir fast

unrecht vor!“

„Ich meine es ja nicht so ernst; aber so ein Ehrgeiz, wie ihn Ottilie

hat, der kommt _mir_ fast unrecht vor.“

Hinter den beiden Freundinnen kam Elise Schönlein herauf. Gretchen

redete sie an und wünschte ihr viel Glück für die Probearbeiten. „Heute

haben wir doch noch keine?“ fragte Elise. „Aber Elise,“ entgegnete

Hermine ganz vorwurfsvoll, „Fräulein von Zimmern hat es uns doch schon

vor acht Tagen gesagt! Hast du denn gar nichts durchgegangen?“ Elise

blieb die Antwort schuldig.

„Und _die_ beneidest du?“ sagte Hermine leise zu Gretchen.

Droben, auf dem langen Gang, wandelte Ottilie auf und ab, ein Buch in

der Hand. „Lernst du noch?“ fragte Hermine. „Nur noch repetieren.

Gestern habe ich, obwohl es Sonntag war, den ganzen Tag gelernt, bis ich

vor Kopfweh gar nicht mehr aus den Augen sehen konnte.“

„Und _die_ beneidest du?“ sagte Gretchen lachend zu Hermine.

Die Probe-Arbeiten gingen von statten, schriftliche Arbeiten aus allen

Fächern. Noch in derselben Woche erschien eines Nachmittags Fräulein von

Zimmern in der Klasse der Großen, um das Resultat zu verkündigen; es

setzte alle in Erstaunen, es fiel auch anders aus, als Hermine erwartet

hatte: Gretchen war nicht die zweite geblieben, nein, Gretchen war die

erste geworden! Die beiden Freundinnen sahen sich bei dieser

Verkündigung ganz verblüfft an und trotzdem Fräulein von Zimmern ganz in

Gretchens Nähe stand und feierliche Stille in der Klasse herrschte,

konnte Gretchen sich doch nicht enthalten, Hermine zuzurufen: „Siehst

du’s! Nun hast du’s! Warum mußt du mich immer so anstacheln!“

„Bemerkungen während der Locierung sind verboten,“ sagte Fräulein von

Zimmern zu Gretchen, „du weißt das seit vielen Jahren. Ich muß leider

meiner Ersten gleich eine schlechte Note geben.“ Lautlose Stille unter

den Schülerinnen. Manch teilnehmender Blick fiel auf die beiden

Freundinnen. Hermine war ein wenig erblaßt. „Nimm dir das nicht zu sehr

zu Herzen,“ sagte Fräulein von Zimmern wohlwollend zu ihr, „dein

längeres Unwohlsein mag etwas ausgemacht haben. Übrigens waren deine

Arbeiten gut, nur die von Gretchen noch etwas besser.“ Diese Worte taten

Hermine wohl und nachdem die beiden Freundinnen ihre Plätze gewechselt

hatten, fanden sich ihre Hände unter dem Tisch zu freundschaftlichem

Gruß.

Ein weiterer Trost für Hermine mochte es sein, daß neben sie, als

dritte, Elsbeth May kam; denn auch Ottilie war um einen Platz

zurückgekommen. „Du bist diesmal die vierte geworden,“ sagte Fräulein

von Zimmern zu ihr, „deine Arbeiten im letzten Halbjahr waren gut, aber

die Probearbeiten sind dir teilweise mißlungen. Du sahst auch nicht gut

aus, warst du unwohl?“ Ottilie stürzten die Tränen aus den Augen und

schluchzend rief sie: „Ich hatte so furchtbar Kopfweh, schon am Tag

vorher, am Sonntag, wo ich gearbeitet hatte von früh bis spät abends.“

„Den ganzen Sonntag hast du gearbeitet, Ottilie? Hast du denn am Werktag

so viel Gutes gehört und gelesen, so für deine Erbauung gesorgt, daß du

es am Sonntag gar nicht mehr nötig hattest? Oder meinst du, es stehe so

gut mit dir, daß du dich ganz über das Gebot der Sonntagsheiligung

hinwegsetzen kannst? Ich glaube, das dürfen nur solche Gotteskinder tun,

deren ganzes Leben ein Gottesdienst ist.“ Ottilie weinte still vor sich

hin. Noch manche Veränderung gab es am grünen Tisch, aber Elise

Schönlein behielt ihren alten Platz.

Obwohl Fräulein von Zimmern durch lange Jahre die Erfahrung gemacht

hatte, daß dieses Mädchen keinen bessern Platz erobern konnte, war sie

doch nicht gleichgültig gegen sie. „Elise,“ sagte sie, „daß du wieder

die letzte bist, nehme ich dir nicht übel, denn die andern lernen

leichter als du. Daß du aber deine Probearbeiten schlechter gemacht hast

als sonst, das hat mich sehr betrübt. Du sollst diese Woche jeden Abend

zu mir kommen, und diese Arbeiten so oft bei mir machen, bis sie so gut

werden, als ich von dir erwarten kann. Du darfst nicht eine schlechtere

Schülerin werden, du kannst und mußt eine bessere werden!“

Als Gretchen an diesem Abend ihren Eltern von den Erlebnissen in der

Schule erzählte, fiel es ihr auf, daß ihr Vater aufmerksamer zuhörte als

sonst bei derartigen Berichten. Nachdem sie alles erzählt hatte, fragte

Herr Reinwald: „Nun? Das Beste kommt doch noch? Nicht? Gibt’s nicht noch

eine wichtige Neuigkeit?“

„Ich weiß nichts weiter, Vater, was meinst du?“

„Ich will nichts ausplaudern, ihr werdet wohl morgen in der Schule

hören, was ich zufällig schon heute erfuhr. Aber das kann ich dir sagen,

du bist ein Glückskind, daß du gerade jetzt den ersten Platz bekommen

hast.“

Auf diese geheimnisvolle Andeutung hin ging Gretchen am nächsten Morgen

voll Erwartung in die Schule. Sie war kaum in das Schulhaus eingetreten,

als ihr auch schon etwas Ungewohntes in die Augen fiel. An der Türe des

Zeichensaals hing recht augenfällig eine große Tafel, auf der mit

deutlicher Schrift geschrieben stand: Die Schülerinnen sämtlicher

Klassen haben sich um zehn Uhr im Zeichensaal zu versammeln.

Mädchen aus allen Klassen umstanden die Tafel, und die verschiedensten

Vermutungen wurden ausgesprochen. „Gewiß ist’s wegen eines

Schulspaziergangs,“ sagte die eine, „wegen der Handarbeitsausstellung,“

meinte eine andere, und eine dritte versicherte, sie wisse es ganz

genau, das Hausmädchen von Fräulein von Zimmern habe sie alle verklagt,

weil sie die Stiefel nicht abstreiften vor dem Schulhaus.

Von all dem glaubte Gretchen nichts, ihr Vater mußte von etwas anderem

wissen. Es _war_ auch etwas ganz anderes. Als um zehn Uhr die

Schülerinnen versammelt waren – auch Lehrerinnen hatten sich eingefunden

– trat Fräulein von Zimmern in den Saal. Die Neugierde der ganzen

Versammlung war so groß, daß von selbst alles Geplauder verstummte und

lautlose Stille eintrat. Gespannt waren die Blicke aller auf die

Vorsteherin gerichtet, als diese sprach: „Ich habe gestern abend ein

Schreiben bekommen aus dem Kabinett der Königin. Ihr wißt wohl alle, daß

in unserem Königshaus große Freude herrscht, weil unserer Königin nach

drei Prinzen eine Prinzessin geschenkt wurde. An dieser Freude sollen

nun die Bewohner der Residenzstadt auch teilhaben und darum hat Ihre

Majestät die Königin beschlossen, ein Fest zu veranstalten zu Ehren der

kleinen Prinzessin. Zu diesem Fest sind an sämtliche Mädchenschulen

unserer Stadt Einladungen ergangen. Von jeder Klasse ist die erste

Schülerin auf Donnerstag den zwanzigsten dieses Monats in die königliche

Residenz eingeladen. Somit ist auch aus unserer Schule die erste jeder

Klasse geladen. Die anderen Schülerinnen, die nicht eingeladen sind,

sollen am zwanzigsten nachmittags schulfrei sein, und wenn es irgend

möglich ist, soll ein Schulspaziergang mit ihnen unternommen werden. Das

Schreiben ist von Ihrer Majestät der Königin eigenhändig

unterschrieben.“ Fräulein von Zimmern hielt es hoch, um es die

Schülerinnen sehen zu lassen, dann sagte sie: „Ihr könnt nun alle den

Saal verlassen, außer den Ersten der zehn Klassen, diese sollen zu mir

kommen.“ Nun war es mit der Stille vorbei, unter großem Tumult leerte

sich langsam der Saal.

Als Gretchen die Mitteilung vernommen hatte, war ihre erste Empfindung

eine triumphierende Freude gewesen: Ja, sie war ein Glückskind! Zum

erstenmal ist sie in dieser Schule die Erste, und gerade diesmal wird

den Ersten eine Auszeichnung zuteil, und eine solche! Eine Einladung in

die Residenz, zum Prinzeßchen. Aber gleich kam eine schmerzliche

Empfindung und verdrängte die Freude; Hermine ist ein Unglückskind! Wäre

die Einladung auch nur ein paar Tage früher ergangen, so wäre sie unter

den Geladenen gewesen! Gretchen wandte sich um, hinter ihr stand

Hermine, ihre Blicke begegneten sich. Wohl war Hermine ein wenig

erblaßt, und Tränen standen in ihren Augen, aber trotzdem nickte sie

Gretchen freundlich zu. Ja, sie war eine selbstlose, treue Freundin, sie

gönnte ihr das Glück, so durfte sich auch Gretchen freuen.

Die zehn Mädchen, die in dem Saal zurückblieben, waren so verschieden in

Alter und Größe wie nur möglich, aber alle waren sie gleich strahlend in

freudiger Überraschung.

Als Fräulein von Zimmern allein war mit ihren Auserkorenen, teilte sie

ihnen noch einiges Nähere mit. Dem Schreiben der Königin lag eine

Anweisung bei, die besagte, daß die Schulvorsteher die Namen der

geladenen Kinder mitteilen sollten, worauf für dieselben

Einladungskarten folgen würden. Auch wegen der Kleidung war einiges

bestimmt: Die Mädchen sollten in weißen Kleidern erscheinen, ohne Hüte,

mit Blumenkränzchen.

Herr und Frau Reinwald hatten schon vorher von dieser Einladung gewußt

und waren deshalb nicht mehr überrascht, als Gretchen ihnen dies alles

mitteilte, aber um so mehr Staunen erregte ihre Botschaft bei Rudi und

Betty. Eingeladen bei der Königin, das klang ja wie ein Märchen, und

Gretchen stand vor den Augen der Kleinen wie eine verzauberte

Prinzessin.

Frau Reinwald war bald darauf in der Bodenkammer zu sehen, wo sie

Gretchens weißes Kleid hervorsuchte. Die kleine Betty war ihr gefolgt,

denn alles, was mit dem Fest der Königin zusammenhing, war ihr

hochinteressant. Frau Reinwald wandte das weiße Kleid hin und her und

kam nicht recht zum Entschluß, ob es wohl für das Fest noch gut genug

wäre. Die Kleine verfolgte alle ihre Bewegungen und las mit sorgenvollem

Gesichtchen in den Mienen der Tante. Endlich griff sie mit ihren

Fingerchen den feinen Stoff und sagte ernsthaft: „Tante, dein Gretchen

zerreißt das Kleid, und die Königin sieht das Loch.“

„Du kleine Unglücksprophetin!“ rief die Tante lächelnd. Aber die

schwankende Wagschale hatte sich durch dies Kinderwort doch geneigt,

Frau Reinwald legte das alte Kleid wieder an seinen Ort, nahm Betty bei

der Hand und sagte: „Komm, wir gehen hinunter und kaufen ein neues

Kleid, die Königin darf kein Loch sehen.“ Und Betty durfte mit, als Frau

Reinwald ging, um den Stoff zu kaufen und die Kleidermacherin zu

bestellen.

„Mutter,“ sagte Gretchen im Heimweg von diesem Ausgang, „ich _muß_ doch

geschwind zu Lene, kein Mensch freut sich so wie sie, wenn sie hört, daß

ich die Erste geworden und zur Königin eingeladen bin.“

„Es ist wahr, das ist etwas für unsere Lene, gehe nur zu ihr, so etwas

darf man der treuen Seele nicht vorenthalten.“

Lene war diesmal nicht allein, alle drei Buben waren daheim; schon vor

der Türe hörte Gretchen sie lärmen und mußte bei sich denken: Die Wilden

sind noch immer nicht gezähmt. Sie mochte sich nicht gerne vor so viel

Zeugen ihres Glückes rühmen und fragte zunächst nur nach Lenes Ergehen.

Aber Lene war mit diesem Thema gleich fertig, etwas anderes schien sie

zu beschäftigen. „Gretchen,“ sagte sie, „kannst du dir den Hofkutscher

Plitt noch denken, der bei meiner Hochzeit war? Der ist ein alter

Kamerad von meinem Mann und kommt oft mit ihm zusammen. Der hat uns

erzählt von dem Fest, das die Königin gibt, du mußt ja auch schon davon

gehört haben, von eurer Schule müssen doch auch die Ersten eingeladen

sein. Da gibt’s eine großartige Bewirtung und Spiele und am Schluß wird

die Prinzessin in ihrer goldenen Wiege gezeigt. O Gretchen, ich habe so

an dich denken müssen, du bist doch meistens die Zweite und könntest

längst die Erste sein, wenn du nur recht wolltest; aber schon von klein

an hat’s dir am rechten Ehrgeiz gefehlt und sieh, jetzt hättest du zur

Königin kommen können!“ Gretchen sah Lene mit strahlenden Augen an und

sagte ganz einfach: „Ich _bin_ ja die Erste.“

„Du _bist_ die Erste? Ja, seit wann denn? Machst du keinen Spaß? Dann

bist du eingeladen zum Fest, wirklich? Ja? Und da kommt sie so ruhig zur

Tür herein und sagt: Grüß Gott, Lene, wie geht’s dir? Buben, habt ihr’s

gehört? Mein Gretchen ist die Erste und ist zur Königin eingeladen!“

Freilich hatten es die Buben gehört, längst waren sie nicht mehr die

Wilden, ganz zahm standen sie da und horchten. Jetzt sprach der Große:

„Ich hab’ mir’s schon ausgedacht, daß der Vater sie in die Residenz

fahren muß, ich schreib es ihm gleich in seinen Kalender, am zwanzigsten

nachmittags.“ „In der neuen Hochzeitskutsche,“ rief der zweite, „das

macht sich fein vor der Residenz.“ „Die wird der Vater nicht nehmen, für

die rechnet er immer die doppelte Taxe.“ „Die nimmt er, sag ich!“ „Die

nimmt er nicht.“ Die Brüder gerieten in Streit. „Seid still, ihr Buben,

und verderbt mir meine Freud’ nicht,“ rief Lene und nun erzählte sie

ganz ausführlich alles, was der Hofkutscher Plitt gesagt hatte,

erkundigte sich nach Gretchens Festkleid und war glücklich, als sie

hörte, daß schon die Schneiderin bestellt sei, um ein ganz neues Kleid

zu machen.

Gretchen ging sehr vergnügt heim, Lenes große Freude hatte ihre eigene

Freude noch erhöht. Am Abend, als Rudi und Betty in ihren Bettchen

lagen, waren auch sie noch erfüllt von der Neuigkeit des Tages, so daß

sie nicht gleich einschlafen konnten, und wer an der Türe des

Schlafzimmers lauschte, konnte folgendes Zwiegespräch zwischen den

Kleinen vernehmen:

_Betty_: Glaubst du, Rudi, daß es Kuchen gibt bei der Königin?

_Rudi_: O nein, Kuchen essen ja auch gewöhnliche Menschen! Da gibt’s

etwas Besseres.

_Betty_: Rahmtorte vielleicht?

_Rudi_: Nein, noch etwas viel Besseres.

_Betty_: Was ist noch besser als Rahmtorte?

_Rudi_: Das sag ich dir nicht.

_Betty_: Warum denn nicht?

_Rudi_: Weil du noch so klein und dumm bist.

_Betty_: Ich möchte aber so gern wissen, was besser schmeckt als

Rahmtorte!

_Rudi_: Ich sag dir’s nicht.

_Betty_: Dann sag ich dir auch nichts mehr.

_Rudi_: Du weißt ja gar nichts.

_Betty_: Nein, aber wenn ich vielleicht morgen etwas weiß, dann sag ich

dir morgen nichts.

_Rudi_: Und ich sag dir einen ganzen Monat lang nichts.

_Betty_: Und ich noch viel länger, eine ganze Woche lang.

_Rudi_: O die weiß noch nicht einmal, daß ein Monat länger ist als eine

Woche, zehnmal länger!

(Eine kleine Pause tritt ein.)

_Rudi_: Schläfst du schon, Betty? Warum sagst du nichts mehr? Weinst du?

Ich kann’s gar nicht leiden, wenn du weinst.

_Betty_: Ich auch nicht, aber ich muß.

_Rudi_: Warum mußt du denn weinen?

_Betty_: Weil du mir einen Monat lang nichts mehr sagst, und weil ich so

dumm bin, und weil ich nicht weiß, was besser schmeckt als Rahmtorte.

Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr: Eine Erzählung für Mädchen von 13-16 Jahren · 第 10 / 19 段