machte sich Gretchen auf den Weg zur Schule. Erworben hatte sie alles
auf ehrliche Weise, doch mußte sie es heimlich forttragen, und wie sie
es Fräulein Geldern unbemerkt zustecken sollte, das wußte sie noch gar
nicht. Sie war etwas früher als nötig von zu Hause fortgegangen und
hielt sich eine gute Weile in dem Vorplatz des Schulhauses auf, in der
Hoffnung, daß Fräulein Geldern kommen würde und sie ihr unbemerkt auf
der Treppe das Päckchen zustecken könnte. Als aber eine ihrer
Kamerädinnen nach der andern kam und jede fragte: Auf wen wartest du?
wurde ihr dieser Posten unangenehm und sie ging vor das Haus, der Straße
zu, aus der Fräulein Geldern kommen mußte. Die Zeit verstrich, schon
kamen nur noch einzelne, verspätete Schülerinnen eiligen Laufes auf das
Institut zu. Endlich tauchte in der Ferne Fräulein Geldern auf. Gretchen
eilte ihr entgegen und übergab ihr das Paket. Mit dankenden Worten nahm
es Fräulein Geldern und ging dann rasch voran der Schule zu, während
Gretchen absichtlich noch ein wenig zögerte und dann langsam folgte, um
nicht zugleich mit Fräulein Geldern in der Schule anzukommen.
Inzwischen war schon das Zeichen zum Beginn der Klasse gegeben worden.
Es war aber Sitte in dem Institut von Fräulein von Zimmern, daß mit dem
Glockenzeichen die große Haustüre geschlossen wurde, so daß jede
Verspätete klingeln mußte und durch ein Dienstmädchen eingelassen wurde.
Meist öffnete sich dann die Türe vom Zimmer der Vorsteherin, wenn die
Verspätete vorüberkam; und wenn Fräulein von Zimmern auch nur einen
strengen Blick für dieselbe hatte, so war diese Einrichtung doch allen
so peinlich, daß höchst selten die Hausglocke ertönte.
Gretchen war deshalb auch sehr bestürzt, als sie das Haus geschlossen
fand. Aber was wollte sie tun? Sie mußte sich wohl entschließen, zu
klingeln. Sie tat es möglichst sachte, aber diese Hausglocke hatte immer
etwas Feindseliges und nahm Partei gegen die Verspäteten; wenn sie noch
so leise berührt wurde, dröhnte sie laut durchs ganze Haus.
Gretchen huschte so rasch wie möglich durch den Vorplatz, um unbemerkt
an dem Zimmer der Vorsteherin vorbeizukommen, aber die gefürchtete Tür
öffnete sich trotzdem und Fräulein von Zimmern rief erstaunt: „Du bist
es, Gretchen? Ich sah dich doch schon vor einer Viertelstunde an der
Haustüre. Hattest du etwas vergessen? Nein? Komm mit mir herein und gib
mir Antwort.“ Aber Gretchen, die der Vorsteherin in das Zimmer gefolgt
war, schwieg. Dies mußte Fräulein von Zimmern auffallen, es war nicht
Gretchens Art.
„Wo hast du dich aufgehalten?“ fragte sie nun in strengem Ton.
„Ich habe nicht gedacht, daß es schon so spät ist,“ entgegnete Gretchen.
„Ist das eine Antwort auf meine Frage? Wo warst du, Gretchen?“
„Nur auf der Straße.“
„Was wolltest du da?“
„Nur ein wenig warten.“
Da sprach Fräulein von Zimmern nicht mehr in strengem, aber in traurigem
Ton zu Gretchen: „Du gebrauchst Ausflüchte? _Du_, Gretchen?“ Eine große
Stille folgte, in Gretchens Augen sammelten sich Tränen.
„Geh hinaus, du tust mir weh,“ sprach Fräulein von Zimmern und wandte
sich ab. Aber Gretchen in überwallendem Gefühl des Schmerzes umschlang
Fräulein von Zimmern und rief in leidenschaftlicher Erregung: „O,
verzeihen Sie mir, ich _kann_ ja nicht anders, ich _darf_ ja nichts
sagen!“ und dann stürmte sie zum Zimmer hinaus.
In den vielen Jahren ihres Wirkens war es der ernsten, gemessenen
Vorsteherin noch nie vorgekommen, daß eine der Schülerinnen sie umarmt
hätte. Sie fühlte die warme Liebe des Kindes, das in diesem Augenblick
der höchsten Erregung sich hatte hinreißen lassen, und sie erwiderte
diese Liebe. Sie sann und sann und kam zu einem Entschluß.
Als sie um 10 Uhr in die Oberklasse kam, um Literaturstunde zu geben,
und Gretchen, in Erinnerung an das Geschehene, tief errötend zu ihr
aufsah, war Fräulein von Zimmern nichts anzumerken.
Um 11 Uhr erschien Pfarrer Kern. Da Fräulein von Zimmern sich nicht
gleich entfernte, zitterte Gretchen schon bei dem Gedanken, daß sie
vielleicht zuhören und dann die Fragestellerin erraten würde. Aber nein,
sie verließ das Zimmer; der Pfarrer nahm ihren Platz ein, und ohne
irgend welche Einleitung las er von dem, Gretchen wohlbekannten Papier
die Frage ab: „Ist es wohl _immer_ unrecht, wenn man etwas heimlich tut,
und soll man jemand lieber in Armut und Not lassen, als ihm helfen, wenn
er sich bloß heimlich helfen lassen will?“
Es wurde ganz still am grünen Tisch. Gretchen war keine Meisterin in der
Verstellung; wer auf sie gesehen hätte, würde ihre Erregung und Spannung
bemerkt haben, aber die Blicke der meisten waren auf den Pfarrer
gerichtet, und dieser sah auf das Blättchen. „Es ist mir lieb,“ sagte er
nun, „daß ihr die Rede auf Heimlichkeiten gebracht habt. Wir sind nicht
ausführlich darauf zu sprechen gekommen in unserem Unterricht, und warum
nicht? Weil Heimlichkeiten nicht verboten sind in den zehn Geboten,
nicht verboten sind durch unsern Herrn Jesus. Daraus seht ihr schon, daß
sie nicht so, wie etwa das Stehlen, schlechthin und unter allen
Umständen Sünde sind. Gibt es doch auch ganz harmlose Heimlichkeiten,
wie z. B. Weihnachtsgeheimnisse, die kein vernünftiger Mensch als
Unrecht ansehen wird.
„Aber es ist etwas ganz Merkwürdiges mit den Heimlichkeiten. Wenn wir
ihnen recht auf den Grund gehen, dann entdecken wir meistens, daß sie
aus einer schlechten Neigung hervorgehen. Denkt euch z. B., eines von
euch schreibt oder liest, kauft oder besorgt, ißt oder trinkt etwas
heimlich, die Eltern sollen es nicht sehen. Warum denn nicht? Vielleicht
weil sie es verbieten würden – dann soll die Heimlichkeit den Ungehorsam
decken, oder weil der Einkauf nicht nötig wäre – dann steckt
Verschwendung dahinter oder Naschhaftigkeit; sehr oft auch soll durch
die Heimlichkeit ein guter Schein erweckt werden: die Besorgung, die ihr
gestern vergessen habt, macht ihr heute heimlich, damit ihr nicht als
nachlässig getadelt werdet, wo ihr es doch verdient hättet; kurzum, wenn
ihr aufrichtig prüft, was euch zur Heimlichkeit verlocken möchte, dann
werdet ihr finden – es ist fast ohne Ausnahme ein Unrecht, eine kleine
Abweichung vom geraden Weg. Daher kommt es auch, daß edle Menschen das
Heimliche verachten. Heimlichkeiten sind ein Deckmantel, den edle
Menschen nicht benützen mögen, weil schon so viel Schlechtes damit
bedeckt war. Wo irgend im Leben mir ein Mensch begegnet ist, der
heimlich war in seinem Tun, habe ich immer Mißtrauen gegen ihn
empfunden, und so werdet auch ihr, wenn ihr euch Heimlichkeiten
gestattet, das Vertrauen verlieren, ja leicht in schlimmen Verdacht
kommen und euch sagen müssen: Um mir eine kleine Widerwärtigkeit zu
ersparen, habe ich viel größere auf mich geladen.
„Auf meinem Zettel steht nun aber die Frage, ob man auch nichts
Heimliches tun soll, um andern aus Armut und Not zu helfen?
„Dagegen möchte ich euch, meine Vierzehn- oder Fünfzehnjährigen fragen:
wie wollt ihr denn andern aus Armut und Not helfen? Wißt ihr, daß das zu
den größten, schwierigsten Aufgaben gehört, über die in Büchern und
Zeitungen, Vorträgen und Versammlungen von den bedeutendsten Männern
beraten wird? Und diese Aufgabe wollt ihr auch nur an _einem_ Menschen
lösen? Meint ihr, wenn ein Mensch euch um eine Mark bittet, und ihr gebt
sie ihm, nun sei ihm geholfen? Warum braucht er eure Mark? Ist er schuld
daran, daß er nicht hat, was er bedarf, oder sind es die Verhältnisse?
Wird er die Mark zu Gutem oder Schlechtem verwenden? Um diese Fragen zu
beantworten, braucht man eine Erfahrung und Menschenkenntnis, die man in
so jungen Jahren nimmermehr besitzt. Wenn sich nun ein Mensch in seiner
Not an ein junges, unerfahrenes Mädchen wendet und Heimlichkeit
verlangt, dann ist seine Sache keine reine, gute, und ihr müßt euch frei
davon machen, lieber heute als morgen; _wie_, kann ich nicht sagen, wenn
ich den Fall nicht kenne; aber ich möchte euch recht dringend ans Herz
legen: Macht euch frei von Heimlichkeiten, um jeden Preis!“
* * * * *
Seit vielen Jahren schon war Pfarrer Kern Fräulein von Zimmerns treuer
Berater in allen Schulangelegenheiten. Auch heute folgte er gerne der
Bitte der Vorsteherin, zu kurzer Besprechung in ihr Zimmer zu kommen.
„Haben Sie wohl Fräulein Geldern kennen gelernt?“ fragte Fräulein von
Zimmern.
„Nein, ich habe sie nur in ihrer Klasse begrüßt und habe sie
aufgefordert, meine Frau und mich zu besuchen, aber bis jetzt ist sie
noch nicht gekommen.“
„Sie wird auch nicht kommen, sie vermeidet den Verkehr, der für sie
passen würde, und schließt sich an unsere Großen an, hauptsächlich an
Gretchen und Hermine.“
„So sucht sie sich wenigstens die besten unter den Großen aus.“
„Aber ich glaube, daß ihr Einfluß kein guter ist. Hermine ist ja
gegenwärtig krank, von ihr kann ich nichts sagen, aber Gretchen ist
anders, als sie war; es ist etwas Unaufrichtiges, Verstecktes in dem
sonst so offenherzigen Kind, sie muß irgendwie in Heimlichkeiten mit
Fräulein Geldern verstrickt sein.“ Der Pfarrer wurde aufmerksam. „In
Heimlichkeiten, meinen Sie? Das könnte wohl sein. Wissen Sie wohl etwas
über Fräulein Gelderns Verhältnisse? Ist sie unbemittelt?“
„Darüber kann ich nichts sagen. Sie spricht sich nicht aus und ich
konnte mich nicht mit der nötigen Sorgfalt nach ihr erkundigen, da ich
froh sein mußte, rasch jemand zur Aushilfe zu bekommen, auch hoffte ich,
es würde nur für kurze Zeit sein. Aber ich habe heute den Entschluß
gefaßt, sie zu entlassen.“
„Sie können sie doch kaum entbehren?“
„Kaum, aber es muß doch gehen. Ich will lieber selbst eine Anzahl
Stunden übernehmen, als einen schlechten Einfluß auf meine Schülerinnen
dulden.“
Der Pfarrer ging sinnend auf und ab. „Warten Sie noch acht Tage,
vielleicht klärt sich die Sache von selbst,“ sagte er.
„Vielleicht, aber sicherer ist’s, ich mache ein Ende. Wie viel Schlimmes
kann in einer Woche angerichtet werden!“
„Ist Gretchen in der Arbeit lässig?“
„Das nicht; sie hat sehr gute Arbeiten geliefert in der letzten Zeit.“
„Das ist doch immer ein gutes Zeichen. Ich würde warten, wenigstens noch
drei Tage, und zusehen, ob Gretchens gerader Sinn sie nicht selbst
wieder auf den rechten Weg führt. Man muß doch den Menschen Zeit lassen,
sich selbst zurechtzufinden, ehe man einschreitet.“
„So will ich noch drei Tage zusehen.“
„Gut; ich komme ja Donnerstag in die fünfte Klasse, dann wollen wir
wieder darüber sprechen.“
Während der Pfarrer mit Fräulein von Zimmern dies Zwiegespräch führte,
ging Gretchen in Gedanken versunken ihren Weg von der Schule heim. Es
klangen ihr noch die letzten Worte des Pfarrers in den Ohren: Macht euch
frei von Heimlichkeiten, um jeden Preis! Sie wußte jetzt, was recht war,
und wollte es tun, aber wie? Sie erschrak ordentlich, als ihr unvermutet
aus einem Torweg diejenige entgegentrat, mit der sich all ihre Gedanken
beschäftigten. „Ich habe hier auf Sie gewartet, liebes Gretchen,“ sagte
Fräulein Geldern; „wie froh bin ich, daß ich Sie allein treffe! Ich
möchte Ihnen noch danken für das, was Sie mir vor der Schule gebracht
haben, Sie treue Seele. Was finge ich an, wenn ich Sie nicht hätte? Und
nun habe ich schon wieder eine Bitte, aber ich weiß ja, Sie tun gern
Gutes an mir, nicht wahr?“ Gretchen fühlte, daß der Augenblick gekommen
war, wo sie sprechen mußte. „Ja,“ sagte sie, „ich tue gern alles, aber
nicht mehr heimlich. Ich habe mir schon immer gedacht, daß es nicht
recht ist, und jetzt weiß ich’s ganz gewiß. Bitte, Fräulein Geldern,
erlauben Sie mir jetzt, daß ich der Mutter alles sage. Denn, sehen Sie,
die Heimlichkeiten sind wie ein schmutziger Deckmantel, mit dem edle
Menschen sich nicht bedecken mögen, und helfen kann ich Ihnen doch nicht
recht, so wie’s sein sollte; dazu gehört so viel Verständnis und
Menschenkenntnis, wie nur ältere Leute haben können.“
Mit Erstaunen hatte Fräulein Geldern diesem kleinen Vortrag zugehört;
jetzt sagte sie mit großer Bestimmtheit:
„Was Sie da sagen, kommt nicht von Ihnen; wer hat Ihnen das alles
eingegeben? Sie _wollen_ mich nicht verraten, Gretchen, Sie _haben_ mich
schon verraten!“
„Nein, gewiß nicht, ich habe Sie nicht verraten, aber ich _muß_ mich
frei machen von diesen Heimlichkeiten, um jeden Preis!“
„Auch um den Preis meiner Freundschaft, Gretchen? Ist das Ihre ganze
Treue? O, wäre nur Hermine bei uns, sie würde mich nicht so schnöd
verlassen, sie hat ein weiches Herz. Aber Sie haben kein wahres
Mitgefühl, ich bin Ihnen unbequem, darum gebrauchen Sie schöne Worte, um
mich abzuschütteln. Gehen Sie, ich habe mich in Ihnen getäuscht; gehen
Sie und verraten Sie mich bei Fräulein von Zimmern, bringen Sie mich ins
Unglück und sich zu Ehren, ich kann Sie nicht hindern.“
Nach diesen Worten ging Fräulein Geldern rasch von Gretchen weg auf die
andere Seite der Straße und verschwand in einer Seitenstraße.
Nun _war_ Gretchen frei, aber diese Freiheit, nach der sie sich so
gesehnt hatte, war bitter!
Wie im Traum wanderte sie ihren Weg weiter; sie wußte gar nicht, wie sie
heimgekommen war, und konnte nicht begreifen, daß die Kleinen sie zu
Hause so vergnügt wie immer empfingen. Sie ging in ihr Schlafzimmer, die
Kinder folgten ihr, aber Gretchen beachtete sie nicht und ging nicht wie
sonst freundlich auf ihr Geplauder ein. Sie war noch nicht im reinen mit
sich selbst, sie wußte nicht, was sie nun tun sollte. Der Mutter alles
erzählen und vor Fräulein Geldern als treulose Verräterin dastehen? Oder
ein Briefchen schreiben mit dem kurzen Inhalt: „Teure Freundin, ich
verrate Sie nicht!“ Wie würde Fräulein Geldern sie am nächsten Tag ans
Herz drücken!
„Gretchen, jetzt habe ich dir zweimal gesagt, daß es heute Dampfnudeln
gibt und du freust dich immer noch nicht!“ sagte Rudi. „Bist du denn
traurig?“ frug die kleine Betty und drängte sich teilnehmend an
Gretchen. „O laßt mich nur ein klein wenig allein,“ bat Gretchen,
„später will ich dann mit euch spielen.“ Da ging das Pärchen hinaus und,
beriet, was das zu bedeuten habe, wenn man sich nicht über Dampfnudeln
freuen könne.
Endlich beschlossen sie, zu Gretchens Mutter zu gehen. „Tante,“ sagte
Betty, „hast du noch ein Täfele Schokolade, wie du mir zum Trost gegeben
hast, wie ich gefallen bin?“ „Ja,“ sagte die Tante, „ist denn wieder
jemand gefallen?“ „Nein, aber dein Gretchen ist so traurig im
Schlafzimmer.“ „Ja so traurig,“ bestätigte Rudi, „daß sie sich nicht auf
die Dampfnudeln freuen will.“ „Und da gibst du ihr ein Täfelchen
Schokolade, gelt Tantele,“ bat Betty. „Ja,“ sagte Frau Reinwald und
holte das Trostmittel, „bringt ihr das und sagt ihr, die Tante habe
vielleicht noch einen besseren Trost, ob sie sich den nicht holen
wolle?“ Die Kleinen gingen eilfertig hinaus, überbrachten ihren Trost
und verhießen noch besseren. Da war Gretchen entschlossen.
„Ja, ich will mir den bessern Trost holen,“ sagte sie, „und euch lasse
ich die Schokolade. Dafür bleibt ihr ein Weilchen hier und laßt mich
allein mit der Tante.“
Frau Reinwald erfuhr nun alles, was Gretchen in diesen Tagen erlebt
hatte. Es war ihr schmerzlich, daß ihr Kind zum erstenmal etwas vor ihr
verheimlicht hatte, aber sie sah, daß Gretchen selbst am meisten unter
diesen Heimlichkeiten gelitten und sich ernstlich bemüht hatte, davon
frei zu werden; auch verstand sie, wie bitter es ihr sein mußte, von
Fräulein von Zimmern und nun auch von Fräulein Geldern schlecht
beurteilt zu werden. „Ich mag mich vor beiden nicht mehr blicken
lassen,“ sagte Gretchen und weinte schmerzlich. Frau Reinwald tröstete
sie freundlich: „Ich glaube nicht, daß dir an Fräulein Gelderns Achtung
und Freundschaft viel liegen muß, und Fräulein von Zimmern werde ich
selbst wohl alles erklären, ich will zuerst mit dem Vater darüber
sprechen.“ Aber diese Worte konnten Gretchen nicht trösten, im Gegenteil
rief sie ganz entsetzt: „O Mutter, du wirst doch nicht dem Vater und
Fräulein von Zimmern das alles mitteilen; wenn das Fräulein Geldern
erfährt, ist sie ganz unglücklich und mich verachtet sie dann noch mehr.
Wenn du sie kenntest, hättest du auch Mitleid mit ihr.“ „Daß ich mit dem
Vater rede, versteht sich von selbst, und daß wir alles zum Wohl von
Fräulein Geldern tun wollen, darfst du mir glauben. Wie sollte ich nicht
Mitleid empfinden für ein alleinstehendes junges Mädchen, das durch die
Not auf falsche Wege geraten ist?“
In diesem Augenblick trat Herr Reinwald ins Zimmer. Gretchen eilte zur
Türe hinaus; sie mochte sich vor dem Vater nicht in Tränen sehen lassen
– er konnte das nicht leiden – auch wollte sie es nicht mit anhören, wie
Fräulein Gelderns sorgfältig gehütetes Geheimnis weiter gesprochen
wurde. Sie ging zu den Kleinen; diese merkten zwar, daß der bessere
Trost noch nicht gewirkt hatte, aber da Gretchen liebevoll auf ihr Spiel
einging, waren sie auch mit einem traurigen Gretchen zufrieden.
Lange sprachen die Eltern miteinander, bei Tisch aber wurde nichts
erwähnt und Gretchen wußte nicht, wie der Vater über die Sache dachte.
Am Nachmittag schrieb die Mutter einen Brief, und Gretchen sagte sich
schmerzlich: es wird an Fräulein von Zimmern sein. Da rief Frau Reinwald
sie freundlich herbei. „Willst du dies Briefchen lesen? Ich will es
durch Franziska an Fräulein Geldern schicken.“
Gretchen las: „Liebes Fräulein! Es wäre mir leid, wenn Sie glaubten,
Gretchen habe Ihnen irgendwie geschadet. Ich hoffe das Gegenteil und
möchte Sie gerne sprechen. Wollen Sie wohl heute abend unser Gast sein
und einmal wieder an einem gemütlichen Teetisch Platz nehmen?“
„Mutter, was meinst du!“ rief Gretchen; „es ist gar kein Gedanke, daß
sie zu uns kommt, sie ist viel zu arg erbittert gegen mich!“
„Das wollen wir erst sehen. Wenn man fremd, einsam und – hungrig ist,
kann man nicht leicht einer Einladung widerstehen. Es ist ein Versuch;
gelingt er nicht, so können wir weiter sehen.“
Franziska traf Fräulein Geldern nicht zu Hause und hinterließ das
Briefchen der Hauswirtin. Als es Abend wurde, wartete Gretchen in
zunehmender Aufregung. Kommt sie? Kommt sie nicht?
Und sie kam. Gegen Gretchen war sie etwas zurückhaltend, aber sonst
zeigte sie sich in ihrer feinen, anmutigen Liebenswürdigkeit und sah so
reizend aus, daß Gretchen ganz hingenommen war von ihrer Erscheinung und
ordentlich stolz auf ihre schöne Freundin. Die Eltern waren freundlich
gegen den jungen Gast und mit keinem Wort wurde etwas erwähnt, das für
Fräulein Geldern hätte peinlich sein können.
Als Gretchen nach dem Essen den Tisch abräumen half, kam die Mutter
einen Augenblick mit ihr hinaus und sagte leise: „Bleibe du nun ein
wenig in deinem Zimmer, ich will allein mit Fräulein Geldern sprechen.“
„Aber Mutter, nicht wahr, du fragst sie gewiß nicht über ihre Familie,
denn das ist ihr schrecklich.“
Frau Reinwald antwortete darauf nicht, sondern kehrte gleich zu ihrem
Gast zurück, während Herr Reinwald in sein Zimmer ging und Gretchen das
ihrige aufsuchte. Es war ihr recht unbehaglich zumute; sie dachte sich,
daß für Fräulein Geldern nun eine peinliche Unterredung kommen würde.
Sie hoffte in einer Viertelstunde wieder gerufen zu werden, aber sie
wartete umsonst von einer Viertelstunde zur andern. Die Kinder waren
schon zu Bett gebracht und es wurde allmählich ganz still im Hause. Da
drang bis in Gretchens Zimmer die Stimme von Fräulein Geldern; immer
erregter klang dieselbe, und nun hörte man lautes Weinen. Gretchen
konnte es nicht mehr aushalten; ganz außer sich kam sie in Herrn
Reinwalds Zimmer. „O Vater,“ rief sie, „ich höre Fräulein Geldern laut
weinen, wie kann die Mutter sie so quälen! O wenn ich denke, daß ich an
all dem allein schuld bin, und sie hat mich doch immer ihre Freundin
genannt!“
„Das bist du auch jetzt noch, und nur deiner Freundschaft zuliebe haben
wir so gehandelt und haben das Fräulein zu uns eingeladen; denn das muß
ich dir sagen: eine Lehrerin, die von Schülerinnen verlangt, daß sie ihr
heimlich Geld bringen, verdient eigentlich eine andere Behandlung, und
statt zum Tee hätte sie auch vor Gericht geladen werden können.“
Gretchen erschrak. Daß es der Vater so ernst nehmen würde, hätte sie
nicht gedacht. „Übrigens,“ sprach Herr Reinwald, „scheint es mir, als ob
es drüben nun ganz still geworden wäre.“ In der Tat hörte man keinen
Laut mehr, und wenn vorhin die lebhaften Stimmen aufregend waren, so
hatte die nun eingetretene absolute Ruhe, als sie eine Weile dauerte,
auch etwas Unheimliches. Endlich hörte man die Türe gehen, Frau Reinwald
trat in ihres Mannes Zimmer. Sie sah sehr erregt aus, als sie zu ihrem
Mann sagte: „Fräulein Geldern schreibt eben einen Brief an ihre Eltern.
Ich habe sie mit aller Mühe dazu überredet und es wäre mir sehr leid,
wenn sie wieder schwankend würde und den Brief nicht abschickte.
Möchtest du sie nicht heimbegleiten und dich überzeugen, daß sie den
Brief wirklich in den Schalter wirft?“
„Auch das noch? Nun meinetwegen. Rufe mich eben, wenn es soweit ist.“
„Es kann noch eine gute Weile dauern. Gretchen, gehe du einstweilen zu
Bett, es wird spät.“
„Zu Bett? O Mutter, ich kann doch _so_ nicht schlafen?“
„Doch, nun kannst du ruhig schlafen, es wird alles gut werden, für dich
und für sie. Gute Nacht, mein Kind.“
Die Mutter verließ das Zimmer und Gretchen ging zu Bett. Aber sie lag
wach, es wollte sich nicht wie sonst der Schlaf gleich einstellen. Es
tat ihr weh, daß Fräulein Geldern heute abend kein freundliches Wort für
sie gehabt hatte, aber es war ja natürlich: sie konnte die nicht mehr
lieb haben, die sie verraten hatte. Als Gretchens Gedanken endlich
anfingen in Tränen überzugehen, wurde sie durch das Öffnen und Schließen
der Türen wieder munter gemacht. Draußen wurden Abschiedsworte
gewechselt, Herr Reinwald ging mit Fräulein Geldern fort. Gretchen
setzte sich auf in ihrem Bett und horchte gespannt nach dem Tritt der
Mutter. Wenn sie doch nur auf einen Augenblick noch zu ihr käme! Sie
konnte der Mutter Tun verfolgen: zuerst geht die Küchentüre, nun knarrt
das Türchen vom Speisschrank – der Kaffee wird herausgegeben, wieder
eingeschlossen. Jetzt gehen die Tritte nach dem Zimmerchen, in dem die
Kleinen schlafen, da wird noch ein Fensterflügel auf- oder zugemacht;
dann – ja, Gretchens Hoffnung täuscht sie nicht – dann kommt der Mutter
Tritt ganz nahe, leise geht die Türe auf und fast unhörbar fragt die
Mutter: „Gretchen, wachst du noch?“ Und dann sitzt die Mutter auf dem
Bettrand, Gretchen umschlingt sie mit den Armen und bittet: „O Mutter,
jetzt sage mir alles!“
„Wenn du denn doch noch wach bist,“ sagte Frau Reinwald, „so will ich
dir noch erzählen, was ich von Fräulein Geldern erfahren habe. Sie ist
aus vornehmer Familie, ist ein verwöhntes Mädchen, das sich in Trotz und
Unverstand vor einigen Monaten aus dem Elternhaus entfernt hat, als man
ihr zum erstenmal den Willen nicht ließ. Sie wollte eine offenbar
törichte Heirat eingehen, die die Eltern nicht zugeben konnten, und
faßte den Entschluß, in die Welt hinaus in Stellen zu gehen und nicht
eher ins Elternhaus zurückzukehren, als bis ihre Eltern nachgeben
würden. Und die Eltern, tief verletzt über dieses Benehmen, haben sie
ziehen lassen. Fräulein Geldern war offenbar der Meinung, die Eltern
könnten sie nicht entbehren und würden sie zurückrufen; sie hat ihnen
auch mitgeteilt, auf welchem Postamt sie nach Briefen von ihnen fragen
würde. Sie hat aber stets umsonst gefragt und hat die Erfahrung machen
müssen, daß die Eltern wohl solch eine Tochter entbehren können, aber
die Tochter nicht die Eltern. Sie ist bald in Not geraten, da sie ohne
jegliche Empfehlung keine dauernde Stelle finden konnte; trotzdem hat
sie sich nicht entschließen können, ihre Eltern um Verzeihung zu bitten,
sondern hat lieber gedarbt, verkauft und gebettelt, wie du ja weißt. Sie
ist hochmütig und verblendet, wie ich es noch nicht leicht getroffen
habe.“
„Aber schön ist es doch von ihr, daß sie dir das alles so aufrichtig
gestanden hat,“ sagte Gretchen, die ihre Freundin nicht fallen lassen
wollte.
„Es hat einen harten Kampf gekostet, bis sie mir die Wahrheit gestanden
hat, noch einen härteren, bis sie eingesehen hat, daß sie im Unrecht
ist, und den härtesten, bis sie sich entschlossen hat, ihre Eltern um
Verzeihung zu bitten und ihnen Gehorsam zu versprechen.“
„Hat sie das getan in dem Brief, den der Vater besorgt?“ fragte Gretchen
eifrig; „steht es auch gewiß darin?“
„Ja, ja, es steht darin, ich habe es selbst gelesen. Nachdem sie sich
endlich dazu überwunden hatte, hat sie wirklich schön geschrieben, so
daß es den Eltern wohltun muß, und auch ihr selber ist es jetzt leichter
ums Herz, sie hat mir gedankt zuletzt.“
„O Mutter, wie du das so zustande gebracht hast!“
„Jetzt gute Nacht, Kind; es ist höchste Zeit, daß du schläfst!“
„Gute Nacht und danke, danke, danke, Mutter!“
Am frühen Morgen des nächsten Tags, vor Beginn der Schule, eilte
Gretchen zu Hermine. Diese _mußte_ hören, welche Wendung die Dinge mit
Fräulein Geldern genommen hatten. Aber als sie nach Hermine fragte,
erklärte das Dienstmädchen: „sie schläft noch.“
„Es ist doch schon acht Uhr vorbei,“ sagte Gretchen ärgerlich.