zum Geldentlehnen ausbeuten, auch habe ich nur noch _eine_ Stunde zu
geben, so lange kann ich warten.“ Hermine drängte nun unter schüchternem
Erröten und freute sich, als das Fräulein endlich nachgab und etwas aus
dem Beutelchen nahm, das ihr Hermine darbot. Sie machte ihren Einkauf
und fragte dann: „Gehen wir noch ein wenig miteinander in den Gängen
spazieren?“ Die beiden Mädchen fühlten sich geehrt, daß die junge
Lehrerin sich zu ihnen gesellte, und wandelten mit ihr durch die Gänge.
Sie erfuhren nun, daß ihre neue Bekannte Fräulein Geldern hieß und als
Aushilfslehrerin angestellt sei für die erkrankte Lehrerin der dritten
Klasse, zu der auch Herminens Schwester, Mathilde, und die kleine Ruth
gehörten. Als das Zeichen gegeben wurde für den Wiederbeginn der
Klassen, schied Fräulein Geldern mit dem Gruß: „Auf Wiedersehen, meine
lieben, jungen Freundinnen!“
„Sie ist ganz reizend, ja entzückend!“ sagten Gretchen und Hermine
zusammen und freuten sich schon auf das nächste Zusammentreffen. „Wie
gut, daß du ihr etwas leihen konntest,“ sagte Gretchen, „das wird sie
dir morgen zurückgeben und bei dieser Gelegenheit sprechen wir sie
wieder.“
Fräulein Geldern kam auch wirklich am nächsten Tag während der Freizeit
gleich auf ihre jungen Freundinnen zu; sie erwähnte zwar das Geld nicht,
aber Hermine war weit entfernt, es übel zu nehmen, daß sie diese
Kleinigkeit zu vergessen schien; im Gegenteil freuten sie und Gretchen
sich um so mehr, daß Fräulein Geldern auch ohne äußern Anlaß zu ihnen
kam und mit ihnen verkehrte wie mit ihresgleichen.
Gretchen erzählte den Eltern von der neuen Bekannten. „Sie scheint noch
sehr jung zu sein nach deiner Beschreibung,“ sagte Frau Reinwald,
„deshalb fühlt sie sich wohl zu euch mehr hingezogen, als zu den andern
Lehrerinnen, die ihr natürlicher Umgang wären, aber freilich alle schon
älter sind.“
Das Schulleben hatte für Gretchen und Hermine einen neuen Reiz gewonnen
durch die tägliche Begegnung mit Fräulein Geldern. Sie waren glücklich,
so oft sie mit ihr zusammentrafen, und beneideten die Kleinen, die
täglich in der Klasse mit ihrer schönen Freundin beisammen waren. Eines
Morgens nahm Hermine Gretchen beiseite und sagte geheimnisvoll zu ihr:
„Ich habe etwas erfahren über ‚sie‘, was eigentlich niemand wissen darf;
meine Schwester Mathilde hat es verraten. Denke dir, in der
Arbeitsstunde hat sie den Kindern ganz rührend erzählt von einer Armen,
die gar nichts zu essen habe, kein Stückchen Brot. Sie hat eine Tasche
an den Kleiderrechen gehängt, in diese dürfen nun die Kinder alle Tage
‚opfern‘. Die meisten von ihnen legen die Hälfte von ihrem Brot oder was
sie sonst haben, hinein. Sie dürfen es aber niemand erzählen, denn sie
sagt: die rechte Hand dürfe nicht wissen, was die linke tut. Sie nimmt
alle Tage die volle Tasche mit sich und bringt den Inhalt der Armen. Ist
sie nicht eine gute Seele?“
„Ja,“ sagte Gretchen, „aber ich möchte doch wissen, ob es Fräulein von
Zimmern recht wäre, wenn sie hörte, daß die Kinder das heimlich tun und
zu Hause nichts davon sagen sollen.“
„Aber Gretchen, _Gutes_ darf man doch heimlich tun, man _soll_ ja doch
gar nicht darüber reden!“
„Ja, das ist wahr. Ich kann’s nur nicht leiden, das Heimliche; ich weiß
selbst nicht, warum. Aber natürlich ist’s recht, wenn _sie_ es tut.“
An diesem Tag und am folgenden bekamen unsere Freundinnen die junge
Lehrerin nicht zu sehen. Voll Verlangen gingen sie am dritten Tag in der
Freistunde hinunter und suchten Herminens Schwester auf. „Wo ist
Fräulein Geldern?“ fragten sie. „Ich weiß nicht gewiß,“ antwortete
Mathilde, „ich denke aber, sie ist droben in der Kammer, wo die
Handarbeiten aufgehoben werden, sie trägt sie in den letzten Tagen immer
selbst hinauf.“
„Wir wollen sie droben suchen,“ sagte Gretchen und ging mit Hermine
hinauf bis in die Kammer. Die Türe war zu. „Sollen wir anklopfen?“
fragte Hermine. Gretchen lachte. „An der Kammertüre klopft man doch
nicht! Man hört ja auch nichts, wenn die Kinder alle so auf den Treppen
herumpoltern.“ Sie öffnete die Türe.
Vorn, am Fenster, stand Fräulein Geldern und hatte vor sich auf dem
Gesimse eine offene Tasche mit großen und kleinen Stücken Brot aller
Art, und eines von diesen Stücken war eben auf dem Weg von der Hand in
den Mund. Das Fräulein fuhr zusammen beim Anblick der Eintretenden, die
sie nicht augenblicklich gehört hatte, das Brot fiel ihr aus der Hand
und tiefe Röte ergoß sich über ihr ganzes Gesicht. Gretchen und Hermine
waren starr vor Staunen und blieben in ratloser Verlegenheit stehen.
Gretchen faßte sich zuerst, leise sagte sie zu Hermine: „Komm, wir
gehen!“ Aber das brachte Fräulein Geldern zu sich. Sie eilte auf die
Mädchen zu: „Bitte,“ rief sie, „gehen Sie nicht fort, ich bin verloren,
wenn Sie mich verraten! Ich wollte Ihnen ja längst alles sagen, aber ich
hatte den Mut nicht. Jetzt, wo Sie mein Elend entdeckt haben, muß ich
Ihnen alles anvertrauen. Machen Sie die Türe zu, daß uns niemand hört
und versprechen Sie mir, daß Sie keiner Seele etwas sagen von meinem
Unglück!“ Die beiden Mädchen versprachen es.
„Sie haben entdeckt, daß ich geschenktes Brot esse. Die Kinder brachten
es mir für eine Arme. Ach, ich bin selbst die Arme! Diese geschenkten
Brocken waren in den letzten Tagen fast meine einzige Nahrung, ich habe
kein warmes Essen mehr gehabt; o, ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich
verlange nach einem Teller Suppe, einem Stück Fleisch! Es ist ja viel,
was mir die guten Kinder bringen, aber ich war so ganz anders von zu
Hause gewöhnt!“ Bitterlich schluchzte die Unglückliche. Die Mädchen
waren sehr ergriffen.
„Haben Sie denn keine Eltern mehr?“ fragte Gretchen. Ausweichend
antwortete Fräulein Geldern: „Fragen Sie nicht nach meiner Familie, ich
kann darüber nicht sprechen, ich kann Ihnen nur sagen: Kein Mensch
unterstützt mich, ich bin ganz allein auf meinen Verdienst angewiesen
und habe keine andere Einnahme als das, was ich für die Stunden in
diesem Institut erhalte. Am 1. Februar bekomme ich mein erstes Honorar,
bis dahin habe ich nichts, rein nichts!“
„Fräulein von Zimmern würde es Ihnen gewiß gern vorausbezahlen,“ wandte
Hermine schüchtern ein.
„Ich mag sie nicht darum bitten.“
„Ich will für Sie bitten,“ rief Gretchen eifrig.
„Nein, nein, Fräulein von Zimmern würde Sie ausfragen und sie darf
nichts, gar nichts von meiner Lage erfahren, sie würde mir sonst den
Abschied geben. Vergessen Sie nicht, daß Sie mir versprochen haben,
keinem Menschen ein Wort von all dem mitzuteilen.“
„Aber,“ wandte Gretchen ein, „wir könnten Ihnen viel besser helfen, wenn
wir es wenigstens meiner Mutter sagen dürften.“
„Sie können mir gewiß auch ohne Wissen Ihrer Eltern helfen, Sie tun ja
nur ein gutes Werk. Ich traue auf Ihre Hilfe und auf Ihre
Verschwiegenheit, meine lieben, jungen Freundinnen!“
Das Zeichen für den Wiederbeginn der Stunden war schon gegeben worden.
Ganz erregt kamen Gretchen und Hermine in ihre Klasse, sie hatten Mühe,
ihre Aufmerksamkeit dem Unterricht zuzuwenden. Beide hatten nach Schluß
der Stunde das Bedürfnis, allein miteinander zu sprechen. Die
Mitschülerinnen fingen an, ungehalten über sie zu werden. Ottilie
spottete: „Ihr beide seid ganz ungenießbar, seit ihr so für Fräulein
Geldern schwärmt. Ich möchte nur wissen, was ihr eigentlich mit ihr
habt?“ Aber nicht nur die Kamerädinnen waren unzufrieden. Als Gretchen
und Hermine die Treppe herunterkamen, wurden sie in das Zimmer der
Vorsteherin gerufen. „Ich habe bemerkt,“ sprach diese, „daß ihr euch von
den andern absondert. Wo wart ihr in der Freizeit?“
„Wir waren in der großen Kammer,“ sagte Gretchen.
„Ganz allein? Nein? Mit wem? Warum laßt ihr mich so lange fragen?“
Gretchen und Hermine mußten nun Fräulein Geldern nennen, und sie wurden
von Fräulein von Zimmern recht ungnädig und mit der bestimmten Weisung
entlassen, künftig ihre Freizeit mit den Kamerädinnen zuzubringen und
sich nicht abzusondern.
Auf dem Heimweg von der Schule konnten Gretchen und Hermine endlich
ungestört besprechen, was sie beide ganz erfüllte. Sie wollten so gerne
dem armen Fräulein aus ihrer Not helfen, aber wie sollten sie das tun
ohne Wissen der Eltern?
„Wenn sie doch nicht verlangte, daß wir es geheim halten,“ rief
Gretchen, „es ist doch keine Schande, arm zu sein. Warum erzählt sie es
nicht Fräulein von Zimmern und warum dürfen wir nicht zu Hause für sie
bitten?“
„Ich weiß es auch nicht, aber ich denke, es steckt ein großes Geheimnis
dahinter; sie will ja auch uns nichts über ihre Familie sagen. Sie ist
im Unglück und natürlich unverschuldet. Ach, wie hat sie mich gedauert,
wie sie so die geschenkten Brocken aß. Gretchen, wir _müssen_ helfen!“
„Heimlich?“
„Ja heimlich, wenn’s nicht anders geht.“
„Ich muß immer denken, das ist unrecht.“
„Aber Gretchen, ich begreife dich gar nicht, es ist doch nicht unrecht,
wenn wir einer Armen Gutes tun, ohne daß es unsere Eltern wissen!“
„Doch, ich meine, es ist unrecht.“
„Warum denn aber?“
„Ich weiß nicht warum, so etwas spürt man bloß.“ Hermine wurde
nachdenklich. Eine Weile waren die Freundinnen still nebeneinander
hergegangen, da rief Gretchen: „O, ich weiß etwas. Wir fragen in der
nächsten Stunde unsern Pfarrer, ob man heimlich Gutes tun darf!“
„Schriftlich, meinst du? Ohne Unterschrift?“
„Ja natürlich, dann kann er unmöglich etwas von dem Geheimnis erraten.“
Hermine war damit einverstanden; gleich am nächsten Tag sollte die
Freundin zu ihr kommen, und dann wollten sie den Wortlaut des Zettels
beraten, der an Pfarrer Kern geschickt werden sollte.
„Aber bis zu dem Tag, wo wir die Stunde haben und Antwort auf unsere
Frage bekommen, bis dahin können wir Fräulein Geldern nicht hungern
lassen.“ „Nein, so lang will auch ich ihr heimlich helfen,“ versprach
Gretchen, „aber wie?“ Das Ende der Beratung, die nun folgte, war: daß
die beiden Freundinnen am Nachmittag aus ihrer Sparkasse gemeinsam einen
Einkauf machten und heimlich durch einen Dienstmann Fräulein Geldern
Wurstwaren zuschickten. Und Herr Pfarrer Kern erhielt durch die
Stadtpost einen Brief mit verstellter Schrift in lateinischen Buchstaben
geschrieben, folgenden Inhalts: „Zwei Ihrer Schülerinnen bitten Sie um
Antwort auf die Frage:
Ist es wohl _immer_ unrecht, wenn man etwas heimlich tut, und soll man
jemand lieber in Armut und Not lassen, als ihm helfen, wenn er sich bloß
heimlich helfen lassen will?“
Gretchen war es ganz leicht ums Herz, als dieser Brief abgegangen war.
Fröhlich spielte sie an diesem Abend mit den Kleinen, die nie vergnügter
waren, als wenn Gretchen sich ihnen widmete. Viel Muße fand sich dazu
nicht, denn jeden Tag hatte sie ein paar Stunden mit ihren Aufgaben zu
tun, und die Eltern sorgten, daß die Schularbeiten nicht unter den
kleinen Gästen zu leiden hatten; Herr Reinwald räumte ihr ein Plätzchen
in seinem Zimmer ein, wo sie ungestört vom Kindergeplauder lernen
konnte. Kam sie dann, nach getaner Arbeit, wieder ins Familienzimmer, so
wurde sie jubelnd von den Kleinen empfangen.
Ruths Stunden hatten auch wieder begonnen. Gretchen hatte einmal die
Beobachtung gemacht, daß ihre kleine Schülerin einige Bildchen,
sorgfältig in Seidenpapier eingeschlagen, bei sich hatte. Auch Gretchen
hatte früher Freude an solchen Bildern gehabt und besaß noch viele. Sie
suchte sie hervor, wählte einige der schönsten und nahm sich vor, sie
Ruth mitzubringen. „Ich bin begierig,“ sagte sie zu ihrer Mutter, „ob
sich Ruth darüber freut. Ich an ihrer Stelle hätte gerade
hinausgejubelt, wenn mir jemand so viele schöne Bilder auf einmal
gebracht hätte!“ „Auf Jubel darfst du wohl bei dieser Kleinen nicht
rechnen,“ sagte Frau Reinwald, „aber freuen wird sie sich trotzdem.“
Als Gretchen an diesem Tag von ihrer Stunde heimkam, fragte die Mutter:
„Nun, haben die Bilder Eindruck gemacht?“ aber Gretchen schüttelte den
Kopf. „_Ein_ Wörtchen hat sie gesagt: danke. Ich glaube wenigstens, es
sollte danke heißen, denn so laut hat sie doch nicht gesprochen, daß man
sie deutlich hätte verstehen können!“
„Ist dir’s leid um deine hübschen Bilder?“
„O nein, das nicht; denn ich glaube, daß sie sich darüber gefreut hat;
sie wurde auch ganz rot und sah gar nicht aus, als wäre es ihr
gleichgültig; aber viel, viel netter wäre es, wenn sie nicht so stumm
wäre!“
„Versuche es doch einmal auf andere Art, verlange eine Gefälligkeit von
ihr. Es gibt Menschen, die zeigen sich erst von ihrer guten Seite beim
Geben, nicht beim Nehmen.“
„Was könnte ich aber von Ruth verlangen?“
„Erzähle ihr ein wenig von Rudi und Betty, sage ihr, daß es dir an
schönen Geschichten- oder Bilderbüchern für die Kleinen fehlt, und frage
sie, ob sie dir vielleicht eines leihen könnte.“
„Das will ich tun; aber weißt du, wie sie es dann macht? Sie sagt in
dieser Stunde ‚ja‘ und in der nächsten ‚da‘, schiebt mir ein Buch hin
und geht.“
„Es kann ja sein, dann lasse sie eben schweigen und habe sie so lieb,
wie sie ist; du kannst sie nicht ändern, und das schüchterne Dingchen
ist dabei am meisten zu bedauern.“
Gleich in der nächsten Stunde befolgte Gretchen den Rat ihrer Mutter und
Ruth erfüllte Gretchens Prophezeiung, sie sagte: „ja“. Vielleicht hätte
sie noch ein Wörtchen zugegeben, aber Fräulein von Zimmern, die fast in
jeder Stunde einen kleinen Besuch abstattete, erschien eben, und in
ihrer Gegenwart war Ruth womöglich noch einsilbiger als sonst.
Auf dem Heimweg von der Stunde, als Gretchen um die Ecke bog, stand
unvermutet die schöne Gestalt von Fräulein Geldern vor ihr.
„Ich habe Sie hier abgepaßt, meine liebe Freundin,“ sprach Fräulein
Geldern, „denn wir können uns in der Schule nicht mehr ungeniert
sprechen, Fräulein von Zimmern sieht es nicht gern. Ich kann aber nicht
auf den einzigen Trost verzichten, den ich in dieser schweren Zeit habe,
ich _muß_ mit meinen lieben Freundinnen verkehren! Ich danke Ihnen
tausendmal für das, was Sie mir geschickt haben; aber eines möchte ich
Sie bitten: wenn Sie mir je wieder eine solche Freundlichkeit zugedacht
haben, schicken Sie es mir nicht in meine Wohnung, übergeben Sie es mir
selbst.“
„Ist es denn nicht sicher, daß Sie es erhalten?“
„Ich weiß das nicht, aber es ist mir peinlich, wenn meine Hausfrau es
bemerkt. Denken Sie, neulich – ich mußte meinen schönen Muff und Pelz
verkaufen, um die Miete vorauszahlen zu können – neulich sagte die Frau
zu mir, sie habe keine Freude an einem Fräulein, das mit dem kostbarsten
Pelzwerk ausgehe und ohne dasselbe heimkomme. So beobachtet sie mich und
macht mir noch unangenehme Bemerkungen, ach, es war mir doch ein
bitterer Entschluß gewesen, mitten im Winter mein Pelzwerk wegzugeben!“
Gretchen, die einen warmen Muff an der Hand trug, sah voll Mitleid auf
Fräulein Geldern, die elegante, aber leichte Handschuhe trug. „Friert es
Sie?“ fragte sie. „Mich hungert und friert den ganzen Tag, ich weiß das
schon gar nicht mehr anders.“
„Wenn ich das meiner Mutter erzählen dürfte,“ sagte Gretchen bittend.
Aber Fräulein Geldern wollte davon nichts wissen. „Nur bei jungen Seelen
finde ich Verständnis,“ sagte sie, „deshalb, wenn Sie mich ein wenig
lieb haben, so sprechen Sie mit keinem Menschen über mich, aber
verlassen Sie mich nicht!“
„Aber wir können uns gar nicht mehr sprechen, weil Fräulein von Zimmern
es nicht will!“
„Das läßt sich schon einrichten. An den Nachmittagen, wo Sie Ihrer
kleinen Schülerin Stunde geben, da kommen Sie eine Viertelstunde vorher
in die große Kammer. Fräulein von Zimmern gibt um diese Zeit Unterricht
und kann es unmöglich bemerken.“
Mit schwerem Herzen ging Gretchen auf diesen Vorschlag ein. „Und noch
eins, mein lieber Engel in der Not,“ sagte Fräulein Geldern zögernd.
„Wenn Sie oder Hermine es möglich machen können – o, ich schäme mich zu
Tode, es zu sagen – bringen Sie mir etwas Geld, ich muß sonst zu Grunde
gehen!“
„Mein ganzes Taschengeld bringe ich Ihnen,“ rief Gretchen, „und Hermine
denkt ebenso wie ich, das weiß ich!“
Die beiden schieden voneinander, Gretchen halb beglückt, halb bedrückt.
Sie hatte es sich immer als das Schönste gedacht, jemand aus großer Not
zu helfen, und gerne hätte sie nun alles, was sie besaß, daran gegeben;
aber daß sie es den Eltern nicht sagen durfte und daß sie trotz Fräulein
von Zimmerns Verbot wieder heimlich in der Schule mit Fräulein Geldern
zusammenkommen sollte, das verdarb ihr die ganze Freude. Sie zählte die
Tage bis zu der Stunde, in der ihre Bedenken und Fragen von dem Pfarrer
beantwortet würden.
In den nächsten Tagen fehlte Hermine in der Schule, auch sie war krank
und man durfte sie nicht besuchen; so mußte Gretchen ganz im stillen
tragen, was sie so sehr beschäftigte.
Am Nachmittag ging sie, wie sie versprochen hatte, eine Viertelstunde
früher zu Ruths Stunde ins Schulhaus. Als sie an die Klasse kam, in der
um diese Zeit Fräulein von Zimmern unterrichtete, schlich sie mit bösem
Gewissen an der Türe vorbei, denn was hätte sie sagen sollen, wenn sie
zufällig gesehen worden wäre? Oben angelangt, wurde sie für diese
peinliche Stimmung entschädigt. Fräulein Geldern erwartete sie in dem um
diese Zeit ganz verlassenen Stockwerk. „Meine Getreue,“ rief sie ihr
entgegen, „kommen Sie wirklich zu mir; o, wie mir das wohl tut!“
„Ich habe Ihnen etwas mitgebracht, aber Hermine ist leider krank und ich
darf nicht zu ihr, sonst wäre es wohl mehr.“ Gretchen wollte ihr
Täschchen öffnen.
„Kommen Sie hier herein, daß man uns nicht sieht,“ sagte Fräulein
Geldern und ging voran in die Kammer. Dort übergab ihr Gretchen den
ganzen Inhalt ihres Sparkäßchens und ein Stück Kaffeekuchen, das sie
sich am Mund abgespart hatte.
Fräulein Geldern war nicht wie Ruth, sie kargte nicht mit ihrem Dank,
sie war überschwenglich in ihren Ausdrücken, und Gretchen durfte die
Wonne empfinden, von einem armen Menschen als rettender Engel gepriesen
zu werden. Aber sie wurde aus dieser süßen Empfindung aufgeschreckt, sie
glaubte Schritte vor der Kammer zu hören und sah ängstlich nach der
Türe.
„Es wird Zeit sein für meine Stunde,“ sagte sie; „wenn mich nur Fräulein
von Zimmern nicht aus dieser Kammer herauskommen sieht!“
„Warten Sie noch ein wenig,“ riet Fräulein Geldern; „ich höre jemand die
Treppe heraufkommen!“ Gespannt lauschten die beiden. O wie fremd war
Gretchen diese Angst, die von einem bösen Gewissen kommt! Fräulein
Geldern sah sie mitleidig an. „Törichtes Kind,“ flüsterte sie, „Sie tun
ja nur Gutes, haben Sie doch auch den Mut dazu!“ Aber Gretchen, die
sonst so Tapfere, hatte hier keinen Mut. Mit Herzklopfen horchte sie.
Draußen wurde eine Türe aufgemacht – dann wieder geschlossen und jetzt
war es still. „Nun gehen Sie rasch,“ sagte Fräulein Geldern, „ich bleibe
noch einen Augenblick, damit man uns nicht beisammen sieht.“ Leise
öffnete sie die Kammertüre, Gretchen schlüpfte hinaus und eilte die
Treppe hinunter bis vor die Türe des Klassenzimmers, in dem sie Ruth die
Stunden gab. Die Klasse war noch besetzt und Gretchen mußte vor der Türe
warten. Ein paar Minuten später huschte Fräulein Geldern an ihr vorbei
und flüsterte ihr im Vorübergehen zu: „Auf Wiedersehen, mein Engel!“
Bald darauf entleerte sich das Schulzimmer, die Kinder sprangen an
Gretchen vorbei die Treppe hinunter, nur Ruth blieb zurück. Bisher hatte
sie sich immer stillschweigend an den Platz gesetzt, der ihr in der
ersten Stunde angewiesen worden war. Heute aber ging sie an den
Kleiderrechen, nahm von dort eine Tasche, brachte sie herbei, packte sie
aus und – o Wunder – sie nahm einen Anlauf und sprach einen ganzen Satz:
„Da habe ich zwei Geschichtenbücher mitgebracht und ein Bilderbuch.“
Gretchen freute sich und schilderte der Kleinen, wie vergnügt Rudi und
Betty darüber sein würden; da wurde die kleine Ruth förmlich übermütig,
denn sie sprach noch einen zweiten Satz: „Wir haben noch mehr Bücher,
ich kann noch viele bringen.“ Und am Schluß dieser Stunde geschah etwas
Unglaubliches; Ruth fragte: „Soll ich Ihnen die Bücher bis an Ihr Haus
tragen?“ Über diese Artigkeit war Gretchen fast bestürzt, und sie hatte
schon auf der Zunge, zu antworten: „Nein, ich danke, ich kann sie schon
selbst tragen,“ als ihr gerade noch einfiel, daß die Mutter zu ihr
gesagt hatte: „Verlange einmal eine Gefälligkeit von ihr,“ und so
antwortete sie: „Ja, bitte, trage sie mir, wenn du nicht meinst, daß du
zu spät nach Hause kommst.“
„O nein, Papa selbst hat gesagt, ich solle Ihnen die Bücher tragen.“
Diese freundliche Gesinnung freute Gretchen sehr. Während sie mit Ruth
unterwegs war, besann sie sich, wie sie wohl die scheue Kleine bestimmen
könnte, mit ihr hinaufzugehen; sie hätte sie so gerne ihrer Mutter
gezeigt. Noch einmal wollte sie es mit der Bitte um eine Gefälligkeit
probieren. „Wenn ich nun heimkomme,“ sagte sie zu Ruth, „dann wollen die
Kleinen natürlich gleich das Bilderbuch ansehen und ich habe jetzt keine
Zeit, es ihnen zu zeigen. Sei du so gut und komme mit mir herauf und
zeige es ihnen; du hast doch ein Viertelstündchen Zeit?“ Es war wohl zu
merken, daß Ruth diese Aufforderung gerne abgelehnt hätte, sie mochte
aber doch nicht „nein“ sagen, und weil sie auch nicht „ja“ sagte, so
blieb die Frage zunächst unerledigt. Da ihr Gretchen aber weder an der
Haustüre noch an der Treppentüre die Bücher abnahm, so gab sich’s ganz
von selbst, daß Ruth auf einmal mit Gretchen im Wohnzimmer bei Frau
Reinwald stand.
„Mutter,“ sagte Gretchen, „dies ist Ruth, sie bringt den Kindern Bücher
und zeigt ihnen gleich die Bilder, weil ich nicht Zeit habe.“ Frau
Reinwald verstand die vielsagenden Blicke, mit denen Gretchen diese
einfache Vorstellung begleitete, und sie sagte ebenso einfach: „Es ist
recht von dir, Ruth, daß du zu uns kommst, wir wollen gleich die Kleinen
holen.“ Nach kurzer Zeit saß Ruth zwischen den zwei Kindern, die voll
Begier waren, das neue Buch zu sehen, während Frau Reinwald und Gretchen
sie anscheinend gar nicht beachteten.
Betty richtete gleich beim ersten Bild an Ruth die Frage: „Was ist das?“
und als Ruth eine leise, kurze Antwort darauf gab, sagte Rudi: „Jetzt
sag einmal alles ganz laut und deutlich, daß es meine Kleine auch recht
versteht: wo fährt der Wagen hin?“ Fragen und Antworten folgten nun ohne
Unterbrechung, und je mehr die Kleinen ihre Bewunderung für die schönen
Bilder aussprachen, um so wärmer wurden die Erklärungen, und von den
dreien schien eines so glücklich wie das andere.
Nach einiger Zeit sagte Frau Reinwald: „Ruth, ich fürchte, deine Eltern
machen sich Sorge, wenn du so lange ausbleibst; willst du jetzt
heimgehen und ein andermal wiederkommen?“ Aber Rudi und Betty riefen wie
aus einem Mund: „O noch nicht, noch nicht, sie soll noch bei uns
bleiben!“ Da sah Ruth mit glücklichem Gesicht zu Gretchen hinüber und
sagte: „Wenn das Buch aus ist, dann will ich gehen.“
Von diesem Tag an kam Ruth oft nach der Stunde mit Gretchen heim. Bei
den lustigen Kleinen vergaß sie ihre Schüchternheit mehr und mehr, sie
mischte sich in ihr kindliches Geplauder, und es kam vor, daß sie von
selbst an Gretchen das Wort richtete, so daß diese sich vergnügt sagte:
„Aus meinem stummen Fischlein ist ein warmes Menschenkindlein geworden!“
Wenn aber die kleine Ruth daheim fragte: „Darf ich zu Reinwalds?“ und
wenn ihre Mutter entgegnete: „Schon wieder?“ dann entschied der
Forstrat: „Je öfter, je besser!“
Inzwischen war der Tag herangekommen, an dem Pfarrer Kern den „Großen“
Stunden zu geben pflegte. Gretchens erster Gedanke morgens beim Erwachen
war: Heute wird unsere Frage wegen der Heimlichkeiten beantwortet; arme
Hermine, wie schade, daß du noch krank bist und die Antwort nicht hören
kannst!