„O, kein Weihnachten,“ wiederholte Betty und schluchzte. Wie sollte

Gretchen sie trösten? Sollte sie denn bleiben? Wieder auspacken, während

sie sich so unsäglich auf ihr Heimkommen heute abend gefreut hatte und

auf das Weihnachtsfest bei den Eltern? Sie hörte nicht mehr auf der

Kinder Geplauder, sie trat ans Fenster und sah sehnsüchtig hinaus ins

Freie. „Was soll ich tun? Ich weiß nicht. Wenn doch die Mutter mir raten

könnte! Sie hat gesagt, wir hätten immer eine Richtschnur und wüßten,

was wir tun müßten. Gott lieben, und den Nächsten wie sich selbst. Ja,

wenn ich die Kinder so lieb hätte wie mich selbst, dann wüßte ich schon,

was ich täte, denn sie sind zwei und ich bin eins; ich müßte ihnen

zuliebe bleiben. – Dann käme auch noch Rieke in Betracht, weil sie in

den Feiertagen nicht Kindsmagd sein möchte. Auch Onkel und Tante wären

froh, wenn sie wüßten, daß ich bei den Kindern bleibe. Die alle

miteinander sollte ich doch so lieb haben wie mich allein? Ich fürchte,

ich muß hier bleiben! Das ist die Richtschnur, die du gemeint hast,

Mutter; ja, ich weiß, ich muß bleiben, wenn niemand anders an meiner

Stelle kommen kann!“

Gretchen ging noch einmal in die Küche. „Rieke,“ fragte sie, „ist Ihnen

gar niemand eingefallen, der zu den Kindern kommen könnte, wenn ich

gehe?“

„Vor Neujahr kommt niemand!“

„Dann denke ich, will ich bei meinen Eltern anfragen, ob ich bleiben

darf bis Neujahr.“

„Ja, Fräulein Gretchen, das müssen Sie schon tun,“ sagte Rieke eifrig,

„man kann die Kinder doch nicht immer allein lassen, und ich habe

wirklich keine Zeit, Kindsmagd zu machen. Für Sie ist’s doch eins,

bleiben Sie nur da!“

Gretchen dünkte es, als ob Rieke wohl das Opfer höher anschlagen dürfte,

das sie brachte; aber es geschah ja nicht, um Lob und Dank zu ernten,

sondern um Liebe zu erweisen.

„Wenn ich bleiben will, muß ich gleich telegraphieren und daheim

anfragen, ob es den Eltern recht ist, denn sie erwarten mich ja heute

abend.“

„Soll ich aufs Postamt und das Telegramm besorgen?“ fragte Rieke, die

doch sonst um keinen Preis vom Kochen wegging, nun auf einmal sehr

dienstfertig.

„Bleiben Sie nur in der Küche und sehen Sie manchmal nach den Kleinen,

ich finde schon den Weg zur Post,“ antwortete Gretchen. Mit schwerem

Herzen setzte sie auf einem Papier das Telegramm an ihre Eltern auf:

„Soll ich hier bleiben? Oskar krank, Kinderfrau kann nicht kommen.“

Auf dem Weg zum Postamt dachte sich Gretchen aus, wie herrlich es wäre,

wenn nun die Eltern zurücktelegraphieren würden: „Nein, komme sofort!“

und es schien ihr gar nicht so unwahrscheinlich, daß solch ein Bescheid

kommen würde, denn ihre Eltern mußten ja wissen, wie sehnlich sie

wünschte, Weihnachten daheim zu feiern. Mit Gretchens Nächstenliebe war

es noch nicht ganz so bestellt, wie es sein sollte, sonst hätte sie eine

andere Antwort von den Eltern gewünscht. Sie fühlte das selbst, und als

sie auf die Post kam, änderte sie mit großer Selbstüberwindung den

Wortlaut des Telegramms. Es hieß nun nicht mehr: „_Soll_ ich,“ sondern:

„_Darf_ ich hier bleiben?“ und sie wußte, daß nun das „Ja“ viel

wahrscheinlicher war.

Das Telegramm war abgefertigt, Gretchen machte sich auf den Rückweg. Sie

war kaum einige Schritte weit gegangen, als sie zwischen den Menschen,

die vor ihr hergingen, einen gelben Samthut auftauchen sah. Sofort

erkannte sie unter demselben ihre Reisegefährtin wieder, die kleine,

dicke Dame, die ihr Spanisch gelehrt hatte. Gretchen hatte manchmal an

diese eigentümliche Reisebekanntschaft gedacht, und nun beschleunigte

sie ihre Schritte, um die Fremde einzuholen. Als sie dicht hinter

derselben war, sagte sie halblaut vor sich hin: „Nicht Cordōva, sondern

Córdova.“ Wie wenn sie bei Namen gerufen wäre, so rasch wandte sich die

Dame um und ging sofort mit freundlichem Gruß auf Gretchens Scherz ein.

Fräulein Trölopp sah heute auch nicht viel anmutiger aus als auf der

Reise, und ihre Kleidung war fast noch auffallender als damals. Sie

erkundigte sich aber sehr teilnehmend nach dem Ergehen ihrer jungen

Reisegefährtin, und da sie ein weites Stück den gleichen Weg hatten und

es Gretchen wohl tat, von dem zu sprechen, was ihr Herz bewegte, so

erzählte sie ganz ausführlich, weshalb sie hier sei, was sie bei ihren

Verwandten erlebt habe und zuletzt die Ereignisse des heutigen Tages.

Fräulein Trölopp warf manche Frage dazwischen, sie wollte alles ganz

genau wissen.

„Aber liebes Kind,“ sagte sie nun, „das ist alles ganz verkehrt gemacht

worden, und ich begreife Ihren Onkel nicht. Wie kann denn Ihre Tante

oben in dem Fremdenzimmer, getrennt von der Küche und allen

Bequemlichkeiten, zwei Kranke pflegen? Wie soll denn das arme Frauchen

das aushalten? Und wozu nützt diese Art Absperrung? Der Verkehr zwischen

oben und unten ist doch nicht vollständig abgeschnitten, das

Dienstmädchen trägt alles herauf und hinunter, die Kleinen können jeden

Tag angesteckt werden; es ist alles ganz verkehrt!“

Gretchen war sehr erstaunt über diese Rede. Sie konnte nicht fassen, wie

Fräulein Trölopp sich diese Verhältnisse so klar und richtig vorstellen

konnte, wie wenn sie die ganze Hauseinrichtung und die Bewohner längst

gekannt hätte. „Uns tut die Tante auch schrecklich leid,“ sagte

Gretchen, „aber wie hätten wir das anders einrichten können?“

„Wie? Vor allen Dingen sagen Sie mir, warum sind Sie denn nicht zu mir

gekommen? Haben Sie vergessen, daß ich im ‚Europäischen Hof‘ wohne?“

„Nein, aber ich wollte doch jetzt keine Singstunden oder spanische

Stunden.“

„Törichtes Kind, wer spricht von Stunden? Sie wußten, daß ich frei über

meine Zeit verfüge, und hätten mich zur Hilfe bitten sollen.“

„Das hätte ich mir nicht getraut; ich glaubte, Sie seien Lehrerin?“

„Freilich bin ich Lehrerin, aber vor allem bin ich ein Mensch, der gern

etwas Nützliches tut. Singen oder kehren, spanisch lehren oder kochen,

das gilt mir ganz gleich, wenn es nur gerade im Augenblick nützlich

ist.“

„Aber,“ sagte Gretchen ehrlich, „wir kennen Sie ja gar nicht.“

„Das ist richtig, aber deshalb habe ich Ihnen schon in der Bahn gesagt,

daß mich General X. empfiehlt. Haben Sie es Ihrem Onkel nicht erzählt?“

„Alles habe ich ihm erzählt, nur den General habe ich vergessen.“

„Dann haben Sie das Wichtigste vergessen. Wenn man, wie ich hier, ganz

fremd und überdies von der Natur so ausgestattet ist, daß man mehr einem

Frosch als einem Menschen gleicht, dann braucht man schon die Empfehlung

einer Exzellenz! Aber nun hören Sie, wie das gemacht werden muß. Sie

sprechen jetzt gleich mit Ihrem Onkel, sagen ihm, daß ich morgen zu ihm

komme und sein ganzes Hauswesen übernehme, und zwar muß das so

eingerichtet werden: die zwei jüngsten Kinder müssen sofort aus dem

Haus, die nehmen Sie mit heim zu Ihren Eltern, morgen mit dem

Nachmittags-Schnellzug. Ihre Eltern sind gesund, nicht wahr?“

„Ja, aber –“

„Gut; sobald Sie mit den Kindern abgereist sind, zieht Ihre Tante

herunter aus ihrer Verbannung; die zwei Kranken trage ich in Decken

gehüllt herunter, das schadet ihnen nicht im geringsten. Ich helfe die

Kranken pflegen und pflege zugleich das arme Frauchen, denn das kenne

ich schon: die _Kinder_ sind nach einem Vierteljahr wieder auf dem Damm,

aber die _Mütter_, die bringt man schwer in die Höhe, wenn sie erst

einmal recht drunten sind! Dem Dienstmädchen werde ich das Kochen für

die Kranken abnehmen, denn es war die letzten Wochen überarbeitet, dann

werden sie mürrisch und kündigen zur Unzeit; das können wir nicht

brauchen. Und nun sagen Sie mir, welchen Beruf hat Ihr Onkel?“

„Er ist Künstler, Landschaftsmaler.“

„Künstler, so, nun ja. Sagen Sie ihm, daß ich keinen Anspruch auf Gehalt

mache; ich bin froh, wenn ich nicht länger unnütz dasitze! So wäre die

Sache besprochen, nicht wahr?“

„Ja,“ sagte Gretchen, „und mir käme es herrlich vor; aber bis morgen

geht es doch wohl nimmer, ich muß erst an die Eltern schreiben, ob ich

die Kleinen bringen darf.“

„Schreiben? Wie umständlich! Wir telephonieren und telegraphieren, und

bis Abend ist alles im reinen. Ist das Ihres Onkels Haus?“ fragte

Fräulein Trölopp, als Gretchen stehen blieb.

„Ja, da wohnen wir, und wollen Sie nicht lieber gleich mit heraufkommen

und den Onkel selbst sprechen?“

„Bewahre, Kind, so geht das nicht; zuerst muß die Exzellenz, General X.,

noch wirken. Brächten Sie mich jetzt so unangemeldet vor Ihren Onkel, so

würde er sagen: Was bringst du mir da für eine fremdländische Kröte ins

Haus!“

„O nein!“ rief Gretchen, „Sie sind so gut, das merkt man gleich.“

„Also Kind, merken Sie wohl auf: Um zwölf Uhr trifft Ihr Onkel General

X., um zwei Uhr bin ich im ‚Europäischen Hof‘ zu sprechen, morgen früh

um acht Uhr komme ich zu Ihnen. Auf Wiedersehen!“ Der gelbe Samthut

verschwand.

Gretchen war wie in einem Traum, die schönsten Hoffnungen zogen durch

ihr Gemüt. _Doch_ noch zum heiligen Abend heimkommen, die zwei herzigen

Kleinen mitnehmen, die Tante aufs beste versorgt wissen, den Onkel mit

„Susi“ vereinigt, Rieke entlastet, alles so herrlich, daß es kaum wahr

werden konnte. Wenn Onkel und Tante nur auch einwilligten, ihre

abenteuerliche Reisebekanntschaft zu sich zu nehmen! Wenn diese nur

nicht gar so wunderlich aussähe!

Herr van der Bolten war, seit er Oskar krank hinaufgetragen hatte, nicht

wieder heruntergekommen. Er konnte sich nicht so schnell wieder von Frau

und Kind trennen. Ungeduldig erwartete ihn Gretchen, und als sie ihn

endlich herunterkommen hörte, nahm sie ihn gleich mit ihren Neuigkeiten

in Beschlag: zuerst die Hiobspost, daß die Kinderfrau abgesagt habe,

dann ihren Entschluß an die Eltern zu telegraphieren, die Begegnung mit

Fräulein Trölopp und deren Vorschläge.

Gretchen vermutete, daß Onkel und Tante sich ungern zur Aufnahme einer

ihnen ganz fremden Dame entschließen würden und so sagte sie zu deren

Gunsten, was sie nur irgend konnte. Herr van der Bolten unterbrach sie

in ihrem Eifer: „Was braucht es da noch viel Worte und Überlegung, wenn

du meinst, daß deine Eltern unsere Kleinen aufnehmen? Dein Fräulein

nehme ich natürlich mit tausend Freuden an, damit Susi wieder

herunterkommen kann.“

Gretchen war freudig überrascht. „So gehst du zu General X.?“ fragte

sie. „Wozu soll ich erst noch zu dem General gehen? Wenn mir jemand

sagt: ‚ich komme euch zur Hilfe, und noch dazu umsonst,‘ dann antworte

ich: ‚je eher, je lieber.‘“ „Aber Onkel, eines muß ich dir doch sagen,

Fräulein Trölopp sieht anders aus, als du sie dir vorstellst, sie ist

gar nicht schön.“

„Ich muß sie ja nicht malen,“ war die heitere Antwort.

Gretchen war hoch beglückt, daß ihr Onkel ohne jegliche Bedenken auf den

Plan einging, aber weil er sich die Sache gar nicht weiter überlegte,

kam es ihr vor, als hätte _sie_ dann die ganze Verantwortung. „Onkel,“

sagte sie, „wollen wir nicht die Tante vorher fragen?“

„Ja freilich, da hast du recht, das soll gleich geschehen.“

Um zwölf Uhr war Herr van der Bolten auf dem Weg zu General X. Seine

Frau hatte doch allerlei Bedenken vorgebracht gegen Gretchens

Reisebekanntschaft und wollte sicher gehen. Gretchen war äußerst

gespannt auf das Resultat der Unterredung. Herr van der Bolten blieb

lang aus, Rieke brummte. Sie ahnte nicht, daß die Sache, die ihren Herrn

abhielt, rechtzeitig zum Essen zu kommen, sie so nahe anging. Endlich

ertönte das wohlbekannte dreimalige Glockenzeichen. Gretchen war es

ordentlich bang, da die Entscheidung nahte. Rudi und Betty sprangen

ihrem Vater entgegen. „Papa, wir haben so lange gewartet und wollten

nicht ohne dich essen, du kommst so spät!“

„So?“ sagte Herr van der Bolten und hob seine Kleinste zärtlich auf

seine Arme. „Habt ihr hungern müssen? Da geht ihr lieber zu Papa

Reinwald, der kommt pünktlich zum Essen, wollt ihr zu ihm, gleich

morgen?“

Die Kinder wußten nicht, was sie von dieser Frage halten sollten, aber

Gretchen verstand. „O Onkel,“ rief sie, „wird denn etwas daraus? Ich

vergehe ja vor Ungeduld! Was hat denn der General gesagt?“

„Nur Gutes, Gretchen. Er meinte, wir könnten uns gratulieren, wenn sie

zu uns käme. Die Dame hat sich in den verschiedensten Stellen in

Südamerika glänzend bewährt. Sie ist in den vornehmsten Häusern mit

Tausenden von Dollars bezahlt worden und hat ebenso bei den Ärmsten

freiwillig ausgeholfen und die Tausende in ihren Hütten gelassen. Sie

soll ein praktisches Genie sein, von großartigen Anlagen des Geistes und

Gemütes. Nur das Äußere muß allerdings ganz zu kurz gekommen sein, auch

der Geschmack für die Kleidung. Aber was kümmert uns das?“

„Also willst du sie bitten, Onkel?“

„Natürlich, fußfällig wenn es sein muß! Aber Gretchen, das wichtigste

ist jetzt, wie wir uns die Erlaubnis deiner Eltern verschaffen, ihnen

diese kleinen Rangen zu bringen?“

„O, da bemühe du dich gar nicht mit, Onkel! Wenn du zu Fräulein Trölopp

gehst, so sagt sie dir gleich, wie und wo wir telephonieren müssen, sie

nimmt alles in die Hand!“

Noch am Mittagstisch erhielt Gretchen ein Antwort-Telegramm auf ihre

Anfrage, ob sie bleiben dürfe: „Ausharren so lange als nötig!“

Rieke, die von den neuesten Plänen nichts wußte, war die einzige, die

noch mit Spannung auf den Inhalt dieses Telegramms wartete. Gretchen sah

ihr an, daß sie nur ungern aus dem Zimmer ging, ehe es gelesen war,

deshalb sandte sie bald darnach Rudi vom Tisch weg in die Küche, wo er

ganz nett seinen Auftrag ausrichtete: „Rieke, du darfst am Christfest in

die Kirche und am Feiertag spazieren gehen.“ Und Riekes Antwort? „Es

seien noch Orangen in der Speiskammer, ob sie die nicht zum Nachtisch

bringen dürfe, Fräulein Gretchen habe noch nie etwas Gutes bekommen!“

Während Gretchen in dem festen Vertrauen, daß Fräulein Trölopp alles ins

reine bringen werde, seelenvergnügt ihrer Abreise entgegensah, herrschte

in ihrem Elternhause trübe Stimmung. „Wollen wir denn den Christbaum

putzen, wenn doch unser Kind nicht zum Fest kommt?“ fragte Frau Reinwald

ihren Mann.

„Putze ihn immerhin, vielleicht kommt sie bis Neujahr und freut sich

dann noch daran.“

„Ich denke mir, daß sie am heiligen Abend recht Heimweh bekommt.“

„Ich hätte es auch gedacht, doch heißt es in ihrem Telegramm: ‚_darf_

ich bleiben‘, so scheint sie sich doch der Verlängerung zu freuen.“

Frau Reinwald schüttelte den Kopf. „Es heißt allerdings so, aber doch

glaube ich, daß sie sich von ganzem Herzen sehnt, Weihnachten mit uns zu

feiern.“

Franziska trat ins Zimmer und meldete Herrn Reinwald: „Der Hausherr läßt

sagen, daß jemand aus N. am Telephon nach Ihnen fragt.“

„Das wird Gretchen betreffen,“ sagte Herr Reinwald und ging hinunter zum

Hausherrn.

Am Telephon in N. stand Fräulein Trölopp; sie war es, die Herrn Reinwald

zu sprechen wünschte.

„Ich soll im Auftrag Ihrer Verwandten fragen, ob Gretchen morgen mit

Rudi und Betty zu Ihnen kommen dürfe?“

Herr Reinwald war sehr überrascht.

„Gretchen hat heute morgen angefragt, ob sie länger bleiben dürfe, und

ich habe mich damit einverstanden erklärt.“

„Wohl, aber inzwischen wurde es anders beschlossen. Die Kleinen müssen

aus dem Haus. Können Sie dieselben aufnehmen?“

„Für wie lange?“

„Für einige Wochen.“

„Die Kleinen sind vielleicht schon angesteckt, dann bekommen wir die

Bescherung ins Haus!“

„Möglich, aber nicht wahrscheinlich.“

„Bitte, wer sind Sie eigentlich?“

„Sara Trölopp, neunundvierzig Jahre alt, ledig, Ersatz für die erkrankte

Kinderfrau.“

„Danke; ich werde mit meiner Frau sprechen, in drei Minuten bin ich

wieder hier.“

Nach kurzer Frist wurde das Gespräch wieder aufgenommen.

„Meiner Frau sind die kleinen Gäste von Herzen willkommen, auch auf die

Gefahr hin, daß sie vielleicht hier ihren Scharlach durchmachen müssen.

Sie will gern ihrer Schwester etwas abnehmen.“

„Das ist nur natürlich. Ihre Tochter wird also nachmittags drei Uhr mit

den Kleinen hier abreisen.“ – –

Gretchen war in der glücklichsten Stimmung, und diese teilte sich auch

den Kindern mit. Alle drei konnten kaum einschlafen vor Freude. Auch

Rieke zeigte sich einverstanden mit den neuesten Plänen, doch sagte sie

vorsichtig: „Es kommt erst noch darauf an, was das für eine Dame ist,

denn es gibt solche, die sind nicht einmal so viel wert wie Fräulein

Gretchen, an die man nun doch schon gewöhnt war.“ Aus Riekes Mund mußte

Gretchen das schon als Lobspruch betrachten.

Am nächsten Morgen erschien Fräulein Trölopp frühzeitig auf ihrem

Posten. Sie schien alles von selbst zu wissen. „Wir packen zuerst der

Kinder Reisegepäck,“ sagte sie, „damit heute nachmittag nichts fehlt,

und dann richten wir das große Zimmer als Krankenzimmer ein.“ Gretchen

war voll Eifer und ging Fräulein Trölopp in allem zur Hand. Als es aber

galt, schwere Möbel teils anders zu stellen, teils aus dem Zimmer zu

schaffen, mußte Rieke helfen. Manche Anordnung wollte Rieke nicht

passen, aber Fräulein Trölopp schien ihr Widerstreben nicht zu bemerken.

Allmählich machte Rieke ein ganz böses Gesicht und schien manchen

Befehl, den ihr Fräulein Trölopp ganz ungeniert erteilte, zu überhören.

Plötzlich hielt Fräulein Trölopp inne, stellte sich vor Rieke und frug:

„Wie alt sind Sie?“

„In den Zwanzigern,“ entgegnete Rieke mürrisch.

„Und ich bin bald fünfzig. Sie dienen vielleicht seit zehn Jahren und

ich seit dreißig. Da ist’s klar, daß _ich_ befehle und _Sie_ gehorchen.

Sie werden auch einmal fünfzig und stehen dann über der zwanzigjährigen,

wenn Sie nämlich tüchtig sind. Ich will nun alles so einrichten, wie es

für die kranken Kinder und ihre Mutter am besten ist, und ich habe da

meine Erfahrungen. Wir dürfen jetzt nicht an uns denken, sondern bloß an

die Familie. Wenn alles in gutem Gang ist, dann erst kommen wir an die

Reihe. Wenn ich für die Kranken gesorgt habe, dann werde ich auch für

Sie sorgen. Ich werde sorgen, daß Sie ausgehen können, werde Ihnen

behilflich sein, Ihre Kleider in stand zu setzen und für Ihre

Extraleistungen werde ich Ihnen ein Geschenk vermitteln. Zuerst aber

müssen Sie mir Ihren ganzen guten Willen, Ihre volle Kraft zur Verfügung

stellen. Wir zwei müssen zusammenhalten. Unnützes werde ich nicht

verlangen. Packen Sie an, das Sofa muß hinaus, Polstermöbel taugen nicht

ins Krankenzimmer!“ und Rieke packte fest an, sie fügte sich dem starken

Willen, sie fühlte: da gab es kein Widerstreben.

Bei dem ersten gemeinschaftlichen Mittagsmahl mit Fräulein Trölopp

schien Herr van der Bolten etwas gestört. Für sein Künstlerauge war die

neue Tischgenossin kein Labsal. Sie saß an dem Platz, den sonst seine

feine liebliche Gattin einnahm. Er war schweigsamer als sonst und

vermied, Fräulein Trölopp anzusehen. Fühlte sie es, oder war es Zufall,

daß sie zu Herrn van der Bolten sagte: „Morgen mittag wird schon Ihre

Frau Gemahlin an meinem Platz sitzen, und ich werde über Mittag bei den

Kranken bleiben, damit Sie beide Ruhe haben während des Essens, es wird

Ihnen gut tun.“ Da leuchtete Herrn van der Boltens Gesicht hell auf, mit

dankbarem Blick erwiderte er die guten Worte, bot Fräulein Trölopp die

Platte und sagte: „Sorgen Sie auch für sich selbst, nicht nur für

andere!“

Am heiligen Abend, als es schon dunkelte und da und dort in den Häusern

die ersten Christbäume angezündet wurden, kam unser Gretchen mit ihren

zwei Pflegbefohlenen fröhlich und wohlbehalten zu Hause an. Sie hatte ja

schon ganz darauf verzichtet gehabt, Weihnachten daheim feiern zu

dürfen, und nun sollte es zu Hause eine schönere Feier geben als je,

durch die kleinen Gäste, die sie mitbrachte. Frau Reinwald, die tags

vorher gar nicht an eine Bescherung denken mochte, hatte nun einen

größeren Tisch zu decken als sonst, und tat es voll Vergnügen.

Das kleine Pärchen fühlte sich gleich ganz wie zu Hause, Gretchen war

ihnen ja vertraut und die Tante so ähnlich der Mutter, und wie hätte man

Heimweh bekommen können in einem Haus, wo man gleich von dem brennenden

Christbaum begrüßt wird?

Ja, das war ein glücklicher Abend, und als die Kleinen zur Ruhe gebracht

waren und Gretchen allein mit den Eltern blieb, durfte sie von all ihren

Erlebnissen berichten. Auch Oskar kam an die Reihe. „Mit ihm konnte ich

nicht fertig werden,“ schloß Gretchen, nachdem sie erzählt, wie er sie

in Schrecken versetzt und zum Nachgeben gezwungen hatte mit seiner

Drohung, sich durchs Fenster zu stürzen.

„Ja, einem solch leidenschaftlichen Knaben bist du noch nicht

gewachsen,“ sagte Frau Reinwald. „Aber auch die eigenen Eltern können

doch nichts machen, wenn ein Kind so unbändig ist!“ meinte Gretchen.

„Oho, das wäre schlimm!“ entgegnete ihr der Vater.

„Man kann es aber doch nicht darauf ankommen lassen, ob er wirklich zum

Fenster hinausspringt oder nicht, oder hätte ich nicht nachgeben

sollen?“ fragte Gretchen.

„Doch, im Augenblick konntest du nicht anders handeln, und auch ich

hätte ihm wohl zunächst den Willen getan, damit er seinen gefährlichen

Posten verlasse. Aber dann hätte ich ihm gesagt, wie unrecht dies

Ertrotzen ist, und hätte ihn dafür so durchgeprügelt, daß er es nicht

zum zweitenmal versucht hätte.“

„Aber so etwas kann ein Mädchen in deinem Alter nicht tun,“ fügte Frau

Reinwald hinzu, „und darum ist’s diesem jungen Hausmütterchen auch so

wohl, daß es seine Würde ablegen und wieder selbst Kind sein darf, statt

andere Kinder zu erziehen.“

Ja, Gretchen war es leicht und wohl zumute, heute und in den folgenden

Tagen. Die ganze Verantwortung für die Kinder übernahm die Mutter, und

für sie blieb die ungetrübte Freude an den herzigen Kleinen. Aus N.

kamen fleißig Nachrichten; die beiden Knaben waren ernstlich krank, aber

ihre Mutter konnte wieder aufatmen, und die ganze Haushaltung ging ihren

geordneten Gang. Dies hörte Gretchen immer wieder mit besonderer

Befriedigung und sagte mit Stolz: „Wenn ich auch sonst nicht viel

geleistet habe, so habe ich doch Fräulein Trölopp entdeckt!“

Zehntes Kapitel.

Heimlichkeiten.

Am 7. Januar begann die Schule wieder, aber in jeder Klasse fehlten

Schülerinnen, und auch die Lehrerinnen konnten nicht alle zu rechter

Zeit mit dem Unterricht beginnen, denn es gab überall viele Kranke; das

ganze Land hatte unter einem nassen, ungesunden Winter zu leiden.

Als Gretchen und Hermine am ersten Schultag in der Freizeit die Treppe

hinuntersprangen, um sich, wie sie manchmal taten, eine Brezel zu

kaufen, sahen sie unter der Schultüre eine fremde Erscheinung, ein

hübsches, fein gekleidetes Fräulein, das fast noch zu jung aussah für

eine Lehrerin. „Bitte, wie lange dauert die Freizeit?“ redete das

Fräulein die beiden Mädchen an.

„Eine Viertelstunde.“

„Kann ich wohl in dieser Zeit bis zur Ringstraße kommen und wieder

zurück? Ich bin hier noch fremd und weiß die Entfernung nicht so genau

zu bemessen.“ Gretchen und Hermine meinten, die Ringstraße sei zu weit

entfernt. „Ich fürchte es auch,“ sagte das Fräulein, „doch wäre ich

gerne rasch in meine Wohnung gegangen, um mir ein Stückchen Brot zu

holen. Ich wußte gar nicht, daß das Unterrichten so Hunger macht, ich

habe heute zum erstenmal in einer Klasse unterrichtet.“

„Man kann hier unten Brot und sonst noch allerlei kaufen,“ sagte

Gretchen, und Hermine fügte freundlich hinzu: „Wir wollen es Ihnen

zeigen.“ „Sie sind sehr gütig,“ sagte das Fräulein, „und wenn man so

fremd ist, tut einem jedes freundliche Wort wohl.“ Die drei gingen nun

miteinander die Treppe hinunter, das Fräulein voran. Sie war eine

vornehme und dabei auch liebliche Erscheinung; ihre Bewegungen, sowie

auch ihre reine Sprache zeigten, daß sie aus feinem Hause stammte. Von

den beiden Freundinnen wurde sie nun in den untern Stock geleitet, wo um

diese Zeit mancherlei zur Stärkung und Erquickung bereit stand und von

einem jungen Mädchen verabreicht wurde.

„Hier kann man alles kaufen, was man braucht,“ sagte Gretchen. Das

Fräulein griff in ihre Tasche, aber sie zog die Hand leer heraus. „Ach,“

sagte sie, „das ist ärgerlich, ich habe meine Geldbörse daheim gelassen,

so muß ich auf das Einkaufen wohl verzichten.“ Hermine hatte Geld bei

sich, sie wagte aber nicht, es anzubieten. Hinter dem Rücken des

Fräuleins zeigte sie es Gretchen. Diese war nicht so schüchtern. „Meine

Freundin hat Geld bei sich und leiht es Ihnen gern,“ sagte sie.

Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr: Eine Erzählung für Mädchen von 13-16 Jahren · 第 7 / 19 段