„Nein, aber ich weiß es doch. Wer so herzhaft zu einem fremden Mann aufs

Zimmer kommt, und sagt: Ich hab’s getan und bitte um Verzeihung, der ist

anders geleitet worden, als mein armes, schüchternes Dinglein! Es ist

vieles bei uns nicht so, wie es sein sollte – doch ich kann darüber mit

Ihnen noch nicht sprechen. Sie sind noch zu jung, aber,“ fügte er sehr

freundlich hinzu, „doch schon so groß, daß ich Sie zu Ihrem Schaden für

Ruths Klassenlehrerin gehalten habe.“

„Darf ich Fräulein von Zimmern sagen, daß Sie nicht böse auf sie sind,

weil sie doch so gar nichts dafür kann?“

„Tausend noch einmal, das ist jetzt eine dumme Geschichte,“ rief der

Forstrat. „An Fräulein von Zimmern habe ich gleich im ersten Zorn

geschrieben, und der Brief ist schon fort!“

„Vielleicht liegt er doch noch dort?“ fragte Gretchen und deutete auf

den Pult, denn sie hatte wohl bemerkt, daß der junge Schreiber vor

seinem Weggehen die Postsachen mitnehmen wollte, wozu ihm der Forstrat

nicht Zeit gelassen hatte.

„Wirklich, ja, da sind sie,“ rief er vergnügt, „da will ich nur den

gleich beiseite schaffen,“ und Gretchen beobachtete mit innigem

Vergnügen, wie ein an Fräulein von Zimmern adressiertes Schreiben

zerrissen und in den Ofen geworfen wurde. Sie sah mit strahlendem

Gesicht zu, und der Forstrat, als er sich unvermutet nach ihr umwandte

und ihr vergnügtes Gesicht sah, lachte und rief: „Das freut jetzt das

Gretchen Reinwald, nicht wahr? Nun ist die Sache wieder gut.“

„Ja, wenn es nur ganz gewiß der Kleinen nicht geschadet hat,“ sagte

Gretchen; „Fräulein von Zimmern hat mir so angst gemacht!“

„Darüber machen Sie sich keine Sorgen; Nasenbluten bekommt meine kleine

Ruth oft und Ohrfeigen manchmal. Nein, darüber brauchen Sie sich nicht

zu beunruhigen.“

Gretchen ging, vom Forstrat aufs freundlichste verabschiedet. Als sie

vor der Kanzleitüre war, kam eben die Frau Forstrat die Treppe herunter.

Sobald sie bemerkte, daß Gretchen aus der Kanzlei kam, rief sie in

förmlicher Bestürzung: „Um aller Heiligen willen, Fräulein, wo kommen

denn _Sie_ her?“ Und mit heller, fröhlicher Stimme ertönte die Antwort:

„Vom Herrn Forstrat!“ und nicht wie eine Lehrerin, sondern recht wie ein

Schulkind, das nach langem Zwang der Freiheit wieder zueilt, sprang

Gretchen die Treppe hinunter und fröhlichen Laufes heim, heim zu den

lieben, treubesorgten Eltern.

Siebentes Kapitel.

Schulstunden.

Am nächsten Morgen machte sich Gretchen etwas zeitiger als sonst auf den

Weg zur Schule, denn sie wollte vor Beginn des Unterrichts Fräulein von

Zimmern von ihren gestrigen Erlebnissen berichten. Getrosten Herzens

trat sie heute in das Gemach, das sie gestern so zerknirscht verlassen

hatte. Heute konnte sie Gutes berichten.

Gretchen erzählte genau und Fräulein von Zimmern unterbrach sie nicht,

sie kannte ja ihre Schülerin und wußte, daß sie die reine und die ganze

Wahrheit reden würde. Im stillen freute sich Fräulein von Zimmern, daß

Gretchen den Mut gehabt hatte, den Forstrat in seiner Kanzlei

aufzusuchen; sie ersah daraus, wie sehr es ihrer Schülerin am Herzen

gelegen war, nichts Schlimmes auf die Schule kommen zu lassen.

Als Gretchen ihren Bericht vollendet hatte, sprach Fräulein von Zimmern:

„Du bist der Meinung, ich hätte keinen Brief in dieser Angelegenheit

erhalten, aber du irrst, es ist doch einer gekommen.“ „Doch?“ rief

Gretchen in schmerzlicher Enttäuschung. „Ja, hier ist der Brief, du

darfst ihn lesen.“ Der kleine Brief war von einer Kinderhand

geschrieben, die Gretchen gut kannte, von Ruth an Fräulein von Zimmern

gerichtet.

Sein kurzer Inhalt lautete: „Papa sagt, ich solle Ihnen schreiben, daß

ich lieber keine neue Lehrerin möchte. Bitte lassen Sie mir meine alte.“

Gretchen, die schon das Schlimmste erwartet hatte, war sichtlich

erleichtert und gab mit glücklichem Lächeln den Brief zurück.

„Du hast es nun zwar gar nicht verdient,“ sagte die gestrenge

Vorsteherin, „und es ist meines Wissens das erstemal, daß ich eine

verhängte Strafe zurücknehme, aber ich möchte dem Kind die Bitte nicht

versagen, die von seinem Vater unterstützt wird. Du kannst also deinen

Unterricht wieder aufnehmen. Vor Tätlichkeiten wird deine kleine

Schülerin in künftigen Stunden wohl sicher sein?“

„Ja, ganz gewiß,“ sprach Gretchen im Ton tiefster Überzeugung, „ich

glaube überhaupt nicht, daß ich je in meinem Leben wieder irgend einem

Kind etwas tue.“

„Und du übernimmst gerne wieder den Unterricht der Kleinen?“ fragte

Fräulein von Zimmern.

„O ja, wenigstens hätte ich nicht gewollt, daß er so ein plötzliches

Ende nähme; aber eine andere Schülerin hätte ich doch lieber.“

„Andere haben wieder andere Schattenseiten, mit jedem Menschen muß man

Geduld haben.“

„Ach, aber andere Kinder _sprechen_ doch! Ich glaube, gar keine

Eigenschaft kann mich so in Verzweiflung bringen, als wenn Kinder nicht

antworten! Was soll ich eigentlich tun, wenn sie mir wieder einmal gar

keine Antwort gibt?“

„Du wirst bald deine Schülerin so weit kennen, daß du weißt: So darf ich

nicht fragen, denn darauf bekomme ich keine Antwort. Kann sie wieder

einmal ihre Aufgabe nicht, so frage nicht: warum; gib ihr ruhig das Buch

in die Hand und sage: Lerne jetzt deine Wörter. Sie ist ein

gewissenhaftes Kind, es wird nicht oft vorkommen.“

Der gestrige Tag hatte noch eine Nachwirkung. Als eine Stunde später

Gretchen mit ihren Schulkamerädinnen in der Klasse saß und Fräulein

Weber, die Handarbeitslehrerin, ihnen Unterricht erteilte, trat

unerwartet Fräulein von Zimmern ein. Sie erkundigte sich nach dem Stand

der Handarbeiten. „Wir kommen schön vorwärts,“ sagte Fräulein Weber,

„fast alle sind nun mit dem Hemdenstock fertig und haben die Ärmel

angefangen.“

„Wer ist noch nicht an den Ärmeln?“

„Gretchen Reinwald. Sie hatte etwas falsch gemacht und das Auftrennen

hat sie aufgehalten, doch wird sie nun auch bald so weit sein.“

„Ich muß heute eine kleine Unterbrechung im Weißnähen veranlassen. Ich

habe bemerkt, daß unter Ihren Schülerinnen welche sind, die zerrissene

Handschuhe tragen. So etwas sollte in diesem Alter nicht mehr vorkommen,

und ich möchte Sie bitten, die Handschuhe unter Ihrer Aufsicht

ausbessern zu lassen. Legt die Näharbeit weg, holt eure Handschuhe

herbei und zieht sie an.“

Diese unerwartete Aufforderung erregte teils Heiterkeit, teils

Entsetzen.

„Nehmt nun eure Plätze wieder ein,“ sprach Fräulein von Zimmern, nachdem

die Mädchen ihre Handschuhe angezogen hatten, „und legt alle eure Hände

auf den Tisch. – Nicht so, keine eingeklemmten Finger und verborgenen

Daumen! Alle Zehn Finger möchte ich sehen.“

Da kamen die behandschuhten Hände alle auf dem grünen Tisch zum

Vorschein und manches weiße Fingerspitzchen blitzte durch die

aufgetrennte Naht hindurch. Fräulein von Zimmern ging von einer

Schülerin zur andern. „_Eine_ Naht auszubessern. Zwei Knöpfchen fehlen.

Zwei Fingerspitzen zustopfen. Ganz tadellos neue Glacéhandschuhe? Das

ist schade für den Schulgebrauch, da liegen gewiß daheim noch welche,

die geflickt und getragen werden sollten. Fünf ausgebesserte Stellen und

kein Loch, das lobe ich. Zwei ungleiche Handschuhe, ei, ei!“ Nun kam sie

an Gretchen. „Die deinigen sehen aus, als wenn sie eben geflickt worden

wären,“ sagte sie.

„Ja, gestern abend,“ antwortete Gretchen, und ein Blick stillen

Einverständnisses wurde zwischen Lehrerin und Schülerin ausgetauscht.

„Ich bitte Sie, Fräulein Weber, diese Visitation in ungleichen

Zwischenräumen jeden Monat zu wiederholen. Hier ist ein Pack Wirrfaden

und Seide und alte Knöpfchen, sie stehen zur Verfügung. Macht euch

gleich an die Arbeit.“

Fräulein von Zimmern ging, Gretchen war sehr vergnügt, daß sie an ihrer

Weißnäherei weiterarbeiten konnte und nicht noch mehr in Rückstand kam;

die andern aber flüsterten sich zu: „Wie ist wohl Fräulein von Zimmern

auf diesen Einfall gekommen?“ Und Ottilie erklärte: „Sicherlich müssen

wir das nächstemal die Stiefel ausziehen und uns die Strümpfe visitieren

lassen!“

Niemand als Hermine Braun erfuhr den Zusammenhang. Mit ihr wandelte

Gretchen manchmal in der Pause auf den großen Gängen des Schulhauses in

traulichem Gespräch auf und ab, und so auch heute wieder. „Gretchen,“

sagte Hermine, nachdem sie zuerst mit aller Teilnahme die Erlebnisse der

Freundin angehört hatte, „ich habe Angst, daß Ottilie zwischen uns

kommt!“

„Wie so?“

„Daß sie die Zweite wird und du die Dritte. Sie ist mit der Handarbeit

weiter als du, und sie hat in den meisten Fächern seit dem Herbst ebenso

gute Noten wie du.“

„Woher weißt du das nur immer so genau? Ich weiß es nie.“

„Weil du dich immer nicht darum kümmerst; mir wäre es aber ganz

schrecklich, wenn wir nicht noch das letzte Schuljahr hindurch wie die

zwei vorigen nebeneinander säßen. Du _mußt_ die zweite bleiben, du

_darfst_ Ottilie nicht über dich hinaufkommen lassen!“

„Ich muß mich immer so riesig anstrengen, damit ich neben dir bleibe,“

sagte Gretchen. „Du könntest auch einmal herunterrutschen, dann hätte

ich’s bequemer. Ottilie die erste, du die zweite, ich die dritte, so

wären wir auch wieder nebeneinander, und das wäre zur Abwechslung ganz

nett.“

„Das kannst du aber im Ernst nicht von mir verlangen, ich müßte ja

absichtlich Fehler machen!“

„Das denke ich mir ganz leicht, oder nicht?“

„Aber Gretchen, wie kannst du so etwas nur sagen, das geht doch nicht!“

„Nun, dann muß _ich_ mich eben wieder anstrengen, aber hab ich denn

nicht im englischen Diktat bloß einen Fehler gehabt und Ottilie drei?“

„Nein, gerade umgekehrt war’s, wie du nur so etwas vergessen kannst!“

„Dann war’s im Französischen so.“

„Im Französischen hast du zwei und sie drei Fehler gehabt. Im Aufsatz

hast du ja die beste Note, aber ich habe Angst, daß Fräulein von Zimmern

dir die Geschichte mit der Ohrfeige für eine schlechte Note anrechnet.

Du weißt ja, daß sie so etwas immer mit in Betracht zieht.“

„Das wäre aber ungerecht, denn wer weiß, ob Ottilie an meiner Stelle

nicht zehn Ohrfeigen gegeben hätte. Wenn man keine Schülerin hat, ist es

keine Kunst, daß man sie nicht mißhandelt. Da sei nur ganz ruhig, das

kommt bei meinen Noten gewiß nicht in Betracht.“

„Aber gelt, du tust dein Möglichstes. Denke, wenn nun Ottilie, die

ohnedies schon so hochmütig ist, über dich käme! Mir gefiele es dann gar

nicht mehr in der Schule. Wenn’s noch eine andere wäre, aber gerade die

einzige, die dich nicht mag.“

„Mag sie mich denn nicht?“

„Ihr steht doch ganz schlecht miteinander!“

„So? Das habe ich eigentlich noch gar nicht bemerkt.“

„Aber Gretchen, das wissen doch alle!“

„Nun ja, dann wird’s ja wohl so sein, aber ich habe ihr doch nie etwas

getan.“

„Aber sie dir.“

„Was denn?“

„Weißt du nicht mehr, wie sie dir einmal absichtlich falsch eingesagt

hat und wie sie dich verklagt hat?“

„Ach, das war ja schon voriges Jahr, ja, wenn du so weit zurückdenkst,

da kann viel vorgekommen sein, das sind doch alte Sachen.“

„Nun ja, aber sie ist doch noch dieselbe und sie soll nicht zwischen uns

kommen.“

„Nein, nein, ich will also mein Möglichstes tun, ich möchte ja doch auch

neben dir sitzen, lieber als neben irgend einer andern, das weißt du

ja!“

Der heutige Schultag brachte wieder die Stunde, die monatlich nur einmal

wiederkehrte; um elf Uhr erschien Pfarrer Kern, und man konnte es ihm

und den Mädchen anmerken, daß sich beide des Wiedersehens freuten.

Fräulein von Zimmern, die ihn seit vielen Jahren als den treuesten

Freund ihrer Schule schätzen gelernt hatte, empfand selbst Lust, der

Stunde beizuwohnen, geleitete ihn in das Zimmer ihrer „Großen“, und

rückte sich einen Stuhl in eine der Fensternischen, wo sie halb

verborgen saß.

Nachdem der Pfarrer in seiner heitern, freundlichen Weise die einzelnen

Schülerinnen begrüßt hatte, sagte er: „Ich habe euch beim Beginn des

Schuljahrs gesagt, daß es mich freuen würde, wenn ihr selbst mir durch

Fragen Gelegenheit geben würdet, über solche Dinge zu reden, die euch

beschäftigen. In den ersten Stunden ist dies nicht geschehen. Diesmal

aber ist mir von einer meiner Schülerinnen, die sich nicht genannt hat,

eine Frage zugeschickt worden. Ich habe mich darüber gefreut und möchte

die Frage nun beantworten.“

Bei diesen Worten erhob sich Fräulein von Zimmern leise von ihrem Platz

und ging der Türe zu. Als sie an dem Pfarrer vorbeikam, sagte sie: „Wer

kann wissen, ob die Fragestellerin nicht gerechnet hat, mit Ihnen und

den Freundinnen allein zu sein? Ich will die Traulichkeit dieser Stunden

nicht stören,“ und sie verließ das Zimmer.

„Ich glaube, wir hätten unsern Gegenstand ebensowohl in Gegenwart von

Fräulein von Zimmern besprechen können,“ sprach der Pfarrer, „aber ihr

habt ein schönes Beispiel von Zartgefühl und feinem Takt gesehen.“

Er nahm nun aus seinem Buch ein Blättchen Papier, und sprach, indem er

hineinsah: „Die Frage, die mir gestellt wurde, lautet: ‚Wir haben viele

Romane, die ich gerne lesen möchte, aber jemand hat mir gesagt, es sei

eine Sünde, Romane zu lesen. Ist das wohl wahr?‘ Darauf möchte ich nun

zuerst sagen: Ich muß annehmen, daß meine Fragestellerin vierzehn oder

fünfzehn Jahre alt ist. In diesem Alter ist die erste Regel: Willst du

ein Buch lesen, so frage die Eltern um Erlaubnis. Wollen diese es nicht

gestatten, so wäre es dir Sünde, das Buch zu lesen, wie jeder Ungehorsam

Sünde ist. Und sie werden dir’s wohl nicht gestatten, denn Romane sind

für Erwachsene geschrieben und passen deshalb nicht für Mädchen eures

Alters. Es ist aber oft sehr schwer und fordert viel Selbstüberwindung,

etwas nicht zu lesen, was verlockend scheint. Ich kann mich da an ein

Beispiel aus meiner eigenen Jugendzeit lebhaft erinnern, das ich euch

nun erzählen möchte: Die Zeitung, die täglich in unser Haus kam, brachte

in jeder Nummer einen Abschnitt aus einem Roman. Die Eltern hatten uns

Kindern gelegentlich das Blatt weggenommen, wenn sie bemerkten, daß

unser Blick auf diesen Teil der Zeitung fiel und darauf haftete, und so

wußte ich eigentlich schon, daß die Erzählung nicht für uns war. Einmal

aber las ich ganz gedankenlos einige Sätze in dem neben mir liegenden

Blatt. Was ich las, kam mir sehr interessant vor, und ich las und las

immer eifriger; da plötzlich, als die Sache am spannendsten war, hieß

es: ‚Fortsetzung folgt‘, und die Erzählung war unterbrochen. Ich mußte

mich immer besinnen, wie es wohl weitergehen werde, und überlegte, wie

ich am nächsten Tag wieder Gelegenheit finden könnte, die Fortsetzung zu

lesen. Den ganzen nächsten Tag war ich begierig darauf. Abends, als die

ganze Familie am Tisch saß und ich meine Aufgaben machte, sah ich, wie

die Mutter die Zeitung, nachdem sie ein wenig darin geblättert hatte,

neben sich legte. Unvermerkt zog ich das Blatt näher zu mir her und

blickte hinein. Aber der Vater bemerkte es und sagte zur Mutter: ‚Laß

doch die Zeitung nicht auf dem Tisch liegen; ich will nicht, daß die

Kinder darin lesen.‘ Die Mutter aber erwiderte: ‚Das wissen die Kinder,

und deshalb werden sie’s auch nicht tun.‘ Doch legte sie die Zeitung

beiseite. Ich gab die Geschichte schon für verloren, denn am frühen

Morgen wurde das Blatt von einem Mitleser abgeholt. Da geschah etwas,

das mir ganz merkwürdig vorkam: die Zeitung wurde am nächsten Morgen

_nicht_ abgeholt, und meine Mutter trug gerade _mir_ auf, sie dem

Mitleser nach der Schule ins Haus zu bringen. So bekam ich das Blatt in

die Hände und hatte Zeit und Gelegenheit genug, die Fortsetzung meiner

spannenden Geschichte zu lesen. Aber nun will ich euch’s kurz sagen: Ich

las sie _nicht_. Es kam mir in den Sinn, wie die Mutter so

vertrauensvoll gesagt hatte: ‚Die Kinder wissen, daß sie’s nicht lesen

sollen, und darum tun sie’s nicht.‘ Es kostete mich einen furchtbar

schweren Kampf, aber ich las nicht, und ich kann euch sagen: nachdem ich

das Blatt abgegeben hatte, stürmte ich mit einem wahren Siegesgefühl

heim. Ich hatte eine ganz andere Meinung von mir, eine Selbstachtung,

die mir vorher ganz fremd gewesen war, und wenn in der Folge die Zeitung

mit ihrer verlockenden Geschichte neben mir lag, hatte ich für sie nur

einen verächtlichen Blick, wie für einen überwundenen Feind, und ich

dachte: Du kriegst mich nicht daran.

„Dieses beglückende Gefühl der berechtigten Selbstachtung möchte ich

euch allen wünschen. Ihr sollt es euch auch erkämpfen und ich hoffe und

erwarte das von euch, meine Schülerinnen. Aber meine Fragestellerin wird

noch nicht von meiner Antwort befriedigt sein, denn sie will nicht nur

wissen, ob das Romanlesen für euer Alter ein Unrecht ist. Es wird ja für

euch bald die Zeit kommen, wo ihr nicht mehr als Kinder einfach den

Eltern folgen dürft, sondern wo ihr selbst wissen müßt, was gut oder

nicht gut ist, und so will ich euch auch über diesen Punkt sagen, wie

ich denke. Es ist ein sehr großer Unterschied zwischen den Büchern, die

wir Romane heißen, es gibt schlechte und gute. Aber wie ihr leicht

erfahren könnt, ob ein Mensch für euch ein guter oder schlechter Umgang

ist, so könnt ihr auch erfahren, wes Geistes Kind das Buch ist, das ihr

lesen wollt, und darnach entscheidet euch. Ein schlechtes Buch in die

Hand zu nehmen, müßt ihr euch schämen, es ist eurer unwürdig, ihr begebt

euch damit in schlechte Gesellschaft und werdet durch sie

heruntergezogen. Einen _guten_ Roman könnt ihr im reifen Alter getrost

in die Hand nehmen, er wird euch edlen Genuß bereiten, und euch Leben

und Menschen kennen lehren. Zwischen den guten und schlechten liegt aber

die große Masse der mittelmäßigen Ware, und ich möchte euch ans Herz

legen, von dieser recht wenig Gebrauch zu machen. Diese leichte Lektüre

verdirbt euch den Geschmack für gute, gehaltvolle Bücher, an denen sich

Geist und Gemüt erfreuen kann. Wenn ihr solch ein gutes Buch lest, ich

will sagen die Lebensbeschreibung eines bedeutenden Menschen, ein gutes

geschichtliches Werk oder dergleichen, so seid ihr nachher mehr, als ihr

vorher wart; es ist euch für manches, das euch fremd war, das

Verständnis aufgegangen und ihr fühlt selbst, daß ihr eure Zeit zur

eigenen Vervollkommnung ausgenützt habt. Solch ein Buch kann man auch zu

rechter Zeit wieder aus der Hand legen, während der Roman oft so etwas

Spannendes hat, daß schon große Selbstüberwindung dazu gehört, nie

länger darin zu lesen, als Zeit und Umstände gerade erlauben. Übt diese

Selbstüberwindung schon jetzt an euren oft recht fesselnden

Jugend-Erzählungen. Wenn ihr euch sagen müßt: ich habe jetzt nur eine

halbe Stunde Zeit zu lesen und nicht mehr, so schlagt auch das Buch an

der spannendsten Stelle zu, wenn diese halbe Stunde vorbei ist.

Unterbricht euch jemand, fordert die Mutter einen kleinen Dienst von

euch, so laßt euch nicht anmerken, wie unwillkommen die Störung ist;

fort mit dem Buch, her mit der Arbeit! – Diese gute Selbstzucht wird

euch in späteren Jahren zu statten kommen. In diesen kleinen Dingen muß

sich bei euch, meinen Schülerinnen, der christliche Geist bewähren; wenn

er euch recht erfüllt, so wird er immer und überall aus den kleinsten

Handlungen eures Lebens hervorleuchten.“

Am Schluß dieser Stunde gab es noch etwas zu schreiben. Der Pfarrer

hatte sich eine ganze Reihe Titel notiert von Büchern, die er seinen

Schülerinnen für die nächsten Lebensjahre empfehlen wollte, und einige

Bemerkungen über deren Inhalt, Größe usw. Dies alles diktierte er nun

seinen Schülerinnen.

Als er sich heute wieder für einen Monat verabschiedete, sagte er:

„Wollt ihr so taktvoll sein, wie eure Vorsteherin ist, so forscht nie

nach der Fragestellerin, denn wenn sie genannt sein wollte, würde sie

sich wohl von selbst nennen.“

Sie nannte sich nicht und blieb unbekannt.

Achtes Kapitel.

Ausgeliehen.

Der Weihnachtsmonat brachte den „Großen“ angenehme Überraschungen in der

Schule. Fräulein von Zimmern erklärte, daß im Dezember nicht nur in der

Handarbeitsstunde Weihnachtsarbeiten gemacht werden dürften, sie

gestattete, die Weihnachtsarbeiten mit in die Literaturstunde zu

bringen. Was waren das für reizende Stunden, wenn man häkelnd, stickend

oder strickend um den grünen Tisch saß und Fräulein von Zimmern, die die

Literaturstunden selbst gab, dabei „Hermann und Dorothea“ vorlas. Eine

andere Überraschung war die Verkündigung, daß die Mädchen, zur Hilfe der

vielbeschäftigten Mütter, schon von Mitte Dezember an Weihnachtsferien

bekommen sollten. Sie fühlten sich recht als große Töchter bei dieser

Eröffnung, und da ihnen Fräulein von Zimmern zur Pflicht machte, sich

auch nach Kräften zu Hause nützlich zu machen, so kamen sie alle mit

wahrem Tatendurst am 14. Dezember von der letzten Schulstunde heim.

In großen Familien, wie bei Hermine Braun, gab es auch alle Hände voll

zu tun, mehr als in kleinen, stillen Haushaltungen, wie die der Familie

Reinwald, und doch sollte gerade Gretchen diesmal vielleicht mehr als

alle andern zu tun bekommen. Ahnungslos, daß irgend etwas Besonderes

bevorstehe, saß sie noch am 15. mit den Eltern am Mittagstisch; ohne

großes Interesse sah sie den Brief, den Franziska ihrer Mutter übergab

und den die Mutter ruhig während des Essens beiseite legte mit der

Bemerkung: „Vorgestern hat die Tante erst meinen Brief erhalten und

heute antwortet sie schon.“ Nach Tisch ging Gretchen nach ihrer

Gewohnheit in die Küche und Speisekammer, denn es war ihr übertragen,

die Reste des Mittagessens aufzubewahren und den Kaffee herauszugeben.

Sie war noch damit beschäftigt, als die Mutter sie hereinrief. Der Vater

hielt den Brief in der Hand.

„Gretchen,“ sagte die Mutter, „der Brief der Tante geht dich am meisten

an. Er enthält keine gute Nachrichten. In N. ist eine böse

Scharlachepidemie ausgebrochen, und die Tante schreibt sehr besorgt, da

von ihren vier Kindern noch keines diese Krankheit hatte, und nun Hugo,

der älteste, davon ergriffen ist. Sie hat sich mit diesem ihrem

Patienten ins Gaststübchen im obern Stock gebettet, damit die andern

Kinder nicht angesteckt werden, und pflegt den Kranken. Im untern Stock

bei dem Onkel und den drei Kleinen ist nun bloß das Küchenmädchen, und

die Kinder sind recht viel allein. Da ich nun zufällig der Tante

geschrieben habe, daß ihr schon von heute an Ferien habt, so fragt sie

an, ob du nicht auf eine Woche zu ihren drei gesunden Kindern kommen

könntest? Von Weihnachten an hofft sie eine Aushilfe für längere Zeit zu

bekommen.“

Gespannt hatte Gretchen zugehört; es war ihr wohl anzusehen, daß sie

schon während des Berichts erraten hatte, wie derselbe schließen würde;

und nun fragte sie, wie man um die Erfüllung eines großen Wunsches

bittet: „_Darf_ ich hin?“

„Du möchtest also gerne?“ frug der Vater dagegen.

„Natürlich möchte ich, Vater; noch gar nie ist ja so etwas an mich

gekommen, und ich habe es mir ja längst gewünscht!“

„Gar so angenehm wird das nicht sein, mit den Kindern wirst du deine Not

haben, der Onkel ist nicht viel daheim und die Tante ist im obern

Stock.“

„O, das macht gar nichts, dann schließen sie sich besser an mich an;

Mutter, gelt, es wird gehen?“

„Ich meine, es _muß_ gehen,“ sprach die Mutter, „wenn die Tante sich so

in der Not an uns wendet. Sie bekommt nicht so leicht eine Hilfe, wenn

man hört, daß Scharlach im Hause ist; viele Mädchen fürchten die

Ansteckung, du aber hast die Krankheit erst vor zwei Jahren durchgemacht

und bist wohl sicher davor. Sieh, ich meine, der Vater zieht schon den

Fahrplan aus der Tasche.“

„Ja wirklich,“ rief Gretchen sehr erfreut; „Mutter, nimm mir’s nicht

übel, wenn ich mich so über den Scharlach freue; es tut mir ja

schrecklich leid für Hugo und für die Tante, aber für mich ist’s

herrlich!“

„Nun, dann kannst du ja die Reise als Weihnachtsgeschenk betrachten,

wenn du etwa nicht zum heiligen Abend hierher zurückkommst,“ meinte der

Vater.

„Doch, zum heiligen Abend kommt sie!“

„Doch, da komme ich,“ riefen gleichzeitig Mutter und Kind.

„Ich hoffe auch,“ sprach der Vater. „Und nun meine ich, wir

telegraphieren der Tante, daß du morgen früh um zehn Uhr mit dem

Schnellzug kommst. Bei diesem Zug hast du gar keinen Wagenwechsel, jedes

Kind könnte da allein reisen, und daß du morgens einmal um fünf Uhr aus

den Federn schlupfen mußt, wird dir nichts schaden.“

Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr: Eine Erzählung für Mädchen von 13-16 Jahren · 第 4 / 19 段