bewegten Nachmittag. In aller Eile wurde das Nötige an Kleidern
herbeigesucht, der Handkoffer gepackt und dabei viel mütterliche
Ratschläge gegeben. Gretchen wurde es unbehaglich, als sie sah, daß es
die Mutter so ernst nahm.
„Mutter,“ sagte sie, „traust du mir’s nicht recht zu, und wirst du dir
all die Tage Sorge machen, bis ich wieder heimkomme?“
„Ich traue dir’s allerdings nicht recht zu, weil du noch so unerfahren
bist, und ich denke, du wirst einiges Lehrgeld zahlen müssen als
stellvertretende Hausfrau. Aber ich will mir keine Sorge machen, denn
bis ins Kleinste hinein haben wir Christen eine Richtschnur für unser
Tun und Lassen, und wir können nicht wesentlich fehlen, wenn wir in
stetem Verkehr mit Gott stehen.“
„Ich kann mir nicht denken, daß für die kleinen Dinge im Haus und mit
den Kindern, wie ich sie zu tun bekomme, das Christentum meine
Richtschnur sein kann.“
„Das wäre schlimm, denn die kleinen Dinge machen schließlich den größten
Inhalt des Lebens aus. Du bist dir bisher nur noch nie so bewußt worden,
was für einen klar vorgezeichneten Weg diejenigen gehen, die mit Gott
gehen, denn wir Eltern waren dir Gottes Stellvertreter, wir sagten dir,
was du tun und lassen solltest. Sowie du von uns fort bist, ist das
anders. Du mußt selbst auf Gottes Stimme achten.“
„Ich wollte, es wären viel, viel mehr einzelne Vorschriften über das,
was recht und unrecht ist, in der Bibel.“
„Wenn auch viele Tausende von Vorschriften darin ständen, so wäre es
doch nicht genug für all die Zeiten und Länder, für all die Völker und
Altersstufen, die sich danach richten wollten, denn was für die einen
recht ist, wäre für die andern unrecht. Es weht darin der Geist der
Liebe und der Wahrheit und diesen Geist müssen wir in unser Herz
aufnehmen, wer _den_ erfaßt, der weiß auch das Rechte zu tun ohne
einzelne Vorschriften. Von diesem Geist der Liebe und der Wahrheit laß
du dich leiten, mein Kind, dann kann auch ich ganz ruhig sein!“ –
Es war noch stockfinster, als Gretchen am nächsten Morgen in Begleitung
ihres Vaters auf den Bahnhof ging. Noch nie war sie im Winter so
frühzeitig unterwegs gewesen, ganz fremd erschienen ihr die sonst so
belebten und glänzend erleuchteten Straßen. Keine Droschke, kaum ein
Fußgänger war unterwegs; und der Himmel war schwarz, die Häuser alle
unbeleuchtet, nur in weiten Zwischenräumen brannten vereinzelte
Laternen. Schweigsam ging Gretchen neben dem Vater her und hüllte sich
fest in den Mantel, der kaum die feuchtkalte Morgenluft abhalten konnte.
In der Nähe des Bahnhofes wurde es belebter, die Omnibusse aus den
Gasthäusern kamen angefahren, und schlaftrunkene Hausknechte geleiteten
einzelne Reisende in die Einsteighalle. Gretchen war es wie ein Traum,
als sie eine Viertelstunde später im Coupé saß, gegenüber einer älteren
Dame in buntseidenem Mantel, die, sobald sich der Zug in Bewegung
setzte, sich in ihrer Ecke zum Schlafen einrichtete und ihre junge
Mitreisende nicht beachtete.
Heute, in der nüchternen Morgenstunde, kam Gretchen das ganze
Unternehmen nicht mehr so reizvoll vor wie am Abend vorher; hätten die
Eltern in diesem Augenblick die Frage an sie gerichtet, ob sie dem Ruf
der Tante folgen wolle, so wäre sie nicht so schnell mit der Antwort bei
der Hand gewesen.
Aber auch die längste Winternacht hat schließlich ein Ende, auch am 16.
Dezember wird es endlich Tag, und mit dem Tageslicht kam Gretchen wieder
die Reiselust. Sie sah hinaus in die Landschaft, die ihr fast ganz fremd
war, denn nur einmal, vor Jahren, hatte sie mit der Mutter diese Fahrt
gemacht. Damals hatte sie Onkel, Tante und deren Kinder kennen gelernt,
aber sie waren nur kurz beisammen gewesen. An Onkel und Tante, sowie
ihren ältesten Vetter Hugo, der jetzt krank war, konnte sie sich noch
sehr gut erinnern, aber Oskar und die zwei Kleinen, Rudi und Betty,
kannte sie noch nicht. So erwartete sie mit steigender Ungeduld das Ende
der Fahrt, die ihr sehr langweilig erschien. Bald sah sie durchs
Fenster, ob von dem Fluß noch nichts zu sehen sei, über den sie ein paar
Stationen vorher kommen mußte, dann zog sie den Fahrplan heraus und
verglich die Zeitangaben mit ihrer Uhr, dann studierte sie die
Eisenbahnkarte, die an der Wand hing.
„Liebes Fräulein,“ sagte plötzlich ihre stille Mitreisende, „seit einer
Viertelstunde nützen Sie Ihren Fahrplan und Ihr Uhrtäschchen ab, wenn
Sie nur irgend etwas Nützlicheres tun wollten.“
Gretchen war ganz verblüfft über diesen unverhofften Überfall ihrer
bisher so stillen Begleiterin. Diese war in Sprache und Erscheinung
fremdartig. Klein und dick, bekleidet mit auffallendem, bunt
schillerndem Reisemantel und einem schreiend gelben Samthut, war sie
eher eine abschreckende als eine Vertrauen erweckende Persönlichkeit und
ihre Aufforderung, etwas Nützliches zu tun auf der Fahrt in der Bahn,
kam Gretchen wunderlich vor. „Was kann man in der Bahn Nützliches tun?“
fragte sie.
„Können Sie spanisch?“ war die Gegenfrage der Dame.
„Nein, spanisch kann bei uns niemand,“ erwiderte Gretchen.
„Ich kann es, ich war zwölf Jahre in Südamerika und komme eben von dort
her. Ich werde Ihnen die reine Aussprache lehren. Setzen Sie sich neben
mich. Wollen Sie nicht lernen?“
„Doch, aber jetzt gerade spanisch?“
„Warum nicht? man muß nur immer irgend etwas Nützliches tun, es ist ganz
gleich was. Sehen Sie, hier habe ich ein Kärtchen von Spanien, nun werde
ich Ihnen die richtige Aussprache von all den Städten und Flüssen
lehren, denn es ist mir ein Greuel, wie die Deutschen das alles so
falsch aussprechen.“
Gretchen wußte gar nicht, wie ihr geschah. Sie war plötzlich Schülerin
geworden, und ihre Lehrerin entwickelte großen Eifer. Ganz fremdartig
und klangvoll lauteten die geographischen Namen im Munde der Dame, und
diese ließ nie nach, bis auch Gretchen ganz den richtigen Ton gefunden
hatte. „Sie sind ein gut begabtes Mädchen,“ sagte sie, „und nun werde
ich Ihnen zum Schluß eine spanische Canzonetta vorsingen.“ Die Dame
erhob sich und sang vor ihrer erstaunten Zuhörerin mit viel
Kunstfertigkeit ein eigenartiges Lied. Gretchen wußte gar nicht, was sie
von ihrer wunderlichen Reisegenossin denken sollte; aber als der Zug
kurz darauf in die Bahnhofhalle von N. einfuhr, reichte ihr die Dame
eine Visitenkarte und sagte: „Bitte, empfehlen Sie mich in Ihrem
Bekanntenkreis, ich will mich in N. niederlassen und dort Unterricht
geben in Gesang und spanischer Sprache, ich wohne im Hotel de l’Europe,
General X. kann mich empfehlen. Und nicht wahr, sprechen Sie nie mehr
Cordōva, sondern Córdova.“
„Ja, Córdova,“ sagte Gretchen, und schon hielt der Zug, Gretchen wurde
von ihrem Onkel empfangen und sah eben noch beim Verlassen des
Bahnsteigs, wie ihre Begleiterin in den Omnibus des Hotel de l’Europe
einstieg.
Gretchen hatte ihren Onkel gleich wieder erkannt, und er war auch leicht
zu erkennen. Herr van der Bolten war noch ein jüngerer, schlanker Mann
mit hellen blauen Augen. Unter seinem großen Schlapphut kam eine Fülle
von langen blonden Haaren hervor. Er stammte aus einer niederländischen
Künstlerfamilie, war selbst auch Künstler und hatte als Landschaftsmaler
einen guten Namen.
Er empfing Gretchen sehr freundlich, und während er sie nach Hause
geleitete, erzählte er von Frau und Kind.
„Es ist eine böse Sache,“ sagte er. „Susi muß mit Hugo abgesperrt sein
von uns andern, und das ist das Schlimmste von allem; der Bub macht es
schon durch, für ihn habe ich keine Sorge. Aber Susi fehlt hinten und
vorne, ohne sie geht’s bei uns absolut nicht; du mußt nun eben sehen,
wie du zurecht kommst!“
„Darf ich auch nicht zu der Tante?“ fragte Gretchen.
„Ach so, du sagst natürlich Tante zu Susi, das habe ich ganz vergessen,
entschuldige. Nein, es darf niemand ins Krankenzimmer, das ist ja eben
die Sache, die Ansteckung könnte sonst den andern Kindern mitgeteilt
werden; aber diese Trennung ist unausstehlich, für mich und die Kinder
am meisten, aber auch für Susi.“
Gretchen mußte still vor sich hinlächeln, daß der Onkel schon wieder
Susi sagte; wie war er doch so ganz anders als ihr Vater.
Sie kamen ans Haus. Mit elastischen Schritten, gelegentlich ein paar
Stufen überspringend, eilte Herr van der Bolten voran, die Treppe
hinauf. Oben an der geschlossenen Türe drückte er dreimal auf die
Glocke. Auf dies Zeichen wurde augenblicklich geöffnet von einem
Dienstmädchen, das aber sofort wieder verschwand und sich nicht um
Gretchens Gepäck kümmerte. Unter der Zimmertüre erschien das kleine
Geschwisterpärchen, zuvorderst Rudi, der fünfjährige, ein strammer,
kleiner Gesell, und hinter ihm ein wenig schüchtern Betty, die
vierjährige, die mit großen blauen Augen voll Verlangen den beiden
Ankommenden entgegensah, die sie doch nicht zu begrüßen wagte, während
Rudi seiner großen Cousine unaufgefordert die Hand reichte.
„Willst du mir auch die Hand geben?“ fragte Gretchen die Kleine, und
Rudi antwortete für sie: „Das tut sie schon, sie ist nur noch so dumm,
sie ist unsere jüngste. Betty, gib die Hand.“ Und als die Kleine sich
noch besann, sagte Rudi entschuldigend zu Gretchen: „Weißt du, sie hat
dich kleiner gedacht, denn die Rieke hat gesagt: jetzt kommt noch ein
Kind und wir haben doch schon vorher genug Kinder!“
„Nun, schwätz nur nicht so viel,“ wehrte der Vater und führte Gretchen
in das Zimmer.
Auf den ersten Blick wußte man beim Eintritt in dies Zimmer, daß hier
die Kunst zu Hause war. Die beiden langen Wände rechts und links waren
mit großen Ölgemälden geschmückt, Landschaften darstellend, die durch
ihre frischen, warmen Farben das ganze Zimmer belebten. Gretchen war
ganz entzückt von diesem Anblick. „Hast du das alles selbst gemalt,
Onkel?“ fragte sie.
„Freilich, die gehören alle Susi; es sind ihre Geburtstagsgeschenke von
mir; das heißt, sie gehören ihr für so lange, als wir sie nicht
brauchen. Weißt du, wenn dürre Zeiten kommen, wenn kein Geld mehr im
Haus ist, dann muß ab und zu so eine Landschaft herunter und verkauft
werden.“
Gretchen sah den Onkel erstaunt an; sie wußte nicht, ob das Scherz oder
Ernst sei. Er lachte. „Das ist dir wohl ganz fremd; was macht ihr denn,
wenn euch das Geld ausgeht?“
„Das weiß ich nicht,“ sagte Gretchen. „Es ist, glaube ich, immer welches
da.“
„So? Dann ist’s bei euch anders als bei uns, da wechselt Ebbe und Flut.
Aber in Zeiten der Flut geht es hoch her, das heißt, soweit es deine
Tante erlaubt; sie legt dann zurück für die Zeiten der Ebbe. Wenn _ich_
dann nichts mehr habe, hat _sie_ immer noch etwas. Ja, deine Tante, die
hält das Haus zusammen! Ist’s bei euch nicht so?“
„Von Geld weiß ich gar nichts, Onkel, ich habe die Eltern noch nie
darüber reden hören.“
„Ach so, dann hätte wohl auch ich gar nicht davon reden sollen, Susi
wird mich zanken. Überhaupt, sie hat gesagt, ich soll vor allem für
deine Erquickung sorgen; hier hat Rieke etwas hergerichtet für dich,
sieh, ob du etwas davon brauchen kannst. Setze dich, laß dir’s wohl
sein, und ihr Kinder,“ sagte er, indem er sich an die Kleinen wandte,
die neugierig dabei standen, „seid tugendhaft und plagt eure Cousine
nicht zu Tod, solange ich fort bin; verstanden?“
„Gehst du aus, Onkel?“
„Ja,“ sagte Herr van der Bolten, „jetzt kann ich ja getrost wieder in
mein Atelier, weil ich das kleine Volk versorgt weiß; nun sieh eben, wie
du dich durchschlägst, mir ist alles recht, wie du es machst!“
Herr van der Bolten ging.
Gretchen wäre es doch lieber gewesen, wenn der Onkel ihr einige
Anweisungen gegeben hätte. Wie sollte sie das kleine Volk versorgen?
Nachdem sie sich unter Beistand der Kleinen etwas gestärkt und den Tisch
abgeräumt hatte, wußte sie nicht recht, was sie tun sollte, auch nicht,
wo sie eigentlich hingehörte, welches Zimmer für sie bestimmt war. Sie
hätte gerne ihr kleines Gepäck ausgepackt.
„Wißt ihr, in welchem Zimmer ich heute Nacht schlafe?“ fragte Gretchen
die Kleinen.
„Bei uns im Schlafzimmer,“ sagte Rudi.
„Nein, Rudi,“ sagte Betty geheimnisvoll, „ich weiß, wo sie schlafen
muß.“
„Wo denn?“
Und ganz traurig antwortete die Kleine: „Sie muß im Garten schlafen!“
„Im Garten? Wer sagt denn das?“ fragte Gretchen. „Ich glaube doch, daß
ich im Zimmer schlafe.“
„Aber da wächst nichts,“ sagte Betty, „und Rieke hat doch gesagt, du
sollst dahin, wo der Pfeffer wächst.“
Gretchen lachte; sie konnte allmählich merken, daß Rieke, die Köchin,
ihr nicht hold gesinnt war.
Es stellte sich aber doch heraus, daß im Schlafzimmer, in das Rudi und
Betty sie nun führten, ein drittes Bett stand, auf dem frische
Bettwäsche offenbar zum Überziehen bereit lag. Nun kam es Gretchen
ziemlich sicher vor, daß dies ihr Revier sein sollte, und sie packte ihr
kleines Köfferchen aus, band sich eine Hausschürze vor und überlegte,
was sie nun tun sollte. Am besten wäre es wohl, sie überzöge ihr Bett;
aber da mußte sie sich doch erst versichern, ob es auch für sie bestimmt
sei, und dazu mußte sie Rieke fragen. Sie fühlte aber gar kein
Verlangen, diese aufzusuchen.
„Einmal muß es doch sein, also am liebsten gleich,“ dachte sie und ging
hinaus. Die Kinder, die ihr bisher auf Schritt und Tritt gefolgt waren,
blieben auch hier nicht zurück.
Jungfer Rieke wandte sich kaum nach ihr um, als sie in die Küche trat.
„Ist das Bett, auf dem die Überzüge liegen, wohl für mich bestimmt?“
fragte Gretchen.
„Ja, aber mitten im Kochen kann ich’s doch nicht überziehen,“ war die
Antwort. „Und wann hätte ich’s wohl tun sollen? Vielleicht heute morgen?
Da habe ich geputzt und das Frühstück gemacht für unten und das
Frühstück für oben, die Kleinen gewaschen und den Oskar in die Schule
gerichtet, und dann fortgerannt auf den Markt und heimgerannt, damit ich
gewiß wieder da bin, ehe der Herr fortgeht, denn die Kleinen soll man ja
keine Stunde allein lassen. Und wie ich dann schnell die Überzüge
herbeisuche und will überziehen, dann klingelt die Frau, es seien keine
Kohlen mehr droben; dann muß ich wieder in den Souterrain und Kohlen
hinaufschleppen bis ins Gastzimmer im obersten Stock, und dann ist’s
höchste Zeit zum Kochen. Nein, mehr kann man nicht verlangen; ich möchte
wohl wissen, wann ich das Bett hätte überziehen sollen!“
Bei diesem stürmischen Ausbruch fuhr Rieke hin und her in ihrer Küche,
daß man ihr gern aus dem Weg ging, und die Kleinen hielten sich
vorsichtig außer Schußweite. Gretchen merkte, daß dieser Zorn nicht
eigentlich ihr galt, sondern daß er sich von langer Zeit angesammelt
hatte, wie es leicht geht, wenn die Arbeit die Kräfte übersteigt.
„Sie sollen mein Bett nicht überziehen,“ sagte sie in dem freundlichen
Ton, in dem sie ihre Mutter immer zu dem Mädchen sprechen hörte, „das
kann ich schon tun.“
„O lassen Sie’s nur, Sie kommen doch nicht damit zurecht, aber es wird
ja so schrecklich nicht pressieren; unsere Kinder schlafen nicht mehr
nach Tisch, aber Sie vielleicht noch?“
Das war grob! Aber Gretchen nahm sich zusammen. „Ich bin extra
hierhergereist, um zu helfen, dann will ich nicht noch Mühe machen; ich
überziehe mein Bett selbst,“ entgegnete sie, und da Rieke keine Antwort
weiter gab, ging sie mit den Kindern hinaus. „Die Rieke ist eine alte
Brummerin,“ rief der kleine Rudi sehr entrüstet; „wenn ich erst groß
bin, dann leide ich das nicht.“
Nach solch beruhigender Versicherung konnte ja Gretchen wohl an ihr
Geschäft gehen. Betty wich ihr nicht von der Seite und verfolgte
aufmerksam all ihr Tun. Und dies Tun war nicht so einfach. Die wollene
Bettdecke mußte in das Leintuch eingeknüpft werden, aber Gretchen kam
damit nicht zurecht. Es war so ganz anders als daheim; Knöpfe und
Knopflöcher wollten gar nicht zusammen stimmen. Immer mußte sie wieder
aufknüpfen, was sie soeben zugeknüpft hatte; das Leintuch sah schon
bedenklich verkrüppelt aus und Gretchens Backen wurden immer röter; ein
leichtes Stampfen mit dem Fuß verriet, daß ihre Geduld am Ende war. Die
kleine Betty verstand diese Sprache. Immer bedenklicher wurde der
Ausdruck ihres Gesichtchens, als sie ihre neue Freundin so in
Verlegenheit sah.
Aber jetzt kam ihr ein Gedanke. Sie ging an ihr eigenes Bettstättchen
und bemühte sich, ihre kleine Decke herauszuziehen. Sie schleppte mit
aller Anstrengung die Decke bis zu Gretchen und sagte: „Ich schenke dir
meine Decke, tu sie nur gleich in dein Bett.“
„Du gutes Herz,“ sagte Gretchen gerührt, und indem sie dem Kind die
unbequeme Last abnahm, bemerkte sie, daß das kleine Deckchen nach
demselben System eingeknüpft war, wie es bei der großen sein sollte; so
brauchte sie sich nur nach diesem Vorbild zu richten. Wirklich, jetzt
klappte alles; jeder Knopf fand sein Knopfloch. Gretchen war sehr
befriedigt und der Kleinen dankbar, die ihr durch ihre Teilnahme zu
Hilfe gekommen war, wenn auch anders, als sie gemeint hatte.
Als Gretchen eben mit diesem schwierigen Werk fertig war, ertönte
draußen dreimal nacheinander ein Glockenzeichen. „Das ist Papa,“ riefen
die Kinder. Gretchen hörte, daß die Treppentüre geöffnet wurde, aber
gleichzeitig vernahm sie lautes Schelten der Köchin.
„Es ist nicht Papa gewesen, es ist Oskar, der aus der Schule kommt,“
sagte Rudi, „und Rieke zankt mit ihm, weil er so klingelt, wie nur Papa
klingeln darf.“ Aus dem lauten Wortwechsel zwischen Rieke und Oskar
entnahm Gretchen, daß der kleine Bursche seines Vaters Klingeln
nachahmte, damit ihm rascher geöffnet würde. Rieke aber wollte dem
Jungen nicht dasselbe Vorrecht einräumen wie ihrem Herrn.
„Mit Oskar haben wir solch eine Not, seit Mama nicht mehr bei uns ist,“
erklärte Rudi in seiner altklugen Weise; und in der Tat hörte Gretchen,
daß ihr Vetter Oskar dem Mädchen sehr unbotmäßige Antworten gab. Im
nächsten Augenblick aber trat er ganz vergnügt ins Zimmer. Er war schon
einen Kopf größer als Rudi, ein strammer Schulbub und ein hübscher
Bursche. Gretchen begrüßte er sehr fröhlich; dann wandte er sich an die
Kleine: „Was gibt’s zu Mittag? Heute bin ich hungrig.“
Da dachte sich Gretchen, es werde wohl Zeit sein, den Tisch zu decken.
Auf ihre Aufforderung waren die Kinder gern bereit, ihr zu helfen; und
als Rieke mit den Tellern ins Zimmer kam und dies Geschäft schön besorgt
sah, machte sie doch ein gnädiges Gesicht. Wie aber eine Viertelstunde
um die andere verging, ohne daß der Herr zum Essen heimkam, war sie sehr
ungehalten. Auch die Kinder wurden verdrießlich und verlangten
einstweilen zu essen, und als Rieke nicht für sie allein anrichten
wollte, wurde Oskar unartig gegen sie. Es war eine ungemütliche Stunde,
und Gretchen dachte daran, wie bei ihr zu Hause die Essenszeiten so
pünktlich eingehalten wurden, und sehnte sich nach Hause.
Endlich erschien Herr van der Bolten. Er gab für sein spätes Kommen
keinen andern Grund an, als daß er vergessen habe, rechtzeitig auf die
Uhr zu sehen. Er war aber bei Tisch so liebenswürdig gegen Gretchen, so
heiter mit den Kindern, daß sie bald alle in fröhlicher Stimmung waren.
Nur Rieke machte noch ein böses Gesicht, als sie den Tisch wieder
abräumte.
Herr van der Bolten bemerkte es. „Immer Regenlandschaft, Rieke,“ sagte
er, „oder gar Gewitterschwüle?“
Rieke war nicht zum Spaßen aufgelegt.
„Es ist aber auch keine Ordnung mehr im Haus, seit die gnädige Frau
nicht mehr da ist.“
„Da haben Sie einmal ein ganz wahres Wort gesprochen,“ sagte Herr van
der Bolten mit voller Überzeugung.
„Und dann soll man noch immer lachen und ein freundliches Gesicht
machen, wenn man so viel zu tun hat wie ich und immer putzen muß.“
„So machen Sie sich’s eben leichter, Rieke,“ sagte Herr van der Bolten
gutmütig.
„Das ist schnell gesagt, aber wie sieht’s dann aus im Haus? Spinnweben
in allen Ecken!“
„Spinnweben? Das ist etwas sehr Malerisches, Rieke, die lassen Sie nur
alle stehen und wühlen Sie nicht immer im Staub. Setzen Sie sich
manchmal ein Stündchen hin und sehen Sie die illustrierten Zeitschriften
an, dann werden Sie gleich heiterer aussehen.“
Gretchen machte große Augen bei diesem Vorschlag, Rieke fast noch
größere. „Ach,“ rief sie, „der gnädige Herr versteht doch schon rein gar
nichts!“ und damit ging sie hinaus. Herr van der Bolten lachte nur, er
nahm das nicht übel.
Kaum war das Essen abgetragen, als er das Klavier aufschlug und ein paar
laute Akkorde spielte. „Das ist unser Signal,“ erklärten die Kinder,
„Mama hört es droben in der Krankenstube und dann kommt sie an das
Kammerfenster und schaut zu uns herunter in den Hof.“
Die ganze Gesellschaft begab sich nun hinunter, Gretchen mit Betty an
der Hand. Die Kleine hatte vielleicht am meisten von den Kindern die
Mutter vermißt, denn sie kam nicht recht zur Geltung neben den Brüdern,
und nun gab sie sich gerne unter den Schutz von Gretchen und schmiegte
sich innig an diese.
Drunten im Hof war’s kalt. „Ich hätte den Kleinen etwas Warmes anziehen
sollen,“ sagte Gretchen und war eben daran, Betty das Taschentuch um den
Hals zu binden, als die Kinder riefen: „Die Mama!“
Im obern Stock war ein Fenster geöffnet worden, freundlich winkend und
grüßend sah Frau van der Bolten herunter, und die kleine Betty streckte
verlangend die Arme nach ihr aus. Gretchen hatte die Tante anders in
Erinnerung gehabt, sie war eine schöne, blühende Frau gewesen, und jetzt
sah sie zart und schmächtig aus, fast wie Frau Reinwald, deren Schwester
sie war.
Sie erinnerte Gretchen so lebhaft an die Mutter, daß sie fast ebenso
verlangend hinaufblickte wie die Kleinen.
„Wie gut, daß du gekommen bist!“ rief die Tante.
„Und wie geht es Hugo?“ fragte Gretchen.
„Er ist recht unruhig heute mittag und hat mehr Fieber als bisher. Achte
doch recht darauf, Gretchen, wenn etwa eins der Kinder sich unwohl
fühlt, nicht wahr? Es müßte dann gleich von den andern getrennt werden.“
„Ja, Tante, ich will recht aufpassen und jetzt gleich mit den Kindern
hinaufgehen, es ist zu kalt für sie, morgen ziehe ich sie wärmer an.“
„Und dich selbst auch, Gretchen! Sorge auch für dich, du bist jetzt die
Stütze des Hauses; wie groß bist du geworden, ich kenne dich kaum mehr!“
Gretchen ging mit den Kindern ins Haus, ihr Onkel blieb noch zurück. Er
sprach zu seiner Frau italienisch; Gretchen verstand die Sprache nicht,
aber sie hörte, daß er in liebevollem Ton redete, und lange harrte er
aus in dem kalten Hof.
Gretchens erster Bericht nach Hause lautete günstig, aber nicht alle
Tage sollten so friedlich verlaufen wie die ersten.
Eines Tags, kurz nach zwölf Uhr, wurde dreimal geklingelt, und Rieke,
die überzeugt war, daß Oskar wieder das Glockenzeichen seines Vaters
mißbrauchte, öffnete die Türe nicht. Zum zweitenmal ertönte die Klingel
in derselben Weise, nur heftiger und lauter – ohne anderen Erfolg, als
daß Rieke hinausrief: „_ein_mal, oder ich mache dir nicht auf.“ Gretchen
besann sich, ob sie sich dareinmischen solle, sie wollte Oskar nicht in
seiner Unart bestärken und fand Riekes Benehmen gerechtfertigt, und doch
konnte man das Läuten, das sich zum drittenmal immer lauter wiederholte,
gar nicht recht mit anhören. Da plötzlich gab es ein furchtbares
Geklirr. Gretchen eilte hinaus und sah eben, wie Oskar durch das Fenster
der Glastüre hereinsteigen wollte, das er in seinem Zorn mit dem
Schulranzen zerschlagen hatte. Sie öffnete rasch die Türe, damit sich
der Junge in seiner blinden Wut nicht noch beim Einsteigen an den
Glasscherben verletze. Kaum war er eingelassen, so stürzte er auf Rieke
zu und wollte nach ihr schlagen; die schob ihn auch nicht freundlich
beiseite, die kleine Betty fing laut an zu weinen, es war ein rechter
Tumult, in den Rudi hineinrief: „Es kommt ein Besuch die Treppe herauf!“
So unangenehm allen diese Mitteilung war, so war sie doch geeignet, die
Gemüter zu besänftigen. Rieke und Oskar gingen nach verschiedenen Seiten
ab, die Kleine wurde still, und Gretchen fragte nach dem Begehr des
fremden Herrn, der vor ihr stand. Er wollte Herrn van der Bolten
sprechen und fragte, ob er wohl nachmittags zu treffen wäre? Gretchen
versprach, ihrem Onkel auszurichten, daß der Herr um drei Uhr
wiederkäme.
Sie schämte sich, daß dieser Herr das Durcheinanderschreien Riekes und
der Kinder vermutlich gehört hatte, und wie sah auch das zerschlagene
Fenster so häßlich aus!
Über die Unart ihres Vetters war Gretchen sehr empört, und als nun Rieke
mit Schaufel und Besen kam, um die Scherben aufzukehren, half sie ihr
dabei. Rieke entnahm daraus, daß Gretchen auf ihrer Seite stand, und das
tat ihr wohl.