Reinwald versprochen, ein gutes Wort zu geben! Sie sah auf Lene; man
merkte, daß sie mit sich selbst kämpfte. Jetzt aber wandte sie sich den
Buben zu und rief heftig: „Meint ihr, Buben, ihr dürft mir auch noch
Grobheiten machen? Macht, daß ihr weiter kommt, ich brauch euch nicht!“
„Von Euch geht man gern fort,“ rief in großer Entrüstung der älteste,
und die Kleinen: „ja, da geht man gern!“ und bald waren sie alle drei
zur Türe hinaus und zur Treppe hinunter gepoltert. Lene aber zögerte.
Sie hatte auch „das gute Wort“ noch nicht angebracht, und vorher durfte
sie nicht gehen.
„Bas,“ sagte sie, „ich hab nicht gewußt, daß Ihr so arg leiden müßt,
sonst hätte ich schon öfter nach Euch gesehen.“
Da brach die Alte in ein bitterliches Weinen aus, und unter Schluchzen
kam es heraus: „O, ich kann’s gar nicht aussagen, wie mich die Schmerzen
quälen, und dazu die Einsamkeit.“
Da faßte die Lene ihre Hände, die von der Gicht ganz krumm gezogen
waren, und strich sie ganz sanft. Das tat der alten Frau wohl, aber sie
schluchzte noch immer. „Jetzt probiert einmal Euern alten Lehnstuhl,
ob’s in dem nicht besser wird,“ bat Lene. Und die Alte, die bisher auf
ihrem hölzernen Stuhl gesessen war, erhob sich schwerfällig und humpelte
mühsam durchs Zimmer. Als sie sich aber in dem Stuhl niedergelassen
hatte, kam ein Ausdruck des Behagens über ihr schmerzverzogenes Gesicht;
sie lehnte sich zurück und sagte: „Ach, das tut wohl.“ Lene war
befriedigt.
„Jetzt wünsch ich Euch gute Besserung und wenn’s Euch recht ist, komm
ich morgen wieder und bring Euch Gichtwatt mit, das nimmt die Schmerzen;
mein Vater selig hat’s auch so gehabt wie Ihr, ich weiß schon, was da
gut tut.“
„Mir ist’s _ein_ Ding, wenn Ihr wieder kommen wollt,“ antwortete die
Base, und diesen Satz betrachtete sie als das „gute Wort“, das sie geben
mußte; mehr konnte man von ihr, bei so viel Schmerzen, nach ihrer
Meinung, nicht verlangen.
Lene ging leichtern Herzens, als sie heraufgekommen war. „Wie bin ich
doch so viel besser daran, als der arme, verlassene Tropf da droben!“
dachte sie bei sich.
Unten an der Treppe warteten die drei Verjagten auf sie. Das hatte Lene
nicht erwartet, es freute sie. Die Jungen hatten die Base noch nie so
schlimm gesehen, und die Mutter war ihnen daneben so gut vorgekommen!
Zum erstenmal schlugen sie sich auf die Seite der Mutter. Lene fühlte
es, ihr Herz wurde so fröhlich, wie schon lange nicht mehr, und munter
sagte sie zu ihren dreien: „Kommt, wir machen recht schnell und tun
hurtig alle Arbeit, dann reicht’s heute abend noch zu einer schönen
Geschichte!“ und ganz jugendlich sprang die Mutter mit ihren drei Wilden
durch den Hof.
Als Gretchen nach einigen Tagen die Base aufsuchte, saß die alte Frau
behaglich im Lehnstuhl, ließ sich von Gretchen die warme Decke
überbreiten und erzählte Gretchen eine Viertelstunde lang von der Gicht.
Gretchen hätte viel lieber von Lene gehört, um zu erfahren, ob ihr die
Base jetzt nicht mehr zürne. Als die alte Frau aber gar nicht auf dies
Gespräch zu bringen war, fragte Gretchen gerade aus: „Nicht wahr, der
Lehnstuhl tut Ihnen wohl? und Lene ist doch gut, daß sie ihn gebracht
hat?“
Aber die unverbesserliche Alte entgegnete: „Der alte Stuhl war ihr wohl
nicht mehr schön genug, den hat sie gern los gehabt.“
Im nächsten Augenblick war Gretchen schon die Treppe hinunter – der
Abschied mußte kurz gewesen sein.
Sechstes Kapitel.
Lehrerin und Schülerin.
Die kleine Ruth war und blieb ein verschlossenes Kind. Einmal hatte sie
ihre Zuneigung zu Gretchen verraten, in der Aufregung mit der
Ringelnatter, aber nachher war sie wieder so zurückhaltend wie vorher.
Das war für Gretchen eine Enttäuschung. Ihr war es Bedürfnis, die
Menschen, mit denen sie zu tun hatte, zu lieben und von ihnen geliebt zu
werden, sich ihnen mitzuteilen und auch ihr Vertrauen zu gewinnen; aber
mit Ruth stand sie fast noch so wie am ersten Tag.
Heute war die Kleine noch matter als sonst; Gretchen wußte nicht, ob sie
sich unwohl fühlte oder nur schlechter Laune war. Jedenfalls kamen die
Antworten so langsam, so leise und spärlich, daß Gretchens Geduld auf
eine harte Probe gestellt wurde. Zu der Lektion, die ihre kleine
Schülerin zu lernen hatte, gehörten zehn neue Wörter. Diese wollte
Gretchen nun abfragen, und während das Kind sonst seine Aufgabe immer
gewissenhaft lernte, wußte sie die beiden ersten nicht, nach denen
Gretchen fragte.
„Hast du denn deine Wörter heute nicht gelernt?“ fragte Gretchen. Die
Kleine schwieg und ließ das Köpfchen hängen. Gretchen fragte das dritte
Wort ab. Sie wußte es so wenig wie die ersten.
„Hast du sie diesmal vergessen zu lernen? Oder ist dir’s nicht recht
wohl?“ – Keine Antwort.
„Hast du sie gestern gekonnt?“ Auch nicht die geringste Antwort war
herauszubringen. Das Kind blieb stumm. Da wird Gretchen von der Ungeduld
übermannt: „So sei doch nicht so stockig und mockig,“ ruft sie zornig,
und ehe sich’s die Kleine versieht, hat sie eine Ohrfeige an der rechten
Backe und zwar eine tüchtige, denn was Gretchen tut, tut sie immer
kräftig!
Der Erfolg ist auch augenfällig: das stille Kind bricht in Tränen aus
und – es blutet aus der Nase! Im Augenblick sieht das ganze Gesichtchen
entstellt aus, die Tränen, die glühende Backe und das fließende Blut –
Gretchen ist entsetzt über das, was sie angerichtet hat; sie will die
Kleine trösten und ihr helfen – da tritt Fräulein von Zimmern ein.
„Was ist geschehen?“ fragte sie erschreckt – und Gretchen antwortete
tief beschämt: „Ich habe ihr eine Ohrfeige gegeben und jetzt blutet
sie.“
Fräulein von Zimmern sagte ruhig, aber mit einem Ton, der Unheil
verhieß: „Schicke mir das Mädchen herauf mit kaltem Wasser, und du warte
drunten vor meinem Zimmer auf mich.“
Als Gretchen unten stand und wartete, war ihr unsäglich beklommen zu
Mute. Wie hatte sie so etwas tun können? Wer ihr je gesagt hätte, daß
_sie_ das arme Tröpfchen schlagen würde! Sie hätte es nie für möglich
gehalten. Es reute sie so bitterlich; aller Zorn gegen das Kind, das sie
so gereizt hatte, war verflogen, aber mit sich selbst zürnte sie, wie
noch nie. Lange, lange stand sie vor der Zimmertüre und wartete in
wachsender Angst, denn sie dachte sich, daß Fräulein von Zimmern das
Kind doch entlassen hätte, wenn das Nasenbluten gestillt wäre. Wenn Ruth
krank würde, krank durch _ihre_ Schuld?
Da hörte sie droben eine Türe gehen und vernahm Fräulein von Zimmerns
Stimme. In liebevollem Ton sprach sie: „Und nun geh recht langsam heim,
mein Kind, und erhitze dich nicht.“ Die Kleine kam allein, langsam und
leise die Treppe herunter. Sie blutete nicht mehr und sah wieder sauber
aus, nur einige verräterische Spuren waren an dem Kleid zurückgeblieben.
Ganz stille wäre sie an Gretchen vorbeigegangen, aber diese konnte sie
_so_ nicht ziehen lassen. Sie umschlang sie mit beiden Armen, küßte sie
auf die geschlagene Backe und flüsterte ihr zu: „Weißt du, ich habe dich
doch lieb, wenn ich dir auch weh getan habe!“ Ein freundlicher Blick kam
aus den Kinderaugen und es hatte fast den Anschein, als wollte auch ein
_Wort_ kommen, aber in diesem Augenblick hörte Gretchen die Tritte von
Fräulein von Zimmern; rasch ließ sie die Kleine los, und bald stand sie
in dem Zimmerchen, der Vorsteherin gegenüber, die noch nie so ungnädig
auf sie geblickt hatte, wie jetzt.
„Ich will nun ganz genau hören, was vorgefallen ist,“ sprach Fräulein
von Zimmern, und Gretchen erzählte den Hergang getreu und aufrichtig,
wie es ihre Art war. Zuletzt bat sie um Verzeihung.
„Wenn nur mit dem Verzeihen alles wieder gut gemacht wäre,“ entgegnete
Fräulein von Zimmern, „dies ist aber hier nicht der Fall. Man kann nicht
wissen, welchen Schaden das schwache Kind durch den Blutverlust erlitten
hat; es sind mir Fälle bekannt, in denen Kinder durch einen
unglücklichen Schlag das Gehör verloren oder eine Gehirnerschütterung
erlitten haben. Es ist deshalb eine solche Strafe in _allen_ Schulen
verboten, und daß in _meiner_ Schule überhaupt jede körperliche
Züchtigung ausgeschlossen ist, das weißt du aus langjähriger Erfahrung.
Nie hat ein bei mir angestellter Lehrer gegen diesen Grundsatz
gehandelt; du bist es, die zum erstenmal meine Schule durch so etwas in
schlechten Ruf bringt. Und wem gegenüber? Eltern gegenüber, die mir dies
Kind als ein besonders zartes Pflänzchen ans Herz gelegt haben, und
denen ich mein Wort gab, daß alles geschehen würde, um das
verschüchterte Kind durch Liebe zu gewinnen.“
Gretchen fühlte sich tief unglücklich; nicht nur dem Kind hatte sie
unrecht getan, auch der Vorsteherin, die sie so hoch verehrte, hatte sie
Leid zugefügt. Aber war denn das nicht zu ändern, _mußte_ denn Fräulein
von Zimmern darunter leiden?
„Wenn Ruths Eltern erfahren, daß ich ganz allein schuld bin, und wenn
man ihnen verspricht, daß künftig statt meiner eine andere die
Nachhilfstunden geben wird, dann können sie doch nicht mit der Schule
zürnen?“
„Natürlich werde ich ihnen mitteilen, wie sich die Sache zugetragen hat,
und daß du ferner ihr Kind nicht mehr lehren wirst – denn dieses Recht
hast du verwirkt. Aber so, wie ich die Leute kenne, werden sie in ihrer
Entrüstung sofort das Kind aus der Schule nehmen.“
„O, ich will zu Ruths Mutter hingehen und mich entschuldigen,“ rief
Gretchen.
„Kennst du sie?“
„Nein, aber ich weiß, wo sie wohnt, ich gehe gleich heute abend noch
hin, sogleich; ich sage, daß noch gar nie irgend ein Kind geschlagen
worden ist in unserer Schule, und daß ich ganz allein die Schuld habe.“
„Die Schuld trifft mich doch mit, denn die Vorsteherin ist
verantwortlich für die Lehrkräfte, die sie verwendet; ich hätte auch nie
gedacht, daß du mit deinem liebevollen Herzen einem Kind wehe tun
könntest, aber ich hätte es wissen sollen, denn _du bist_ ungeduldig;
ich hatte schon früher Gelegenheit, das zu bemerken.“
„Fräulein von Zimmern, bitte, lassen Sie mich zu Ruth gehen; ich kann es
nicht ertragen, daß durch mich etwas auf die Schule kommt! Ich _muß_ es
wieder gut machen.“
„So versuche es; aber gehe zuerst zu deinen Eltern und sage es ihnen.
Ich möchte dich ohne ihr Wissen nicht in ein fremdes Haus schicken.“
„O, die Eltern würden sofort sagen, ich soll mich entschuldigen; ich
kann gut ohne ihr Wissen gehen. Aber freilich –“
Gretchen stockte und errötete.
„Was ist’s?“
„Mit den Schulhandschuhen kann ich nicht Besuch machen, sie sind
zerrissen,“ sagte Gretchen etwas verlegen.
„Das sollte nie sein, Gretchen; fünf ausgebesserte Finger an jedem
Handschuh, wenn du willst, aber _keinen_ zerrissenen.“
„Ich renne zu Hermine hinauf und lasse mir ihre Handschuhe leihen; die
wohnt ja in der Nähe.“
„Nein, Kind, du gehst heim, wie ich gesagt habe; das Widersprechen ist
eine unfeine Gewohnheit, die ich dir schon öfters getadelt habe. Und nun
geh zu deinen Eltern und laß dir von ihnen raten.“
Gretchen reichte Fräulein von Zimmern die Hand und sagte bewegt: „Bitte,
verzeihen Sie mir doch, es ist mir ja so leid.“
„Das weiß ich und ich verzeihe dir, mein Kind. Du hast einen sauern Gang
vor dir, das wollen wir als Sühne betrachten.“
Gretchen eilte heim. „Ist die Mutter zu Hause und kein Besuch bei ihr?“
fragte sie Franziska, die ihr die Türe öffnete. „Sie ist zu Hause und
ich darf auch keinen Besuch einlassen, weil Frau Reinwald heftiges
Kopfweh hat.“ Dies war für Gretchen eine unwillkommene Mitteilung. Sie
mochte die Mutter, wenn sie leidend war, nicht aufregen; aber dann blieb
ihr nichts anderes übrig, als mit dem Vater zu sprechen.
Sie überlegte. Viel lieber hätte sie mit der Mutter gesprochen, aber
nein, das ging nicht an; also nur keine Zeit verlieren! Sie überwand die
Scheu und trat bei ihrem Vater ein. „Darf ich dich stören, Vater, ich
habe eine schlimme Geschichte angestellt und möchte sie der Mutter
ersparen, solange sie Kopfweh hat.“ Herr Reinwald legte die Feder aus
der Hand. „Was ist’s?“
Gretchen erzählte alles, der kleinen Ruth Benehmen, ihr eigenes,
Fräulein von Zimmerns schreckliche Äußerungen über die möglichen
schlimmen Folgen einer Ohrfeige und ihre Befürchtungen für den Ruf der
Schule; zuletzt den Entschluß, Abbitte bei Ruths Eltern zu tun.
„Das letztere ist jedenfalls das beste, was in dieser Sache geschehen
kann und für meine ungestüme Tochter eine heilsame Buße,“ sagte Herr
Reinwald; „ich denke übrigens, daß damit die Sache auch beigelegt sein
wird, Fräulein von Zimmern sieht doch wohl zu schwarz.“
„Meinst du? O Vater, so schrecklich mir’s ist, daß ich als Lehrerin so
abgesetzt werde und daß auf die Schule ein schlechtes Licht fällt, so
ist es mir doch noch viel, viel ärger, wenn ich denke, daß die Kleine
vielleicht einen dauernden Schaden erlitten hat, taub wird, oder so
etwas!“
„Nun, nun, so schlimm ist die Sache nicht! _Die_ Fälle sind doch gottlob
selten! Die Kinder sind im allgemeinen so eingerichtet, daß ihnen eine
Ohrfeige mehr gut tut, als schadet.“ Diese Worte beruhigten Gretchen
einigermaßen.
Herr Reinwald sah auf seine Uhr. „Wenn du jetzt gleich gehst, wirst du
die Mutter des Kindes vermutlich allein treffen. Der Vater ist nämlich
bis sechs Uhr auf seiner Kanzlei, und ich denke mir, es ist dir lieber,
wenn du nur mit der Mutter zu tun hast.“
„Kennst du denn die Eltern, Vater?“ fragte Gretchen erstaunt. „Nicht
persönlich, ich habe nur von ihm reden hören. Er ist erst dieses Jahr
als Forstrat hiehergekommen, muß ein sehr tüchtiger Beamter sein, aber
ein wenig heftig. Besser ist’s, du sprichst bloß mit der Frau. Er wird
von der Angelegenheit wohl noch gar nichts wissen; kommt er dann heute
abend zu seiner Familie, so wird die Frau dich wohl entschuldigen, wenn
das Kind die Sache noch nicht verschmerzt hat.“
Gretchen war gerührt, daß der Vater ihr die Sache so erleichtern wollte.
Sie küßte ihn und dankte ihm. Als Herr Reinwald allein war, schritt er
in seinem Zimmer auf und ab: „Daß ihr auch gerade mit dem Kind _dieser_
Leute so etwas vorkommen muß. Der Forstrat, der Hitzkopf, wird nicht
übel aufbrausen! Aber Gretchen ist auch ein Hitzkopf! Wie konnte es ihr
nur gleich so in die Hand fahren, daß sie dem Kinde einen solchen Treff
gibt! Schön ist’s aber, daß sie so tapfer geht, Abbitte zu tun; ich
möchte es ihr gönnen, daß der Alte nicht da wäre!“
„Franziska,“ sagte Gretchen, während sie gute Handschuhe anzog, „wenn
die Mutter nach mir fragt, so sagen Sie, ich müsse noch geschwind zu der
kleinen Ruth gehen.“
„Ja, ich muß aber später auch noch fort, den großen Pack dort auf die
Post schleppen!“
„O Franziska, ich wollte lieber zehn solche Päcke forttragen, als den
Gang machen, den ich machen muß!“ rief Gretchen im Fortgehen, und
Franziska sah verwundert ihrem jungen Fräulein nach.
Gretchen hatte einen weiten Weg zu machen bis zu dem Hause des
Forstrats, und sie eilte, so sehr sie konnte, denn um sechs Uhr wollte
sie schon wieder auf dem Heimweg sein.
Als sie ihr Ziel erreicht hatte und in das fremde Haus eintrat, klopfte
ihr doch das Herz, und leise huschte sie an der Türe des ersten
Stockwerks vorbei, die die Aufschrift trug: „Kanzlei“. Sie folgte der
gemalten Hand, die nach der obern Treppe zur Wohnung des Forstrats wies.
Einen Augenblick hielt sie inne, ehe sie auf die Klingel drückte. „In
einer Viertelstunde ist’s überstanden,“ sagte sie sich, und nun drückte
sie herzhaft auf den Knopf. Einen Augenblick später stand sie im
Besuchzimmer und stellte sich der Frau Forstrat vor.
Diese war eine auffallende Erscheinung, eine große, hagere Gestalt mit
blassem, krankhaftem Gesicht, in das schwarze Haare ungeordnet
hereinfielen. Die dunklen Augen blickten unstät, die Hände waren
fortwährend in zitternder Bewegung. Gretchen war sehr betroffen über
diese ungewohnte Erscheinung, sie faßte sich aber und begann die kleine
Rede, die sie sich unterwegs überlegt hatte.
„Frau Forstrat,“ sagte sie, „ich möchte Sie um Verzeihung bitten, daß
ich heute Ihre Ruth so unfreundlich behandelt habe, und Fräulein von
Zimmern läßt Ihnen sagen, daß so etwas nie mehr vorkommen wird, und daß
Ruth künftig nicht mehr von mir, sondern von einem andern Mädchen
Stunden bekommen wird.“
„Ach Fräulein, das war heute nachmittag eine Szene!“ begann die Frau
Forstrat. „Wie das Kind heimkommt und ich die Blutflecken sehe und auch
merke, daß die Kleine verstört ist, frage ich sie aus. Sie hat nichts
sagen wollen, ich habe alles erraten müssen; endlich wie ich’s heraus
habe, nehme ich sie an der Hand und ziehe sie mir nach, hinunter in die
Kanzlei, und sage zu meinem Mann: ‚Da siehst du, wie man unser Kind
behandelt; blutig geschlagen haben sie das arme Ding in der Schule,
weil’s ein paar Wörtchen nicht gekonnt hat! Da sieh, wie sie
verschwollene Augen hat vor Weinen!‘ Nun hätten Sie aber meinen Mann
sehen sollen in seinem Zorn! Nur die drei Worte hat er hervorgestoßen:
‚Wer hat’s getan?‘ aber so laut, daß die Kleine gleich wieder angefangen
hat zu weinen vor Angst. ‚Die französische Lehrerin,‘ sage ich, und ich
wollte noch mehr sagen, aber er hat uns hinausgetrieben, wir konnten
nicht schnell genug aus der Türe kommen. Der Kleinen aber hat er noch
zugerufen: ‚Du mußt nie mehr ins Institut zu Fräulein von Zimmern.‘“
„Ich glaube,“ sagte Gretchen, „daß sich’s Herr Forstrat nach Ihrer
Beschreibung viel schlimmer vorstellt, als es in Wirklichkeit war –“
„Ja, nicht wahr? Das glaube ich auch. Er sollte das Kind auch nicht
gleich aus dem Institut nehmen, es gibt ja hier doch kein besseres.“
„O bitte, Frau Forstrat, legen Sie doch ein gutes Wort ein bei Ihrem
Mann.“
„Ich? Was meinen Sie, da darf ich nicht dreinreden, er hat auch gewiß
schon an Fräulein von Zimmern geschrieben, das dürfen Sie glauben. Er
hat das Kind gar lieb, wenn er es auch oft erschreckt durch seine
Heftigkeit, und er verzeiht’s nicht, wenn man dem Kind etwas tut.“
Eine große Wanduhr schlug im Nebenzimmer sechs Uhr. Gretchen erschrak.
Jeden Augenblick konnte der Forstrat kommen. Sie erhob sich mit dem
traurigen Gefühl, gar nichts erreicht zu haben. „Ich muß jetzt gehen,“
sagte sie. „Wollen Sie mir verzeihen und mich bei Herrn Forstrat
entschuldigen?“
„Ich kann von dieser Sache nicht mehr reden,“ antwortete die Frau
Forstrat, „und Ihnen möchte ich raten, daß Sie fortgehen, ehe mein Mann
aus der Kanzlei heraufkommt.“
Da sagte Gretchen kein Wort mehr, verbeugte sich und ging.
Als sich die Treppentüre hinter ihr geschlossen hatte, fühlte sie sich
viel unglücklicher, als eine Viertelstunde vorher. Sie hatte gar nichts
ausgerichtet bei dieser Frau, und so, wie diese ihrem Mann die Sache
dargestellt hatte, mußte er natürlich aufgebracht sein gegen das
Institut. Er würde sein Kind herausnehmen, und so würde Fräulein von
Zimmern Ärger und Schande haben durch ihre Schuld!
Bekümmert ging Gretchen die Treppe hinunter. Als sie an der Kanzlei im
ersten Stock vorbeikam, ging eben die Türe auf und zwei junge Leute, die
wohl als Schreiber beschäftigt waren, kamen heraus und gingen die Treppe
hinunter. Durch den Türspalt hatte sie einen großen, stattlichen Herrn
gesehen – das mußte der Forstrat sein, der nun noch allein in seiner
Kanzlei war.
Gretchen ging die Treppe hinunter, aber nur zwei Stufen, dann blieb sie
stehen, denn auf einmal wurde es ihr klar: „Ich muß zu dem Mann hinein,
ich kann’s nicht ertragen, daß er so falsch denkt über Fräulein von
Zimmern. Wenn er auch zornig ist über mich, was macht’s? Höchstens
bekomme ich auch eine Ohrfeige, wie seine Ruth von mir, dann sind wir
quitt!“ Ohne weiter zu überlegen, kehrte Gretchen um, klopfte an der
Kanzleitüre und trat ein. Das erste, was sie bemerkte, war, daß der
Forstrat doch nicht allein war; ein junger Bursch stand schreibend an
einem Pult. Das war Gretchen eine unangenehme Entdeckung, aber jetzt
konnte sie nicht mehr zurück. Sie ging auf den Herrn zu, der sich nach
ihr umwandte, und sagte deutlich, aber mit einer Stimme, die doch leise
bebte: „Ich möchte Sie um Verzeihung bitten, weil ich heute in der
Schule gegen die kleine Ruth so unfreundlich war.“
Der Mann hatte kaum diese Worte gehört, als sich seine Stirn in finstere
Falten zog. Er wandte sich zu dem jungen Schreiber. „Machen Sie Schluß!“
rief er. Der legte sofort seine Feder weg, ging aber nicht auf die Türe
zu, sondern nach einem andern Pult, auf dem einige geschlossene Briefe
lagen. Ungeduldig fuhr ihn der alte Herr an: „Wird’s bald?“
„Soll ich nicht die Briefe –“
Da unterbrach ihn der Forstrat und donnerte ihn an: „Nichts sollen Sie,
fort sollen Sie, Schluß!“ Der junge Mann riß seinen Mantel vom Nagel,
gönnte sich aber nicht mehr die Zeit, ihn anzuziehen, sondern drückte
sich eilends zur Türe hinaus.
Inzwischen hatte Gretchen sich überlegt, was sie sagen wollte: nur vor
allem das, was zu Fräulein von Zimmerns Rechtfertigung nötig war; wenn
sie nur das sagen konnte, ehe vielleicht ihr, wie dem unschuldigen
Schreiber, die Türe gewiesen wurde! Herzhaft redete sie den Forstrat an:
„Ich gehe gleich wieder, aber ich muß Ihnen sagen, daß Fräulein von
Zimmern ganz und gar nichts für das kann, was heute vorgefallen ist. Sie
hat mir gleich gesagt, wie arg es ihr sei, und daß ich künftig die
Stunden nicht mehr geben darf.“
„So?“ rief der Forstrat, „wenn Fräulein von Zimmern so etwas ‚arg‘ ist,
warum stellt sie dann solche Mädchen als Lehrerinnen an wie Sie, die
selbst noch halbe Kinder sind? Ist das auch in der Ordnung und erlaubt?“
Er trat dicht vor Gretchen und rief immer lauter: „Wie alt sind Sie
eigentlich? Haben Sie überhaupt schon Ihr Examen bestanden? Können _Sie_
sich vor einer Klasse Respekt verschaffen? Haben Sie das Recht, zu
lehren? Das ist die heillose Sucht der jungen Mädchen heutzutage, daß
sie Geld verdienen wollen, wenn sie kaum aus der Schule entlassen sind!
Wenn dann so einer jungen Lehrerin die Sache zu schwierig wird, dann
reißt ihr die Geduld und die Kinder werden blutig geschlagen, wie die
meinige heute. Das könnte Fräulein von Zimmern wissen, sagen Sie ihr
das!“ Ungestüm lief der erregte Mann im Zimmer auf und ab, während er so
seinem Zorn Luft machte.
Gretchen war ganz bestürzt über all die Vorwürfe, aber sie faßte sich
schnell und sagte: „Ich habe das Kind nicht blutig geschlagen, ich habe
ihm in der Ungeduld, weil es durchaus nicht Ja und nicht Nein
geantwortet hat, einen einzigen Schlag auf die Backe gegeben und dann
hat die Kleine Nasenbluten bekommen. Fragen Sie nur Ruth, sie wird Ihnen
sagen, daß es so war.“ Der Forstrat hatte bei den letzten Worten seinen
Marsch eingestellt und machte Halt vor Gretchen. „Nasenbluten, sagen
Sie? War’s so? Ja? Dann hat man mir ganz falsch erzählt!“
„Ja, und es ist auch falsch, wenn Sie meinen, ich sei eine Lehrerin und
werde bezahlt. Ich gehe doch selbst noch in die Schule, in die
Oberklasse; ich gab nur Ruth die Nachhilfstunden und von jetzt an darf
ich auch das nicht mehr.“
„Sind Sie denn nicht die französische Lehrerin, Fräulein Bertrand?“
„Nein, o nein,“ rief Gretchen, „Fräulein Bertrand ist eine rechte
Lehrerin, ganz, ganz anders, als ich! Ich bin bloß Gretchen Reinwald.“
„Sie sind Gretchen Reinwald?“ rief der Forstrat mit ganz verändertem,
heiterem Ton. „Dann sind Sie das Mädchen, das umsonst meiner Kleinen
seit einem Vierteljahr nachhilft? Dann sind Sie die Heldin, die die
Schlangen fängt, von der meine Kleine alle Tage schwärmt? _Die_ sind
Sie?“
Gretchen lachte.
„Alle Wetter, das ist ganz was anderes! Dann tut mir’s leid, daß ich Sie
so hart angelassen habe,“ sagte der Forstrat und schüttelte Gretchen
herzlich die Hand. „Ihnen verzeihe ich gerne, wenn Sie einmal ungeduldig
geworden sind! Wegen _einer_ Unfreundlichkeit werde ich doch nicht die
viele Freundlichkeit vergessen, die Sie meinem Kind schon erwiesen
haben! Sie hängt mit ihrem ganzen Herzchen an Ihnen, sie hat es Ihnen
gewiß schon oft gesagt.“
„O nein, Herr Forstrat, sie sagt eben gar so wenig, und das hat mich
heute auch so in Verzweiflung gebracht; sie war so stumm, kein Wort
konnte ich aus ihr herausbringen.“
„Ja, ja,“ sagte der Forstrat in ganz bestimmtem Ton, „so ist das Kind,
herzensgut, aber ängstlich. Das können _Sie_ natürlich nicht begreifen,
aber Sie sind auch bei andern Eltern aufgewachsen.“
„Kennen Sie meine Eltern?“