„So war das auch nicht gemeint. Natürlich darfst du nicht mit einem

Mädchen, das wir so kurz erst kennen, rückhaltslos über unsere

Angelegenheiten reden, wie du es von der Kinderzeit her mit Lene gewöhnt

warst; aber es gibt genug Dinge, über die du mit ihr sprechen kannst.

Denke, wie fremd sie hier ist und wie sie es wohl oft schmerzlich

vermißt, daß niemand etwas weiß von ihrer Heimat und ihren Angehörigen.

Frage sie nach ihrem Heimatsort, ihrer Schulzeit, ihren Geschwistern, da

wird ihr das Herz aufgehen, und es wird ihr wohl tun.“

Wo ein guter Rat auf klaren Verstand und guten Willen trifft, da wirkt

er. Gretchen verstand und wollte.

Am folgenden Tag war Frau Reinwald für den Nachmittag eingeladen. Sie

hatte kaum das Haus verlassen, als Gretchen das Mädchen in der Küche

aufsuchte.

„Franziska, wo sind wohl jetzt die nassen Leintücher?“ fragte sie.

„Sie hängen noch oben in der Dachkammer.“

„Sind sie schon so trocken, daß man sie abnehmen könnte?“

„Warum? Die gnädige Frau ist ausgegangen, allein kann ich sie nicht

legen und überdies muß ich Fenster putzen.“

„Ich frage nur deshalb, Franziska, weil ich doch schuld daran bin, daß

die Wäsche jetzt noch hängt, während die Mutter sie so gerne noch diese

Woche fertig gemacht hätte. Ich dachte, ob wir die Mutter nicht damit

überraschen könnten, daß die Leintücher alle schön gelegt wären, wenn

sie heute abend heimkommt. Ich weiß freilich gar nicht, wie man sie

legt. Sie müßten mir’s eben zeigen und Geduld haben, wenn ich mich

wieder so dumm anstelle, wie neulich.“

Franziska schien unentschlossen, was sie antworten solle.

Gretchen ließ nicht nach. „Geht’s wegen des Fensterputzens nicht recht?“

fragte sie; „ich habe um vier Uhr eine französische Stunde zu geben und

komme erst gegen fünf Uhr heim, bis dahin könnten Sie doch gewiß fertig

sein mit den Fenstern und dann haben wir immer noch zwei Stunden Zeit;

die Mutter kommt gewiß nicht vor sieben Uhr.“

„Meinetwegen,“ sagte Franziska, „ich will die Wäsche nachher aus der

Kammer holen und zurichten, bis Sie aus der Schule kommen.“

„O, das ist recht,“ rief Gretchen und richtete sich zum Gang in die

Schule.

Ihre kleine Schülerin machte ihr wohl Freude, aber still und

verschlossen war sie noch immer, und Gretchen fragte sich, wie lange es

wohl noch dauern würde, bis das verschüchterte Kind endlich Zutrauen

fassen würde? Sie konnte ein solch ängstliches Wesen nicht recht

verstehen. Fräulein von Zimmern, die in jeder Stunde, wenn auch nur auf

einige Minuten, erschien, bemerkte wohl, was Gretchen vermißte, und

ermahnte sie zur Geduld. Auch heute war Ruth wieder ganz einsilbig, und

Gretchen war froh, daß sie nur eine halbe Stunde bei ihr ausharren

mußte. Eilig ging sie nach der Stunde heim. Sie freute sich auf die

geplante Überraschung für die Mutter, fürchtete sich aber auch auf das

schwierige Geschäft.

Franziska hatte wirklich schon alles so weit gerichtet, daß das Werk

gleich beginnen konnte. Zuerst „strecken“, dann „ausschlagen“ und dann

„legen“ und nur nicht auf den Boden streifen, das waren Franziskas

Vorschriften. Diesmal war Gretchens Bestreben nicht: „so langsam wie

möglich“, sie tat alles mit Eifer und fand es gar nicht so schwierig.

Ja, beim vierten Stück brauchte sie schon nicht mehr ihre ganze

Aufmerksamkeit darauf zu wenden und konnte ein Gespräch anknüpfen. Sie

hatte sich wohl der Mutter Vorschläge gemerkt. Erstes Thema: Heimat;

zweites Thema: Schule; drittes Thema: Geschwister. So fragte sie zuerst,

wieviel Franziskas Heimatsort Einwohner habe? Darüber wußte aber

Franziska keinen Bescheid zu geben. Nun kam die Schule an die Reihe;

dies Thema gab schon besser aus. Zuletzt die Geschwister: Zehn! Bei

dieser Frage ging Franziska das Herz auf, und sie war noch im besten Zug

mit Erzählen, als der Korb leer war, offenbar zum Bedauern des Mädchens.

Aber es war doch nicht zu frühe, denn schon kam Frau Reinwald nach

Hause. Sie freute sich über die schön gefalteten Leintücher, freute sich

mehr, als Franziska recht begreifen konnte, die freilich nicht wußte,

daß dieser Stoß Wäsche der Mutter zeigte: Dein Kind geht den

Schwierigkeiten des Lebens nicht aus dem Weg, es überwindet sie!

Viertes Kapitel.

Die Ringelnatter.

Die Schule ging ihren regelmäßigen Gang. Gearbeitet mußte tüchtig werden

in dem Institut von Fräulein von Zimmern, denn es wurden hohe Ansprüche

an die Oberklasse gemacht; aber das hübsche Schulzimmer übte eine große

Anziehungskraft, und es war ein eifriges Treiben an dem langen, grünen

Tisch. Um zehn Uhr, wenn eine Glocke das Zeichen gab, daß die Jugend ein

freies Viertelstündchen im Hof zubringen durfte, hatten die „Großen“

allein das Recht, im Haus zu bleiben, und ungestört von der großen Masse

der jüngeren Schülerinnen machten sie Spiele auf dem langen Gang des

oberen Stockwerks oder setzten sich gruppenweise zusammen auf der

obersten Treppe und plauderten. Meistens ging es lustig zu, manchmal gab

es auch Ärgernis: wenn Elise Schönlein, die nicht sehr stark war im

Lernen, die Pause benützen wollte, um sich gute Ideen für den Aufsatz

oder sonstige Arbeiten geben zu lassen, und wenn Ottilie, die ihr solche

Hilfe nicht gönnte, sie irre führte oder verhöhnte.

Heute waren die Mädchen mit ihren Gedanken noch bei der Literaturstunde

und Hermine schlug vor, sie wollten sich einander Zitate aus

Dichterwerken aufgeben und erraten, aus welchem Stück sie seien. Das

Spiel war bald im Gang.

Aber auch eine andere Klasse war heute, unbefugter Weise, nicht ins

Freie hinausgegangen, es war die dritte, in der die kleine Ruth war, und

zu der auch Mathilde Braun gehörte. Die Kinder hatten eben

Naturgeschichte gehabt, und ihr Lehrer hatte etwas sehr Interessantes

mitgebracht. Es war eine lebende Ringelnatter; sie lag in einem großen

Glasbehälter, dessen Boden mit Sand bestreut war. Das Glas war oben mit

einem tüllartigen Stoff zugebunden. Der Lehrer hatte den Kindern die

Natter gezeigt und ihnen vieles über ihre Eigenart mitgeteilt. Nach der

Stunde hatte er den Behälter auf einen Seitentisch gestellt, bis er ihn

abholen lassen würde. Als der Lehrer fort war, wollten die Kinder die

Schlange noch besehen und drängten sich alle um den Tisch. Da nun eins

dem andern den Anblick versperrte, erklärte eine wilde kleine Hummel:

„Ich weiß den besten Platz;“ sie erkletterte den Tisch und setzte sich

neben den Glaskasten. Sie betrachtete ihn noch eine Weile, das Tier lag

aber wie leblos in seinem Kasten, und so wurde es den Kindern endlich

langweilig, auch erinnerten sie sich, daß sie eigentlich ins Freie gehen

sollten. So entfernte sich eine nach der andern.

„Hilf mir auch herunter, daß der Tisch nicht knappt,“ rief die Kleine,

die droben saß, Mathilde Braun zu. Der Tisch knappte aber doch, trotz

der Hilfe, er neigte sich, Kind und Glasbehälter kamen gleichzeitig auf

dem Boden an. Das Glas zerbrach, und die Schlange, die so leblos

geschienen hatte, ringelte sich mit äußerster Geschwindigkeit durchs

ganze Zimmer hindurch bis in die hinterste Ecke, wo ein Schirmständer

stand. Hinter diesem verschwand sie. Die Kinder erhoben in ihrem

Schrecken ein furchtbares Geschrei, so daß im Nu nicht nur ihre

Kamerädinnen, sondern auch Schülerinnen anderer Klassen herbeiliefen,

und das Zimmer wäre gleich überfüllt gewesen, wenn sich nicht viele

gescheut hätten, einzutreten, als sie hörten, daß die Schlange frei sei.

Es war ein unerhörtes Durcheinander, ein Schreien, Weinen, Erzählen, das

aber plötzlich verstummte, als Fräulein von Zimmern erschien.

Sie fragte nicht, „was ist geschehen,“ denn sie kannte die junge Welt

und wußte, daß dann zwanzig Stimmen zugleich antworten würden und sie

nachher nicht klüger als vorher wäre. Sie rief den Kindern zu: „Wer mir

genau erzählen kann, was geschehen ist, soll den Finger aufheben.“

Mathilde Braun hob den Finger, und von ihr ließ sich nun Fräulein von

Zimmern berichten, was geschehen war. Sie ging nach der Stelle, die ihr

die Kinder bezeichneten, und sah hinter dem Schirmständer im dunkeln Eck

eine zusammengerollte, dunkelblaue Masse.

„Wißt ihr gewiß, daß euer Lehrer die Schlange eine Ringelnatter genannt

hat?“ fragte Fräulein von Zimmern. Einstimmig wurde diese Frage bejaht.

„Dann ist es ein ganz unschädliches Tier, das man ruhig mit der Hand

anfassen darf,“ entschied Fräulein von Zimmern. „Ja,“ bestätigten die

Kinder, „wir haben es heute schreiben müssen: Die Ringelnatter ist ein

gutartiges Tier, sie ist blauschwarz mit gelben oder weißen Flecken am

Kopf, kann 1½ Meter lang werden und nährt sich von –“ „Genug,“

unterbrach Fräulein von Zimmern, „es handelt sich nur darum, das Tier

einzufangen. Mathilde, rufe das Dienstmädchen herbei und sage ihr, daß

sie einen Deckelkorb mitbringe.“

Das Mädchen erschien mit dem Korbe, aber sie stellte sich sehr

ungeschickt an, als ihr der Auftrag wurde, die Schlange einzufangen. Sie

erklärte sich bereit, das Tier totzuschlagen, aber nicht, es mit den

Händen zu greifen. Was wollte die Vorsteherin dagegen sagen? Sie konnte

von andern nicht fordern, was sie selbst sich nicht zutraute, und sie

wußte sich keinen Rat. Da trat aus der ängstlich an der Türe stehenden

Gruppe der Schülerinnen Mathilde Braun hervor und sagte: „Fräulein von

Zimmern, ich weiß jemand, der Würmer und Salamander und Blindschleichen

anfassen kann, und vielleicht auch Ringelnattern.“

„Wen meinst du?“

„Gretchen Reinwald. Im Sommer, wie wir miteinander auf dem Lande waren,

hat sie immer eine Menagerie gehabt von solchen Tieren; ich glaube, sie

fürchtet sich vor keinem!“ „Schnell gehe hinauf und hole sie herunter.“

Mathilde mit großem Gefolge sprang die Treppen hinauf bis in den

obersten Stock, wo die Großen ahnungslos beisammen saßen und auf die

Nachricht von dem aufregenden Ereignis sofort herunter eilten, ehe sie

nur recht gehört hatten, warum nach ihnen geschickt worden war.

„Gretchen,“ redete Fräulein von Zimmern die Gerufene an, „es handelt

sich darum, die Ringelnatter, die dort in der Ecke liegt, zu fangen und

in den Korb zu bringen. Es ist ein vollkommen unschädliches, harmloses

Tier, und die Scheu, die wir davor haben, ist töricht und grundlos.

Teilst du diese Scheu, oder traust du dir zu, die Schlange zu greifen?“

Gespannt sah die ganze Versammlung auf Gretchen und erwartete die

Antwort.

„Ich mag alle Tiere gern und fasse sie auch an,“ sagte Gretchen, „aber

ob ich sie gleich erwische, weiß ich nicht gewiß, sie sind so flink.“

„Versuche es,“ sagte Fräulein von Zimmern. In diesem Augenblick erhob

sich ein klägliches Stimmchen und rief unter Schluchzen: „Warum denn

gerade _mein_ Fräulein? Es soll’s jemand anders tun, nicht mein

Fräulein!“ Es war die kleine Ruth, die in ihrer Herzensangst ihre

sonstige Schüchternheit vergessen und diese Worte laut gerufen hatte.

Gretchen, ganz gerührt von diesem unwillkürlichen Ausdruck der Liebe

ihrer kleinen Schülerin, ging auf sie zu, herzte sie und beruhigte sie

über das gefahrlose Unternehmen. Fräulein von Zimmern aber befahl nun

allen Kindern, hinauszugehen. Ungern genug gehorchten diese. Die Türe

wurde geschlossen und die Vorsteherin blieb allein mit Gretchen. „Du

mußt die Schlange möglichst nahe am Kopfe fassen, damit sie dich nicht

beißen kann,“ sagte sie, „aber warte noch ein wenig, ich will dir einen

dicken Handschuh holen, damit du besser geschützt bist.“

„O bitte lieber nicht,“ sagte Gretchen, „ich bin vielleicht geschickter

ohne Handschuhe und sie beißt mich gewiß nicht, ich tue ihr ja auch

nichts.“ Gretchen ging zu dem Schirmständer, hinter dem das harmlose

Tier sich ängstlich versteckt hielt, während es doch andern Angst

einjagte. Sowie Gretchen die Hand darnach ausstreckte, ahnte es die

Gefahr und ringelte sich rasch an dem Schirmständer in die Höhe. Dort

schien es einen Augenblick unschlüssig, wohin es sich flüchten solle;

den Moment benützte Gretchen und griff das Tier fest mit der Hand. „So

jetzt haben wir dich,“ sagte Gretchen befriedigt, „ach wie es Angst hat,

sehen Sie nur, Fräulein von Zimmern, wie es zappelt, das arme Tier!“

„Nur rasch in den Korb damit,“ rief Fräulein von Zimmern, die nicht, wie

Gretchen, Lust zu haben schien, die Schlange erst noch nach ihren

Gemütsbewegungen zu betrachten. Gretchen mußte das Tier, das sich ihr um

den Arm gewickelt hatte, erst losmachen; als sie es aber in den Korb

legte, in den Sand gestreut war, verkroch es sich sofort in denselben

und blieb ganz ruhig, es dünkte ihm wohl ein sicherer Schlupfwinkel. Der

Deckel wurde sorgfältig geschlossen, und nun war das Werk gelungen.

„Jetzt aber schnell aus dem Hause mit dem Tier, ich will nicht länger

damit zu tun haben,“ rief Fräulein von Zimmern, und das Dienstmädchen,

nachdem es ängstlich nachgesehen hatte, ob auch nirgends eine Öffnung

sei, durch die die Schlange entwischen könnte, verstand sich dazu, den

Korb in das Haus des Lehrers zu tragen, während die Kleine, die das

Unheil verschuldet hatte, die Trümmer des Glaskastens mit heimnehmen

mußte, um einen neuen zum Ersatz zu besorgen. Als aber alles wieder in

Ordnung war und die ungebührlich lange Freistunde ihr Ende gefunden

hatte, als auch das Klassenzimmer wieder von Sand und Glassplittern

gesäubert war, nahm Fräulein von Zimmern die kleine Ruth mit sich heraus

und besprach etwas leise mit ihr, wobei die Augen der Kleinen glänzten.

Es war wieder Ruhe im Schulhaus und alles ging seinen gewohnten Gang.

Aber um zwölf Uhr, als die Arbeitslehrerin eben die Großen verlassen

hatte, schlüpfte eine kleine Gestalt durch die Türe herein in die Klasse

der Großen, es war Ruth. Sie überreichte Gretchen ein blühendes

Rosenstöckchen und richtete unter schüchternem Erröten aus: „Das schickt

Fräulein von Zimmern ihrem tapfern Gretchen zum Dank!“

Gretchen kam hocherfreut heim, eine solche Anerkennung von der

Vorsteherin war ihr in all ihren Schuljahren noch nie vorgekommen. „Es

war heute überhaupt ein glücklicher Schultag,“ sagte Gretchen zu den

Eltern, „ich habe in der Arbeitsstunde den schrecklich langen Hohlsaum

fertig gebracht, dafür hätte ich wohl eher ein Rosenstöckchen verdient,

ich will doch viel lieber mit Schlangen als mit Hohlsäumen zu tun

haben!“

Fünftes Kapitel.

Die Base.

Herr Reinwald kam von einer Fahrt heim. Er hatte in einer Ortschaft der

Umgegend geschäftlich zu tun gehabt und der Kutscher Bauer, Lenes Mann,

hatte ihn dorthin gefahren. Frau Reinwald saß allein im Zimmer, als ihr

Mann zurückkehrte. Er setzte sich zu ihr. „Ich habe heute die

Gelegenheit benützt und mit dem Kutscher Bauer gesprochen,“ erzählte er.

„Es tut einem leid, wenn man hört, daß zwei so tüchtige Leute, wie Lene

und ihr Mann, wenn sie gesunde Kinder haben und guten Verdienst, doch

nicht glücklich zusammenhausen. Ich habe ihm ans Herz gelegt, daß er

ordentlich zu seiner Frau halten soll, wie sich’s gehört, und sie

unterstützen gegenüber der alten Verwandten und den Kindern. Nun wäre es

aber sehr gut, wenn du bald einmal Lene besuchen und nachsehen könntest,

wo sie es etwa fehlen läßt. Auf deinen Rat gibt sie viel.“

„Ich hatte es schon lange vor,“ entgegnete Frau Reinwald, „nun will ich

es aber keine Stunde mehr hinausschieben. Ich richte mich sogleich.“

Lene hatte eine rührende Freude, als Frau Reinwald unerwartet zu ihr

kam, aber man sah, daß ihr das Herz schwer war, denn die Tränen traten

ihr in die Augen, und es dauerte keine zwei Minuten, so hatte sie das

Gespräch auf die „Bas“ gebracht. Sie fing an, der alten Frau allerlei

Schlimmes nachzusagen, aber plötzlich unterbrach sie sich und lenkte

ein: „Ich weiß ja, daß Sie’s nicht leiden können, wenn man Böses über

die Leute redet, und ich will’s auch nicht weiter tun.“

„Doch Lene, tu du das heute nur. Schütte den ganzen Groll, der sich bei

dir gegen diese Person angehäuft hat, gegen mich aus; dir tut es gut,

und ich möchte klar sehen in dieser Sache.“

Auf diese Aufforderung hin ging’s der Base schlecht, denn Lene ließ kein

gutes Haar an ihr. Was sie aber am meisten betonte, war, daß die Base

ihr selbst so viel Böses nachsage und die Kinder dadurch aufhetze. „Hast

du denn schon versucht, die Base zu beschwichtigen und zu versöhnen?“

fragte Frau Reinwald.

„Da ist doch alle Mühe vergebens, sie ist mir neidisch und mißgünstig,

weil ich sie von ihrem Platz in diesem Hause verdrängt habe. Da läßt

sich nichts machen, das muß man eben tragen.“

„Lene, ich meine doch, man sollte einmal ein verständiges und

freundliches Wort mit dieser Person reden.“

„Ich tu’s nicht; wenn ich zu ihr käme, sie wäre im stand und würfe mich

die Treppe hinunter.“

„Wo wohnt sie denn?“

„Da im Nebenhaus hat sie ein Dachstübchen gemietet, da kann sie

heruntersehen in unsern Hof und die Buben zu sich rufen, so oft sie

will.“

„Sie selbst kommt nicht zu euch ins Haus?“

„Nein, sie ist, glaube ich, gichtleidend und kann die Treppen nicht

leicht steigen.“

„So, sie ist leidend? dann will ich ihr einen Krankenbesuch machen.“

Lene stutzte, es schien ihr nur halb recht zu sein. „Lene,“ sprach nun

mit allem Ernst Frau Reinwald, „du weißt, ich bin dafür, daß man alles

Schwere mit Ergebung trägt, aber erst wenn man getan hat was irgend

möglich ist, um sich’s zu erleichtern, und ich möchte doch wissen, ob da

gar nichts zu machen ist. So wie’s jetzt ist, bist du nicht glücklich,

aber das Glück fällt einem nicht so in den Schoß, man muß sich darum

rühren. Ich will einmal hören, ob dir wirklich die Türe gewiesen wird,

wenn du da hinüberkommst, und ob ihr zwei nicht Frieden schließen

könnt.“

Lene entgegnete nichts mehr, und Frau Reinwald ging ins Nachbarhaus

hinauf bis in den obersten Stock und klopfte an dem Stübchen, das nach

dem Nachbarhof hinausging. Sie klopfte zwei-, dreimal, ohne Antwort zu

erhalten, und öffnete schließlich die Türe. Am Fenster weit

hinausgelehnt stand die alte Frau. Sie hatte das Klopfen nicht gehört.

Jetzt aber spürte sie die Zugluft, wandte sich um und ging etwas hinkend

ihrem Besuch entgegen. Sie begrüßte Frau Reinwald mit Namen, denn sie

kannte sie vom Sehen. Frau Reinwald setzte sich zu ihr und erkundigte

sich freundlich nach dem Gichtleiden der alten Frau. Sie hatte damit das

rechte Thema getroffen, denn es tat der Frau sichtlich wohl, einem

teilnehmenden Herzen ihre Schmerzen zu klagen. Frau Reinwald überlegte

sich eben im Stillen, wie sie nun das Gespräch auf Lene bringen könne,

da gab ihr die Alte selbst die Gelegenheit. „Beim Stehen und Gehen tut

mir’s weh, aber auch das Sitzen ist nichts für meine alten Knochen. Die

Holzstühle sind hart und kalt und tun einem besonders weh, wenn man

einen Lehnstuhl gewöhnt war, wie ich; es war freilich nur ein alter,

aber so warm und so weich.“

„Warum haben Sie den nicht mehr?“

„Er gehört nicht mir, er gehört dem Kutscher; der setzt sich ja nie

hinein und braucht ihn nicht, er gäbe ihn mir für die paar Jahre, die

ich noch lebe, aber _sie_ nicht!“

„Hat sie Ihnen die Bitte abgeschlagen?“

„Ich bitte nichts von ihr, das ist eine stolze Person, die sich für

etwas Besseres hält – aber ich will nichts gegen sie sagen, ich weiß ja,

Frau Reinwald halten große Stücke auf die Lene.“

„Sagen Sie nur gegen die Lene alles, was Sie auf dem Herzen haben, es

tut Ihnen wohl, wenn Sie sich einmal offen aussprechen, und ich weiß

wohl, daß Lene auch ihre Fehler hat.“

Wie vorhin der Base, so ging’s nun Lene schlecht, auch an _ihr_ wurde

kein gutes Haar gelassen; was ihr aber mit der größten Erbitterung

vorgeworfen wurde, das war, daß sie geizig und hochmütig sei.

Frau Reinwald hatte ganz ruhig den Strom der Mitteilungen über sich

ergehen lassen. Nun hielt die Frau erschöpft inne und sah gespannt auf

ihre stille Zuhörerin. Sie erwartete wohl, daß nun Lene entschuldigt und

ihr selbst Vorwürfe gemacht würden, denn sie hatte doch Lene gegenüber

kein ganz gutes Gewissen. Aber es kam nichts von all dem.

Frau Reinwald sagte freundlich: „Die Hauptsache ist jetzt, daß Sie Ihren

warmen Stuhl bekommen. Wenn ihn Lene selbst herüber bringt, ist’s Ihnen

dann recht?“

„Die? die trägt so einer armen, alten Person wie ich keinen Stuhl nach.“

„Und wenn sie’s tut, geben Sie ihr dann ein gutes Wort?“

„Die tut’s nicht.“

„Und Sie wollen kein gutes Wort geben, das merke ich schon,“ sagte Frau

Reinwald, „aber Sie sind doch alt und krank und möchten gewiß Frieden

machen mit Gott und den Menschen oder nicht?“

Die Alte blieb die Antwort schuldig.

Frau Reinwald faßte sie an der Hand und sagte bittend und dringend:

„Geben Sie der Lene ein gutes Wort, wenn sie den Stuhl bringt?“

„So bin ich nicht, daß ich das nicht täte.“

„Das ist recht,“ sagte Frau Reinwald, „ich muß jetzt fort, aber ich

komme bald wieder; ich habe eine wollene Decke, die recht weich und warm

ist, die bringe ich Ihnen mit oder schicke sie durch meine Tochter her.“

Frau Reinwald ging und kehrte noch einmal bei Lene ein. „Was hat die Bas

alles über mich gesagt?“ fragte Lene; „die wird bös über mich losgezogen

haben.“

„Sie hat Gichtschmerzen, Lene, das weißt du; sie hätte so gern euern

alten Lehnstuhl, an den sie gewöhnt war. Wenn du ihr ihn bringen

würdest; ihr braucht ihn ja nicht. Die paar Jahre, die sie noch lebt,

könnt ihr ihn der Frau wohl leihen. Sie hat gemeint, du würdest das

nicht tun; aber ich meine, du tust es.“

„Sie hat’s gerade nicht um mich verdient.“

„Nein, aber wenn du’s bedenkst, Lene, so wirst du sagen müssen: die alte

Frau ist zu bedauern. Ganz allein, Tag und Nacht Schmerzen, keine

Bequemlichkeit, keine Freude – der Lehnstuhl wäre eine Freude, eine

große; an dem Tag dürftest du die Buben ruhig zu ihr lassen, da würde

sie nichts Böses über dich sagen. Sie könnten dir den Stuhl tragen

helfen; sie sollen sehen, daß du ihrer Bas gern eine Wohltat erweist. Es

würde auch deinen Mann freuen, oder nicht?“

„Ihn schon.“

„Und die Kinder?“

„Die Kinder freilich.“

„Und die Base, und mich – ist’s noch nicht genug, Lene? Gelt, du gehst

und schaffst den Stuhl hinauf und sagst ein freundliches Wort dabei?“

„Ich bin’s schon so gewöhnt durch die vielen Jahre, Ihnen zu folgen; ich

weiß schon, daß ich’s tun muß. Den ganzen Tag geht’s mir so, daß ich

denken muß: Machst du das so oder so, wie würde deine Frau raten? Und so

wie Sie sagen würden, muß ich dann tun.“

„Und ich weiß, daß dich’s diesmal wenigstens nicht reuen wird. Aber

vergiß das freundliche Wort nicht, das gehört dazu! Leb wohl, Lene, komm

bald einmal zu mir!“

Gretchen erwartete die Mutter mit Ungeduld und war voll Interesse für

ihren Bericht. „Wenn ich Zeit habe, bringe ich gleich morgen die Decke

zur Base,“ sagte sie voll Eifer; „ich muß wissen, ob Lene den Stuhl

hinübergetragen hat.“

Am nächsten Tag fand Gretchen aber nicht die Zeit, und das war gut; denn

Lene übereilte die Sache nicht. Am ersten Abend, als sie mit ihrer

Tagesarbeit fertig war, dachte sie: „Jetzt könnte ich wohl den Stuhl

hinübertragen, aber so arg pressiert das nicht!“ und dabei blieb’s. Am

nächsten Tag hatte sie zu waschen, und die Arbeit dauerte bis spät am

Abend, da kam es wieder nicht dazu. Am dritten Tag, als sie eben ihre

Wäsche im Hof aufhängte, hörte sie die Buben unter der offenen Stalltüre

miteinander reden. Sie verstand nur die wenigen Worte; „Sie sagt, sie

habe schreien müssen vor Schmerz.“ Schnell wandte sich Lene zu den

Buben. „Wer hat geschrieen vor Schmerz? Die Base?“

„Ja, sie sagt’s.“ Jetzt raffte sich Lene auf.

„Wir bringen ihr den Lehnstuhl, daß sie weicher sitzt; kommt, helft mir

tragen.“

Die Buben sahen der Mutter mit unverhohlenem Erstaunen ins Gesicht; aber

als sie sahen, daß es ernst war, packten sie voll Vergnügen an. Mit

einiger Mühe gelangte der schwerfällige Stuhl ins Nebenhaus und dort bis

in den obersten Stock. Der jüngste sprang voraus und rief: „Bas, die

Mutter kommt, und wir bringen dir den Lehnstuhl.“ Da standen sich die

beiden Frauen gegenüber, Lene grüßte und schob den Stuhl in eine

passende Ecke. Der Gegengruß der Base lautete: „Das hättet ihr wohl

bleiben lassen können, ich sterb ja doch bald; die letzte Nacht habe ich

schon gemeint, es geh zu End.“

Darauf entgegnete Lene: „Habt Ihr so arge Schmerzen?“

„Es wird wohl sein, aber um mich kümmert sich kein Mensch, niemand

schaut nach mir.“

Da platzte der älteste Bub heraus: „Bas, sind wir jetzt nicht gekommen?

Wenn’s Euch _so_ nicht recht ist, dann können wir den Stuhl gleich

wieder mitnehmen und können fortbleiben. Meint Ihr denn, das sei so ein

Pläsier, so einen Klotz von einem Stuhl da raufzuschleppen? Das hätt’

ich doch nicht geglaubt, daß Ihr einem dafür kein gutes Wort vergönnt!“

und wie ein Echo fielen die zwei Brüder ein: „kein gutes Wort vergönnt!“

Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr: Eine Erzählung für Mädchen von 13-16 Jahren · 第 2 / 19 段