[Illustration: Gretchen Reinwald gibt der kleinen Ruth Holland
französische Nachhilfstunde.]
Gretchen Reinwalds
letztes Schuljahr.
Eine Erzählung
für Mädchen von 13-16 Jahren.
Von
Agnes Sapper.
Dritte Auflage.
Stuttgart.
Verlag von D. Gundert.
Druck der Stuttgarter Vereinsbuchdruckerei.
Erstes Kapitel.
Der erste Schultag.
„Heute beginnt also dein letztes Schuljahr?“ fragte Herr Reinwald seine
Tochter, die eben zum Ausgang gerichtet ins Zimmer trat.
„Ja, aber erst um neun Uhr,“ antwortete Gretchen und setzte sich noch
einmal zu den Eltern an den Frühstückstisch. „Ich bin eigentlich viel zu
früh daran!“
„Du siehst ja ganz anders aus, als sich’s für ein Schulmädel gehört,
hast keine Schürze an, keine Tafel in der Hand und gehst in einem
Schleppkleid!“
Gretchen und ihre Mutter lachten. „Das lange Kleid ist dir noch
ungewohnt an unserem Kind,“ sagte Frau Reinwald, „sie ist nun eben kein
‚Schulmädel‘ mehr, sondern eine Fortbildungsschülerin.“ „Ja, Vater, du
mußt auch ein wenig Respekt haben vor mir, ich bin fast schon so groß
wie die Mutter; bitte, Mutter, steh einmal auf, der Vater glaubt es
sonst nicht.“
Da standen sie nebeneinander, die Mutter zart und schmächtig, mit
schlichtem, braunem Haar, die Tochter rosig und blühend, mit blonden,
hoch aufgesteckten Zöpfen; und es war schwer zu sagen, welche von beiden
größer war. Aber Herr Reinwald besann sich nicht. „Das beruht alles auf
Täuschung,“ sagte er, „deine Zöpfe sind nur so prahlerisch aufgebaut.
Die Mutter ist doch größer, und sie bleibt’s auch.“ Da lachte Gretchen
und rief: „Ich weiß schon, wie du’s meinst, Vater. Die Mutter bleibt
freilich größer,“ und mit stürmischer Zärtlichkeit umarmte sie die
Mutter. Herr Reinwald verabschiedete sich nun, um seinem Beruf
nachzugehen, und auch Gretchen machte sich fertig.
„Rufe im Vorbeigehen Lene, daß sie das Frühstück abräume,“ sagte Frau
Reinwald.
„Lene? Ja, wenn nur unsre gute Lene noch draußen wäre!“ antwortete
Gretchen; „ich mag gar nicht mehr in die Küche, seitdem so ein fremdes
Wesen darin haust!“
„Ich glaube es wohl, daß dir deine Lene fehlt, die bei uns war, solang
du zurückdenken kannst; aber Franziska scheint mir auch ein tüchtiges
Mädchen zu sein.“
„Ich schicke sie dir herein,“ sagte Gretchen, „und jetzt leb wohl,
Mutter.“
„Viel Glück zum letzten Schuljahr!“
„Danke, ich bin furchtbar neugierig, wie es in der Oberklasse wird!“
Eilig ging nun Gretchen in den kühlen Herbstmorgen hinaus, der Schule
zu. Ihr Weg führte sie durch lange, belebte Straßen. Schon seit ihrem
ersten Schuljahr, in dem Herr Reinwald als Regierungsrat in die Residenz
versetzt worden war, besuchte Gretchen das Institut von Fräulein von
Zimmern. Von Klasse zu Klasse war sie aufgestiegen, und nun stand sie
vor der letzten. Die schöne Feier der Konfirmation lag eben hinter ihr,
Herz und Sinn des jungen Mädchens waren noch bewegt von den tiefen
Eindrücken dieser Zeit; heute aber, auf dem gewohnten Schulweg, überkam
sie das Gefühl, daß nun alles wieder in das werktägliche Geleise
übergehe, und die festtäglichen Empfindungen wichen einer nüchternen
Stimmung.
Ähnlich ging es wohl auch ihren Altersgenossinnen. Manche derselben
waren schon im Frühjahr konfirmiert worden, die meisten aber, wie auch
Gretchen, erst im Herbst, und so wanderten sie heute zum ersten Male als
konfirmierte Mädchen wieder dem Institut von Fräulein von Zimmern zu.
Sie begrüßten sich als alte Kamerädinnen, freundschaftlicher oder
kühler, je nachdem sie einander näher oder ferner standen; aber _ein_
Paar fand sich mit besonderer Herzlichkeit zusammen und stand Seite an
Seite, als könnte es gar nicht anders sein: das war Gretchen Reinwald
und Hermine Braun, zwei Freundinnen, die seit dem ersten Schuljahr treu
zusammen gehalten hatten und von den andern fast wie Schwestern
angesehen wurden. Doch waren sie einander äußerlich nicht ähnlich.
Hermine war kleiner als Gretchen, hatte ein schmales, blasses
Gesichtchen, aber eines, das man gern ansah, denn es sprach eine große
Herzensgüte aus den sanften Zügen. Mit den beiden zugleich trat Ottilie
von Lilienkron in das Schulhaus, und die drei gingen im untern Stockwerk
des Hauses auf eine Zimmertüre zu, die die Aufschrift „Oberklasse“ trug.
Als sie eintraten, fanden sie schon mehrere Mädchen versammelt. Eine
derselben bemühte sich eben, einen Kleiderrechen, der sich von der Wand
losgemacht hatte, wieder zu befestigen. Es war Elise Schönlein, eine
wenig begabte Schülerin. Ottilie redete sie spöttisch an: „Ist das deine
erste Leistung in der Oberklasse, daß du den Kleiderrechen von der Wand
reißst?“
„Ich kann nichts dafür, das alte Ding hält nicht mehr, der Nagel fällt
aus dem Loch. Helft mir doch!“ Hermine Braun kam zu Hilfe. Der
Federkasten mußte als Hammer dienen, der Nagel wurde wieder eingeklopft.
„So, jetzt hält es notdürftig,“ sagte Hermine befriedigt.
„Ja,“ entgegnete Ottilie, „für einen Tag vielleicht, dann fällt’s wieder
herunter. Dies Zimmer ist überhaupt das unschönste Schulzimmer von
allen, die wir noch gehabt haben.“
„Ja, und so kalt, man hätte schon ein wenig einheizen können.“ Die
Neueintretenden stimmten mit ein in diese Klagen, und die ganze junge
Gesellschaft war ziemlich mißvergnügter Laune, als sie sich auf den
alten Schulbänken niederließen und in dem etwas dunkeln, kühlen
Parterrezimmer auf den Anbruch des letzten Schuljahrs warteten.
Es hatte schon neun Uhr geschlagen, und die Mädchen, fünfzehn an der
Zahl, waren alle versammelt, als die Türe aufging. In sicherer Erwartung
ihrer Lehrerin wollten die Mädchen aufstehen. Gretchen, die immer etwas
flinker als andere in ihren Bewegungen war, hatte sich respektvoll
erhoben, aber unter der Türe erschien, statt der erwarteten Lehrerin,
nur ein niedliches, kleines Mädchen, eine Schülerin der dritten Klasse.
Es war Mathilde, die kleine Schwester von Hermine Braun. Errötend
richtete das Kind aus: „Fräulein von Zimmern läßt den Großen sagen, sie
sollen alle mit mir heraufkommen.“ Merkwürdig schnell waren „die Großen“
bereit, das Lokal zu verlassen und der Kleinen zu folgen, die die Treppe
hinauf voranging.
„Was gibt’s wohl? Wohin sollen wir kommen?“ fragten die Mädchen
einander, und immer größer wurde ihre Verwunderung, denn sie wurden
durch beide Stockwerke hindurchgeführt, in denen sie die früheren
Schuljahre zugebracht hatten, bis hinauf in den obersten Stock, den sie
bisher nur betreten hatten, wenn sie in der großen Kammer ihre
Handarbeiten aufbewahren wollten. Neben dieser Kammer war eine Türe,
durch die noch nie eines der Mädchen geschritten war, die Türe selbst
schien auch neu zu sein. Die kleine Führerin öffnete sie und rief in das
Zimmer hinein: „Da sind jetzt die Großen,“ und dann sprang sie wieder
die Treppe hinunter.
In dem freundlichen, von der Sonne beschienenen Gemach, in das die
Mädchen nun eintraten, stand Fräulein von Zimmern, eine würdige, ältere
Dame mit grauem Haar. Sie ging der Mädchenschar entgegen und sprach
freundlich: „Willkommen, meine Großen! Ihr seht euch ganz erstaunt um;
nicht wahr, ihr wußtet nicht, daß hier oben ein so großes, helles Zimmer
sei. Es steht auch noch nicht lange, ich ließ es erst in diesen Ferien
ausbauen und für euch als Klassenzimmer einrichten. Möchtet ihr alle
euer letztes Schuljahr recht glücklich darin verleben!“
Ein Ausruf der freudigen Überraschung folgte auf diese freundliche
Anrede. Die Mädchen sahen sich die neue Umgebung mit großem Wohlgefallen
an. Das Zimmer war wirklich gemütlich eingerichtet: statt der Schulbänke
und dem Lehrerpult stand in der Mitte ein langer, grüner Tisch und um
denselben herum hübsche Rohrsessel. Wenn man da saß, konnte man sich an
einen Familientisch versetzt glauben. Ein großer Strauß von bunten
Astern prangte in der Mitte und fünfzehn kleine, duftende
Resedensträußchen bezeichneten den Schülerinnen ihre Plätze. Die Fenster
waren mit Vorhängen geschmückt und zwischen diesen hindurch sah man weit
hin über die Häuser und Gärten der Stadt bis hinaus in die freie
Landschaft.
Das war ein anderes Lokal als das düstere Parterrezimmer! Die Freude der
Mädchen kam lebhaft zum Ausdruck, aber für den Dank wollten sich nicht
so leicht die Worte finden. Gretchen hatte schon manchmal bei solchen
Gelegenheiten die Sprecherin machen müssen, und als sie eben an eines
der Fenster trat, sich des ungewohnten Fernblicks zu erfreuen, kamen
einige der Freundinnen zu ihr und bedeuteten ihr durch leichte
Rippenstöße, daß man ihrer bedürfe. Sie hatte kaum erfaßt, was von ihr
erwartet wurde, als sie auch schon bei Fräulein von Zimmern stand und
mit dem Ruf: „Wir danken Ihnen für diese wunderschöne Überraschung!“
auch den andern die Zunge löste.
Nie sehen die Menschen so strahlend aus den Augen, als wenn sie andern
eine Freude bereiten, und so lag auch in den Zügen der Vorsteherin in
diesem Augenblick ein solch herzgewinnender Ausdruck, daß die Mädchen,
die von klein an nur mit ehrfurchtsvoller Scheu der gestrengen Lehrerin
genaht waren, sich traulich um sie scharten und in fröhlichem Geplauder
ihre Freude aussprachen.
Es wurde in dieser ersten Unterrichtsstunde, die Fräulein von Zimmern
selbst gab, nicht so viel gearbeitet wie sonst, aber es war doch keine
verlorene Stunde: in all den jungen Herzen war der Wunsch und Wille
erweckt worden, sich dankbar zu zeigen durch treue Pflichterfüllung.
Um zehn Uhr wurde Fräulein von Zimmern bei ihren Schülern abgelöst durch
Miß Hampton, eine Engländerin, die den Unterricht in ihrer Muttersprache
zu erteilen hatte. Ehe die Vorsteherin das Klassenzimmer verließ, sagte
sie zu Gretchen: „Komme um zwölf Uhr einen Augenblick in mein Zimmer,
ich habe etwas mit dir zu besprechen.“ Gretchen hätte gerne gefragt:
„was denn?“; sie konnte sich durchaus nicht vorstellen, was es sein
konnte; ja sie gestattete sich auch während der englischen Stunde mit
Hermine darüber zu beraten, da ohnehin keine musterhafte Stille am
grünen Tisch herrschte. Die junge Engländerin, die heute ihre erste
Stunde erteilte, verstand es noch nicht so recht, in der Klasse Ruhe zu
halten. So erlaubten sich die Mädchen unter die englische Konversation
auch deutsches Geplauder zu mischen, und Miß Hampton verließ nach der
ersten Stunde entmutigt das Schulzimmer in dem Gefühl, daß sie sich,
trotz ihrer guten Kenntnisse, der Aufgabe nicht gewachsen gezeigt habe.
Auf die englische Stunde sollte nach dem neuen Stundenplan ein
französisches Diktat folgen; aber anstatt Fräulein Bertrand, die dieses
Fach zu geben hatte, erschien zur großen Überraschung der Mädchen eine
andere Gestalt. Es war Pfarrer Kern, _der_ Pfarrer, der den Mädchen
schon von der ersten Klasse an Religionsunterricht gegeben hatte, von
dem auch die meisten Schülerinnen dieses Instituts konfirmiert wurden,
und der bei ihnen allen nur „_unser_ Pfarrer“ hieß. Auf dem Stundenplan
für dieses Jahr stand aber keine Unterrichtsstunde von ihm, und deshalb
sahen ihn fünfzehn Augenpaare erstaunt an bei seinem Eintritt. Der
Pfarrer bemerkte es wohl, er begrüßte seine Schülerinnen freundlich und
sagte dann:
„Ihr seht mich alle verwundert an, ja in Gretchen Reinwalds Augen lese
ich ganz deutlich die Frage, die sie mir als kleines Mädchen schon
einmal gestellt hat: „Was will der Mann?“ Diese stumme Frage will ich
euch gleich beantworten. Fräulein von Zimmern ist der Meinung, daß alle
Monate einmal eine der regelmäßigen Stunden ausfallen könnte zu Gunsten
einer Stunde, die ich euch, meinen alten Schülerinnen, widmen würde.
Wenn ich mich nicht irre, so sind wir so gute Freunde, daß wir wohl
gerne einmal monatlich zusammenkommen und eine Stunde miteinander
zubringen. Was meint ihr?“
Die freudige Zustimmung, die von allen Seiten erfolgte, kam den Mädchen
aus dem Herzen, denn es war auch nicht _eine_ unter ihnen, die lieber
französisches Diktat gehabt hätte, als eine Stunde bei ihrem Pfarrer.
Dieser setzte sich nun zu seinen Schülerinnen oben an den grünen Tisch,
und blickte befriedigt über die auch ihm ganz neue Schulstube.
„Unsere ganze Umgebung ist eine andere als bisher,“ sagte er, „und
ebenso wird auch unser Unterricht ein anderer sein. Was uns
vorgeschrieben war – euch zu lernen und mir zu lehren – das haben wir
erfüllt, und für euch gilt es nun, das Gelernte auch ins Leben zu
übertragen. Darüber, wie das geschehen kann, möchte ich in diesem
letzten Schuljahr zu euch heranwachsenden Mädchen reden. Von eurer
Arbeit wollen wir reden, von euren Vergnügungen; von euren Beziehungen
zu den Eltern und Geschwistern, zu den Freundinnen, zu den Dienstboten;
kurz von allem, was ich denke, daß euer Leben ausfüllt, oder von dem,
was _ihr_ gerne besprochen haben möchtet. Hat im Lauf des Jahres eine
von euch den Wunsch, diese oder jene Frage auszusprechen, so mag sie es
jederzeit tun, sei es nun mündlich oder schriftlich, auf
einem Blättchen, das ihr mir zuschicken könnt, mit oder ohne
Namensunterschrift. Es ist eine alte Erfahrung, daß die Menschen sich
oft scheuen, das auszusprechen, was ihre Seele am tiefsten bewegt. Mich
wird es freuen, wenn ihr diese Scheu überwindet und mir manchmal Stoff
gebt zur Besprechung solcher Fragen, die euch beschäftigen. In der
heutigen Stunde wollen wir miteinander darüber reden, was euch dies
letzte Schuljahr bietet und was es von euch fordert, und dazu möchte ich
nun euern neuen Stundenplan sehen.“
Die Schülerinnen von Fräulein von Zimmern mußten sich immer schon am
Schluß eines Schuljahrs den Stundenplan für das kommende Jahr schreiben,
und wer die schönste Handschrift besaß, hatte die Pflicht und das
Vorrecht, ihn auf ein größeres Formular einzutragen, das hübsch verziert
im Schulzimmer hing. Ottilie von Lilienkron hatte in diesem Jahr den
Plan geschrieben, sie brachte ihn nun herbei. Der Pfarrer nahm ihn zur
Hand und saß bald in traulichem Gespräch mit seinen Schülerinnen. Diese
merkten es wohl kaum, daß sie auch in dieser Stunde lernten, und doch
übte der zwanglose Unterricht guten Einfluß aus. Indem der Pfarrer von
der englischen Stunde sprach, wußte er die Herzen der Mädchen für die
fremde, junge Lehrerin zu gewinnen, so daß sie sich im stillen
vornahmen, ihr künftig nicht, wie sie es heute getan hatten, ihren Beruf
noch schwerer zu machen.
Als bei Betrachtung des Stundenplans die Nähstunde an die Reihe kam,
seufzte Gretchen tief auf und bekannte, daß ihr diese Stunde schrecklich
sei, und sie nicht begreifen könne, warum man so pedantisch darauf aus
sei, daß alles fadengerade genäht werde. Der Pfarrer hatte ganz
teilnahmsvoll zugehört. „Davon verstehe ich freilich nicht viel,“ sagte
er, „aber es kommt mir doch vor, als sei das Wort „fadengerade“ kein so
übles Wort. Sage du dir bei der nächsten verzweiflungsvollen Näherei:
Da, längs dieses Fadens geht der gerade Weg, und den will ich nicht
verlassen, wenn er noch so mühsam ist. Hast du das durchgeführt, so hast
du eine schwere Pflicht erfüllt, trotzdem es sich nur um einen Faden
handelt, und seht, das ist’s gerade, was ich möchte, daß ihr so recht
erfaßt: Nichts ist so klein in unsrem Tun, daß es nicht wert wäre, _gut_
getan zu werden, und bei dem geringsten, was wir tun, können wir Gott
vor Augen und im Herzen haben.“
Als der Stundenplan durchgesprochen war, schlug es zwölf Uhr. Der
Pfarrer verabschiedete sich von seinen Schülerinnen für einen ganzen
Monat und wiederholte seine Aufforderung, ihm Fragen zukommen zu lassen,
wenn sie irgend welche auf dem Herzen hätten.
Erst jetzt fiel es Gretchen wieder ein, daß sie nun bei Fräulein von
Zimmern erscheinen sollte. Im Hinuntergehen sagte sie zu Hermine Braun:
„Warte ein wenig an der nächsten Ecke auf mich, damit ich dir gleich
berichten kann,“ und dann verschwand sie hinter der Türe, an der
angeschrieben stand: Zimmer der Vorsteherin. Diesen Raum hatte Gretchen
in den vielen Schuljahren, die sie hinter sich hatte, nur sehr selten
betreten und meist mit einem gewissen Bangen, denn hieher wurden die
Schülerinnen nur beschieden, wenn Fräulein von Zimmern etwas Besonderes
mit ihnen zu besprechen hatte, und dieses Besondere war selten etwas
Angenehmes. Heute hatte nun Gretchen das Gefühl, daß unmöglich etwas
Schlimmes kommen könne, und guten Muts trat sie zu der Vorsteherin, die
an einem Schreibtisch saß, nun die Feder weglegte und Gretchens Gruß
erwiderte.
„Gretchen,“ begann sie dann, „deine Mutter hat mir einmal mitgeteilt, du
habest große Lust, Lehrerin zu werden. Ist das noch immer so?“
„O ja,“ sagte Gretchen, „in einer solchen Schule, wie unsere ist, da
möchte ich gerne Lehrerin sein.“
„Gut, ich will dir deshalb einen Vorschlag machen. Es ist eine
neunjährige Schülerin neu eingetreten, Ruth Holland, Tochter des
Forstrats Holland. Die Familie lebte bisher auf dem Land, und das Kind
hatte in seiner Schule noch keinen französischen Unterricht. Sie sollte
nun das Wenige nachlernen, was ihre Altersgenossinnen hier schon gelernt
haben. Willst du nun, so kannst du dem Kind diesen französischen
Unterricht erteilen, wozu ich dir Anleitung geben würde. Du kannst bei
dieser Gelegenheit erproben, ob du wirklich Freude am Lehren und
Geschick im Umgang mit Kindern hast. Was meinst du dazu?“
„Ich tue es furchtbar gern,“ rief Gretchen voll Eifer.
„Keine solchen Ausdrücke, Gretchen! Das Eigenschaftswort ‚furchtbar‘ ist
als Bestimmungswort für ‚gern‘ nicht zulässig.“
„Ich tue es _sehr_ gern,“ verbesserte Gretchen, „aber ob es wohl die
andern nicht auch alle gern täten? Zum Beispiel Hermine Braun, und sie,
als erste, hat doch mehr Recht darauf, als ich.“
„_Recht_ hat keine von euch darauf; übrigens hätte ich allerdings
Hermine lieber als dich in Vorschlag gebracht, da sie durch ihre kleinen
Geschwister mehr Erfahrung mit Kindern hat, als du; aber sie hat
Musikstunden und deshalb weniger freie Zeit, als du. So frage denn deine
Eltern, ob –“
„O, meine Eltern sind jedenfalls –“
„Nicht unterbrechen, Kind; es ist eine schlechte Gewohnheit, die bei
Gebildeten nicht vorkommen sollte, merke dir das! Frage deine Eltern,
und wenn sie einverstanden sind, dann kannst du gleich Donnerstag
beginnen, im Klassenzimmer Nro. 3, nachmittags vier Uhr. Was wolltest du
vorhin sagen?“
„Daß meine Eltern sich jedenfalls nur darüber freuen. Ist es wohl ein
nettes Mädchen?“
„Ich glaube, daß die kleine Ruth ein gutes, aber etwas verschüchtertes
Kind ist, das vielfach falsch behandelt wurde. Du mußt trachten, ihr
Vertrauen zu gewinnen und sie zu ermutigen.“
„O ja, das will ich tun, ich freue mich schrecklich – ich wollte sagen
_sehr_ – auf eine so herzige, kleine Schülerin!“
„Nun, so wollen wir das beste hoffen! Ich werde dir mit gutem Rat
beistehen.“ Fräulein von Zimmern reichte Gretchen die Hand, diese
verneigte sich, wie es in diesem Hause üblich war, ging sehr sittsam zur
Türe hinaus und rannte dann nicht ganz so sittsam bis an die nächste
Straßenecke, wo Hermine sie erwartet hatte.
In großem Eifer erzählte Gretchen von dem Vorschlag, den ihr Fräulein
von Zimmern gemacht, und dann sah sie prüfend ihre Freundin an und
fragte: „Hätte es dich sehr gefreut, wenn _dir_ der Unterricht
übertragen worden wäre?“
„Ach nein, wirklich nicht, ich habe so viel mit den Aufgaben meiner
Geschwister zu tun, muß zum Beispiel täglich meiner Schwester bei den
französischen Lektionen helfen, so daß es mir nichts Neues mehr ist; ich
habe mir auch nie gewünscht, Lehrerin zu werden.“
„Ja, das weiß ich; dann freut mich’s um so mehr, daß Fräulein von
Zimmern gerade an mich kommt. Ich denke es mir ganz reizend!“ Die
Freundinnen trennten sich nun und Gretchen kam zu Hause gerade recht zum
Mittagessen. Sie fand bei Vater und Mutter volle Teilnahme für all ihre
Schulerlebnisse, und sie wußte dies Glück wohl zu schätzen.
Frau Reinwald war in den letzten Jahren mehrmals schwer krank gewesen,
und so war Gretchen der Gedanke schon wiederholt nahe getreten, daß dies
treue Herz bald aufhören könnte, für sie zu schlagen. Gegenwärtig aber
war Frau Reinwald gesund, und Gretchen freute sich täglich darüber; es
war eine stille Übereinkunft zwischen ihr und dem Vater, daß der Mutter
alles Schwere möglichst abgenommen, und sie gehegt und gepflegt würde,
obwohl Frau Reinwald selbst nie Rücksicht für sich verlangte. Aus diesem
Grund war es auch Gretchen lieb, daß sie nicht mehr so viele
Schulstunden hatte wie in den früheren Schuljahren und so der Mutter im
Haushalt manches abnehmen konnte. Wenn sie nur schon mehr von den
häuslichen Geschäften verstanden hätte, oder wenn Lene noch dagewesen
wäre, sie anzuweisen! War auch Lene manchmal etwas grob gewesen, sie
hatte doch Gretchen geliebt und wäre für sie durchs Feuer gegangen. Aber
vor einigen Wochen hatte sie sich verheiratet.
Franziska, die nun draußen in der Küche waltete, war nie grob, nein, sie
hatte feine Manieren und redete Gretchen mit „Fräulein“ an; aber
Gretchen schien es doch, als ob sie ein wenig spöttisch gegen das junge
Fräulein wäre, das sich bisher noch wenig um die Hausarbeit gekümmert
hatte. So war es ihr unbehaglich zumute, als sie hörte, daß sie in der
nächsten Woche zum erstenmal mithelfen sollte beim Wäsche legen und
bügeln. Aber die Mutter machte ihr Mut: „Du bist ja nicht allein mit
Franziska,“ sagte sie, „ich bin auch dabei. Wie schnell wird künftig
alles erledigt werden, wenn meine große Tochter mithilft! Darauf habe
ich mich schon gefreut, wie du noch ein ganz kleines Dirnchen warst!“
„Wirklich?“ fragte Gretchen, „dann muß es freilich nett werden, und ich
freue mich darauf, trotz Franziska!“
Zweites Kapitel.
Lene.
In den nächsten Tagen, als Gretchen eben von der Schule heimkam, sagte
Frau Reinwald zu ihr: „Du hast einen lieben Besuch versäumt, Frau Bauer
war da.“
„Frau Bauer? Die kenne ich gar nicht.“
„Die kennst du nicht? Deine Lene?“
„Lene! Ach, wie sonderbar, daß man nun Frau Bauer zu ihr sagt! Wie geht
es ihr denn? was hat sie erzählt?“
„Mir scheint, es geht nicht sonderlich gut, sie hat viel
Schwierigkeiten, und als sie davon erzählte, kamen ihr sogar die
Tränen.“
„O, wenn Lene einmal weint, dann muß es schon recht arg sein! Ist denn
ihr Mann nicht gut gegen sie?“
„Doch, der Mann wohl, aber du weißt ja, daß er Kutscher ist und fast
immer auf der Fahrt, dann ist Lene allein mit den drei Kindern, die sie
angetreten hat, und die machen ihr das Leben recht sauer. Es sind drei
wilde, verwahrloste Buben und überdies scheinen sie gegen Lene
aufgehetzt zu werden. Es wohnt eine Verwandte, eine alte Base, wie Lene
sagt, in der Nähe, die besorgte vorher den Haushalt und war gegen die
Heirat. Die legt nun alles böse aus, was Lene tut.“
„Lene soll sie doch nicht mehr ins Haus lassen!“
„Sie kommt auch nicht, aber sie lockt die Kinder zu sich und fragt sie
aus. Wenn Lene ihre Wohnung schön rein und ordentlich macht, wie sie es
bei uns gewöhnt war, und nicht leiden will, daß die Kinder alles gleich
wieder schmutzig machen, dann heißt es: ‚Die Base sagt, du seiest eine
Putznärrin‘; wenn Lene sparen will, dann heißt man sie geizig, und wenn
sie die Buben zurechtweist, dann sagen sie: ‚Wärest du nicht zu uns
gekommen, wenn wir dir nicht recht sind!‘“
„Aber Mutter, das ist ja ganz empörend, nein, unsere gute Lene so zu
behandeln! Die sind es gar nicht wert, daß sie sie bekommen haben!“
„Das mußte ich auch denken. Wie sollten sie glücklich sein, daß ihr
verwahrlostes Hauswesen in Ordnung gebracht wird!“
„Ja,“ sagte Gretchen, „und gegen die Kinder ist sie gewiß immer gut.
Weißt du noch, Mutter, wie sie sich um mich angenommen hat, wie du krank
warst? Sie hat mit mir gespielt und mir Geschichten erzählt und ganz für
mich gesorgt. So macht sie es gewiß auch mit den drei Buben, die jetzt
doch ihre Kinder sind, und die sind so undankbar! Was hast du denn Lene
zum Trost gesagt, Mutter?“
„Leider ist uns ein Besuch dazwischen gekommen, und ich konnte ihr nur
noch versprechen, daß wir bald und oft nach ihr sehen würden. Du
könntest manchmal nach deiner Nachmittagsschule zu ihr hingehen, von der
Schule aus ist’s nicht mehr so weit.“
„Ja, das tue ich. Wenn dann nur die drei wilden Buben aus dem Weg
wären!“
„Die sitzen wohl nachmittags nicht viel daheim, du wirst Lene leicht
allein treffen.“
„Ich gehe zu ihr, so bald ich kann!“ Gretchen konnte ihre Gedanken gar
nicht mehr von Lene losbringen, und ganz empört erzählte sie mittags dem
Vater, was sie gehört hatte. Herr Reinwald beschwichtigte. Er meinte,
aller Anfang sei schwer, sie würden sich allmählich schon besser
zusammenleben.
„Aber die wilden Buben!“ rief Gretchen.
„Wilde können gezähmt werden.“
„Aber die Base!“
„Basen können sich beruhigen,“ sagte Herr Reinwald in unerschütterlicher
Ruhe. Das befriedigte Gretchen nicht, sie fand den Vater nicht
teilnehmend genug.
„Die arme Lene, sie hat sogar geweint,“ sagte sie.
„Die ‚arme Lene‘ macht vielleicht auch manchen Fehler, ein Engel ist
auch sie nicht. Ehe man so unbarmherzig den Stab bricht über ihre
Angehörigen, müßte man doch mehr Einblick in die Verhältnisse haben.“
„Aber Lene hat ja der Mutter alles erzählt!“
„_Eines_ Mannes Red
Ist keines Mannes Red,
Man muß sie hören alle beed.“
Dieser Spruch brachte Gretchen vollends in Verzweiflung. „O Mutter,“
rief sie, „sprich doch auch ein Wort für Lene, der Vater hat gar kein
Herz mehr für sie!“ Frau Reinwald legte sich ins Mittel. „Sei nur
zufrieden, ich gehe in der nächsten Zeit einmal hin und sehe, wie es
steht.“
Gretchen war nun still, aber sie mußte immer an Lene denken, bis dieser
Kummer durch den Gedanken an die französische Stunde verdrängt wurde,
die sie heute zum erstenmal erteilen sollte. Sie hätte sich nur gefreut
auf diese Stunde, wenn sie über _einen_ Punkt beruhigt gewesen wäre: ob
Fräulein von Zimmern den Stunden beiwohnen würde. Sie war überzeugt, daß
sie _allein_ ihre Sache viel besser machen würde und bald gut Freund
wäre mit der fremden Kleinen, für die sie schon eingenommen war, ehe sie
dieselbe kannte, aber in Gegenwart von Fräulein von Zimmern traute sie
sich nichts zu. Als sie nun um vier Uhr ins Schulhaus kam, stürmten die
Kinder alle die Treppe herunter, und es war ihr ganz eigen zumute, daß
_sie_, als Lehrerin, dem Strom entgegen hinaufging.
Die dritte Klasse hatte sich eben entleert, _ein_ Kind saß allein noch
auf der letzten Bank, und Gretchen konnte leicht erraten, daß das ihre
künftige Schülerin war. So einsam im Schulzimmer zurückbleiben müssen,
wenn alle Kamerädinnen hinausspringen, so auf der letzten Bank sitzen
und warten, bis eine ganz fremde Lehrerin kommt, das ist keine
glückliche Lage, und Gretchen mit ihrem warmen Herzen fühlte das sofort.
Sie hatte eigentlich warten wollen, bis Fräulein von Zimmern sie in
aller Form der Schülerin vorstellen würde, aber als sie das Kind so
verlassen sah, kam es ihr anders. Schnell ging sie auf sie zu, setzte
sich neben sie auf die Bank, legte den Arm um sie und sagte: „Gelt, du
möchtest jetzt gewiß lieber mit den andern fort, als bei mir französisch
lernen? Aber ich mach’s gar nicht lang; sieh, da legen wir meine Uhr her
und sowie der Zeiger da auf halb ist, hören wir auf.“
Die Kleine antwortete nicht auf diese freundliche Anrede. Gretchen
erinnerte sich an Fräulein von Zimmerns Wort: „verschüchtert“. Ja, so
erschien sie und so zeigte sie sich auch, als jetzt Fräulein von Zimmern
eintrat. Sie blieb sitzen, während Gretchen vortrat und grüßte. Fräulein
von Zimmern, die sonst jede kleine Unhöflichkeit zu tadeln pflegte,
übersah es bei diesem Kind und sprach milder, als sonst ihre Art war.
Gretchen merkte wohl, daß es ihr am Herzen lag, die Kleine zu ermutigen.
„Das ist Ruth Holland, deine Schülerin; Ruth, sieh, das ist Fräulein
Reinwald.“
Gretchen war ganz betroffen, sich so vorgestellt zu hören; aus dem Munde
der Vorsteherin lautete das „Fräulein Reinwald“ gar zu ungewohnt.
Fräulein von Zimmern zeigte nun Gretchen, wo Ruth, die erst seit kurzem
angefangen hatte, Französisch zu lernen, in ihrem Lehrbuch stand.
Gretchen sollte zuerst die kleine schriftliche Arbeit korrigieren und
die gelernten Wörter überhören, dann die neue Lektion durchgehen. Ein
heller Platz in der vordersten Bank wurde für die kleine Schülerin
bestimmt und dann wies Fräulein von Zimmern auf einen Sessel, den sich
Gretchen vor den Platz der Kleinen stellen sollte. Gretchen wagte eine
Einsprache.
„Ich säße viel lieber neben ihr auf der Bank, es ist viel traulicher;
darf ich?“
„Die niedrige Bank ist für dich unbequem, doch magst du das einrichten,
wie du willst.“
Im Nu saß Gretchen neben Ruth, schlang den Arm wieder um sie, während
sie mit der andern Hand das Heft nahm, in dem eine Übersetzung zu
korrigieren war. „_La mère_“ hießen die ersten Worte und auf „_mère_“
fehlte der Akzent; eifrig bemühte sich nun die junge Lehrerin, ihrer
Schülerin zu erklären, warum dies kleine Zeichen nicht fehlen dürfe. Sie
beachtete nicht mehr die Gegenwart von Fräulein von Zimmern, sie war
viel zu sehr bei der Sache, und so bemerkte sie auch den wohlwollenden
Blick nicht, den die Vorsteherin auf die kleine Gruppe warf, ehe sie
nach einer Weile das Zimmer verließ.
Die halbe Stunde erschien Gretchen fast zu kurz, sie hätte in ihrem
Eifer gerne noch weiter gemacht, aber sie dachte an ihr Versprechen und
machte pünktlich Schluß. Sie half der Kleinen, ihr Jäckchen anzuziehen,
freute sich an dem zierlichen Gestältchen und fing an, mit Ruth zu
plaudern. Aber die Unterhaltung blieb ganz einseitig, und sobald das
Kind fertig war, huschte es mit kaum hörbarem Gruß zur Türe hinaus.
„Jetzt ist sie natürlich noch schüchtern, aber in der nächsten Stunde
wird sie schon zutraulich werden,“ sagte sich Gretchen, während sie das
Schulzimmer hinter sich abschloß, das ihr, still und unbelebt, wie es um
diese Zeit war, fast fremd erschien.
Sie schlug nicht den Heimweg ein, es zog sie unwiderstehlich zu Lene,
sie mußte einmal nach ihr sehen. In einem kleinen Gäßchen der Altstadt
wohnte der Kutscher Bauer, ein sehr zuverlässiger Mann, den Lene in
früheren Jahren oft für Herrn Reinwald zu Ausfahrten bestellt hatte.
Gretchen war kurz nach Lenes Heirat schon einmal dagewesen, um ein
Hochzeitsgeschenk zu überbringen. So war ihr die Wohnung nicht
unbekannt. Man mußte an dem Vorderhaus vorbei durch einen Hof in das
Hintergebäude gehen. Dort war der Pferdestall und die Wagenremise und
daneben die kleine Parterrewohnung, die der Kutscher bewohnte. Gretchen
klopfte an der Zimmertüre, und als niemand „herein“ rief und sie doch
von innen Gepolter hörte, klopfte sie noch lauter. Da wurde die Türe
aufgerissen und sie stand einem etwa zwölfjährigen Knaben gegenüber, der
sie anredete: „Wollen Sie zum Kutscher?“ Gretchen wußte sofort, daß das
einer der drei wilden Buben war; sie sah auch, daß ein zweiter mitten
auf dem Tisch stand, sah, daß dieser Tisch tadellos weiß gefegt war und
daß der Bub, der darauf stand, schmutzige Stiefel hatte. In einem
Augenblick hatte sie das alles bemerkt; jetzt antwortete sie auf die
Frage des Großen: „Ich möchte zu Lene, zu Frau Bauer.“
„Die ist nicht da.“
„Ist sie ausgegangen? Kommt sie wohl gleich wieder?“
„Sie ist ausgegangen, aber ob sie wohl gleich wieder kommt oder noch
eine Stunde lang schwätzt, weiß ich nicht.“
„Schwätzen tut sie nicht, das weiß ich,“ rief Gretchen, deren Zorn gegen
die Buben gleich hell aufloderte. „Ich kenne die Lene besser als ihr,
sie war vierzehn Jahre bei uns!“
„Meinetwegen hätte sie auch vierundzwanzig Jahre bei euch bleiben
können!“
„Ich wollte auch, sie wäre bei uns geblieben,“ rief Gretchen mit
zunehmender Erbitterung, „bei uns hat sie es gut gehabt, ich habe sie so
lieb und sie mich, und ihr seid so häßlich gegen sie!“
„So? Woher wißt Ihr denn das? Hat sie uns schon verklagt?“
„Wenn sie euch auch nicht verklagt hätte,“ entgegnete Gretchen, „so
hätte ich das schon selbst gemerkt, wenn du gleich sagst: ‚sie
schwätzt!‘ und wenn der andere dort auf dem frisch geputzten Tisch
herumsteigt, daß Lene gerade wieder von vorn anfangen muß zu putzen!“
„Was kümmert’s Euch?“ rief trotzig der Große, „das ist _unser_ Tisch und
unsere Stub, da habt Ihr nichts drein zu reden! Wir können tun, was wir
mögen, und Euch geht’s nichts an!“
„Das geht mich freilich an, wenn ihr meine Lene so unglücklich macht,“
rief Gretchen in höchster Erbitterung und mit Tränen der Erregung.
Der Große lenkte ein. „So schlecht sind wir auch nicht, daß wir jemand
unglücklich machen! Da ist doch die Bas viel unglücklicher, die heult
den ganzen Tag, weil sie aus dem Haus gemußt hat und ganz allein ist,
und Eure Lene ist noch nicht ein einziges Mal zu ihr hinübergegangen und
hat ihr noch nie einen Teller Suppe gebracht. Das ist doch auch nicht
recht, das schreit zum Himmel, sagt die Bas.“
Gretchen horchte hoch auf. „Ist denn die Base arm?“ fragte sie.
„Wenn sie doch keinen Verdienst mehr hat!“
„Das weiß gewiß die Lene nicht!“
„Was wird sie’s nicht wissen!“
„Nein, sie weiß es nicht,“ beharrte Gretchen, „man muß es ihr nur sagen,
dann bringt sie der Base gleich etwas!“
Der Kleine, der mittlerweile doch vom Tisch heruntergestiegen war, hatte
nun auch etwas zur Sache zu bemerken.
„Ich hab’ der Bas einmal ein Stück Fleisch zugetragen,“ erzählte er,
„dann wie die neue Mutter dahintergekommen ist, hat sie mich gescholten.
Ja, und sie will uns gar nimmer zur Bas hinüber lassen, die ist ihr
schon zu gering, und alles will sie schöner haben, als es vorher war,
weil sie der Hochmut plagt, sagt die Bas.“
Gretchen mußte an ihren Vater denken, er hatte wohl recht, Lene machte
vielleicht auch nicht alles ganz gut. „Es ist aber auch recht schön bei
euch,“ sagte sie begütigend; „wie ich voriges Jahr einmal in eurer Stube
war, um den Kutscher zu bestellen, da hat es anders ausgesehen.“
„Schön ist’s, das ist richtig,“ gab der Große zu, „wer ins Haus kommt,
rühmt, daß es bei uns so sauber aussehe,“ und er sah mit Stolz um sich.
„Und gut ist sie auch, die Lene!“ rief Gretchen eifrig. „Wie ich noch
klein war, hat sie mir am Sonntagnachmittag oft Geschichten erzählt und
vorgelesen und mit mir gespielt. Mit euch hat sie gewiß auch schon
gespielt?“
„Nicht ein einziges Mal!“
„Aber vorgelesen oder erzählt?“
„Das ist bei uns nicht der Brauch, das hat sie halt bei euch getan, aber
wir sind ihr viel zu gering.“
Gretchen dachte nach. „Mir hat sie auch nie erzählt, wenn sie sich über
mich hat ärgern müssen, bloß wenn ich brav war. Aber paßt auf! Wischt
den Tisch schön ab, macht alles sauber, daß ihr’s gefällt, wenn sie
heimkommt, und dann sagt zu ihr: Einen schönen Gruß von deinem Gretchen
und du sollst uns heute abend die Geschichte von der Feuersbrunst im
Gefängnis erzählen. Dann tut sie’s gewiß und die Geschichte ist
wunderschön.“
„Was kommt darin vor?“ frug der Kleine.
„Ich kann’s jetzt nicht erzählen, ich muß nach Hause, und Lene kann’s
viel schöner als ich.“ Gretchen ging.
Sie war nicht mehr so entrüstet wie am Anfang ihres Besuchs, sie dachte
ein wenig milder über die Buben und über die Base, sie fühlte, daß da
große Schwierigkeiten zu überwinden waren, und es stand fest bei ihr,
die Mutter mußte zu Lene kommen und alles ins gute Geleise bringen.
Während sie in diesen Gedanken heimwärts ging, wurde in der Stube des
Kutschers der Tisch abgerieben und alles, was in Unordnung geraten war,
aufgeräumt. Der dritte Bruder kam nun auch heim. Er ahnte nichts von der
neuen Ordnung der Dinge; als er sich aber beikommen ließ, einen
Apfelbutzen auf den Boden zu werfen, was die beiden andern noch vor
einer Stunde ebenso gemacht hätten, wurde er von seinen Brüdern hart
angelassen, so daß er große Augen machte. Sobald er aber erfaßt hatte,
um was es sich handelte, daß nämlich die Mutter dafür gewonnen werden
sollte, eine Geschichte von der Feuersbrunst im Gefängnis zu erzählen,
trat er in das Komplott ein, und so kam es, daß Lene alles in tadelloser
Ordnung vorfand, als sie nach einiger Zeit von ihren Ausgängen heimkam.
Sie merkte gleich, daß etwas nicht war, wie sonst. Es herrschte Frieden,
Ruhe und Ordnung, und sie selbst wurde mit einem gewissen Interesse
angesehen, wie wenn sie eine neue Erscheinung wäre. Und in der Tat sahen
die Kinder sie daraufhin an, daß sie so innig geliebt wurde von einem
jungen, feinen Mädchen. Sie dachten daran, daß dieses Mädchen Tränen
vergossen und gesagt hatte, Lene sei unglücklich und sie seien schuld
daran.
„Was schaut ihr mich so an?“ fragte Lene.
„Sag’s doch,“ drängte der Jüngste den Ältesten, und nun kam stockend
Gretchens Auftrag heraus. Lene war es sehr leid, daß sie Gretchens
Besuch versäumt hatte, und sie wollte genau wissen, was die Kinder mit
Gretchen gesprochen hatten, ob sie auch höflich gegen sie gewesen seien.
Aber sie bekam nur sehr spärliche Antworten; die Kinder hüteten sich
wohl, zu erzählen, daß ihre Unterredung nicht sehr freundlicher Art
gewesen sei. Lene gab sich schließlich zufrieden und dachte, sie müßten
doch ganz nett miteinander geplaudert haben, wenn die Rede auf
Geschichtenerzählen gekommen sei. Sie versprach, nach dem Abendessen
ihre Geschichte zu erzählen, wenn es die Buben auch so halten wollten,
wie Gretchen Reinwald: vor dem Essen ihre Aufgaben schreiben und lernen
und sich überhören lassen, ob alles gut gehe, und nach dem Essen das
Zimmer wieder in Ordnung bringen. Diese Bedingungen wurden angenommen,
die Erwartungen waren so hoch gespannt, daß die Wünsche der Mutter alle
bereitwilligst erfüllt wurden. Der Vater war heute erst spät zu
erwarten, die einfache Mahlzeit war bald vorüber, und alle Hände halfen
heute den Tisch abzuräumen, das Geschirr in der Küche abzuwaschen und
wieder an seinen Platz zu stellen. Der Jüngste, der kleine Fritz, stand
sehr unter dem Eindruck ungewohnter Tugend, und als alle so tätig waren,
fragte er die Mutter: „War dein Gretchen _noch_ bräver als so?“ „Nein,“
antwortete Lene, „_so_ war sie und so habe ich die Kinder gern!“
Bald darauf saßen sie alle eng aneinander gedrängt in einer Ecke der
Stube, Lene fing an zu erzählen, und die Buben, die wilden, sie waren
gezähmt; regungslos saßen sie da und hörten zu. Nie in ihrem Leben hatte
ihnen jemand eine Geschichte erzählt, gelesen hatten sie auch nicht
viel. So lauschten sie in atemloser Spannung, und Lene, da sie all die
Augen auf sich gerichtet sah, machte die Sache noch fesselnder und
schauriger als sonst. Zuletzt ging alles gut hinaus, die Bösen wurden
bestraft, die Guten belohnt; es war ganz herrlich!
An diesem Abend fühlte sich Lene nicht unglücklich; die Freude, die sie
bereitet hatte, war das erste Band zwischen ihr und ihren drei Wilden.
Drittes Kapitel.
Häusliche Geschäfte.
Ein paar große Waschkörbe voll frisch gewaschener Wäsche standen im
Zimmer; ein langer Tisch war aufgeschlagen, Gretchen hatte eine große,
weiße Hausschürze an und sollte zum erstenmal helfen bei dem Geschäft,
die Wäsche einzuspritzen, zu legen und zum Mangeln und Bügeln
zuzurichten. Zunächst machte sie ein etwas bedenkliches Gesicht dazu;
sie wollte sich zwar gerne nützlich machen im Haus, aber in diesem
Gebiet war sie noch ganz unbekannt, und gemeinsam mit Franziska war sie
überhaupt noch nie tätig gewesen, sie kam sich fremd vor im eigenen
Haus. Frau Reinwald wies ihr den Platz neben sich an, übergab ihr einen
Pack Taschentücher und zeigte ihr, wie dieselben gespritzt und gelegt
werden sollten. Sie selbst und Franziska nahmen größere Stücke aus den
Körben und fingen an, sie auszuziehen und zu legen.
„Sieh zu, wie wir das machen, damit du es ein andermal auch besorgen
kannst,“ sagte Frau Reinwald.
Gretchen sah zu; daß es der Mutter flink von der Hand ging, war wohl
natürlich, daß aber auch Franziska, die erst neunzehn Jahre alt und kaum
größer als Gretchen war, die Sache schon so geschickt angriff, ja, daß
sie gleich ein leinenes Tuch von einem baumwollenen unterscheiden
konnte, wunderte Gretchen sehr und war ihr nicht einmal ganz recht, denn
ihr eigenes Ungeschick kam ihr dadurch nur größer vor. Das Geschäft war
kaum recht im Gang, als die Hausglocke ertönte und Besuch zu Frau
Reinwald kam. Gretchen war sehr ärgerlich, daß die Mutter abgerufen
wurde und sie allein mit dem Mädchen bleiben mußte. So langsam wie
möglich legte sie die Taschentücher, denn sie wußte ja nicht, was sie
nachher in Angriff nehmen sollte, und sie mochte Franziska nicht fragen.
Als endlich, trotz aller Langsamkeit, die Taschentücher doch erledigt
waren, griff Gretchen aufs geratewohl in den Waschkorb, nahm das oberste
Stück heraus und spritzte es ein.
„Aber Fräulein,“ sagte Franziska lachend, „die Herrenhemden werden doch
nicht eingespritzt, die werden doch gestärkt!“ „Ja, das ist wahr,“ sagte
Gretchen, legte das Hemd zurück, nahm ein Stück aus einem andern
Waschkorb und fing wieder an, einzuspritzen. Diesmal lachte Franziska
laut auf. „Aber Fräulein, merken Sie denn nicht, daß das die Servietten
sind, die ich gerade erst gespritzt habe? Dort hinten steht der Korb mit
den Kissenüberzügen, nehmen Sie doch die!“ Gretchen folgte dem Rat und
die beiden verrichteten stillschweigend ihr Geschäft. Mit Lene hatte
Gretchen bei solchen Gelegenheiten immer fröhlich geplaudert und dies
Schweigen war ihr bedrückend. Aber die Mutter hatte ihr anbefohlen, dem
noch fremden Mädchen gegenüber nicht so mitteilsam zu sein, wie sie es
bei Lene gewohnt war; so sagte sie nichts und auch Franziska verhielt
sich ganz stumm. Im stillen verwünschte Gretchen den Besuch, der die
Mutter so zur Unzeit abhielt.
„Wenn sie nur wenigstens kommt, ehe ich die Kissenüberzüge gespritzt
habe und sie gelegt werden müssen, denn sonst lege ich sie sicher
verkehrt!“ In dieser Sorge zögerte sie ihr Geschäft wieder möglichst
lang hinaus, während Franziska um so rascher arbeitete und Stoß um Stoß
auf ihrer Seite entstand.
„Wenn wir heute mit all der Wäsche fertig werden sollen, darf man schon
tüchtig vorwärts machen,“ sagte sie, und Gretchen konnte die Mahnung auf
sich beziehen, denn ihre absichtliche Langsamkeit mußte wohl den
Eindruck von Faulheit machen. Franziska fing nun auch an, Kissenziechen
zu legen, und Gretchen hätte ihr gerne abgesehen, wie sie das machte,
aber vom andern Ende des Tisches konnte sie es nicht so genau
beobachten. Da kam eine erwünschte Unterbrechung – es klingelte wieder
und das Mädchen mußte hinaus, die Türe zu öffnen. Gretchen zog rasch das
von Franziska halbgelegte Stück an sich, um zu sehen, wie es gelegt war;
aber sie stieß dabei an die große, mit Wasser gefüllte Schüssel, diese
kippte um und leerte sich am Rand des Tisches aus. Schnell schob
Gretchen die vom Wasser bedrohten Stöße Wäsche beiseite, sie hatten nur
einen kleinen Spritzer bekommen, auch der Tisch war nicht sehr naß, das
meiste war hinuntergeflossen. „Das ist noch gnädig abgegangen,“ dachte
sie, holte ein Tuch, um zunächst den Tisch wieder trocken zu reiben, den
Boden konnte ja dann Franziska aufwischen. Sie ging mit der fast leeren
Schüssel hinaus, um sie wieder zu füllen. Mit Befriedigung hörte sie,
daß bloß ein Hausierer und nicht etwa ein weiterer Besuch gekommen sei,
und bat Franziska, mit dem Putzlumpen hereinzukommen. Diese tat es ohne
weitere Bemerkung; aber sie war kaum im Wäschezimmer angekommen, als sie
einen großen Lärm anschlug: „Ach du meine Güte, was ist das? Sie haben
ja das Wasser in den Waschkorb geschüttet, in dem die Leintücher und
Tischtücher sind; ja, haben Sie denn das nicht gesehen?“
„Nein,“ sagte Gretchen, „ich habe gar nicht beachtet, daß das Wasser
hinuntergeflossen ist.“
„Ja, es fließt meistens hinunter und selten die Wand hinauf,“ rief
Franziska schnippisch. Gretchen bemerkte erst jetzt, daß der Hauptstrom
sich in den unter dem Tisch stehenden Korb ergossen hatte. Zunächst kam
ihr Franziskas Entsetzen noch übertrieben vor: „Das Unglück wird nicht
so groß sein,“ sagte sie, „es war ja reines Wasser und die Leintücher
noch nicht eingespritzt.“
„Aber sehen Sie doch nur her; meinen Sie denn, so etwas könne man legen?
Es ist ja naß, wie wenn es aus dem Waschzuber käme! Ach du meine Güte,
das muß ich alles noch einmal aufhängen, noch einmal ein Waschseil
aufspannen! Hätten Sie’s doch gleich aus dem Korb genommen, dann wäre
doch nur das oberste naß geworden, aber so ist alles verdorben!“ Und
Franziska nahm ein Stück nach dem andern heraus und bei jedem fing sie
aufs neue an zu jammern. Gretchen war sehr niedergeschlagen und stand
ganz zerknirscht da, als die Mutter, nachdem sich ihr Besuch endlich
verabschiedet hatte, wieder erschien. Frau Reinwald sagte nicht viel,
prüfte den Schaden, sortierte, was noch zu benützen war und was
aufgehängt werden mußte; sie war aber sehr ernst dabei, und Gretchen
empfand es als eine wahre Erlösung, als dieser unangenehme Nachmittag
überstanden war.
Herr Reinwald hatte mittags von Gretchen erfahren, daß sie an diesem
Nachmittage in das Wäschezimmer eingeführt werden sollte, hatte mit ihr
darüber gescherzt und ihr neckend Böses prophezeit. Gretchen war es nun
schon angst, bis der Vater danach fragen und von ihren Mißerfolgen hören
werde. Richtig – sie hatte ihm kaum den Tee eingeschenkt, als er sie
auch schon fragte: „Nun, und wie ist’s meiner großen Tochter heute
nachmittag gegangen?“ Gretchen errötete und die Mutter sagte: „Nicht
besonders gut.“ Aber die erwartete Neckerei blieb aus; der Vater hatte
immer ein feines Gefühl dafür, ob eine Sache scherzhaft oder ernst war;
so sagte er bloß zu Gretchen: „Denke an den Ausspruch: ‚Aller Anfang ist
schwer, am meisten der Anfang der Wirtschaft!‘“ Und dann brachte er das
Gespräch auf ein anderes Thema. Gretchen hätte ihm gern einen Kuß
gegeben aus Dankbarkeit dafür, daß die nassen Leintücher sich nicht auch
noch über den behaglichen Teetisch breiteten.
Herr Reinwald ging nach dem Essen noch aus, um eine Versammlung zu
besuchen, und Gretchen hatte die Mutter allein für sich. Es war ein
trauliches Abendstündchen. „Mutter,“ begann Gretchen bittend, „gelt, ich
muß nicht so bald wieder mit Franziska solche Geschäfte tun, es ist mir
unausstehlich.“
„Das habe ich wohl bemerkt, aber ich möchte nicht, daß du den
Schwierigkeiten aus dem Weg gehst, siehe lieber, daß du sie
überwindest.“
„Wohl, aber daß nichts Gescheites herauskommt, wenn Franziska und ich
miteinander arbeiten, hast du ja selbst gesehen.“
„Du wirst nicht jedesmal eine Schüssel umstoßen, du bist ja sonst nicht
so ungeschickt, und etwas Lehrgeld müssen wir alle bezahlen.“
„Aber auch vorher, ehe die Schüssel umfiel, war es so ungemütlich!“
„Nun möchte ich aber doch wissen, warum?“
„Weil ich mich gar nicht auskannte mit der Wäsche und Franziska nicht
fragen mochte; denn wenn sie merkt, daß ich gar nichts verstehe, hat sie
keine Achtung vor mir. So muß ich mich immer stellen, als ob ich etwas
könnte, wo ich doch nichts kann, und das ist mir so zuwider!“
„Das ist auch ganz und gar verkehrt. Glaube nur gar nie, daß du etwas
Gutes erreichst, wenn du dir den Schein gibst, mehr zu sein, als du
bist.“
„Aber wenn sie sieht, daß ich so viel weniger verstehe als sie, so wird
sie keinen Respekt vor mir haben.“
„In deinem Alter braucht man auch noch keinen ‚Respekt‘ zu beanspruchen.
Manierlich wird sie dennoch gegen dich sein, wenn du es gegen sie bist
und wenn sie sieht, daß du deine Pflicht tust, so gut du eben kannst.“
„Hätte ich sie denn heute fragen und mir alles von ihr zeigen lassen
sollen?“
„Ganz gewiß; du kannst jederzeit ruhig zu ihr sagen: wie macht man denn
das, davon habe ich gar keinen Begriff; oder: ich glaube, daß ich alles
ganz verkehrt gemacht habe, wenn ich nur auch schon so geschickt wäre
wie Sie! Das alles wird dem Mädchen den Eindruck machen, daß du
aufrichtig und nicht hochmütig bist, und sie wird dich um dessentwillen
lieb haben. Gibst du dir hingegen den Schein, mehr zu sein als du bist,
so fühlt sie bald die Falschheit heraus, die darin liegt, und freut
sich, so oft dir etwas mißlingt.“
„Aber noch eines, Mutter; du hast doch gesagt, ich solle nicht so viel
mit ihr sprechen, wie mit Lene; es kommt mir aber so unfreundlich vor,
wenn man so schweigend zusammen an _einem_ Tisch arbeitet.“