mit dem Gezeppel! Ach, wann mei guder Mann noch lewe dhät, mei
Schorsch-selig, der mißt'r alsemal 's Fell versohle -- awwer wisse Se,
ich selbst breng's net iwwer's Herz! Also hier wär' des Zimmerche! Vom
Balkoo aus könne Se bis hinner in de Wald gucke, wann's net grad regne
dhut! Der vorigt' Mieter -- wisse Se, der Brofessor Langeberjer vom
Senkeberjische Inschdidut, e hochaastänniger Mann, vielleicht kenne
Se'n? -- der hat oft schdunnelang dagesesse unn hat ää Sigarr nach der
annern geraacht -- es wunnert mich nor, daß'r net aach noch die
_Schachtel_ mitgeraacht hat! Ich habb's em hunnertmal gesacht: 'Se
verraache Ihne noch des ganze bissi Verstand!' awwer gradsogut hätt'
ich's der Kommod' do preddige könne -- unn er hat vergniegt zugeheert
unn hat gesacht: 'Frau Petterich,' hat er gesacht, 'net for e Milljoo
geww ich des Zimmerche her!' 'Ich gebb's for de zehnte Teil,' haww ich
erwiddert. Ich verzähl's Ihne aach nor, Herr Umlegkrage', damit Se
wisse, wie schee der Balkoo is! Mei Schorsch-selig -- ach, des war e
Mann! So aan gibbt's net widder! Da könne Se ganz Sachsehause in e Sieb
schitte unn dorchschittele, so aaner fällt net eraus -- der hat als uff
dem Balkoo gesesse unn hat gesacht: 'Josephinche,' hat'r gesacht, 'des
hier is mei Keenigreich. Ich bin der Keenig, bloß haww ich nix zu sage!'
Des war sei Lieblingsplätzche, bis'r emal erunner geschderzt is iwwer's
Gelänner, weil er ze viel gesoffe gehadt hat. Ach Gott, er hat so'n
gude Abbedit gehabt, mei Schorsch! Besonnersch Weckklöß mit gekochte
Quetsche, da hat'r finf Stick fresse kenne! Unn hat _doch_ nor
hunnertdreißig Pund gewoge! Es war e Rätsel, wo des Fresse bei dem Mann
hie' komme is! Ja, vier Jahr hat der Brofessor Langeberjer bei merr
gewohnt, bis er bletzlich de Rappel krieht hat, unn hat geheierat'. Mit
finfunfuffzig Jahrn, e Mädche von einunzwanzig. E ganz arm Mädche. Unn
hibsch war se aach net. Awwer ich sag's ja alleweil: Je schdudierter e
Mensch is, desto meschuggener is er! Also, wie gefällt Ihne des
Zimmerche?«
Benno Stehkragen hatte den Eindruck, als sei Frau Petterich etwas
gesprächig.
Er vermutete, daß der selige Schorsch wohl nicht sehr oft zu Worte
gekommen sein mochte. Aber die Frau gefiel ihm trotz ihrer Redseligkeit.
Und noch mehr gefiel dem Kindernarr Benno das Mariechen, mit dem er in
der Folgezeit gar gut Freund wurde.
Nach zweistündiger Unterredung, in der er sowohl Frau Petterichs als
auch Professor Langenbergers vollständige Lebensgeschichte erfuhr,
hatte er das Zimmerchen an der Nordfront gemietet.
»Ich dhu noch e besser' Dischdeck' her unn annern Vorhäng an die
Fenster! Unn gell, gewwe Se merr ja uff de Deppich acht, es is e
Familje-Erbschdick, da hat schonn mei Großmudder de Großvadder
geschimbft, wann er mit dreckige Schdiwwel in die Schdub gedappt is.«
Benno zog ein und genoß wieder bei geöffnetem Fenster den Gesang der
Käsbergerin.
Er hörte ihn herzlich gerne, aber die ehemalige Verzückung stellte sich
nicht mehr ein.
War die neue Umgebung daran schuld?
Oder hatte die lieblose Enthüllung der Käsbergerschen Privatverhältnisse
durch die Delikatessen-Pythia doch einen Stachel in Bennos Gemüt
hinterlassen?
Rita von Veldern war von der Nachtigall zur Amsel degradiert.
Gewiß, auch die Amsel ist ein recht respektabler Singvogel, aber ihr
schwarzes Köpfchen trägt nicht das Diadem der Poesie, mit dem die
Dichter einstimmig die Nachtigall gekrönt haben.
Als Katharine an einem theaterfreien Abend mit dem kleinen Lebrecht
einen Spaziergang von ihrer Wohnung nach dem Waldrand machte, begegnete
ihr Benno.
Sie stutzte, dann brach sie in Lachen aus. Wer war dieser merkwürdige
Mensch? Schon auf dem Oederweg hatte er sie immer so feierlich gegrüßt,
und jetzt tauchte er plötzlich auch in dieser Gegend auf.
War diese Begegnung Zufall, oder handelte es sich um einen schüchternen
Liebhaber?
Mit einer raschen Entschlossenheit, deren Benno nie fähig gewesen wäre,
trat sie auf ihn, der vor Staunen den Hut ratlos in der Hand behielt, zu
und frug geradewegs:
»Wer sind Sie eigentlich? Ich habe Sie schon öfters gesehen.«
Ehe Benno eine Antwort stammeln konnte, erhob der kleine Lebrecht, der
sich vor jedem Fremden fürchtete, ein erschreckliches Geheul und
klammerte sich an seine Mutter.
»Ein sehr liebes Kind!« stotterte Benno und legte seine Hand auf
Lebrechtchens Kopf -- ein Beruhigungsversuch, den dieser angenehme
Knabe mit verdreifachtem Gebrüll beantwortete.
Hatte er dieses kräftige Organ von seinem Vater oder von seiner Mutter
geerbt?
Rita und Benno starrten sich verdutzt an.
»Er ist etwas nervös,« bemerkte Rita entschuldigend.
»Aber er scheint ein guter Junge zu sein,« sagte Benno verbindlich und
zog eiligst seine Hand zurück, denn der gute Junge hatte nach ihr
gebissen.
»Ist das Ihr Brüderchen? Er sieht Ihnen so ähnlich.«
»Es ist mein Sohn,« antwortete Rita ruhig und gelassen.
Es gab Benno einen Stich.
»Sie sind verheiratet?« frug er enttäuscht.
»Ich wäre es beinahe einmal gewesen,« belehrte sie ihn freundlich. »Das
Lebrechtchen hier ist die Verlobungskarte. Aber die Verlobung ging
zurück. Lebrecht, gib dem Herrn die Hand!«
Lebrecht streckte Benno die Zunge heraus.
»Er kennt Sie noch nicht,« erklärte Rita das eigentümliche Verhalten
ihres Sprößlings. Und fügte lächelnd hinzu: »Auch ich kenne Sie noch
nicht. Wer sind Sie eigentlich?«
»Wer ich bin?« sagte Benno, als Lebrechts Mund endlich mit einem
mütterlichen Konfektstück gestopft war, im Weitergehen. »Wer ich bin? In
der Hauptsach' bin ich e Buckel. Ich bin -- hm, wie soll ich das
ausdrücken? -- ein Etwas, das so lange Zahlen geschrieben hat, bis es
selbst ein Null geworden is. Sie finden meine Verdienste in keiner
Literaturgeschichte, in keinem Geschichtsbuch und in keinem
Konversations-Lexikon. Und zu allem Unglück heiß' ich auch noch Benno
Stehkragen. Aber ich glaub', ich hab' kein schlechtes Herz -- nur, wie
mitunter die delikateste Leberwurst in schofles Zeitungspapier
eingewickelt is, so is mein Herz eingewickelt in meine schofle Gestalt.
Und ich frag' mich manchmal selbst, wenn ich morgens beim Aufstehen im
Nachthemd vor dem Spiegel steh': bin ich wirklich ein menschliches
Hauptwort in dem großen Buch der Schöpfung oder bloß en Druckfehler? Ich
bin emal auf dem Rhein gefahren, und wie die Lorelei mich geguckt hat,
hat sich vor Schreck ihr goldenes Haar entfärbt, und se hat ihren
Frisierkamm ins Wasser fallen lassen, und ihr Lied is ihr im Hälschen
steckengeblieben -- und da steckt's heut' noch drin! Seit der Zeit singt
se nicht mehr. So, jetzt wissen Se, wer ich bin!«
Solch krauses Zeug redete Benno der erstaunten Katharine vor, die nicht
wußte, sollte sie lachen oder ernst bleiben.
»Und weshalb grüßen Sie mich immer?« frug sie. »Ich kenne Sie doch gar
nicht.«
»Kennt mich der Mond?« gab Benno zurück. »Und doch grüßt er mich jeden
Abend! Außer es is grad Neumond.«
Und nun erzählte er ihr, wie viele schöne Augenblicke er ihr schon
verdankte, und daß es ihm ein Bedürfnis gewesen sei, sie zu grüßen, ohne
daß er sie deshalb mit dem Mond oder sonst etwas Astronomischem
vergleichen wolle.
Und jedesmal, wenn in ihrem Gesang der Himmel still die Erde geküßt
hätte, hätte er, Benno, in Gedanken ihr kleines Händchen geküßt. Und er
bitte nachträglich tausendmal um Entschuldigung.
Katharine fühlte sich durch diese Huldigung geschmeichelt und erfreut.
Und auch in Benno keimte eine frohe Gehobenheit.
War er nicht ein Mordskerl? Schritt er nicht elastisch als Kavalier
neben einer leibhaftigen Sängerin?
Wenn ihn einer seiner Bankkollegen so sähe, würde er nicht anerkennend
schmunzeln: »Sieh mal an, was Bennochen Stehkragen für Sachen macht! Wer
hätte das von ihm gedacht?«
Ja, es schlummern männliche Talente in einem, die man selbst nicht ahnt!
Ein Gespräch über Gesang kam in Fluß. Benno lauschte Katharines
Weisheiten nur mit halbem Ohr. Er warf von Zeit zu Zeit einen scheuen
Blick auf die neben ihm schreitende Choristin, sein Gang ward unbewußt
zu einem leicht verwegenen Tänzeln, so daß er ein wenig einem Dromedar,
das sich verschluckt hat, glich.
Je öfters er zu ihr hinüberblickte, desto günstiger wurde sein Urteil
über ihre äußere Erscheinung.
Im Grunde genommen besaß doch die Menschheit keinerlei authentische
Mitteilungen über das Aussehen der Feenkönigin. Wo steht geschrieben,
daß sie _keine_ spitze Nase hat und _keine_ verwaschene blaue
Seidenbluse trägt?
Und er dachte: _Wenn_ ich jetzt so frech wär' wie der Casanova oder der
Herr Wittmann -- und ich tät' plötzlich meinen Arm um ihre Taille legen
-- und tät' mich auf die Zehenspitzen stellen -- und ihr einen Kuß
aufpappen -- oder zwei -- und se tät' merr eine Ohrfeige geben -- oder
zwei -- und es tät' ihr im selben Augenblick leid -- und se tät'
flüstern: »Ich hab' Ihnen doch nicht weh getan, Herr Stehkragen?« -- und
ich tät' antworten: »Unberufen, _und wie_!« -- und ihr kämen die Tränen
in die Augen -- und se -- --
Rita richtete eine direkte Frage an Benno, er mußte seinen schönen Traum
abbrechen und antwortete: »Wie haben Se soeben bemerkt, gnädiges
Fräulein?«
Nun entwickelte auch Benno seine musikalischen Ansichten und sprach lang
und gut.
Rita gewann den Eindruck, daß er ein ungeheuer gescheiter Mensch sein
müsse, von dem sie etwas profitieren könne, und so lud sie ihn ein, sie
doch gelegentlich zu besuchen und ihr beim Üben mit Ratschlägen
behilflich zu sein.
Das war mehr als Benno erwarten konnte.
Er war auf dem besten Wege, ernstlich Feuer zu fangen -- die Obstbäume
dufteten so süß, die Spatzen zwitscherten so lustig, und hinter einer
Weißdornhecke legte der kleine Amor mit einem spöttischen Lächeln
bereits einen Pfeil auf den Bogen -- da brach im kritischen Moment der
kleine Lebrecht wieder in ein markerschütterndes Geheul aus.
Der schreckliche Lebrecht hatte versäumt, ein kleines Bedürfnis
anzumelden, und bejammerte nun herzzerbrechend seine Hosen.
Gott Amor flog hellauf lachend hinter der Hecke hervor und wälzte sich,
vor Vergnügen quietschend, in den Brennesseln.
Statt zärtlich-geheimnisvoll Liebesworte auszutauschen, gerieten die
beiden nun in ein höchst prosaisches Familiengespräch. Statt Arm in Arm
zu wandeln, führten sie auf dem Heimweg den heulenden Lebrecht rechts
und links an der Hand.
O, wie schnöde endete, was so schön begonnen hatte!
Der Bengel war nicht zu beruhigen, so daß eine vorbeigehende
Sachsenhäuserin dem schuldlosen Benno erbost zurief:
»Verhaage Se doch den Lausbub emal or'nlich! Sie sin merr e scheener
Waschlappe von eme Vadder!«
Bald darauf fand der erste Besuch Bennos bei den Käsbergers statt, und
das riesige Blumenbukett, mit dem er sich bewaffnet hatte, erweckte das
helle Entzücken Katharines und der Großmama Käsberger.
Herr Lebrecht Breivogel hatte sich nie in solche Unkosten gestürzt. Im
Gegenteil, er war noch die Kosten für die Hebamme schuldig.
»Merr guckt doch gleich uff de ehrschte Blick, was e vornehmer Mensch
is!« belehrte Großmama Käsberger ihre Tochter, als Benno sich
verabschiedet hatte.
Sie fand, daß sein Buckel eigentlich gar nicht so groß sei, als er von
außen aussehe. Und er habe so viel Seele in den Augen.
Was schadete ein Buckel? Pah, so viele Buckels konnte ein Mann gar nicht
haben, daß sie ihn deshalb als Schwiegersohn verschmäht hätte.
Die gute Großmama Käsberger schwamm bereits in standesamtlichen Träumen.
Wenn die Töchter einmal in die dreißiger Jahre gekommen sind, sitzt bei
den Müttern der Segen sehr lose.
Jeder ledige junge Mann gilt ihnen als Schmetterling, sie haben
beständig das Schmetterlingsnetz bei sich, sie verstehen das Fangen
virtuos, und ehe der arme Junggeselle Böses geahnt hat, haben sie ihn
auf dem Spannbrett der Ehe aufgespießt.
Der harmlose Benno ahnte nicht, welche Gefahr ihn bedrohte.
Um so schärfere Augen hatte die erfahrene Frau Petterich, die die
Besuche ihres Mieters bei »dere Komödiantegesellschaft da driwwe« mit
Mißfallen sah.
»Genau so hat's beim Brofessor Langeberjer aagefange!« warnte sie ihren
Schützling. »Uff de Kopp genau so! Zuehrscht harmlose Besuchercher, dann
so e merkwerdige Zerstreutheit, unn uff aamol hat'r vor'm Traualtar
geschdanne, de Zylinner verkehrt in der Hand, unn hat 'Ja' gesacht --
unn des Unglick war ferdig! Herr Stehkrage', ich warn' Ihne!«
Benno stutzte und wurde vorsichtig.
Er wiederholte in angemessenen Abständen seine Besuche, ließ sich von
Katharine etwas vorsingen, half dem kleinen Lebrecht gelegentlich bei
den Schulaufgaben, mit dem Erfolg, daß er nach einem Vierteljahr bereits
nur noch der zweitschlechteste in der Klasse war.
In hohe Gunst geriet er bei Papa Käsberger. Dieser erwies ihm die
höchste Ehre, die er zu vergeben hatte: er nahm ihn mit in den
Schornsteinfegerverein.
Benno fühlte sich sehr geschmeichelt. Da sich aber das Gespräch im
Verein fast ausschließlich um die Qualität des Äpfelweins und des
Magistrats drehte, wobei der Äpfelwein besser wegkam als der Magistrat,
so ging Benno vorsichtig einer Wiederholung seines Gastspiels bei den
»Lustigen Rauchfängern« aus dem Wege.
Etwas gespannter wurden mit der Zeit seine Beziehungen zu der gnädigen
Frau Großmama.
Sie konnte noch so oft betonen, daß das Junggesellenleben doch unmöglich
einen Mann auf die Dauer befriedigen könne, und daß ein kluger Mann
niemals eine junge Schneegans, sondern nur ein gereiftes, erfahrenes
Mädchen -- »Rita, wie alt bist du eigentlich?« -- heiraten würde. Benno
gab ihr vollständig recht, aber er zog nicht die gewünschten
Konsequenzen.
Großmama Käsberger fand infolgedessen, daß der Buckel Bennos in der
letzten Zeit bedeutend gewachsen sei. Eigentlich sei der Buckel noch
viel größer, als er von außen aussehe.
Und sie gewöhnte sich an, gar lieblos von Benno zu reden, und nannte ihn
ihrer Tochter gegenüber mit Vorliebe: »Dein buckliger Judd.«
Katharine nahm alsdann Benno kräftig in Schutz. Sie hatte längst
herausgefühlt, daß Benno ein guter Kerl war, und seine wohlwollende
Bewunderung tat ihr wohl. Kam doch durch ihn wieder ein bißchen Wärme in
ihr liebeleeres, verblühtes Dasein.
Und ähnlich ging es Benno selbst.
Er hegte für sie eine väterliche Freundschaft, er machte ihr kleine
Geschenke, ja, er nahm sie sogar einmal mit in das koschere Restaurant.
»Derf merr gratuliere?« hatte am nächsten Tag der stoppelbärtige Joseph
gefragt. »Wieviel krieht se dann mit?«
»Sie gehören ja auf den Affe'stein[1]!« hatte Benno ihn barsch
zurechtgewiesen. »Ich heirat' überhaupt nicht. Mit mir stirbt mei
Geschlecht aus. Bloß meine Seitenlinie, der Apollo von Belvedere,
pflanzt sich noch fort.«
[1] Frankfurter Irrenanstalt.
Benno und Katharine, zwei vom Schicksal vernachlässigte, an
Enttäuschungen gewöhnte Menschenkinder, freuten sich ihrer wunschlosen
Sympathie.
So standen die Dinge, als plötzlich Martha in Bennos Gesichtskreis trat.
Neben dem Sonnenglanze dieses neuen Erlebnisses mußte der freundliche
Schimmer jener harmlosen, allmählich zu einer angenehmen Gewohnheit
herabsinkenden Freundschaft verblassen.
Als erste bemerkte die gute Frau Petterich die Veränderung, die mit
ihrem Mieter vorging. Aber da ihr Marthas Existenz unbekannt war,
führte sie sein seltsames Verhalten auf die Beziehungen zu Katharine
Käsberger zurück, die sie schon lange auf die ziemlich umfangreiche
Liste jener Mitmenschen gesetzt hatte, die sie »net rieche« konnte.
»Haww ich's net gesacht?!« jammerte sie. »Jetz is es bald werklich so
weid! Awwer des sag' ich Ihne: _Ich_ geh' net zu Ihrer Trauung, ich net!
Wann' s dem Esel zu wohl is, geht er uff's Standesamt! En Ring sollt'
merr Ihne dorch de Nas' ziehe unn Sie im Zoologische Garte ausschdelle!
Ich sag's ja: Seit mei Schorsch-selig dod is, gibbt's kaa vernümfdige
Mannsbilder mehr. Mei Schorsch-selig -- ach, so aan find ich meiner
Lebdag net mehr! Der war noch von der gude ahle Rass'! Danze hat er
könne, Schottisch, Galobb, Walzer rechts erum, Walzer links erum, uff
eigne Zehespitze unn uff fremde Zehespitze -- der geborene
Balletöserich! Dorch's Danze hawwe merr uns ja aach seinerzeit kenne unn
liewe gelernt. An eme Sonntag war's, in Nidderrad, beim Bamberger. Finf
Glas Bier haww ich'm bezählt, unn nach'm sechste hat er merr ewige Treu'
geschworn. Unn er hat se aach gehalte, wenigstens haww ich nix bemerkt!
Des war e Mann, mei Schorsch-selig, e Herz wie Gold hat er gehabbt, unn
so schee war er: wie e Feldwewel in Zifil hat er ausgesehe. Se misse
awwer net glaawe, daß ich net vielleicht aach noch annerne Partiee hätt'
mache könne. Minnestens Sticker zehe Verehrer haww ich gehabbt, ich war
aach emal jung unn schee -- so schee werd' Ihne Ihr hochgeborenes
Fräulein Käsberger ihrer Lebdag net, unn wann se hunnert Jahrn alt werd!
Da is zum Beischbiel der zwette Gehilf vom Metzger Westheimer gewese,
der wär beinah wege mir in de Mää gehippt, glicklicherweis' war er
damals grad zugefrorn! Unn der Ausläufer Philipp vom Schepeler, der hat
sogar Gedichtcher uff mich gemacht, so unzurechnungsfähig war er. Godd,
wann ich draa denk, wie ich emal mit'm Philipp beim Bamberger gedanzt
habb unn der Schorsch is dazukomme, unn eh' ich die Herrn habb
mitenanner bekannt mache könne, hat der Philipp schonn verbunde wer'n
misse. Dann mei Schorsch-selig, der hat Kraft gehabt wie e Eisbär,
Muskele, sag' ich Ihne, so dick wie Ihr Buckel! Unn hat doch schderwe
misse. Es is e Kreuz!« -- --
Wir haben Benno auf seinem abendlichen Heimweg ganz allein den
Sachsenhäuser Berg hinaufkraxeln lassen, ihn diskret seinen Träumen
nachhängen lassen, nun aber wollen wir uns ihm wieder anschließen und
ihm in sein Zimmerchen folgen, um einmal nachzuschauen, wie es dort
aussieht.
»Guten Abend, Herr Stehkragen!« begrüßte ihn Mariechens frohlockende
Stimme im Hof.
Das Mariechen hatte in dem Schuppen, der dem seligen Herrn Petterich als
Sommerwerkstätte gedient hatte, gespielt und war, sobald sie Benno
erblickt hatte, ihm freudig entgegengesprungen.
»Guten Abend, Mariechen,« erwiderte Benno den Gruß und zupfte ihr das
Haarband, das sich beim Spielen verschoben hatte, zurecht. »Die
Schulaufgaben schon gemacht?«
»Natürlich, Herr Stehkragen!« beteuerte das Kind. »Soll ich sie Ihnen
zeigen?«
»Später, später!« sagte Benno freundlich. Sein Kopf war noch mit
Gedanken an Martha gefüllt, und er überhörte beim Betreten des
Hausflurs ganz den Gruß der Frau Petterich.
Kopfschüttelnd sah ihm seine Wirtin nach.
»Jetzt glaaw ich's bald selwer,« seufzte die brave Frau, »daß es Zeit
werd, daß er unner'n Bandoffel kimmt! Dem Riese Goliath sei' Bandoffel,
des wär' so die richtige Größ' for en. Er werd schonn ganz daub vor
Zerstreutheit, die Lieb' hat sich bei em uffs Ohr gelegt, nächstens
schnappt er iwwer!«
Beim Betreten seines Zimmers fand Benno auf dem Tisch einen Strauß
frischer Wiesenblumen.
Den hatte ihm Mariechen gepflückt, die mit kindlich-überschwenglicher
Verehrung an ihrem Hauslehrer Benno hing.
Wie gut konnte er ihr alles erklären! Viel besser als die Lehrerin in
der Schule. Und nie schimpfte er. Immer war er gleichmäßig freundlich,
verlor nie die Geduld, so viel man ihn auch fragte. Und merkwürdig: Bei
der Lehrerin in der Schule verspürte man immer, sobald sie sich
umdrehte, den unwiderstehlichen Drang, ihr die Zunge herauszustrecken,
eine Nase zu schneiden oder wenigstens ein Gesicht zu ziehen -- bei
Benno kam ihr nie dieser Gedanke.
Benno war ihr guter Freund, ihr Vertrauter. Nur wo die Kinder herkommen,
sagte er ihr nicht. Wahrscheinlich wußte er's selber nicht.
Und noch eines war dem Mariechen aufgefallen: daß er ihren Namen nicht
behalten konnte. Er redete sie oft mit »Martha« an.
Sie hatte es einmal lachend ihrer Mutter erzählt, und diese hatte die
rätselhafte Antwort gegeben: »Wann er dich widder mit Martha aaredt,
dann reddst _du_ en mit 'Herr Käsberger' an!«
Benno nahm den Blumenstrauß in die Hand, seine aufgestülpte, bebrillte
Nase verschwand in den Blüten.
Er zog eine Marguerite aus dem Strauß und zupfte die Blätter ab und
flüsterte dabei: »Sie liebt den Wittmann -- se liebt ihn nicht -- se
liebt ihn -- se liebt ihn nicht -- se liebt ... der Schlag soll ihn
treffen!«
Er seufzte tief auf, hängte Hut und Mantel an den Türhaken und legte
sich auf das Sofa.
»Wolle Se gleich die Fieß vom Sofa erunner dhun!« erklang auch schon
Frau Petterichs vorwurfsvolle Stimme.
Frau Petterich war ins Zimmer getreten, um seinen Mantel zum Ausbürsten
zu holen.
Oder, ehrlicher gesprochen, sie kam unter diesem Vorwand, um sich zu
überzeugen, ob ihr Mieter wieder seufzend auf dem Sofa lag und »seine
Zuständ'« hatte.
Den Hauptschmuck des Zimmerchens bildete der große Bücherschrank. Da
standen unsere Klassiker in Reih und Glied, arg zerlesen, fleckig und
vergilbt, so daß man sie beim ersten flüchtigen Anblick für wertvolle
alte Ausgaben hätte halten können. Aber dem war nicht so. Stuart Webbs
hätte mit Leichtigkeit festgestellt, daß diese Flecken Bennosche
Fingerabdrücke und Butterbrotspuren waren.
Über dem Sofa hing ein Brautbild von Bennos verstorbener Mutter.
Zweifelsohne hatte diese Photographie einst in dem Brautbild des Vaters
ein Gegenstück besessen. Aber dieses Bild fehlte.
Hatte der kurzsichtige Benno es einmal fallen lassen, oder war es beim
Umzug verlorengegangen?
Nein, die Geschichte verhielt sich ganz anders, und sie war wieder
einmal eine echt Bennosche Geschichte.
Der alte Stehkragen und sein Sohn hatten sich zeitlebens schlecht
verstanden. Der Vater, ein Kleinkaufmann, hatte den kleinen Benno unter
schweren Opfern das Gymnasium besuchen lassen und hoffte, in ihm
dereinst eine Leuchte der medizinischen Wissenschaft zu sehen.
Benno sträubte sich hartnäckig gegen diesen Plan. Gewiß, es mußte
Befriedigung verleihen, körperliche Leiden zu heilen, Wunden zu
schließen -- aber sein ganzes Leben mit dem Anblick von Krankheiten, von
häßlichen Zerstörungen zubringen, all das Elend unserer Hinfälligkeit
tagein, tagaus von neuem zu studieren, dazu fühlte sich Benno nicht
stark genug. Ein prophetisches Gefühl ängstigte ihn, er werde als Arzt
keine frohe Stunde mehr genießen können, er werde die Welt durch eine
blutige Brille ansehen.
Der Literatur- und Kunstgeschichte wollte er sich einstens widmen --
ein Studium, zu dem der Vater schon aus materiellen Gründen nie seine
Zustimmung geben konnte.
So oft die Berufsfrage besprochen wurde, kam es zu hitzigen
Auseinandersetzungen, bei denen die Mutter bittere Tränen vergoß.
»Wein' nicht, Mutter,« tröstete Benno die alte Frau, wenn der Vater den
Hut aufgesetzt hatte, die Tür wütend zugeworfen und das Haus verlassen
hatte, um durch erregtes Spazierenlaufen in den Promenaden seinen Kummer
zu ersticken. »Flenn' nicht, Mama! Wenn ich erst emal e berühmter Mann
bin, wird sich der Vater schon beruhigen! Ich _kann_ nun emal kein
Bauchaufschneider werden, es interessiert mich nicht, wie die Leut'
inwendig aussehen! Mir is e gutes Gedicht lieber wie der schönste
Blinddarm -- hab' Vertrauen in mich und putz' derr die Tränen ab!«
Und die alte Frau trocknete ihre Tränen, sie hatte ja so gern Vertrauen
zu ihrem einzigen Kind.
Man konnte es unter diesen Umständen beinahe ein Glück nennen, daß
Stehkragen #senior# starb, ehe die Berufsfrage zur Entscheidung
drängte.
Benno ging damals in die Untersekunda und machte statt der Schulaufgaben
Gedichte an den Mond, an die Lotosblume und andere aus Heinrich Heine
entlehnte Requisiten der Verliebtheit.
Die Mutter, die schon früher dem Vater bei der Arbeit geholfen hatte,
führte opfermutig das kleine Geschäft weiter, aber trotz verzweifelter
Anstrengungen ließ sich kaum so viel herauswirtschaften, daß Benno das
Gymnasium weiter besuchen konnte.
Nur wenige Jahre überlebte seine Mutter den Vater.
Benno fand sich kurz vor dem Abiturientenexamen allein auf der Welt, als
Erbe eines Geschäftes, von dem er nichts verstand und zu dem er keine
Neigung hatte.
Wo sollte das Geld zum Studieren herkommen? Alle seine Hoffnungen
brachen zusammen. Es blieb keine Wahl: Ein Brotberuf mußte ergriffen
werden.
Freunde der Familie nahmen sich des jungen Menschen an, der eine
fatalistische Gleichgültigkeit zur Schau trug, liquidierten das
heruntergekommene Geschäft, retteten dem Erben eine unbedeutende Summe
und verschafften ihm mit Mühe durch die Protektion von Leuten, die Benno
kaum dem Namen nach kannte, eine Stelle als Lehrling in der
Industriebank.
So sehr dieser Beruf Benno bald zuwider ward, er fand zeit seines Lebens
nicht mehr die Energie, sich loszureißen und einen anderen Lebensweg
einzuschlagen.
Mit ein paar Möbelstücken aus dem Nachlaß der Mutter, mit ein paar
Bildern richtete sich Benno ein bescheidenes Heim ein. Dem Bild der
Mutter gab er den Ehrenplatz über dem Sofa, das Bild des Vaters aber,
das er nicht ohne Groll betrachten konnte, verkaufte er mit allerlei
Gerümpel. Seine Schulbücher warf er an einer unbeobachteten Stelle in
den Main.
Den voreiligen Verkauf des väterlichen Bildes bereute er freilich
später.
Denn als er älter und reifer geworden war, erschien ihm sein Vater
mitunter doch in einem ganz anderen Lichte, als ihn seine jungenhafte
Unduldsamkeit gesehen hatte.
Der alte, abgearbeitete Mann hatte es in seiner Einfalt sicherlich sehr
gut mit ihm gemeint, vielleicht am besten von allen Menschen.
Jetzt hätte Benno gern ein Bild seines Vaters besessen. Aber nun war es
zu spät. Aus der Verwandtschaft lebte nur noch eine sagenhaft alte
Tante, der Benno niemals geschrieben hatte, und von der er lediglich die
Erinnerung besaß, daß seine Mutter gelegentlich von ihr als von der
»geizigen Amalie« gesprochen hatte.
Nach langem Zögern frug er brieflich bei ihr an, ob sie ein Bild seines
Vaters hätte. Der Brief kam zurück mit dem Vermerk:
»Adressatin seit Jahren verstorben.«
Wenn nun Benno auch keine Photographie seines Vaters besaß, so war das
Brautbild über dem Sofa doch nicht ohne Gegenstück. Dieses Pendant
freilich war abermals ein echt Bennosches Kuriosum.
Da hing nämlich in breitem Goldrahmen, säuberlich unter Glas, eine
Landkarte von Deutschland.
Ursprünglich hatte ein Plan der Stadt Frankfurt diesen Platz
eingenommen. Aber als der einmal von der Wand gefallen war, hatte Benno
diesen Zufall für einen Wink von oben erklärt, sagte: »Dein Vaterland
muß größer sein« und ersetzte den Stadtplan durch die Karte von
Deutschland.
Statt des väterlichen Bildes prangte also ein Bild des Vater_landes_
über dem Sofa, neben dem Bilde seiner leiblichen Mutter das Bild der
geistigen Mutter.
Oft stand Benno vor dieser Landkarte, fuhr mit dem Zeigefinger die
Grenzlinien entlang, gleichsam die Karte liebkosend, und flüsterte:
»Dies ist das Herz der Welt!«
Ja, dieser kleine bucklige Mensch war ein glühender Patriot, und seine
Überzeugung lautete: »Es ist eine Streitfrage, ob es ein Glück ist,
überhaupt geboren zu sein. _Wenn_ man aber schon einmal geboren wird,
dann ist es das größte Glück, in Deutschland geboren zu werden.«
Deutschland, das war ihm nicht ein Land, in dem man zufällig zur Welt
kommt, Deutschland war ihm das Land der Länder, der Tempel der
Menschheit.
In deutscher Sprache hatte er reden, denken und fühlen gelernt, in
deutschen Schulen war er erzogen; alles, was er an Bildung und Kultur
genoß, war für ihn unmittelbar und unlösbar mit dem Deutschtum
verknüpft.
Er ging so weit, zu behaupten, Shakespeare sei in deutscher Sprache
tausendmal schöner als in englischer.
Und alle seine liebende Freude an Naturschönheit wurzelte in der
Anschauung deutscher Natur. Oder war es nicht ein deutscher Wald
gewesen, der ihn zuerst seine Geheimnisse hatte ahnen lassen, war es
nicht ein deutscher Strom, dessen Rauschen ihm zum erstenmal
Unendlichkeit gesungen hatte? Waren es nicht deutsche Wiesen, in denen
er sich als Kind getummelt, in denen er als Jüngling den Wolken
nachgeschaut und den Gesang der Vögel enträtselt hatte?
Mochte Italien immerhin das Land sein, wo die Zitronen blühen, in
Deutschland wuchs der Blüten edelste: die blaue Blume der Romantik.
Mochten immerhin kalte Wissenschaftler die Internationalität der
Gestirne nachweisen, seinem liebenden Überschwang waren es deutsche
Sterne, die ihm des Nachts zu Häupten leuchteten.
Ja, er zweifelte in seinem tiefsten Innern nicht daran: Der alte Jehova
hatte sicherlich längst das Hebräische als himmlische Hofsprache
abgeschafft, und wenn er jemals wieder den Menschen Gesetzestafeln
aufschreiben würde, so würde er's im reinsten Hochdeutsch tun, in der
neuesten Orthographie.
Wohl eine Stunde mochte Benno in Gedanken auf dem Sofa gelegen haben,
als es plötzlich klopfte.
Er hatte während dieser Stunde nur ein einziges Mal seine Siesta für
einen Augenblick unterbrochen gehabt, als es durch das offene Fenster
herübergetönt hatte:
»Du meine Seele, du mein Herz,
Du meine Wonne, du mein Schmerz ...«
Da hatte er schnell das Fenster geschlossen.
Nein, er konnte jetzt die Käsbergerin nicht singen hören.
Und hatte sich wieder auf das Sofa gelegt und weitergeträumt.
Frau Petterich brachte den ausgebürsteten Mantel.
»Lieche Se schonn im Bett?« fragte sie an der Türe. »Warum mache Se dann
kaa Licht an? Sie sin wohl lang net mehr vom Sofa erunnergeplumpst?
Odder wolle Se sich gern de Kopp am Bicherschrank ei'renne? Herr
Stehkrage, Se gefalle merr net mehr! Was hocke Se jetz schonn widder e
Ewigkeit im Dunkle unn fange Grille? Ich kann Ihne nor sage: Sein Se
froh, daß Se net mei Mann sin, mit Ihne dhät' ich emal deutsch redde!
Awwer mit Musikbegleidung von mei'm Deppichklopfer!«
»Sie brauchen kein Licht anzuzünden,« rief ihr Benno zu, indem er sich
melancholisch vom Sofa erhob. »Halten Sie mir bitte den Mantel! Ich geh'
noch aus.«
»Wie kann ich Ihne de Mantel halte, wann ich nix guck?!« beklagte sich
Frau Petterich. »Komme Se wenigstens eraus uff de Gang, da brennt e
Petroleumfunsel!«
Und während sie ihm den Mantel hielt, ließ sie ihre Blicke mütterlich
bekümmert über Benno gleiten, und ein tiefer Seufzer entstieg ihrem
molligen Busen.
»Sein Sie nicht böse, liebe Frau!« entschuldigte sich Benno. »Sein Sie
nicht böse, wenn ich manchmal etwas sonderlich bin. Ich kann nichts
dafür.«
»Kann etwa _ich_ ebbes dafor?« empörte sich seine Hauswirtin. »Awwer ich
waaß schonn, was Ihne fehlt! Ich bin e ahl Fraa, mir mache Se nix vor!
Sollt merrsch for meglich halte: So e ahler Esel muß sich noch e Eselin
suche! No ja, mir kann's recht sei'! Maantswege fahrn Se in die Terkei
unn heierate Se gleich e ganz Ahljungfernstift! Vielleicht dhun Se dann
widder zor Vernumft komme!«
Und sie zog dem kleinen Benno in ihrer Erregung den Mantel so energisch
über die Schultern, daß er beinahe vornüber gestolpert wäre.
Benno ging im Dunkeln dem Walde zu. Er biß sich auf die Lippen, das
Weinen war ihm nahe.
Sie hatte ja so recht, die gute Frau Petterich, wenn sie auch auf einer
falschen Fährte war.
Ja, ich bin ein alter Esel, sagte er sich, aber hat nicht auch Titania
einen Esel in den Armen gehalten? Ich bin ein alter Esel, und ich
verdiene Prügel. Mit einem weit härteren Instrument als mit einem
Teppichklopfer.
Aber während er sich so bittere Vorwürfe machte, schwoll sein Herz von
Süßigkeit. Und alle Versuche, Martha aus seinem Gedächtnis zu reißen,
gruben ihr Bild nur noch tiefer darein.
Er wandte sich um und blickte auf das nächtliche Frankfurt hinab.
Da lag die Stadt, ein glitzerndes Lichtmeer, beherrscht von der edlen
Silhouette des Domes. Dort drüben, das war die Kuppel der Hauptpost,
dort spielte der zackige Giebel des Römers, und jene Lichtquelle, von
der sich Lichtschlangen weithin ins Land zogen, das war der
Hauptbahnhof, von dem aus man nach der Türkei fahren konnte, um einen
Harem zu gründen.
Benno kannte alle Kuppeln und Türme seiner Vaterstadt, und sie schienen
ihm inmitten der Häuser aufgestellt wie die Figuren eines Schachbretts.
Etwas wie Ahnenstolz regte sich in ihm, als er es so vor sich sah, das
unermüdliche Frankfurt, die Hochburg des Bürgerfleißes, in seiner
siegreichen Selbstsicherheit.
Er liebte diese Stadt und grollte ihr zugleich.
Er liebte sie um ihrer kaufmännischen Großzügigkeit, ihres imponierenden
Zielbewußtseins willen -- er grollte ihr ob ihres Materialismus, der
auch die Kunst für ein Rechenexempel hält.
Und ihm war, die edle Francofurtia, die freie Patriziertochter, trüge
jetzt einen Federhalter hinter dem Ohr und habe Bureaustunden und
verzeichne die Taten ihrer Schutzbefohlenen nicht mehr auf goldener
Tafel, sondern in einem wohlliniierten Hauptbuch, und wenn man sie
früge, wer ihr bedeutendster Sohn sei, so antworte sie: Rothschild.
Er malte sich, während er in den Abend schritt, das Bild einer solchen
Francofurtia aus, er sah sie vor sich, hochgewachsen, mit goldenem Haar
-- und erkannte plötzlich, daß es Marthas Bild war, das ihm vor Augen
schwebte.
Er blickte empor und war überrascht von dem reichen Sternenhimmel. Und
da er sich erinnerte, daß der Aberglaube die Geschicke der Menschen von
den Gestirnen regieren läßt, so begann er spielerisch nach dem Stern zu
suchen, unter dem wohl er, Benno Stehkragen, geboren sein mochte.
War es der flackernde Sirius, der so kokett am Himmel tanzte und
glitzerte wie ein Brillantring?
War es der stolze Jupiter? Der Mars? Die Venus?
Ach nein, sagte sich Benno wehmütig. Wie käm' ich zu solch vornehmen
Geburtshelfern? Mein Gestirn ist der Mond, und er war, wie ich geboren
wurde, sicher im abnehmenden Viertel. Der Mond, der kein eigenes Licht
hat, das ist für mich der einzig mögliche Planet. Und einen Buckel hat
er auch! Die Gelehrten behaupten zwar, das sei das Mondgebirge -- aber
was verstehen die Gelehrten von der Wissenschaft?
Durch die Stille brach das Rattern eines nahen Eisenbahnzuges und lenkte
Bennos Gedanken wieder vom Himmel auf die Erde.
Er hatte nun den Wald betreten, und Dunkel umfing ihn. Die Baumkronen
standen so dicht, als schmiegten sie sich furchtsam aneinander, die
Büsche und Sträucher verschwammen zu einer Nebelmauer.
Benno ging, wohin ihn der Weg führte; er hatte kein bestimmtes Ziel. Die
Stille, die Finsternis taten ihm so wohl, es ließ sich dabei so
schmerzlich-süß träumen.
Tönte da nicht Musik? Nein, das Rauschen eines Bächleins war es, und er
wußte sogleich: Das war das Königsbrünnchen.
Er sah es in Gedanken vor sich, wie er es so oft bei Tage gesehen hatte,
er sah die Quelle über die vom Eisengehalt des Wassers geröteten
Felsbrocken sprudeln, und er bedachte:
_Wenn_ ich jetzt an dem Königsbrünnchen säß' -- mit einer großen Angel
-- und einem Regenwürmchen vorn dran -- weil die Fische auf einen leeren
Angelhaken nicht anbeißen -- (so dumm sind nur die Menschen) -- und ich
tät' nix fangen -- weil's in dem Königsbrünnchen überhaupt keine Fische
gibt -- sondern es ging' mir wie dem Fischer von Goethe -- und die Flut
tät' sich plötzlich teilen, und es käm' eine von den Wassernixen hervor
-- die's in dem Königsbrünnchen _auch_ nicht gibt -- und die Wassernix'
tät' sagen: »Schöner Jüngling,« tät' se sagen -- »legen Se ab und kommen
Se herein« -- und dabei tät' se schmeichelnd ihren weichen Nixenarm um
meinen Hals legen -- und küßt' mich -- und ich wehr' mich nicht, denn
warum auch? -- und plötzlich fällt der Mondstrahl gerad auf ihr Gesicht
-- und es ist die Martha Böhle -- und ...
Und plötzlich schlug Benno Stehkragen die Hände vors Gesicht und weinte
bitterlich.
Es war spät in der Nacht, als er heimkehrte, und ein starker Entschluß
war in ihm gereift: Er wollte sich Martha offenbaren, er wollte ihr
sagen, daß er ihr Sklave sei für alle Zeit, und daß sie ihn erhöhen oder
vernichten müsse.
Er hatte den Hausschlüssel vergessen und mußte deshalb seine Wirtin aus
dem Schlaf schellen.
In einem flanellenen Unterrock kam Frau Petterich, einen
Fünfminutenbrenner in der Hand, gewichtigen Schrittes die Treppe
herunter.
»Schonn dahaam?« frug sie bösgelaunt über die Störung. »Sie war'n wohl
beim Ebbelwei?«
»Ja, ich war beim Äpfelwein,« log Benno.
»So? Des nächstemal iwwernachte Se nor aach gleich im Wertshaus! Odder
maane Se, ich habb Lust unn bild' mich wege Ihne zum Nachtwächter aus?«
Schuldbewußt stieg Benno hinter ihr die Treppe empor.
Auf der fünfzehnten Stufe versagte der Fünfminutenbrenner, und Frau
Petterich schrie, indem sie einen neuen in Brand setzte: »Jetz verbrenn'
ich merr aach noch wege Ihne die Pfote!«
Unheilvoll schweigend legte sie den Rest der Treppe zurück, unheilvoll
schweigend zündete sie ihm seine Petroleumlampe an. Sie hatte noch
einige kräftige Worte auf der Zunge -- ach, es war ja so lange her, daß
sie keine Gardinenpredigt mehr hatte halten können -- aber als sie
Bennos klägliche Miene sah, überkam sie wieder das Mitleid.
»Sie wer'n immer reifer zum Heierate: sogar unbünktlich haamkomme dhun
Se schonn! No, die Käsbergerin werd Ihne schonn ziehe!« sagte sie und
verabschiedete sich mit einem energischen »Gu'n Nacht, Herr
Nachtschwärmer!«
Benno hörte sie in ihrem Zimmer noch eine kurze Weile rumoren, vernahm
noch ihre Worte: »Schlaf nor, Marieche, es war nor der Herr Käsberger«
-- dann ward es stille.
Wenige Minuten später lag er selbst im Bett. Aber er konnte nicht
einschlafen.
Er wälzte sich auf die rechte Seite, starrte in das Licht der
Petroleumlampe und stöhnte: »Ich lieb' se, ich lieb' se, ich bin
verrückt, es hat noch nie einen so meschuggenen Menschen gegeben wie
mich -- aber ich lieb' se!
Und ich muß es ihr sagen.
Aber wie? Ich kann ihr doch nicht im Bureau eine Liebeserklärung machen?
Ich kann doch nicht mitten auf der Kaiserstraß' vor sie hinknien und
einen Volksauflauf verursachen?
Soll ich vielleicht einmal mit ihr ins Kino gehen? Und wenn's dunkel
wird, und auf der Leinwand küßt sich gerade ein Liebespaar -- es wird
nirgends auf der Welt so viel geküßt wie auf einer Kinoleinwand --, dann
nehm' ich sacht ihr Händchen und streichel's und flüstre -- ja, wenn ich
nur wüßt', was man bei solchen Gelegenheiten flüstert!«
Er wälzte sich auf die linke Seite.
»Ist die Menschheit nicht närrisch? Weshalb nimmt man nicht einfach das
Mädchen, das man liebt, beim Arm und packt se in eine Droschke und fährt
se nach dem Standesamt und zieht dort seinen Füllfederhalter heraus,
unterschreibt, fährt heim und is verheiratet? Weshalb muß man vorher
erst eine Liebeserklärung loslassen und Sonne, Mond und Sterne
beschwören und sich die Zunge aus dem Hals und die Vernunft aus dem Kopf
stammeln? Weshalb genügt es nicht, daß man _fühlt_? Weshalb muß man die
Gefühle auch noch in überschwengliches Deutsch bringen?«
Benno wälzte sich auf die rechte Seite.
Ȇberhaupt, will ich sie denn _heiraten_? So weit sind wir doch noch gar
nicht. Weiß ich denn, ob sie mich wiederliebt? Vielleicht sagt se: 'Herr
Stehkragen, Sie sind noch zu jung zum Heiraten! Und Sie essen gern
Apfelschalet, den ich nicht ausstehen kann, und ich ess' gern
Grünekernsupp', vor der's Ihnen graust -- Herr Stehkragen, das wird
keine glückliche Ehe!'
Nein, vom Heiraten will ich ihr noch nicht sprechen. Nur meine Liebe
will ich ihr mitteilen. Aber wie, aber wie?«
Benno wälzte sich auf die linke Seite.
»Wenn mir's nur einer vormachen wollte! Natürlich nicht bei der Martha.
Es gibt doch Tanzstunden und Sprachstunden und Unterricht in der
doppelten Buchführung, warum gibt es keinen Unterricht in einfacher
Liebeserklärung?«
Und plötzlich kam ihm eine Erleuchtung.
Er sprang im Nachthemd aus dem Bett, eilte an seinen Bücherschrank und
nahm einen Band Shakespeare heraus.
Er wollte in »Romeo und Julia« nachsehen, wie's der Romeo gemacht hatte.
Den Band im Arm kroch er ins Bett zurück und blätterte krampfhaft.
Da, am Schluß des ersten Aktes, war eine passende Stelle:
»Entweihet meine Hand verwegen dich,
O Heil'genbild, so will ich's lieblich büßen,
Zwei Pilger, neigen meine Lippen sich,
Den herben Druck im Kusse zu versüßen.«
Hm, ob Martha das verstehen würde? Es war ein bißchen hoch für ihre
Verhältnisse. »Den herben Druck im Kusse zu versüßen.« Und gleich mit
Küssen anfangen, nein, es ging nicht, es ging unmöglich. In Verona war
man in solchen Dingen offenbar liberaler als in Frankfurt am Main.
Benno legte sich auf den Rücken und blätterte emsig weiter.
»Ich bin kein Steuermann, doch wärst du fern
Wie Ufer, die das fernste Meer bespült,
Ich wagte mich nach solchem Kleinod hin.«
Benno ließ aufstöhnend das Buch auf die Bettdecke sinken.
Alles sehr schön, wunderschön sogar, aber für seine Zwecke ganz
unbrauchbar.
Vielleicht gab's im Schiller ein besseres Rezept?
Er wollte abermals aus dem Bett springen, da machte die Lampe knacks.
Der Zylinder war geplatzt, nachdem die Lampe schon die ganze Zeit
geblakt hatte.
Benno fuhr entsetzt auf, hob den Kopf nach dem Nachttisch und blies das
Licht aus.
»Frau Petterich wird toben, wenn sie die kaputtene Lampe sieht,« ächzte
er. Womöglich war der Zylinder _auch_ ein Erbstück von ihrem Großvater?
Und die ganze Bettdecke voll Ruß!
Seine Gedanken nahmen eine andere Richtung, er wälzte sich noch eine
Weile fiebernd im Finstern, bis ihn die Müdigkeit überwältigte.
Morgens beim Erwachen fiel ihm ein, daß er heute abend ins Theater
mußte. Er hatte es Katharine versprochen, die zum erstenmal eine kleine
Solorolle singen durfte, die erste Brautjungfer im »Freischütz«.
Seit vierzehn Tagen übte sie nichts anderes mehr als »Wir winden dir den
Jungfernkranz«.
Benno stand noch in Unterhosen, da brachte Frau Petterich den Kaffee. Er
hatte wieder einmal das Klopfen überhört.
Schweigend stellte sie das Frühstück auf den Tisch, würdigte weder Benno
noch die demolierte Petroleumlampe eines Blicks, schweigend entfernte
sie sich.
Und als Benno fortging, ließ sie sich nicht sehen, sondern blieb, eine
gekränkte Juno, in der Küche.
Mit gesenktem Kopf schlürfte Benno seinen Weg zur Industriebank. Und
vergrämt sagte er sich: Du verlierst noch wegen deiner aussichtslosen
Liebe die wenigen Freunde, die dich gern haben ...
»Was gucken Sie mich denn so an?« frug Martha gereizt, als sie eines
Vormittags an dem gemeinsamen Arbeitspult im Couponbureau Platz nahm.
»Ich guck' Sie nicht an, ich guck' _in_ Sie!« gab Benno in ungewöhnlich
scharfem Ton zurück.
Martha Böhle zupfte verärgert an der Perlenhalskette, die sie neuerdings
trug, warf ihrem Gegenüber einen bösen Blick zu, den dieser mit
mißachtendem Achselzucken aufnahm.
Die Kollegen im Couponbureau stießen sich heimlich an, die Beamtinnen
kicherten.
Benno grollte. Er hatte noch keine Gelegenheit gefunden, ihr seine
Verliebtheit zu offenbaren, und selbst wenn sich eine Gelegenheit
geboten hätte, würde er sie jetzt ungenutzt vorübergehen lassen. Seine
Liebe hatte das goldfarbene Gewand der Sehnsucht abgeworfen und sich in
den strohgelben Mantel des Hasses gehüllt.
Ja, er haßte Martha in diesem Augenblick.
Der Theaterabend hatte ihm ein bitteres Erlebnis gebracht, einen Argwohn
geweckt, der nicht mehr zur Ruhe kommen wollte.
Bis zur großen Pause war der Abend so schön verlaufen.
Schon nach der Ouvertüre hatte sich Benno, befeuert von der herrlichen
Musik, gesagt: Du solltest doch öfter ins Theater gehen! Vielleicht ist
es doch nicht recht von dir, daß du dich von der Welt abschließest,
vielleicht birgt die Welt reichere Schönheiten, als du, ein
trotzköpfiger Eigenbrödler, zugeben willst. Du verstaubst, Benno! Du
bist ein altmodisch gewordener Überzieher, der in einem Schrankwinkel
verkommt und sich beleidigt fühlt, daß freudigere Farben modern geworden
sind. Und der in schmollender Eingebildetheit deklamiert: Auch _meine_
Zeit wird wiederkommen, auch _ich_ werd' wieder modern! Und seine Farbe
_wird_ auch wieder modern -- aber bis dahin haben ihn längst die Motten
gefressen!
Eine stille Seligkeit zog bei den Arien Max' und Agathes in sein Herz
ein.
Waren diese melodischen Liebesergüsse nicht noch werbender,
umstrickender, lodernder als die kühnsten Beschwörungen eines Romeo?
Einen Tenor sollt' ich haben, dachte er, und damit singen können sollt'
ich -- dann wüßt' ich's, wie ich der Martha meine Liebe erklären müßte!
Ich wollt' mich in ihre Seele hineintrillern und wollt' se bekantilenen,
daß se gar nicht mehr anders könnt', als mir um den Hals fallen und
seufzen: »Mein Benno, mein süßer Benno!«
Und ich tät' vor ihr hinsinken und tät' meinen Wuschelkopf in ihrem
Schoß bergen, und hauchen tät' ich: »Ich bin dein! Alles ist dein: mein
Herz, und mein Buckel, und mein hohes #C# -- alles, alles dein!«
Beifallsklatschen störte seine Träumerei.
Er sah sich erstaunt von seinem Galerieplatz um: Das Dämmerlicht des
Zuschauerraums war von voller Beleuchtung abgelöst worden, ringsum saßen
applaudierende Leute, und tief unten hob sich der Vorhang, und winzig
aussehende Menschen in bunten Kostümen verbeugten sich an der Rampe.
Benno nahm das geliehene Opernglas zur Hand und ließ seine Blicke
umherwandern.
Dort, auf einem Seitenplatz des zweiten Ranges, saß der dicke Rehle vom
Wechselbureau und schmauste ein kräftig belegtes Butterbrot, das ihm
seine fürsorgliche Alte mitgegeben hatte. Kauend unterhielt er sich mit
einem bezwickerten Mädchen, das neben ihm saß und von Zeit zu Zeit
vergnügt zu seinen Reden auflachte.
Benno lenkte das Opernglas nach der anderen Seite des Hauses und
entdeckte in einer Loge das üppige Fräulein Antonie Hochberg, im
Schmucke übergroßer Brillanten.
Ob die auch etwas empfand bei der Musik?
Sie saß steif auf dem Logenvorderplatz, mit einer Miene, als gehöre ihr
das ganze Opernhaus, und als dulde sie nur aus Gnade die Anwesenheit
minderbemittelter Staatsbürger und Staatsbürgerinnen.
Vor ihr auf der Brüstung lagen ihre Glacéhandschuhe, und Benno
phantasierte:
_Wenn_ ihr jetzt ein Handschuh hinunterfiele -- wie im Schiller --
mitten zwischen die Salonlöwen und die Parkettigerinnen -- und sie tät'
zu mir heraufrufen: »Herr Delorges Stehkragen -- ei, so hebt mir den
Handschuh auf!« -- ich tät' herunterrufen: »Edles Fräulein Kunigunde
Hochberg,« tät' ich rufen, »wie kommen Se merr vor? -- Heut abend bin
ich nicht der Stehkragen vom zweiten Pult im Couponbureau der
Industriebank, der vor jeder Kundin seinen Knicks machen muß -- heut
abend bin ich der Kunstgenießer und Kunstmäzen Ritter Benno -- und ich
sitz' so stolz auf meinem numerierten Galerieplatz wie der König auf
seinem unnumerierten Thron -- und von mir aus kann auch noch Ihr
_zweiter_ Handschuh hinunterfallen -- und Ihre Brillantenausstellung --
und Sie selbst dazu -- ich seh' gar nicht einmal hin nach Ihnen -- denn
ich schwärm' für ein junges Mädchen -- das mir gegenüberwohnt am
Kontorpult -- und goldene Haare hat -- und ...«
Das Haus verfinsterte sich wieder, und die Wolfsschluchtszene begann.
Wie ein Kind freute sich Benno über die Regiewunder dieses
Gespensteraktes. Er war ja so lange nicht mehr im Theater gewesen und
hatte keine Ahnung davon, welche Illusionen ein geschickter Regisseur
vermittelst Leinwand, Pappdeckel und bengalischer Beleuchtung
hervorzaubern kann.
Er amüsierte sich herzlich über die tanzenden Skelette, über die
Totenschädel, die mit den leeren Augen so schaurig glitzern konnten, und
wahrhaftig, ihn gruselte dabei ein wenig.
Und als gar der Höllenfürst Samiel erschien, da schmunzelte er in dem
stolzen Bewußtsein seiner eigenen Bravheit vor sich hin: Wie viel besser
es doch sei, als ordentlicher Mensch tagsüber Coupons nachzuzählen und
Fakturen zu schreiben und des Nachts in einem soliden Federbett zu
schlafen, an den lieben Gott zu glauben und am Samstag in die Synagoge
zu gehen, als sich mit dem wilden Jäger in Duzbrüderschaft einzulassen,
seine einzige Seele gegen irdischen Profit zu verramschen und um
Mitternacht in einer Gegend, in der sogar eine Wildsau ohne Leine
herumläuft, zwischen allerhand unangenehmen Knochenfragmenten Freikugeln
zu gießen.
Benno fühlte sich erleichtert, als der höllische Spuk vorüber war und
die Leute aus dem Zuschauerraum strömten, um sich während der großen
Pause zu ergehen.
Als er die Treppe nach dem Foyer hinunterstieg, klopfte ihm jemand von
hinten auf die Schulter. Er wandte sich um und sah in Papa Käsbergers
strahlendes Gesicht.
Herr Käsberger hatte sich alle Spuren seines Berufes aus dem Gesicht
gewaschen, er steckte in einem schwarzen Gehrock, den er sonst nur bei
Stiftungsfesten trug, seine riesigen Hände quälten sich in schwarzen
Stoffhandschuhen von unwahrscheinlicher Größe.
»Des is nett von Ihne, Herr Stehkrage, daß Se zu dem Erfolg von meiner
Tochter gekomme sin!« sprach er so laut, als ob er sich an seinem
Stammtisch befände. »Ich habb Se schonn die ganz' Zeit mit de Aage
gesucht, awwer ich habb' Ihne net gefunne! Dann wisse Se, ich habb' kaan
Operngucker, als Schornstaafeger braacht mer so was net, unn ich wer'
doch an der Garderob' kaa fuffzig Fennich for so e Ding zahle!«
Benno war diese Begegnung nicht eben angenehm, aber es gelang ihm nicht,
den alten Käsberger abzuschütteln.
So drängten sie sich nebeneinander durch das Foyer.
Papa Käsberger ging ans Büfett, nahm eines der belegten Brötchen in die
Hand und fragte: »Was kost' des?«
Als er hörte, es koste dreißig Pfennig, legte er das Brötchen wieder
zurück und begann seinem Unmut über diese »Räuwerei« so erregt Luft zu
machen, daß es Benno angst und bange wurde.
Benno Stehkragen wandte den Kopf weg, als gehöre er nicht zu diesem
polternden Menschen -- da fiel sein Blick auf einen blonden, lächelnden
Frauenkopf.
Das war Martha.
Und dicht vor ihr stand im Frack Direktor Hermann und hielt ihr mit
verbindlicher Geste eine Schale Eis, aus der sie geziert aß.
Benno war zumut, als hielte ihn der schwarze Jäger beim Kragen. Er stand
mit offenem Mund da, er wollte aufschreien -- da wandte auch Martha den
Kopf, und ihre Blicke begegneten sich.
Er fühlte sofort, daß sie ihn erkannt hatte, ihn aber nicht kennen
wollte.
Sie sah ihn ruhig an, während Direktor Hermann lachend in sie
hineinplauderte.
Benno überlegte einen Augenblick, ob er sie trotzig ansprechen sollte,
aber die Gegenwart des allmächtigen Direktors erstickte diesen Gedanken
im Keim. Martha hatte den Kopf ein wenig gehoben und blickte nun
abweisend über ihn hinweg.
Tief verstimmt und gekränkt suchte er wieder seinen Galerieplatz. Der
Zuschauerraum verdunkelte sich, die Musik setzte ein, aber er hörte nur
noch mit halbem Ohr hin. Das Stück interessierte ihn nicht mehr.
Er saß mit geballten Händen, und wäre jetzt der schwarze Jäger neben ihm
aufgetaucht, so wäre er gar nicht abgeneigt gewesen, mit ihm einen
Vertrag abzuschließen.
Was war das mit Direktor Hermann? Seit wann war er, der Unnahbare, so
liebenswürdig? War dies die erste Begegnung gewesen, oder hatten sich
die beiden schon öfter im Theater getroffen? Und mit welcher
Selbstverständlichkeit hatte Martha seine Galanterie angenommen!
Lachend, wie sie sich von Wittmann den Hof machen ließ, hatte sie sich
die Huldigungen Hermanns gefallen lassen!
Zu allen Menschen war sie freundlich, alle Menschen wurden fröhlicher
in ihrer Nähe, nur ihn, Benno Stehkragen, trat sie mit Füßen.
Im Orchester setzte das Lied vom Jungfernkranz ein, und Benno kam wieder
zu sich. Auf der Bühne knickste Katharine und sang ihr Liedchen, aber
Benno hielt es nicht einmal der Mühe wert, das Opernglas auf sie zu
richten.
Ihre Stimme kam ihm in dem großen Haus erschreckend dünn und metallos
vor.
Nein, es war nichts mit ihrer Künstlerschaft. Er empfand es in diesem
Augenblick mit einer gewissen Schadenfreude.
Dennoch regte sich, als Katharine geendet hatte, unerwarteter Applaus.
Die Mitglieder des Schornsteinfegervereins »Die lustigen Rauchfänger«
waren vollzählig im Hause vertreten, und sie ließen es sich nicht
nehmen, der Tochter ihres zweiten Vorstandes den Weg in die
Unsterblichkeit mit den Rosen des Beifalls zu bestreuen.
Auf der Stehgalerie stand enggeklemmt Papa Käsberger und lachte über das
ganze Gesicht. Wildfremde Menschen hatten geklatscht, er hatte es
deutlich gesehen -- vielleicht hatte der Lebrecht Breivogel, der Lump,
doch recht gehabt, und in seiner Rita steckte eine Großfürstin im Reiche
der Kunst.
Als der wohlwollende Beifall schon längst verstummt war, klatschte Papa
Käsberger noch immer, bis ein ärgerliches Pssst!! seine Riesenhände zur
Ruhe zwang. Aber das dämpfte sein jubelndes Triumphgefühl nicht.
Er vertiefte sich in den Theaterzettel und las ihn zum hundertstenmal,
den köstlichen Zettel, auf dem ganz unten stand: Erste Brautjungfer ...
Fräulein Rita Veldern.
Das Adelsprädikat »von« hatte der Zettel rücksichtsvoll unterdrückt.
Der Zwischenaktvorhang fiel, Benno erhob sich und ging nach Hause.
Seine Freude am Theater war zerstoben, die rohe Faust der Wirklichkeit
hatte den Traumschleier zerrissen.
Er mied die hellen Hauptstraßen und schlich sich durch Seitengassen
heimwärts.
Er übersann das Erlebte, er versuchte, sich die Szene im Foyer nochmals
Zug für Zug zu vergegenwärtigen, und gab sich die größte Mühe, objektiv
zu sein.
Ich will gerecht sein, ich will nicht nach dem Schein urteilen, mich
nicht von einer Gefühlswallung bestechen lassen. Was hat sie eigentlich
so Schlimmes verbrochen? Sie hat ihrem Chef zugelächelt, sich seine
Höflichkeit gefallen lassen. Hätte das nicht auch jede andere Beamtin
getan? _Konnte_ sie überhaupt anders handeln? Durfte sie eine
Gefälligkeit, auf die jede Dame Anspruch hat, mit einer Ungezogenheit
erwidern?
Sein Verstand verteidigte Martha gegen die Anklagen seines Herzens. Aber
seinen Verteidigungsreden wohnte keine Beweiskraft inne.
Er hatte das Faunlächeln Hermanns gesehen, dieses Lächeln lüsterner
Eroberersicherheit, das ihm an Wittmann so zuwider war.
Sein Mißtrauen blieb wach, mochte er es noch so eifrig mit dem
Schlafpulver der Objektivität einzuschläfern versuchen.
Zwar begleitete er noch immer Martha des Mittags von der Bank bis zum
Uhrtürmchen, lief neben ihr her wie ein Hündchen, jedoch er war kein
folgsames, willenloses Schoßhündchen mehr, er war ein kleiner lauernder
Pinscher, der tückisch nach rechts und links schielte, jeden Augenblick
bereit zu geifern und zu beißen.
Die Verstellung tat Benno weh. Das war etwas Unaufrichtiges, Unreines,
was ihm bisher fremd gewesen.
Ich fühle, daß ich schlecht werde! sagte er sich. Ich fange an zu
hassen. Der Haß des Ohnmächtigen bäumt sich in mir und macht mich
rachsüchtig, wie er einst die Seele des alten Shylock vergiftet hat.
Aber man will mir mein Liebstes beschmutzen, wie man es einst ihm
befleckt hat. Wer weiß, vielleicht hätte der alte Shylock seinen Feinden
und Unterdrückern allen Hohn, jeden Speicheltropfen, jeden Fußtritt
verziehen, vielleicht hätte er vor dem Gericht des Dogen erklärt: »Ich
habe euch nur ängstigen wollen, ich wollte nur einmal euch Stolze,
Übermütige in der Rolle der Bittenden sehen, ich verzichte auf das Pfund
Fleisch aus dem Busen meines Feindes« -- hätten sie ihm nicht seine
Tochter, seine Jessika, geraubt. Mochten sie ihn knechten, ihm seine
Geschäfte stören, ihn und sein Volk durch Ausnahmegesetze peinigen --
der alte Ghettojude durfte sie innerlich verlachen: Sein Volk war ja
dennoch das Lieblingsvolk Gottes, der ihm den Messias verheißen hatte
und der sein Wort halten würde, so gewiß er einst die Vorfahren aus der
ägyptischen Knechtschaft geführt hatte.
Aber sie haben ihm seine Tochter geraubt -- da gab es kein Erbarmen.
»Der Fluch ist erst jetzt gefallen auf mein Volk, ich hab' ihn niemals
gefühlt bis jetzt,« sagt er zu seinem Glaubensgenossen Tubal. Seiner
Tochter gilt seine erste Frage, als Tubal ihm Neuigkeiten von auswärts
bringt, seiner Tochter gelten seine Gedanken, während er im Gerichtssaal
das Messer zur Rache wetzt. Und indes er sich anschickt, in unstillbarem
Haß den Busen seines Feindes zu zerfleischen, vergibt er gleichzeitig
halb und halb dieser undankbarsten aller Töchter und flüstert:
»Ich hab' ne Tochter,
Wär' irgendwer vom Stamm des Barrabas
Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!«
Benno stachelte sich selbst zum Haß auf, redete in sich hinein: Hätte
ich einen solchen Schuldschein gegen Wittmann oder Hermann, auch ich
würd' keine Gnade kennen!
Aber er glaubte seinen eigenen Racheschwüren nicht. Der großartige Haß
des venezianischen Ghettojuden hatte keinen Platz in seinem gutmütigen
Phantastenherzen, und während er sich in die Rolle des steinharten
Gläubigers hineinzuschauspielern versuchte, liebte er Martha mehr als
je.
Über ein folterndes Mißtrauen wuchs seine Enttäuschung nicht hinaus.
Unwillkürlich schweiften jetzt seine Gedanken häufiger zu Katharine
Käsberger hinüber. Er verglich sie mit Martha, und der Vergleich fiel
nicht mehr so kraß zu ihren Ungunsten aus.
Obwohl Katharine ein uneheliches Kind hatte, obwohl sie in der
Scheinwelt der Bühne heimisch war, erschien sie ihm jetzt reiner und
unschuldiger als Martha. Dieses verblühte, unbedeutende Mädchen hätte es
sicherlich niemals übers Herz gebracht, so tyrannisch mit seinen
heiligsten Empfindungen zu spielen, wie Martha es tat. Und in einer
plötzlichen Eingebung kaufte er einen großen Strauß weißer Rosen und
brachte ihn Katharine.
»Ich will mich in sie verlieben,« sprach er sich auf dem Wege zu ihr
vor, wie ein Schulkind, das einen Satz auswendig zu lernen hat. »Ich
will mich in sie verlieben, damit ich die Martha vergess' und wieder
zurechnungsfähig werd'.«
Katharine war entzückt von den Blumen. Und ihr Entzücken wuchs noch, als
er ihr die plumpesten Komplimente über ihr Auftreten als Brautjungfer
machte.
Papa Käsberger wies mit Stolz auf den Freischütz-Theaterzettel, der
eingerahmt über dem Klavier hing. Die Worte »Erste Brautjungfer ... Rita
Veldern« waren mit roter Tinte unterstrichen.
»Ja, es war e Bombe'erfolg, mei liewer Stehkrage,« lachte der
glückselige Schornsteinfegermeister. »Ich habb' vor lauter Uffregung gar
net haamgehe könne. Ich habb' merr ehrscht noch mei sechs Schöppcher
Ebbelwei kaafe misse. Ja, merr kann sage, was merr will: Kunst is
Kunst.«
Und Benno überbot diese Lobpreisung noch und erzählte begeisterte
Äußerungen aus dem Publikum, die er angeblich gehört hatte.
Und dabei peitschte ihn sein Gewissen: Benno, wie tief bist du gesunken,
wie lügst du, und wie beschämend leicht fällt dir das Lügen!
Katharine nahm die Huldigungen mit der verlegenen Verschämtheit einer
alten Jungfer entgegen. Sie bemühte sich, möglichst bescheiden
auszusehen, während doch das Glück ihr Herz schwellte, und sie machte
ein Gesicht, das jeder unbefangene Zuschauer als strohdumm hätte
bezeichnen müssen.
Mama Käsberger hatte das Sofa mit Beschlag belegt und konnte beim besten
Willen nicht stillsitzen. Sie rutschte aufgeregt hin und her,
entschuldigte sich ein dutzendmal, daß sie so eine alte Nachtjacke
anhabe, aber sie hätte doch nicht auf so angenehmen Besuch gefaßt sein
können, nachdem sich Herr Stehkragen leider in den letzten Tagen so
selten gemacht habe, man hoffe aber, jetzt wieder öfter das Vergnügen zu
haben.
Und ihr tränendes Mutterauge fand, daß Bennos Buckel, wenn man genau
hinsehe und das eine Auge zukneife, tatsächlich im Abnehmen begriffen
sei.
Während dieser Familienszene bewahrte nur Lebrecht, der angenehme Knabe,
seine Gemütsruhe. Er saß auf einem Schemel in der Zimmerecke,
zerpflückte Bennos Rosenstrauß und stopfte die weißen Rosenblätter in
das Tintenfaß. Seine Absicht war, dieses Tintenfaß, sobald es bis zum
Rand voll wäre, auf den Teppich umzugießen und dann ins Bett zu gehen.
Benno machte tiefen Eindruck auf alle Käsbergers.
Dennoch gestand er sich auf dem Heimweg: Es is unmöglich, ich kann mich
nicht in se verlieben, ich lieb' die Martha, ich komm' nicht von ihr
los!
Und so war es.
Da traf ihn ein zweiter harter Schlag.
Martha erhielt, außerhalb der Reihe und ohne jede äußere Veranlassung,
eine beträchtliche Gehaltsaufbesserung.
In der Industriebank gärte Empörung. Der Neid zischelte: »Nun ja, kein
Wunder! Wenn man mit seinem Bureauchef ins Kino geht ...«
Die Beamtinnen konstatierten giftig: »Und eine Perlenkette trägt die
Person auch noch! Aber so ist die Welt! Unsereins, der anständig ist,
bringt's natürlich zu nichts.«
Selbst der alte Binder mußte sich kopfschüttelnd sagen: »Merkwürdige
Zuständ' herrsche uff unserer Bank! No ja, es is halt e Affestall!«
Benno hörte die gehässigen Reden, die sich Martha zur Zielscheibe
nahmen, aber er verteidigte sie nicht mehr in seinen Gedanken.
Diese plötzliche Gehaltsaufbesserung war ihm ein neues Glied in der
Beweiskette ihrer Leichtfertigkeit, ihrer frivolen Genußsucht.
Und deshalb sah er sie beim Morgengruß so sonderbar an und erwiderte
ihre erstaunte Frage mit so ungewohnter Schärfe. Den ganzen Vormittag
über vergrub er sich tapfer in seine Arbeit und vermied es ängstlich
Marthas Blick zu begegnen.
Heut' muß ich ernstlich mit ihr reden, nahm er sich vor. Heut' auf dem
Nachhausweg sag' ich ihr alles, daß ich se lieb', und daß der Wittmann
kein Verkehr für sie is, und daß der Direktor Hermann ein alter
Mädchenjäger sei, der schon viele Jungfrauen ins Unglück gestürzt habe.
Das letztere wußte er nicht so genau, aber er wollte es jedenfalls
einmal behaupten. Jetzt kam's auf eine Lüge mehr nicht mehr an.
Ich muß hart sein, beredete er sich, indes er die dreißig Coupons
vierprozentige Bayerische Vereinsbank-Pfandbriefe der Antonie Hochburg
nachzählte. Da sagt man immer -- dreizehn, vierzehn -- die Liebe veredle
den Menschen -- siebzehn, achtzehn -- aber es ist nicht wahr --
einundzwanzig, zweiundzwanzig -- rachsüchtig und unaufrichtig macht die
Liebe -- sechsundzwanzig, siebenundzwanzig -- und selbstsüchtig und
boshaft -- neunundzwanzig, zweiunddreißig.
Und dann mußte er die Coupons von neuem durch die Hand gleiten lassen,
denn er hatte sich verzählt.
Benno legte sich die Rede zurecht, die er über Martha ergießen wollte.
Aber er kam wieder einmal nicht dazu, seine Rede zu halten.
Denn als er mittags, wie gewöhnlich, am Portal der Bank wartete, ging
Martha rasch an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen.
Er hüpfte ein paar große Schritte, um sie einzuholen. Da drehte sie sich
schroff um und sagte: »Ich verbitte mir Ihre Begleitung! Nehmen Sie erst
einen Anstandskursus, damit Sie sich Damen gegenüber einen anständigen
Ton angewöhnen!«
Zum erstenmal seit langer Zeit mußte Benno mittags allein bis zum
Uhrtürmchen traben. Und der Prophet Elias kam sich in der Wüste nicht
halb so verlassen vor wie der arme Benno in der belebten Kaiserstraße.
Trübselig guckte er an den Häusern empor und ihm war, sie erwiderten
seinen Blick und starrten ihn mit ihren kalten Fensteraugen feindselig
an.
Nicht einmal die mogelnde Kartenspielerin in dem Porzellangeschäft
vermochte ihn aufzuheitern.
Und vor dem Trompetenbaum gedachte er nicht seines geliebten
Naturgeschichtslehrers, sondern er malte sich aus:
_Wenn_ ich doch an dem Baum hängen tät' -- einen soliden Strick um den
Hals -- und es tät' mir nichts mehr weh, kein Hühnerauge, kein
Backenzahn und kein Herz -- sondern ich wär' tot -- und die Martha Böhle
käm' vorbei -- mit dem Herrn Wittmann neben sich -- und se täten mich
gucken, und der Wittmann tät' fragen: »Was is denn das an dem Baum?
Hängt dort nicht ein Stehkragen?« -- und die Martha tät' einen Schrei
ausstoßen, und das Pralinee blieb ihr im Hals stecken, wo se grad' dran
lutscht -- und se tät' ohnmächtig hinfallen, mitten in die
Stiefmütterchen -- wo angeschrieben steht »Betreten verboten« -- weil se
mich _doch_ heimlich geliebt hat und es mir bloß nicht sagen wollt' --
und auf einmal wär' ich _doch_ noch nicht ganz tot, sondern ich tät'
noch e bißchen mit den Augen zwinkern und tät' sagen: »Siehst du, das
kommt davon, ich verzeih' dir alles, und jetzt hast de den Salat!« --
und ich ...
Benno zog das Taschentuch hervor und wischte sich die Augen.
Das Essen im koscheren Restaurant schmeckte ihm heute gar nicht. Die
Klößchen in der Suppe waren lauter Totenschädel aus der Wolfsschlucht,
und der stoppelbärtige Joseph schlich umher wie der schwarze Samiel, und
sein Frack verriet deutlich, daß in der Hölle mit Gänsefett geschmort
wird.
»Herr Stehkrage,« wandte sich Joseph beim Kompott an ihn, »Sie sin doch
e gescheiter Mann, Se gehen auf die Börs' und haben auch sonst eine
Bildung, sagen Se merr im Vertrauen: Was geht in der Politik vor? Se
wissen, ich hör' nie zu, was die Gäst' miteinander reden, aber sie
sprechen jetzt fortwährend vom Krieg. Ich sag' Ihnen, ich bin jetzt so
nervös, gestern abend hab' ich'n Teller fallen lassen mit Rindsgulasch,
für eine Mark zwanzig Rindsgulasch, auf dem Herrn Jakob Rosenthal seine
gestreifte Hos' -- ich hab' geglaubt, die Welt geht unter, so hat der
Herr Rosenthal angestellt! Unn Ihne Ihr Abonnementskaart is aach
abgelaafe!«
Benno gab ihm keine Antwort, zahlte die neue Karte und ging.
Er gab aus Versehen eine Mark fünfzig Trinkgeld, und damit war der
Moment eingetreten, den der stoppelbärtige Joseph schon lange prophezeit
hatte: Benno war in Josephs Augen meschugge geworden.
Zu Hause empfing ihn Frau Petterich mit lautem Weinen. Sie stand vor dem
Schuppen des Hofes, vergoß Tränenströme und jammerte: »Heut is mei'm
Schorsch-selig sei' Gebortsdag ... Siwweunverzig Jahr wär' er heut
geworn, wann er's noch erlebt hätt'! Ach, so e scheener Mann unn hat so
frieh schderwe misse. An sei'm letzte Gebortsdag hawwe merr noch en
Mordskrach mitenanner gehabbt, da hat'r den Leimtopp nach merr
geschmisse unn de Pinsel hinnerdrei'! Ja, des war'n selige Zeite! Unn
nachts im Bett hat'r mich so sieß um Verzeihung gebete, unn seit dere
Zeit muß ich immer heule, wann ich den Schuppe seh'. Ach, wenn er nor
noch lewe dhät, er derft merr ja jedden Tag sei' ganz Handwerkszeug an
de Kopp werfe, ich dhät' gewiß nix sage, ich bin ja so e schweigsam'
Fraa!«
Benno ließ sie stehen und ging auf sein Zimmer.
Das kleine Mariechen kam herein und rief triumphierend: »Null Fehler
hab' ich im Diktat. Und das Fräulein hat gefragt, ob mir jemand bei den
Rechenaufgaben geholfen hätt'? Aber ich hab' nix verraten, sondern ich
hab' gesagt: Fräulein, wo denken Se hin!«
Sie erwartete ein Lächeln Bennos.
Aber Benno lächelte nicht.
Es war heute ein schlimmer Tag für ihn, und während er nun mit dem
Mariechen Schulaufgaben machte, geschah ihm neues, unerwartetes Leid.
Die Kleine hatte das Chamissosche Gedicht »Die Sonne bringt es an den
Tag« auswendig zu lernen, und als sie an die Stelle kamen: »Da kam mir
just ein Jud in die Quer«, frug er sie in Gedanken: »Was ist denn das,
ein Jud?«
»E Judd?« antwortete das Mariechen. »Das is ein böser Mensch.«
Benno wurde kreidebleich und biß sich auf die Lippen.
Wer hatte dem Kind diese Gehässigkeit beigebracht? Oder redete es nur
eine gewissenlose Dummheit nach, die es von Erwachsenen gehört hatte?
Er hätte dem Kind eine lange Rede halten können, er hätte ihm sagen
können, daß Gott nicht nach Konfessionen richtet, sondern daß es vor ihm
nur gute und schlechte Menschen gibt, er hätte ihr erhabene Beispiele
aus der Leidensgeschichte seines Volkes erzählen können, ihm schwebte
die Frage vor: »Mariechen, du kennst mich doch? Auch ich bin ein Jud.
Bin ich ein schlechter Mensch?« Doch eine unsichtbare Macht hielt ihm
die Lippen zu.
Nur kam ihm ein echt Benno Stehkragenscher Gedanke: er nahm sich vor, am
nächsten Abend Mariechen mit in den Tempel zu nehmen.
Der Nachmittag in der Bank ließ sich noch trübseliger an als der
Vormittag.
Was dem gewissenhaften Benno seit Jahren nicht passiert war, er kam zu
spät ins Bureau.
Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend tadeln. Eine unerhoffte Freude
harrte seiner: In der Vesperpause gab es eine beglückende Sensation.
Wittmann war wie stets an das Pult getreten, um mit Martha zu plaudern.
Er schien heute besonders galant gestimmt und ergriff wie in Gedanken
Marthas Hand, um sie zu streicheln.
Jäh entzog Martha sie ihm, und in demselben Ton, in dem sie vormittags
am Portal den wartenden Benno abgefertigt hatte, fuhr sie auf: »Ich
möchte Sie bitten, Ihr Frühstück künftig an einem anderen Platz zu
verzehren!«
Die Beamten beugten sich geschäftig über ihre Arbeiten, als hätten sie
nichts gehört. Innerlich jubelten sie.
So etwas war noch nicht dagewesen.
Blutrot vor Wut schrie Wittmann: »Ich bin hier der Bureauchef, und ich
kann mich hinstellen, wo _mir_'s paßt! Verstanden!?«
Von oben herab erwiderte Martha: »Ich werde Herrn Direktor Hermann
fragen, ob er derselben Ansicht ist!«
Benno war entzückt. Also war sein Verdacht gegen Wittmann doch
ungerechtfertigt. Also waren die faden Komplimente ihr doch im Grunde
des Herzens zuwider, und sie hatte es nur nicht gewagt, gegen den
mächtigen Bureauchef Front zu machen.
Er lachte über das ganze Gesicht, aber seine Miene erstarrte sogleich
wieder, da Wittmann ihn andonnerte: »Unterlassen Sie dieses freche
Grinsen, Herr Stehkragen! Mit Ihnen habe ich sowieso noch ein Hühnchen
zu pflücken, Sie werden mit jedem Tag nachlässiger!«
Die Kunde von dem unerhörten Vorfall machte rasch die Runde durch das
Haus.
Die Meinungen waren geteilt. Die Damen fanden, Martha sei ein ganz
hochmütiges Geschöpf, und solche Zustände dürften unmöglich einreißen!
Die Herren schmunzelten: Endlich einmal eine, die kein Blatt vor den
Mund nimmt und den hohen Herrschaften, die sich Halbgötter dünken,
gehörig die Meinung sagt!
Der verknöcherte Rittershaus im Wechselbureau rieb sich die Hände und
kicherte schadenfroh:
»Diesmal bricht sie sich den Hals. Diesmal fliegt sie!«
Und in einer Aufwallung seines Selbstgefühls krähte er in das Bureau:
»Ruhe! Während der Arbeitsstunden wird nicht geschwätzt!«
Das war der zweite Zusammenstoß Marthas mit einem Bureauchef. Erst
Rittershaus, dann Wittmann. Aber der Streber Wittmann war viel zu
schlau, um beschwerdeführend in die Direktion zu laufen; er
durchschaute, wie die Dinge standen. Und so verlief die Angelegenheit im
Sand.
Am nächsten Abend nahm Benno das Mariechen mit in die Synagoge.
Er setzte sich nicht auf seinen Stammplatz in der dritten Reihe, sondern
er suchte einen Platz ganz weit hinten und stellte das Mariechen neben
sich auf die Bank, so daß es den ganzen Tempel überschauen konnte.
Eigentlich gehörte das Kind ja in die Frauenabteilung auf die Empore,
aber dem so pünktlichen Synagogenbesucher Benno übersah der
Gemeindediener diese kleine Abweichung von der Regel.
Das Mariechen machte große Augen, als es den feierlichen Lichterglanz
sah, die bunten Arabesken an den Säulen, den goldbestickten
Thoraschrein, vor dem der seltsam gekleidete Rabbiner den Gottesdienst
leitete. In der Synagoge gab es keine Bilder zu beschauen und doch so
viel Glanz zu bewundern.
Sie hörte die volltönende Stimme des Vorbeters, dem die Gemeinde mit
Murmeln und Verneigungen antwortete, und der fremdartige, uralte
Wechselgesang machte einen tiefen Eindruck auf das Kinderherz. Das
Mariechen verstand kein Wort von den hebräischen Gesängen und
Anrufungen, aber es fühlte, hier handelte es sich um etwas Heiliges,
Tiefehrwürdiges.
Und als nun unter jubelndem Chorgesang der Schrein geöffnet wurde und
der Rabbiner die Gesetzesrolle zärtlich, als wiege er ein Kindchen, nach
dem Lesetisch trug, da war ihr zumute wie bei einer Weihnachtsbescherung.
Und nun wies ihr väterlicher Freund Benno Stehkragen auf die andächtige
Menge und flüsterte: »Siehst du, Mariechen, die Menschen da sind lauter
Juden. Glaubst du wirklich, daß sie alle schlechte Menschen sind?«
Da schüttelte das Mariechen mit Überzeugung und ein wenig beschämt den
Kopf. Und da sie ringsum alles beten sah, faltete auch sie ihre
Händchen, und mitten aus der jüdischen Gemeinde stieg ein stummes Gebet
zur Jungfrau Maria empor.
»Mein liebes Kind,« sagte Benno gerührt, »merke es dir fürs ganze Leben:
Wenn man dir Schlechtes von einem Menschen erzählt, ob von einem Juden
oder Christen, so glaube es nicht, ehe du dir nicht die untrüglichsten
Beweise verschafft hast! Wenn man dir aber Gutes erzählt, so glaube es
ohne weiteres! Der Mensch ist edel von Natur aus, und die Menschheit ist
weit besser als ihr Ruf.«
Eine erhabene Feierlichkeit war über ihn gekommen, er vergaß bei den
alten Gesängen und Zeremonien, die schon seinen Urvätern in den
bittersten Leidenszeiten Trost gewährt hatten, seine Schmerzen, und eine
süße Stille erfüllte sein Herz.
Beim Verlassen des Gotteshauses redete ihn im Gedränge der Herr
Seligmann an, bei dem er so viele Jahre im Oederweg gewohnt hatte.
»Wie geht's, wie steht's?« erkundigte er sich jovial bei Benno, der das
Mariechen behutsam an der Hand führte. »Leben Se noch? Warum lassen Se
sich denn gar nicht mehr bei uns sehen? Kommen Se doch emal zum
Abendessen! Ich kann Ihnen im Vertrauen sagen, meine Frau kocht noch
immer sehr gut polnischen Karpfen. Und ich hätt' auch gern emal wieder
mit Ihnen die soziale Frag' gelöst.«
Benno antwortete ausweichend.
Mit dem Verlassen der Synagoge und dem Betreten der trüben Straße war
der Friede seines Herzens wieder zerstört.
Seine Gedanken kreisten schon wieder um Martha, und während er mit
Seligmann die Zeil entlangwanderte, argwöhnte er bei jedem Kino, an dem
sie vorüberkamen: »Vielleicht sitzt se da drin! Vielleicht hat se sich
schon wieder mit Herrn Wittmann ausgesöhnt, und er hält im Dunkeln ihre
schöne Hand, und sie entzieht se ihm nicht mehr, sondern sitzt
unbeweglich und wirft die Perlen ihres Lächelns vor den Herrn
Wittmann!...«
»Sie sehen schlecht aus, Herr Stehkragen! Ganz mager sind Se geworden!«
fuhr Seligmann besorgt fort. »Ich kann Ihnen nur raten, kommen Se wieder
zu uns, polnischen Karpfen essen! Das ist ein guter jüdischer Fisch, der
schon manche seelische Verstimmung beseitigt hat! Also kommen Se
nächsten Sonntag!«
Benno versprach alles, sagte zu allem Ja und Amen und dachte dabei:
Vielleicht is se auch im Theater, und der Direktor Hermann füttert se
mit Eis und macht seine Faunfratze dazu, und es is niemand da, der ihm
dafür ins Gesicht schlägt, sondern die Leut', die ihn kennen, machen
eine Verbeugung und lispeln andächtig: »Das is der Direktor Hermann von
der Industriebank, ein Mann mit vierzigtausend Mark Einkommen ...«
Indessen Benno so seinen Gedanken nachhing und das kleine Mariechen auf
ihn achtgeben mußte, daß er unter kein Auto geriet, redete Herr
Seligmann ununterbrochen weiter.
Er war nun auf das beliebte Thema von der Not der Zeit gekommen und
klagte: »Ich sag' Ihnen nix als: Sein Se froh, Herr Stehkragen, daß Se
keinen militärpflichtigen Sohn haben! Die Zeitungen gefallen merr gar
nicht mehr, es liegt was in der Luft, aber nix Gutes. Was spricht man
denn an der Börs'? Die Börs' hat doch eine Witterung wie ein Jagdhund
und riecht an jedem Eckstein der Politik. Und die Kurse sind die besten
politischen Laubfrösch', bei gutem Wetter klettern se in die Höh', und
bei schlechtem Wetter hupfen se 'erunter. Ich hab' Russen, ich mein'
nicht die Küchenkäfer, sondern russische Staatspapiere -- soll ich se
verkaufen oder soll ich se behalten oder soll ich noch welche dazu
kaufen -- nu, so reden Se doch _auch_ einmal einen Ton!«
Und Benno dachte: Vielleicht is se auch im Zirkus und sieht dressierte
Affen und denkt _doch_ ein bißchen an mich. Oder sie is im Tingeltangel
und sieht einen Jongleur, der Gläser in die Luft wirft, und eins fällt
hin und is kaputt, und wie se genau hinsieht, is es mein kaputtenes
Herz, und se hebt's auf und läßt sich's vom Kellner einwickeln und
nimmt's mit nach Haus zum Andenken an den schönen Abend ...
Er überließ Herrn Seligmann seinen russischen Besorgnissen und
verabschiedete sich.
Erst als ihm Seligmann längst aus den Augen war, fiel ihm ein, daß er
ganz vergessen hatte, sich nach dem Befinden der Frau und der Kinder zu
erkundigen und ihm Grüße aufzutragen.
Der Kopf schmerzte ihn, seine Beine waren so müde, und ihm war in diesem
Augenblick alles so gleichgültig, daß er trotz des Verbotes, am Schabbes
zu fahren, mit dem Mariechen in die Elektrische stieg.
Und als der Schaffner ihn frug »Wohin?«, da antwortete er zerstreut:
»Zweimal Wolfsschlucht!«, so daß das kleine Mariechen ihn ganz entrüstet
korrigieren mußte: »Nach'm Sachsehäuser Berg, Herr Schaffner! Ein
Erwachsenes und ein Kind unter sechs Jahren!«
Ein Trompetenstoß zerriß die Luft, gellend wie die Posaune des Jüngsten
Gerichts.
Die Gräber öffneten sich -- aber nicht um die Toten freizugeben, sondern
um Millionen junger, blühender Leben zu nehmen.
Der Weltkrieg war ausgebrochen.
Ein heiliger Taumel ergriff unser Volk, mit seinem Blute dem Vaterland
zu danken für alles Große, was es von ihm empfangen.
Auch Benno dachte enthusiastisch daran, sich unter die Scharen der
Freiwilligen zu gesellen: Endlich war eine Gelegenheit da, dem geliebten
Heimatland Treue mit Treue zu zahlen, durch die Tat sich des Ehrennamens
Deutsch würdig zu zeigen.
Aber als er sich im Spiegel besah, da verzerrte sich sein leuchtendes
Antlitz zu einer schmerzlichen Fratze. Er war ja ein Krüppel, ein
lächerliches Spottbild, verglichen mit den sehnigen Gestalten, die von
allen Seiten zu den Fahnen eilten.
Sie würden ihn auslachen. Und wenn er gewiß auch auf dem Schlachtfeld
sich von keinem würde an Opfermut überbieten lassen -- auf dem
Exerzierplatz würde er eine komische Figur spielen, und sie würden
seinen heiligen Eifer mit höhnischem Witzeln entweihen.
Er besaß nur eine einzige militärische Erinnerung, und die war
beschämend genug. Vor vielen Jahren war er einmal gemustert worden, als
er sein Einjähriges abdienen wollte, und da hatte der Stabsarzt mit
einem lächelnden Blick auf seinen Buckel gesagt: »Sie brauchen sich erst
gar nicht auszuziehen!« Und alle Anwesenden waren in schallendes
Gelächter ausgebrochen.
Nein, er taugte nicht zum Soldaten. Die Natur, die ihn zum Krüppel
geschaffen hatte, verwehrte ihm auch diesen Eingang zum Reiche der
Unsterblichkeit.
Bitter empfand er es: Wieder einmal war er ausgeschlossen, wo es galt,
Schönes, Großes, Ewiges zu vollbringen.
Auf der Bank rief der Ausbruch des Krieges zunächst ein großes
Durcheinander hervor. Da waren ausländische Coupons, von denen man nicht
wußte: sollte man sie noch einlösen oder nicht; da waren Stöße
ausländischer Wechsel, auf die Kredite eröffnet waren, und deren Wert
jetzt höchst zweifelhaft geworden war; alle Auslandspost blieb plötzlich
aus; da belagerten überängstliche Kunden die Direktion, wollten ihre
Depositen und Guthaben zurückziehen, baten um Ratschläge, die sie
hinterher doch nicht befolgten; da schwirrten Alarmgerüchte
abenteuerlichster Art über angebliche Schwierigkeiten bedeutender
Unternehmungen, an denen die Bank beteiligt war.
Auch etliche Herren, die die Hilfe der Bank zu Kriegsspekulationen
gewinnen wollten, stellten sich ein. Das Öl würde bestimmt in absehbarer
Zeit knapp werden, sie hätten es aus bester Quelle; wenn man es
aufkaufe, könne man ein Vermögen verdienen.
Diese ehrenwerten Mitbürger kamen freilich schneller die Treppe
hinunter, als sie heraufgekommen waren.
Direktor Hermann erwies sich in diesen stürmischen Tagen als ein wahres
Genie. Mit unerschütterlicher Ruhe und Sicherheit leitete er das
Unternehmen, und fast alle seine Maßnahmen erwiesen sich späterhin als
richtig.
Auch Antonie Hochberg erschien auf der Bank, um sich Rat zu erholen.
Sie bestürmte erregt den wehrlosen Hermann mit tausend Fragen, die ihr
nicht einmal der Reichskanzler hätte beantworten können, wollte wissen,
wie lang der Krieg dauern werde, und wie sich Hermann, der doch ein
gescheiter Mann sei, die Friedensbedingungen denke.
Sie erinnerte sich noch deutlich des Deutsch-Französischen Krieges, sie
konnte ihrem Alter nach auch noch das Jahr Achtzehnhundertsechsundsechzig
miterlebt haben, und sie jammerte bei diesen Reminiszenzen anhaltend: »O
Gott, o Gott, die armen Menschen, die armen Menschen!« Dabei trug sie
aber beängstigend große Brillanten in den Ohren, und an ihren Fingern
glitzerte eine ganze Juwelengeschäftsauslage.
Von den Schrecken des Krieges schweifte sie dann zu einer eingehenden
Kritik des letzten Museumkonzerts ab, um mit der entrüsteten Schilderung
des vorvorletzten Frankfurter Ehescheidungsprozesses zu schließen.
Eine Stunde lang hielt sie den armen Hermann auf, der die
verzweifeltsten Anstrengungen gemacht hatte, sie schon früher mit
höflicher Gewalt zum Gehen zu zwingen.
Unter den Beamten riefen die Einberufungen große Erregung hervor.
Da konnte man Charakterstudien machen.
Leute, die man allgemein für trockene, verschlafene Philister gehalten
hatte, überraschten mit der Meldung, sie hätten sich freiwillig zum
Heeresdienst gestellt; andere wieder, die im Schwadronieren stets
Meister gewesen waren, liefen ob ihrer Einberufung mit Trauermienen
umher und beschworen die Direktion, sie als unabkömmlich zu reklamieren.
Einer der ersten, die diesen beschämenden Gang in die Direktion
antraten, war Herr Wittmann.
Er hatte gelegentlich einmal betont, Leutnant der Reserve zu sein -- nun
stellte es sich heraus, daß er niemals Soldat gewesen, sondern seiner
Plattfüße wegen »Landsturm ohne Waffe« war.
Eifrig diskutiert wurde die Frage, wie sich die Bank ihren einberufenen
Beamten gegenüber verhalten werde. Würde sie ihnen die Stellen bis zum
Friedensschluß offenhalten? Würde sie den Familienangehörigen die
Gehälter voll oder wenigstens teilweise auszahlen?
Die Beamten beschlossen, eine Deputation in die Direktion zu schicken,
zu deren Sprecher der dicke Rehle gewählt wurde, der allseitiges
Vertrauen genoß, und dem man vor allem das nötige Mundwerk zutraute.
Diese Maßregel erwies sich freilich als überflüssig, denn noch ehe die
Deputation in Tätigkeit zu treten brauchte, gab die Direktion einen Ukas
heraus, der den Wünschen der Beamten auf das weiteste entgegenkam.
Direktor Hermann hatte die Angelegenheit mit Direktor Birron besprochen,
das heißt: _er_ hatte gesprochen, und Birron hatte gesagt: »Es wird
schon recht sein, Herr Kollege! Ganz wie Sie meinen!«
Amtliche Bekanntmachungen erschienen und wurden in den Bureaus
angeheftet. Darunter auch eine Anweisung, wie sich die Bevölkerung im
Falle eines möglichen Fliegerangriffes zu verhalten habe: die Straßen
seien zu leeren, die Lichter zu löschen und Schutz in den Kellern zu
suchen.
Seit diese Bekanntmachung im Wechselbureau prangte, war der zittrige
Rittershaus nicht mehr zu beruhigen.
»Ach Gott, ach Gott!« stöhnte er den lieben, langen Tag vor sich hin.
»Und der Hauptbahnhof, auf den's die Hunde doch in erster Linie absehen
werden, liegt uns gerade gegenüber!«
Jeden dritten Tag ließ er sich von neuem vom alten Binder das
Kellergewölbe zeigen und verbrachte dort zur Freude seines Bureaus ganze
Stunden mit angeblich notwendigen Revisionen.
Er wollte vom Krieg nichts hören, und so oft Truppen die Kaiserstraße
hinauf zum Bahnhof zogen und das Personal an die Fenster stürzte, um
Abschiedsgrüße zu winken, geriet er außer sich und krähte verzweifelt:
»Ruhe!! Während der Arbeitsstunden wird nicht hinausgesehen!«
Rittershaus war jetzt Alleinherrscher im Wechselbureau, denn der dicke
Rehle trug des Königs Rock. Nie hatte er davon gesprochen, daß er
Vizewachtmeister der Reserve war. Man wollte es ihm anfangs gar nicht
glauben, daß er, in seinen Jahren, sich als Freiwilliger gemeldet habe.
»Mei Alte flennt wie e Schloßhund,« sagte er, »awwer ich kann'r net
helfe! Ich kann doch als ahler Soldat bei dem Krieg net _zugucke_! Ich
müßt mich ja vor merr selwer schäme!«
Und beim Abschied hatte er gescherzt: »Gell, Fräulein Scheckel, du
schreibst merr alsemal unn schickst merr Socke ins Feld, awwer um Gottes
wille kaa selbstgestrickte! Sonnern, wo merr aach drin laafe kann! Unn
poussiert merr net zu viel, Kinner! Daß ich kaa Sache hör', wann ich
widderkomm! Unn du, Madamm Ungnädig, gewöhn derrsch ab, ahle Leut ze
haache -- en junge kriehst de jetzt sowieso kaan mehr!«
Und dabei standen ihm die Tränen in den Augen, und die Damen trockneten
sich die Wimpern ab und konnten vor Trennungsweh kaum ihr »Auf
glückliches Wiedersehen!« hervorbringen.
Übrigens wurde der dicke Rehle nicht ins Feld abgestellt, sondern zur
Rekrutenausbildung dabehalten, und er war bald der beliebteste
Vizewachtmeister des ganzen Ersatzbataillons.
Auch der Junge des alten Binder wurde eingezogen, und der Vater war
stolzer darauf als der Sohn. Auf der Livree des alten Binder tauchte
jetzt plötzlich eine Medaille auf, die ihn als Teilnehmer am Siebziger
Kriege auswies. Mit Vorliebe erzählte er Erlebnisse aus seiner
Kriegszeit, die man nicht allzu genau auf ihre Wahrheit prüfen durfte --
es war schon ein bißchen lange her.
Was seinen Sohn anging, so beseelte ihn ein unerschütterlicher
Optimismus: »Mei' Sohn kimmt widder, da haww ich gar kaa Angst net! Es
is ja aach der Vadder widderkomme! Des Heule unn Zähneklappern
iwwerlasse merr de Weiwer! Dene dhut's wohl, wann se als e bissi flenne
könne!«
Um so pessimistischer sah der kranke Bittenberger, der Aufsichtsführer
der Expedition, in die Zukunft. Auch seinen ältesten, mißratenen Sohn
hatten sie geholt, und nun schwebte der arme Vater beständig in
Todesängsten, sein Sohn könne beim Militär böse Streiche machen.
Ein erschütterndes Bild des Jammers war der alte Mann, wenn er des
Abends als letzter, auf seinen Stock gestützt, die Treppe hinunter
gewankt kam, und im ganzen Hause sagte man sich:
»So geht's nicht mehr weiter mit dem Bittenberger! Wir sind doch kein
Altersversorgungsheim! Er _muß_ sich einfach pensionieren lassen! Mit
solchen Leuten kann man nicht zusammen arbeiten!«
Benno Stehkragen glich in den ersten Kriegstagen einem Narren.
Er schämte sich vor jedem Soldaten, der an ihm vorüberging. Wozu bin ich
überhaupt auf der Welt? grämte er sich. Wozu bin ich überhaupt zu
gebrauchen? Wie kann ein Mensch vor mir Respekt haben? Wie kann ich mir
einbilden, ein Mädchen könnt' mich lieben?
Das häßliche Wort »Drückeberger« gellte ihm in den Ohren.
Wenn er noch wenigstens sich hätte in einem der Wohlfahrtsausschüsse
nützlich machen können! Aber dazu ließ ihm sein Beruf keine Zeit.
»Ich sitz' erum und fress' andern Leuten 's Brot weg,« klagte er sich
an. »Ein Schmarotzer, ein überflüssiger Mensch! Draußen sterben Väter
und Söhne, und ich sitz' hinter'm warmen Ofen und les' Leitartikel! Und
was für welche!«
Zu den Käsbergers ging er jetzt fast gar nicht mehr, und der kleine
Lebrecht bekam in der Schule einen Strafzettel nach dem andern. Seit
Benno einmal angefangen hatte, dort die Rolle des bewundernden Verehrers
zu spielen, erwarteten Katharine und insbesonders Großmama Käsberger von
ihm deutlichere Erklärungen, und die brachte er nicht übers Herz.
Selbst Marthas Bild schien ihm in diesen Tagen in weite Ferne gerückt.
Er bekam sie nur noch selten zu sehen, denn Martha war nach dem
Zusammenprall mit Wittmann aus dem Couponbureau versetzt worden.
Sie hatte dem Direktor Hermann die Affäre erzählt, und Hermann hatte
kurz entschlossen angeordnet: »Von morgen ab sind Sie als meine
Privatsekretärin in der Direktion beschäftigt! Sie sind doch damit
einverstanden, liebes Fräulein?«
Höchst betriebsam ging es im Hause Petterich zu. Die gute, mollige Frau
Josephine war völlig von allerlei Fürsorge für die Feldgrauen in
Anspruch genommen. Sie, die sonst so sparsam mit Petroleum und Gas
umgegangen war, saß jetzt bis spät in die Nacht hinein in der Küche und
strickte Socken, nähte Leibbinden, wobei ihr das entzückte Mariechen bis
neun Uhr abends helfen durfte.
In jedes Paar Socken webte sie die ehrlichsten Segenswünsche hinein,
aber auch urkräftige Flüche gegen unsere Feinde:
»Verhaacht die miserawele Franzose, daß die Lappe flie'e!! Nix wie druff
uff die schleechte Engelänner!! Kabutt misse se wer'n, die ganze
Lumpegesellschaft!! Mir soll nor noch emal e Engelänner ins Haus komme!!
De ganze Kücheschrank krieht'r uff de Kopp!! Wann ich nor en Russ' da
hätt' -- ich dhät' dem Oos de Buckel mobilisiere, daß er genug hätt'
for die nächste hunnert Jahrn!!«
So schimpfte die gute Frau Petterich, während die Stricknadeln
klapperten, in ihrer ehrlichen Entrüstung.
Für ihren Mieter hatte sie nur mehr wenig Zeit übrig, und das war Benno
lieb, denn er hätte jetzt die Lobreden auf den seligen Schorsch nicht
ertragen können.
Weshalb läßt du mich nicht sterben, lieber Gott! flehte er. Du führst
doch Buch über die Taten aller Menschen, über die guten und die
schlechten, vielleicht is bei dir ein Stellchen frei als Buchhalter? Ich
will ja aufs genaueste Buch führen, und ich will ohne Murren Überstunden
machen und nix sagen, wenn du merr die ekligste Seele im ganzen Himmel
zum Bureauchef gibst! Nur nimm mich weg aus dieser Welt!
Oder er dachte in seiner närrischen Art: Wenn ich nur emal den Kaiser
persönlich sprechen könnt'! »Majestät,« tät' ich sagen, »Majestät,
vielleicht is irgendwo ein verlorener Posten, auf den man einen
opferwilligen Menschen braucht, vielleicht is irgendwo was in die Luft
zu sprengen und man weiß bestimmt, der Mann fliegt mit in die Luft --
nehmen Se _mich_ dazu, Majestät! Ich bitt' Se um alles: nehmen Se
_mich_! Sie werden Ihre Freud' an mir erleben!«
Als die ersten beglückenden Siegesnachrichten eintrafen, da gab es unter
den Jubelnden einen, der tiefunglücklich war, tiefunglücklich, daß er
den großen Ereignissen müßig zuschauen mußte.
Wenn ich wenigstens als Sanitätshund auf die Welt gekommen wär'! dachte
er. Oder als Schrapnell. Aber ausgerechnet als Benno Stehkragen mußt'
ich geboren werden!
Eines Tages wurde Benno in die Direktion gerufen.
Sein erster Blick beim Betreten des Raumes fiel auf Martha, die dicht
beim Fenster vor einer Schreibmaschine saß und Stenogramme übertrug.
Sie senkte den Kopf tiefer und tippte doppelt eifrig, als sie Benno
bemerkte.
»Fräulein,« sagte Direktor Hermann, »gehen Sie, bitte, hinaus, solange
ich mit Herrn Stehkragen rede! Man versteht ja bei der Tipperei sein
eigenes Wort nicht!«
Martha erhob sich und ging.
Es war Benno, als habe sie ihn mit einem fragenden Blick gestreift.
»Mein lieber Stehkragen,« wandte sich Direktor Hermann ungewöhnlich
freundlich an ihn, »ich weiß nicht, ob es Ihnen bereits bekannt ist, daß
unser Gesuch betreffs Unabkömmlichkeit des Herrn Wittmann abschlägig
beschieden wurde? Herr Wittmann wird also in absehbarer Zeit unsere Bank
verlassen. Und es scheint mir fraglich, ob er wieder auf seinen Posten
zurückkehren wird. Wir brauchen daher einen neuen Bureauchef. Dabei
dachten wir in erster Linie an Sie. Nicht wahr, Kollege Birron?«
Birron murmelte zerstreut: »Es wird schon recht sein, lieber Herr
Kollege! Ganz wie Sie meinen!«
»Sie sind nicht nur der älteste Beamte im Couponbureau, mein lieber
Stehkragen, sondern wir haben zu Ihnen auch besonderes Vertrauen. Und
außerdem haben wir auch bei Ihnen die bestimmte Gewißheit, daß Sie
dauernd militäruntauglich sind und uns nicht eines Tages weggeholt
werden!«
Benno zuckte schmerzlich zusammen.
Die Aussicht, Bureauchef zu werden, bedeutete ihm eine freudige
Überraschung, allein die Begründung demütigte ihn aufs empfindlichste.
»Und außerdem«, fuhr Direktor Hermann fort, während ein Lächeln sein
Gesicht überzog, »hat mir Fräulein Böhle, die ja längere Zeit mit Ihnen
im selben Bureau gearbeitet hat, so viel Gutes von Ihnen erzählt, daß
ich mich freue, Sie in eine höhere Stelle aufrücken lassen zu können.«
»Nein!« schrie Benno auf. »Nein, nein! Ich will die Stelle nicht! Ich
bin zu dumm dazu! Ich will nichts befehlen! Ich will nicht!«
Hermann sah ihn befremdet an.
»Hm!« meinte er nach einer Weile. »Hm! Sie scheinen mir doch andere
Gründe zu haben, als Sie angeben, aber das ist _Ihre_ Sache! Im übrigen
scheint es mir jetzt beinahe selbst, als wären Sie viel zu nervös für so
einen Posten! Sie können gehen!«
Zitternd vor Erregung kam Benno im Couponbureau an.
So tief schätzte sie ihn also ein, daß sie ihm hatte ein Gnadengeschenk
zuschanzen wollen. O, wie erbärmlich tief war er gesunken, daß man ihm
so etwas antun durfte!
Am Abend begegnete Martha ihm auf der Treppe.
Er wollte ihr ausweichen, aber sie kam munter auf ihn zu und frug in
herzlichem Ton: »Was haben Sie eigentlich gegen mich? Was habe ich Ihnen
denn getan?«
Benno sah sie eine Weile stumm an. Seine Kinderaugen weiteten sich,
seine Hände falteten sich unwillkürlich.
»Wissen Sie das wirklich nicht?« sprach er langsam und gab sich die
größte Mühe, das Beben seiner Stimme zu verbergen.
Martha lächelte. »Aber, bester Herr Stehkragen, wenn ich es wüßte, würde
ich doch nicht erst fragen. Zürnen Sie mir denn immer noch, weil ich
damals sagte, Sie sollten einen Anstandskursus nehmen?« Nun lachte sie
herzlich. »Das war doch nicht so bös gemeint! Herrjeh, man legt doch
nicht jedes Wort auf die Goldwage! Sagen Sie, tragen Sie mir wirklich
immer noch dieses dumme Wort nach?«
Benno schüttelte traurig den Kopf.
»Nun tun Sie mir aber den einzigen Gefallen und machen Sie keine solche
Leichenbittermiene!« rief Martha und schnitt ein lustiges,
parodistisch-tragisches Gesicht. »Ich bin heute so famos gelaunt und mag
keine traurigen Menschen sehen! Hopp, ziehen Sie Ihren Mantel an und
begleiten Sie mich! Ich verzichte heute Ihretwegen auf den Kientopp --
mehr können Sie doch wahrhaftig nicht verlangen!«
Wenige Minuten später wandelte Benno an ihrer Seite die Kaiserstraße
hinab.
Martha plapperte und plapperte, und ihr heiteres, unbekümmertes
Geplauder schien ihm köstliche Musik.
Das geträumte Feenreich tauchte wieder vor ihm auf, und an seinem
Eingang stand ein lachendes Elfchen und winkte und zwitscherte: »Worauf
wartest du noch? Was zögerst du noch?«
Alle die großen elektrischen Bogenlampen leuchteten: »Los, Benno, sei
tapfer! Weshalb besinnst du dich noch?«
Und in allen Telephondrähten wisperte es: »Verbinden Sie mich mit
Fräulein Martha Böhle! Schnell, schnell! Es eilt!«
Als sie an das Uhrtürmchen kamen, raffte sich Benno auf und frug:
»Fürchten Sie sich, mit mir durch die dunklen Anlagen zu gehen?«
»Fürchten?« lachte Martha. »Vor wem soll ich mich denn fürchten? Aber
Sie müssen mir den Arm geben, daß ich über keinen Zaun fall'!«
Benno fühlte ihren weichen Arm sich in den seinen schmiegen, er wußte,
jetzt kam der Augenblick, in dem er reden mußte, und brachte doch kein
Wort hervor.
»Weshalb zittern Sie denn so?« frug Martha. »Wissen Sie, wir haben zu
Hause bei meinen Eltern einen Dackel gehabt, der hat auch immer so
gezittert. Peter hat er geheißen. Ein Spitzbub' ersten Ranges.«
Und nun fing sie an von dem Dackel zu erzählen und sprudelte von Laune
und Übermut.
»Und geradeso haben _Sie_ vorhin gezittert, Herr Stehkragen!« schloß sie
ihren Bericht.
Benno zog sanft seinen Arm aus dem ihren, blieb stehen und sagte
schmerzlich: »Haben Sie noch nie einen Menschen so von ganzem Herzen
lieb gehabt, Fräulein Böhle?«
Es durchzuckte Martha heiß. Sie hatte ihn sofort verstanden, und in
maßlosem Erstaunen stammelte sie: »Ja lieben Sie mich denn?...«
Und nun, da er Martha so ernst sah, löste sich Bennos Zunge, und er fand
glühende Worte der Leidenschaft, er redete sich alles vom Herzen, was er
so lange unter Folterqualen mit sich herumgetragen hatte, und er
bemerkte es gar nicht, daß Martha beharrlich schwieg und sich nur von
Zeit zu Zeit wie zufällig mit dem Handrücken über die Augen fuhr.
Wohl eine Stunde war verflossen, als sie vor Marthas Wohnung anlangten.
Sie standen im grellen Licht einer Laterne, Benno hielt ihre Hand
umschlossen und flüsterte: »Ich will heut' noch keine Antwort, heut'
noch nicht. Aber lassen Sie mich nicht zu lange auf Ihre Entscheidung
warten, Martha! Sie wissen nicht, wie ich leide, und wie bitter ich
schon durch Sie gelitten hab'!«
Martha drückte ihm die Hand und eilte, wie flüchtend, in das Haus.
Beseligt schaute Benno ihr nach.
Er war von einem schweren Bann erlöst, er hatte den Mut gefunden, ihr
von seiner Liebe zu sprechen, er fühlte sich so stark, er hatte den
Kampf um sein Glück aufgenommen, und er würde ihn durchfechten und sein
Glück zu verteidigen wissen.
Oben in ihrem Zimmer aber lag Martha auf der Chaiselongue, drehte die
Daumen und überlegte, überlegte ...
Seit diesem Abend wurde sie nicht mehr auf der Bank gesehen.
Niemand wußte, wohin sie gekommen war.
Bis eines Vormittags ein Beamter aus der Korrespondenz lachend in das
Couponbureau gestürzt kam und jubelte: »Neues von Fräulein Böhle! Das
Neueste vom Direktions-Kriegsschauplatz! Hurra, es ist so weit: Direktor
Hermann hat ihr eine Wohnung auf der Eckenheimer Landstraß' gemietet!
Bald fährt sie auf Gummirädern und -- nanu, was haben Se denn, Herr
Stehkragen?«
Benno war röchelnd zurückgesunken.
Aber er faßte sich schnell wieder.
»Mir is unwohl,« stammelte er, »Herr Wittmann, dürft' ich nicht nach
Haus geh'n?«
»Meinetwegen!« schnarrte Wittmann ärgerlich. »Aber sehen Sie zu, daß Sie
bald wieder auf den Damm kommen! Wir können jetzt kein Personal
entbehren, wo ich jeden Tag zum Kommiß geholt werden kann!«
Benno räumte sein Pult auf und eilte, ein Auto zu nehmen.
Unterwegs gab es einen Aufenthalt. Eine Kompanie, die von einer
Felddienstübung heimmarschierte, sperrte die Straße. Im Marschschritt
klang es von ihren Lippen:
Es welken alle Blä-ätter,
Sie fallen alle ab, alle ab.
Denn mein Schatz hat mich verla-assen.
Das kränket mich so sehr.
Ins Kloster will sie ge-ehen
Will werden eine Nonn', eine No ...
Erstaunt sah sich der Autolenker nach seinem Fahrgast um, der gellend
aufgelacht hatte: »Ins Kloster ... Martha ins Kloster, hahaha ...«
Todmüde und zerschlagen kam Benno zu Hause an.
Er legte sich in den Kleidern aufs Sofa und verfiel alsbald vor
Erschöpfung in einen fiebrigen Schlummer.
Qualvolle Träume suchten ihn heim.
Er sah sich im Couponbureau, die Couponkasse stimmte nicht, und je öfter
er nachzählte, desto größer wurde der Fehlbetrag, und desto höher wurde
seine Verzweiflung. Er zählte immer eifriger und eifriger, schneller und
schneller, der Angstschweiß stand ihm auf der Stirne, und plötzlich riß
ihm ein heftiger Windstoß die Coupons aus der Hand, daß sie in groteskem
Wirbel ihn umtanzten. Aber nun waren es keine Coupons mehr, sondern
scheußliche kleine Teufel, über das Pult krochen ekle Schlangen, eine
große, schlüpfrige Kröte guckte aus dem Tintenfaß, und als er sich in
seiner Not umsah, da saß auf dem Platz des Bureauchefs in einem
schwarzen Mantel der Direktor Birron und hielt als Zepter einen
Totenschädel aus der Wolfsschlucht in der Hand, und nickte beständig mit
dem Kopf und lallte: »Es wird schon recht sein, Herr Kollege, es wird
schon recht sein!«
Entsetzt schrie Benno im Schlaf auf.
Frau Petterich stürzte in das Zimmer und schüttelte ihn vollends wach.
»Um Gottes wille, was hawwe Se dann?« wehklagte sie, »Sie kreische, daß
merr maane könnt, es brennt!«
Und da sie Bennos verstörte Augen sah, setzte sie sich mütterlich neben
ihn und fing an zu weinen.
Der arme, unglückliche Benno verspürte einen hilflosen Drang, seinen
Kopf in ihren Schoß zu legen, die Augen zu schließen und nichts zu
denken ... nichts zu denken. Aber er traute sich nicht.
»Wann nor mei Schorsch-selig noch lewe dhät,« schluchzte Frau Petterich,
»der dhät Ihne schon de Kopp zurechtsetze!«
Aber es dauerte nicht lang, und die resolute Frau Petterich hatte ihr
seelisches Gleichgewicht wiedergefunden. Sie war überzeugt, daß nur die
Liebe zu Katharine Käsberger, »dere Komödiantin«, an Bennos Verzweiflung
schuld sei, und deshalb sprach sie so sanft, als es bei ihren kräftigen
Stimmitteln möglich war: »Lasse Se emal vernimftig mit sich redde, Herr
Stehkrage! Wann's halt gar net annerschter gehe dhut, wann Se's halt gar
net aushalte dhun, no, dann gehn Se in Gottes und Dreideiwels Name
niwwer zum ahle Käsberger unn halte Se um sei schepp Dochter an! Er
gibbt se Ihne mit Handkuß! Er zahlt noch was druff! Unn de klaane
Lebrecht kriehe Se gratis unn franko in die Eh'!«
Benno fuhr auf.
Ja, Frau Petterich hatte recht: das war das letzte Mittel, seinem
Zustand ein Ende zu machen. Er wollte Katharine Käsberger heiraten,
nicht weil er sie liebte, sondern weil er ein Wesen brauchte, für das er
sorgen konnte, weil er seinem verpfuschten Leben irgendeinen Inhalt
geben mußte, und sei es auch nur die pflichtkalte Fürsorge für ein
ungeliebtes, verblühtes Mädchen.
Er wollte gleich vom Sofa springen, doch Frau Petterich drückte ihn
sanft nieder: »Ehrscht dhun Se Ihne e bissi erhole! Sie gukke ja aus,
als ob Se aus'm Friedhof dorchgebrannt wärn! Nor ruhig Blut! Hat der
Käsberger sei' Dochter so lang uff'm Buckel gehabbt, kann er se aach
noch finf Minute länger drowwe hawwe!«
Aber Benno war nicht mehr zu halten. Er riß seinen Hut vom Haken und
stürmte geradewegs zu Katharine.
Bekümmert sah ihm Frau Petterich nach und murmelte:
»Liewer Gott, mach's gnädig! Laß se wenigstens kaa Kinner kriehe! Dann
bei _dene_ Eltern wern's doch nor Unglickswermer!«
Als Benno bei Käsbergers schellte, öffnete ihm ein fremder Mann, der ihn
vom Kopf bis zu den Füßen maß, sein Gesicht zu einem Grinsen verzog und
dann mit herablassendem Schauspielerpathos sprach: »Junger Mann, wenn
mich Ihr Buckel nicht täuscht, habe ich das Vergnügen mit Herrn Benno
Stehkragen! Sie sehen in mir den bekannten Gesangspädagogen und
Heldenbariton Breivogel, Lebrecht Breivogel. Ich bin gestern von einer
längeren Kunstreise zurückgekehrt, die mich an die verschiedensten
Fürstenhöfe führte. Davon ein andermal! Heute feiere ich die
Wiederverlobung mit meiner geliebten Braut. Wenn Sie aber ein andermal
wiederkommen, junger Mann, sollen Sie uns hochwillkommen sein!«
Damit machte er eine gravitätische Verbeugung und schloß die Türe.
Fort, fort! stöhnte Benno. Nur fort! Auf die Bank, dort ist dein Platz!
Eine Maschine unter Maschinen!
Und während er wie ein Besessener durch die Straßen eilte, dachte er:
Was habe ich nur verbrochen, daß Gott mich so hart straft!
Er rannte blindlings drauf los, instinktiv und aus alter Gewohnheit den
richtigen Weg findend, sah nicht die Menschen, sah nicht die Häuser.
Und gerade wollte er in die Industriebank einbiegen, als plötzlich
hinter ihm der Ruf erscholl: »_Flieger_!!«
»_Flieger_!« schrien hundert Stimmen durcheinander, und ehe Benno wußte,
wie ihm geschah, war er von einem Menschenstrom in das Portal der
Industriebank gerissen.
Er kam erst wieder halbwegs zur Besinnung, als er an einem Fenster des
Couponbureaus allein stand und auf den Bahnhofsplatz hinausstarrte.
Da sah er einen verlassenen Wagen der Elektrischen breitspurig stehen,
und seitlich vor dem Wagen stand ein Kind und wartete offenbar, daß der
Wagen weiterfahren sollte, damit es die Schienen überschreiten könne.
Es war ein vornehm gekleidetes Kindchen, das wahrscheinlich bei dem
Schreckensschrei »Flieger!« von der flüchtenden Gouvernante im Stich
gelassen worden war.
Bennos Herz durchzuckte ein Schreck.
Er stürzte auf die Straße, das verlassene Kind zu retten.
Das lief, als es den mißgestalteten, wild gestikulierenden Menschen auf
sich zueilen sah, laut schreiend in den nächsten Hausgang.
Benno hob wie in Verzückung die Hände zum Himmel, da hörte er hinter
sich ein polterndes Geräusch. Er drehte sich um und wurde im selbem
Augenblick von einem führerlosen Lastfuhrwerk erfaßt, das die
Kaiserstraße heraufgerast kam.
Die Fliegergefahr hatte sich als falscher Alarm erwiesen. Aber sie hatte
dennoch ein blutiges Opfer gefordert.
Auf dem Sofa in der Direktion lag Benno. Der alte Binder hatte eine
Decke über die zerschmetterten Glieder gebreitet. Benno hatte die Augen
geschlossen, seine rechte Hand tastete suchend durch die Luft und geriet
an Direktor Birrons welke Finger, die er sogleich umschloß und zärtlich
streichelte.
Birron warf einen hilflosen Blick auf Direktor Hermann, er wollte seine
Hand zurückziehen, aber als Hermann ihm zunickte, überließ er sie
achselzuckend dem Sterbenden.
»Martha,« flüsterte Benno, indem er fortfuhr Birrons Finger zu
liebkosen, »Martha ... nun sterbe ... ich doch ... gewissermaßen ...
fürs ... Va ... ter ... land ...!«