Er blickte den Portier, weitere Auskunft erwartend, an. Allein der alte
Binder hatte keine Lust zu zweideutigen Gesprächen.
Überdies konnte er Wittmann nicht leiden, über dessen herrisches
Auftreten er manches Unliebsame gehört hatte. Von seinem Sohn, der im
Kontokorrent beschäftigt war. Er begnügte sich daher, mißbilligend zu
bemerken: »Herr Wittmann, Se könne aach net alles verantworte, was Se de
Dag iwwer zesammeschwätze!«
Und da gerade das Haustelephon klingelte, wandte er sich der
Umschalttafel mit den Dutzenden von Stechkontakten zu, um die
gewünschte Verbindung herzustellen.
Am Montag früh stellte sich Martha pünktlich in der Industriebank ein.
Sie trug ein einfaches Kleid, schwarzen Rock, helle, schmucklose Bluse.
Ihr reiches blondes Haar lag, in Zöpfe gebändigt, wie ein großes
goldenes Schneckenhaus auf dem Hinterkopf, bildete vorne einen koketten
Scheitel, aus dem eine vorwitzige Locke über die Stirne schaute, als
suche sie »ehrbare Annäherung« an die lustigen Augen.
»Guten Morgen,« begrüßte sie den Portier.
»Gu'n Morsche!« sagte Binder. »Sein Sie des neue Fräulein?«
»Tjawoll! Martha Böhle!«
»War'n Se schon in annerne Geschäfter, odder is des Ihr erste Schdell?«
ließ sich Binder in ein Gespräch ein. Und das war eine große
Gunstbezeigung.
»Das ist mein Debüt,« antwortete Martha amüsiert.
»No, da sin Se ja gleich in de richtige Affe'stall komme! Se wer'n Aage
mache! Also gehn Se enuff in de erste Stock, Zimmer dreiunzwanzig! Un
viel Glück!«
Binder hatte schon eine große Arbeit hinter sich: das Sortieren der
eingetroffenen Post. Natürlich durfte er die Briefe nicht öffnen, aber
er hatte die Privatbriefe an das Personal herauszusuchen, die er dann
den Empfängern beim Passieren der Portierloge überreichte.
Es gab da Privatbriefe jeden Formats, auch parfümierte kleine Briefchen,
deren Inhalt leicht erratbar war, Ansichtskarten mit verliebten Bildern
und -- wie sich Binder beim Lesen überzeugte -- ebenso verliebten
Mitteilungen, Kuverts mit Firmenaufdruck, die auf unbezahlte Rechnungen
schließen ließen -- o, Binder war eine Art Vertrauensperson für alle
Angestellten. Mancher kleine Roman hatte sich vor seinen Augen
abgespielt, manche Katastrophe hatte er ahnend miterlebt.
Da war zum Beispiel der »schöne Adolf« vom zweiten Kassenschalter
gewesen, der eine Zeitlang jeden Morgen ein blaues und ein rotes
Brieflein -- »mit ere Kron' druff« -- bekommen hatte. Bis eines Tags die
roten Brieflein ausblieben und sich statt dessen in längeren
Zwischenpausen Kuverts mit dem Aufdruck »Kgl. Amtsgericht« einstellten.
Damals hatte der »schöne Adolf« den alten Binder instruiert: »Wenn mich
eine Dame am Telephon verlangt, sagen Sie, ich bin in Urlaub.« Und dann
war eine dicke, keineswegs hübsche Madam' in der Industriebank
erschienen und hatte in der Schalterhalle einen derartigen Lärm
geschlagen, daß das ganze Haus alarmiert wurde. Und der »schöne Adolf«
wurde in die Direktion gerufen und ging nun _wirklich_ in Urlaub, aber
gleich für immer.
Der alte Binder, der seine Portierloge durch das Haustelephon mit dem
Privatzimmer der Direktoren verbunden hatte, hatte deutlich den Direktor
Hermann sagen hören: »Nur aus Rücksicht auf Ihre arme Frau und Ihre
bedauernswerten Kinder sehen wir von einer Anzeige bei der
Staatsanwaltschaft ab!«
Eine Viertelstunde später war der »schöne Adolf« an der Portierloge
vorbeigekommen, sorglos sein Spazierstöckchen schwingend, und hatte
gerufen: »Adiö, Binder! Ich hab' gekündigt!«
Und der alte, erfahrene Torhüter hatte gedacht: So e Lump! So e ganz
gemei' Dreckviech! Pfui Deiwel!
Aber als ihn am nächsten Tag die neugierigen Beamten frugen, was denn
eigentlich mit dem »schönen Adolf« sei, und was das für eine
geräuschvolle Dame gewesen sei, antwortete er nur: »Waaß ich's?
Gekindigt hat er halt!«
Martha ging in das Wechselbureau und stellte sich dem Bureauchef
Rittershaus vor. Das war ein verrunzelter, knöcherner Zahlenmensch, der
sich langsam auf diesen Posten emporgearbeitet hatte, und dem im Laufe
der Dienstjahre das bißchen Verstand und Daseinsinteresse eingetrocknet
waren.
Die eigentliche Herrschaft im Wechselbureau führte denn auch nicht er,
sondern der dicke Rehle, der Inhaber des Schalterplatzes. Ein
gemütlicher Epikureer, beliebt im ganzen Hause ob seiner ewig guten
Laune.
Drei Leidenschaften besaß Rehle: gut essen, gut trinken und gut
schnupfen. Und wegen dieser dritten Leidenschaft führte er seit nun bald
dreißig Jahren mit seiner lieben Alten, die die verschnupften
Taschentücher waschen mußte, einen humorreichen häuslichen Krieg.
Gnädig und kalauergesegnet führte Rehle sein Zepter, ein kleiner
Schlaraffenkönig. Mit den Damen des Hauses stand er auf einem
gemütlichen Papafuß und durfte sich manchen Scherz erlauben, den sie
sich von anderer Seite ernstlich verbeten hätten. Nur wenn er,
unbekümmert um die anwesende Weiblichkeit, gar zu derbfrankfurterische
Stammtischwitze zum besten gab, entstand ein kleiner Aufruhr, so daß
sich der Bureauchef Rittershaus auf seine Amtswürde besann und in den
Raum krähte:
»Ruhe!! Während der Arbeit darf nicht geschwätzt werden!«
Worauf Rehle regelmäßig mit lauter Stimme zu rezitieren anhub: »Und es
entstand eine große Stille im ganzen Lande, und jegliches Volk lauschte
den Worten des erhabenen Königs!«
Dann warf ihm Rittershaus einen bösartigen Blick zu. Aber er sagte
nichts, denn Rehle hatte ebensoviele Dienstjahre auf dem Rücken wie er
selbst und war »oben« gut angeschrieben.
Natürlich wußte der dicke Rehle ebensogut wie der alte Binder, daß ein
neues Fräulein engagiert war, und er wußte auch bereits, daß sie eine
appetitliche Blondine sei.
Aber so hübsch hatte er sie sich nicht vorgestellt.
Er bemerkte daher bei Marthas Eintritt beifällig: »Da hawwe se endlich
emal in der Direxio' en gescheite Gedanke gehabbt, daß se so ebbes
Hibsches angaschiert hawwe!«
»Oho!« protestierten die anderen Beamtinnen, »sind wir vielleicht
_nicht_ hübsch?«
»Ruhe im Schdaate Dennemark,« begütigte Rehle die Wortführerin. »Du
waaßt doch, ich habb' derr ewige Treu geschworn, von morjens Acht bis
abends Sechse mit zwei Schdund Mittagspaus'!«
Er duzte grundsätzlich jedermann.
Martha wunderte sich keineswegs über den Ton, der im Wechselbureau
herrschte. Sie fand sich mit ihrem unbefangenen Sanguinismus in alle
Lebensverhältnisse, griff überall gleich den rechten Ton.
Wo hatte das junge Mädel nur diese Gewandtheit, diese instinktive
Menschenkenntnis her?
Nachdem sie ihren näheren Arbeitsgenossen vorgestellt worden war, begann
unter der Führung Rittershausens ein Rundgang durch sämtliche Bureaus,
bis dicht unter das Dach, wo die Buchhalter der Revisionsabteilung
saßen, deren Arbeitszimmer mehr einer Frühstücksstube glich als einem
Bureau. Denn dort oben hinauf verirrte sich selten ein Aufsichtsorgan.
Hunderte von Namen glitten an Marthas Ohr vorüber, hundert Male nickte
sie freundlich mit dem Kopf oder gab ein paar gleichgültige Antworten
auf gleichgültige Fragen.
Und immerfort krähte Rittershausens monotone Stimme:
»Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin -- Herr Soundso! Fräulein Böhle,
unsere neue Kollegin -- Fräulein Soundso!...«
In etlichen Bureaus wurden von den Herren renommierend die
Sonntagserlebnisse erzählt, in anderen gab es schon am frühen Morgen
Streit um nichtige Angelegenheiten. In jenen Räumen, die unmittelbar mit
dem Posteinlauf zu tun hatten, herrschte schon rege Betriebsamkeit.
»Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin -- Herr Soundso!« Herrgott, nahm
das denn gar kein Ende! Von Tür zu Tür ging es, treppauf, treppab. Auf
den Stufen gingen zuweilen Beamtinnen an ihnen vorüber, die Briefe oder
Notizzettel in andere Bureaus trugen. Es war eine stillschweigende
Übereinkunft zwischen dem männlichen Personal, daß alle untergeordneten
Arbeiten, die in anderen Betrieben von den Lehrlingen verrichtet zu
werden pflegen, den Damen aufgehalst wurden.
Da Martha hübsch und offenen Blickes war, schwirrten bald galante, bald
neidisch-hämische Glossen hinter ihr her.
»Alle Hochachtung, 'n niedliches Tierchen!«
»Scheint auch mehr Prinzessin als Arbeitskraft zu sein!«
»Fesch, tipp-topper Kerl!«
»Für 'ne Neue dürfte sie sich schon ein bißchen weniger selbstbewußt
aufführen!«
»Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin -- Herr Wittmann!«
Wittmann machte eine leichte Verbeugung. »Wir haben uns schon vorige
Woche auf der Galatreppe gesehen, wenn ich nicht irre? Ich hielt Sie
allerdings damals für 'ne Gräfin oder so was! Weil Sie so würdevoll an
mir vorbeirauschten! Na, auf gute Kollegenschaft!«
Es sollte kameradschaftlich klingen, aber Martha hörte die unleugbare
Arroganz heraus und ergriff nur zögernd die dargebotene Hand.
»Schade, daß Sie nicht in _meinem_ Bureau sind!« flüsterte Wittmann
dabei.
Und weiter ging's, von Pult zu Pult.
»Fräulein Böhle, unsere neue Kollegin -- Herr Benno Stehkragen!«
Martha lächelte, und Benno fühlte, daß dieses Lächeln seinem kuriosen
Namen galt.
»Ich _heiße_ Stehkragen,« sagte Benno, »und ich _bin_ e Stehkragen. Ein
Stehkragen, der in dieser schmutzigen Welt manchen Dreckfleck bekommen
hat. Aber wenn ich emal tot bin -- und ich komm in den Himmel -- zu den
Engeln und dem anderen Geflügel -- dann wird der Stehkragen gewaschen,
in purem Wolkenwasser -- und geplättet und gestärkt -- und vielleicht
setzt der liebe Gott mich als Sternbild an den Himmel -- und die
Astronomen melden: Ein neues Sternbild entdeckt -- in Form eines
Stehkragens! Aber irgendwo is _doch_ e winziges Schmutzfleckchen
stehengeblieben -- vielleicht taugt die himmlische Soda gradsowenig wie
die irdische -- und e junger Gelehrter guckt das Fleckchen durch sein
Fernrohr -- und hält's für en Kanal oder 'n erloschenen Krater -- und
schreibt en Buch drüber -- und wird dafür Professor der Astronomie! Und
so is der bucklige Benno Stehkragen _doch_ zu ebbes gut gewesen auf der
Welt!«
Er schwieg.
So eine lange Rede hatte der schweigsame Benno Stehkragen noch nie
gehalten.
Die Kollegen schauten verwundert auf, Wittmann grinste geringschätzig,
und Martha blickte den sonderbaren Sprecher groß an.
»Ich habe keineswegs über Ihren Namen gelächelt,« sprach sie und log
gutmütig, »wirklich nicht!«
Aber Benno hatte sich schon wieder über seine Arbeit gebeugt und hörte
gar nicht mehr hin. Er bereute auch schon, so viel gesprochen zu haben.
Unerklärliches hatte ihn dazu gezwungen. Er wollte in den Augen dieses
Mädchens nicht lächerlich erscheinen und hatte nun das bittere Gefühl,
sich doppelt lächerlich gemacht zu haben.
Sicherlich hat se kein Wort von dem verstanden, was ich ausdrücken
wollt', dachte er.
Aber eine heimliche Stimme sagte ihm: Se hat's _doch_ verstanden. Sie is
so schön und se _muß_ ein gutes Gemüt haben!
Nachdem sie in das Wechselbureau zurückgekehrt waren, teilte Rittershaus
Martha ihre Arbeit zu. Sie hatte die einlaufenden Wechsel in ein großes
Buch einzutragen und mit dem Gummistempel »Industriebank« zu versehen,
in dessen Mitte die laufende Nummer des Wechselbuchs zu schreiben war.
Dabei mußte sie prüfen, ob die Wechsel richtig ausgestellt waren, ob sie
die vorgeschriebene Stempelmarke trugen, und ob die Girierungen
stimmten.
Ferner hatte sie das Kopierbuch zu registrieren, die Kopien der am
vorigen Tage abgegangenen Fakturen nachzurechnen.
»Zur Übung!« hatte Rittershaus gesagt.
»Damit de die Schlafkrankheit kriehst!« hatte der dicke Rehle sie
belehrt.
Zwischendurch gab es kleine Gänge in die anderen Bureaus, Anfragen,
Antworten, Schriftstücke zu holen und zu bringen.
Um elf Uhr verließ Rittershaus das Bureau, um an die Börse zu gehen, und
das war das Zeichen, die Arbeit einzustellen und eine allgemeine
Plauderstunde zu eröffnen, bei der der dicke Rehle das große Wort
führte.
»No, was gibbt's dann Neues, Scheckel?« wandte er sich an die
zunächstsitzende Beamtin. »Wo hat er dich denn gestern awend
hiegefiehrt? Is er brav gewese, odder hat er widder zu viel nach de
annern Mädercher geguckt?«
Rehle hatte für jede Beamtin einen Spitznamen erfunden, dessen nur er
sich bedienen durfte.
Da war die »Scheckel« (»so haaßt nemlich unser ahl' Katz!«), da war das
»Fräulein Hipperich«, das nach seiner Erläuterung »Quecksilwer im Leib
hat, awwer 's Wetter net aazeigt«, und die »Madamm' Ungnädig«, eine
kleine schwarze Hexe, die einmal dem guten Papa Rehle einen scherzhaft
gemeinten, aber unvermutet kräftig ausgefallenen Backenstreich versetzt
hatte, so daß sie selbst ganz erschrocken war.
Und bald hatte auch Martha ihren Spitznamen: die »Prinzessin von
Kopierbuchshausen«.
Merkwürdig: Wittmann hatte sie Gräfin tituliert, Rehle erhob sie gar zur
Prinzessin.
Und doch war es nur ihre lachende Jugend, die sie mit einem Glanz von
Hoheit umgab und jeden für sie einnahm, der mit ihr sprach, vom
gestrengen Direktor Hermann bis hinab zum alten unbestechlichen Binder
und dem stets übersehenen Benno Stehkragen.
Nachmittags erwartete Martha die gleiche eintönige Arbeit. Erst als
Rittershaus bemerkt hatte, daß sie eine flotte, gutleserliche
Handschrift hatte, ließ er sie gelegentlich auch Fakturen schreiben.
Aber das war nicht viel interessanter.
Martha war beliebt bei den Kollegen. Das hinderte jedoch keineswegs, daß
sich alsbald der Bankklatsch mit ihrer Person und ihren
Privatangelegenheiten beschäftigte.
Denn der Klatsch ist eine Giftpflanze, die in jedem Klima und auf jedem
Boden gedeiht.
Man hatte herausgebracht, daß sie die Tochter solider Kleinkaufleute aus
Hannover war.
Weshalb betätigte sie sich nicht im Geschäft ihrer Eltern? Weshalb ging
sie unter fremde Leute, in eine fremde Stadt? Da mußte etwas
dahinterstecken.
Und bald löste sich der Klatsch auf seine Art das Rätsel. Natürlich war
es ein _weibliches_ Gehirn, dem die Fabel entstammte, die allgemeinen
Glauben fand: Martha hatte ein uneheliches Kind und sich deshalb mit
ihrer Familie überworfen.
Bis diese Neuigkeit aus den Parterreräumlichkeiten hinauf in das
Dachgeschoß gestiegen war, hatte sich die Fabel bereits zu einem Roman
ausgewachsen: Das Kind, ein Junge, stammte von einem Grafen, und das
dumme Ding hatte sich eingebildet, der Graf würde sie heiraten.
Andere wußten es wieder besser: Das Kind, ein Mädchen, stammte von einem
Metzgermeister, aber der konnte sie nicht heiraten, denn er war bereits
verheiratet und hatte vierzehn Kinder.
Schließlich behauptete sich siegreich die Wendung: Es waren überhaupt
Zwillinge, und der eine war kurz nach der Geburt gestorben.
Die Vaterschaft wechselte, das Kind blieb.
Auch zu Benno Stehkragen war diese Verleumdung gedrungen. »Wisse Se 's
schonn: die Böhle hat e ledig Kind?«
»Von mir aus,« hatte Benno achselzuckend erwidert.
Und hatte sich heimlich gedacht: E Glück, daß ich kein Weib bin! Mir
täten se e ganzes Säuglingsheim andichten!
Damit war die Angelegenheit äußerlich für ihn erledigt.
Innerlich freilich beschäftigte sie ihn noch lange. Wäre es möglich, daß
ein so lachendes Geschöpf, dem der Frohsinn jauchzend von den Lippen
sprang, so Schweres erlebt hätte?
Denn eine Entbindung, das mußte etwas ganz Schreckliches sein. Benno war
wirklich froh, daß er kein Weib war.
Und von dem Geliebten verlassen werden -- -- nein, sagte sich Benno, wem
so was passiert, der kann sein ganzes Leben nicht mehr lachen.
Und gar aus der Familie ausgestoßen zu sein -- das war für seinen in
jüdischen Traditionen erzogenen Sinn der schrecklichste der Schrecken,
ein Unglück, dem kein zweites glich.
Nein, nein, das alles war gemeiner Klatsch, Neid, Bosheit! Pfui über die
schlechten Menschen!
Und doch: Es kamen im Leben so seltsame Sachen vor, Dinge, die man sich
gar nicht erklären konnte, und die dennoch Wirklichkeit waren ... Ach,
wenn man ihm die dumme Geschichte doch gar nicht erzählt hätte!
Als Benno Stehkragen sich dermaßen den Wuschelkopf zerbrach, war Martha
bereits nicht mehr im Wechselbureau beschäftigt.
Es war zwischen ihr und Rittershaus zu einem Krach gekommen. Rittershaus
hatte sie, die er ihrer Lebhaftigkeit wegen nicht leiden konnte,
angeschrien, Martha hatte ihm eine zwar zutreffende, aber reichlich
kecke Antwort gegeben, und das Ende vom Lied war, daß Rittershaus, vor
Wut an allen Gliedern zitternd, in die Direktion lief, um die Entlassung
»dieser Person« zu verlangen.
»Des hast de gut gemacht!« ermunterte Rehle, indessen Martha die Tränen
in den Augen standen. »Endlich hat er's doch emol zu heern krieht, was
er for e Dreckspatz is!«
Und zu den übrigen Beamtinnen gewandt: »Nemmt euch e Beispiel draa! Aach
du, Madamm Ungnädig! Des is gescheiter, als ehrwerdige Familjevätter uff
de Backe zu haage!«
Fünf Minuten später saß Rittershaus triumphierend wieder auf seinem
Platz, und Martha wurde in die Direktion befohlen.
Direktor Hermann empfing sie sehr ungnädig.
»Wie können Sie sich unterstehen, einem alten verdienten Beamten eine
solche Antwort zu geben! Sie sind wohl nicht recht bei Troste?«
Martha blickte ihm gerade ins Gesicht. Ihre Tränen waren versiegt. Sie
war völlig mit sich im reinen und sagte mit ruhiger Stimme, mehr um den
Fall aufzuklären als zu ihrer Verteidigung: »Er hat mich in einem Ton
angeschrien, den ich nicht gewöhnt bin! So schreit man keine Dame an!«
»Wir _haben_ hier keine Damen, sondern nur Beamtinnen!« erklärte Hermann
schroff. »Merken Sie sich das gefälligst! Sie werden Herrn Rittershaus
um Entschuldigung bitten.«
»Nein!« rief Martha lebhaft, »das werde ich _nicht_ tun!«
Der Direktor zerbiß seinen Schnurrbart. Es war schwer zu entscheiden,
geschah es, um seinen Ärger oder um eine aufkeimende Vergnügtheit zu
verbergen? Er erhob sich jäh und kreuzte in langsamen Schritten das
Zimmer.
»Wir pflegen Disziplinlosigkeit unbarmherzig mit Entlassung zu
beantworten,« sprach er heftig. »Unbarmherzig! Verstehen Sie, Fräulein
Böhle? Unter keinen Umständen lassen wir so was einreißen! Unter keinen
Umständen!«
Er wandte sich nach Martha und schien eine Einwendung zu erwarten.
Martha stand mit trotzig aufgeworfenen Lippen da. Ihre Augen funkelten,
aber sie antwortete nichts.
Hermann setzte seine Wanderung durch das Zimmer fort, blieb am Fenster
stehen, schob die Gardine zurück, sah auf die Straße hinunter und sagte
nach einer Weile, mehr zur Fensterscheibe als zu Martha: »Aber diesmal
wollen wir in Anbetracht Ihrer Unerfahrenheit eine Ausnahme machen. Aber
nur dieses eine Mal!«
Und plötzlich drehte er sich um, ging auf Martha zu und sprach mit
beinahe väterlichem Wohlwollen: »Sie müssen sich nicht gleich so
aufregen, Kindchen! Meinungsverschiedenheiten gibt es überall auf der
Welt! Auch hier in der Bank! Ausgenommen natürlich in der Direktion!«
Dabei streifte sein Blick mit leisem Lächeln die Glatze des Direktors
Birron, der in das Kursblatt vertieft dasaß und überhaupt keine Notiz
davon genommen hatte, daß jemand in das Zimmer getreten war.
Als Martha immer noch nichts entgegnete, nahm er unvermittelt wieder
seinen schneidenden Geschäftston an: »Sie werden von heute mittag ab im
_Couponbureau_ arbeiten! Melden Sie sich bei Herrn Wittmann! Und jetzt
gehen Sie sofort nach Hause!«
Er setzte sich grußlos wieder an seinen Schreibtisch.
Doch als die Tür ins Schloß gefallen war, blickte er nochmals auf und
schmunzelte: »Ein famoser Racker! Meinen Sie nicht auch, Kollege
Birron?«
»Es wird schon recht sein!« brummelte es hinüber. »Ganz wie Sie wollen,
Herr Kollege!«
Martha holte ihr Jackett und ging nach Hause.
»No?« frug der alte Binder. »No, Fräulein Böhle? So frieh schon haam?
Hat's was gewwe?«
Und nachdem er ohne Erregung Auskunft erhalten hatte, meinte er: »Des
hätt' ich Ihne im voraus sage könne! E Mädche wie Ihne läßt merr net so
mir nix, dir nix fort! Also zum Wittmann komme Se? Schad'! Des dhut merr
laad! Nemme Se Ihne in acht vor dem! Des is e Heimticker! Unner uns
Parrersdöchter gesacht!«
»Na, sehen Se,« begrüßte Wittmann am Mittag Fräulein Böhle. »Na, sehen
Se: Schöne Seelen finden sich zu Wasser und zu Lande! Die Götter haben
mein Flehen erhört.«
Ganz wie damals, als Rittershaus vorgestellt hatte: »Fräulein Böhle,
unsere neue Kollegin -- Herr Wittmann,« machte er eine leichte
Verbeugung und streckte ihr die Hand hin:
»Auf gute Kollegenschaft, Fräulein!«
Und diesmal ergriff Martha herzhaft die dargebotene Hand und lächelte:
»Auf gute Kollegenschaft!«
Sie hatte in der Zwischenzeit manches gelernt und fühlte aus dem Ton
salopper Vertraulichkeit, den sich die meisten Beamten im Verkehr mit
den weiblichen Angestellten erlaubten, kaum mehr die Ungezogenheit
heraus.
Wittmann sah sich im Bureau um. »Wohin plazieren wir Sie denn? Dahinten,
gegenüber von Herrn Stehkragen, is noch 'n Sitz frei. Also nehmen Se
Platz, und schmücken Se unser Heim!«
Und so kam es, daß Benno Stehkragen, wenn er von seinem Drehstuhl nicht
nach rechts, nicht nach links, sondern geradeaus schaute, das höchst
sehenswerte Fräulein Böhle erblickte.
Und er guckte jetzt öfter von seiner Arbeit auf, als es sonst seine
Gewohnheit gewesen war, und seine beweglichen dunklen Augen nahmen dabei
einen ruhigen, beschaulichen Blick an.
Etwa so, als betrachte ein Kunstfreund aufmerksam ein seltenes
Meisterwerk, das immer neue Wunder offenbarte.
Das erstemal am Tag schaute Benno Stehkragen des Morgens, wenige Minuten
nach acht Uhr, empor, wenn Martha sich niedersetzte.
»Guten Morgen, Herr Stehkragen!« sagte sie dann, indem sie die
Schreibärmel überstülpte.
»Guten Morgen, Fräulein Tulpe!« erwiderte Benno und erntete ein
freundliches Lächeln.
Er begrüßte sie jeden Vormittag mit einem anderen Blumennamen, und ihm
schien an jedem Tag, daß just der heute gewählte Name am besten für sie
passe.
Das zweitemal hoben sich seine altmodischen Brillengläser gegen zehn
Uhr, und dann sahen Bennos Augen zwei stattliche Schinkenbrote hinter
Marthas kerngesunden Zähnen verschwinden.
Sein Blick frug ermunternd: »Schmeckt's?«, und ein Gegenblick antwortete
vergnügt: »Danke, ausgezeichnet!«
Und einmal phantasierte Benno vor sich hin: _Wenn_ ich jetzt das Schwein
wär', von dem der Schinken abstammt -- und ich wär' gemästet -- und ich
tät' drei Zentner wiegen, Gott behüt' -- und es käm' der Metzger -- und
tät' sagen: »Benno Schwein,« tät' er sagen -- »du mußt jetzt sterben! --
Denn da ist ein reizender Gaumen -- ein Gaumen von einer Königin -- und
die Königin muß notwendig zwei Schinkenbrote essen -- sonst kann se kein
Kopierbuch registrieren« -- dann ...
Er brach die Phantasie jäh ab, denn der Gedanke, ein Schwein, ein
verbotenes, unreines Tier zu sein, war seinem strenggläubigen Gemüt
doch zu schreckhaft.
Das drittemal guckte Benno Stehkragen geradeaus um dreiviertel zwölf
Uhr.
Da fingen im Bureau die Vorbereitungen zur Mittagspause an. Die
Federhalter wurden beiseite gelegt, Formulare in die Fächer eingeordnet,
Schubladen, Schränke verschlossen, Hände gewaschen und gemächlich die
Arbeitsjoppen mit den Straßenröcken vertauscht.
»Es is noch nicht Zwölf, meine Herrschaften!« rief Wittmann täglich
gereizt.
Und erhielt täglich prompt die Antwort: »Ihne Ihr Uhr geht nach! Uff
_maaner_ is es schon drei Minute driwwer!«
Benno beobachtete, wie Martha die Schreibärmel herunterzog, sie glatt
strich und in der Pultschublade verwahrte.
Von Samt und Seide sollten se sein, dachte er, und nicht von schundigem
Leinen! -- Und lauter rote Herzchen sollten drauf gestickt sein! -- Und
ganz oben das oberste Herzchen, wo die Sicherheitsnadel durchgeht, wenn
se sich die Schreibärmel feststeckt -- das wär' dem Benno Stehkragen
sein Herz -- und tät' jeden Morgen und jeden Nachmittag sagen: »Autsch,
Se tun merr weh, Fräulein Reseda!« -- Und es tät' ein kleiner
Blutstropfen herausquellen und den Schreibärmel hinunterlaufen -- wo
jetzt die schwarzen Tintenklexe hinunterlaufen -- bis zuletzt der ganze
Schreibärmel rot wär'! -- Und dann tät' se ihn wegwerfen und dem
buckligen Benno Stehkragen sein Herz dazu ...
»Mahlzeit, Herr Stehkragen!« sagte Martha und wandte sich zum Gehen.
»Mahlzeit!« sagte Benno und machte sich langsam fertig.
Am Portal der Bank aber holte er sie wieder ein und lief neben ihr her,
die Kaiserstraße hinunter, vom Bahnhofsplatz bis zum Uhrtürmchen, ohne
ein Wort zu sprechen.
Wie ein Hündchen lief er neben ihr her. Und seine Gedanken liefen dabei
die konfusesten Pfade, die alle von dem Wegweiser »_Wenn_« abzweigten.
Diese Begleitung war Martha etwas lästig.
Aber sie wollte den spaßhaften Bureaugenossen nicht kränken, und so
ließ sie ihn gewähren. Bis zum Uhrtürmchen. Dort nickte sie ihm zu,
sagte »Adjö!« und stieg in die Elektrische.
Benno bog in die Promenade ein, ging durch die Große Gallusgasse, über
den Roßmarkt, nach dem koscheren Restaurant, in dem er seit Jahren zu
Mittag speiste.
Und Marthas »Adjö« begleitete ihn auf seinem Weg und leuchtete ihm
voraus wie der Stern den heiligen drei Königen.
Dieses »Adjö« schwamm als Markklößchen in der Suppe, kicherte ihn an aus
den Preißelbeeren und lachte ihm als Rosine aus dem Schalet entgegen.
Und die kleinen Bläschen, die im Selterswasser aufstiegen, das waren
lauter kleine, goldhelle »Adjös«, und die Serviette, mit der er sich zum
Schluß den Mund abwischte, das war einer von ihren Schreibärmeln, und
der Mundwischer war ein scheuer, andächtiger Kuß.
Benno Stehkragen erwachte erst erschrocken aus seinen Träumen, wenn der
Oberkellner, der stoppelbärtige Josef, der ebenso zum Inventar des
koscheren Restaurants gehörte wie Benno zum Inventar der Industriebank,
unaufgefordert an seinen Tisch trat und diskret frug: »Hawwe Se net
gerufe, Herr Stehkrage'? Unn ich wollt' Ihne aach sage, Ihne Ihr
Abonnementskaart is abgelaafe! Ich habb' Ihne gleich e neu'
ausgestellt!«
Er überreichte auch sofort die neue Abonnementskarte, indem er dabei mit
der Serviette wedelte wie eine fliegengeplagte Kuh mit dem Schwanz und
wußte: Jetzt gab es eine Mark Trinkgeld.
Das war die seit vielen Jahren zwischen ihm und diesem Stammgast übliche
Taxe, die als Trinkgeld ausreichte für die zwölf Mahlzeiten, über die
die Karte lautete.
Hätte ihm Benno einmal versehentlich nur neunzig Pfennig gegeben, so
würde der stoppelbärtige Josef mit ruhigem Gewissen gesagt haben: »Se
hawwe Ihne geerrt, Herr Stehkrage'!«
Und hätte ihm Benno _mehr_ gegeben, so würde er den Betrag zwar
eingesteckt, aber dabei sich gedacht haben: Er is meschugge wor'n! No
ja, _halb_ war er's schonn immer!
Zum vierten Male sah Benno nach Martha mittags um ein Viertel über Zwei.
Dann erst traf sie im Bureau ein, wie es denn überhaupt die Angestellten
nachmittags mit der Pünktlichkeit nicht allzu genau nahmen.
Denn um zwei Uhr waren die meisten Bureauchefs und Prokuristen, die die
Börse besuchten, noch beim Mittagessen. Die Junggesellen unter ihnen
leisteten sich sogar noch ein Verdauungsviertelstündchen im Kaffeehaus.
Die Nachmittagsunpünktlichkeit und die darauffolgende halbe Stunde süßen
Nichtstuns, das sich freilich unter dem Schein eifrigster Arbeit
verbarg, war übrigens den Beamten wohl zu gönnen. Denn gegen dreiviertel
drei Uhr trafen die Ausgeher mit den Auftragsbüchern, Notizheften,
Telegrammen von der Börse ein und brachten eine Unmenge Arbeitsstoff,
der unter allen Umständen bis sechs Uhr abends bewältigt sein mußte.
Von Bureau zu Bureau wanderten diese Auftragsbücher und Notizhefte --
jedes wollte sie zuerst haben -- jedes fand, daß man sie in den anderen
Bureaus über Gebühr lang zurückhielt. Streit und Schimpfen begannen als
würdige Einleitung zu der Arbeitshetze, die nun alltäglich einsetzte.
Da gab es Stöße von Fakturen auszuschreiben, zu berechnen,
nachzurechnen, Wertpapiere aus den Schränken und Gewölben zu entnehmen,
vielseitige Nummerverzeichnisse anzufertigen, Couponbogen und Coupons
auf ihre Richtigkeit zu prüfen, Wechsel zu girieren, endlose Einträge in
dicke Bücher vorzunehmen, Briefe, Briefe, Briefe zu schreiben.
Da gab es Dutzende von Unklarheiten, Mißverständnissen, Fehlern, ewig
wiederkehrenden Dummheiten.
Telephone und Haustelephone läuteten ununterbrochen, gellende
Klingelzeichen riefen Angestellte in die Direktion und zu den
Prokuristen, Türen wurden heftig zugeschlagen.
Jedermann befand sich in gereizter, überhitzter, aggressiver Stimmung,
die sich bei der geringsten Kleinigkeit in Grobheiten und Wutausbrüchen
entlud.
»Zum Donnerwetter, was legen Sie da für einen Wisch auf meinen Platz?«
»Das ist nicht _meine_ Arbeit! Das geht mich gar nichts an!«
»Fragen Sie nicht so albern! Woher soll _ich_ das wissen?«
»Es gibt doch nichts Dümmeres auf der Welt als ein Weib! Wenn wir nur
keine Weiber mehr im Geschäft hätten!«
»Sie sehen doch, daß ich jetzt keine Zeit hab'! Scheren Sie sich zum
Kuckuck!«
»Ach was, beschweren Sie sich bei der Direktion, wenn's Ihnen nicht
paßt!«
Mitunter wurden sogar Ohrfeigen angeboten, und manchmal kam es um ein
Haar zu Tätlichkeiten.
Nur _ein_ Beamter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, das war der
dicke Rehle. Rauchend und schnupfend behauptete er seinen Schalterplatz
im Wechselbureau, mit unerschütterlichem Humor gefeit gegen alle
Anstürme.
»Fräulein Scheckel, komm emal 'ebei! Schleich dich emal zu merr, mei
Herzche! Was hast de dann da widder for'n Stiwwel zesammegerechent?«
Und nachdem das Fräulein »Scheckel« zerknirscht seinen Fehler eingesehen
hatte:
»Da hast de mei Radiermesser! Geh hin unn besser' dich! Sonst kriehst de
dei Lebdag kaan Mann unn sterbst als ahl Jungfer, mit eme Mops unn
zwaaundreißig falsche Zähn'!«
Es wäre freilich praktischer gewesen, das Fräulein hätte _gleich_ ein
Loch in die falsche Nota radiert. Denn die Rasur entging nicht dem
geschärften Auge Rittershausens, dem alle Schriftstücke, ehe sie das
Bureau verließen, vorgelegt werden mußten.
Und alsbald krähte seine langweilige Stimme: »Radierte Notas dulde ich
nicht! Fräulein Bär, schreiben Sie die Nota ab!«
Vorsichtshalber zerriß er sie gleich in zwei Hälften.
»Schreib' die Nota ab,« echote der dicke Rehle. »Merr hawwe ja Zeit! Es
is noch lang bis Mitternacht!« -- --
»Guten Tag, Herr Stehkragen!« begrüßte Martha ihren Pultgenossen
nachmittags.
»Guten Tag, Fräulein Nelke!« erwiderte Benno.
Sie quittierte die naive Huldigung wieder mit einem freundlichen Lächeln
und reichte ihm gewohnheitsmäßig ihren Bleistift und Tintenstift zum
Spitzen hin.
Benno war durch jahrelange Übung ein Künstler auf diesem Gebiete
geworden.
So ein Bleistift is wie eine Zwiebel, dachte er. Da kommt auch immer
eine Schal' nach der anderen, bis merr auf den Kern stößt. Oder man kann
auch sagen: er is wie ein Verband, oder wie e Wickelgamasch'!
Für alle Dinge und kleinen Ereignisse seines Lebens fand er Vergleiche
und Bilder. Und wenn auch diese Metaphern oft recht kindlich und töricht
waren, sie bereiteten doch seinem talmudistisch geschulten Geist eine
harmlose Freude und eine gewisse Genugtuung, die nicht ganz frei war von
unschuldiger Eitelkeit.
»Danke schön!« empfing Martha ihre messerscharf gespitzten Stifte
zurück, die ihr der kleine, bucklige Benno mit der Grandezza eines
Mundschenks überreicht hatte.
Und dieses »Danke schön« klang noch tausendmal schöner als vormittags
das »Adjö«.
Das »Adjö«, das war das silberhelle Klingen einer Tischglocke, dieses
»Danke schön« aber, das war das bedeutungsvolle Dröhnen der Sturmglocke
oben im Dom, die nur bei Großfeuer geläutet wurde.
Und es war ja ein Großfeuer entstanden: Schon brannte der kleine Benno
Stehkragen lichterloh.
Gegen vier Uhr gab es in der Industriebank eine kleine Vesperpause.
Die meisten Beamten, bis über den Kopf in dringlichen Arbeiten steckend,
begnügten sich damit, ihre Brote und Brötchen auszupacken, um unter der
Arbeit hie und da einen Happen abzubeißen.
Die natürliche Folge war, daß es alle Tage einige Fettflecke auf Briefen
und Fakturen gab, die nun neu geschrieben werden mußten, was ebenso
natürlich die Ursache zu neuem Ärger, neuen Vorwürfen, Schimpfen und
Gezänk abgab.
Im Couponbureau, dessen Tätigkeit weniger von der Börse abhing, so daß
sich hier die Arbeit gleichmäßiger auf den ganzen Tag verteilte, gönnte
man sich eine geruhigere Vesperpause.
Aber während dieser Vesperpause blickte Benno _nicht_ zu Martha hinüber.
Denn in dieser Vesperpause trat Herr Wittmann an das Pult, um kauend
sich ein bißchen mit Martha zu unterhalten.
Benno steckte seine Nase tiefer in die Couponpäckchen, er wollte nicht
hören, was die da drüben plauderten. Er wollte nicht.
Aber er konnte doch nicht hindern, daß Marthas helles Lachen zu ihm
herüberdrang, und daß einzelne Sätze an sein Ohr schlugen wie
Peitschenhiebe.
Meistens sprachen die beiden vom Theater.
Martha ging oft in die Oper, und auch Herr Wittmann schien über die
Vorgänge vor und hinter den Kulissen gut unterrichtet zu sein.
Es fiel Benno auf, daß Wittmann seltener die Kunstwerke als die
darstellenden Künstler kritisierte, die er offenbar für den wichtigeren
Teil hielt, und daß er nach Altfrankfurter Tradition mit Vorliebe, auf
Kosten der gegenwärtigen Bühnenkräfte, ehemalige, zum Teil längst
verstorbene Theatergrößen Frankfurts himmelhoch pries.
Gar bittere Empfindungen flammten in Benno während dieser Vesperpause
empor.
Der reine Himmel seines Kindergemüts überzog sich mit dicken, schwarzen
Wolken, die Sonne war erloschen, und ihm war, sie würde nie, nie mehr
scheinen.
Am liebsten hätte er sich die Ohren mit beiden Fäusten zugehalten.
Am liebsten hätte er den Kopf in ein großes Tintenfaß gesteckt, wie der
Nikolaus im Struwwelpeter die bösen Buben. Um nichts zu sehen und zu
hören.
_Wenn_ ich jetzt nicht der Benno Stehkragen wär', dachte er, sondern der
Benno _Strauß_, -- dann tät' ich mein' Kopf in den Sand stecken -- und
tät' nix hören -- und nix gucken, -- sondern ich tät' nur ganz hinten
mit der Schwanzfeder abwinken: »Hört auf! Aufhören sollt ihr!!« -- und
ich tät' ...
Am liebsten hätte er jetzt den Bleistift und den Tintenstift Marthas
genommen, die Stifte, die er mit so viel Hingabe gespitzt hatte, und
hätte wie ein unartiger Schuljunge absichtlich die Spitzen abgebrochen:
»Da! Da! So! Das ist dafür, daß du mich so mißhandelst!«
Und Benno Stehkragen, der nie nach der Würde eines Bureauchefs gegeizt
hatte, wünschte sich nun inbrünstig nur zwei Minuten Bureauchef zu sein,
um gellend durch das Zimmer kreischen zu können: »Ruhe!! Während der
Arbeitszeit wird nicht geschwätzt!«
Seine »Wenn«-Phantasien liefen in solchen Augenblicken keineswegs auf
Menschheitsbeglückung hinaus; sie waren keine seligen Gefilde mehr,
nein, es waren schluchtenverzerrte Abruzzengegenden, und mitten drin
hauste er als wilder Räuber, Signor Benno Stehkragenino, der Schrecken
der Berge, Fra Diavolo, Karl Moor, Schufterle, Spiegelberg, Kneißl und
Rinaldo in einer Person.
Endlich begab sich Wittmann wieder an seinen Platz.
Kaum zehn Minuten hatte er mit Martha geplauscht -- Benno schätzte die
Zeit eine Ewigkeit.
Auch die übrigen Arbeitskräfte beobachteten mit Interesse die Vorliebe
Wittmanns für das hübsche Fräulein Böhle. Aber sie regten sich deshalb
nicht auf, höchstens klatschten sie ein bißchen darüber und sorgten
dafür, daß auch in den übrigen Bureaus dieser Flirt bekannt wurde.
Im ersten Stock hieß es noch: »Herr Wittmann sucht Familienanschluß,« im
zweiten Stock hieß es bereits, Fräulein Böhle und »ihr« Bureauchef seien
Arm in Arm im Foyer des Zirkus Schumann gesehen worden, und im
Dachgeschoß galt es als feststehende Tatsache, daß der Vater des
nächsten Dutzends Böhlescher lediger Kinder -- Wittmann heißen würde.
So blind ist der Klatsch, daß er gierig die ganz nichtigen Beziehungen
Marthas zu Wittmann ergiebig ausbeutete, aber die verliebte
Aufdringlichkeit Benno Stehkragens überhaupt nicht bemerkte.
Und welch dankbares Spottobjekt hätte der bucklige Benno als Liebhaber
abgegeben!
Die Vesperpause war vorüber, und die Arbeitshetze in der Industriebank
steigerte sich zur Tollwut. Und mit dieser Steigerung häuften sich
natürlich auch die Fehler, Versehen, Mißverständnisse, und mit den
Irrtümern der Verdruß und Skandal.
Man fand jetzt in sämtlichen Bureaus, daß viel zu wenig Arbeitskräfte
vorhanden seien, und daß es eine Gemeinheit sei, an Personal zu sparen,
nur damit die dickköpfigen Herren Aufsichtsräte und Direktoren fettere
Tantiemen schlucken könnten.
Man sei doch kein Stück Vieh, daß man so schuften müsse. Und es sei
überhaupt die höchste Zeit, daß sich einmal die Presse mit den
unerhörten Zuständen in der Industriebank beschäftige.
Am lautesten schimpften natürlich diejenigen Herren, die am tiefsten vor
den Direktoren zu knixen pflegten.
Je näher der Uhrzeiger auf Sechs vorrückte, desto geräuschvoller wurde
es in den Bureaus. Keiner nahm mehr Rücksicht auf den anderen, jeder
hatte genug mit sich selbst zu tun und arbeitete verzweifelt an dem
Material, das vor und neben ihm hoch aufgeschichtet lag und nicht
weniger werden wollte.
Über die Gänge hasteten Beamtinnen, die Stöße von Briefen und Wechseln
zur Unterschrift in die Zimmer der Direktoren und Prokuristen
schleppten, und die von einem Prokuristen abwehrend zum anderen
geschickt wurden, denn keiner hatte jetzt Zeit. Es dauerte eine
Ewigkeit, bis jeder Brief und jedes Dokument endlich die
vorschriftsmäßigen zwei Unterschriften trugen.
Wer die erste Unterschrift gab, hatte die Pflicht, die Richtigkeit des
Schriftstückes zu prüfen, und dabei gab es wieder Dutzende von
Beanstandungen, Vorwürfen, Rüffeln.
»Herr Mayer soll 'rüberkommen!« schrie ein Prokurist durchs
Haustelephon, und der unglückselige Mayer, der mitten aus seiner Arbeit
geschreckt wurde, warf wütend die Feder hin: »Was paßt ihm denn schon
wieder nicht, dem alten Schikaneur?!«
»Haben _Sie_ das geschrieben? Es ist wirklich nicht zu glauben: Jetzt
sind Sie schon fünf Jahr im Geschäft und können nicht einmal einen so
einfachen Brief schreiben! Jeden Schmarren muß man selbst diktieren! Es
ist zum Haarausraufen!«
Der Prokurist diktierte, der wutschnaubende Mayer stenographierte und
fand natürlich, daß er selbst den Brief zehnmal klarer und deutlicher
geschrieben hatte, und daß dieser Schafskopf von einem Prokuristen ein
Deutsch von sich gab, dessen sich jeder Hottentotte geschämt hätte.
Und dann sauste Mayer wieder in die Korrespondenz und schrieb den
verfluchten Brief zum zweitenmal und verhaspelte sich natürlich in
seiner Aufregung -- gerade im letzten Absatz des dreiseitigen Briefes --
und mußte ihn _noch einmal_ abschreiben! -- Und endlich war das
schwierige Werk gelungen, die zwei Unterschriften prangten darunter, und
dann verwischte ihn beim Kopieren so eine »Gans von einer Bankbeamtin,
die auch gescheiter Waschfrau geworden wäre«, und der Brief mußte zum
_viertenmal_ geschrieben werden.
Und Mayer bewunderte seinen eigenen Edelmut, daß er nicht den
Nächstbesten umbrachte.
Wie hatte doch der alte Binder bei Marthas Eintritt in das Unternehmen
gesagt?
»No, da sin Se ja gleich in de richtige Affe'stall komme!«
Etwas ruhiger ging es während dieses allgemeinen Tohuwabohus nur im
Couponbureau zu.
Das war nicht zum wenigsten das Verdienst Wittmanns. Man konnte diesem
Mann manches Böse nachsagen -- er war ein rücksichtsloser Streber, ein
roher Gewaltmensch und Grobian -- aber niemand konnte ihm absprechen,
daß er ein vorzüglicher Organisator, begabt mit einem Riesengedächtnis
war, der unermüdlich arbeitete.
Was er in die Hand nahm, klappte. Mit Geschrei, Kränkungen,
Ungerechtigkeiten -- aber es klappte.
Es kam übrigens seit Marthas Versetzung in das Couponbureau nur noch
selten zu Zusammenstößen zwischen Benno Stehkragen und Wittmann.
Wittmann wollte sich vor Martha keine Blöße geben.
Und Benno fühlte instinktiv, wer an dieser Veränderung die Schuld trug,
und war Martha dankbar dafür. Denn wenn ihn auch die ordinären
Anrempeleien Wittmanns nie sonderlich erregt hatten, sie waren ihm doch
peinlich gewesen, wie alles Geräuschvolle.
»Sind Sie so weit, Herr Stehkragen?« frug Martha gegen fünf Uhr.
Benno, dessen Seele noch von Weh und Zorn verdüstert war, nickte
grollend Bejahung.
Nun kam Martha zu ihm hinüber, und es begann das »Kollationieren«.
Benno nahm die an die Kundschaft abgehenden Fakturen, las sie der Reihe
nach vor, und Martha verglich mit dem Couponbuch, in das alle Posten
eingetragen waren.
Aus Rücksicht auf die arbeitenden Kollegen fand dieses Ablesen im
Flüsterton statt.
Und dieses Geflüster kam Benno wie etwas ungemein Geheimnisvolles vor,
beinahe wie ein #tête-à-tête#.
Nach jedem Posten machte er beim Verlesen eine kleine Pause, um Marthas
bestätigendes »Stimmt!« zu hören.
Und mit jedem »Stimmt!« schrumpfte sein Groll mehr zusammen, hellte sich
sein Gemüt auf.
Bei den neunzehn Coupons 3% Portugiesen des Herrn Isidor Seligmann war
der Himmel seiner Seele noch mit tiefschwarzen Gewitterwolken bedeckt
-- bei den sieben Löwenbräu-Dividendenscheinen der Firma Gassner und
Sohn hatten sich diese schwarzen Ungetüme bereits in schmutzig-graue
Regenwölkchen verwandelt -- bei den dreißig Coupons 4% Rumänische
amortisierbare Rente des Herrn Friedrich Rottler, Offenbach, guckte
schon ein Sonnenstrählchen fürwitzig hinter einem Wölkchenrand hervor,
als wollte es mit dem Kinde Benno »Kuckuck--Tata!« spielen.
Und bei den vierundzwanzig Zinsscheinen 3½% Deutsche Reichsanleihe der
Henriette Bergmüller sel. Witwe, Hattersheim -- o Jubel, da lachte die
liebe Sonne wieder riesengroß vom blauesten Himmel und machte dem
kleinen Benno Stehkragen so warm, daß er den Schweiß von der Stirne
tupfen mußte.
»'n Augenblick, Fräulein Heckenröschen, ich muß bloß emal Atem
schnappen!«
Und endlich war es sechs Uhr abends, und die Beamten strömten aus dem
Bankgebäude.
Nur die Korrespondenten saßen noch hinter ihren Tischen und kritzelten
eifrig und ärgerten sich, daß sie nicht zeitig fertig geworden waren.
In den Tresors lagen die Wertpapiere, Coupons, Wechsel, Dokumente,
ausländischen Geldsorten, Scheckbücher, das Bargeld der Kasse und die
wichtigsten Geschäftsbücher wohlgeordnet verwahrt.
Die am nächsten Vormittag zu erledigenden Botengänge waren bis ins
kleinste geregelt und das dazugehörige Material zurechtgelegt.
Das gesamte Personal der Bank hätte über Nacht sterben können, ohne daß
die geringste Unordnung eingetreten wäre; das neue Personal hätte
einfach dort weitergearbeitet, wo das alte aufgehört hatte.
Beinahe zwei Stunden länger wurde in der Expedition geschafft, die am
Gangende des zweiten Stockwerkes lag und lediglich die Kuvertierung und
Absendung der Briefe zu besorgen hatte. Alle weiteren Postangelegenheiten
waren bereits von den einzelnen Bureaus erledigt worden.
Es war in der Industriebank der Modus eingeführt, daß jeder
Korrespondent zu dem von ihm geschriebenen Briefe auch den Umschlag zu
schreiben hatte. Der Briefumschlag wanderte sogleich in die Expedition
und wurde dort in alphabetisch eingestellte Regale eingeordnet, während
die Briefe, die beizulegenden Notas und Dokumente erst später in der
Expedition eintreffen konnten.
Sechs Angestellte waren von fünf Uhr ab in der Expedition damit
beschäftigt, die aus dem ganzen Hause dort zusammenströmenden
Schriftstücke in die dazugehörigen Kuverts zu stecken und zuzukleben.
Abwechselnd hatten sämtliche Angestellte diese Tätigkeit auszuüben.
Natürlich gab es auch in der Expedition Ärger in Hülle und Fülle.
Da fehlten zuweilen die in den Briefen erwähnten Einlagen, die nach
langem Suchen endlich in irgendeinem Bureau gefunden wurden; da war ein
Brief, zu dem kein Umschlag geschrieben war, und dort war ein Umschlag,
zu dem kein Brief heraufkam.
Dann wieder stimmte eine Umschlagadresse nicht mit der Briefadresse
überein, auf dem Umschlag stand Gebrüder Lautenschläger in Pforzheim,
und im Brief stand Gebrüder Lautenschläger in Bückeburg; es mußte
konstatiert werden, _wo_ eigentlich die Gebrüder Lautenschläger
residierten, und das verursachte wieder einen höchst unerwünschten
Aufenthalt.
Ferner kam es vor, daß der Expedient eine Einlage in ein falsches Kuvert
gesteckt hatte, so daß sie jetzt an der richtigen Stelle fehlte und
nicht gefunden werden konnte und unter Umständen die sämtlichen Briefe
wieder aufgerissen werden mußten.
Und zwischen den Expedienten liefen die Kassenboten herum und drängten
zur Eile:
»Wir kommen zu spät zur Post! Die Briefe werden uns nicht mehr am
Schalter abgenommen, wenn wir nach dreiviertel Acht kommen! Wir können
uns nicht die Lunge aus dem Hals laufen!«
Waren die Briefumschläge geschlossen, so wanderten sie in die Hände des
aufsichtführenden, greisen Herrn Bittenberger, der sie frankierte.
Dieser Posten galt halb und halb als Gnadenbrot.
Bittenberger, der an Schreibkrampf litt, und dessen Hände beständig
zitterten, war seit Jahren pensionsberechtigt. Aber die Pension betrug
nur drei Vierteile des Gehalts, und Bittenberger, der eine zahlreiche
Familie und einen mißratenen ältesten Sohn hatte, konnte und wollte
nicht auf das vierte Viertel seines Gehalts verzichten.
Was sollte die Direktion tun? Einem so greisen Beamten kündigen? Nein,
das ging nicht. So hatte man ihn denn auf diesen stumpfsinnigen Posten
gesetzt. Mochte er dort weiterwursteln, solange es sein kläglicher
Gesundheitszustand zuließ!
Schließlich erlosch auch das Licht in der Expedition.
Es hatte wieder Verschiedenes nicht gestimmt, und Bittenberger wankte,
auf seinen Spazierstock gestützt, bekümmert und hoffnungslos die Treppe
hinunter, in der Gewißheit, daß ihn zu Hause noch weit härterer Kummer
erwartete.
Für die letzten Briefe war es richtig wieder zu spät zur Postablieferung
geworden. Und da sich ein wichtiges Schreiben nach Norddeutschland
darunter befand, so mußte halt ein Kassenbote nachts nach zehn Uhr
diesen Brief persönlich in den Berliner Schnellzug werfen.
Der betreffende Kassenbote hatte darob den schuldlosen Bittenberger mit
einer Flut von Vorwürfen und massivsten Grobheiten übergossen, die der
greise, kranke Mann zitternd und wehrlos über sich ergehen ließ.
»Gu'n Nacht, Vadder Bittenberger,« grüßte der alte Binder, als
Bittenberger an der Portierloge vorbeikam.
Auch der alte Binder hatte schon lange ungeduldig darauf gewartet, daß
»die oben in der Expedition« endlich fertig würden, aber er ließ den
kranken Kollegen nichts von seiner Ungeduld merken. »Gu'n Nacht, Vadder
Bittenberger! Alleweil fleißig! Alleweil morjens der ehrschte, awends
der letzte!«
Bittenberger lächelte müde. Ja, der alte Binder war eine gute, ehrliche
Haut, der sagte ihm gerne was Liebes -- aber was nützte das?
»Wie geht's dann alleweil, Vadder Bittenberger? Was macht des verflixte
Asthma?«
»Schlecht geht's, Binder! Schlecht! Ich werd' wohl nicht mehr lang
mitmachen.«
»Gell, mache Se kaan Stuß!« protestierte Binder, scheinbar tief
entrüstet. In Wahrheit teilte er vollkommen Bittenbergers pessimistische
Ansicht.
Und indem er die Sache ins Scherzhafte hinüberzuleiten suchte, fuhr er
fort: »Leut' wie mir zwaa! In de beste Jahr'n! Basse Se nor uff: mir
schdecke noch manche Neujahrsgradifikatio' ei', eh merr ans Abkratze
denke!«
Bittenberger winkte traurig mit der zittrigen Hand ab. Er dachte daran,
was aus seinem ältesten Sohn werden würde, wenn er selbst nicht mehr da
wäre ...
»Also Gute Nacht, Binder!« seufzte er und humpelte durch das Portal.
Kopfschüttelnd sah ihm Binder nach. Auch er seufzte jetzt.
»Ja, des is e Lewe!« philosophierte er. »Da soll merr noch an e
Gerechtigkeit glaawe! E Saustall is die ganz' Welt! E Saustall, unn nix
weider!«
Er nahm die großen Schlüssel von der Wand und verschloß das schwere
Eisentor vor dem Portal.
Dann machte er den allabendlichen Rundgang durch sämtliche Räume des
Hauses, sah nach, ob überall die Rolläden geschlossen und die Lampen
ausgedreht seien, zog die Kontrolluhren für die nächtliche Ronde auf,
überzeugte sich noch einmal, ob die Panzertür, die zu den Kellergewölben
führte, verschlossen war, und schaltete die elektrische Klingelleitung
zum Schutze gegen Einbrecher ein.
So, jetzt war sein Tagewerk vollbracht.
Mit ruhigem Gewissen konnte er das Schlüsselbund dem Nachtportier
übergeben und sich in seine kleine Wohnung, bestehend aus drei neben der
Portierloge gelegenen Zimmerchen, zurückziehen, wo seine Frau und sein
Sohn bereits bei Hering und Pellkartoffeln auf ihn warteten.
Martha hatte sich mit einem kurzen »Guten Abend« vom Couponbureau
verabschiedet.
Flüchtig und zerstreut klang dieser Gruß. Denn ihre Gedanken weilten
schon halb im Theater oder Kino, wo es den vortrefflichen Spieltenor
Schramm als David, die süße Henny Porten als erstaunlich
schicksalsreiches Findelkind zu bewundern gab.
Benno begriff Marthas Vorliebe fürs Theater nicht recht.
War es nicht viel genußreicher, die Werke unserer Klassiker daheim im
stillen Stübchen mit Andacht zu lesen, als sie sich zwischen bemalten
Pappdeckeln und Leinwand vorgestikulieren zu lassen?
Und von Musik, so sehr er sie liebte, verstand er nicht viel.
Ein Lied konnte ihn tief rühren, aber die stundenlange lärmende
Opernmusik sagte ihm nichts.
Er war mit den meisten Opernhelden durchaus nicht einverstanden.
Da war zum Beispiel der Siegfried, ein Held, für den man sich wohl
begeistern konnte, solange er sich in Mimes Schmiede befand und Ambosse
entzweischlug. Auch daß er den Fafner tötete, war aller Achtung wert --
schon weil der Drache so dummes Zeug redete. Es gibt in der menschlichen
Großstadt schon genug quasselnde Drachen -- braucht's auch noch im
_Wald_ solche Viecher zu geben?
Also bis dahin war gegen den Siegfried nichts einzuwenden.
Aber weshalb kümmerte sich dieser unverdorbene, jugendstrotzende
Naturbursche um den Nibelungenschatz und den Ring?
Für so etwas durfte ein Held, in Bennos Augen, keinen Sinn haben. Das
war geradeso, als hätte man ihm seinen angebeteten Schiller beim
Couponschneiden abgemalt!
Und was das Waldvöglein erzählte, das mußte dem Siegfried erst recht
ganz schnuppe sein! Ein Held _durfte_ sich nicht von einem Piepmatz
verführen lassen.
Wahrhaftig, der Siegfried hätte ihm _mehr_ imponiert, wenn er sich
inmitten der redenden Tiere hoch aufgerichtet und mit Rittershausens
Stimme dazwischengekräht hätte:
»Ruhe! Während der Arbeitszeit wird nicht geschwätzt!«
Aber das Unverzeihlichste war die Erweckung Brünhildes.
Wenn er, Benno Stehkragen, ein gepanzertes Weib in einem Feuer, das
nicht versengte, im besten Schlaf gefunden hätte, er hätte sie nie und
nimmer geweckt.
Ja, ein kleines Kind, das hätte er auf den Arm genommen und ihm das
Köpfchen gestreichelt und ihm zugeredet: »Du brauchst dich nicht vor dem
Feuer zu fürchten!« und hätte es mit nach Hause genommen und bei sich
behalten, bis sich die Mutter meldete.
Aber ein Weib mit Schwert, Helm und Brünne, gepanzert bis über die
Nasenspitze?
Nein, das war keine Partie für Siegfried. Er hätte dem Siegfried ein
wunderzartes, treues, hingebendes Mägdelein zum Weibe gewünscht, aber
nicht eine rabiate Athletin, die im Freien übernachtete und eine ganze
Waffenkammer mit sich herumtrug.
Und wenn sie von selbst erwacht wäre, so hätte er, Benno Stehkragen, an
Siegfrieds Stelle gesagt: »Entschuldigen Se, falsch verbunden!« und
hätte die Brünhilde Brünhilde sein lassen.
Nein, dieser Siegfried war kein reiner Held für seine Begriffe.
Und so erging es ihm mit den meisten Helden der Oper und des
Musikdramas: sie sangen wohl recht schön, wenn auch ein bißchen viel und
lang, aber _lieben_ konnte man sie nicht, noch sich für ihre Taten
begeistern.
Schade, daß Martha eine solche Vorliebe für das Theater besaß.
Es war Benno ein Rätsel.
Und dennoch war dieses Rätsel so einfach zu lösen:
Er, Benno Stehkragen, besaß eine ungestüme, krause Phantasie, die freien
Flug brauchte. Die sinnfällige Darstellung von Kunstwerken auf der Bühne
legte seiner Phantasie Ketten an. Im Theater befand sich nicht nur seine
kleine, buckelige Körperlichkeit in einem geschlossenen Raum, auch sein
Empfinden, sein Denkvermögen waren in eine große Schachtel eingesperrt,
wie ein Maikäfer in eine Botanisierbüchse, und stießen auf allen Seiten
schmerzhaft an, sobald sie sich zum Fliegen anschickten.
So war es ihm schon als Kind gegangen.
Als kleiner Bub hatte er einmal zum Geburtstag einen großen Baukasten
erhalten. Damit baute er die wunderschönsten Häuser, Brücken und
Paläste.
Aber es lag diesem Baukasten auch ein Heftchen mit Vorbildern und
Anleitungen bei -- und nach diesen Vorbildern brachte er beim besten
Willen nichts zustande.
Der Vater, zornig über den dummen, ungeschickten Jungen, zankte, und
Benno zog sich verschüchtert mit seinem Baukasten in die dunkle
Speisenkammer zurück, kauerte auf den kalten Boden nieder und errichtete
dort in der Finsternis die herrlichsten Schlösser.
Hatte er eines beendet, so öffnete er die Türe, ließ das Licht
hereinfallen, bewunderte sein Werk und belohnte sich freigebig mit den
Rosinen, die so nahe standen.
Bis seine Mutter fand, daß diese eigenmächtigen Belohnungen zu tief in
ihr Haushaltungsbudget eingriffen, und der Baukasten in einem
wohlverschlossenen Schrank verschwand.
In Gedanken aber baute Benno noch lange die prächtigsten Gebäude.
Im Gegensatz zu Benno besaß Martha, dieses kluge, lustige Mädel, nur
wenig Phantasie.
Wollte _sie_ sich über das Ackerland des Alltags erheben, so bedurfte
sie dazu der groben Vermittlung all des Plunders von Schminke, Puder und
Flitter.
Eine Flugmaschine, ja, das war etwas, was sie begriff -- sie selbst
hatte keine Flügel. Ein Drama zu _lesen_ wäre für sie etwas maßlos
Langweiliges gewesen.
Sie lebte in angeborener, unverwüstlicher Daseinsfreudigkeit dahin, ein
praktisches, vergnügtes, gesundes Menschenkind.
Für Martha gab es keine Märchen, nur eine höchst lebenswerte
Wirklichkeit. Für Benno war alle Wirklichkeit ein Märchen.
Ein närrisches Märchen, in dem er selbst mitagierte, nur wußte er nicht:
Hatte er aus dem Zauberquell getrunken, der ewiges Glück verleiht, oder
hatte er von den Feigen des Zwergs Nase gegessen, von deren Genuß man
lange Schlappohren und eine ungeheure Nase bekam?
Und in dieses Märchen war mit dem Erscheinen Marthas die Feenkönigin
eingetreten, und unter jedem ihrer Schritte blühten Vergißmeinnicht,
Veilchen und Nelken und all die Blumen, mit deren Namen er sie
alltäglich begrüßte.
Auch einen bösen, mächtigen Hexenmeister gab es in dem Märchen, der der
Feenkönigin nachstellte, und das war der Herr Wittmann.
Die alten Griechen, dachte Benno, haben für alle Gewerbe ihre
Spezialgötter gehabt; der Ackerbau hatte seine Göttin, die Viehzucht
hatte ihre Göttin -- vielleicht ist Fräulein Böhle die Göttin des
Bankgeschäfts, und die dummen Menschen merken's nur nicht.
Benno Stehkragen war verliebt, rettungslos verliebt.
Freilich, hätte ihm jemand auf den Kopf zugesagt: »Herr Stehkragen, Sie
haben sich in Fräulein Böhle vergafft,« er hätte es nicht geglaubt.
Verliebt? Er? -- Wieso?
Wenn man ein Weib liebt, so _begehrt_ man es doch. Man will sie küssen,
sie in seine Arme schließen, sie ganz für sich allein besitzen, mit ihr,
für sie und durch sie glücklich sein.
An so etwas aber dachte Benno Stehkragen mit keinem Gedanken.
Nicht ihr üppiges blondes Haar, nicht ihre weichen Arme, nicht ihre
Schlankheit oder ihr hübsches Gesicht wollte er sich zu eigen machen --
es war der Duft von Jugend, von lachender Frische, der ihn unterjochte.
Er spiegelte sich in diesem Quell, der sein Bild tausendfach verklärt
zurückwarf -- aber sollte er mit plumpen Füßen hineintappen und den
Quell schlammaufwühlend trüben?
Martha war für ihn ein Heiligtum, das man nicht berühren durfte.
Er konnte sich kaum vorstellen, daß er den Saum ihres Kleides küssen
würde, und gar ihre roten Lippen? -- Niemals.
Ich und Martha vereint, dachte er bitter, das wär', als wollt' man ein
Reh mit einem Pavian kreuzen!
Seine Liebe war ein wortloses Anhimmeln, und wenn Benno Stehkragen nicht
ein so ausgereiftes Männlein gewesen wäre, hätte man es pennälerhaft
nennen dürfen.
Vor dem Bilde Marthas verschwand ihm das Bild eines anderen Mädchens,
das ihn bisher manches Mal beschäftigt hatte: das Bild des Fräuleins
Rita von Veldern.
Wer war das?
Begleiten wir den kleinen, buckeligen Benno ein wenig auf dem
Nachhausewege, sehen wir uns ein bißchen sein Junggesellenheim droben
auf dem Sachsenhäuser Berg an; so wird auch in diese bis jetzt noch
dunkle Angelegenheit Licht kommen.
Benno ging die Kaiserstraße hinunter.
Er hatte am Vormittag in Marthas Begleitung keine Zeit gehabt, sich die
Schaufenster zu betrachten, und er holte das jetzt mit Behagen nach.
Besonders die Auslagen eines Porzellan-Geschäfts fesselten seine
Aufmerksamkeit.
Da war seit etlichen Wochen eine zierliche Rokokopuppe ausgestellt: zwei
Edelleute und zwei Hofdämchen, die gemeinsam Karten spielten. Benno
hatte den Gesichtsausdruck der vier spielenden Figürchen genau studiert,
und er war sich darüber klar geworden: die eine Dame mogelte.
Jawohl, die eine Dame, die gerade das Herz-As ausspielte, und zu deren
Füßen ein Windhund kauerte, mogelte ungeniert.
Jeden Tag betrachtete er sich die Gruppe von neuem und dachte sich:
Merken die's denn immer noch nicht, daß das Luder mogelt?
Wenn die Kaiserstraße nicht eine so belebte Straße gewesen wäre,
wahrhaftig, er hätte leise an die Fensterscheibe geklopft: #»Attention,
mesdames et messieurs, c'est votre amie, qui# mogelt!«
Auch Benno hatte in jüngeren Jahren gelegentlich im Kaffeehaus Karten
gespielt. Skat. Er hatte das Spiel schnell begriffen, aber er verlor
immer.
Denn seine Gedanken waren ganz woanders.
_Wenn_ ich der Eichelkönig wär', dachte er -- da täten in meinem Reich
lauter Eicheln wachsen -- und meine Untertanen täten nur von
Eichelkaffee leben -- und ich tät' sagen: »Ich guck' schon: Eichelkönig,
das is nix für mich! Ich will lieber der _Grünkönig_ sein!« -- Und
plötzlich bin ich der Grünkönig -- und überall wächst nur Spinat -- und
ich sag': »Was nutzt mich der Spinat ohne Spiegelei? -- Is das e Menü
für en König? -- Ich wollt', ich wär' der _Herzkönig_!« -- Gesagt,
getan, Hokuspokus, bin ich der Herzkönig! -- Und mein ganzes Land is
voll Liebespärchen -- und jeden Tag muß ich von fünf Uhr morgens bis elf
Uhr nachts Scheidungsklagen entscheiden -- und es wächst merr zum Hals
'eraus, -- und ...
Und: »Mit Ihne kann merr iwwerhaapts net spiele, Herr Stehkragen!«
schrie sein Partner wütend. »Sie dhun ja net emal Farb' bekenne'!«
Das hatte Benno auch eingesehen und hatte das Kartenspielen leichten
Herzens aufgegeben.
Die nächste Station auf seinem Nachhausewege war das Schaufenster einer
Schreibwarenhandlung.
Die Spezialität dieses Geschäftes waren zärtliche Ansichtspostkarten,
mit denen das ganze Schaufenster übersät war. Und diese Dokumente
menschlicher und unmenschlicher Geschmacklosigkeit bereiteten Benno
täglich von neuem ein ungeheures Vergnügen.
Wie man nur solches Zeug zeichnen, drucken, kaufen und gar verschicken
konnte?
Also diese weiblichen Puppengesichter waren der Idealtyp der
Frauenschönheit! Diese fettsüchtigen Busen und Elefantenwaden sollten
einen Mann entzünden! Und diese faden geschniegelten Mannspersonen mit
dem schneidigen Schnurrbart und Pomadescheitel waren das Höchste, was
Allmutter Natur an männlicher Schönheit hervorbringen konnte!
Die Menschen sin meschugge, dachte Benno. Da is mitten in der Stadt ein
Lachkabinett, wie's auf keinem Jahrmarkt köstlicher zu finden is -- unn
die Leut' stehn mit todernsten Gesichtern davor!
Er selbst hätte sich vor Lachen schütteln können.
Das Herrlichste waren entschieden die blondzöpfigen Mädchen, die an
einem Tisch saßen und mit verklärten Kalbsaugen irgendwohin nach der
Decke sahen, als ob sie sich in den Gaslüster verliebt hätten. In der
Ecke stand etwa:
Weilst du auch ferne in der Ferne,
Ich schwebe bei dir überall,
Ich hab' dich ja so lieb und gerne
Und lausch' dem Lied der Nachtigall.
Also die Nachtigall war an den Kalbsaugen schuld -- nicht der Gaslüster.
In vergnügtester Stimmung kam Benno am Uhrtürmchen an, wo er wieder
durch die Promenade nach der Großen Gallusgasse abbog.
Das war eigentlich ein kleiner Umweg, aber er machte ihn täglich, um das
Stückchen Promenade, inmitten des Häusermeeres, zu genießen.
Und dann stand in diesem Abschnitt der Frankfurter Anlagen, die den
beneidenswertesten Schmuck der Stadt bilden, der Trompetenbaum.
Vor vielen, vielen Jahren, als Benno noch in die Schule ging, hatte der
Naturgeschichtslehrer die Klasse auf diesen Baum aufmerksam gemacht und
empfohlen, sich die eigenartig geformten Blätter zu betrachten.
Der Lehrer war nun schon lange tot, aber noch immer stand alltäglich
Benno vor dem Trompetenbaum still und beschaute ihn ein Weilchen. Und
dachte dabei hie und da des ehemaligen Naturgeschichtslehrers, des
Professors Noll, der der Abgott aller seiner Schüler gewesen war.
Noch aus einem anderen Grunde bog Benno Stehkragen am Uhrtürmchen links
in die Promenade ab: rechts vom Uhrtürmchen stand in den Anlagen das
Riesendenkmal Bismarcks, das er nicht leiden konnte.
Nicht als ob Benno ein schlechter Patriot gewesen wäre, oder ein
»Gegner« Bismarcks. Benno liebte sein Vaterland inbrünstig, und vor
Bismarck besaß er einen tiefen, beinahe ängstlichen Respekt.
Aber an dieser Stelle hatte ehemals ein anderes Denkmal gestanden: das
Denkmal eines Stadtgärtners, der sich um die Anlagen besonders verdient
gemacht hatte. Das schlichte Monument des Stadtgärtners hatte dem
Reichsgärtner Platz machen müssen und war an eine weniger verkehrsreiche
Stelle der Anlagen versetzt worden.
Und das verzieh Benno der Stadt nicht.
Damals hatte er in Gedanken eine große Rede zugunsten des alten
Stadtgärtners gehalten, der in Erz gegossen so freundlich dasaß, als
wollte er jedem Vorübergehenden einen guten Tag wünschen, eine große
Rede über das bittere Thema: »Immer müssen die Kleinen den Großen den
Platz warm halten, bis sie beiseite geschoben werden.«
Es war eine fulminante Rede gewesen, viel zu pathetisch für den
geringfügigen Anlaß, und man konnte Benno nur dazu gratulieren, daß er
diese Rede, wie alle seine Volksreden, lediglich in Gedanken gehalten
hatte.
Der Trompetenbaum war besichtigt -- »Trompetenblüte«, das wäre
eigentlich eine ganz schöne Morgentitulation für Fräulein Böhle gewesen;
die Blumennamen gingen ihm sowieso aus -- und Benno kam auf dem Roßmarkt
an.
Diesen Platz liebte er.
Sah man doch von ihm aus zwei Denkmäler von Männern, denen er die
heiligsten Stunden seines Daseins verdankte: Gutenberg und Goethe.
Und er dachte: _Wenn_ ich da droben der Gutenberg wär' -- und ich tät'
die vielen Menschen mir zu Füßen 'erumwimmeln sehen -- die vielen,
miesen Menschen -- und könnt' nicht davonlaufen -- weil mich der Fust am
Rockzipfel festhalten tät' -- und könnt' merr nicht die Haar' ausraufen
-- weil mir der Bildhauer so e mittelalterliche Kapp' aufgesetzt hat --
ich tät' sagen: »Ihr Menschen,« tät' ich sagen -- »is es e Wunder -- daß
euer Gemüt beständig friert -- und euer Herz den Schüttelfrost hat --
und eure Seele den Schnupfen? -- An dem heiligen Feuer der Kunst geht
ihr vorüber -- und wollt euch wärmen an dem Streichhölzchen des
Amüsements! -- Was gründet ihr ewig Kinos -- und Tingeltangels -- und
Kabaretts -- und neue Weinkneipen mit alter Damenbedienung? -- Für das
Veilchensträußchen, das ihr einer Chansonette zuwerft -- die ihr'n Rock
hochgehoben hat -- weil se mit Recht findet, daß sie im Schmutz watet --
könntet ihr euch fünf Reclam-Bändchen kaufen -- und könntet für zwanzig
Pfennig mit der Jungfrau von Orleans -- oder der Iphigenie -- oder dem
Klärchen -- das Wasser des Lebens trinken, -- statt mit einer
baufälligen Schickse für zehn Mark gepanschten Sekt! -- Seid ihr
überhaupt wert, daß die Buchdruckerkunst erfunden worden is?« -- Und
während ich, der Johannes Gutenberg, so red', seh' ich plötzlich aus der
Junghofstraß' e Licht näherkommen -- und das is ein Blondkopf -- und es
is der Fräulein Böhle ihr Kopf, der da kommt -- und ihr Leib kommt
natürlich _auch_ -- und ich spring' herunter von dem Sockel -- und der
Fust kann mich nicht mehr festhalten, sondern er behält meinen
Rockzipfel in der Hand -- wie die selige Potiphar dem Joseph seinen
Paletot -- und er tät' verdutzt ausrufen -- ganz wie damals die
Potiphar: »No, was is?« -- und ich tät' schreien: »Fräulein Böhle, für
_dich_ hab' ich die Buchdruckerkunst erfunden -- ich, Benno Stehkragen
-- und alles, was die Dichter an Frauenlob gesungen haben, gilt _dir_«
-- und dann ...
Und dann war er in seinem Traum wieder bei Martha angelangt, er, der
entschieden bestritten hätte, verliebt zu sein.
Während des langen Wachtraumes waren seine krummen Beinchen in das
Salzhaus getrippelt und wandelten jetzt durch die Altstadt, in die die
Bautätigkeit der Neuzeit klaffende Breschen gelegt hatte -- mehr zur
Freude der Kriminalpolizei als zur Freude der Geschichtsfreunde -- und
schritten über die alte Mainbrücke, deren Schicksal gleichfalls bereits
besiegelt war.
Er blickte in den Main hinab, wo in flinken Ruderbooten zur nächsten
Regatta geübt wurde, sah die schweren Lastkähne und hörte den Schlepper
prusten.
Und malte sich im Weiterschlürfen aus, wie es wäre, _wenn_ ...
_Wenn_ er jetzt auch den Main hinunterschwämme, der auf
altfrankforterisch »Mää« geschrieben wird und auf neufrankforterisch
»Moi« gesprochen wird -- und ein Haifisch wär' -- und hätt' den Jonas im
Bauch -- und es käm' der Wildschütz, der aus der Sage und einem schönen
Stoltzeschen Gedicht bekannt is -- und tät' ihm einen Neuner in den
Bauch schießen -- wie seinerzeit in die Wetterfahne des Eschersheimer
Turms -- und wie dann ...
Und er kletterte bereits den Sachsenhäuser Berg hinauf und schwitzte,
denn es war ein warmer Vorfrühlingstag.
Dort oben wohnte Benno Stehkragen im letzten Hause, als solider
Zimmerherr der Tapeziererswitwe Josephine Petterich.
War Benno menschenscheu, daß er sich in das letzte Haus der Stadt
zurückzog?
Flüchtete er vor der Großstadt in die Natur?
Nein. Denn sonst hätte er gewiß das rückwärtige Balkonzimmerchen
bewohnt, das ihm Frau Petterich zuerst angeboten hatte, dieses
Zimmerchen, das den Vorzug eines separaten Eingangs von der Treppe aus
besaß, und das eine liebliche Aussicht in die Gemüsegärten und
Obstpflanzungen des gesegneten Sachsenhäuser Berges bot, bis hinter an
den Rand des Waldes.
Auch von den Vorderzimmern, die auf einen kleinen Hof hinaussahen, hatte
er keines genommen, obwohl ihn dort sicherlich kein Straßenlärm gestört
hätte.
Ein Zimmer an der Nordfront hatte er gewählt, durch dessen Fenster er
nichts erblickte als die Rückwände der Nachbarhäuser, Fenster mit
verblichenen Vorhängen, Küchenbalkone, die oft genug als
Reserve-Rumpelkammern dienten.
Und an dieser unbegreiflichen Wahl war eben Fräulein Rita von Veldern
schuld -- jenes Fräulein Rita, dessen Bild Martha in Bennos Gedächtnis
beinahe ausgelöscht hatte.
Die Sache war so:
Lange Jahre hatte Benno im Zentrum der Stadt gewohnt, nicht unweit der
Industriebank, die sich damals noch im Oederweg befand.
Er wohnte bei der streng rituell jüdischen Familie Seligmann, die ihn
wie einen Sohn des Hauses behandelte und alle seine Eigenarten willig in
Kauf nahm. Dort hatte er mit dem Oberhaupt der Familie nach Herzenslust
der Neigung zu talmudistisch-spitzfindigen Erörterungen frönen können,
und wenn die soziale Frage, das Rätsel des Fortlebens nach dem Tode und
das Problem der Abstammung des Menschen immer noch nicht endgültig
gelöst sind, so kommt das einfach daher, daß niemand die Abendgespräche
dieser beiden kreuzbraven, aber recht skeptischen Juden
mitstenographierte.
Diese Diskussionsabende ohne Ende und mit Allerweltstagesordnung
begannen in der Regel erst nach dem Abendessen, wenn die Kinder, an
denen Benno innig hing, zu Bette gebracht waren und die Frau des Hauses
sich mit einer Handarbeit in eine Zimmerecke zurückgezogen hatte.
Dort saß sie schweigend, stolz auf das Wissen ihres Mannes, und »freute
sich, wenn kluge Männer reden, daß sie verstehen konnt', wie sie es
meinen«.
Die Stunden zwischen Geschäftsschluß und Abendessen verbrachte Benno in
der Regel in seinem Zimmer.
Und da hatte er zum ersten Male durch das offene Fenster eine
Frauenstimme singen hören:
Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküßt ...
Der belesene Benno glaubte sich zu erinnern, daß dieses Gedicht von
Eichendorff ist; von wem die Komposition stammte, wußte er nicht. Und
noch weniger wußte er, wer die Sängerin war.
Aber so viel Musikempfinden besaß er, daß er merkte: Diese nicht sehr
große Stimme hatte einen ungewöhnlich lieben, weichen Klang, und das
begleitende Klavier war ein unmöglicher Kasten.
Er legte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch und hielt am Fenster
Umschau nach der Sängerin.
Da war das Lied plötzlich abgebrochen, und so aufmerksam er lauschte,
der Gesang ließ sich an diesem Abend nicht mehr hören.
»Wohnt hier in der Näh' eine Sängerin?« frug Benno Stehkragen beim
Abendessen die Frau des Hauses.
»Es is merr nix bekannt,« erwiderte Frau Emilie. »Soll ich emal das
Dienstmädche' frage?«
»Nein, nein!« dankte Benno. »Ich hab' nur gemeint!«
Aber Frau Emilie frug _doch_ das Dienstmädchen, als dieses das Bier
brachte, und das Mädchen antwortete achselzuckend: »E Sängerin? Ich waaß
net! Es kreischt als so aane!«
Mehr wußte sie nicht.
Und die Sängerin »krisch« noch öfters.
Am nächsten Abend ertönten freilich nur Vokalisen und leichte
Gesangsetüden. Das war wenig genußreich für Benno, aber er war
vernünftig genug, einzusehen, daß dieses Übel notwendig war.
Dafür wurde er zwei Abende später reichlich entschädigt: er bekam nicht
nur das schöne Schumannsche Lied mehrfach zu hören, sondern auch den
dankbaren »Lenz« von Hildach und das flott-triviale »Noch sind die Tage
der Rosen«.
Lauter Frühlingslieder! sagte er sich. Es muß ein junges, frisches
Geschöpf sein, das aus Lust am Singen ihre Lieder in den Abend jauchzt.
Er konnte ja nicht wissen, daß die unbekannte Sängerin diese drei Lieder
für das Stiftungsfest des Schornsteinfegervereins »Die lustigen
Rauchfänger« einstudierte.
Der Abendgesang wurde ihm bald etwas Vertrautes, etwas, worauf er
wartete und sich freute.
Und an den Abenden, da der Gesang ausblieb, empfand er eine Enttäuschung
und gab bei den Diskussionen mit seinem Hausherrn über die Seele des
Menschen auffallend pessimistische Ansichten zum besten.
Bald hatte er auch herausgebracht, aus welchem Fenster der Gesang
ertönte: aus dem vierten Stock einer benachbarten Mietskaserne.
Viertes Stockwerk -- also gehörte die Sängerin der weniger bemittelten
Volksschichte an, und das war ihm, aus einem unklaren Gefühl heraus,
angenehm.
Auch das entsetzliche Klavier, das Benno Stehkragen ein gelindes Grauen
einflößte, ließ darauf schließen, daß die Besitzerin keineswegs an
Geldüberfluß litt.
So is die Welt, meditierte Benno Stehkragen. Könnte die Antonie Hochberg
von der Bockenheimer Landstraß' nicht einmal eine halbe Handvoll Coupons
dazu verwenden, einem armen talentierten Mädchen ein anständiges Klavier
zu bescheren? Nur zwei, drei Perlen aus ihrem Halsband hätte sie zu
opfern brauchen, um ein erstklassiges Instrument zu erstehen!
Mit diesen Gedanken tat Benno Stehkragen übrigens der dicken Antonie
Hochberg unrecht. Er konnte ja gar nicht wissen, ob diese Frau nicht in
der Tat sehr wohltätig war.
Bennos Interesse an der Sängerin wuchs von Tag zu Tag.
Sie begann bereits, in seinen Phantasien eine Rolle zu spielen:
_Wenn_ ich das alte Klavier wär' -- und ich wär' seit drei Jahren nicht
gestimmt -- und nicht gereinigt -- sondern meine Tasten täten aussehen
wie schlecht geputzte Zähn' -- und es kämen zehn rosige Mädchenfinger --
und täten auf merr 'erumtippen -- bimbimbim in die hohen Tön' -- und
bumbumbum in die tiefen Tön' -- und so schnell, als wär' ich e
Schreibmaschin' -- ich tät' alle Kraft zusammennehmen, die Lust und auch
den Schmerz -- und tät' klingen wie e Konzertflügel für monatlich
hundertfünfzig Mark Abzahlung -- oder dreitausend Mark bei Barzahlung!
-- Und alle Leut' müßten sagen, die auf dem Klavier spielen täten:
»Gott, was hat der Benno Stehkragen for en schönen Ton!« -- und wenn die
schöne Sängerin auf die Pedale treten tät' -- dann tät' ich nicht etwa
stöhnen: »Au, meine Hühneraugen!« -- sondern ich tät' nur denken: »Was
se für reizende, kleine Füßchen hat! -- Ihr ganzer rechter Fuß is kaum
so breit wie bei mir die linke große Zeh'« -- und ich wär' das
glücklichste Klavier auf der Welt -- und ich ...
Benno versuchte, sich ein Bild der unbekannten Sängerin zu machen.
Das war freilich nicht so einfach, denn die einzige Dame, mit der Benno
nähere Beziehungen angeknüpft hatte, war die Göttin Phantasie, ein
heidnisches Fräulein, das mit dem lieben Gott die gemeinsamen
Eigenschaften hat, unsichtbar und gestaltlos zu sein.
Benno begann, die weiblichen Köpfe in den Schaukästen der Photographen
zu studieren, aber keiner entsprach dem Bild, das seine dunkle Ahnung
von der Sängerin entworfen hatte.
Die einen waren ihm zu selbstbewußt, die anderen zu schmächtig, jene zu
walkürenhaft, diese zu unbedeutend.
Blond, jung, mit großen, träumerischen Augen stellte er sich das Mädchen
vor, dessen Stimme ihn behext hatte.
Eines Abends, als er sie wieder singen hörte, trat er vor den Spiegel
und beschwor ihn:
Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönste im ganzen Land?
Aber der Spiegel warf nur sein eigenes Bild zurück, von dem sich
schwerlich behaupten ließ, es sei das schönste Bild im ganzen Land.
Die Neugier nach dem Aussehen der großen Unbekannten ließ ihm keine
Ruhe, und schließlich faßte er den für seine Begriffe ungeheuerlichen
Entschluß, ihre Bekanntschaft zu suchen.
Wäre er ein Stuart Webbs gewesen, von dessen Spitzfindigkeit die Kinos
sämtlicher Weltteile Wunder berichten, oder ein Nick Carter, dessen
Detektivtaten in unzähligen Zehnpfennigheften mit furchtbar farbigem
Umschlag gefeiert werden, so hätte er wohl gewußt, wie er sich hätte
anstellen müssen.
Stuart Webbs wäre in einem solchen Fall einfach in das Hinterhaus
gestiegen, in das vierte Stockwerk, hätte die Fußspuren auf dem Boden
nachgemessen und die Füße sämtlicher Frankfurterinnen so lange mit
diesen Spuren verglichen, bis er die Sängerin herausgefunden hätte.
Leider aber pflegte Benno kein Kino zu besuchen, und er kam deshalb
nicht auf einen so genialen Einfall.
Er ging vielmehr geradewegs auf das Haus zu, aus dessen viertem
Stockwerk der Gesang zu tönen pflegte, schlich sich wie ein Einbrecher
die vier Treppen empor, um an der Türe den Namen der Bewohner zu
erforschen.
Ach, es war das erstemal, daß Benno Stehkragen auf Liebespfaden
wandelte, und er stellte sich dabei keineswegs kühn wie ein Kinoheld
an. Jeder Quartaner hätte mitleidig über den Anfänger gelächelt.
Sein Herzchen klopfte bis in den Buckel hinauf, und wäre ihm jemand auf
der Treppe begegnet, er hätte in seiner Verzweiflung die Hände
emporgestreckt und gerufen: »Ich ergeb' mich!«
Atemlos stand er vor der Türe im vierten Stock.
Dort war ein verrostetes Blechschild angebracht mit der Aufschrift:
»Adam Käsberger, Schornsteinfeger.«
Und darunter war eine schmutzige Visitenkarte angenagelt, der die rechte
obere Ecke fehlte: »Rita von Veldern, Mitglied des Frankfurter
Opernhauses.«
Benno nahm ehrfurchtsvoll seinen Hut ab und machte eine tiefe
Verbeugung.
Also Rita hieß sie. Natürlich kam es ihm so vor, als hätte er noch nie
einen schöneren Namen gehört.
Er hätte sich gar nicht gewundert, wenn sich in diesem Augenblick die
Tür geöffnet hätte und eine Prinzessin hervorgetreten wäre, um ihn mit
einer unsagbar lieblichen Geste einzuladen: »Treten Sie näher in unser
Königreich.«
Und er hätte dann mit verklärtem Antlitz gestammelt: »Sehr angenehm!
Königliche Hoheit gestatten, daß ich mich vorstelle: Benno Stehkragen,
Beamter der Industriebank. Noch zu haben!«
Aber die Tür öffnete sich nicht. Wohl aber entfiel den zitternden Händen
Bennos der Hut und rollte die vier Treppen hinab, und hinter ihm her
rollte alsbald Benno Stehkragen, erhaschte im Hausflur seinen Hut, der
nun allerdings nicht mehr aussah, als ob er aus einem Königreich käme,
und machte sich auf den Heimweg.
Und obwohl der Text zu Lohengrins Schwanenlied unabänderlich feststeht,
sang er doch während des ganzen Weges auf diese Melodie den neuen Text:
»Rita, Rita, Rita.«
Wer erst einmal auf verbotenen Wegen gewandelt ist, kann es bekanntlich
nicht mehr lassen. Denn gerade auf den verbotenen Wegen blühen die
schönsten Blumen, leuchten die hellsten Sterne und wachsen die dicksten
Kartoffeln.
Benno, der schüchterne, tugendsame Benno, beschloß, auf dem verbotenen
Weg weiter zu wandeln, und sollte er auch schnurstracks in die Hölle
führen.
Wiederum zeigte es sich, daß Stuart Webbs und Nick Carter an Bennos
Stammbaum gänzlich unbeteiligt waren.
Zwischen seiner Wohnung und dem schornsteinfegerlichen Königreich lag
eine Delikatessenhandlung, die das Stelldichein sämtlicher Dienstmädchen
der Umgegend zu bilden pflegte. Dort wollte Benno Näheres über Rita
erfahren. Er gedachte, dort irgendeinen Einkauf zu machen und bei dieser
Gelegenheit die Besitzerin des Geschäftes auszufragen.
Kaum hatte er diesen Entschluß gefaßt, als er auch schon vor der
Kühnheit seines Unternehmens zurückschreckte.
Drei Tage zauderte er.
Als aber am Abend des dritten Tages wieder der Sirenengesang durch das
offene Fenster in sein Zimmer getönt war, und zwar diesmal das für alle
unverliebten Ohren schreckenerregende Lied »Lieb' mich, und die Welt
ist mein«, da raffte sich Benno auf mit dem festen Entschluß, die Welt
zu diesem billigen Preise zu erwerben.
Lange stand er am nächsten Mittag vor der Tür des
Delikatessengeschäftes. Er hatte seinen besten Anzug angezogen. Wohl
zehnmal hatte er die Hand auf die Türklinke gelegt, bis er es unter
Aufgebot seines ganzen Mutes über sich gewann, die Klinke
niederzudrücken.
Mit einem jähen Ruck öffnete sich die Tür, Benno erschrak heftig über
das Klingelzeichen und wäre gern wieder davongelaufen. Aber schon hatte
sich der blondgescheitelte Verkäufer, der während der Mittagsstunden die
Ladeninhaberin vertrat, und der aussah, als sei er aus dem Schaufenster
eines Friseurs durchgebrannt, des unglücklichen Benno bemächtigt, und
alsbald rasselte eine solche Fülle von Warenanpreisungen auf Bennos
verstörtes Haupt hernieder, daß sich der Ärmste nicht mehr zu helfen
wußte.
O, es war ein tüchtiger Kommis, und er wußte genau, daß Müllers
Stiefelwichse die beste ist und Bergers Hühneraugenpflaster, nur echt
mit dem Namenszug des Erfinders, Wunder wirken, und er machte aus
diesen Kenntnissen Benno gegenüber kein Geheimnis.
Als Benno zehn Minuten später wieder vor dem Laden stand, hatte er fünf
Büchsen Brechbohnen, drei Pfund gedörrtes Obst, zwei Pakete Margarine,
eine Kokosnuß und für dreißig Pfennig Bartwichse gekauft -- dem
Königreich aber war er keinen Schritt näher gekommen.
So also ging es nicht.
Überhaupt, sagte sich Benno mißmutig, als er zu Hause die Pakete
auspackte, was geht dich die Sängerin an? Schreib' deine Fakturen und
kümmer' dich nicht um fremde Damen! Geh' nicht auf die Mädchenjagd, du
bringst's doch nur bis zum Sonntagsjäger! Du weißt's doch aus der
Odyssee: Wenn die Sirenen singen, soll merr sich die Ohren mit Watte
verstopfen!
Und Benno verschloß an den nächsten beiden Abenden, sobald der Gesang
Ritas ertönte, heroisch die Fenster und hielt sich das rechte Ohr zu.
Und hörte nur ganz heimlich mit dem linken Ohr hin.
Aber der Kopf denkt, das Herz lenkt.
Benno ertappte sich dabei, daß er täglich den Theaterzettel des
Opernhauses studierte, um den Namen Rita von Veldern zu entdecken.
Aber er fand ihn nicht. Und das bedeutete keinen Mangel an Scharfsinn,
denn selbst ein Stuart Webbs und Nick Carter würden den Namen dort nicht
entdeckt haben. Aus dem einfachen Grunde, weil er nicht dort stand.
Sollte die Visitenkarte an der Tür des vierten Stockwerkes gelogen
haben?
Benno überlegte.
Er wollte der Visitenkarte nicht unrecht tun; sie hatte so
vertrauenerweckend schmutzig ausgesehen.
Er sagte sich: Wahrscheinlich tritt sie nicht unter ihrem Familiennamen
von Veldern auf, sondern sie hat sich einen Bühnennamen zugelegt.
Er fand dies sogar ganz in der Ordnung.
Und gestand sich: _Wenn_ ich ein großer Schauspieler wär', ein so großer
Schauspieler, wie ich ein kleiner Schlemihl bin, ich tät' _auch_ nicht
unter meinem Namen Benno Stehkragen, oder Benno _von_ Stehkragen,
auftreten.
In solchen Gedanken ging Benno eines Abends den Oederweg hinunter. Die
Straßenlaternen brannten trübe, und trübe flackerte das Lämpchen in
Bennos Herzchen. Ihm fehlte das Öl der Leidenschaft.
_Wenn_ ich jetzt der Don Juan wär', philosophierte er, der große
Liebespraktikus aus Spanien -- dann tät' ich merr eine Mandolin' kaufen
-- und tät' in der nächsten Vollmondnacht nach dem Oederweg 69
schleichen -- und tät' mich in den Hof stellen wie en Orgelmann -- und
mein Diener Leporello müßt' achtgeben, daß kein Schutzmann kommt -- und
ich tät' auf meiner Mandolin' 'erumpauken -- und tät' mit mei'm
Mozartschen Bariton meinen Liebeskummer in die Nacht 'erausheulen -- und
dabei mit großen Schritten auf und ab gehen und e bißchen mit dem Säbel
scheppern -- und wär' unwiderstehlich! -- Und es tät' sich im vierten
Stock ein Fenster öffnen -- und ein weiblicher Mädchenkopf 'erausgucken
-- und se tät' merr ebbes herunterwerfen -- nicht zwei Pfennig in Papier
gewickelt, sondern ihr Herz -- ihr gerührtes, rotes Herz -- und ich
tät's mit mei'm spanische Käppche' auffangen -- und ich ...
Benno blieb plötzlich mitten auf der Straße und mitten in seiner
Träumerei stehen.
Ihm entgegen kam ein Fräulein, das einige Notenhefte unter dem Arm trug.
Benno wußte sofort: das ist sie.
Er blinzelte nach dem obersten Notenheft -- es war der »Lenz« von
Hildach.
Rita von Veldern trug einen karierten Rock, eine verwaschene hellblaue
Bluse mit einem breiten, maschinengearbeiteten Spitzenkragen. Ihre
Kleidung schien etwas vernachlässigt und geizte offenbar danach, für
kostspieliger zu gelten, als es der Wahrheit entsprach.
Ich weiß nicht, welche Altersberechnung im Feenreich üblich ist -- nach
_irdischer_ Berechnung stand Rita in der Mitte der dreißiger Jahre.
Ein unscheinbares, verblühtes Persönchen, das auf recht ausgiebig
geratenen Füßen durchs Dasein trippelte. Das spärliche dunkle Haar war
unter einem großen, abenteuerlichen Hut verborgen, der aussah wie »von
Herrschaften abgelegt«.
Das Gesicht war nicht hübsch, nicht häßlich, ein gutbürgerliches
Durchschnittsgesicht, das ehemals, als noch die Jugend es belebte, wohl
küssenswert gewesen sein mochte. Den entschwundenen Glanz ersetzte die
Kosmetik nur höchst unvollkommen.
Benno mußte zugeben, daß man sich eine Märchenprinzessin gewöhnlich
etwas anders vorstellt.
Machte nichts. Hatte er, der bucklige Benno Stehkragen, ein Recht, über
die körperlichen Vorzüge und Fehler seiner Mitmenschen zu Gericht zu
sitzen?
Und wäre Rita häßlich wie die Nacht gewesen, ihre Stimme war zart und
lieblich und besaß die Gabe, Licht in die Seele eines unansehnlichen,
harmlosen Hagestolzes zu gießen und Frühling in ein schmuckloses
Junggesellenzimmerchen zu zaubern.
Unwillkürlich hatte Benno sie gegrüßt.
Rita von Veldern schaute ihm erstaunt in die Augen, und er fühlte, daß
sie sich umkehrte und ihm nachsah.
Daß sie ihm in die Augen sah, konnte Benno, der blutrot geworden war,
nicht erschrecken, aber daß sie ihm nachblickte, war peinlich. Denn nun
mußte sie den Buckel sehen.
Und wenn ihr vielleicht seine Augen gefallen hatten, der Buckel mußte
jede Sympathie ersticken.
»Eigentlich,« hatte Benno einmal in seiner selbstironischen Art gesagt,
»eigentlich hat der liebe Gott aus mir ein Kamel machen wollen. Aber wie
er den Buckel geschaffen gehabt hat, da war er ihm doch für ein Kamel
nicht schön genug! Und da hat er halt den Benno Stehkragen draus
gemacht.«
Übrigens übertrieb Benno die Wirkung des Buckels bedeutend. Es ging ihm
wie jenem Prüfungskandidaten, dem ein Knopf an der ungeeignetsten
Stelle offen stand, der nun meinte, jeder Professor fixiere gerade diese
Stelle, und der darüber durchs Examen fiel, obwohl sein kleines
Toilettemißgeschick von niemandem bemerkt worden war.
So brachte sich Benno um jede Freundschaft mit Frauen und um das höchste
Erdenglück, um Liebe, durch seinen eigensinnigen Argwohn, sein Buckel
müsse jeden Menschen abstoßen.
Seit Benno Stehkragen Rita mit Augen gesehen hatte, ward ihm ihr Gesang
noch wertvoller.
Freilich, die Illusion des goldblonden Engels war unrettbar dahin. Aber
der Verlust dieser Illusion hinterließ keine brennende Wunde.
Es trat einfach an die Stelle seines schönen Traumes ein anderer schöner
Traum, der in weniger überirdischen Gefilden spielte, dafür aber an
Leben und Wahrscheinlichkeit gewann.
Benno kannte nun die Sängerin von Angesicht, und damit erhielten ihre
Lieder für ihn etwas Persönliches, Intimeres.
Er konnte sie sich jetzt recht gut während des Singens vorstellen, und
ihm war, als sänge sie für ihn allein.
Er sah Rita öfters auf der Straße, und jedesmal grüßte er sie.
Sie wunderte sich nicht mehr über diesen Gruß, sie dachte sich:
Wahrscheinlich ist es irgendein Bekannter vom Schornsteinfegerball. Und
sie erwiderte lächelnd seine Begrüßung.
Weiter als bis zu diesem Grußverhältnis entwickelte sich die
gegenseitige Bekanntschaft vorerst nicht. Und Benno war damit vollauf
zufrieden.
Ja, mehr als das, er war glücklich.
Bis die Stimme der Sängerin mehrere Abende hintereinander stumm blieb.
Die Fenster von Bennos Zimmer standen weit offen, ausgebreiteten Armen
vergleichbar, die des Liebsten harren. Oder, um ein echteres Bennosches
Bild zu wählen: einer Mausefalle vergleichbar, in der als Speckbrocken
Bennos Herz hing.
Kein Gesang wogte herein. Nur die feuchte Herbstluft zog ein, machte es
sich auf Bennos Sofa, in Bennos Bett bequem, kletterte die Wände auf
und ab, bis sie sich zuletzt in Bennos aufgestülpte Nase verkroch und in
Gestalt eines Stockschnupfens dort bis in den Januar wohnen blieb.
Keines der gebräuchlichen Schnupfenmittel erkannte sie als
Kündigungsgrund an.
War Rita krank?
Er sah sie jetzt auch nicht mehr auf der Straße.
Seine Unruhe wuchs von Abend zu Abend.
Alle die Besorgnisse, die sonst nur in liebevollen Mutterängsten ihr
Unwesen treiben, erwachten in ihm. Am Ende war sie von der Elektrischen
überfahren worden?
Oder auf der Straße ohnmächtig geworden und lag jetzt irgendwo in einem
Krankenhaus und konnte in ihrem Fieberzustand keine Auskunft über ihre
Personalien geben?
Oder ... oder ... Jede Frankfurter Mama kennt einen ganzen dicken
Konversations-Lexikons-Band voll solcher »Oders« -- eines immer
katastrophaler als das andere.
Benno dachte daran, auf die Polizei zu gehen. Schließlich zog er es vor,
wieder das Orakel des Delikatessengeschäftes zu befragen.
Und diesmal war die Pythia selbst anwesend und nicht der
stellvertretende Hohepriester mit dem Pomadenscheitel und den
Billige-Jakobs-Manieren.
Diese Pythia drückte sich weit eindeutiger aus als ihre berühmte
delphische Kollegin.
»Wo die Käsbergers sin? Wo wer'n se sein? 'nausgeschmisse sein dhun se!
Des wär' merr des Rechte: de liewe lange Dag de Leut' die Ohr'n
vollorjele unn kaa Miet' berappe! Nix wie enaus mit so're Gesellschaft!«
Es war, als hätt' der Himmel die Erde still geküßt -- das nannte die
Frau »die Ohr'n vollorgeln«!
Jetzt erfuhr Benno auch, daß Rita von Veldern nur ein Bühnenname sei,
und daß die Rita (»No, ich will nix sage, awwer wann ich _redde_
wollt' ...!«) die Tochter Katharine des Schornsteinfegers Käsberger war.
Das alles war sehr niederschmetternd.
Und Benno kaufte in seiner Zerknirschung mehrere Pfund Stücksoda, zehn
Büchsen Leipziger Allerlei und drei Bündel Knoblauch.
Mühsam raffte er sich zu der Frage auf, ob die gute Frau nicht wisse, wo
die Käsbergers jetzt wohnten?
O ja, das wußte die gute Frau sehr genau. Sie hatte ein großes Interesse
an der Adresse, denn die »Bagasch« war ihr noch Geld für Waren schuldig.
Und nicht nur ihr, sondern fast sämtlichen Geschäften in der
Nachbarschaft.
»Uff'n Sachsehäuser Berg sin se gezoge. Vielleicht dhun ihne de
Sachsehäuser noch ebbes bumbe, die Frankforter dhun's net mehr!«
Die volle Wahrheit über Rita von Veldern, geborene Katharine Käsberger,
erfuhr Benno auch hier nicht.
Nur so viel hörte er aus der lieblosen Schilderung heraus, daß die Rita
ein armes Geschöpf war.
Und das war sie in der Tat.
Ursprünglich war Katharine keineswegs zur Künstlerin bestimmt gewesen.
So schwarze Pläne hegte der Schornsteinfeger nicht mit seiner Tochter.
Er hatte sie vielmehr als Lehrmädchen in ein großes Warenhaus gesteckt,
wo sie alsbald in die Geheimnisse des Wareneinpackens und Verschnürens
eingeweiht wurde.
Nebenbei nahm sie Schreibstunden, denn ihre Schriftstücke hatten bisher
stets ausgesehen, als habe ihr Vater beim Nachhausekommen vom Beruf sich
die Hände daran abgewischt.
Der Schreibunterricht hatte befriedigenden Erfolg, und es läßt sich
nicht leugnen, daß die heimlichen Zettelchen, die sie nach etwa
einjähriger Lehrzeit einem Kommis der Seiden-Abteilung zukommen ließ,
eine bedeutend bessere Handschrift aufwiesen als der Briefwechsel, den
sie ein halbes Jahr zuvor mit einem Buchhandlungsgehilfen postlagernd
geführt hatte.
Den Gesang übte sie damals nur als Dilettantin aus; sie sang wie der
Vogel singt, der in den Zweigen wohnet, nur nicht so schön.
Und sie dachte nicht daran, diese Gabe Gottes als Erwerbsquelle
auszubeuten -- bis zu jenem verhängnisvollen Abend, an dem sie im Verein
»Die lustigen Rauchfänger« das ergreifende Lied vortrug von dem
schlechten Kerl, der »mich nie geliebt« hat. Und als Zugabe das Baßlied
von der »Krone im tiefen Rhein«, für Sopran bearbeitet.
An jenem Abend befand sich unter den Zuhörern als Gast auch der
ehemalige Chorist Lebrecht Breivogel, der sich seit Verlust seiner
Stimme den Titel »Gesangspädagoge« zugelegt hatte.
Er schlängelte sich an Papa Käsberger heran und machte ihn darauf
aufmerksam, daß seine Tochter, die, nebenbei bemerkt, eine herrliche
Bühnenfigur besäße, ein Vermögen in der Kehle habe. Ein Vermögen, das
keineswegs so schwer zu heben sei, wie die Krone im tiefen Rhein.
Und es ginge zwar gegen seine Prinzipien, und er habe auch alle Hände
voll zu tun, aber er wolle ausnahmsweise, ganz ausnahmsweise die Stimme
des gnädigen Fräuleins völlig kostenlos -- prüfen.
Papa Käsberger war berauscht von den Zukunftsbildern, die der
Gesangspädagoge ihm malte.
Mama Käsberger weinte auf Vorschuß Tränen der Freude und des Stolzes.
Und Katharinchen sah sich bereits in den illustrierten Blättern
abgebildet. In einem tiefdekolletierten Seidenkleid, und mit einem
Faksimile ihrer verbesserten Handschrift.
Lebrecht Breivogel prüfte die Stimme, und da er dringend Schülerinnen
brauchte, entdeckte er ein außergewöhnliches Material. In spätestens
zwei Jahren werde das Fräulein ein erstklassiges Engagement haben, dafür
garantiere er.
Wenn ein Lebrecht Breivogel für etwas garantiert, so kann es kein
Besinnen mehr geben.
Das Warenhaus wurde um eine Einwicklerin ärmer und der große Einwickler
Breivogel um eine Schülerin reicher.
Auf dem Auktionswege wurde ein Klavier erstanden, äußerlich so gut wie
neu und innerlich ebenso miserabel, und Katharine Käsberger wanderte
zweimal wöchentlich zu ihrem Gesangsprofessor Lebrecht.
Und denselben Weg wanderten ihre kleinen Ersparnisse und Papa Käsbergers
sauer erworbene Notpfennige.
Vielleicht wäre aus Katharines Stimme etwas zu machen gewesen, hätte ein
solider Lehrer sie fleißig gebildet.
Zur Solistin an einem kleinen Stadttheater hätte es das von Hause aus
musikalische Mädchen wohl bringen können.
Den Mißhandlungen des Breivogelschen Unterrichts aber war die kleine
Stimme nicht gewachsen. Es spricht immerhin zugunsten Katharines, daß
ihr Organ den natürlichen Wohlklang nicht vollends einbüßte, und daß sie
in verhältnismäßig kurzer Zeit leidlich Klavier spielen lernte.
Ihre Stimme blieb unentwickelt, die Höhe wurde scharf, für die Hebung
ihres Geschmacks geschah gar nichts, aber die Stimme nahm in der
Mittellage einen rührenden Ausdruck an, wie die Augen eines mißhandelten
Kindes.
Und dieser Ausdruck war es, der Benno so sehr bezaubert hatte.
Es war, als klage diese Stimme ihr Leid über die erlittenen Züchtigungen
in die Welt hinaus und finde Trost in ihrem eigenen Klang.
Zwei Jahre nach Beginn der Gesangslektionen hatte Katharine zwar kein
Engagement, wohl aber ein Kind von ihrem Lehrer.
Mama Käsberger trug das freudige Ereignis mit dem Fatalismus, der so
vielen unbemittelten Leuten zur Gewohnheit wird.
Es war eben ein Unglück, da war nichts zu machen.
Papa Käsberger hingegen hatte im ersten Kummer geschworen, er werde dem
Breivogel alle Knochen einzeln entzweischlagen. Aber die Wogen seiner
Erregung glätteten sich wieder, als Lebrecht versprach, Katharine, die
jetzt bereits Rita hieß, zu seiner ehelich angetrauten Gattin zu machen.
Er wisse, was seine Pflicht als Ehrenmann sei! Was man eigentlich von
ihm glaube? Ritas wundervolle Stimme, ihre Zukunft als gefeierte
Sängerin seien ihm Mitgift genug.
Zum zweitenmal fiel die Familie Käsberger auf die Versprechungen
Breivogels hinein.
Denn als der lockere Breivogel merkte, daß man Miene machte, ihn beim
Wort zu nehmen, entfaltete er seine Flügel und verschwand spurlos aus
Frankfurt.
Er überließ seiner Schülerin in uneigennützigster Weise den alleinigen
Genuß ihrer glänzenden Zukunft.
Der kleine Lebrecht war ein hübsches Bübchen mit kohlschwarzen Augen.
Mama Rita und Großmama Käsberger verliebten sich in ihn, verhätschelten
ihn und merkten infolgedessen nicht, daß der kleine Lebrecht eine
Eigenschaft besaß, die in bessersituierten Kreisen kein Hindernis in der
Karriere ist, für arme Teufel aber verhängnisvoll zu sein pflegt: er war
strohdumm.
Mit der Pointe Klein-Lebrecht schloß das Couplet von Ritas Jugend.
Was nun kam, war schlichteste Prosa: eine Prüfung der Stimme durch
Sachverständige, die schmerzliche Eröffnung der Wahrheit, ein
resigniertes Engagement als Choristin.
Selbst auf diesen gewiß bescheidenen Erfolg war Papa Käsberger noch
stolz. Seine Tochter war doch beim Theater, ein Schimmer jener
rätselhaften Welt von Glanz und Herrlichkeit drang in seine karge
Häuslichkeit, er genoß den Kitzel all des Kulissenklatsches, den seine
Tochter von den Proben mit heimbrachte, und der beim Erzählen am
Stammtisch und im Verein ihn mit dem Glorienschein des »Wissenden« und
gewaltigen Kunstsachverständigen umgab.
Und besaß nicht Rita auch ein sichtbares, lebensgroßes Zeichen ihres
Künstlertums?
Ich meine damit nicht den kleinen Lebrecht, sondern den riesenhaften
Lorbeerkranz, der in der guten Stube über dem Sofa hing, und dessen
Schleife in goldenen Buchstaben die Inschrift trug: »Der vortrefflichen
Künstlerin -- Die dankbaren Schornsteinfeger.«
Auf die Bildung des musikalischen Geschmacks wirkte die Tätigkeit als
Choristin unverkennbar günstig ein. Der Chormeister des Opernhauses war
ein gütiger Mann, dem zu einer glänzenderen Karriere nur eines gefehlt
hatte: das Glück.
Ein Mann voll Musikverständnis, voll echter Liebe zur Kunst, die ihm
auch sein jetziger, wenig erfreulicher Beruf nicht hatte verkümmern
können. Ihm fiel bald der natürliche Wohlklang der Stimme Ritas auf, er
ließ es nicht an guten Ratschlägen fehlen, nahm wohl auch nach den
Chorproben das eine oder andere Lied mit ihr durch, und ihm war es zu
verdanken, daß Rita auch Schumannsche und Schubertsche Lieder kennen und
singen lernte. Das Bewußtsein, der heiligen Cäcilie als treuer Jünger
gedient zu haben, war dem wackeren Manne Lohnes genug für die geopferte
Zeit und Mühe. --
Schwere Gedanken belasteten das Hirn Benno Stehkragens auf dem kurzen
Heimweg von der Delikatessen-Pythia. Nicht Liebe war es, die ihn für
Rita beseelte, nicht einmal Freundschaft. Aber er hatte nun einmal
Interesse für dieses Mädchen gefaßt, und er pflegte seine Interessen mit
Zähigkeit zu verfolgen.
Und war er ihr nicht auch zu Dank verpflichtet? Zu Dank für die vielen
genußreichen Viertelstunden, die ihr Gesang ihm geschenkt hatte?
Gab es hier nicht vielleicht etwas zu helfen, ein bitteres Los zu
lindern? Und Hilfe leisten, das war ja eine Lieblingsbeschäftigung
Bennos, der in seinen Träumen die ganze Menschheit zu beglücken
pflegte.
Oft, wenn er in den Zeitungen die Sammellisten für wohltätige Zwecke
las, und dabei auf den Vermerk stieß, »N. N. M 1000.--«, wünschte er
sich: Dieser N. N. möchte ich sein! Kann es etwas Schöneres geben, als
unerkannt, ohne anderen Dank als den Dank eines guten Gewissens
Wohltaten ausstreuen?
War das nicht noch tausendmal herrlicher als die Kaiserkrone Chinas, der
Bürgermeisterhut Gomorrhas?
Um jene Zeit siedelte die Industriebank aus dem einfachen Geschäftshaus
im Oederweg in den Dividendenpalast am Bahnhofsplatz über.
Benno beschloß nach schwerem Zögern, diesen Umzug als Grund zur
Kündigung seiner Wohnung zu benutzen.
Zwischen zwei großen Bissen polnischen Karpfens brachte er es würgend
übers Herz, seinen Hausleuten diesen Entschluß mitzuteilen, und wunderte
sich selbst, daß ihm dabei keine Gräte im Hals steckenblieb.
Er müsse näher an das neue Geschäftslokal heranziehen, er verliere sonst
zu viel Zeit in der Mittagspause, es täte ihm ja selbst unsagbar leid --
der polnische Karpfen wurde schier kalt über seiner Verlegenheitsrede,
und dem armen Benno stand der Angstschweiß auf der Stirn.
Am Ende war er _doch_ ein Haifisch? Und diese Rede hielt nicht er
selbst, sondern der Jonas in seinem Bauch?
Die Hausleute ließen ihn ungern ziehen. Die Kinder weinten, und auch dem
Vater Seligmann war das Schluchzen nahe, als er beim Abschied wehmütig
lächelte:
»Beinahe hätten merr die soziale Frage gelöst gehabbt -- und grad da
müssen Se ausziehen!«
Benno zog »näher« der Industriebank, nämlich -- nach dem Sachsenhäuser
Berg.
Drei Häuser von Ritas Wohnung.
Dort fand er bei der Tapeziererswitwe Petterich ein Heim, und sogar an
der Nordfront des Hauses ein Zimmer, von dem aus er Rita singen hören
konnte.
»E Zimmerche wolle Se hawwe?« hatte Frau Petterich an der Flurtüre auf
seine Frage geantwortet. »E Zimmerche? Hm, was sin Se dann?«
Die Auskunft »Bankbeamter« hatte sie befriedigt, sie ließ Benno
Stehkragen eintreten.
Er sah sich einer kleinen, rundlichen Frau im molligsten Mittelalter
gegenüber, deren Auftreten echtestes, resolutestes Sachsenhäuserinnentum
verriet: derb, kernbrav, hausmütterlich, handfest.
Der Eindruck des Hausmütterlichen wurde noch verstärkt durch das
achtjährige, sauber gekleidete Mariechen, ihr Töchterlein, das
neugierig, aber ohne Ängstlichkeit, den Fremdling beguckte.
»Du, Mama, der hat'n Buckel!« sagte es.
»Des guck' ich selwer!« wies Frau Petterich ihre Tochter zurecht.