Der alte Binder zog ihm die Decke über das Gesicht und nahm die Mütze
ab. Und Direktor Hermann frug: »Hat er Verwandte, die man
benachrichtigen muß?«
Drei Tage später wurde Benno begraben.
Eine zahlreiche Trauerversammlung gab ihm das letzte Geleit.
Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde war vollzählig vertreten und der
Rabbiner hielt eine schöne Leichenrede, in der er den Verstorbenen als
einen frommen, gesetzestreuen Juden pries und ihn als einen guten
Menschen lobte. Bei einer guten Tat, bei der Rettung eines Kindes habe
er ja auch sein Leben eingebüßt.
Er habe zwar nicht das biblische Alter erreicht, dafür aber sei er ein
wahrhaft glücklicher Mensch gewesen.
Nach dem Geistlichen sprach Direktor Hermann, und er nannte Benno das
Muster eines pflichtgetreuen Beamten, dem die Bank stets ein ehrendes
Andenken bewahren werde.
Mitten in der Rede sah er auf die Uhr, denn er hatte das Gefühl, es sei
schon spät, und er durfte doch in dieser aufgeregten Zeit keine
Börsensitzung versäumen.
Für die Beamten krähte Herr Rittershaus einige trockene Worte, die er
sich für solche Gelegenheiten auswendiggelernt hatte.
Als er zu der Phrase kam: »Und so lege ich diesen Kranz am Grabe des
Entschlafenen nieder,« fiel ihm plötzlich ein, daß es ja bei jüdischen
Begräbnissen keine Blumenspenden gibt, und daß er gar keinen Kranz in
den Händen hatte, und es entstand ein peinliches Räuspern.
Auf einem benachbarten Grabstein saß ein Sperling, zirpte und beschaute
sich die Trauerversammlung.
Da war unter anderen Herr Käsberger, der wieder seinen
Stiftungsfestgehrock anhatte und sich vergeblich bemühte, den
ungezogenen kleinen Lebrecht im Zaum zu halten.
Auch Herr Breivogel war erschienen und erzählte während der Leichenreden
einem ihm völlig unbekannten Bankbeamten von seinen beispiellosen
künstlerischen Erfolgen. Er gedenke, demnächst auch in Frankfurt ein
Konzert zu geben. Und der Bankbeamte schiene ihm, soweit er dies nach
dem Sprechen beurteilen könne, eine ausgezeichnete Stimme zu besitzen,
ja, er habe in Anbetracht seiner herrlichen Bühnenfigur geradezu ein
Vermögen in der Kehle, und er, Lebrecht Breivogel, sei gerne bereit,
diese Stimme einmal ausnahmsweise, aber wirklich nur ganz ausnahmsweise,
völlig kostenlos zu prüfen.
Der dicke Rehle war in der Uniform eines Vizewachtmeisters erschienen
und nahm sich gar stattlich aus. Ihm liefen die Tränen über die Backen,
als sie Bennos Sarg zunagelten.
Ferner war da der Herr Seligmann, der wehmütig seufzte: »Er hat mich
zwar damals Sonntag Abend sitzen lassen und is _nicht_ zum polnischen
Karpfen gekommen, aber ein seelenbraver Mensch war er doch!«
Der stoppelbärtige Joseph schluchzte trostlos; da ihm die gewohnte
Serviette fehlte, wußte er nicht recht, was er mit der rechten Hand
anfangen sollte, und drehte verlegen seinen vorsintflutlichen Zylinder.
Er flüsterte dem ehrlich betrübten alten Binder zu: »Es war ein lieber
Mensch, bloß in der letzten Zeit e bißchen meschugge! Gott hab' ihn
selig!«
Der zittrige Bittenberger glich nun vollends einer Ruine, nachdem sein
ältester Sohn in einem der ersten Gefechte gefallen war.
Aufsehen erregte ein fremder blonder Mann in tadellosem Gehrock.
Er war der Vater des Kindes, für das Benno sein Leben dahingegeben
hatte. Er war mit der Absicht gekommen, ein paar Sätze am Grabe zu
sprechen, aber als sich die Beerdigung so in die Länge zog, gab er diese
Absicht auf und stand nun etwas geniert, mit seiner goldenen Uhrkette
spielend, unter den unbekannten Leuten.
Frau Petterich war trostlos gewesen, als sie erfahren hatte, daß an
jüdischen Begräbnissen keine Frauen teilnehmen.
Sie saß, während Benno zu Grabe getragen wurde, in seinem Zimmer und
weinte mit dem Mariechen um die Wette.
Und schluchzte abwechselnd bald: »Der arm' Herr Stehkrage'!« und bald:
»Mei guder seliger Schorsch!«
Die Trauerversammlung zerstreute sich. Der Sperling, der auf dem
benachbarten Grabstein gesessen hatte, flog auf den frischen Grabhügel
und begann lustig und unbekümmert zu zwitschern.
Benno aber lag friedlich in seinem Sarg, gekleidet nach alter
Vätersitte, und um seine Lippen spielte das Lächeln der Toten.
Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1917 in der Reihe »Ullstein-Bücher -- Eine Sammlung
zeitgenössischer Romane« erschienenen Ausgabe erstellt.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersetzt:
Sperrung: _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext#