Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon wieder an der Tür
gepocht wurde und die Wirtsleute sie holten, da der arme kranke Ritter
wieder seinen Anfall habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht
ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und eilte erschrocken und voll
herzlichen Mitleids in das Zimmer des Märtyrers. Es schien in dieser
Nacht noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden, wenigstens
schrie der traurige Heinrich noch rasender und warf sich noch wütender
im Bette hin und her. Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgeführtes
Schauspiel, das er sich selbst aufführte, weil er in uneingestandener
Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin nicht hatte schlafen können und
nur wünschte, sie möge ihm wieder wie gestern im bloßen Hemde, mit
aufgelöstem Haare beistehen und sich liebreich über sein Lager beugen.
Als er sie daher im Mantel und Kleid mit aufgesteckten Zöpfen in das
Zimmer treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem grauen Habit und
er war ordentlich wütend darüber, daß sie seinem geheimen Wunsche nicht
nachkam. Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit den
ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch geplagt, sich recht innig an
die Brust der holdseligen Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu
streicheln und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen.
Sie hatte ihr Lämplein auf den Tisch gestellt und beugte sich nun über
den Armen, ihm die Stirn berührend. Er ließ sich das auch heute
gefallen, nur daß er wie in einem plötzlichen Tollwerden des Schmerzes
sich in ihren Mantel krallte und zerrte. Clarissa bebte und zitterte vor
Mitleid mit seinem Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil
sie ganz untätig neben ihm stehen mußte und ihm sein Leiden so gar nicht
abnehmen konnte. Sie strich ihm milde über das Haar und sprach zu ihm
mit zärtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind wäre, das sie in den
Schlaf wiegen wollte. Und als der Ritter aufstöhnte und mit klappernden
Zähnen jammerte, daß ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand zu
ihm und breitete ihren Mantel über seine Bettdecke. Er aber umarmte sie
wie in schrecklicher Angst und drückte sie heiß und fest an seine
wogende Brust, daß ihr Hören und Sehen verging und sie in ihrer
jungfräulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm alles hinzuopfern, was er
auch verlangte. Sie wehrte ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte
und sie zu sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und großes Glück und
das heiligste Mitleid mit dem armen melancholischen Grafen, der aber in
diesem Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch war,
durchströmte sie, daß sie die Augen schließen mußte und sich den
Umarmungen des Ritters willenlos ergab.
Und als die Lampe früh erlosch und die Sonnenstrahlen in das Zimmer
schauten, lagen die beiden in stillem Schlummer nebeneinander und der
Arm des Ritters lag zärtlich unter dem schönen Haupte der Pilgerin.
Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie strich sich erst über die
Stirn, als wolle sie sich auf etwas besinnen, so traumhaft war ihr
zumute, dann aber übergoß eine tiefe Röte ihre Wangen, Tränen stürzten
aus ihren Augen und ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie war
glücklich, daß der arme Graf neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in
die Augen schauen mußte, erhob sich rasch aus dem Bette und entkam in
ihre Kammer. Dort warf sie sich vor ihrem ärmlichen Lager auf die Kniee,
versteckte ihr Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser
Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne ein feines Silberglöcklein
des Glückes herüberläutete, und im Gefühle der glühendsten Scham, aber
ohne die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter in aufrichtigem
Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben hatte. Dann aber erhob sie
sich und betete, daß die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gnädig annehmen
und zugunsten des Ritters verwenden möge, damit er endlich von seinem
schweren Siechtum und seiner Melancholie erlöst werde.
Der Ritter war indessen mit dem Gefühle süßer Ermattung aufgewacht und
dämmerte in seinem Bette vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem
Gedanken an das Opfer der Jungfrau, sondern gab sich einem großen Stolze
hin, daß er sein Stücklein so gut durchgeführt hatte, und träumte schon
wieder von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob die vergangenen
Jahre nur ein böser Schabernack gewesen wären und alle Damen noch
dasäßen und warteten, daß der schöne Heinrich sich ihrer Liebesnot
erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete, rief er nach seiner
Pflegerin, die denn auch mit niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen
Morgenimbiß zu bringen.
Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen wäre, so hätte er vor
Glückseligkeit bei ihrem Anblicke aufjauchzen müssen. Denn als sie nun
mit gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den Morgengruß über die
bebenden Lippen brachte, da flackerte das feinste Rot in ihren Wangen
und sie war so unsäglich schön in ihrer Scham und Verwirrung, daß die
Sonnenstrahlen vor Bewunderung ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten
und ihr Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige Heinrich
aber war durch sein jahrelanges Martyrium so verderbt und verstockt
geworden, daß er ein großes Jammern anhob und ein über das andere Mal
ausrief, daß diese Nacht seinen Pilgerzug und seine Heilung zunichte
gemacht habe, da er ja mit einer reinen Jungfrau hätte nach Rom kommen
sollen. Nun müsse er ewig krank und elend bleiben; das habe der
verfluchte Medikus so fein eingefädelt und der Teufel habe ihm dabei
geholfen.
Und er war in diesem Augenblicke, da er sich ja heil und durchaus
gesund fühlte, wirklich schlecht und empörend in seiner Selbstsucht und
Lust, andere zu quälen; und das erreichte er auch. Denn durch diese
Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste erschüttert und verlor völlig
ihre Besinnung. In ihrer Scham und Glückseligkeit hatte sie den ganzen
Morgen über vor sich hingeträumt, so daß es ihr jetzt schwer auf das
Herz fiel, wie sie nun nicht mehr fähig sei mit dem Grafen vor den Papst
zu treten. Sie fiel ihm zu Füßen, keines Wortes mächtig, und weinte, daß
ihr Körper durch das Schluchzen erschüttert ward. Der traurige Ritter
aber blieb verstockt und hart und legte nicht einmal die Hand auf das
Haupt der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verstört und
unglücklich aus dem Zimmer davonwankte.