VII.

Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon wieder an der Tür

gepocht wurde und die Wirtsleute sie holten, da der arme kranke Ritter

wieder seinen Anfall habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht

ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und eilte erschrocken und voll

herzlichen Mitleids in das Zimmer des Märtyrers. Es schien in dieser

Nacht noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden, wenigstens

schrie der traurige Heinrich noch rasender und warf sich noch wütender

im Bette hin und her. Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgeführtes

Schauspiel, das er sich selbst aufführte, weil er in uneingestandener

Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin nicht hatte schlafen können und

nur wünschte, sie möge ihm wieder wie gestern im bloßen Hemde, mit

aufgelöstem Haare beistehen und sich liebreich über sein Lager beugen.

Als er sie daher im Mantel und Kleid mit aufgesteckten Zöpfen in das

Zimmer treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem grauen Habit und

er war ordentlich wütend darüber, daß sie seinem geheimen Wunsche nicht

nachkam. Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit den

ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch geplagt, sich recht innig an

die Brust der holdseligen Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu

streicheln und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen.

Sie hatte ihr Lämplein auf den Tisch gestellt und beugte sich nun über

den Armen, ihm die Stirn berührend. Er ließ sich das auch heute

gefallen, nur daß er wie in einem plötzlichen Tollwerden des Schmerzes

sich in ihren Mantel krallte und zerrte. Clarissa bebte und zitterte vor

Mitleid mit seinem Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil

sie ganz untätig neben ihm stehen mußte und ihm sein Leiden so gar nicht

abnehmen konnte. Sie strich ihm milde über das Haar und sprach zu ihm

mit zärtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind wäre, das sie in den

Schlaf wiegen wollte. Und als der Ritter aufstöhnte und mit klappernden

Zähnen jammerte, daß ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand zu

ihm und breitete ihren Mantel über seine Bettdecke. Er aber umarmte sie

wie in schrecklicher Angst und drückte sie heiß und fest an seine

wogende Brust, daß ihr Hören und Sehen verging und sie in ihrer

jungfräulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm alles hinzuopfern, was er

auch verlangte. Sie wehrte ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte

und sie zu sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und großes Glück und

das heiligste Mitleid mit dem armen melancholischen Grafen, der aber in

diesem Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch war,

durchströmte sie, daß sie die Augen schließen mußte und sich den

Umarmungen des Ritters willenlos ergab.

Und als die Lampe früh erlosch und die Sonnenstrahlen in das Zimmer

schauten, lagen die beiden in stillem Schlummer nebeneinander und der

Arm des Ritters lag zärtlich unter dem schönen Haupte der Pilgerin.

Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie strich sich erst über die

Stirn, als wolle sie sich auf etwas besinnen, so traumhaft war ihr

zumute, dann aber übergoß eine tiefe Röte ihre Wangen, Tränen stürzten

aus ihren Augen und ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie war

glücklich, daß der arme Graf neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in

die Augen schauen mußte, erhob sich rasch aus dem Bette und entkam in

ihre Kammer. Dort warf sie sich vor ihrem ärmlichen Lager auf die Kniee,

versteckte ihr Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser

Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne ein feines Silberglöcklein

des Glückes herüberläutete, und im Gefühle der glühendsten Scham, aber

ohne die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter in aufrichtigem

Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben hatte. Dann aber erhob sie

sich und betete, daß die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gnädig annehmen

und zugunsten des Ritters verwenden möge, damit er endlich von seinem

schweren Siechtum und seiner Melancholie erlöst werde.

Der Ritter war indessen mit dem Gefühle süßer Ermattung aufgewacht und

dämmerte in seinem Bette vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem

Gedanken an das Opfer der Jungfrau, sondern gab sich einem großen Stolze

hin, daß er sein Stücklein so gut durchgeführt hatte, und träumte schon

wieder von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob die vergangenen

Jahre nur ein böser Schabernack gewesen wären und alle Damen noch

dasäßen und warteten, daß der schöne Heinrich sich ihrer Liebesnot

erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete, rief er nach seiner

Pflegerin, die denn auch mit niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen

Morgenimbiß zu bringen.

Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen wäre, so hätte er vor

Glückseligkeit bei ihrem Anblicke aufjauchzen müssen. Denn als sie nun

mit gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den Morgengruß über die

bebenden Lippen brachte, da flackerte das feinste Rot in ihren Wangen

und sie war so unsäglich schön in ihrer Scham und Verwirrung, daß die

Sonnenstrahlen vor Bewunderung ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten

und ihr Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige Heinrich

aber war durch sein jahrelanges Martyrium so verderbt und verstockt

geworden, daß er ein großes Jammern anhob und ein über das andere Mal

ausrief, daß diese Nacht seinen Pilgerzug und seine Heilung zunichte

gemacht habe, da er ja mit einer reinen Jungfrau hätte nach Rom kommen

sollen. Nun müsse er ewig krank und elend bleiben; das habe der

verfluchte Medikus so fein eingefädelt und der Teufel habe ihm dabei

geholfen.

Und er war in diesem Augenblicke, da er sich ja heil und durchaus

gesund fühlte, wirklich schlecht und empörend in seiner Selbstsucht und

Lust, andere zu quälen; und das erreichte er auch. Denn durch diese

Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste erschüttert und verlor völlig

ihre Besinnung. In ihrer Scham und Glückseligkeit hatte sie den ganzen

Morgen über vor sich hingeträumt, so daß es ihr jetzt schwer auf das

Herz fiel, wie sie nun nicht mehr fähig sei mit dem Grafen vor den Papst

zu treten. Sie fiel ihm zu Füßen, keines Wortes mächtig, und weinte, daß

ihr Körper durch das Schluchzen erschüttert ward. Der traurige Ritter

aber blieb verstockt und hart und legte nicht einmal die Hand auf das

Haupt der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verstört und

unglücklich aus dem Zimmer davonwankte.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 33 / 38 题