Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre Kammer zog. Dort beugte sie
sich unter ihr Bett und zog das Tüchlein hervor, in dem die Scherben
ihres zerschlagenen Glückes lagen. Dann ging sie die Treppen hinunter
und der einsamen Kapelle zu, die sie von ihrem Fenster am Waldesrande
gesehen hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, daß sie vor dem
Altar kniete und heiß und aus tiefster Seele zur Mutter Gottes in ihrem
Hause betete. Es war in dieser Kapelle eine hölzerne Mutter Gottes, mit
seltsamer Krone und allerhand Flitter geschmückt, die aus einem kindlich
geschnitzten Angesicht freundlich in die Welt schaute und die Rechte
tröstend und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend und betend zu
ihren Füßen und erzählte ihr ihr Leid und wie sie nun des Ritters
Heilung verwirkt hätte.
»Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau, du herrliche, reine Magd
und Mutter, neige dich meinen Schmerzen,« flehte sie mit hoch erhobenen
Händen zu der stummen Heiligen empor, »und heile den armen Grafen, nimm
mich statt seiner zum Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich
armselig und unwürdig bin. Ich habe gar nichts, was dich erfreuen
könnte, du reine Himmelsmagd, als diese Scherben eines Spiegleins, die
ich dir weihe, denn sie haben mich unsäglich glücklich gemacht.«
Dabei legte sie ihr Tüchlein mit den Scherben der Mutter Gottes zu
Füßen. Sie schluchzte aus tiefstem Herzen auf, und heiße Tränen rollten
aus ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick senkte und rot vor
Scham und fassungslos der Jungfrau Maria ihr Vergehen berichtete. Sie
verhüllte ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich lächelnden
Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob sie sich, und von den
Tränen erschüttert, endete sie ihr Gebet: »Nimm mich zu dir und reinige
mich, denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe, ich stürbe so
gern, wenn nur mein Ritter, mein armer, kranker Ritter leben bliebe!«
»Liebe! Liebe! Liebe!« sagte der Widerhall im Kirchlein oder die Mutter
Gottes. Denn sie lächelte mild und hielt ihre feine Rechte tröstend und
sanft der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte, ohne
emporzuschauen, aus der Kapelle.
Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch einige Stunden bei dem
Ritter gewesen, in ihrer Kammer auf das Lager warf, da fügte es die
trostreiche Mutter Gottes, daß die Arme in einen tiefen Schlaf verfiel,
in welchem sie Ruhe und Frieden fand. Und die gütige Madonna selbst saß
bei dem Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der reuigen
Sünderin und hatte das Tüchlein mit den Spiegelscherben mitgebracht,
vielleicht weil sie den Bösen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die
gute Clarissa aber schlief fest und hörte nicht einmal, als der Ritter
wieder in seiner unwirschen Weise um sie schickte und durch das Haus
schrie. Da erhob sich die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt der
schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel um die Schultern und ging
mit dem Päcklein, darin die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter
aufzusuchen.
Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche Clarissa in sein Zimmer
eintrat, donnerte er ihr schon seine häßlichen Flüche entgegen, daß sie
sich schon gar nicht mehr um ihn kümmere und gar kein Mitleid mit seinem
Leide habe, und setzte einige abscheuliche Lästerworte hinzu, da ihn
schon wieder die Leidenschaft erfaßt hatte. Da stellte sich die Madonna
vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und ruhig mit ihren tiefen Augen
angesehen hatte, sprach sie zu dem erstaunten Ritter also:
»Du eigennütziger und häßlicher Schelm, der du mich in der
selbstsüchtigsten und abscheulichsten Weise gekränkt und beleidigt hast,
bist du wirklich also verstockt und böse, daß dir die Scham nicht die
Stimme verschlägt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir aus, ich
stützte und pflegte dich und war dir zu Willen, weil du mich dauertest,
nicht deiner eingebildeten Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um
meiner Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und nun willst du
mich von dir jagen, anstatt mir die Füße zu küssen und um meine Gnade zu
bitten. Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und winseln, daß ich
dir beistehe in deiner unmännlichen und verachtenswerten Selbstsucht, du
Abscheulicher!«
Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt und schaute, sprachlos
über diese Kühnheit, die Jungfrau Maria an, da er Clarissa bisher nur
untertänig und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem, so wütend war
er, als er sie so dreist sprechen hörte. Dann aber lachte er böse auf
und wollte aus dem Bette, die Kühne zu züchtigen. Die aber hatte ihr
Tüchlein geöffnet, darin die Scherben lagen, und, indem sie das Laken,
das den Ritter bedeckte, aufhob, schüttete sie die hundert Scherben auf
sein Lager, daß sie wie spitze Dornen rings um seinen Körper verstreut
waren und er wie in einer Dornenhecke lag, daß ihn jegliche Bewegung
verletzen mußte, so daß er jetzt ein wirklicher Märtyrer war. Er hatte
sich aber viel zu lieb, als daß er sich etwa gestochen hätte und rührte
sich nicht, sondern schaute ganz verwirrt und hilflos auf die stolze
Maid, die ihn gebändigt hatte.
So gern nun diese auch gelacht hätte, da der verdutzte melancholische
Heinrich in seiner Angst zwischen den Stacheln einen wahrhaft kläglichen
Eindruck machte, so beherrschte sie sich doch und blieb ernst und streng
und sprach auf den Ritter in ihrer hoheitsvollen und gebietenden Weise
ein, und er war gezwungen, ihr zuzuhören, da sie sich über sein Lager
gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufrüttelte, falls er ihren
Ermahnungen durch Einschlafen sich entziehen wollte. Es war für diesen
selbstherrischen und gewalttätigen Mann, der durch Jahre hindurch seine
Umgebung gepeinigt und ganz vergessen hatte, daß die anderen vielleicht
auch einen Willen hätten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in einem
Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen, ohne sich rühren zu
dürfen, und ihren salbungsreichen Worten, die nun sein ganzes Leben vor
ihm aufrollten, zuhören zu müssen. Der Trotz aus seinen Augen wich
allmählich der Verwunderung, dann einem ängstlichen Staunen und
wirklicher Furcht, da ihm die gezwungene Lage höchst unangenehm wurde
und die schöne Predigerin ihm auch nicht einen Augenblick der
Unaufmerksamkeit vergönnte, sondern ihn gleich rüttelte, wenn er ihr
unachtsam schien.
So wurde diese Rede die eindringlichste und längste Predigt, die je
gehalten wurde, und als der Morgen graute, war der Ritter so windelweich
geworden in seinem verhärteten und verstockten Gemüt, daß ihm zum ersten
Male aufrichtige Tränen in die Augen traten und ihm jämmerlich und ganz
elend zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in ihrer Rede bei dem
Augenblicke angelangt, da Clarissa in das Leben des traurigen Heinrich
eingetreten war. Und sie füllte die Morgenstunde mit der Aufzählung
aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt angetan hatte, wobei
der Ritter nur leise mit dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr
schon selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen sei, das
ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er weinte recht aus tiefstem Herzen,
da ihn jetzt jedes rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die er
die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte und peinigte und er
nur den einen Wunsch hegte, alles wieder gut zu machen, was er
verbrochen hatte.
So kam denn die predigende Jungfrau zu dem Augenblicke, da der böse
Heinrich Clarissa zu sich ins Bett gezogen hatte: aber nun vergaß er
ganz der Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete sich im Bette
auf und flehte inbrünstig um Vergebung, und sie solle um Himmels willen
ihm nicht auch noch diese Schandtat noch einmal erzählen, er liebe sie
ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit einer so heißen Verehrung und
achtungsvollen Liebe, daß er sich selbst eines so reinen und heiligen
Gefühles nie für fähig gehalten hätte. Er schluchzte und verbarg sein
Gesicht in den Händen, so schämte er sich, und zwischen echten Tränen
rief er immer wieder: »Wenn ich nur wüßte, wie ich deine Verzeihung
erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so heiß und innig!«
Diesen Augenblick aber benützte die heilige Jungfrau, um aus dem Zimmer
zu verschwinden, und dies um so mehr, als sie schon vor der Tür die
Schritte der wahren Clarissa hörte, die denn auch im selben Augenblicke,
da die Madonna ihr Platz gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat.
So hörte denn die verwunderte, glückliche Clarissa seine reinen und
wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem Herzen an, in der schönsten
Verwirrung des Gemütes, das sich vor Glückseligkeit gar nicht zu fassen
wußte. Sie legte ihre Hand sanft auf das Haupt des Ritters, der sie
erfaßte und mit glühenden und innigen Küssen bedeckte und mit seinen
Tränen netzte. »Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,« sagte er da und
seine Lippen wurden weich und sanft, so daß die Worte aus seinem Munde
liebreich und hold zitterten, »aber was brauchst du jetzt auch einen
Spiegel, da du dich nur immerfort in meinen Augen anschauen sollst; du
wirst dich darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch durch
meine reine und echte Liebe verschönt sein!«
Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute sich darin und
erschaute sich doch nicht, so erfüllt waren die Augen von Liebe.
Und auf einmal war es den beiden, als ob ein wundervoller Duft das
Zimmer erfülle, und da der Ritter sein Bettuch verschob, so waren die
Splitter verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen Rosenlager
zwischen weißen und roten duftenden Rosen; also, daß nie ein Brautpaar
ein schöneres und lieblicheres Brautbett gehabt hat.
Sie umarmten und küßten sich lange und mit dankbaren und glücklichen
Lippen und noch am selben Tage machten sie sich auf, – nachdem sie sich
in der Kapelle der gnadenreichen Madonna für ewige Zeiten vereinigt
hatten, – um nach Schwarzenburg heimzuwandern.
»Denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nach Rom zu pilgern ......« worauf
sie glutrot wurde und ihr Gesicht an seiner Brust verbarg.
»Mein liebes, holdes, einziges Weib!« jubelte er, und, da eine Lerche
sich vor ihnen tirillierend in die Lüfte schwang, da war es ihm, als ob
seine Seele auch Flügel hätte, und plötzlich sang er der beschwingten
Sängerin seinen Gruß zu:
»Tandarada, Tandarada!
Welch ein Wunder mir doch geschah!«
Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen!
* * * * *
Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis hierher wahrheitsgetreu
und zu Gefallen diese Legende berichtet habe, nun seid mir nicht böse:
ich weiß keinen Schluß dazu. Ich weiß nicht, wie sich der – Gott sei bei
uns! –, wie sich der Böse mit der Mutter Gottes auseinander gesetzt hat!
Und ob er auf seine gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet doch
gewiß, ihr guten und lieben Menschen, nicht verlangen, daß ich, nur um
euch einen Schluß zu dieser Legende berichten zu können, mit ihm hätte
sprechen sollen! Gott sei meiner Seele gnädig!
Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus die Gräfin Clarissa von
Schwarzenburg als Nonne entwichen, und fern, fern in der hohen
Alpenkapelle, wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter Gottes
weihte, hängen zwei Bilder, von _einer_ Künstlerhand gemalt und beide
berühmt ob ihrer Schönheit und Wunderkraft für unglückliche Liebesleute:
die Madonna, die in der Hand ein Spieglein hält und sich holdselig und
lächelnd in dem Glase betrachtet....
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Von =Hugo Salus= erschienen bisher:
=Novellen des Lyrikers.= Dritte Auflage. Egon Fleischel & Co., Berlin.
=Gedichte.= Zweite Auflage. Albert Langen, München.
=Neue Gedichte.= Albert Langen, München.
=Reigen.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.
=Ehefrühling.= Fünftes bis siebentes Tausend. Buchschmuck von Heinrich
Vogeler-Worpswede. Eugen Diederichs, Leipzig.
=Susanna im Bade.= Buchschmuck von Wilhelm Scholz. Albert Langen,
München.
=Christa.= Ein Evangelium der Schönheit. Buchschmuck von Emil Orlik.
Zweite Auflage. Wiener Verlag.
=Ernte.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.
=Neue Garben.= Gedichte. Albert Langen, München.
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