VIII.

Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre Kammer zog. Dort beugte sie

sich unter ihr Bett und zog das Tüchlein hervor, in dem die Scherben

ihres zerschlagenen Glückes lagen. Dann ging sie die Treppen hinunter

und der einsamen Kapelle zu, die sie von ihrem Fenster am Waldesrande

gesehen hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, daß sie vor dem

Altar kniete und heiß und aus tiefster Seele zur Mutter Gottes in ihrem

Hause betete. Es war in dieser Kapelle eine hölzerne Mutter Gottes, mit

seltsamer Krone und allerhand Flitter geschmückt, die aus einem kindlich

geschnitzten Angesicht freundlich in die Welt schaute und die Rechte

tröstend und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend und betend zu

ihren Füßen und erzählte ihr ihr Leid und wie sie nun des Ritters

Heilung verwirkt hätte.

»Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau, du herrliche, reine Magd

und Mutter, neige dich meinen Schmerzen,« flehte sie mit hoch erhobenen

Händen zu der stummen Heiligen empor, »und heile den armen Grafen, nimm

mich statt seiner zum Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich

armselig und unwürdig bin. Ich habe gar nichts, was dich erfreuen

könnte, du reine Himmelsmagd, als diese Scherben eines Spiegleins, die

ich dir weihe, denn sie haben mich unsäglich glücklich gemacht.«

Dabei legte sie ihr Tüchlein mit den Scherben der Mutter Gottes zu

Füßen. Sie schluchzte aus tiefstem Herzen auf, und heiße Tränen rollten

aus ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick senkte und rot vor

Scham und fassungslos der Jungfrau Maria ihr Vergehen berichtete. Sie

verhüllte ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich lächelnden

Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob sie sich, und von den

Tränen erschüttert, endete sie ihr Gebet: »Nimm mich zu dir und reinige

mich, denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe, ich stürbe so

gern, wenn nur mein Ritter, mein armer, kranker Ritter leben bliebe!«

»Liebe! Liebe! Liebe!« sagte der Widerhall im Kirchlein oder die Mutter

Gottes. Denn sie lächelte mild und hielt ihre feine Rechte tröstend und

sanft der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte, ohne

emporzuschauen, aus der Kapelle.

Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch einige Stunden bei dem

Ritter gewesen, in ihrer Kammer auf das Lager warf, da fügte es die

trostreiche Mutter Gottes, daß die Arme in einen tiefen Schlaf verfiel,

in welchem sie Ruhe und Frieden fand. Und die gütige Madonna selbst saß

bei dem Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der reuigen

Sünderin und hatte das Tüchlein mit den Spiegelscherben mitgebracht,

vielleicht weil sie den Bösen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die

gute Clarissa aber schlief fest und hörte nicht einmal, als der Ritter

wieder in seiner unwirschen Weise um sie schickte und durch das Haus

schrie. Da erhob sich die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt der

schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel um die Schultern und ging

mit dem Päcklein, darin die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter

aufzusuchen.

Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche Clarissa in sein Zimmer

eintrat, donnerte er ihr schon seine häßlichen Flüche entgegen, daß sie

sich schon gar nicht mehr um ihn kümmere und gar kein Mitleid mit seinem

Leide habe, und setzte einige abscheuliche Lästerworte hinzu, da ihn

schon wieder die Leidenschaft erfaßt hatte. Da stellte sich die Madonna

vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und ruhig mit ihren tiefen Augen

angesehen hatte, sprach sie zu dem erstaunten Ritter also:

»Du eigennütziger und häßlicher Schelm, der du mich in der

selbstsüchtigsten und abscheulichsten Weise gekränkt und beleidigt hast,

bist du wirklich also verstockt und böse, daß dir die Scham nicht die

Stimme verschlägt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir aus, ich

stützte und pflegte dich und war dir zu Willen, weil du mich dauertest,

nicht deiner eingebildeten Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um

meiner Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und nun willst du

mich von dir jagen, anstatt mir die Füße zu küssen und um meine Gnade zu

bitten. Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und winseln, daß ich

dir beistehe in deiner unmännlichen und verachtenswerten Selbstsucht, du

Abscheulicher!«

Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt und schaute, sprachlos

über diese Kühnheit, die Jungfrau Maria an, da er Clarissa bisher nur

untertänig und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem, so wütend war

er, als er sie so dreist sprechen hörte. Dann aber lachte er böse auf

und wollte aus dem Bette, die Kühne zu züchtigen. Die aber hatte ihr

Tüchlein geöffnet, darin die Scherben lagen, und, indem sie das Laken,

das den Ritter bedeckte, aufhob, schüttete sie die hundert Scherben auf

sein Lager, daß sie wie spitze Dornen rings um seinen Körper verstreut

waren und er wie in einer Dornenhecke lag, daß ihn jegliche Bewegung

verletzen mußte, so daß er jetzt ein wirklicher Märtyrer war. Er hatte

sich aber viel zu lieb, als daß er sich etwa gestochen hätte und rührte

sich nicht, sondern schaute ganz verwirrt und hilflos auf die stolze

Maid, die ihn gebändigt hatte.

So gern nun diese auch gelacht hätte, da der verdutzte melancholische

Heinrich in seiner Angst zwischen den Stacheln einen wahrhaft kläglichen

Eindruck machte, so beherrschte sie sich doch und blieb ernst und streng

und sprach auf den Ritter in ihrer hoheitsvollen und gebietenden Weise

ein, und er war gezwungen, ihr zuzuhören, da sie sich über sein Lager

gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufrüttelte, falls er ihren

Ermahnungen durch Einschlafen sich entziehen wollte. Es war für diesen

selbstherrischen und gewalttätigen Mann, der durch Jahre hindurch seine

Umgebung gepeinigt und ganz vergessen hatte, daß die anderen vielleicht

auch einen Willen hätten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in einem

Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen, ohne sich rühren zu

dürfen, und ihren salbungsreichen Worten, die nun sein ganzes Leben vor

ihm aufrollten, zuhören zu müssen. Der Trotz aus seinen Augen wich

allmählich der Verwunderung, dann einem ängstlichen Staunen und

wirklicher Furcht, da ihm die gezwungene Lage höchst unangenehm wurde

und die schöne Predigerin ihm auch nicht einen Augenblick der

Unaufmerksamkeit vergönnte, sondern ihn gleich rüttelte, wenn er ihr

unachtsam schien.

So wurde diese Rede die eindringlichste und längste Predigt, die je

gehalten wurde, und als der Morgen graute, war der Ritter so windelweich

geworden in seinem verhärteten und verstockten Gemüt, daß ihm zum ersten

Male aufrichtige Tränen in die Augen traten und ihm jämmerlich und ganz

elend zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in ihrer Rede bei dem

Augenblicke angelangt, da Clarissa in das Leben des traurigen Heinrich

eingetreten war. Und sie füllte die Morgenstunde mit der Aufzählung

aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt angetan hatte, wobei

der Ritter nur leise mit dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr

schon selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen sei, das

ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er weinte recht aus tiefstem Herzen,

da ihn jetzt jedes rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die er

die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte und peinigte und er

nur den einen Wunsch hegte, alles wieder gut zu machen, was er

verbrochen hatte.

So kam denn die predigende Jungfrau zu dem Augenblicke, da der böse

Heinrich Clarissa zu sich ins Bett gezogen hatte: aber nun vergaß er

ganz der Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete sich im Bette

auf und flehte inbrünstig um Vergebung, und sie solle um Himmels willen

ihm nicht auch noch diese Schandtat noch einmal erzählen, er liebe sie

ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit einer so heißen Verehrung und

achtungsvollen Liebe, daß er sich selbst eines so reinen und heiligen

Gefühles nie für fähig gehalten hätte. Er schluchzte und verbarg sein

Gesicht in den Händen, so schämte er sich, und zwischen echten Tränen

rief er immer wieder: »Wenn ich nur wüßte, wie ich deine Verzeihung

erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so heiß und innig!«

Diesen Augenblick aber benützte die heilige Jungfrau, um aus dem Zimmer

zu verschwinden, und dies um so mehr, als sie schon vor der Tür die

Schritte der wahren Clarissa hörte, die denn auch im selben Augenblicke,

da die Madonna ihr Platz gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat.

So hörte denn die verwunderte, glückliche Clarissa seine reinen und

wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem Herzen an, in der schönsten

Verwirrung des Gemütes, das sich vor Glückseligkeit gar nicht zu fassen

wußte. Sie legte ihre Hand sanft auf das Haupt des Ritters, der sie

erfaßte und mit glühenden und innigen Küssen bedeckte und mit seinen

Tränen netzte. »Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,« sagte er da und

seine Lippen wurden weich und sanft, so daß die Worte aus seinem Munde

liebreich und hold zitterten, »aber was brauchst du jetzt auch einen

Spiegel, da du dich nur immerfort in meinen Augen anschauen sollst; du

wirst dich darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch durch

meine reine und echte Liebe verschönt sein!«

Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute sich darin und

erschaute sich doch nicht, so erfüllt waren die Augen von Liebe.

Und auf einmal war es den beiden, als ob ein wundervoller Duft das

Zimmer erfülle, und da der Ritter sein Bettuch verschob, so waren die

Splitter verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen Rosenlager

zwischen weißen und roten duftenden Rosen; also, daß nie ein Brautpaar

ein schöneres und lieblicheres Brautbett gehabt hat.

Sie umarmten und küßten sich lange und mit dankbaren und glücklichen

Lippen und noch am selben Tage machten sie sich auf, – nachdem sie sich

in der Kapelle der gnadenreichen Madonna für ewige Zeiten vereinigt

hatten, – um nach Schwarzenburg heimzuwandern.

»Denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nach Rom zu pilgern ......« worauf

sie glutrot wurde und ihr Gesicht an seiner Brust verbarg.

»Mein liebes, holdes, einziges Weib!« jubelte er, und, da eine Lerche

sich vor ihnen tirillierend in die Lüfte schwang, da war es ihm, als ob

seine Seele auch Flügel hätte, und plötzlich sang er der beschwingten

Sängerin seinen Gruß zu:

»Tandarada, Tandarada!

Welch ein Wunder mir doch geschah!«

Und er hat dieses Lied sein Leben lang weitergesungen!

* * * * *

Ihr lieben, guten Menschen aber, denen ich bis hierher wahrheitsgetreu

und zu Gefallen diese Legende berichtet habe, nun seid mir nicht böse:

ich weiß keinen Schluß dazu. Ich weiß nicht, wie sich der – Gott sei bei

uns! –, wie sich der Böse mit der Mutter Gottes auseinander gesetzt hat!

Und ob er auf seine gewonnene Wette sehr stolz ist! Denn ihr werdet doch

gewiß, ihr guten und lieben Menschen, nicht verlangen, daß ich, nur um

euch einen Schluß zu dieser Legende berichten zu können, mit ihm hätte

sprechen sollen! Gott sei meiner Seele gnädig!

Aber eines ist wahr! In dem Kloster, daraus die Gräfin Clarissa von

Schwarzenburg als Nonne entwichen, und fern, fern in der hohen

Alpenkapelle, wo sie ihre armseligen Spiegelscherben der Mutter Gottes

weihte, hängen zwei Bilder, von _einer_ Künstlerhand gemalt und beide

berühmt ob ihrer Schönheit und Wunderkraft für unglückliche Liebesleute:

die Madonna, die in der Hand ein Spieglein hält und sich holdselig und

lächelnd in dem Glase betrachtet....

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Von =Hugo Salus= erschienen bisher:

=Novellen des Lyrikers.= Dritte Auflage. Egon Fleischel & Co., Berlin.

=Gedichte.= Zweite Auflage. Albert Langen, München.

=Neue Gedichte.= Albert Langen, München.

=Reigen.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.

=Ehefrühling.= Fünftes bis siebentes Tausend. Buchschmuck von Heinrich

Vogeler-Worpswede. Eugen Diederichs, Leipzig.

=Susanna im Bade.= Buchschmuck von Wilhelm Scholz. Albert Langen,

München.

=Christa.= Ein Evangelium der Schönheit. Buchschmuck von Emil Orlik.

Zweite Auflage. Wiener Verlag.

=Ernte.= Gedichte. Zweite Auflage. Albert Langen, München.

=Neue Garben.= Gedichte. Albert Langen, München.

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Das blaue Fenster: Novellen · 第 34 / 38 题