VI.

Am nächsten Tage, als der Ritter morgens früher als seine schöne

Begleiterin aufwachte, war ihm viel, viel wohler, als er sich

eingestehen wollte. Und das erste, was ihm bei seinem Erwachen einfiel,

war nicht sein Schmerz, sondern das Bild der holdseligen Pflegerin, wie

sie sich über ihn gebeugt und seine Stirn gestreichelt hatte. Er sah das

volle Blondhaar um ihren schönen Nacken fluten und die milden Hügel des

Busenansatzes über dem sittsam geknüpften Hemde und schloß gleich

wiederum als ein Schlemmer und Feinschmecker aus früheren Zeiten die

Lider, um sich in dieses liebliche Morgenbild zu versenken. Als er dann

die Augen wieder öffnete und die Maid auf dem Boden daliegen sah, den

rechten Arm unter dem schönen Haupte, wie sie mit halb geöffneten Lippen

friedlich schlummerte, da schaute er mit einigem Wohlbehagen auf die

Schläferin und ward nicht satt, sie zu betrachten. Kaum aber, daß

Clarissa die Augen aufschlug, als hätten die Blicke des Grafen sie

geweckt, da schaute er schnell, wie ein trotziger Schuljunge, beiseite,

die Augen schließend und Schlaf heuchelnd, bis er endlich mit einem

tiefen Seufzer erwachte und mit Schmerzensausrufen den jungen Tag

begrüßte. Nicht ein Auge habe er die ganze Nacht geschlossen, log er

gleich in seiner alten Weise, wenn er auch vielleicht scheinbar den

Eindruck eines Schlummernden gemacht habe. Ein Mann wisse sich eben zu

fassen und winsele nicht herum wie ein Weib, wenn nur die Schmerzen ein

wenig erträglich seien. Clarissa natürlich, sagte er giftig, sei da auf

der Erde gelegen und habe geschnarcht wie eine Säge durch Querholz, daß

er schon deshalb nicht hätte einschlummern können; und schon schrie er

nach seinem Morgenimbiß, da ihm sonst sein Magen verbrenne.

Clarissa war aufgestanden und hatte den Mantel um sich gezogen, dann

brachte sie dem Ritter sein Essen, las dann sorgsam die Spiegelscherben

zusammen und trug sie traurig in ihre Kammer. Sie barg sie dort in ihr

armes Tüchlein wie eine kostbare Habe, ohne auch nur die geringste Lust

zu verspüren, in den Scherben ihr Antlitz zu beschauen. Denn es war ihr

so seltsam im Herzen seit dieser Nacht, daß sie immerfort an den Grafen

und seinen Schmerz denken mußte, mit einem tiefen, herzinnigen Mitleid

und einem traurigen Gefühle darüber, daß er so barsch ihre Hand

weggestoßen hatte; und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder

ihre Hand auf seine Stirn legen zu dürfen. So machte sie sich rasch

fertig und eilte dann wieder hinunter in die Stube des Ritters, um ihn

zu pflegen, wenn er ihrer bedürfe.

Und er bedurfte ihrer gar sehr. Er nahm ihre Handreichungen hin wie

etwas Selbstverständliches und war um so rauher, als er eine seltsame

innere Nötigung empfand, sich immerfort von ihr pflegen und hätscheln zu

lassen. Und je inniger und liebevoller sie sich seiner annahm, desto

unebener und schlimmer ward er, weil es arme Menschen gibt, die nur dann

glücklich sind, wenn sie quälen können. Im Herzen aber hatte er nur den

einen Wunsch, daß bald wieder Nacht werden möge, damit er wieder

Clarissa zu sich rufen und die Rundung ihrer Schultern und die

Lieblichkeit ihres Leibes beschauen könne. Indessen lag er im Bette, aß

und trank wie ein Gesunder, freilich, wie er sagte, ohne Hunger und

Bedürfnis, nur um recht bald wieder aufbrechen zu können.

So war langsam Abend geworden und Clarissa hatte gefragt, ob sie sich

neben ihn auf den Boden legen solle. Da war sie aber schlecht

angekommen. Sie solle ihn in Ruhe lassen und sich in ihr Zimmer trollen,

er wolle heute schlafen und da könne er ihr Schnarchen nicht brauchen.

Er drehte sich der Wand zu und schwieg hartnäckig auf alle ihre Fragen,

so daß sie es endlich aufgab, in ihn zu dringen, und sich leise aus dem

Zimmer davonschlich.

Sie legte sich traurig auf ihr Lager und seufzte und seufzte und konnte

lange keinen Schlummer finden.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 32 / 38 题