Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit, in die der Graf verfiel,
sondern bloß die Ausbrüche seines Schmerzes und seiner Verstimmung über
sein Leiden waren so gewaltige, daß Clarissa einen großen Schreck
darüber empfand. Er mochte gestern abend in dem lieblich gelegenen
Alpenhause etwas zu viel von dem saueren Landwein getrunken und ein
wenig zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben, also daß er sie
in der Nacht an sein Lager rufen ließ. Er lag stöhnend und jammernd in
seinem Bette und wälzte sich unruhig hin und her, ausrufend, daß dies
nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam und verlassen sterben
müsse. Er zerriß das Bettlaken und kratzte den Bewurf von der Wand vor
Wut und Schmerz und schrie, daß man ihn hierher gelockt habe, um ihn
elendiglich verrecken zu lassen. Der Schuft von einem Bauer habe ihn
sicher vergiftet, so brenne es in den Gedärmen und so rasende Schmerzen
empfinde er. Dabei warf er von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die
erschrockene Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung
hervorrufe und sie begreife, was für ein gottverlassener Märtyrer er
sei.
Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man sie wecken kam, und hatte
nur eilig den Mantel umgeworfen, da sie zu dem durch das Haus brüllenden
Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager und beugte sich über
ihn, leise mit ihren Fingern über seine Stirn streichelnd, und der
Mantel war ihr, ohne daß sie es merkte, von den Schultern geglitten. So
stand sie da in ihrer Schönheit, die Fluten ihres goldenen Haares
jauchzten über ihren schneeweißen Nacken und ihre vollen schimmernden
Schultern, und ihr jungfräulicher Busen hob das groblinnene Hemde.
So beugte sie sich über den Grafen, der zum ersten Male seit langen,
langen Jahren wieder mit Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes
Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter Selbstling, als
daß er darum weniger gestöhnt hätte, er wälzte sich vielmehr nur um so
ungebärdiger auf seinem Lager und sparte nicht mit Flüchen und
Schimpfworten, stieß die streichelnde Hand Clarissens von seinem
Gesichte und warf das kalte Tuch, das sie ihm auf den Kopf legen wollte,
weit in die Ecke. Da kniete das erschrockene Mädchen in tiefstem Mitleid
neben dem Lager des kranken Grafen nieder und betete in ihrer
Seelenangst inbrünstig zu Gott und rief die Mutter Gottes zu Hilfe,
herzlich und innig, und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit
sich herumführt. Ihr Spiegel fiel ihr aber plötzlich in den Sinn, und
weil er ihr wie ein Wunder und etwas Segensreiches und Heilkräftiges
erschienen war erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem Ritter
ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran sein Herz heile.
Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand zurückkehren sah und sie
ihm das Glas vor sein Gesicht hielt in ihrer Keuschheit und
Herzensreinheit, da stieß er einen gräßlichen Fluch aus, weil er
glaubte, daß sie ihn verspotten wolle, und warf dann den Spiegel mit
aller Wucht auf den Boden, daß er in hundert Stücke zersplitterte; dann
aber, als ob er seine letzten Kräfte ausgegeben hätte, sank er auf sein
Kissen zurück, streckte sich und schlief ruhig und schmerzlos ein.
Clarissa war mit einem lauten Schrei in die Kniee gesunken und es war
ihr, als ob mit ihrem geliebten Spiegel auch ihr Herz in Stücke bräche.
Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete Fenster sah, erschien
es ihr, als stünde draußen die Mutter Gottes, genau so schön und
lieblich wie auf dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum ersten
Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie mit einem ernsten und langen
Blicke ansähe. Da neigte sie die Stirn und betete lange, lange für das
Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den Kranken so still
und zufrieden schlafen sah, auf den Fußboden neben sein Lager hin und
schlummerte bis in den Morgen.