V.

Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit, in die der Graf verfiel,

sondern bloß die Ausbrüche seines Schmerzes und seiner Verstimmung über

sein Leiden waren so gewaltige, daß Clarissa einen großen Schreck

darüber empfand. Er mochte gestern abend in dem lieblich gelegenen

Alpenhause etwas zu viel von dem saueren Landwein getrunken und ein

wenig zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben, also daß er sie

in der Nacht an sein Lager rufen ließ. Er lag stöhnend und jammernd in

seinem Bette und wälzte sich unruhig hin und her, ausrufend, daß dies

nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam und verlassen sterben

müsse. Er zerriß das Bettlaken und kratzte den Bewurf von der Wand vor

Wut und Schmerz und schrie, daß man ihn hierher gelockt habe, um ihn

elendiglich verrecken zu lassen. Der Schuft von einem Bauer habe ihn

sicher vergiftet, so brenne es in den Gedärmen und so rasende Schmerzen

empfinde er. Dabei warf er von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die

erschrockene Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung

hervorrufe und sie begreife, was für ein gottverlassener Märtyrer er

sei.

Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man sie wecken kam, und hatte

nur eilig den Mantel umgeworfen, da sie zu dem durch das Haus brüllenden

Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager und beugte sich über

ihn, leise mit ihren Fingern über seine Stirn streichelnd, und der

Mantel war ihr, ohne daß sie es merkte, von den Schultern geglitten. So

stand sie da in ihrer Schönheit, die Fluten ihres goldenen Haares

jauchzten über ihren schneeweißen Nacken und ihre vollen schimmernden

Schultern, und ihr jungfräulicher Busen hob das groblinnene Hemde.

So beugte sie sich über den Grafen, der zum ersten Male seit langen,

langen Jahren wieder mit Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes

Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter Selbstling, als

daß er darum weniger gestöhnt hätte, er wälzte sich vielmehr nur um so

ungebärdiger auf seinem Lager und sparte nicht mit Flüchen und

Schimpfworten, stieß die streichelnde Hand Clarissens von seinem

Gesichte und warf das kalte Tuch, das sie ihm auf den Kopf legen wollte,

weit in die Ecke. Da kniete das erschrockene Mädchen in tiefstem Mitleid

neben dem Lager des kranken Grafen nieder und betete in ihrer

Seelenangst inbrünstig zu Gott und rief die Mutter Gottes zu Hilfe,

herzlich und innig, und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit

sich herumführt. Ihr Spiegel fiel ihr aber plötzlich in den Sinn, und

weil er ihr wie ein Wunder und etwas Segensreiches und Heilkräftiges

erschienen war erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem Ritter

ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran sein Herz heile.

Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand zurückkehren sah und sie

ihm das Glas vor sein Gesicht hielt in ihrer Keuschheit und

Herzensreinheit, da stieß er einen gräßlichen Fluch aus, weil er

glaubte, daß sie ihn verspotten wolle, und warf dann den Spiegel mit

aller Wucht auf den Boden, daß er in hundert Stücke zersplitterte; dann

aber, als ob er seine letzten Kräfte ausgegeben hätte, sank er auf sein

Kissen zurück, streckte sich und schlief ruhig und schmerzlos ein.

Clarissa war mit einem lauten Schrei in die Kniee gesunken und es war

ihr, als ob mit ihrem geliebten Spiegel auch ihr Herz in Stücke bräche.

Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete Fenster sah, erschien

es ihr, als stünde draußen die Mutter Gottes, genau so schön und

lieblich wie auf dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum ersten

Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie mit einem ernsten und langen

Blicke ansähe. Da neigte sie die Stirn und betete lange, lange für das

Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den Kranken so still

und zufrieden schlafen sah, auf den Fußboden neben sein Lager hin und

schlummerte bis in den Morgen.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 31 / 38 题