IV.

So pilgerten die beiden, der arme Kranke mit seiner schönen Begleiterin,

des Weges.

Der Ritter aber war ein viel zu selbstsüchtiger Mann, als daß er die

Begleitung der Jungfrau als ein großes Opfer angesehen hätte, und nahm

sie vielmehr als etwas Selbstverständliches und gar nicht Dankenswertes

hin, indem er den Arm des Mädchens weidlich als Stütze ausnützte, jede

Handreichung von ihr forderte und so ein unwirscher und lästiger Geselle

blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder Schritt war die erneute

Ursache eines tiefen Seufzers für ihn, jede Speise, die ihm in den

schlechten Herbergen geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten

Unzufriedenheit, so daß das arme Clarißchen in den ersten Tagen gar

nicht dazu kam, ihren Schatz aus dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust

zu frönen. Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder Scheune

ihre müden Glieder auf das Lager streckte, während ihr dicker Herr und

Gebieter das beste Bett des Wirts für sich in Anspruch nahm, glückte es

ihr zuweilen, sich an ihrer Schönheit zu freuen und mit herzlicher Lust

zu sehen, wie ihr Blondhaar länger wurde und sich zärtlich um ihre

Schultern ringelte, oder wie ihre Wangen sich röteten in einem gesunden

und bräunlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand. Und es war überall,

wo sie hinkamen, ein großes Aufsehen mit ihr, und immer wieder mußte der

melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen hören, was für ein

herrliches Mädchen er sich auf die Reise mitgenommen habe.

Aber diese Worte fielen neben seinen Ohren nieder, ohne daß er sie einer

Überlegung für wert hielt, da dem Armen ja jegliche Lust am Weibe

geschwunden war und er nur immer an sein Unglück und sein Leid denken

mußte; höchstens, daß er ein pfiffiges Gesicht machte, wenn ihn die

Leute ob seines Geschmackes einmal recht ordentlich lobten, weil es ihm

wohltat, als ein so überaus feiner und geschmackvoller Pilger angesehen

zu werden. Denn so sehr er auch seufzte und jammerte, tat ihm die

reichliche Bewegung im Freien doch wohl, und die Kräfte kehrten mit

jedem Tage mehr in das Gebäude seines stattlichen Körpers wieder. Seine

bleiche Farbe wich einem leichten Rot und die Wucht seines Armes lag

immer leichter auf der runden Schulter seiner Stützerin, da er bald

selbst ordentlich ausschreiten konnte, wenn er auch nicht unterließ über

jeden Stein am Wege oder jeden Regentropfen, der ihn näßte, einen

ordentlichen Fluch loszulassen. Die blühende Clarissa pflegte und

betreute ihn wie eine Mutter, und ein ungemeines Glücksgefühl

durchströmte sie dabei, daß sie einen kranken Menschen so warten dürfe

und dieser große und gewaltsame Mensch wie ein Kind auf sie angewiesen

war.

So wanderten sie erst schweigsam durch die Lande, nur daß die Flüche des

Ritters und seine Verwünschungen ihre Schritte begleiteten. Denn er war

gar nicht neugierig, nach dem Leben seiner Begleiterin zu fragen oder

nach ihren Wünschen zu forschen. Aber nach einigen Tagen hielt es

Clarissa nicht mehr aus, so stumm neben dem traurigen Ritter

einherzugehen, und fing von selbst von ihrem Leben, das gar einfach

war, zu berichten an, und der Graf ließ sie gewähren, weil ihm der Weg

auf diese Weise minder eintönig wurde. Er vergaß dabei wohl auch etliche

Male zu jammern und stellte sogar nach einigen Tagen, da der Redestrom

seiner Begleiterin zu versanden anfing, Fragen, die sie in ihrer

munteren und freundlichen Art beantwortete. Und dann kam es so weit, daß

er dem Mädchen zögernd und unwirsch sein Leben erzählte, ohne viel

Rücksicht auf ihr Jungfrauentum, also daß sie manches hören mußte, was

ihr die verdiente Nachtruhe mit bösen Träumen störte und sie

nachdenklich und schreckhaft machte. Dann tröstete sie nur ein Blick in

den Spiegel, der ihr zeigte, wie gut ihr das dunkle Rot paßte, das

plötzlich ihre Wangen durchglühte, und wie seltsam ihre Augen

aufleuchteten und die Lippen sich schürzten, wenn sie an die Reden des

kranken Ritters dachte. Sie konnte jetzt schon ihr Haar, das ihr über

den Rücken herabflutete, in goldschimmernde Flechten drehen und

vergnügte sich nun lange damit, sie in verschiedenen Windungen um den

Kopf zu legen, Bänder und Blumen hineinzuordnen und ihrem breitrandigen

Pilgerhute alle erdenklichen abenteuerlichen Formen zu geben, je nach

ihrer Stimmung, hoffnungsvoll geschwungen oder kühn auf die Seite

gedrückt wie ein weiblicher Rinaldo. Und immer war sie von neuem von

ihrem Anblick entzückt. Bei Tage aber wanderten sie tapfer dem Süden zu

und waren schon mitten in den Tälern der Alpen angelangt, als ihr eines

Tages der Ritter erkrankte.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 30 / 38 题