III.

Indessen kam, da schon von allen Seiten die Boten mit leeren Händen

zurückgekehrt waren, (weil jedes Mädchen, das seine Jungfrauenschaft

beschwören sollte, entrüstet die Zumutung von sich abgewiesen hatte –

mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu pilgern) die holdselige Clarissa

auf ihrer Wanderung bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand

war bestaubt und von Dornen zerrissen, so daß es gar nicht mehr als

heiliges Gewand zu erkennen war, ihr Blondhaar war länger geworden und

ihre Lippen wenn möglich noch blühender, weil ihr das Wandern in der

frischen Luft wohlbekam und die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot

weichen mußte. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft wie in einem

Rausche verbracht, nur auf den Abend wartend, an dem sie ihr

glückseliges Spieglein hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an

ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wußte in ihrer glorreichen

Dummheit noch nicht, daß der Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr

Sehnen zu stillen, und kam erst am fünften Tage hinter dies Geheimnis,

als sie ihren schneeweißen Leib in einem Waldbache gebadet hatte und ihn

nun mit dem Tüchlein trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte. Da

sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren Körper leuchten und merkte

zu ihrer großen Freude, daß er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser

Beleuchtung noch viel schöner war als beim Mondenschein. Darüber freute

sich das arme betörte Wesen nun umso inniger und dankte dem lieben Gott

für das schöne und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen

Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben nicht aus dem Psalter,

sondern aus ihrer reinen Mädchenseele hervorholte. Denn sie wußte nicht,

daß der Böse ihr das freudenreiche Glas geschenkt hatte.

Und so wanderte sie als eine törichte Jungfrau mit dem Spiegel in der

Hand durch die Auen, gleichsam ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr

immer freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder zurückwich,

holdselig lachend und winkend; sie schmückte sich das Haar mit den

Blumen, die sie auf den Wiesen pflückte, und sah so mit den roten

Mohnblumen und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine entzückende

Prinzessin aus dem Märchen, die zum Reigen antreten will und dazu ein

phantastisches Gewand angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller

Herzensreinheit und kindlichen Freude in das schöne Gesicht im Spiegel,

daß sie ihn auch nicht senkte, wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege

begegneten oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam, um mit offenem

Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen. Sie war so über alle Maßen

schön, daß keiner der Männer es gewagt hätte ihr nachzustellen, weil er

ihr so lange nachschauen mußte mit offenen Augen, bis diese ihm

übergingen und er die Lider senkte. Dann aber war das Wunder schon lange

verschwunden, und er glaubte sicher geträumt zu haben; und wenn er ein

Fabulant und Liedermacher war, setzte er sich hin und ersann gleich

einen Reim auf den holdseligen Traum; so daß aus jenen Tagen eine ganze

Zahl von Liedern stammen, die dieses wandelnde Wunder besingen:

›Tandarada, welches Wunder mir heute geschah!‹

Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt kam, hatte sich die Sonne

eben zur Ruhe gelegt und der Mond war noch nicht aus dem Abendmäntelchen

einer silberrandigen Wolke hervorgeschlüpft, so daß jene unbeschreiblich

schöne Dämmerung herrschte, die ohne Schatten und ohne Glanz ist, und

Clarissa endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus ein und bat

um einen Bissen Brot und einen Schluck Milch vor dem Schlafengehen. Der

Bauer aber, bei dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen, die

von der Jungfernsuche eben zurückgekehrt waren, und, ohne die holdselige

Clarissa auch nur zu fragen, lief er spornstreichs aufs Schloß, so über

jeden Zweifel sicher war er, daß jetzt die gesuchte Jungfrau von selbst

gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehnsüchtig erwarteten. Als

er atemlos seine Botschaft auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob

sich in dem abendlichen Schwarzenburg ein großer Jubel und Glückslärm,

der fast den schnarchenden Ritter geweckt hätte, wenn er sich nicht

einen so gesegneten Schlaf in seiner bösen Krankheit bewahrt hätte. Das

ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das Haus, in dem Clarissa

mit dem Spiegel beim Fenster saß und im Mondscheine ihr Haar ordnete.

Und ehe sie noch ein Wort hätte sagen können, wußte sie schon die ganze

Geschichte von dem armen melancholischen Grafen, zu dessen Retterin sie

vom Schicksale ausersehen war. Und, ohne daß sie sich dieses Gefühls

ordentlich bewußt wurde, so rein und ohne Fehl war sie, freute sie sich

doch, für ihre Flucht aus dem Kloster eine Art Buße auf sich nehmen zu

können, und willigte ohne viel Fragen und Reden ein, mit dem kranken

Ritter nach dem heiligen Rom zu pilgern. Und es war ein großer und

aufrichtiger Jubel darüber in Schwarzenburg.

Schon am nächsten Tage wurden auf dem Schlosse mit großem Geräusch die

Vorbereitungen zur Pilgerfahrt des melancholischen Heinrich in Angriff

genommen. Und noch niemals haben Schneider und Schuster ihre Arbeit so

rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert, wie nun für den Grafen,

da alle eigentlich im innersten Herzen glücklich waren, den

launenkranken Herrn auf so schöne und heilige Weise für eine Zeit los zu

werden. Der aber jammerte jetzt um so mehr, da er sein Turmzimmer

verlassen sollte, in dem er sich uneingestanden doch sehr wohlgefühlt

hatte, etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, daß sein Bett täglich

aufgeschüttelt werde, weil er glücklich ist, sich eine behagliche Grube

in den Strohsack gedrückt zu haben. Er seufzte und schimpfte ärger als

ein Fuhrknecht und verfluchte hundertmal den Medikus, der ihm eine so

beschwerliche Heilung vorgeschrieben hatte. Dabei überwachte er doch

genau jegliches Stück seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt seines

Reisemantels sorgfältig an, puffte den Schuster, der es gewagt hatte,

ihm ein Paar Bauernstiefel zu bauen, und rüstete sich überhaupt aufs

allerbeste für die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken für die

Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen des Wetters und

Beschwerlichkeiten der Wege aushalten sollte. Er bestellte ein Habit für

Regenwetter und eins für Sonnenschein, Wettermäntel und eine Reisedecke,

bis man ihm endlich bedeutete, daß ihn ja leider kein Diener auf dem

Pilgerzuge begleiten könne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete ihm

wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen einen Reisemantel, den

der Graf für sich hatte fertigen lassen, damit sie sich darein kleide,

und einen Pilgerhut, daß sie sich gegen die heißen Sonnenstrahlen

Italiens schütze. Dann geschah eines Tages das Unerhörte, daß der dicke

Ritter, auf die Schulter seines Dieners gestützt, die Treppen von seinem

Turme herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand im

Schloßsaale landete.

Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, daß sie den Grafen in Empfang

nehme und mit ihm nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung,

hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet, die das

Auserlesenste vereinigte, was je ein Rompilger geschmaust haben mag. Der

unglückliche Heinrich saß nun in seinem Lehnstuhle und stopfte sich die

Backen voll wie ein Hamster und merkte gar nicht, daß vor einem großen

Wandspiegel seine Begleiterin stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und

ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel hinter ihr Haupt haltend,

so daß sie sich auch von rückwärts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren

Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales an der Wand einen

Spiegel gesehen, wahrhaftig einen Spiegel, nur daß er groß war und fest

an der Wand hing. Und dieser große Spiegel machte ihr gleich den Saal

vertraut, den Grafen wert und ihren Pilgerzug erfolgverheißend. Und so

stand sie still vor dem schönen Spiegel und freute sich. Da sie nun der

Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam, erblickte, schlug er gleich

derb mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller tanzten und eine volle

Kanne Weins überlief.

»Das kann eine schöne Reise werden,« fluchte er dann, »mit einem solchen

eitlen Weibsbild zu wandern; verfluchter Medikus!«

Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit ihren holden Augen an,

die jetzt, seit sie ihren Spiegel besaß, immer einen glücklichen Glanz

hatten und vor Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die Kutte,

die ihren Leib umwallte, etwas hob und den viel zu großen Hut in den

Nacken schob, auf den Ritter zugegangen, schön und neckisch, wie ein

Fastnachtstraum, und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob dieser

zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals stecken. Er mußte einen

ordentlichen Schluck Weins zu sich nehmen, um ihn hinabzuspülen. Dann

seufzte er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger zu ihrer

Wanderschaft. Und durch das Spalier der glotzenden Bauern, die vor

Bewunderung über ihren Herrn fast das Grüßen vergaßen, wandelten sie den

steilen Schloßweg hinab dem kühlen Tale entgegen. Und als sie im Tale

angelangt waren und vom Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine

Trompetenfanfare ihnen den Reisegruß nachschmetterte, war es, als ob in

diesen Trompetentönen alle Erlösungsjauchzer zusammenflössen, die

Schwarzenburg heute ob des Auszuges seines Herrn ausstieß.

Weil er ja geheilt zurückkehren würde ....

Das blaue Fenster: Novellen · 第 29 / 38 题