Indessen kam, da schon von allen Seiten die Boten mit leeren Händen
zurückgekehrt waren, (weil jedes Mädchen, das seine Jungfrauenschaft
beschwören sollte, entrüstet die Zumutung von sich abgewiesen hatte –
mit dem unwirschen Grafen gen Rom zu pilgern) die holdselige Clarissa
auf ihrer Wanderung bis gegen Schwarzenburg gepilgert. Ihr Nonnengewand
war bestaubt und von Dornen zerrissen, so daß es gar nicht mehr als
heiliges Gewand zu erkennen war, ihr Blondhaar war länger geworden und
ihre Lippen wenn möglich noch blühender, weil ihr das Wandern in der
frischen Luft wohlbekam und die bleiche Klosterfarbe einem frischen Rot
weichen mußte. Sie hatte die ersten Tage ihrer Wanderschaft wie in einem
Rausche verbracht, nur auf den Abend wartend, an dem sie ihr
glückseliges Spieglein hervorholen und sich recht aus Herzensgrund an
ihrem Anblick erfreuen konnte. Denn sie wußte in ihrer glorreichen
Dummheit noch nicht, daß der Spiegel auch bei Tage imstande war, ihr
Sehnen zu stillen, und kam erst am fünften Tage hinter dies Geheimnis,
als sie ihren schneeweißen Leib in einem Waldbache gebadet hatte und ihn
nun mit dem Tüchlein trocknete, das den Spiegel ansonsten verdeckte. Da
sah sie nun im flutenden Sonnenlichte ihren Körper leuchten und merkte
zu ihrer großen Freude, daß er ebenso wie ihr Gesicht bei dieser
Beleuchtung noch viel schöner war als beim Mondenschein. Darüber freute
sich das arme betörte Wesen nun umso inniger und dankte dem lieben Gott
für das schöne und erquickliche Geschenk in stillen und herzlichen
Worten, die sie zum ersten Male in ihrem Leben nicht aus dem Psalter,
sondern aus ihrer reinen Mädchenseele hervorholte. Denn sie wußte nicht,
daß der Böse ihr das freudenreiche Glas geschenkt hatte.
Und so wanderte sie als eine törichte Jungfrau mit dem Spiegel in der
Hand durch die Auen, gleichsam ihrem reizenden Antlitz entgegen, das ihr
immer freundlich zunickte und doch bei jedem Schritte wieder zurückwich,
holdselig lachend und winkend; sie schmückte sich das Haar mit den
Blumen, die sie auf den Wiesen pflückte, und sah so mit den roten
Mohnblumen und blauen Cyanen im Haar aus, wie eine entzückende
Prinzessin aus dem Märchen, die zum Reigen antreten will und dazu ein
phantastisches Gewand angelegt hat. Und so verliebt war sie in aller
Herzensreinheit und kindlichen Freude in das schöne Gesicht im Spiegel,
daß sie ihn auch nicht senkte, wenn etwa ein paar Bauern ihr am Wege
begegneten oder ein fahrender Geselle ihr entgegenkam, um mit offenem
Munde dem lieblichen Wunder nachzustaunen. Sie war so über alle Maßen
schön, daß keiner der Männer es gewagt hätte ihr nachzustellen, weil er
ihr so lange nachschauen mußte mit offenen Augen, bis diese ihm
übergingen und er die Lider senkte. Dann aber war das Wunder schon lange
verschwunden, und er glaubte sicher geträumt zu haben; und wenn er ein
Fabulant und Liedermacher war, setzte er sich hin und ersann gleich
einen Reim auf den holdseligen Traum; so daß aus jenen Tagen eine ganze
Zahl von Liedern stammen, die dieses wandelnde Wunder besingen:
›Tandarada, welches Wunder mir heute geschah!‹
Als sie nun also gegen Schwarzenburg gewandelt kam, hatte sich die Sonne
eben zur Ruhe gelegt und der Mond war noch nicht aus dem Abendmäntelchen
einer silberrandigen Wolke hervorgeschlüpft, so daß jene unbeschreiblich
schöne Dämmerung herrschte, die ohne Schatten und ohne Glanz ist, und
Clarissa endlich ihren Spiegel senkte. Sie trat in ein Haus ein und bat
um einen Bissen Brot und einen Schluck Milch vor dem Schlafengehen. Der
Bauer aber, bei dem sie eintrat, war einer von den Boten gewesen, die
von der Jungfernsuche eben zurückgekehrt waren, und, ohne die holdselige
Clarissa auch nur zu fragen, lief er spornstreichs aufs Schloß, so über
jeden Zweifel sicher war er, daß jetzt die gesuchte Jungfrau von selbst
gekommen sei, deren Erscheinen sie alle so sehnsüchtig erwarteten. Als
er atemlos seine Botschaft auf dem Schlosse ausgerichtet hatte, erhob
sich in dem abendlichen Schwarzenburg ein großer Jubel und Glückslärm,
der fast den schnarchenden Ritter geweckt hätte, wenn er sich nicht
einen so gesegneten Schlaf in seiner bösen Krankheit bewahrt hätte. Das
ganze Gesinde und alle Dorfbewohner kamen in das Haus, in dem Clarissa
mit dem Spiegel beim Fenster saß und im Mondscheine ihr Haar ordnete.
Und ehe sie noch ein Wort hätte sagen können, wußte sie schon die ganze
Geschichte von dem armen melancholischen Grafen, zu dessen Retterin sie
vom Schicksale ausersehen war. Und, ohne daß sie sich dieses Gefühls
ordentlich bewußt wurde, so rein und ohne Fehl war sie, freute sie sich
doch, für ihre Flucht aus dem Kloster eine Art Buße auf sich nehmen zu
können, und willigte ohne viel Fragen und Reden ein, mit dem kranken
Ritter nach dem heiligen Rom zu pilgern. Und es war ein großer und
aufrichtiger Jubel darüber in Schwarzenburg.
Schon am nächsten Tage wurden auf dem Schlosse mit großem Geräusch die
Vorbereitungen zur Pilgerfahrt des melancholischen Heinrich in Angriff
genommen. Und noch niemals haben Schneider und Schuster ihre Arbeit so
rasch und prompt fertiggebracht und abgeliefert, wie nun für den Grafen,
da alle eigentlich im innersten Herzen glücklich waren, den
launenkranken Herrn auf so schöne und heilige Weise für eine Zeit los zu
werden. Der aber jammerte jetzt um so mehr, da er sein Turmzimmer
verlassen sollte, in dem er sich uneingestanden doch sehr wohlgefühlt
hatte, etwa wie ein Junggeselle, der nicht duldet, daß sein Bett täglich
aufgeschüttelt werde, weil er glücklich ist, sich eine behagliche Grube
in den Strohsack gedrückt zu haben. Er seufzte und schimpfte ärger als
ein Fuhrknecht und verfluchte hundertmal den Medikus, der ihm eine so
beschwerliche Heilung vorgeschrieben hatte. Dabei überwachte er doch
genau jegliches Stück seiner Reiseausstattung und gab den Schnitt seines
Reisemantels sorgfältig an, puffte den Schuster, der es gewagt hatte,
ihm ein Paar Bauernstiefel zu bauen, und rüstete sich überhaupt aufs
allerbeste für die Reise, ohne auch nur mit einem Gedanken für die
Jungfrau zu sorgen, die doch die gleichen Unbillen des Wetters und
Beschwerlichkeiten der Wege aushalten sollte. Er bestellte ein Habit für
Regenwetter und eins für Sonnenschein, Wettermäntel und eine Reisedecke,
bis man ihm endlich bedeutete, daß ihn ja leider kein Diener auf dem
Pilgerzuge begleiten könne, um die Sachen zu tragen. Das leuchtete ihm
wohl auch ein, und so brachte man denn Clarissen einen Reisemantel, den
der Graf für sich hatte fertigen lassen, damit sie sich darein kleide,
und einen Pilgerhut, daß sie sich gegen die heißen Sonnenstrahlen
Italiens schütze. Dann geschah eines Tages das Unerhörte, daß der dicke
Ritter, auf die Schulter seines Dieners gestützt, die Treppen von seinem
Turme herunterpolterte und in einem funkelnagelneuen Reisegewand im
Schloßsaale landete.
Dorthin hatten sie auch Clarissa gebracht, daß sie den Grafen in Empfang
nehme und mit ihm nach Rom wandere. Vorher, gleichsam als Wegzehrung,
hatten sie aber dem Ritter eine Mahlzeit hergerichtet, die das
Auserlesenste vereinigte, was je ein Rompilger geschmaust haben mag. Der
unglückliche Heinrich saß nun in seinem Lehnstuhle und stopfte sich die
Backen voll wie ein Hamster und merkte gar nicht, daß vor einem großen
Wandspiegel seine Begleiterin stand, mit lachenden Augen ihr Antlitz und
ihr neues Gewand bewundernd und ihren Spiegel hinter ihr Haupt haltend,
so daß sie sich auch von rückwärts schauen konnte. Sie hatte kaum ihren
Augen geglaubt, als sie beim Betreten des Saales an der Wand einen
Spiegel gesehen, wahrhaftig einen Spiegel, nur daß er groß war und fest
an der Wand hing. Und dieser große Spiegel machte ihr gleich den Saal
vertraut, den Grafen wert und ihren Pilgerzug erfolgverheißend. Und so
stand sie still vor dem schönen Spiegel und freute sich. Da sie nun der
Graf, durch den Diener auf sie aufmerksam, erblickte, schlug er gleich
derb mit der Faust auf den Tisch, daß die Teller tanzten und eine volle
Kanne Weins überlief.
»Das kann eine schöne Reise werden,« fluchte er dann, »mit einem solchen
eitlen Weibsbild zu wandern; verfluchter Medikus!«
Clarissa hatte sich umgewendet und sah ihn mit ihren holden Augen an,
die jetzt, seit sie ihren Spiegel besaß, immer einen glücklichen Glanz
hatten und vor Freude leuchteten, und sie kam nun, indem sie die Kutte,
die ihren Leib umwallte, etwas hob und den viel zu großen Hut in den
Nacken schob, auf den Ritter zugegangen, schön und neckisch, wie ein
Fastnachtstraum, und setzte sich zu ihm. Dem blieb ob dieser
zutraulichen Keckheit fast der Bissen im Hals stecken. Er mußte einen
ordentlichen Schluck Weins zu sich nehmen, um ihn hinabzuspülen. Dann
seufzte er tief auf, und endlich erhoben sich die beiden Pilger zu ihrer
Wanderschaft. Und durch das Spalier der glotzenden Bauern, die vor
Bewunderung über ihren Herrn fast das Grüßen vergaßen, wandelten sie den
steilen Schloßweg hinab dem kühlen Tale entgegen. Und als sie im Tale
angelangt waren und vom Turme, in dem der Ritter gehaust hatte, eine
Trompetenfanfare ihnen den Reisegruß nachschmetterte, war es, als ob in
diesen Trompetentönen alle Erlösungsjauchzer zusammenflössen, die
Schwarzenburg heute ob des Auszuges seines Herrn ausstieß.
Weil er ja geheilt zurückkehren würde ....