II.

Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse Schwarzenburg, das

prächtig und drohend auf einem waldigen Berge über ein ängstlich

geducktes Dörflein gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf

Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von dreißig Jahren doch

schon seit vielen, vielen schwarzen Tagen sein Leben abgeschlossen

wähnte und in einer beklagenswerten Dürre des Gemütes sich für fertig

und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren noch einer der

weltfreudigsten Ritter gewesen, der sich in Turnieren tummelte und die

Farbe seiner Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg über den Gegner

und das Herz der Erkorenen ausgegangen war; aber da er es vielleicht in

diesen Jahren seiner strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen

getrieben hatte, so war er bald in eine schwere und traurige Trübheit

verfallen, in der er sich für ausgedorrt und jeder Erregung unfähig

hielt, für einen Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte sich

gekränkt und unhold auf seine Burg zurückgezogen, in das höchste

Turmgemach, das er ganz schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier saß er

als ein Unnütz und Grillenfänger seine traurigen Jahre ab; doch war

seine Melancholie nicht von der Art, die seufzt und betet, sondern er

fluchte und war immerfort verdrießlich, so daß er eigentlich ein recht

unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der seinen alten

seufzenden Diener quälte, daß es ein Jammer war. Wenn der ihn ob seiner

Krankheit bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete,

so schimpfte er erst recht über Vernachlässigung, denn er hatte

immerfort das Bedürfnis nach Martyrium, im Sommer, daß er schwitzen, und

im Winter, daß er so frieren müsse, obgleich das Turmgemach während der

heißen Monate recht angenehm kühl und im Winter so gut geheizt war, daß

er wohl hätte zufrieden sein können. Hier oben saß er nun und war fest

überzeugt, daß sein dürrer Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr

ein neues Reis ansetzen werde.

Oder war doch nicht so ganz überzeugt; darum wurden auch alle weisen

Ärzte und Heilkünstler, deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen

Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich nacheinander mit dem

melancholischen Grafen eingeschlossen, um ihre Wunder an ihm zu

probieren. Er war geschröpft worden, hatte allerlei Pillen und

Pülverchen geschluckt, Kröten- und Eidechsenaugen zu Hunderten gegessen,

trug Amulette auf der Brust in Lederbeutelchen und Leinwandsäckchen, daß

kaum Platz für sie war und um seinen Hals von den hundert Schnüren, an

denen sie hingen, sich mit der Zeit ein breites Halsband gebildet hatte,

und alles dies, ohne daß seine verlorene Jugendkraft und Weltfreude sich

neu eingestellt hätte. Und immer wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg

geblieben war, tobte er, daß man ihn hier oben verdorren und verfaulen

lasse, daß kein Mensch sich um ihn kümmere und er elendiglich verrecken

müsse als ein Auswurf der Menschheit, so daß sein alter Diener nur recht

schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus den Grafen

wieder ein wenig aufheitere und neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei

war der melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem Appetit

und war mit der Zeit da oben dick und schwammig geworden, was er

freilich als Wassersucht aufgefaßt wissen wollte. Zu jedem Essen ließ er

sich nötigen und drängen, und jeden Schluck Weins nahm er mit

scheinbarem Widerwillen und schimpfend, daß man ihn verfolge, dann aber

umso ordentlicher, so daß seine Mahlzeiten für einen melancholischen

Grafen eigentlich recht genügend waren.

Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester Clarissa mit ihrem

Spiegel aus dem Kloster entwich, war ein großer, berühmter Medikus auf

Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter Mann, der nicht

wie die anderen mit Latwergen und Kräutern sein Heil versuchte, sondern

der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz anderen und

wirksameren Mitteln auf den Leib rückte. Er hatte erst versucht, den

bösen Verfolger durch Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem

Turmstübchen einen Qualm gemacht hatte, daß ihm sein Patient fast

erstickt wäre. Dann hatte er drei Tage und Nächte lang die wirksamsten

Gebete um den gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn so

gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, in dem es der Teufel

gewiß nicht aushalten konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte,

war er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl verdient hatte,

einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen und Brüten versenkt, dagesessen, um

über den schwierigen Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich nach

vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder einen ordentlichen Hunger

empfand, war ihm plötzlich die große Lösung der Frage wie eine

Erleuchtung aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht klar

auseinander: daß nur _ein_ Mensch auf dieser Erde den armen

melancholischen Grafen heilen könne, und dies sei der heilige Vater in

Rom. Zu dem müsse er pilgern, aber nicht allein, denn das sei zu einfach

und könne daher die heilende Wirkung nicht haben, sondern es müsse sich

eine reine Jungfrau finden, die in ihrer jungfräulichen Keuschheit ihn

an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum gleichsam, daß

er sein früheres unchristliches und geradezu heidnisches Leben abgetan

habe und nun wert geworden sei, wieder der göttlichen Gnade teilhaftig

zu werden: denn es war gerade damals die Zeit, wo man gerne Jungfrauen

zur Heilung aller möglichen Leiden benützte. Da nun der Arzt ein viel

gewanderter und sehr gelehrter Heilkünstler war, so unterließ er es

nicht, darauf hinzuweisen, daß auch ein anderer Ritter Heinrich von

seinem Gebreste durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei er sich,

während der Diener ihm das Essen zutrug, kauend und trinkend in eine

philosophische Auseinandersetzung über den verwunderlichen und höchst

bemerkenswerten Umstand einließ, daß beide Ritter Heinriche waren, was

vielleicht ein Zeichen Gottes sei und auf eine immanente Leiderwähltheit

so benannter Menschen hinweise. Dann war er mit großem Aufsehen aus dem

Schlosse geschieden.

Nun war es aber nach dem Abgange des berühmten Arztes mit dem

melancholischen Heinrich rein nicht mehr auszuhalten. Die anfänglichen

Heilmethoden des Doktors hatten den träge gewordenen Grafen recht

angestrengt und in Schweiß gebracht, und seine Kehle war beleidigt von

dem abscheulichen Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines

Zimmers hatte öffnen lassen, von den dreitägigen Gebetumkreisungen

fühlte er eine Art von Drehkrankheit, wie sie manchmal Schafe überfällt,

und sein Magen war ausgedörrt wie ein Lederbeutel. Eine Woche lang

brüllte er nun durch den Turm wie ein gereizter Eber, und ganz

Schwarzenburg, Schloß und Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, daß

dem armen gnädigen Herrn nur das Essen gut behagen und der Wein und das

Bier gut munden möge. Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer

sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche Martyrium

auf sich nehmen wollte, mit dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der

selbstverständlich zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild mitwirken

sollte, kein großes Vertrauen empfand.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 28 / 38 题