Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse Schwarzenburg, das
prächtig und drohend auf einem waldigen Berge über ein ängstlich
geducktes Dörflein gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf
Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von dreißig Jahren doch
schon seit vielen, vielen schwarzen Tagen sein Leben abgeschlossen
wähnte und in einer beklagenswerten Dürre des Gemütes sich für fertig
und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren noch einer der
weltfreudigsten Ritter gewesen, der sich in Turnieren tummelte und die
Farbe seiner Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg über den Gegner
und das Herz der Erkorenen ausgegangen war; aber da er es vielleicht in
diesen Jahren seiner strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen
getrieben hatte, so war er bald in eine schwere und traurige Trübheit
verfallen, in der er sich für ausgedorrt und jeder Erregung unfähig
hielt, für einen Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte sich
gekränkt und unhold auf seine Burg zurückgezogen, in das höchste
Turmgemach, das er ganz schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier saß er
als ein Unnütz und Grillenfänger seine traurigen Jahre ab; doch war
seine Melancholie nicht von der Art, die seufzt und betet, sondern er
fluchte und war immerfort verdrießlich, so daß er eigentlich ein recht
unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der seinen alten
seufzenden Diener quälte, daß es ein Jammer war. Wenn der ihn ob seiner
Krankheit bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete,
so schimpfte er erst recht über Vernachlässigung, denn er hatte
immerfort das Bedürfnis nach Martyrium, im Sommer, daß er schwitzen, und
im Winter, daß er so frieren müsse, obgleich das Turmgemach während der
heißen Monate recht angenehm kühl und im Winter so gut geheizt war, daß
er wohl hätte zufrieden sein können. Hier oben saß er nun und war fest
überzeugt, daß sein dürrer Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr
ein neues Reis ansetzen werde.
Oder war doch nicht so ganz überzeugt; darum wurden auch alle weisen
Ärzte und Heilkünstler, deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen
Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich nacheinander mit dem
melancholischen Grafen eingeschlossen, um ihre Wunder an ihm zu
probieren. Er war geschröpft worden, hatte allerlei Pillen und
Pülverchen geschluckt, Kröten- und Eidechsenaugen zu Hunderten gegessen,
trug Amulette auf der Brust in Lederbeutelchen und Leinwandsäckchen, daß
kaum Platz für sie war und um seinen Hals von den hundert Schnüren, an
denen sie hingen, sich mit der Zeit ein breites Halsband gebildet hatte,
und alles dies, ohne daß seine verlorene Jugendkraft und Weltfreude sich
neu eingestellt hätte. Und immer wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg
geblieben war, tobte er, daß man ihn hier oben verdorren und verfaulen
lasse, daß kein Mensch sich um ihn kümmere und er elendiglich verrecken
müsse als ein Auswurf der Menschheit, so daß sein alter Diener nur recht
schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus den Grafen
wieder ein wenig aufheitere und neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei
war der melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem Appetit
und war mit der Zeit da oben dick und schwammig geworden, was er
freilich als Wassersucht aufgefaßt wissen wollte. Zu jedem Essen ließ er
sich nötigen und drängen, und jeden Schluck Weins nahm er mit
scheinbarem Widerwillen und schimpfend, daß man ihn verfolge, dann aber
umso ordentlicher, so daß seine Mahlzeiten für einen melancholischen
Grafen eigentlich recht genügend waren.
Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester Clarissa mit ihrem
Spiegel aus dem Kloster entwich, war ein großer, berühmter Medikus auf
Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter Mann, der nicht
wie die anderen mit Latwergen und Kräutern sein Heil versuchte, sondern
der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz anderen und
wirksameren Mitteln auf den Leib rückte. Er hatte erst versucht, den
bösen Verfolger durch Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem
Turmstübchen einen Qualm gemacht hatte, daß ihm sein Patient fast
erstickt wäre. Dann hatte er drei Tage und Nächte lang die wirksamsten
Gebete um den gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn so
gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, in dem es der Teufel
gewiß nicht aushalten konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte,
war er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl verdient hatte,
einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen und Brüten versenkt, dagesessen, um
über den schwierigen Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich nach
vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder einen ordentlichen Hunger
empfand, war ihm plötzlich die große Lösung der Frage wie eine
Erleuchtung aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht klar
auseinander: daß nur _ein_ Mensch auf dieser Erde den armen
melancholischen Grafen heilen könne, und dies sei der heilige Vater in
Rom. Zu dem müsse er pilgern, aber nicht allein, denn das sei zu einfach
und könne daher die heilende Wirkung nicht haben, sondern es müsse sich
eine reine Jungfrau finden, die in ihrer jungfräulichen Keuschheit ihn
an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum gleichsam, daß
er sein früheres unchristliches und geradezu heidnisches Leben abgetan
habe und nun wert geworden sei, wieder der göttlichen Gnade teilhaftig
zu werden: denn es war gerade damals die Zeit, wo man gerne Jungfrauen
zur Heilung aller möglichen Leiden benützte. Da nun der Arzt ein viel
gewanderter und sehr gelehrter Heilkünstler war, so unterließ er es
nicht, darauf hinzuweisen, daß auch ein anderer Ritter Heinrich von
seinem Gebreste durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei er sich,
während der Diener ihm das Essen zutrug, kauend und trinkend in eine
philosophische Auseinandersetzung über den verwunderlichen und höchst
bemerkenswerten Umstand einließ, daß beide Ritter Heinriche waren, was
vielleicht ein Zeichen Gottes sei und auf eine immanente Leiderwähltheit
so benannter Menschen hinweise. Dann war er mit großem Aufsehen aus dem
Schlosse geschieden.
Nun war es aber nach dem Abgange des berühmten Arztes mit dem
melancholischen Heinrich rein nicht mehr auszuhalten. Die anfänglichen
Heilmethoden des Doktors hatten den träge gewordenen Grafen recht
angestrengt und in Schweiß gebracht, und seine Kehle war beleidigt von
dem abscheulichen Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines
Zimmers hatte öffnen lassen, von den dreitägigen Gebetumkreisungen
fühlte er eine Art von Drehkrankheit, wie sie manchmal Schafe überfällt,
und sein Magen war ausgedörrt wie ein Lederbeutel. Eine Woche lang
brüllte er nun durch den Turm wie ein gereizter Eber, und ganz
Schwarzenburg, Schloß und Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, daß
dem armen gnädigen Herrn nur das Essen gut behagen und der Wein und das
Bier gut munden möge. Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer
sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche Martyrium
auf sich nehmen wollte, mit dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der
selbstverständlich zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild mitwirken
sollte, kein großes Vertrauen empfand.