Zu jener Zeit, in welche die Dichter mit vollem Recht und Fug ihre
Legenden verlegen dürfen, weil dazumal der Heiland und die Mutter Gottes
noch ein Vergnügen hatten, die Menschen zu lenken – jungen Eltern
gleich, denen die Kindererziehung noch Freude und Lust bereitet –, zu
jener Zeit also stand abseits von der Heerstraße mitten im Walde ein
weitläufiges, schönes Nonnenkloster von strengen Sitten, in welchem,
fern vom Lärm und Hasten der Welt, die Nonnen ein beschauliches und
ihrem himmlischen Bräutigam ergebenes Leben führten. Die Stille in
diesem Kloster war eine so große und die einschläfernde Macht der
Gewohnheit, unterstützt durch das gleichmäßige Rauschen des Waldes, eine
so überwältigende, daß die Geißel an der Wand verstaubte und die frommen
Frauen alt wurden und ehrwürdig dahinlebten, und daß eine Wolke der
Heiligkeit über dem Kloster schwebte.
So ist es begreiflich, daß der Böse ein unabweisliches Verlangen fühlte,
in diesem Kloster seine Künste zu probieren, und daß er der Madonna,
als er sie einmal aus der Klosterpforte schreiten sah, in seiner
Keckheit zurief, diese Burg der Frömmigkeit sei wohl auch nicht so
uneinnehmbar, wie sie glaube.
Da sah ihn die Madonna mit ihren dunklen Augen – wie sie der göttliche
Raffael uns überliefert hat – durchdringend an und sprach: »An der
Schwelle dieses Klosters endigt deine Macht. Und so sicher bin ich
meiner Sache, daß ich dir erlaube so lange darin zu verweilen, als ich
hier ein Vaterunser sage.«
Der Böse erschauerte, da er den Namen ›Vaterunser‹ sprechen hörte, aber
er faßte sich gar bald und entgegnete:
»Gut, ich bin mit dieser Erlaubnis zufrieden, verweile hier, und, ehe du
dein Sprüchlein geendigt hast, will ich wieder bei dir sein und mich
meiner Tat erfreuen.«
Und kaum, daß er es ausgesprochen, war er in ein altes, runzeliges
Weiblein verwandelt, das an der Klosterglocke zog und hüstelnd im Tore
verschwand.
Nun war gerade zu jener Zeit eine junge und ausnehmend schöne Nonne
Pförtnerin geworden, Schwester Clarissa, die sozusagen ein Kind des
Nonnenklosters war; denn man hatte sie als Säugling an der
Klosterpforte, friedlich schlummernd, aufgefunden und erbarmungsvoll in
den Schutz des heiligen Hauses aufgenommen. Hier wuchs sie in ihr
Nonnenhabit hinein und war bisher ihren Pflichten so selbstverständlich
und ohne Zweifel nachgekommen, daß die Oberin ihr den schweren Posten
einer Pförtnerin übertragen hatte. Sie hieß also Schwester Clarissa und
war blühender als je eine Nonne gewesen.
Nun, da es läutete, öffnete sie dem hüstelnden Weibe ihr Schiebfenster
und fragte nach seinem Begehr.
»Die Oberin Berthilde vom nächsten Nonnenkloster schickt dies
Gebetbüchlein der Pförtnerin Clarissa,« sprach das Weiblein, »daß sie es
als Geschenk annehme. Aber, um sie von den Pflichten ihres Postens nicht
abzulenken und als Erprobung ihrer Stärke gegen die Anfechtung der
Neubegier wünscht sie, daß die fromme Schwester Clarissa das Tüchlein,
drein das Geschenk eingepackt, nicht eher von dem Buche wegziehe, als
bis der Mondschein durch ihr Fenster falle.« Sprach’s, und ehe die
Pförtnerin noch ein Wort antworten konnte, war die Alte verschwunden.
Der Böse stand aber gerade in dem Augenblicke wieder bei der Mutter
Gottes, als diese ihren schönen Mund öffnete, um Amen zu sagen. Er
machte eine höfliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und dankte ihr
mit einem höfischen Kratzfuß für die gütige Erlaubnis. Sein Werk sei
vollendet. Die Madonna aber lächelte milde und sprach ihr Amen und
schlug drei Kreuze. Da entlief der Böse mit lautem Geschrei. Sie aber
machte sich auf und wandelte still ihres Weges.
Als nun das Abendglöcklein geläutet und das Tor des Klosters
verschlossen war, bereitete die Schwester Clarissa ihr armseliges
Nachtlager, entkleidete sich und nahm dann das Geschenk vor, als eben
der Mond hell und träumerisch durch ihr Fenster leuchtete. Die ganze
Stube flimmerte in weißem Silberlicht, so herrlich strahlte an diesem
Abende der Mond vom gestirnten Himmel. »Ich hätte das Geschenk der
Oberin zeigen sollen,« flüsterte sie in den Mondschein, »aber sie hätte
es, fürchte ich, gegen den Wunsch der Spenderin im Sonnenlichte
geöffnet! Ja, geöffnet! Ja gewiß,« beruhigte sie ihr ängstliches
Gewissen, »und ich will es der Oberin gleich bringen!« Doch dabei
nestelte sie schon an dem Tüchlein und da, o Wunder! lag das Gebetbuch
vor ihr und leuchtete und schimmerte ihr entgegen, als wäre wahrhaftig
ein Stück Mondes in das Tuch eingehüllt gewesen. Es war aber gar kein
Gebetbuch, sondern ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre
Nonnenklause geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals einen
Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der Eitelkeit in einem
Nonnenkloster unbekannt ist. Darum hielt sie das viereckige Stück
leuchtenden Glases auch zuerst für den silbernen Beschlag eines
wertvollen Buches, das sie morgen der Oberin übergeben müsse; als sie
aber versuchte, es zu öffnen, und sich voll Neugierde darüber beugte,
sah sie darin ein menschliches Gesicht, blühend schön und mit lachenden
Augen, mit einem wißbegierig geöffneten Mund und bebenden Lippen, wie
sie nie ein schöneres gesehen hatte. Das kurze Blondhaar flimmerte und
schimmerte im Mondschein, als wenn es selbst aus Mondesstrahlen
gesponnen wäre, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergnügen an,
da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht, und lachte in den Spiegel
hinein, zu sehen, ob es in dem Glase auch lache, und dabei vergaß sie
ganz, daß sie damit etwas Sträfliches tue. Dann aber erinnerte sie sich
plötzlich daran, wie sündhaft es sei, sich so am eigenen Gesichte zu
ergötzen, und deckte schnell das Tüchlein darüber. Aber es ließ sie
nicht in Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war zu schön
gewesen, als daß sie dem Zauber hätte widerstehen können. Sie lüftete
das Tüchlein wieder, indem sie ganz laut vor sich hinsprach, daß dieses
Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde stamme, die ihr
gewiß nichts Unlauteres geschickt hätte! »Morgen früh geb ich es der
Oberin,« sprach sie feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit
glücklichen Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im Spiegel
freundlich entgegen und bewegte den Kopf hin und her und ordnete ihr
Haar mit einem kleinen Seufzer, daß es so kurz sei. Und sie machte mit
den Händen über den schönen, weißen Nacken eine streichelnde Bewegung,
als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes Haar, als stelle sie
sich vor, wie herrlich ein langes blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte
passen müsse. Dann öffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die
Herrlichkeit ihres weißen Busens im Spiegel und es war ihr, als ob die
Mondesstrahlen jetzt noch heller leuchteten, weil sie sich mit dem
blendenden Scheine ihrer Brust vermählten; und lachte, lachte laut vor
sich hin!
So hatte sie an die ganze Welt und ihren himmlischen Bräutigam
vergessen! Eine unbestimmte, drängende Sehnsucht war in ihr erwacht, daß
sie lange mit dürstenden Lippen vor dem Spiegel saß und sich nicht satt
schauen konnte. Denn wenn der Böse etwas unternimmt, das muß man ihm
lassen, so tut er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so daß denn
das fromme Gemüt der lieblichen Clarissa ganz verwirrt ward an diesem
Abend und sie vom plumpen Kruzifix an der Wand das Kränzlein herabnahm,
das sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren Bräutigam zu
schmücken, und sich die schlichten Blumen in das Haar legte; daß sie den
schwarzen Rosenkranz vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu denken,
und ihn um den weißen Hals legte, den Spiegel hin und her drehend, um
nur ja keinen neuen Reiz ihrer Schönheit zu übersehen.
Es war eben ein teuflischer und kein gewöhnlicher Menschenspiegel, und
ein so starker Zauber ging von ihm aus, daß, als der Morgen graute, das
Gemüt der armen Nonne schon ganz verwandelt war und sie sich reisefertig
gemacht und, ohne die Schwere ihrer Sünde zu empfinden, das Tor geöffnet
hatte und daß sie einfach aus dem Kloster davonlief. Den Spiegel aber
hatte sie in das Tüchlein eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz
an ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie in die Welt zöge, so
lustig und glücklich hüpften ihre Füße den Weg in das Leben hinaus. Und
sie eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen.