Die folgenden Tage verlebte Karolus in einem Märchen; die Stunden im
Geschäfte zählten für ihn nicht, er verbrachte sie nur in Sehnsucht nach
dem Mittag und den kurzen Stunden am Abend, wenn die letzten Gäste aus
dem Gewölbe auf dem Altstädter Ring geschieden waren und Lalanda nur für
ihn noch einmal aus ihrem Ruhezimmer hereingeschwommen kam. Und es war
Mittwoch und Donnerstag geworden, zwei kurze Tage blieb Lalanda noch in
Prag, dann mußten die Liebenden scheiden. Denn es war kein Zweifel,
Karolus mußte sich’s in seinem zitternden Herzen selbst gestehen,
Lalanda, die Meerkönigin, die Göttliche, die Wunderbare, liebte ihn und
neigte sich seinen schlichten Worten. Sie hatte es ihm heute abend
selbst gesagt, daß sie die Minuten zähle, bis er wieder zu ihr kommen
könne, daß ihr das Leben schal und unerträglich scheine, wenn er nicht
mehr am Wasser stehen und mit ihr sprechen könne.
»Schau, bin ich nicht warm wie eure Mädchen,« sagte sie, »pocht mein
Herz nicht ebenso stark in meiner Brust? Fühlst du es, fühlst du es
schlagen, Karolus? Und nun muß ich Unglückliche wieder von dannen
ziehen, ewig, von Stadt zu Stadt, und den häßlichen Menschen mich
darbieten! Ich bin unglücklich, Karolus, unselig, denn ich bin eine
Gefangene und möchte so gerne in Freiheit leben, lieben und lachen und
weinen, wie ihr Menschen, mich an dich schmiegen, Karolus, und dir in
die Augen schauen. Und doch wird keine Macht der Erde mich erlösen!«
Und Karolus hatte unter ihrem Mieder, unter ihrem weißen schimmernden
Busen das Herz klopfen gefühlt, gleichmäßig und ruhig, denn sie war ja
trotz ihrer Erregung ein kühlerblütiges Meerweibchen und ein unendliches
Mitleid mit der armen, gefangenen Seekönigin füllte seine Augen.
»Flieh mit mir,« rief er ihr zu, wie Kandalus im Romane, »flieh mit
mir, ich will dich gegen eine Welt verteidigen!«
Da deutete sie stumm und traurig auf ihren Fischschwanz und seine
Hoffnungen zerrannen.
»Ich will irgendwo an einem Meere oder See ein Häuschen für uns bauen,
dann sollst du in deinem Wasser leben können und doch in meiner Nähe
sein und sollst mit mir Zwiesprache halten und des Nachts –« Er schwieg,
er errötete.
»Küsse mich,« sagte Lalanda, »küsse mich recht vom Herzen!«
Und er preßte die Lippen auf ihren Mund und fühlte, wie auch ihre Lippen
heiß wurden, heißer als er es geahnt hätte; denn es glühte ihm bis ins
Herz hinab und sein Mund war noch in der Nacht brennend heiß von ihrem
Kusse. Und als sie gar ihre weißen, nackten Arme um seinen Hals schlang
und ihn an sich preßte und nicht loslassen wollte, da schloß er die
Augen, er umarmte sie und drückte sie noch fester an sich und vermeinte
sterben zu müssen.
»Ich muß dich retten, du mußt mein werden!« sagte er, tief Atem
schöpfend, »mein für immer!«
Da huschte ein Lächeln, ein siegreiches Lächeln über ihr Gesicht, sie
wiederholte ihre heißen Umarmungen, dann schlüpfte sie rasch ins
Wasser, denn der Zwerg war ins Gewölbe getreten, um die Tore zu
schließen.
»Denk an dein Versprechen!« rief sie dem Scheidenden nach. Er aber stand
auf dem Altstädter Ring, er hob die Rechte wie zum Schwure gegen den
sternenbesäeten Himmel und sprach feierlich in den Abend hinein: »Ich
schwöre!«
In dieser Nacht, als endlich ein unruhiger Schlummer seine Augen schloß,
träumte Karolus wieder, er stehe auf dem Strande. Der Mondschein lag in
einem breiten, schimmernden Streifen auf den ewig bewegten Wellen und
mitten in dem breiten Streifen Mondlichtes kam vom Rande des Horizontes
Lalanda auf ihn zugeschwommen. Er sah ganz deutlich in der Ferne ihr
blondes, weiches Haar, ihr Kopf hob sich wie eine große, phantastische
Blume aus dem bläulich-flimmernden Wasser. Sie kam näher und näher und
nun streckte sie ihm die Arme entgegen und winkte ihm. Und ganz deutlich
hörte er ihre Stimme angstvoll rufen: »Karolus, Karolus, rette mich!« Er
aber stand auf dem Ufer, er schaute verzweifelnd auf die Geliebte, die
mit den Wogen rang, er wollte sich ins Meer stürzen, aber ein
schrecklicher Gedanke hielt ihn zurück. »Ich kann nicht schwimmen!«
sagte er erst tonlos vor sich hin, dann sagte er es lauter und immer
lauter, er schrie es Lalanda zu: »Ich kann nicht schwimmen!«
Da schallte ein höhnendes, entsetzliches Lachen aus dem Meere zu ihm
hin, Lalanda hob sich noch einmal hoch aus den Wellen, dann sank sie ins
Meer. Und nur einige Seerosen und Lilien schwammen hilflos und armselig
auf den Wellen und bezeichneten die Stelle, an der Lalanda verschwunden
war.
Karolus erwachte aus seinem Traume, der Angstschweiß stand auf seiner
Stirn. Der Vater war an sein Bett getreten, das Schreien seines Karolus
hatte ihn geweckt.
»Was hast du nur für böse Träume, Karolus?« fragte er.
»Gottlob, daß es nur Träume sind,« sagte sein Sohn. »Ich habe einen
schrecklichen Traum gehabt!«
Als er mit dem Vater beim Frühstück saß, da übermannte ihn plötzlich
sein Herz und er wollte dem Vater alles beichten. Und er fing auch zu
sprechen an und sagte: »Vater!...«
Aber mehr brachte er nicht über die Lippen; er wußte nicht, wie er dem
Vater auch hätte sagen sollen, daß ein Wunder geschehen sei, daß ihn
eine Meerkönigin erwählt habe!
»Vater,« sagte er, und als sein guter Vater teilnahmsvoll ihn anschaute,
da schlossen sich seine Lippen, eine dunkle Röte färbte seine Wangen und
seine Lider senkten sich.
»Was willst du von mir?« fragte der Vater und alle Güte seines Herzens,
alle Liebe zu seinem Einzigen war in seinen Worten: »Was gäbe es, was
ich dir nicht gewähren könnte?«
Aber Karolus Blicke irrten im Zimmer umher, er schaute für Sekunden
ängstlich den Vater an, aber er fand keine Worte.
»Brauchst du Geld?« fragte ihn der Vater.
Da nickte Karolus mit dem Kopfe, ja, Geld werde er brauchen, aber der
Vater möge ihm verzeihen, wenn er noch nicht sagen könne, wofür.
Da gab ihm der Vater, der gewöhnt war, seinem Sohne unbedingt zu
vertrauen, da er dessen Bravheit und Tugend kannte, Geld, mehr, als
Karolus erwartet hatte. Er nahm es mit innigem Danke an, er hatte das
dunkle Gefühl, er werde zu Lalandas Entführung Geld, viel Geld
brauchen, und damit wollte er nicht sparen. ›Ich will arbeiten wie ein
Knecht,‹ sagte er zu sich, ›ich will mir die Hände blutig arbeiten; aber
erst muß ich sie erretten!‹
Mittag, den letzten Mittag, der ihm gegönnt war, brachte er Lalanden
nebst den Seerosen ein schmales Ringlein, ein Herz hing an einem
Kettchen daran, und er steckte ihr den Reif feierlich an den schlanken
Finger, ohne etwas zu sprechen. Sie umarmte und küßte ihn stürmisch,
noch heißer als gestern und sah ihm noch tiefer in die Augen, und mit
einer Stimme, die zärtlich und doch ganz anders, wahrer und herzlicher
als früher klang, sagte sie zu ihm:
»Nimm mich fort von hier, nimm mich mit dir, ich will dein sein für
immer, nur errette mich von diesem Zwerge, errette mich aus dem Wasser
hier, ich sterbe vor Scham und Ekel bei diesem Herumziehen in der Welt,
bei diesem Ausgestelltsein, ich sehne mich nach Frieden und Glück, ich
beneide die anderen Mädchen, ich sehne mich nach einer ......«
Häuslichkeit wollte sie sagen, die Seejungfrau aus dem dunklen Norden,
und sie dachte dabei wohl an ihren schimmernden, herrlichen
Kristallpalast auf dem Grunde des Meeres. Aber sie hielt inne, da sie
bei diesem Worte angelangt war, sie schaute Karolus rasch von der Seite
an, forschend und fast ungeduldig. Er aber blickte sie voll Mitleids an
und nickte langsam mit dem Kopfe. »Du weißt nicht,« sagte sie traurig,
»was ich schon alles erdulden mußte, wieviel Schande und Elend, wie satt
ich dieses Leben habe!«
Und Karolus streichelte ihr in innigem Mitgefühl die Arme, er
streichelte ihr die Wangen und er seufzte bei dem melancholischen
Gedanken, daß dieser herrlichen, edlen, königlichen Seejungfrau das
Elend des Irdischen nicht erspart geblieben sei, daß sie leiden müsse
und gewiß das Elend schmerzlicher fühle als ein Menschenkind. Und sein
Finger glitt mitleidig und doch ehrfurchtsvoll über die Schuppen ihres
Fischschweifes, der zierlich auf dem Rande des Teiches lag.
»Hast du mich denn wirklich lieb?« fragte Lalanda.
»Ich verehre dich!« antwortete Karolus, und als wäre dieses ›ich verehre
dich‹ noch zu kühn, setzte er die Worte hinzu, die Baronzo im
›Unvergeßlichen Liebhaber‹ zu Graziosa sagt: »Meine Nacht ist voll von
deiner Sonne und mein Tag voll von deinem Mondlicht, du Königin!«
Da erscholl plötzlich vor der Tür der Trommelwirbel der beiden
Spielleute, grausam und empörend nahe, und schon stand auch der Zwerg im
Laden. Karolus wandte sich zum Gehen; er drückte nur rasch dem Zwerg ein
Goldstück in die Hand. Als er sich dann noch einmal umkehrte, hob
Lalanda die Hand aus dem Wasser, das Ringlein glänzte an ihrem Finger
wie ein Stern in der Nacht, dann entschwand sie. Und schon traten die
ersten Besucher in das Gewölbe.