Am Nachmittag, in all den kleinen Geschäftigkeiten des Geschäftes mußte
Karolus immer wieder an den Abend denken. Aber seine Pläne und
Entführungsgedanken kamen nicht über die Worte: ›heute abend‹ hinaus, er
wußte nicht, was dann geschehen werde, er konnte sich nicht so weit
sammeln, um einen bestimmten Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein,
er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten Arme um seinen Hals
schlingen, und so wollte er sie bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen,
um sie dort ihrem Elemente zu übergeben; er selbst wollte dann in einem
Kahne neben ihr herfahren, bis sie irgendwo außerhalb Prags eine ruhige
Zuflucht finden würden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die
Stadtsoldaten würden ihn sicher auf dem Wege festnehmen, oder die
Schiffer an der Moldau drunten würden ihn ergreifen und auf die
Wachstube führen. Auch verzweifelte er an seiner Kraft, das süße, holde
Geschöpf bis an die Moldau tragen zu können. Er wollte jedenfalls gegen
neun Uhr abends einen Wagen auf dem Altstädter Ring warten lassen, er
dachte einen Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu stellen,
aber auch das würde auffallen. Was dann weiter geschehen solle, das
mußte er dem Schicksal überlassen, der Gott der Liebenden würde sie
sicher beschirmen und ihnen gnädig sein. Er ging Nachmittag nach Hause,
um seinen großen Radmantel zu holen, den er Lalanda um den Leib legen
wollte, wenn er sie zum Wasser trüge. Er steckte das Geld zu sich,
zählte eine runde Summe ab, um nötigen Falles den Zwerg damit zu
bestechen und nahm dann gegen Abend zwei Flaschen des schwersten
Ungarweines in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen, falls sie
wach wären. ›Das ist das beste Mittel!‹ sagte er zu sich und dachte an
eine Stelle in einem Räuberroman, wo des Kerkermeisters Töchterlein den
Ritter befreit. Er verabschiedete sich still, aber mit einem langen
Händedruck von seinem Vater, der ihm kopfschüttelnd nachschaute, und
ging, eilte, lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die Brust
gedrückt, bis er fast atemlos auf dem Altstädter Ring anlangte.
Er kam noch zu früh, und doch lag der Platz wie in einem ersten Dunkel
da, nur aus einigen Geschäften und Wirtsstuben drang ein matter
Lampenschein fahl in die Dämmerung. Der Himmel hatte sein Leuchten
verloren, er war blaugrau, aber ohne Farbe, fast wolkenlos. Nur ein
kleines schmales Wölkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes
gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische Fahne, mit
welcher der Wind spielt.
Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl ins Dunkel unter
der Laube, aber es schien, als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer
Tür stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher Trommelwirbel
durch die Stille, dann hörte Karolus, der im Schatten der Häuser
umherschlich, wie die Stimme des Zwerges sich erhob und verkündete, daß
noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer das Wunder noch
einmal zu sehen wünsche, müsse jetzt eintreten, dann schließe sich die
Türe für immer. Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine Menge
Leute in das Gewölbe treten und stand fröstelnd und sehnsuchtsvoll, wie
auf sein Stichwort harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die
Tür an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die Geliebte, Einzige,
Wunderbare in einer kurzen halben Stunde über die Schwelle tragen werde,
hier bei dem schmalen Teingäßchen werde der Wagen warten und rasch mit
ihnen von dannen fahren. Wohin? Das wußte Karolus jetzt selbst noch
nicht, die Unterredung mit Lalanda werde Gewißheit bringen, wohin, ach,
jedenfalls in eine glückliche Zukunft.
»Ich hätte einen Dolch mitnehmen sollen!« fiel ihm ein, und seine Finger
ballten sich zusammen, als ob sie schon den Griff eines Dolches hielten
und zustoßen müßten. »Denn viel Gefahr wartet auf mich und manches
Abenteuer gilt’s zu bestehen! Wenn die Trommler nicht weichen wollen!«
Er griff nach den Flaschen in seinem Mantel, »wenn der Zwerg nicht zu
bestechen ist!«
In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür zu Lalandas Laden und der
Streifen des Lichtes fiel greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen
lärmend die befriedigten Neugierigen aus dem Gewölbe heraus, sie standen
noch in Gruppen beieinander, ein säumiger Nachzügler kam als Letzter
über die Schwelle. Dann traten auch die beiden Trommler vor die Tür, sie
nahmen die großen Bilder Lalandas, die zu beiden Seiten des Einganges
aufgehängt waren, herunter und trugen sie in den Laden, dann kamen sie
noch einmal mit ihren Trommeln und gingen über den Altstädter Ring nach
Hause.
»Gott sei Dank,« sagte Karolus, »die werden nicht wachen!« Und dann, er
traute seinen Augen kaum, dann trat auch der Zwerg in die Tür, er
schaute sich mißtrauisch um, als ob er auf jemanden warte, dann öffnete
er noch einmal die Tür und sprach einige Worte ins Gewölbe hinein. Und
dann – Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zurückgezogen – dann
ging auch der von dannen.
›Allein!‹ jubelte es in Karolus Seele, ›sie ist allein, sie wartet auf
mich, sie liebt mich, ich werde sie erretten, sie wird mein sein!‹ Er
schaute dem Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein letzter
Verdacht stieg lähmend in ihm auf, der Zwerg könnte die Tür hinter sich
gesperrt haben! Er lief eilig der Tür zu, mit verschwendeter Kraft
drückte er die Klinke nieder, die Tür öffnete sich weit und er stürzte
in das Gewölbe.
Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag Lalanda, im Scheine der
Lampe leuchtete ihr weißer Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre
Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte.
»Endlich,« sagte sie, »endlich kommst du! Ich hatte schon Angst, du
kämest nicht!«
Er stürzte in ihre Arme, sie faßte seinen Kopf und übersäte seinen Mund
mit heißen Küssen. »Liebst du mich?« fragte sie immer von neuem zwischen
den glühenden Küssen. »Liebst du mich wirklich?«
Und sie reckte sich empor, daß sein Mund ihren Hals und den feinen
Ansatz ihres Busens küssen mußte. Er bog den Kopf zurück, er erschrak
bei der Berührung der weichen, warmen Sammethaut, als müsse er sich
entschuldigen, daß er ein Heiligtum berührt habe. Dann legte er den
Radmantel ab, wies auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und
sagte: »Die waren für die beiden Trommler, falls sie uns gestört hätten,
oder für den Zwerg, wenn sein Neid uns nicht allein gelassen hätte.
Gottlob, sie sind fort, und nun laß uns beraten, Lalanda, wie ich dich
errette. Ein Wagen harrt draußen auf unsere Flucht, wie aber bekomme ich
dich in den Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem Trocknen
aushalten? Wirst du es überleben? Denn ehe wir vor die Stadt zur Moldau
kommen, vergeht wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins Wasser
zurückgleiten lassen und auf dem Ufer stehen und dir folgen, bis wir ein
ruhiges Plätzchen finden, oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer
zurückzieht, will ich auf dem Ufer der Flüsse, dich im Angesichte
wandern, bis wir ans Meer gelangen!«
Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches auf, sie zog den Kopf
Karolus’ nahe, ganz nahe an ihren Mund heran und fragte fast
geheimnisvoll noch einmal:
»Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach mir? Schwöre mir, daß du
mich liebst!«
Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war die Frage, er hob die
beiden Finger seiner Rechten zum Schwure in die Höhe und sagte ernst:
»Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin glücklich, daß du mich
erhöht hast durch deine Liebe. Ich wünsche nichts anderes, als daß du
mich liebst!«
»O du unglückseliger, armer, armer Karolus,« sagte Lalanda traurig,
»daß du gerade mich lieben mußt, gerade mich, die ich halb Fisch, halb
Mensch bin! Indes du wert wärest, daß dich ein schönes Menschenkind
liebte und glücklich machte!«
»Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda,« jubelte Karolus, »ich
liebe dich, weil du so bist, so herrlich, so über alle Maßen schön und
wunderbar, so königlich und erhaben!«
»Du guter Karolus,« antwortete sie ihm, »ich weiß, daß du mir das Leid
geringer machen willst, das ich empfinden müßte, wenn ich« – ihre Stimme
wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein Jubel in ihren Worten –
»wenn ich dich nicht jetzt im nächsten Augenblicke zum glücklichen,
glücklichen Menschen machen könnte! Schraube den Docht der Lampe zurück,
ich will dir ein Geheimnis verraten, ich will deine Sorgen enden. Ich
habe den ganzen Tag nachgedacht, ob ich dir’s verraten soll, ob du
würdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich, du willst mich aus
diesem Elende befreien, du sehnst dich nach mir, wir wollen glücklich
werden!«
Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten, da er den Docht
zurückschraubte, so seltsam, wie eine Beschwörung klangen die Worte
Lalandas; wie Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer vom
Moore, ihn in seine Höhle lädt. Und es ward fast dunkel im Gemach.
»Verschließe die Tür!« befahl sie.
Er drehte den Schlüssel um, er versuchte, ob die Tür fest verschlossen
sei. Dann sprach Lalanda: »Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich
dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich rasch an! Aber nur einen
Augenblick lang! Dann aber schließe die Augen, daß ich vor dir nicht
sterbe!«
»Was beginnst du?« fragte Karolus in tiefster Erregung, »was soll ich
erfahren?« Und er dachte nicht anders, als daß nun der Boden sich öffnen
und er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken werde, um auf
dem Grunde des Meeres vor ihrem Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als
wolle er noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er versänke.
»So denke an unsere Liebe!« sagte Lalanda. »Und nun, Karolus, Karolus,
sieh mich an!«
Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die Augen zum Rande des
Teiches und machte unwillkürlich einen Schritt nach vorwärts. Aber er
taumelte im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen, zurück.
Auf dem breiten Rande des Bottichs – stand Lalanda aufrecht, aufrecht
auf zwei Beinen wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder an,
aber die Beine, üppige, pralle Beine, waren nackt! Und triumphierend,
mit einem siegesgewissen Lächeln schwang sie die schillernde Fischhaut
in der Hand, aus der sie geschlüpft war.
»Das tat ich für dich!« rief sie, »weil ich dich liebe! Bist du jetzt
glücklich?«
Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind, lachend in den Teich,
um den Fischschweif unterm Wasser – zum letzten Male – anzulegen.
Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da, er fühlte ganz deutlich
den Stoß, den er vor die Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die
Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand hatte seine Gurgel
umfaßt und schien ihn erwürgen zu wollen, seine Arme ruderten durch die
Lüfte.
»Du bist ein Menschenweib!« schrie er mit furchtbarer Anstrengung; er
hörte mit donnerndem Getöse den Kristallpalast seiner Träume
zusammenkrachen, »eine schamlose Person, nackt, pfui, o pfui,
nackt« .....
Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel erfüllte sein Herz,
seine Augen waren trocken.
»Du hast mich betrogen!« schrie er, und seine Stimme überschlug sich.
Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom Wasser und schaute Karolus
lachend an, ihre Perlenzähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen;
denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden und hielt sein
seltsames Gehaben für die Äußerungen seines freudigen Staunens. Und mit
herausforderndem Lachen fragte sie:
»Nun sprich, Karolus, bist du glücklich, daß ich dir die Rettung so
leicht gestalte? Gleich will ich mich fertig machen!«
Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine Brust keuchte noch, er
stürzte zum Teiche.
»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er in ihre Worte und in ihr
Lächeln hinein, er faßte Lalanda und hätte sie geschlagen, so sinnlos,
so entsetzt, so betrogen und um sein Wunder beraubt fühlte er sich.
»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er.
Lalanda aber begriff seine Worte immer noch nicht, sie war zu fest davon
überzeugt, daß sie klug gehandelt habe, sie sah ihn mit verständnislosen
Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus dem Wasser, wie sie
gewöhnt war, und lachte dazu und machte eine Schwimmbewegung mit den
Armen und rief neckend und schelmisch:
»So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!«
Da griff Karolus nach ihr, eine heiße Blutwelle war ihm zu Kopfe
gestiegen und verwirrte ihn, er umfaßte ihren Hals und zerrte die
Erschrockene an den Rand des Bottichs; und er würgte sie in seiner
sinnlosen Enttäuschung und schrie »Betrügerin, schamlose Betrügerin!«,
ohne es zu wissen, und hätte die Hände nicht vom Halse Lalandas
gelassen, wenn sie in ihrer Todesangst und der plötzlichen Erkenntnis,
wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und Empörung über seine
Dummheit nicht ihre Nägel in seine Hände gebohrt und endlich seine
Finger von ihrem Halse gezerrt hätte. Dann biß sie ihn blitzschnell tief
in die Finger, tauchte unter und verschwand unter der Tür hindurch in
das zweite Gemach.
Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er seinen Mantel, aus dem eine
Flasche herausgefallen und zerbrochen war, und stürzte aus dem Gewölbe.
Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf diesen Augenblick
gewartet zu haben, er fuhr aus dem Dunkel heran und öffnete rasch den
Wagenschlag. Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos lachend; und
so fuhr er von dannen, der Moldau zu.
Karolus lag erschöpft in dem Wagen, der stolpernd über das schlechte
Pflaster der Judenstadt holperte, er wurde von einer Seite zur anderen
geworfen und geschüttelt und wußte nichts davon. Eine trostlose
Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bemächtigt, ein unsäglicher Ekel
schnürte ihm die Kehle zu, und nur die Wunde an seiner Hand lehrte ihn,
daß es Wirklichkeit war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen, wie ein
Kind, dem seine schönsten Weihnachtsträume nicht erfüllt worden sind und
das unter dem schimmernden Weihnachtsbaum mit großen Tränen in den Augen
steht und nur daran denken muß, wie ganz anders es sich den
Weihnachtsjubel vorgestellt hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham,
daß Lalanda sich ihm entblößt gezeigt hatte, wie eine Dirne in dieser
Judenstadt, durch die sie fuhren, in der er manch einmal mit dem Gefühle
des größten Ekels Mädchen mit nackten Busen an den Fenstern gesehen
hatte, die ihm winkten.
»Wie eine Dirne,« sagte er laut vor sich in das Dunkel hin. »Und das war
Lalanda, die Meerkönigin, das war mein Traum! Gott, Gott, wie werde ich
das überleben!«
In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom lag im Mondesscheine
glitzernd da und der Kutscher öffnete den Schlag und, wie hätte er den
Sohn des reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit einer
höflichen Verbeugung:
»Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben oder sollen wir über die
Brücke hinüber?«
Da schrak Karolus zusammen. »Fahrt zu, wohin Ihr wollt,« sagte er, und
sich besinnend, fügte er bei: »bis ich Euch rufen werde, daß ich
aussteigen will.«
Da stieg der Kutscher kopfschüttelnd wieder auf den Bock und der Wagen
holperte weiter. Die Laternen wurden immer seltener und schon waren sie
auf der einsamen Landstraße.
Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten sich seine Gedanken. Dirne! Er
sprach das Wort laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn Seide
zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte das Wunder, die reine, kühle,
königliche, ferne Meerkönigin geliebt, aber der schillernde Fischschweif
war Lüge, Täuschung, schamloser Betrug, darunter steckte das
Gewöhnliche, Schamlose – ihn schauderte, als wenn ein Frost ihn
schüttelte – das Dirnenhafte! »Und diese Dirne schämt sich nicht, ihren
Betrug zu entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine
Trophäe in die Höhe zu heben, mit nackten Beinen vor mir zu stehen! O,
ich hätte sie erwürgen sollen, diese Lügnerin, diese schamlose Dirne!«
Große Tränen rollten über seine Wangen, ein tiefes Mitleid mit seiner
Enttäuschung, mit seiner Jugend erfüllte ihn, sein Herz ward leichter
und eine warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich an die Brust
werfen könnte, ergriff ihn. Er nahm einen ordentlichen Schluck Weines
aus der Flasche, dann schaute er tränenden Auges zum Himmel empor, die
Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine Tränen und er rief dem
Kutscher zu, er möge ihn rasch nach Hause fahren. Da wendete der
Kutscher die Rosse und der Wagen rollte dem nächtlichen Prag entgegen.
* * * * *
Über die Unterredung, die Karolus mit seinem Vater in dieser Nacht
gehabt, wie der Vater zuerst über das verstörte Gesicht, über die Wunde
an der Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allmählich sein
Erlebnis, sein Glück und seine Enttäuschung beichtete, darüber steht
nichts mehr – in der alten Chronik von Prag. Es steht kein Wort darüber,
daß der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz geschlossen und geküßt
hat und daß er doch bei allem Mitleid lachen, lachen mußte über seinen
verträumten Karolus und daß er dann den rätselhaften Ausspruch tat, daß
im Leben jedes Mannes der Tag kommen müsse, an dem sein Ideal den
glitzernden Fischschwanz von sich tue! Denn Chroniken sind nicht
sentimental, und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen
Erzählung hinzudichten. Es steht nur ein kurzer Nachsatz in der Chronik,
daß Lalanda von da an aus Prag verschwunden war und nichts mehr von ihr
verlautete.
Karolus muß sich wohl mit der Zeit getröstet haben; er wird wohl auch
ein anderer geworden sein, sonst hätte er nicht verlangt, daß an dem
fertigen, neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne Konterfei Lalandas
angebracht und das Haus ›Zum Meerweibchen‹ genannt werde. In den alten
Büchern ist nichts weiter darüber berichtet. Wohl aber steht in den
Kirchenbüchern der alten Königlichen Hauptstadt Prag der Name Karolus
Werkmeister, Prager Bürger und Besitzer des Hauses ›Zum Meerweibchen‹
und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda und ganz und
gar nicht romantisch klingt, Barbara Werkmeister, geborene Knobloch,
Tochter eines Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter dem
Hradschin, und es ist verbürgt, daß Karolus sie in zärtlichen
Augenblicken Medulina nannte. Und in den Büchern folgt auf diese beiden
Namen eine Menge Kinder.
So schließt diese merkwürdige Geschichte ebenso historisch, wie sie
begonnen hat, und wer sie nicht glaubt, der möge ruhig in der Chronik
der Königlichen Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin
aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute das Haus sehen,
das den gleichen Namen trägt wie diese Geschichte. Dann mag er
kopfschüttelnd und nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis
zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit öffnen und auf den
Hradschin hinüberschauen, die Königliche Burg, die herrlich und
majestätisch von der Höhe herübergrüßt, und er wird fühlen, daß man aus
dieser Stadt, darüber der Hradschin thront, nur historische Geschichten
erzählen kann, seltsame und wunderbare Historien, wie diese vom
Meerweibchen.