V.

Am Nachmittag, in all den kleinen Geschäftigkeiten des Geschäftes mußte

Karolus immer wieder an den Abend denken. Aber seine Pläne und

Entführungsgedanken kamen nicht über die Worte: ›heute abend‹ hinaus, er

wußte nicht, was dann geschehen werde, er konnte sich nicht so weit

sammeln, um einen bestimmten Plan fertigzustellen. Einmal fiel ihm ein,

er werde sie fassen, sie sollte ihre runden, glatten Arme um seinen Hals

schlingen, und so wollte er sie bis zur Moldau, zum Flusse, hinabtragen,

um sie dort ihrem Elemente zu übergeben; er selbst wollte dann in einem

Kahne neben ihr herfahren, bis sie irgendwo außerhalb Prags eine ruhige

Zuflucht finden würden. Aber er verwarf diesen Gedanken, die

Stadtsoldaten würden ihn sicher auf dem Wege festnehmen, oder die

Schiffer an der Moldau drunten würden ihn ergreifen und auf die

Wachstube führen. Auch verzweifelte er an seiner Kraft, das süße, holde

Geschöpf bis an die Moldau tragen zu können. Er wollte jedenfalls gegen

neun Uhr abends einen Wagen auf dem Altstädter Ring warten lassen, er

dachte einen Augenblick daran, eine Wasserkufe in den Wagen zu stellen,

aber auch das würde auffallen. Was dann weiter geschehen solle, das

mußte er dem Schicksal überlassen, der Gott der Liebenden würde sie

sicher beschirmen und ihnen gnädig sein. Er ging Nachmittag nach Hause,

um seinen großen Radmantel zu holen, den er Lalanda um den Leib legen

wollte, wenn er sie zum Wasser trüge. Er steckte das Geld zu sich,

zählte eine runde Summe ab, um nötigen Falles den Zwerg damit zu

bestechen und nahm dann gegen Abend zwei Flaschen des schwersten

Ungarweines in die Taschen, die beiden Trommler zu berauschen, falls sie

wach wären. ›Das ist das beste Mittel!‹ sagte er zu sich und dachte an

eine Stelle in einem Räuberroman, wo des Kerkermeisters Töchterlein den

Ritter befreit. Er verabschiedete sich still, aber mit einem langen

Händedruck von seinem Vater, der ihm kopfschüttelnd nachschaute, und

ging, eilte, lief durch die Gassen, die beiden Flaschen an die Brust

gedrückt, bis er fast atemlos auf dem Altstädter Ring anlangte.

Er kam noch zu früh, und doch lag der Platz wie in einem ersten Dunkel

da, nur aus einigen Geschäften und Wirtsstuben drang ein matter

Lampenschein fahl in die Dämmerung. Der Himmel hatte sein Leuchten

verloren, er war blaugrau, aber ohne Farbe, fast wolkenlos. Nur ein

kleines schmales Wölkchen schien sich an der Spitze des Teinturmes

gefangen zu haben und hing droben wie eine melancholische Fahne, mit

welcher der Wind spielt.

Auch aus Lalandas Fenster fiel ein matter Lichtstrahl ins Dunkel unter

der Laube, aber es schien, als ob noch eine Schar Neugieriger vor ihrer

Tür stehe. Jetzt erklang auch noch einmal ein schwacher Trommelwirbel

durch die Stille, dann hörte Karolus, der im Schatten der Häuser

umherschlich, wie die Stimme des Zwerges sich erhob und verkündete, daß

noch ein einziges Mal der Eintritt gestattet sei, wer das Wunder noch

einmal zu sehen wünsche, müsse jetzt eintreten, dann schließe sich die

Türe für immer. Dann sah Karolus mit bebendem Herzen noch eine Menge

Leute in das Gewölbe treten und stand fröstelnd und sehnsuchtsvoll, wie

auf sein Stichwort harrend, auf seinem dunklen Posten. Er schaute die

Tür an, er stellte sich tiefatmend vor, wie er die Geliebte, Einzige,

Wunderbare in einer kurzen halben Stunde über die Schwelle tragen werde,

hier bei dem schmalen Teingäßchen werde der Wagen warten und rasch mit

ihnen von dannen fahren. Wohin? Das wußte Karolus jetzt selbst noch

nicht, die Unterredung mit Lalanda werde Gewißheit bringen, wohin, ach,

jedenfalls in eine glückliche Zukunft.

»Ich hätte einen Dolch mitnehmen sollen!« fiel ihm ein, und seine Finger

ballten sich zusammen, als ob sie schon den Griff eines Dolches hielten

und zustoßen müßten. »Denn viel Gefahr wartet auf mich und manches

Abenteuer gilt’s zu bestehen! Wenn die Trommler nicht weichen wollen!«

Er griff nach den Flaschen in seinem Mantel, »wenn der Zwerg nicht zu

bestechen ist!«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür zu Lalandas Laden und der

Streifen des Lichtes fiel greller und breiter ins Dunkel. Dann kamen

lärmend die befriedigten Neugierigen aus dem Gewölbe heraus, sie standen

noch in Gruppen beieinander, ein säumiger Nachzügler kam als Letzter

über die Schwelle. Dann traten auch die beiden Trommler vor die Tür, sie

nahmen die großen Bilder Lalandas, die zu beiden Seiten des Einganges

aufgehängt waren, herunter und trugen sie in den Laden, dann kamen sie

noch einmal mit ihren Trommeln und gingen über den Altstädter Ring nach

Hause.

»Gott sei Dank,« sagte Karolus, »die werden nicht wachen!« Und dann, er

traute seinen Augen kaum, dann trat auch der Zwerg in die Tür, er

schaute sich mißtrauisch um, als ob er auf jemanden warte, dann öffnete

er noch einmal die Tür und sprach einige Worte ins Gewölbe hinein. Und

dann – Karolus hatte sich noch tiefer ins Dunkel zurückgezogen – dann

ging auch der von dannen.

›Allein!‹ jubelte es in Karolus Seele, ›sie ist allein, sie wartet auf

mich, sie liebt mich, ich werde sie erretten, sie wird mein sein!‹ Er

schaute dem Zwerge nach, bis er im Dunkel verschwand. Ein letzter

Verdacht stieg lähmend in ihm auf, der Zwerg könnte die Tür hinter sich

gesperrt haben! Er lief eilig der Tür zu, mit verschwendeter Kraft

drückte er die Klinke nieder, die Tür öffnete sich weit und er stürzte

in das Gewölbe.

Auf dem Rande der Kufe, seiner harrend, lag Lalanda, im Scheine der

Lampe leuchtete ihr weißer Busen aus dem dunklen Mieder hervor und ihre

Augen lachten ihn an, da sie die Arme ihm entgegenstreckte.

»Endlich,« sagte sie, »endlich kommst du! Ich hatte schon Angst, du

kämest nicht!«

Er stürzte in ihre Arme, sie faßte seinen Kopf und übersäte seinen Mund

mit heißen Küssen. »Liebst du mich?« fragte sie immer von neuem zwischen

den glühenden Küssen. »Liebst du mich wirklich?«

Und sie reckte sich empor, daß sein Mund ihren Hals und den feinen

Ansatz ihres Busens küssen mußte. Er bog den Kopf zurück, er erschrak

bei der Berührung der weichen, warmen Sammethaut, als müsse er sich

entschuldigen, daß er ein Heiligtum berührt habe. Dann legte er den

Radmantel ab, wies auf die beiden Flaschen Weins in den Taschen und

sagte: »Die waren für die beiden Trommler, falls sie uns gestört hätten,

oder für den Zwerg, wenn sein Neid uns nicht allein gelassen hätte.

Gottlob, sie sind fort, und nun laß uns beraten, Lalanda, wie ich dich

errette. Ein Wagen harrt draußen auf unsere Flucht, wie aber bekomme ich

dich in den Wagen, du Herrliche! Und wirst du es auf dem Trocknen

aushalten? Wirst du es überleben? Denn ehe wir vor die Stadt zur Moldau

kommen, vergeht wohl eine halbe Stunde und dann will ich dich ins Wasser

zurückgleiten lassen und auf dem Ufer stehen und dir folgen, bis wir ein

ruhiges Plätzchen finden, oder, wenn deine Sehnsucht dich ins Meer

zurückzieht, will ich auf dem Ufer der Flüsse, dich im Angesichte

wandern, bis wir ans Meer gelangen!«

Da richtete sich Lalanda vom Rande des Teiches auf, sie zog den Kopf

Karolus’ nahe, ganz nahe an ihren Mund heran und fragte fast

geheimnisvoll noch einmal:

»Liebst du mich wahrhaftig, sehnst du dich nach mir? Schwöre mir, daß du

mich liebst!«

Und Karolus schauerte zusammen, so feierlich war die Frage, er hob die

beiden Finger seiner Rechten zum Schwure in die Höhe und sagte ernst:

»Ich liebe dich, ich sehne mich nach dir. Ich bin glücklich, daß du mich

erhöht hast durch deine Liebe. Ich wünsche nichts anderes, als daß du

mich liebst!«

»O du unglückseliger, armer, armer Karolus,« sagte Lalanda traurig,

»daß du gerade mich lieben mußt, gerade mich, die ich halb Fisch, halb

Mensch bin! Indes du wert wärest, daß dich ein schönes Menschenkind

liebte und glücklich machte!«

»Aber ich will dich gar nicht anders, Lalanda,« jubelte Karolus, »ich

liebe dich, weil du so bist, so herrlich, so über alle Maßen schön und

wunderbar, so königlich und erhaben!«

»Du guter Karolus,« antwortete sie ihm, »ich weiß, daß du mir das Leid

geringer machen willst, das ich empfinden müßte, wenn ich« – ihre Stimme

wurde wieder feierlich, aber es lag doch wie ein Jubel in ihren Worten –

»wenn ich dich nicht jetzt im nächsten Augenblicke zum glücklichen,

glücklichen Menschen machen könnte! Schraube den Docht der Lampe zurück,

ich will dir ein Geheimnis verraten, ich will deine Sorgen enden. Ich

habe den ganzen Tag nachgedacht, ob ich dir’s verraten soll, ob du

würdig bist, es zu erfahren. Aber du liebst mich, du willst mich aus

diesem Elende befreien, du sehnst dich nach mir, wir wollen glücklich

werden!«

Karolus folgte ihrem Auftrage, seine Finger zitterten, da er den Docht

zurückschraubte, so seltsam, wie eine Beschwörung klangen die Worte

Lalandas; wie Jaromir war ihm zumute, da Kleophas, der Zauberer vom

Moore, ihn in seine Höhle lädt. Und es ward fast dunkel im Gemach.

»Verschließe die Tür!« befahl sie.

Er drehte den Schlüssel um, er versuchte, ob die Tür fest verschlossen

sei. Dann sprach Lalanda: »Wende dein Antlitz von mir und warte, bis ich

dich rufe. Dann wende dich rasch um, schau mich rasch an! Aber nur einen

Augenblick lang! Dann aber schließe die Augen, daß ich vor dir nicht

sterbe!«

»Was beginnst du?« fragte Karolus in tiefster Erregung, »was soll ich

erfahren?« Und er dachte nicht anders, als daß nun der Boden sich öffnen

und er mit Lalanda tief, tief in einen Schacht versinken werde, um auf

dem Grunde des Meeres vor ihrem Palaste zu erwachen. Er atmete auf, als

wolle er noch einmal ordentlich Luft sammeln, ehe er versänke.

»So denke an unsere Liebe!« sagte Lalanda. »Und nun, Karolus, Karolus,

sieh mich an!«

Da wendete sich Karolus zitternd um, er hob die Augen zum Rande des

Teiches und machte unwillkürlich einen Schritt nach vorwärts. Aber er

taumelte im gleichen Augenblicke, wie vor die Stirn geschlagen, zurück.

Auf dem breiten Rande des Bottichs – stand Lalanda aufrecht, aufrecht

auf zwei Beinen wie ein anderer Mensch auch, sie hatte das Mieder an,

aber die Beine, üppige, pralle Beine, waren nackt! Und triumphierend,

mit einem siegesgewissen Lächeln schwang sie die schillernde Fischhaut

in der Hand, aus der sie geschlüpft war.

»Das tat ich für dich!« rief sie, »weil ich dich liebe! Bist du jetzt

glücklich?«

Und schon sprang sie, wie ein ausgelassenes Kind, lachend in den Teich,

um den Fischschweif unterm Wasser – zum letzten Male – anzulegen.

Karolus stand mit weit aufgerissenen Augen da, er fühlte ganz deutlich

den Stoß, den er vor die Stirne bekommen hatte und hob wie abwehrend die

Arme. Er wollte schreien, aber eine unsichtbare Hand hatte seine Gurgel

umfaßt und schien ihn erwürgen zu wollen, seine Arme ruderten durch die

Lüfte.

»Du bist ein Menschenweib!« schrie er mit furchtbarer Anstrengung; er

hörte mit donnerndem Getöse den Kristallpalast seiner Träume

zusammenkrachen, »eine schamlose Person, nackt, pfui, o pfui,

nackt« .....

Er griff sich an die Stirn, ein unnennbarer Ekel erfüllte sein Herz,

seine Augen waren trocken.

»Du hast mich betrogen!« schrie er, und seine Stimme überschlug sich.

Lalanda aber hob jetzt den Kopf wieder vom Wasser und schaute Karolus

lachend an, ihre Perlenzähne schimmerten zwischen den geöffneten Lippen;

denn sie hatte die Worte des Karolus nicht verstanden und hielt sein

seltsames Gehaben für die Äußerungen seines freudigen Staunens. Und mit

herausforderndem Lachen fragte sie:

»Nun sprich, Karolus, bist du glücklich, daß ich dir die Rettung so

leicht gestalte? Gleich will ich mich fertig machen!«

Da hatte Karolus wieder Atem bekommen, seine Brust keuchte noch, er

stürzte zum Teiche.

»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er in ihre Worte und in ihr

Lächeln hinein, er faßte Lalanda und hätte sie geschlagen, so sinnlos,

so entsetzt, so betrogen und um sein Wunder beraubt fühlte er sich.

»Betrügerin, schamlose Betrügerin!« schrie er.

Lalanda aber begriff seine Worte immer noch nicht, sie war zu fest davon

überzeugt, daß sie klug gehandelt habe, sie sah ihn mit verständnislosen

Augen an, sie hob den Fischschwanz spielend aus dem Wasser, wie sie

gewöhnt war, und lachte dazu und machte eine Schwimmbewegung mit den

Armen und rief neckend und schelmisch:

»So fang mich doch, Karolus, fang mich doch!«

Da griff Karolus nach ihr, eine heiße Blutwelle war ihm zu Kopfe

gestiegen und verwirrte ihn, er umfaßte ihren Hals und zerrte die

Erschrockene an den Rand des Bottichs; und er würgte sie in seiner

sinnlosen Enttäuschung und schrie »Betrügerin, schamlose Betrügerin!«,

ohne es zu wissen, und hätte die Hände nicht vom Halse Lalandas

gelassen, wenn sie in ihrer Todesangst und der plötzlichen Erkenntnis,

wie sie sich um Karolus gebracht, in ihrer Wut und Empörung über seine

Dummheit nicht ihre Nägel in seine Hände gebohrt und endlich seine

Finger von ihrem Halse gezerrt hätte. Dann biß sie ihn blitzschnell tief

in die Finger, tauchte unter und verschwand unter der Tür hindurch in

das zweite Gemach.

Karolus erwachte vor Schmerz, dann packte er seinen Mantel, aus dem eine

Flasche herausgefallen und zerbrochen war, und stürzte aus dem Gewölbe.

Der Kutscher, den er gemietet hatte, schien schon auf diesen Augenblick

gewartet zu haben, er fuhr aus dem Dunkel heran und öffnete rasch den

Wagenschlag. Und Karolus warf sich in den Wagen, sinnlos lachend; und

so fuhr er von dannen, der Moldau zu.

Karolus lag erschöpft in dem Wagen, der stolpernd über das schlechte

Pflaster der Judenstadt holperte, er wurde von einer Seite zur anderen

geworfen und geschüttelt und wußte nichts davon. Eine trostlose

Niedergeschlagenheit hatte sich seiner bemächtigt, ein unsäglicher Ekel

schnürte ihm die Kehle zu, und nur die Wunde an seiner Hand lehrte ihn,

daß es Wirklichkeit war, was er erlebt hatte. Er wollte weinen, wie ein

Kind, dem seine schönsten Weihnachtsträume nicht erfüllt worden sind und

das unter dem schimmernden Weihnachtsbaum mit großen Tränen in den Augen

steht und nur daran denken muß, wie ganz anders es sich den

Weihnachtsjubel vorgestellt hat. Dabei fieberte er beinahe vor Scham,

daß Lalanda sich ihm entblößt gezeigt hatte, wie eine Dirne in dieser

Judenstadt, durch die sie fuhren, in der er manch einmal mit dem Gefühle

des größten Ekels Mädchen mit nackten Busen an den Fenstern gesehen

hatte, die ihm winkten.

»Wie eine Dirne,« sagte er laut vor sich in das Dunkel hin. »Und das war

Lalanda, die Meerkönigin, das war mein Traum! Gott, Gott, wie werde ich

das überleben!«

In diesem Augenblicke hielt der Wagen, der Strom lag im Mondesscheine

glitzernd da und der Kutscher öffnete den Schlag und, wie hätte er den

Sohn des reichen Werkmeister nicht kennen sollen, fragte mit einer

höflichen Verbeugung:

»Will der Herr Werkmeister hier stehen bleiben oder sollen wir über die

Brücke hinüber?«

Da schrak Karolus zusammen. »Fahrt zu, wohin Ihr wollt,« sagte er, und

sich besinnend, fügte er bei: »bis ich Euch rufen werde, daß ich

aussteigen will.«

Da stieg der Kutscher kopfschüttelnd wieder auf den Bock und der Wagen

holperte weiter. Die Laternen wurden immer seltener und schon waren sie

auf der einsamen Landstraße.

Wie eine Dirne! An dieses Wort klammerten sich seine Gedanken. Dirne! Er

sprach das Wort laut aus, es hatte einen scharfen Klang, wie wenn Seide

zerrissen wird. Schamlose Dirne! Er hatte das Wunder, die reine, kühle,

königliche, ferne Meerkönigin geliebt, aber der schillernde Fischschweif

war Lüge, Täuschung, schamloser Betrug, darunter steckte das

Gewöhnliche, Schamlose – ihn schauderte, als wenn ein Frost ihn

schüttelte – das Dirnenhafte! »Und diese Dirne schämt sich nicht, ihren

Betrug zu entdecken, sie scheut sich nicht, die Fischhaut wie eine

Trophäe in die Höhe zu heben, mit nackten Beinen vor mir zu stehen! O,

ich hätte sie erwürgen sollen, diese Lügnerin, diese schamlose Dirne!«

Große Tränen rollten über seine Wangen, ein tiefes Mitleid mit seiner

Enttäuschung, mit seiner Jugend erfüllte ihn, sein Herz ward leichter

und eine warme Sehnsucht nach einem Menschen, dem er sich an die Brust

werfen könnte, ergriff ihn. Er nahm einen ordentlichen Schluck Weines

aus der Flasche, dann schaute er tränenden Auges zum Himmel empor, die

Sternlein flimmerten wie Diamanten durch seine Tränen und er rief dem

Kutscher zu, er möge ihn rasch nach Hause fahren. Da wendete der

Kutscher die Rosse und der Wagen rollte dem nächtlichen Prag entgegen.

* * * * *

Über die Unterredung, die Karolus mit seinem Vater in dieser Nacht

gehabt, wie der Vater zuerst über das verstörte Gesicht, über die Wunde

an der Hand seines Karolus erschrak, wie dieser dann allmählich sein

Erlebnis, sein Glück und seine Enttäuschung beichtete, darüber steht

nichts mehr – in der alten Chronik von Prag. Es steht kein Wort darüber,

daß der Vater Werkmeister seinen Sohn ans Herz geschlossen und geküßt

hat und daß er doch bei allem Mitleid lachen, lachen mußte über seinen

verträumten Karolus und daß er dann den rätselhaften Ausspruch tat, daß

im Leben jedes Mannes der Tag kommen müsse, an dem sein Ideal den

glitzernden Fischschwanz von sich tue! Denn Chroniken sind nicht

sentimental, und so wollen wir lieber kein Wort zu dieser historischen

Erzählung hinzudichten. Es steht nur ein kurzer Nachsatz in der Chronik,

daß Lalanda von da an aus Prag verschwunden war und nichts mehr von ihr

verlautete.

Karolus muß sich wohl mit der Zeit getröstet haben; er wird wohl auch

ein anderer geworden sein, sonst hätte er nicht verlangt, daß an dem

fertigen, neuen Hause in der Karlsgasse das steinerne Konterfei Lalandas

angebracht und das Haus ›Zum Meerweibchen‹ genannt werde. In den alten

Büchern ist nichts weiter darüber berichtet. Wohl aber steht in den

Kirchenbüchern der alten Königlichen Hauptstadt Prag der Name Karolus

Werkmeister, Prager Bürger und Besitzer des Hauses ›Zum Meerweibchen‹

und daneben ein anderer Name, der gar nicht wie Lalanda und ganz und

gar nicht romantisch klingt, Barbara Werkmeister, geborene Knobloch,

Tochter eines Haus- und Gartenverwalters von der Kleinseite unter dem

Hradschin, und es ist verbürgt, daß Karolus sie in zärtlichen

Augenblicken Medulina nannte. Und in den Büchern folgt auf diese beiden

Namen eine Menge Kinder.

So schließt diese merkwürdige Geschichte ebenso historisch, wie sie

begonnen hat, und wer sie nicht glaubt, der möge ruhig in der Chronik

der Königlichen Hauptstadt Prag nachlesen. Er wird sie darin

aufgezeichnet finden und in der Karlsgasse noch heute das Haus sehen,

das den gleichen Namen trägt wie diese Geschichte. Dann mag er

kopfschüttelnd und nachdenklich durch die Karlsgasse weiterschreiten bis

zur Moldau. Dort aber wird er die Augen weit öffnen und auf den

Hradschin hinüberschauen, die Königliche Burg, die herrlich und

majestätisch von der Höhe herübergrüßt, und er wird fühlen, daß man aus

dieser Stadt, darüber der Hradschin thront, nur historische Geschichten

erzählen kann, seltsame und wunderbare Historien, wie diese vom

Meerweibchen.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 24 / 38 题