III.

So war denn endlich für Karolus das große Wunder gekommen, es mußte ein

wirkliches, wunderbares Wunder sein, um in seinem Herzen die Sehnsucht

zu wecken; ein Meerweibchen aus dem hohen Norden, eine Seekönigin mußte

nach Prag kommen, um das Lämpchen in seiner Brust zu entzünden; und

Lalanda, Lalanda mußte sie heißen, damit seine Träume in den Tag hinein

dauern konnten, damit endlich seine Seele ihren Frieden verliere. In den

kurzen Stunden in jener Sonntagsnacht, da ein leiser Schlummer seine

Lider schloß, träumte er davon, wie er auf einer fernen Insel säße und

auf den Mondschein warte, mit dem auch seine Meergöttin aus den Wellen

auf sein Eiland zugeschwommen komme.

Da wurden die Wogen stille, aus dem Schaume, eine zweite Aphrodite,

schwang sich die Lichte, Liebliche auf seinen Felsen und hielt ihre

Harfe in Händen; und schon erklang ihr Lied: ›Lalanda, Lalanda.‹ Aber er

schmiegte sich an sie, ihr Körper ward warm vom Mondenscheine, und ihr

Busen, weißer als die Mondesstrahlen, hob und senkte sich bei ihrem

Gesange. Er aber sprach kein anderes Wort zu ihr als ›Lalanda‹, und doch

verstand sie ganz genau, was er sagen wollte, ihre Augen winkten ihm

liebreich zu und ihre Hände lagen still in den seinen. Und als die Sonne

fern-fernher ihre Strahlen über die Wellen schickte, da glitt sie sanft

vom Felsen ins Meer, das rot aufleuchtete, eine Seerose aber ließ sie

ihm zurück und die duftete milder und süßer, als je eine Rose aus dem

Garten geduftet hatte. Er wachte auf und hielt die Seerose in Händen

und mußte in staunender Verwirrung lange, lange nachdenken, ob er

wirklich auf dem Felsen liege, wieso die Seerose in seine Hand gekommen

sei. Dann aber erinnerte er sich an die Worte Lalandas vom gestrigen

Abend, da sie ihm die Blume gereicht hatte, er drückte sie

leidenschaftlich an die Lippen, ein Hauch ihres Wesens duftete ihm aus

der Seerose entgegen und glückselig lächelte er vor sich hin.

»Lalanda,« sagte er fast feierlich. Da bemerkte er erst seinen Vater,

der zu Häupten seines Bettes stand und verwundert und besorgt auf ihn

blickte, der gestern abend so spät nach Hause gekommen war. O, wie

errötete Karolus vor seinen Blicken, er hätte am liebsten geweint, denn

er wußte nicht, was er dem Vater sagen sollte. Der aber grüßte ihn mild

und, wie in einem tiefen Verstehen, sprach er von den Geschäften, die

heute zu erledigen waren. So stand denn Karolus auf und machte sich

rasch fertig. Er ging ins Geschäft und arbeitete eifrig und angestrengt

bis zum Mittag, er wollte keinen Augenblick leer haben, er ging aus der

Schreibstube, als die beiden Buchhalter von ihrem Sonntagnachmittag zu

sprechen anfingen, er lief aus dem Laden, da die Kommis von dem Wunder

zu reden begannen, und half lieber dem Hausknecht, der im Keller

arbeitete. Mittags aber eilte er zur Moldau hinunter, wo er einen

Gärtner wußte, von dem kaufte er Blumen, Rosen und Lilien, denn Seerosen

waren keine da, und dann ging er klopfenden Herzens auf den Altstädter

Ring. Es war eben eine Pause in den Vorstellungen eingetreten, aber er

durfte eintreten, da er die Blumen vorwies, und so trat er in das

Gewölbe.

Das Gewölbe war leer und eine angenehme Kühle empfing ihn und eine

Dunkelheit, in der er sich erst langsam zurechtfand. Da sah er auf den

Bänken an der Wand die beiden Trommler liegen, sie hatten ihre Trommeln

auf den Boden gestellt und lagen nun schlafend in ihren bunten Wämsern

ausgestreckt und schnarchten, als ob sie kleine Trommeln im Munde

hätten. Der kleine Mann, der ihn gestern mit seiner näselnden Stimme

angesprochen und aus den ersten Träumen gestört hatte, kam aus dem

Nebengemache, er schaute Karolus mit argwöhnischen, lauernden Blicken

an, ein häßliches Lächeln war um seine Lippen, da er die Blumen in der

Hand des Jünglings sah. Er sprach nichts, er weidete sich an der

Verlegenheit des Gastes und auch Karolus schwieg einige Augenblicke

lang, da er gehofft hatte, Lalanda zu sehen und ihr mit einer stummen

Verbeugung die Blumen zu überreichen. Denn ihm schwebte die Erinnerung

an eine Erzählung vor Augen, in der ein Prinz Erik aus dem Dänenreiche

vor einer sagenhaften Königin des Nordens stand, deren Sprache er nicht

verstand und deren Liebreiz ihn gefangen hielt: der beugte stumm die

Kniee und senkte das Haupt, wie es in der Geschichte hieß, ›als ob er

erst durch sie den Ritterschlag der Liebe sollte empfangen.‹ Nun störte

ihn das Schnarchen der Trommler, nun schien ihm der kleine, höhnische

Mann, der ihm gegenüber stand, wie ein häßlicher Zwerg, der den Zugang

zur Grotte seiner Meergöttin neidisch bewacht, und verwirrte ihn.

Endlich aber besann er sich und übergab ihm die Blumen.

»Sind die für mich?« fragte der Zwerg spöttelnd.

»Für Lalanda,« sagte Karolus errötend, »von dem, der ihre Seerose

bewahrt.«

Da machte der Zwerg eine übertrieben-höfliche Verbeugung, es lag viel

Spott und Hohn in der Bewegung seines großen Kopfes, und dann ging er

ins Nebengemach. Da Karolus sich umwandte, um aus dem Gewölbe zu

treten, niedergeschlagen, weil er sich den Besuch bei seiner Meerkönigin

schöner und poetischer gedacht hatte, da öffnete sich rasch die Tür im

Hintergrunde, und, wie ein Schwan, kam Lalanda hereingeschwommen.

Sie sprach einige unverständliche und doch wie ein seltsames Deutsch

klingende Worte zu ihrem Behüter, der ihr demütig die Blumen übergab und

dann aus dem Gewölbe trat. Und mit den Blumen in der Hand wartete

Lalanda am Ufer des Teiches, daß Karolus sich ihr nähere.

Und Karolus trat langsam zu ihr hin, ach, er trat langsam zu ihr hin,

denn das Herz hämmerte in seiner Brust und die Kehle war ihm wie

zugeschnürt. Wie eine schwere Last lag der Gedanke auf seinem Herzen,

daß er nun mit der Wunderbaren allein sei, daß er mit dieser

Auserlesenen, Königlichen sprechen solle; er fühlte, wie klein, wie

nichtig er war, er, der Kaufmannssohn, der Unbedeutende, der ihr so gar

nichts Absonderliches zu bieten hatte, der so durchaus gewöhnlich war,

indes sie, eine Königin des Meeres, ihm wie eine Halbgöttin, wie aus

einer anderen Welt erschien! Wie ein Hirt erschrecken mag, dem bei

seinen Schafen auf einmal Diana auf ihrem Jagdzuge erscheint, um mit

ihm zu sprechen, oder wie ein einsamer Schiffer, vor dem plötzlich

Poseidon aus dem Meere aufsteigt. Wenn er doch wenigstens die Blumen

noch in Händen gehabt hätte, daß er sie ihr mit einer stummen Verbeugung

hätte darreichen können! So trat er zögernd an den Rand des Teiches,

seine Augen hatten sich schüchtern und doch voll Sehnsucht zu Lalanda

emporgewagt, und ihm fiel nichts ein, was er ihr hätte sagen können. Da

blitzte es schelmisch in ihren Augen, sie reichte ihm die Rechte hin,

indes sie sich mit der linken Hand am Rande des Teiches festhielt, und,

da er ihre Hand nicht zu ergreifen wagte, sagte sie mit ihrer

freundlichsten, sanftesten Stimme:

»Ihr fürchtet Euch wohl, meine Finger zu berühren, weil sie naß und kühl

vom Wasser sind? Sie werden warm, wenn Ihr sie einen Augenblick in Euren

Händen haltet!«

Da beugte sich der verwirrte Karolus auf ihre Hand nieder, ihm war, als

ob er jetzt ›den Ritterschlag der Liebe‹ empfangen solle, und seine

Seele ward frei, da er die Königin so liebreich sprechen hörte. Und es

schien ihm ein neues Wunder zu sein, daß die Herrliche, die wohl seit

ewigen Zeiten in ihrem Kristallpalaste auf dem Grunde des Meeres

gewohnt haben mochte, nun so huldreich und so deutsch zu ihm sprach, er

küßte ihr nochmals die Hand und sprach dann, wie erleichtert:

»Ich danke Euch, daß Ihr so freundlich zu mir sprecht! Ich hätte nie

geglaubt, daß ich Worte finden würde, um Euch für Eure Schönheit zu

danken, und nun kann ich es, weil Ihr auch gut seid! Verzeiht nur, daß

ich Euch keine Seerosen gebracht habe, die Euch besser zugesagt hätten,

und nehmet heute diese schlichten Blumen gnädig an. Morgen will ich,

wenn Ihr mir diese Gunst gewährt, die schönsten Seerosen bringen, die zu

finden sind!«

Lalanda schaute Karolus lange prüfend an, als ob sie sich erst darüber

klar werden müßte, ob sein seltsames Pathos ernst zu nehmen sei oder

nicht. Dann aber lächelte sie kaum merkbar, schwang sich aus dem Wasser

auf das Ufer des Teiches, nahe, ganz nahe an Karolus, der ehrfurchtsvoll

zurückwich und begann die Rosen und Lilien zu einem Kränzlein zu winden.

Als es fertig war, legte sie die bunte Zier schelmisch auf ihren blonden

Scheitel, schaute Karolus siegreich und doch flehend von der Seite an

und fragte:

»Gefall ich Euch nicht auch mit diesem Kranze aus Rosen und Lilien, Ihr

Anspruchsvoller? Gefall ich Euch?«

Da war es Karolus, als ob eine weiche und kühle Hand sein Herz presse,

ihm ward ganz eng in der Brust und er wußte keine andere Antwort auf

ihre Frage, als die, daß er diese Hand küßte, die noch eben sein Herz

fast schmerzlich bedrängt hatte. Sie aber blitzte ihn verführerisch aus

den Augenwinkeln an und verstand die Kunst, die Lider nicht eher zu

schließen, als bis er fassungslos und ohne Besinnung seine Augen senken

mußte. Dann sprach sie – und legte dabei den triefenden Fischschweif

näher an Karolus heran, aber ohne ihn zu berühren:

»Noch weiß ich nicht, wie Ihr Euch nennet und von wem ich träumen soll,

wenn ich nachts auf dem Grunde dieses abscheulichen Wassers schlafe oder

wenn ich auf den Felsen steige, mein Nachtlied zu singen. Denn hier in

der Nähe muß ein großer, gewaltiger Dom stehen, mit mächtigen Glocken,

das fühle ich, und um Mitternacht dröhnt der Boden hier von dem Klange

ihrer sehnsüchtigen Träume. Dann steige ich aus dem Wasser und nehme

mein Spiel zur Hand und singe. Ich möchte dann Euren Namen in meinem

Liede haben!«

O, das war der richtige Ton für Karolus! Er schnappte nur so nach Luft

bei ihren poetischen Worten, nun war er ganz besiegt, die flatternde

Seele in seiner Brust legte die Flügel zusammen und ward feierlich und

zufrieden still in ihrer Haft, wie ein Vöglein im warmen Käfig. Er sagte

ihr mit geschwollenen Worten, wer er sei und wie er heiße, wie er sich

in all den Jahren nach einer Lalanda gesehnt habe, und sagte dies alles

trotz des Pathos in einem so aufrichtigen und ehrlichen Tone, daß

Lalanda vor Vergnügen jauchzte und daß ihr Karolus wirkliche Freude

bereitete. Und als er ihr nun von seinem Glücke sprach, daß er sie nun

endlich gefunden habe, daß sie, die Herrliche, ihm endlich erschienen

sei, da lehnte sie ihr schönes, blondes Haupt zärtlich an seine Schulter

und sah ihn von unten her so verheißend und gewährend an, daß er sich

beinahe ein Herz gefaßt und sie geküßt hätte. Aber er tat es nicht, er

vergaß nicht, daß sie die Meerkönigin war und er nur der einfache,

nichtssagende Kaufmannssohn, und küßte sie nicht. Er schaute sie nur

dankbar an, ein kalter Schauer rieselte ihm über den Rücken und seine

Lippen wurden trocken. Und er fühlte es wie eine Erleichterung, als ihm

die Frage einfiel, woher sie so schön deutsch spreche. Sie ließ ihr

Haupt an seiner Brust liegen, sie nahm spielend seine Finger in die

ihren, ihre Blicke wurden sehnsuchtsvoll und dann erzählte sie, wie sie

oft an deutschen Küsten geschwommen sei und deutschen Schiffern

gelauscht habe, wenn sie nachts in ihren Kuttern sich ihre Mären

erzählten oder ihre schwermütigen Lieder sangen.

»Und da wurde mein Herz weit bei ihrem Gesange, ich verstand ihre

Sprache und lernte sie gebrauchen. Und oft, wenn ich auf dem Grunde des

Meeres vor meinem Palaste saß und ein deutsches Lied nachsang, so klang

es den Schiffern oben wie ein fernes, fernes Echo ihrer Gesänge, ich sah

sie droben sich über den Rand ihrer Boote neigen und in den wundersamen

Spiegel niederschauen; und manch einen faßte das Heimweh so mächtig,

wenn er mein Lied hörte, daß es ihn am Bord seines Schiffes nicht länger

litt und er ins Wasser stieg, dem Klange nachzugehen. Ich aber habe nie,

das schwöre ich, nie Männer zu mir ins Meer locken wollen! Wer zu mir

kommen will, der muß freiwillig kommen. Und wenn ich wüßte, daß Ihr,

lieber Karolus, oben auf dem Meere in Eurem Boote meinem Liede

lauschtet, und wenn Euer liebes Antlitz sich über den Rand des Bootes

neigte, ich würde nicht weiter singen, würde verstummen, damit Euch kein

Leids geschehe!«

Sie schaute ihn wieder mit ihren schönen, glänzenden Augen an, innig und

lang, bis er ganz sinnlos von ihren Worten und wie aus einem Traume

heraus sagte:

»Ich stiege von selbst zu Euch hernieder, o Lalanda, und Ihr müßtet mich

in Euren weißen Armen auffangen; und ich möchte mein Leben lang neben

Euch sitzen und Euren Liedern lauschen!«

»Wie lieb, wie gut Ihr seid!« hauchte Lalanda, ein Schauer des Glücks

schien ihren Leib zu erschüttern und sie senkte verwirrt die Blicke. Da

trat aber der häßliche Zwerg ins Gewölbe, er ging mit lauten Schritten,

die seiner kleinen Gestalt gar nicht entsprachen, auf die Trommler zu

und weckte sie.

»Auf, ihr Faulenzer, es ist Zeit, die Stunde ist um! Macht fertig!« Da

glitt Lalanda hastig ins Wasser, sie reichte noch einmal Karolus die

Hand und sagte ihm mit einem langen Blick: »Auf Wiedersehen! Auf

Wiedersehen heute abend!«

Und langsam mit rückgewandtem Haupte schwamm sie aus dem Zimmer. Die

Tür schloß sich hinter ihr, und zwischen den Trommlern, die ihre

Instrumente umgehängt hatten, verließ Karolus betäubt und fassungslos

den Raum. Und der harte Trommelwirbel verfolgte ihn über den Altstädter

Ring und höhnte ihm nach, als er schon weit von seinem Paradiese

entfernt war.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 22 / 38 题