II.

Es gibt wenige Plätze auf Erden, die sich an Schönheit mit dem

Altstädter Ring in Prag messen können, herrliche Paläste umrahmen ihn,

seltsame Häuser, denen man die Freude der Erbauer an ihrer Phantasie

anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder, das alte Rathaus beherrscht

eine Seite mit seiner ernstheiteren Loggia und dem zierlichen Türmchen,

das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt, und die grandiose

Teinkirche mit ihren beiden ragenden Türmen, die ernst gen Himmel

weisen, schaut über die giebeligen, mit Laubengängen versehenen Häuser

der anderen Seite stolz auf den Platz herab, auf dem sich viel große und

inhaltreiche Historia abgespielt und dessen Boden edles und unedles

Menschenblut getrunken hat. Sie schaut gleichmütig auf den Ring

hernieder und wundert sich über die winzigen Menschlein, die über den

Platz wimmeln, sie kann immer noch ihre Hast und irdische Geschäftigkeit

nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger ihre Türme

bedeutungsvoll gegen den Himmel.

Aber die Menschen achten der Türme kaum; denn da sie immer gleichmäßig

in steinerner Ruhe in ihrer Stellung verharren, machen sie längst keinen

Eindruck mehr auf der Menschen Gemüt, da diesen nur _das_ wunderbar

erscheint, was von der Gleichmäßigkeit abweicht, was anders ist, als

ihre trägen Vorstellungen.

Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war noch nicht dagewesen, denn sie

war schön und seltsam zugleich, und an jenem Sonntag strömten die Prager

Bürger zu Hunderten in den Laden auf dem Altstädter Ring, um das nie

Dagewesene, Unglaubliche anzustaunen. Und tausend Bürger und Bauern,

Neugierige und Befriedigte standen auf dem Platze und tauschten ihre

Meinungen über das Meerweibchen aus oder lauschten den Glücklichen, die

Lalanda, die schöne Grönländerin, schon gesehen hatten.

Die Trommler aber standen vor dem Eingange des Gewölbes, und alle

Viertelstunden dröhnte ihr Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen,

daß frischen Besuchern der Einlaß gewährt werde; dann strömten die

erledigten Zuschauer aus der Ladentür auf den Ring heraus und ein neuer

Schwarm von Neugierigen, die geduldig auf ihrem Posten gewartet hatten,

wurde eingelassen.

»Es ist wirklich ein Wunder,« sagten die Heraustretenden, und selbst ein

berühmter Professor der Universität, der unter den ersten Besuchern

gewesen war, ging kopfschüttelnd und scheinbar aufs höchste überrascht,

schweigend und auf seinen Stock gestützt, durch die Reihen der

ehrfürchtig Grüßenden.

»Es ist wunderbar, fürwahr höchst wunderbar,« sagte er dann zu einem

Bekannten, der begierig zu ihm getreten war. »Gar manchen Bericht über

Meerweibchen (Sirenen) habe ich mit Verwunderung und einigem Mißtrauen

gelesen, aber, nun ich diese Lalanda gesehen, muß ich wohl daran

glauben. Hat doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott verzeihe mir

die Sünde, wie ein übermütig, spielerisch Kind, das aus Wachs oder Teig

seltsame oder unmögliche Formen bildet! Nun aber gehet selbst und

staunet! Ich will in mein Museum, in Eusebii miraculis naturae

nachzulesen, was dieser unterrichtete Autor bei dieser Materie

berichtet.«

Und er ging, kopfschüttelnd und in tiefes Nachdenken versunken, von

dannen.

In dem matterhellten Gewölbe aber drängten sich die Neugierigen, um

Lalanda deutlicher zu sehen und besser zu hören. Da war ein großer

Wasserbottich aufgestellt, so daß er bis an die rückwärtige Wand des

geräumigen Gewölbes reichte und sich noch in das nächste Zimmer zu

erstrecken schien; denn vom Wasserspiegel aufwärts sah man eine Tür in

ein Nebengemach, Schilf umsäumte sie, und mit Schilf waren die Wände der

großen Kufe verkleidet, also daß sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch

waren große Steinblöcke bis an die Wände des Teiches herangelegt, so daß

ein breiteres Ufer gebildet war, auf dem Moos und grüner Rasen lag. In

der Mitte des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut und eine

seltsam geformte Harfe lag auf dieser klippigen Insel. Und nun, da die

Besucher einen Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung

gewartet hatten, öffnete sich die Tür an der Rückwand, der Teich schien

auch ins Nebengemach sich zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda

hereingeschwommen, blond, mit aufgelöstem Haare und mit anmutigen, schön

geschwungenen Bewegungen schwamm sie einmal die Ufer des Teiches

entlang, mit großen, erstaunten Augen die Menschen grüßend. Sie war jung

und schön, Seerosen lagen in einem blühenden Kranze auf ihrem Haupte,

ihre Augen waren rund und die weißen Hügel ihres jungfräulichen Busens

hoben sich aus dem Ausschnitte ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten

Mieders. Von den Hüften nach abwärts aber verlief ihr schlanker Leib in

einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte schimmernden Fischschwanz,

der anmutig, wie ein goldenes Steuer, die Bewegungen ihres Körpers zu

lenken schien und manchmal wie übermütig das Wasser peitschte. So

schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe um den Teich herum, ruhte wohl

auch einen Augenblick aus, indem sie sich an den Borden des Teiches

festhielt und ein paar weiche, ringgeschmückte Finger aus dem Wasser

hob. Sie schwang sich dann auch ein wenig aus dem Wasser und legte den

schuppigen Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte

lächelnd mit blitzenden Zähnchen, daß ein paar neugierige Hände ihren

kühlen Fischleib berührten. Nur, wenn die Berührungen etwas kühner

werden wollten, ließ sie sich rasch ins Wasser gleiten und lachte, wenn

die aufspritzenden Tropfen den allzu Kecken schreckten. Dann schwamm

sie ruhig weiter und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe, auf die

sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu veratmen. Sie griff auf den

Saiten der Harfe einige verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre

Augen wurden verträumt und sehnsüchtig und, wie aus dieser

Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend ihr seltsames,

unverständliches Lied. »Lalanda, Lalanda« verklang es. Sie legte die

Harfe aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren großen Kinderaugen im

Kreise umher und ließ sich dann still ins Wasser gleiten. Die Tür im

Hintergrunde des Zimmers öffnete sich und mit anmutigen und runden

Armbewegungen teilte sie das Wasser und entschwand den Blicken.

Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn sie war wirklich schön

in ihrer Ruhe und Jugend, und mancher, der hereingekommen war, zu

spotten und zu höhnen, schüttelte bewundernd den Kopf und ging gläubigen

Herzens von dannen.

»Das ist ein wirkliches Wunder,« sagte ein angesehener Bürger, der ganz

vorne am Ufer des Teiches stand.

»Und wäre es auch,« sagte ein Nachbar, »ein Wunder an Anmut und

Schönheit, wenn sie den Fischschwanz nicht hätte!«

»Mir tut es wahrhaftig leid,« sagte ein anderer und wischte sich dabei

mit dem Sacktuche seinen arg bespritzten Rock vorsichtig ab, »mir tut es

leid, daß ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die hier kann jede

ehrsame Frau ohne Erröten sich anschauen.«

»Nur würdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau nicht so gründlich

betasten dürfen!« spottete einer. »Wischt Euch nur erst Euren

Sonntagsrock gehörig ab, daß sie nichts merke!«

Die anderen lachten und schoben sich langsam dem Ausgange des Gewölbes

zu.

An der Wand aber stand Karolus Werkmeister, sprachlos, ohne Besinnung;

er starrte immer noch nach der Tür, durch welche das blonde Wunder

verschwunden war, seine Augen waren weit offen und sahen doch nicht,

seine Lippen zuckten, als ob er weinen wollte, und doch hüpfte das Herz

in seiner Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das Sonnenlicht

schaut. So stand er allein in dem Gewölbe, er wußte gar nicht, daß

Menschen um ihn gewesen waren, daß er hier auf dem Altstädter Ring in

einem Laden stand, er hätte seinem Vater nicht geglaubt, wenn er ihm

gesagt hätte, daß Lalanda ein herumreisendes Wunder sei, ein so

unermeßliches Glücksgefühl, ein solcher Jubel erfüllte ihn, ohne daß er

ihm einen Namen hätte geben können.

Da faßte ihn eine Hand etwas unsanft am Ärmel und eine näselnde Stimme

weckte ihn aus seinen Träumen:

»Herr, die nächste Vorstellung wird eben beginnen, mit einem

Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!«

Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren ihren träumerischen Glanz,

seine Wangen wurden glühendrot, er wagte nicht, dem Störer etwas zu

erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem Gewölbe. Und ohne

aufzuschauen, ohne sich an die Zurufe der Neugierigen auf dem Altstädter

Ring zu kehren, eilte er wie im Traume von dannen.

Er war berauscht, er ging durch die Gassen und wußte nichts davon, ihm

war, als wären seine Augen geblendet, und so kam er unbewußt auf die

Kleinseite und stand plötzlich vor dem schönen Gitter unter dem

Hradschin, darin ihm unlängst die weiße Frau Medulina erschienen war.

Aber der Garten war heute leer und nur der Springbrunnen plätscherte

melancholisch durch die Stille. Lalanda, so plätscherte er, Lalanda; es

war das Lied, das die Herrliche vorhin gesungen hatte, er hörte ganz

deutlich ihre Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun auch sie

selbst auf dem Rande des Marmorbeckens sitzen zu sehen, sie winkte ihm

liebreich und anmutig, wie einst die holdselige, weiße Frau ihm

zugewinkt hatte. Da riß er sich los, die Stimme lockte ihn zurück, er

mußte ihr folgen und bald stand er wieder auf dem Altstädter Ring, er

drängte sich durch die Menge und stand tiefatmend dicht an der Tür des

Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend, bis sie sich wieder

öffnen würde. Er wartete gar nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten

waren, und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches. Ach, und an

diesem Tage ging der betörte Karolus Werkmeister nicht mehr aus dem

Laden, er stand wie festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von

neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen darauf, daß sich die Tür

im Hintergrunde des Teiches öffne, daß sie, die Helle, die Wunderbare,

hereinschwimme und ihm ihre freundlichen Märchenaugen zuwende. Und sie

bemerkte ihn, bei jedem neuen Öffnen der Tür suchten ihre dankenden

Blicke immer wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze wie ein

im Sonnenscheine leuchtender Baum und seine Aste loderten ihr entgegen.

Und als der Abend kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage ihr

betörendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie noch einmal an das Ufer

des Teiches heran, gerade zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte

ihm eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer klangvollen

Stimme: »Auf Wiedersehen morgen!«

Und es war seit Jahren das erste Mal, daß Karolus nicht zur Zeit nach

Hause kam, er konnte heute nicht nach Hause, sondern irrte in den

Feldern vor der Stadt ruhelos umher........

Das blaue Fenster: Novellen · 第 21 / 38 题