Es gibt wenige Plätze auf Erden, die sich an Schönheit mit dem
Altstädter Ring in Prag messen können, herrliche Paläste umrahmen ihn,
seltsame Häuser, denen man die Freude der Erbauer an ihrer Phantasie
anmerkt, schauen auf sein Pflaster nieder, das alte Rathaus beherrscht
eine Seite mit seiner ernstheiteren Loggia und dem zierlichen Türmchen,
das die wunderbare astronomische Uhr beherbergt, und die grandiose
Teinkirche mit ihren beiden ragenden Türmen, die ernst gen Himmel
weisen, schaut über die giebeligen, mit Laubengängen versehenen Häuser
der anderen Seite stolz auf den Platz herab, auf dem sich viel große und
inhaltreiche Historia abgespielt und dessen Boden edles und unedles
Menschenblut getrunken hat. Sie schaut gleichmütig auf den Ring
hernieder und wundert sich über die winzigen Menschlein, die über den
Platz wimmeln, sie kann immer noch ihre Hast und irdische Geschäftigkeit
nicht begreifen und streckt wie zwei warnende Finger ihre Türme
bedeutungsvoll gegen den Himmel.
Aber die Menschen achten der Türme kaum; denn da sie immer gleichmäßig
in steinerner Ruhe in ihrer Stellung verharren, machen sie längst keinen
Eindruck mehr auf der Menschen Gemüt, da diesen nur _das_ wunderbar
erscheint, was von der Gleichmäßigkeit abweicht, was anders ist, als
ihre trägen Vorstellungen.
Lalanda aber war ein Wunder! So etwas war noch nicht dagewesen, denn sie
war schön und seltsam zugleich, und an jenem Sonntag strömten die Prager
Bürger zu Hunderten in den Laden auf dem Altstädter Ring, um das nie
Dagewesene, Unglaubliche anzustaunen. Und tausend Bürger und Bauern,
Neugierige und Befriedigte standen auf dem Platze und tauschten ihre
Meinungen über das Meerweibchen aus oder lauschten den Glücklichen, die
Lalanda, die schöne Grönländerin, schon gesehen hatten.
Die Trommler aber standen vor dem Eingange des Gewölbes, und alle
Viertelstunden dröhnte ihr Trommelwirbel durch die Luft, zum Zeichen,
daß frischen Besuchern der Einlaß gewährt werde; dann strömten die
erledigten Zuschauer aus der Ladentür auf den Ring heraus und ein neuer
Schwarm von Neugierigen, die geduldig auf ihrem Posten gewartet hatten,
wurde eingelassen.
»Es ist wirklich ein Wunder,« sagten die Heraustretenden, und selbst ein
berühmter Professor der Universität, der unter den ersten Besuchern
gewesen war, ging kopfschüttelnd und scheinbar aufs höchste überrascht,
schweigend und auf seinen Stock gestützt, durch die Reihen der
ehrfürchtig Grüßenden.
»Es ist wunderbar, fürwahr höchst wunderbar,« sagte er dann zu einem
Bekannten, der begierig zu ihm getreten war. »Gar manchen Bericht über
Meerweibchen (Sirenen) habe ich mit Verwunderung und einigem Mißtrauen
gelesen, aber, nun ich diese Lalanda gesehen, muß ich wohl daran
glauben. Hat doch die Natur manchmal Launen, wie ein, Gott verzeihe mir
die Sünde, wie ein übermütig, spielerisch Kind, das aus Wachs oder Teig
seltsame oder unmögliche Formen bildet! Nun aber gehet selbst und
staunet! Ich will in mein Museum, in Eusebii miraculis naturae
nachzulesen, was dieser unterrichtete Autor bei dieser Materie
berichtet.«
Und er ging, kopfschüttelnd und in tiefes Nachdenken versunken, von
dannen.
In dem matterhellten Gewölbe aber drängten sich die Neugierigen, um
Lalanda deutlicher zu sehen und besser zu hören. Da war ein großer
Wasserbottich aufgestellt, so daß er bis an die rückwärtige Wand des
geräumigen Gewölbes reichte und sich noch in das nächste Zimmer zu
erstrecken schien; denn vom Wasserspiegel aufwärts sah man eine Tür in
ein Nebengemach, Schilf umsäumte sie, und mit Schilf waren die Wände der
großen Kufe verkleidet, also daß sie wie ein kleiner Teich aussah. Auch
waren große Steinblöcke bis an die Wände des Teiches herangelegt, so daß
ein breiteres Ufer gebildet war, auf dem Moos und grüner Rasen lag. In
der Mitte des Teiches aber war ein Felsen aus Steinen aufgebaut und eine
seltsam geformte Harfe lag auf dieser klippigen Insel. Und nun, da die
Besucher einen Augenblick atemlos auf den Beginn der Vorstellung
gewartet hatten, öffnete sich die Tür an der Rückwand, der Teich schien
auch ins Nebengemach sich zu erstrecken und durch das Wasser kam Lalanda
hereingeschwommen, blond, mit aufgelöstem Haare und mit anmutigen, schön
geschwungenen Bewegungen schwamm sie einmal die Ufer des Teiches
entlang, mit großen, erstaunten Augen die Menschen grüßend. Sie war jung
und schön, Seerosen lagen in einem blühenden Kranze auf ihrem Haupte,
ihre Augen waren rund und die weißen Hügel ihres jungfräulichen Busens
hoben sich aus dem Ausschnitte ihres goldschimmernden, schuppenbedeckten
Mieders. Von den Hüften nach abwärts aber verlief ihr schlanker Leib in
einen sich ringelnden, schuppigen, im Lichte schimmernden Fischschwanz,
der anmutig, wie ein goldenes Steuer, die Bewegungen ihres Körpers zu
lenken schien und manchmal wie übermütig das Wasser peitschte. So
schwamm sie mit fast feierlicher Ruhe um den Teich herum, ruhte wohl
auch einen Augenblick aus, indem sie sich an den Borden des Teiches
festhielt und ein paar weiche, ringgeschmückte Finger aus dem Wasser
hob. Sie schwang sich dann auch ein wenig aus dem Wasser und legte den
schuppigen Schweif zierlich auf den Rand des Teiches und erlaubte
lächelnd mit blitzenden Zähnchen, daß ein paar neugierige Hände ihren
kühlen Fischleib berührten. Nur, wenn die Berührungen etwas kühner
werden wollten, ließ sie sich rasch ins Wasser gleiten und lachte, wenn
die aufspritzenden Tropfen den allzu Kecken schreckten. Dann schwamm
sie ruhig weiter und wandte sich von den Ufern gegen die Klippe, auf die
sie sich emporschwang, einige Augenblicke zu veratmen. Sie griff auf den
Saiten der Harfe einige verlorene, wie fernher klingende Akkorde, ihre
Augen wurden verträumt und sehnsüchtig und, wie aus dieser
Heimwehstimmung heraus, erklang zart und doch ergreifend ihr seltsames,
unverständliches Lied. »Lalanda, Lalanda« verklang es. Sie legte die
Harfe aus der Hand, schaute noch einmal aus ihren großen Kinderaugen im
Kreise umher und ließ sich dann still ins Wasser gleiten. Die Tür im
Hintergrunde des Zimmers öffnete sich und mit anmutigen und runden
Armbewegungen teilte sie das Wasser und entschwand den Blicken.
Die Zuschauer starrten ihr sprachlos nach; denn sie war wirklich schön
in ihrer Ruhe und Jugend, und mancher, der hereingekommen war, zu
spotten und zu höhnen, schüttelte bewundernd den Kopf und ging gläubigen
Herzens von dannen.
»Das ist ein wirkliches Wunder,« sagte ein angesehener Bürger, der ganz
vorne am Ufer des Teiches stand.
»Und wäre es auch,« sagte ein Nachbar, »ein Wunder an Anmut und
Schönheit, wenn sie den Fischschwanz nicht hätte!«
»Mir tut es wahrhaftig leid,« sagte ein anderer und wischte sich dabei
mit dem Sacktuche seinen arg bespritzten Rock vorsichtig ab, »mir tut es
leid, daß ich mein Ehgemahl nicht mitgenommen habe; die hier kann jede
ehrsame Frau ohne Erröten sich anschauen.«
»Nur würdet Ihr sie in Anwesenheit Eurer Frau nicht so gründlich
betasten dürfen!« spottete einer. »Wischt Euch nur erst Euren
Sonntagsrock gehörig ab, daß sie nichts merke!«
Die anderen lachten und schoben sich langsam dem Ausgange des Gewölbes
zu.
An der Wand aber stand Karolus Werkmeister, sprachlos, ohne Besinnung;
er starrte immer noch nach der Tür, durch welche das blonde Wunder
verschwunden war, seine Augen waren weit offen und sahen doch nicht,
seine Lippen zuckten, als ob er weinen wollte, und doch hüpfte das Herz
in seiner Brust wie ein Vogel, der nach dunkler Nacht das Sonnenlicht
schaut. So stand er allein in dem Gewölbe, er wußte gar nicht, daß
Menschen um ihn gewesen waren, daß er hier auf dem Altstädter Ring in
einem Laden stand, er hätte seinem Vater nicht geglaubt, wenn er ihm
gesagt hätte, daß Lalanda ein herumreisendes Wunder sei, ein so
unermeßliches Glücksgefühl, ein solcher Jubel erfüllte ihn, ohne daß er
ihm einen Namen hätte geben können.
Da faßte ihn eine Hand etwas unsanft am Ärmel und eine näselnde Stimme
weckte ihn aus seinen Träumen:
»Herr, die nächste Vorstellung wird eben beginnen, mit einem
Eintrittsgeld darf man nicht zweimal zuschauen!«
Karolus fuhr zusammen, seine Augen verloren ihren träumerischen Glanz,
seine Wangen wurden glühendrot, er wagte nicht, dem Störer etwas zu
erwidern, wie ein ertappter Dieb schlich er aus dem Gewölbe. Und ohne
aufzuschauen, ohne sich an die Zurufe der Neugierigen auf dem Altstädter
Ring zu kehren, eilte er wie im Traume von dannen.
Er war berauscht, er ging durch die Gassen und wußte nichts davon, ihm
war, als wären seine Augen geblendet, und so kam er unbewußt auf die
Kleinseite und stand plötzlich vor dem schönen Gitter unter dem
Hradschin, darin ihm unlängst die weiße Frau Medulina erschienen war.
Aber der Garten war heute leer und nur der Springbrunnen plätscherte
melancholisch durch die Stille. Lalanda, so plätscherte er, Lalanda; es
war das Lied, das die Herrliche vorhin gesungen hatte, er hörte ganz
deutlich ihre Stimme durch den Tropfenfall und glaubte nun auch sie
selbst auf dem Rande des Marmorbeckens sitzen zu sehen, sie winkte ihm
liebreich und anmutig, wie einst die holdselige, weiße Frau ihm
zugewinkt hatte. Da riß er sich los, die Stimme lockte ihn zurück, er
mußte ihr folgen und bald stand er wieder auf dem Altstädter Ring, er
drängte sich durch die Menge und stand tiefatmend dicht an der Tür des
Wunderladens, ungeduldig den Augenblick ersehnend, bis sie sich wieder
öffnen würde. Er wartete gar nicht ab, bis alle Zuschauer herausgetreten
waren, und stellte sich ganz dicht an den Rand des Teiches. Ach, und an
diesem Tage ging der betörte Karolus Werkmeister nicht mehr aus dem
Laden, er stand wie festgewurzelt auf seinem Posten, bezahlte immer von
neuem und wartete immer wieder mit Herzklopfen darauf, daß sich die Tür
im Hintergrunde des Teiches öffne, daß sie, die Helle, die Wunderbare,
hereinschwimme und ihm ihre freundlichen Märchenaugen zuwende. Und sie
bemerkte ihn, bei jedem neuen Öffnen der Tür suchten ihre dankenden
Blicke immer wieder die seinen, und er stand auf seinem Platze wie ein
im Sonnenscheine leuchtender Baum und seine Aste loderten ihr entgegen.
Und als der Abend kam, als Lalanda zum letzten Male an diesem Tage ihr
betörendes Lied gesungen hatte, da schwamm sie noch einmal an das Ufer
des Teiches heran, gerade zu der Stelle, da Karolus stand, und reichte
ihm eine Seerose aus ihrem Haare und sprach mit ihrer klangvollen
Stimme: »Auf Wiedersehen morgen!«
Und es war seit Jahren das erste Mal, daß Karolus nicht zur Zeit nach
Hause kam, er konnte heute nicht nach Hause, sondern irrte in den
Feldern vor der Stadt ruhelos umher........