I.

Diese Geschichte könnte also beginnen: Es war einmal ein wunderschönes

Meerweibchen, das an der Küste von Grönland lebte und das von

Schiffsleuten in einer klaren Mondnacht, da es just auf den Klippen

ruhte und auf den Silbersaiten der Mondesstrahlen sein Lied begleitete,

gefangen ward und das dann in die Welt geschickt und allerorten als ein

Wunder angestaunt und gepriesen wurde, bis es in Prag ....

Aber dann würde jeder glauben daß diese Geschichte von einem Lügner und

Aufschneider erfunden worden sei, und ernste Menschen würden sie

überhaupt nicht weiterlesen. Deshalb soll diese wahrhafte und

beglaubigte Geschichte einen anderen Anfang bekommen, damit jeder ruhige

und nachdenkliche Mensch sie unbesorgt lesen könne, denn es ist eine

durchaus verbürgte Geschichte und ist in den alten Büchern der

königlichen Hauptstadt Prag aufgeschrieben, und jeder Zweifler kann sie

dort suchen. Und in der Karlsgasse in Prag steht noch jetzt das Haus,

das zu dieser Geschichte gehört; ein steinernes Meerweibchen, dem

leider im Laufe der Jahrhunderte der Kopf abgefallen, ist sein Schmuck

und es ist als das Haus zum Meerweibchen im Grundbuche eingetragen. Was

aber von dem steinernen Meerweibchen erhalten blieb, zeugt dafür, daß es

eine wunderschöne Seejungfrau gewesen sein muß, die dem Steinmetz als

Vorbild gedient hat, Hals und Busen und Haltung sind edel, und nur der

schuppige, etwas schematisch gemeißelte Fischschwanz, der – in dem Lande

des zweischwänzigen Löwen nicht auffällig – in zwei schön geringelten,

stilisierten Teilen endigt, beweist, daß Nacken und Brust einem

Wunderwesen angehört haben. Das Haus selbst ist jetzt ein wenig

verfallen und sieht altersschwach und engbrüstig genug aus. Aber es paßt

gut in die altertümliche Karlsgasse und in diesen Teil des herrlichen

Alt-Prag, in dem man weniger zufügender als abblendender Phantasie

bedarf, um sich in die vergangenen Jahrhunderte versetzt zu fühlen; man

muß nur die Gaslaternen und Telephondrähte, die Fahrräder und

elektrischen Glühlichter in den Schaufenstern vergessen, um sich, wie in

einem Traum, im Mittelalter zu befinden und zwischen den seltsamsten

Häusern mit Giebeln und Erkern, mit wunderlichen Verzierungen und

verwegenen Dächern dahinzuwandeln und verwundert zum Frühlingshimmel

emporzuschauen, der wie eine blaue Patina das herrlichseltsame Bild nach

oben abschließt.

Im Mittelalter aber spielt diese Geschichte nicht, sondern im Beginn des

siebzehnten Jahrhunderts. Da es aber eine, sozusagen, historische

Erzählung ist, die hier mitgeteilt wird, so ist wohl die Anmerkung

gestattet, daß gar bald ohnehin die Notwendigkeit sich einstellen wird,

das Ende des Mittelalters weiter in die Neuzeit herein zu verlegen; die

Neuzeit gebiert doch immer neue Zeiten, und wir, die es so herrlich weit

gebracht haben, gehören schon längst nicht mehr in die Neuzeit des

sechszehnten und siebzehnten Jahrhunderts! Dazu sind wir denn doch zu

aufgeklärt und vorgeschritten, zu ....... Aber genug der Einleitung!

Also mag diese Geschichte immerhin als eine mittelalterliche gelten,

umsomehr als sie in der altertümlichen Karlsgasse anhebt und endigt.

Dort ward damals eben das Haus aufgebaut, das vorhin geschildert wurde.

Es war noch nicht unter Dach, sollte aber in wenigen Wochen vollendet

sein. Es gehörte dem zu Ansehen und Reichtum gelangten Prager Bürger und

Kaufmann Wenzel Werkmeister, der den Grund vor Jahren um ein Billiges

gekauft hatte und dessen Lieblingsidee war, für seinen Sohn und dessen

einstige Ehefrau ein eigenes Haus zu bauen, auf daß er als ein

bodenständiger Bürger und Kaufmann hier lebe und dem Namen Werkmeister

zu Bedeutung und immer größerer Würde verhelfe. Denn er selbst war aus

bescheidenen Anfängen zu einem begüterten Kaufmann geworden und liebte

auf Erden niemanden inniger als seinen Sohn Karolus, der die einzige

Hinterlassenschaft seiner treuen Ehefrau Veronika vorstellte. Er hatte

ihn etwas Ordentliches lernen lassen, war sogar mit ihm einmal in Wien

gewesen, um ihm die Welt zu weisen, und sah ihn nun unter seinen Augen

zu einem tüchtigen und ehrsamen Manne emporwachsen. So war Karolus

vierundzwanzig Jahre alt geworden und war ein gesitteter, stiller,

bescheidener Jüngling, schlank, mit sanften, etwas schüchternen Augen,

wie sie seine verstorbene Mutter gehabt hatte und aus denen eine

empfindsame und träumerische Seele in die Welt schaute. Dem Vater war

Karolus sogar zu bescheiden, zu sanft und schüchtern, denn er wußte, was

sein Sohn alles gelernt hatte, nicht nur, was das Geschäft anlangt,

sondern auch von den freien Wissenschaften und Künsten, und er hätte

wohl seinen Sohn ein weniges stolzer und selbstbewußter gewünscht.

Karolus aber liebte die Gesellschaft seiner Altersgenossen nicht

sonderlich, er war ein Leser und Träumer und freute sich tagsüber auf

den Abend, da er zu seinen Büchern zurückkehren konnte. Das wehrte ihm

der Vater auch nicht, da Karolus im Geschäfte still und sicher seine

Arbeit tat und bei den Kunden beliebt und geachtet war.

Eine tüchtige Hausfrau wird ihm schon sein allzu sanftes Geblüt

auffrischen! dachte der Vater und schaute darum fleißig unter den

Bürgertöchtern um, welche ihm wohl am besten für seinen Einzigen

tauglich schiene. Und bis zum Herbste, bis zur Dachgleiche, hoffte er

eine bestimmte Wahl getroffen zu haben.

Nun waren aber Karolus’ Beziehungen zum weiblichen Geschlechte bisher

mehr theoretischer Natur gewesen; er hatte den Dichtern ihre

Lobpreisungen der Frauen aufs Wort geglaubt und sich gewöhnt, die Frauen

mit den Augen der schreibenden, nicht der liebenden Dichter anzusehen,

ohne doch je eine innere Nötigung zu empfinden, ihre Hymnen und Romane

am eigenen Herzen zu erproben; das Weib war ihm etwas Hohes und Hehres,

über dem Alltag Stehendes und jeder Liebreiz war auf sie ausgegossen;

ihre Wänglein waren Pfirsichblüten, ihre Lippen Kirschen, ihre Augen

leuchtende Kohlen oder liebliche Vergißmeinnichtblümlein, ihr Gang war

wie das Hüpfen der Sonnenstrahlen über blumige Auen, aber, daß man die

Wangen streicheln, die Lippen küssen könne, daß man die zierliche

Gestalt umarmen dürfe, fiel ihm gar nicht bei und nichts trieb ihn dazu,

aus seiner literarischen Verehrung der Frauen herauszutreten und einmal

einem lebenswarmen, blühenden Kinde herzhaft ans Kinn zu greifen.

Und nur ein einziges Mal hatte er eine Art von Verliebtheit gefühlt; das

war an einem Sonntag nachmittag, als er auf der Kleinseite drüben unter

der Königsburg, dem Hradschin, durch die schattigen Gassen lustwandelte

und plötzlich vor einem herrlichen, schmiedeeisernen Gittertor stand und

in einen wundervollen, adeligen Garten geschaut hatte: große

Rasenflächen dehnten sich behaglich im Sonnenscheine, ein rundes

Wasserbecken erglänzte im Sommerlichte und ein feiner Springbrunnen

plätscherte in das bewegte Wasser herab. Der Garten aber dehnte sich

weit, weit aus bis an die steil abfallende Lehne des Hradschin, und die

grandiose Königsburg mit dem herrlichen Dome war wie eine phantastische

Krönung des grünen, blühenden, weit ausgestreckten Gartens. In dem

Garten aber wandelte in einem weißen Sommerkleide eine schlanke,

biegsame Frau, und die Sonne schien selbst in sie verliebt zu sein, so

jubelnd sammelte sie all ihren Glanz um die feine Gestalt der Dame, so

golden ließ sie ihr blondes Haar aufleuchten. Es war, als ob eine der

Marmorgöttinnen, die im Garten in den grünen Gebüschen standen, von

ihrem Postamente herabgestiegen sei und nun im Sonnenlichte sich

zwischen den Beeten ergehe. Mit weit offenen Augen schaute Karolus ihr

lange nach, er hatte den Hut vom Kopfe genommen und ihm schien es, als

ob die Dame ihm zulächle. Er stand noch auf dem Flecke vor dem

Eisengitter lange, nachdem das Wunder in den Büschen verschwunden war,

und starrte in den Sonnenschein, bis er die Lider senken mußte. Erst als

er Stimmen neben sich hörte, wachte er auf und schaute erstaunt um sich.

Und er glaubte sich’s später selbst nicht mehr, daß er eine lebende Dame

im Garten gesehen habe, er war überzeugt, daß er nur ein wunderschönes

Märchen von einer lieblichen Prinzessin geträumt habe, etwa das Märchen

von der weißen Frau Medulina, die mit Blumen und Früchten in den Händen

durch die Auen schreitet. Einige Tage träumte er noch davon und war

glücklich darüber, daß er auch bei Tage nach eigenem Willen den schönen

Traum erneuern konnte; er errötete, wenn er sich immer wieder dabei

ertappte, wie er gleich einem Puppenspieler die schöne, fürstliche Dame

immer von neuem den Kopf neigen und dem Lauscher vor dem Gitter

liebreich zuwinken ließ. Es hatten sich aber auch zu liebliche, blonde

Ringellöckchen über ihrem blühweißen Nacken gekräuselt.

In diese Zeit seines angenehm erregten Herzens fiel nun die Ankunft des

grönländischen Meerweibchens in Prag. Zwei phantastisch aufgeputzte

Trommler hatten ihr Erscheinen angezeigt und waren durch mehrere Tage

auf allen Plätzen und allen Straßenecken gestanden und hatten nach einem

aufrührerischen Trommelwirbel den p. t. Adel und Bürgerschaft der

königlichen Hauptstadt Prag auf das große Wunder aufmerksam gemacht, das

in den nächsten Tagen eintreffen werde. Lalanda, die grönländische

Meerjungfrau, das schönste Seeweibchen, das je gefangen worden, die Dame

mit dem Fischschwanze, von allen Gelehrten der Welt bewundert und als

neues Weltwunder angestaunt und gepriesen, werde in den nächsten Tagen

in Prag zu sehen sein. Große Bilder wurden in den Straßen herumgetragen,

darauf Lalanda, die grönländische Seekönigin, abgeschildert war, und

überall folgte eine Menge Neugieriger den Trommlern, die eine

beträchtliche Aufregung in der Stadt verursachten. Auch verteilten sie

ein fliegendes Blatt, darauf der Fang der Seejungfrau genau berichtet

und auch ein zierliches Gedicht abgedruckt war, so die Schönheit der

Dame mit dem Fischschweife in lieblichen Versen pries. Sie werde auf dem

Altstädter Ring in einem der großen Verkaufsgewölbe unter den Lauben zu

sehen sein und in ihrer Sprache singen, sie spreche aber auch, wenn sie

ihre gute Stunde habe und freundliche Menschen sehe, deutsch zu ihnen,

da sie eine erstaunliche Klugheit und ein unerhörtes Gedächtnis besitze.

Und sei schöner, als je ein Mädchen auf dem Festlande gewesen.

Nun waren gerade damals ruhige Zeitläufte, und Prag, die Stadt, die von

Zeit zu Zeit wie ein Kind ihr Fieber durchmachen muß, um sich ihrer

schädlichen Gärungsstoffe zu entledigen und ihr Blut für einige Jahre zu

reinigen, erfreute sich eben einer behaglichen Erholung nach Kämpfen

und Bürgerzwisten, so daß Lalanda den richtigen Zeitpunkt getroffen

hatte, um allgemeinem Interesse zu begegnen. Die Laufburschen und

Lehrjungen aus dem Werkmeisterschen Geschäfte, die ihre überschüssige

Lebhaftigkeit sonst bei den Straßenaufläufen ausgetobt hatten, benützten

jetzt jeden freien Augenblick, hinter den Trommlern einherzulaufen und

immer frische Zettel mit dem Lalanda-Gedichte heimzubringen, und die

älteren Herren Kommis und die beiden Buchhalter in der Schreibstube

führten die ausgiebigsten Gespräche über das Meerweibchen, und es gab

keine Lebensäußerung eines erwachsenen Menschen, die sie nicht in ernst-

und in scherzhafte Beziehung zu dem wunderbaren Körperbau des

Grönländischen Mirakels gebracht hätten. Sie übertrafen sich gegenseitig

in der Erfindung neuer Fragen: ›ob sie wohl auch‹ und ›wie mag bei ihr‹,

nur mußten sie sich vor Herrn Karolus in acht nehmen, dessen Zartgefühl

zu schonen eine schweigende Übereinkunft im Hause Werkmeister war. Der

hatte natürlich auch die Trommler gehört und ihren Zettel gelesen. Aber

er hatte noch keinen richtigen Standpunkt zu dem Meerweibchen gefunden,

nur die Tatsache, daß ein Wunder zu sehen sein werde, beschäftigte ihn

und er hatte beschlossen, sich gleich am nächsten Sonntage, dem ersten

Tage, da Lalanda ausgestellt werden sollte, durch den Augenschein zu

überzeugen, wie weit den Ankündigungen zu glauben sei.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 20 / 38 题