VIII.

Als die leuchtende Sonne den Schläfer am anderen Morgen weckte, da gab

er sich erst den angenehmen Gefühlen eines Jünglings hin, der am

vergangenen Abend ein Mädchen kennen gelernt oder eigentlich nur

gesehen hat, das ihn entzückt und das ihm der Inbegriff alles Schönen

und Begehrenswerten scheint, wovon er je geträumt hat: sie ist ihm ganz

in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich und heiter und dünkt

ihn das verlockendste Spielzeug, das er gern wie ein Kind an der Brust

bergen und streicheln möchte. Er sucht sich recht genau an ihre

liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, daß sie kleiner ist als er

und daß er sich zu ihrem rosigen Ohr herabbeugen muß, um ihr was recht

Holdseliges zu sagen. Er schließt die Lider noch einmal, um sich wie in

einem lauen Bade wohlig zu strecken. Und wenn in seinem Denken finstere

Vorstellungen ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann scheucht

er sie unwillig fort, er fühlt, daß seine Sehnsucht ihn langsam das

begehrenswerte Wesen _lieben_ lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen

sich immer dichter, immer undurchdringlicher, und plötzlich strafft der

Träumer sich empor, er spricht zu sich wie zu einem anderen Menschen, er

schämt sich vor sich selber.

So ging es Riccardo jetzt; er mußte des Zwischenfalles während ihres

Rittes gestern gedenken, da Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen

Worte: ›Sie ist eine Palma!‹ beantwortet hatte. Sein heiteres

Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an den Zweck seines Hierseins,

an seinen Entschluß und den neuen Plan für seine Rache.

»O, das wird viel schwieriger durchführbar sein, als ich dachte! Sie ist

so schön, so rein!«, träumte er vor sich hin. Da stand aber wieder das

Bild seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch so schön, so

rein geträumt hatte, wenn er auf dem Schiffe seinen holden

Heimatsgedanken nachhing, und ein frischer, ungleich tieferer Schmerz

erfüllte sein Herz. War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie

sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig hingegeben? Trägt

nicht auch sie vielleicht eine Schuld?

Seine erregte Phantasie zeigte ihm körperlich deutlich Ermete und seine

Schwester, das konnte er nicht ertragen, er sprang vom Lager auf, er

machte sich rasch fertig und rief seinen Diener. Der führte ihn ins

Nebengemach, wo der Morgenimbiß seiner harrte. Und dann eilte Riccardo

in den Garten hinab, nur von dem Wunsche erfüllt, sich und den Gedanken

seiner Einsamkeit zu entfliehen.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 15 / 38 题