IX.

Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten trat, unter dessen alten

Bäumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein

Trübsinn gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit den

andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf begrüßten, die Betten im

Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch

an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft

vermisse.

»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist heute gar zeitig früh

aus den Federn gekrochen und läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind

mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa

weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.«

»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als

Entschuldigung dafür gelten, daß er sich von der gräflichen Familie

nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber

sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili,

der dessen acht hatte, sagte spottend:

»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, könnt Ihr gewiß den

Schleier der schönen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in

dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!«

»Ja,« meinte der Vater da Spadas, »darum bittet auch Emilio, Ihr

möchtet, falls es Euch beliebt, ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht

zu verfehlen, und unsere Kinder werden Euch in der Mitte des Weges

begegnen.«

»Das will ich sehr gerne tun,« erwiderte Riccardo leise. »Ich will nur

mein Pferd satteln lassen.«

»Dem gönnt heute seine verdiente Ruhe,« sagte der freundliche Hausherr

verbindlich, »mein Pferd steht gesattelt zu Euren Diensten.«

Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein schönes, feuriges Tier

heranführte. Das bestieg Riccardo, nachdem ihm der Weg gewiesen war, und

sprengte davon.

»Grüßet uns die schöne Gräfin Francesca!« rief der Nobile ihm noch

fröhlich nach; und er sagte dann lachend zu den übrigen Gästen: »Dem hat

es natürlich wieder die Gräfin angetan, sonst wäre der Siebenschläfer –

bei aller Liebe zu Emilio – heute wohl nicht so leicht aufs Pferd

gestiegen. Aber er reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut

hätte!«

Auch Riccardo fühlte, daß er heute leichter als je im Sattel saß, so

schwer auch sein Herz von der Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios

getroffen war.

›Ich muß sie einholen,‹ sagte er sich, ›ich muß sie noch einmal sehen!‹

Der Weg führte hinter dem Schlosse durch den Wald empor, verließ aber

auch auf der Höhe den Wald nicht, so daß die Hoffnung Riccardos, er

werde, nach einem scharfen Ritt auf der Höhe angelangt, den Wagen der

Palma und seine Begleiter sehen, sich nicht erfüllte.

›Ich bin doch gewiß nicht auf einem falschen Wege,‹ dachte er, ›und doch

hat der spöttische Nobile davon gesprochen, daß ich in der Ferne den

Schleier Francescas werde wehen sehen. Vielleicht öffnet sich später der

Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde geritten sein.‹

Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich es wahrhaftig den

steilen Weg wie eine Landstraße genommen hatte.

Da, als Riccardo eben aus den Bäumen auf eine sonnige Waldwiese kam und,

vom hellen Lichte geblendet, die Augen geschlossen hatte, dem Schatten

des gegenüberliegenden Waldes zustrebend, hörte er plötzlich seinen

Namen rufen; er schaute sich um und brachte schon durch den freudigen

Schreck, der seinen Körper rückwärts riß, das Pferd zum Stehen.

Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen Steine, saß sie, nach der

er sich sehnte, und hielt die Zügel ihres Pferdes lose in Händen. Sie

hatte einen verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, sie sah in

ihrem Reitkleide heute schlanker aus und lachte hell in den Tag hinein,

weil wohl der ungestüme Reiter, der so plötzlich sein Pferd zum Stehen

brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; und weil sein

Gesicht und seine Haltung, da er vom Rosse stieg, so überdeutlich den

Ausdruck der Überraschung, ja des freudigsten Schreckens darbot, daß sie

nur noch lauter lachen mußte.

»Gräfin,« sagte er, »Ihr seid zurückgeblieben« – um mich zu erwarten,

wollte er sagen, aber er vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm

entgegengekommen, und das Erstaunen war nun auf ihr helles Gesicht

hinübergehuscht.

»Gräfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn für Francesca?«

»Ja, seid Ihr denn nicht die Gräfin Palma?« kam es unsicher und doch

mit der ganzen Sicherheit einer schon beantworteten Frage von den Lippen

Riccardos. »So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, als er mich ...«

»Meiner Freundin Francesca und mir zusammen vorführte?« vollendete Maria

den Satz. »Und Ihr habt mich für meine Freundin genommen? Aber Ihr macht

ein so bestürztes Gesicht, Ihr scheint so unglücklich über den Irrtum,

daß ich wohl um Verzeihung bitten muß, daß Ihr Euch so getäuscht habt,

Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die Schwester Emilios, könnt

Ihr mir das vergeben? Ich habe unsere lieben Gäste bis hieher geleitet

und mein Bruder ist noch ein Stück mit ihnen weitergeritten, vielleicht

bis Selva nera, weil der Tag so herrlich und der Ritt so angenehm ist.

Ich will jetzt wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch warten

lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine Schuld, eine so arge

Enttäuschung bereiten müssen!«

Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft und klopfte den Hals ihres

Pferdes, das seine Herrin mit glänzenden Augen anblickte.

Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme in ihm sang immer das

gleiche Lied: Nun ist alles gut, nun muß ich dir, du liebes, süßes

Mädchen, kein Leids antun! Aber eine andere Stimme höhnte ihn: Du kühner

Ritter, denkst du an deine Rache? Und hast verliebte Augen und verliebte

Ohren und stehst hier vor einem liebenswerten Geschöpf, das deine

Zärtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir stolz als Ziel deiner

Rache vorgelogen hast.

Und seine Scham und das Gefühl des schweren Unrechtes, das er dieser

Reinen angetan hatte, war so groß, daß er – als müßte die Heitere da vor

ihm seine ganze Schuld kennen – vor ihr ins Gras sank, den Saum ihres

Kleides zu küssen, und mit gepreßter Stimme zu ihr sagte:

»Könnt Ihr mir verzeihen, Maria, könnt Ihr mir das alles im Leben je

verzeihen?« Er flehte sie voll tiefer Innigkeit an, er wußte jetzt auch

schon ganz bestimmt, daß seine Verwechslung der beiden Mädchen nur

seinem Entzücken über dieses helle Geschöpf entsprungen sei, und daß er

aus Bewunderung für sie und aus dem Gefühle seiner keimenden Liebe den

Irrtum begangen habe.

Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag noch um ihre

Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen Augen und verstand sie

nicht, und darum sagte sie:

»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und weiß nicht, ob Ihr bei

heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich

schaut wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn

Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen

gestern, da Ihr als Fremder in eine große Gesellschaft tratet,

verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich

beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und

sagt mir, ob es Euch kränken würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder

halten würde?«

Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so mild, daß Riccardo nur

verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur:

»Ihr könnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich

getan habe oder tun wollte!«

Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor:

»Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie

unglücklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so

unglücklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen,

wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt Mitleid mit mir haben, denn ich bin

unglücklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie

allein mich retten könnte!«

Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und

hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte,

so ängstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden

verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verändert, daß sie

sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres

Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm:

»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich

nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause

reiten, vielleicht sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort

auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch

so recht?«

Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr

mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den

Pferden, die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. Dann aber

blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob er Maria sein Herz eröffnen

solle. Und er begann ihr zu erzählen:

»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie

lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen über Genua. Und diese

beiden Frauen waren mein Traum in den Nächten auf dem Meere und mein

Glück und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben

inhaltsreich, ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, denn ich

hatte jemanden, für den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun

nach Hause kam ...«

Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine Mädchen an seiner Seite

an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach

einer langen Unterbrechung:

»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu

kommen, wie ihn die Sehnsucht erfüllt, Eure Eltern und Euch

wiederzusehen! Und was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In Genua

hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darüber

beruhigt. Ihr könntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer

Liebe beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt haben,«

wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, »und diese Veränderung könnte

Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl

kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich wie verzweifelnd

aus, »ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein

Glück, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist – und

zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das

Niederschmetternde ist das sichere Bewußtsein, daß ich meine Schwester

nicht mehr lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich meine

Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach

meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld,

wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen könnt! Ich will

hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei

Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. Mein Diener

wird mir mein Pferd bringen und ich will fürderreiten. Lebet wohl!«

Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. Da sprach sie, indes sie

seine Rechte in ihrer Hand hielt:

»Sprecht mit Emilio, er wird Euch trösten können, er wird Euch, das

hoffe ich, zu uns zurückbringen. Seid meines innigen Mitleids gewiß,

denn ich sehe, daß Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures

Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos und heiter meine

Jugend dahin, und Ihr seid der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid

erschüttert sehe, von einem Leid, das sich gewiß nicht verbergen läßt.

Daran werde ich wohl mein Leben lang denken müssen! Und ich würde

wahrhaft glücklich sein, wenn ich durch Emilio erführe, daß sich Euer

Geschick zum Guten gewendet hat. Das wünsche ich Euch von ganzem Herzen.

Lebet wohl!«

Da wallte noch einmal ein heißes Gefühl in Riccardo auf, es drängte ihn

zu Maria hin, aber er bezwang sich und so küßte er ihr stumm die Hand.

Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und ging den Waldweg zurück,

Emilio zu erwarten.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 16 / 38 题