Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten trat, unter dessen alten
Bäumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein
Trübsinn gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit den
andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf begrüßten, die Betten im
Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch
an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft
vermisse.
»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist heute gar zeitig früh
aus den Federn gekrochen und läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind
mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa
weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.«
»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als
Entschuldigung dafür gelten, daß er sich von der gräflichen Familie
nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber
sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili,
der dessen acht hatte, sagte spottend:
»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, könnt Ihr gewiß den
Schleier der schönen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in
dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!«
»Ja,« meinte der Vater da Spadas, »darum bittet auch Emilio, Ihr
möchtet, falls es Euch beliebt, ihnen entgegenreiten, der Weg ist nicht
zu verfehlen, und unsere Kinder werden Euch in der Mitte des Weges
begegnen.«
»Das will ich sehr gerne tun,« erwiderte Riccardo leise. »Ich will nur
mein Pferd satteln lassen.«
»Dem gönnt heute seine verdiente Ruhe,« sagte der freundliche Hausherr
verbindlich, »mein Pferd steht gesattelt zu Euren Diensten.«
Er pfiff dem Stallburschen, der auch bald ein schönes, feuriges Tier
heranführte. Das bestieg Riccardo, nachdem ihm der Weg gewiesen war, und
sprengte davon.
»Grüßet uns die schöne Gräfin Francesca!« rief der Nobile ihm noch
fröhlich nach; und er sagte dann lachend zu den übrigen Gästen: »Dem hat
es natürlich wieder die Gräfin angetan, sonst wäre der Siebenschläfer –
bei aller Liebe zu Emilio – heute wohl nicht so leicht aufs Pferd
gestiegen. Aber er reitet besser, als ich einem Seeoffizier zugetraut
hätte!«
Auch Riccardo fühlte, daß er heute leichter als je im Sattel saß, so
schwer auch sein Herz von der Mitteilung des freundlichen Vaters Emilios
getroffen war.
›Ich muß sie einholen,‹ sagte er sich, ›ich muß sie noch einmal sehen!‹
Der Weg führte hinter dem Schlosse durch den Wald empor, verließ aber
auch auf der Höhe den Wald nicht, so daß die Hoffnung Riccardos, er
werde, nach einem scharfen Ritt auf der Höhe angelangt, den Wagen der
Palma und seine Begleiter sehen, sich nicht erfüllte.
›Ich bin doch gewiß nicht auf einem falschen Wege,‹ dachte er, ›und doch
hat der spöttische Nobile davon gesprochen, daß ich in der Ferne den
Schleier Francescas werde wehen sehen. Vielleicht öffnet sich später der
Ausblick, jetzt mag ich wohl schon eine Stunde geritten sein.‹
Er trieb sein Pferd zu rascherem Trabe an, obgleich es wahrhaftig den
steilen Weg wie eine Landstraße genommen hatte.
Da, als Riccardo eben aus den Bäumen auf eine sonnige Waldwiese kam und,
vom hellen Lichte geblendet, die Augen geschlossen hatte, dem Schatten
des gegenüberliegenden Waldes zustrebend, hörte er plötzlich seinen
Namen rufen; er schaute sich um und brachte schon durch den freudigen
Schreck, der seinen Körper rückwärts riß, das Pferd zum Stehen.
Auf der Wiese aber, auf einem moosbewachsenen Steine, saß sie, nach der
er sich sehnte, und hielt die Zügel ihres Pferdes lose in Händen. Sie
hatte einen verwegenen Hut schief auf dem hellbraunen Haare, sie sah in
ihrem Reitkleide heute schlanker aus und lachte hell in den Tag hinein,
weil wohl der ungestüme Reiter, der so plötzlich sein Pferd zum Stehen
brachte, einen recht seltsamen Anblick bieten mochte; und weil sein
Gesicht und seine Haltung, da er vom Rosse stieg, so überdeutlich den
Ausdruck der Überraschung, ja des freudigsten Schreckens darbot, daß sie
nur noch lauter lachen mußte.
»Gräfin,« sagte er, »Ihr seid zurückgeblieben« – um mich zu erwarten,
wollte er sagen, aber er vollendete den Satz nicht, denn Maria war ihm
entgegengekommen, und das Erstaunen war nun auf ihr helles Gesicht
hinübergehuscht.
»Gräfin sagt Ihr? Haltet Ihr mich denn für Francesca?«
»Ja, seid Ihr denn nicht die Gräfin Palma?« kam es unsicher und doch
mit der ganzen Sicherheit einer schon beantworteten Frage von den Lippen
Riccardos. »So hat Euer Bruder mich gestern genarrt, als er mich ...«
»Meiner Freundin Francesca und mir zusammen vorführte?« vollendete Maria
den Satz. »Und Ihr habt mich für meine Freundin genommen? Aber Ihr macht
ein so bestürztes Gesicht, Ihr scheint so unglücklich über den Irrtum,
daß ich wohl um Verzeihung bitten muß, daß Ihr Euch so getäuscht habt,
Ihr Armer! Ich bin aber wirklich nur Maria, die Schwester Emilios, könnt
Ihr mir das vergeben? Ich habe unsere lieben Gäste bis hieher geleitet
und mein Bruder ist noch ein Stück mit ihnen weitergeritten, vielleicht
bis Selva nera, weil der Tag so herrlich und der Ritt so angenehm ist.
Ich will jetzt wieder heimreiten, denn Ihr habt lange auf Euch warten
lassen, und nun habe ich Euch, ohne meine Schuld, eine so arge
Enttäuschung bereiten müssen!«
Sie lachte wieder laut in die flimmernde Luft und klopfte den Hals ihres
Pferdes, das seine Herrin mit glänzenden Augen anblickte.
Riccardo aber stand vor ihr, eine leise Stimme in ihm sang immer das
gleiche Lied: Nun ist alles gut, nun muß ich dir, du liebes, süßes
Mädchen, kein Leids antun! Aber eine andere Stimme höhnte ihn: Du kühner
Ritter, denkst du an deine Rache? Und hast verliebte Augen und verliebte
Ohren und stehst hier vor einem liebenswerten Geschöpf, das deine
Zärtlichkeit sich auserkoren hat, indes du sie dir stolz als Ziel deiner
Rache vorgelogen hast.
Und seine Scham und das Gefühl des schweren Unrechtes, das er dieser
Reinen angetan hatte, war so groß, daß er – als müßte die Heitere da vor
ihm seine ganze Schuld kennen – vor ihr ins Gras sank, den Saum ihres
Kleides zu küssen, und mit gepreßter Stimme zu ihr sagte:
»Könnt Ihr mir verzeihen, Maria, könnt Ihr mir das alles im Leben je
verzeihen?« Er flehte sie voll tiefer Innigkeit an, er wußte jetzt auch
schon ganz bestimmt, daß seine Verwechslung der beiden Mädchen nur
seinem Entzücken über dieses helle Geschöpf entsprungen sei, und daß er
aus Bewunderung für sie und aus dem Gefühle seiner keimenden Liebe den
Irrtum begangen habe.
Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag noch um ihre
Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen Augen und verstand sie
nicht, und darum sagte sie:
»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und weiß nicht, ob Ihr bei
heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich
schaut wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn
Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen
gestern, da Ihr als Fremder in eine große Gesellschaft tratet,
verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich
beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und
sagt mir, ob es Euch kränken würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder
halten würde?«
Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so mild, daß Riccardo nur
verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur:
»Ihr könnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich
getan habe oder tun wollte!«
Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor:
»Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie
unglücklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so
unglücklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen,
wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt Mitleid mit mir haben, denn ich bin
unglücklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie
allein mich retten könnte!«
Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und
hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte,
so ängstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden
verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verändert, daß sie
sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres
Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm:
»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich
nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause
reiten, vielleicht sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort
auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch
so recht?«
Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr
mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den
Pferden, die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. Dann aber
blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob er Maria sein Herz eröffnen
solle. Und er begann ihr zu erzählen:
»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie
lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen über Genua. Und diese
beiden Frauen waren mein Traum in den Nächten auf dem Meere und mein
Glück und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben
inhaltsreich, ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, denn ich
hatte jemanden, für den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun
nach Hause kam ...«
Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine Mädchen an seiner Seite
an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach
einer langen Unterbrechung:
»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu
kommen, wie ihn die Sehnsucht erfüllt, Eure Eltern und Euch
wiederzusehen! Und was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In Genua
hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darüber
beruhigt. Ihr könntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer
Liebe beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt haben,«
wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, »und diese Veränderung könnte
Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl
kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich wie verzweifelnd
aus, »ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein
Glück, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist – und
zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das
Niederschmetternde ist das sichere Bewußtsein, daß ich meine Schwester
nicht mehr lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich meine
Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach
meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld,
wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen könnt! Ich will
hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei
Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. Mein Diener
wird mir mein Pferd bringen und ich will fürderreiten. Lebet wohl!«
Er blieb stehen und reichte Maria die Hand. Da sprach sie, indes sie
seine Rechte in ihrer Hand hielt:
»Sprecht mit Emilio, er wird Euch trösten können, er wird Euch, das
hoffe ich, zu uns zurückbringen. Seid meines innigen Mitleids gewiß,
denn ich sehe, daß Ihr sehr leidet, wenn ich auch die Ursache Eures
Schmerzes nicht verstehen kann. Seht, ich lebe sorglos und heiter meine
Jugend dahin, und Ihr seid der erste Mann, den ich von einem tiefen Leid
erschüttert sehe, von einem Leid, das sich gewiß nicht verbergen läßt.
Daran werde ich wohl mein Leben lang denken müssen! Und ich würde
wahrhaft glücklich sein, wenn ich durch Emilio erführe, daß sich Euer
Geschick zum Guten gewendet hat. Das wünsche ich Euch von ganzem Herzen.
Lebet wohl!«
Da wallte noch einmal ein heißes Gefühl in Riccardo auf, es drängte ihn
zu Maria hin, aber er bezwang sich und so küßte er ihr stumm die Hand.
Dann kehrte er langsam mit seinem Pferde um und ging den Waldweg zurück,
Emilio zu erwarten.