VII.

Da sie dann durch tiefe Dämmerung ritten, blitzten auf einmal ganz nahe

die Lichter von Bosco rado auf, das ihnen während der letzten Stunde

verdeckt gewesen war, und es währte auch gar nicht lange, daß sie die

Lichter ordnen und die Fensterreihen und den ganzen Aufbau des Schlosses

daraus erzeichnen konnten.

Aber in der Nähe des Schlosses ward jetzt ein helles, breites Licht

sichtbar, von Schatten unterbrochen, und das Licht loderte manchen

Augenblick plötzlich in die Höhe, so daß Emilio ängstlich wurde und dem

fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb.

»Dort auf dem leichten Hügel neben dem Schlosse sind die

Wirtschaftsgebäude,« sagte er wie zu sich, »es wird doch hoffentlich

kein Feuer entstanden sein, das wäre eine schlechte Illumination für

meine unerwartete Heimkunft!«

Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, daß die Schatten mit

einer gewissen Regelmäßigkeit durch das Licht huschten, und bald hörten

sie laute Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die Reitenden für

kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind wehte ihnen jubelnde Stimmen

und auch die rasch verstummenden Töne einer tollen Musik zu.

»Oh, die feiern ein ländliches Fest!« sagte Emilio mit erleichterter

Brust. »Wir wollen uns erst die Festlichen anschauen und sie dann

überraschen. Wir wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns dann

im Lichte erkennen lassen.«

Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, vom Pferde steigend,

seine kurzen Befehle. Die beiden Diener sollten auf einem Umwege die

Pferde in den Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann

traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand und schauten

zwischen den Bäumen dem Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und

seltsam genug darbot.

Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von dem stattlichen weißen

Schlosse auf dem Hügel eine Scheuer und unten am Fuße des sanften

Abhanges war eine vornehme und fröhliche Gesellschaft vereinigt, Damen

und Herren, jung und alt, die würdigen Damen auf Bänken und Sesseln,

indes die Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart hatten.

Auf dem rundlichen Abhange aber, etwa in der Mitte zwischen den

Herrschaften und der Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die

weißgetünchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. Und von beiden

Seiten des Hügels ritten nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu

der Scheuer empor, und plötzlich zeichneten sich ihre grotesken,

riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, auf der grell erleuchteten

Wand ab, närrisch verzerrt und bis an das Dach des Gebäudes vergrößert,

aufeinander zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhörten Tieren, und

die Schatten hatten Dreschflegel in den Händen, an deren Stangen aber

große Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte dazu, von

Flöten verlacht, und die laute Heiterkeit der vornehmen Gesellschaft

begleitete die seltsamen Schatten und närrischen Töne.

»Das sind unsere Knechte,« erläuterte Emilio, »sie unterhalten sich und

machen den Herrschaften ihre hübschen Späße vor. Dort sitzt meine

Mutter neben der Gräfin Palma, die, wie ich zu meiner Freude sehe, zu

dem Abend herbeigekommen ist, und dort bei den drei Kavalieren steht

Francesca Palma mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das

Schauspiel, das eben seinen Höhepunkt erreicht hat.«

Plötzlich war mitten auf dem weißen Hintergrunde der Wand ein

phantastisch aufgeputztes Weibsbild aufgetaucht, der unglaubliche

Schatten eines übertrieben üppigen Weibes, das nach den beiden Seiten

hin den Maultierreitern plumpe Kußhände zuwarf. Die waren just in ihrem

Ritte fast unten bei den vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen

sie, durch die Musik aufmerksam gemacht, plötzlich das Frauenzimmer zu

erblicken, sie wandten ihre Tiere und ritten wie rasend den Hügel empor,

den Ritt plötzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der Holden

berührte. Sie ward stürmischer in ihren verlockenden Bewegungen, bald

schien sie den einen, bald den andern zu begünstigen, der Dudelsack war

dabei ganz toll geworden, die Flöten jammerten und die aufs beste

belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem sonderbaren Schauspiele.

Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht lächelte weiter, indes

sein Herz mächtig pochte und sein Blick unverwandt auf die Gruppe

hinstarrte, die ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei

Kavaliere, zwei jüngere und ein älterer, und die beiden Mädchen, lachend

und frohe Bemerkungen tauschend. Aber Riccardo fragte gar nicht erst,

welches der beiden Mädchen Francesca sei, er wußte es gleich, er konnte

sich nicht täuschen, er dachte gar nicht daran, daß er sich vielleicht

irren könnte; denn seine Augen und sein Herz sagten es ihm, daß die

Kleinere, die Fröhliche, Francesca sein müsse.

»Sie ist wunderschön!« jubelte es in ihm, und seine jugendliche Glut

flüsterte ihm gleich in die Ohren: »Da wird deine Rache ....« Aber er

dachte den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang sich, an seine

Schwester zu denken und preßte die Hände zu Fäusten zusammen. »Ja, das

ist Francesca, so reizend, so liebenswürdig, so unwiderstehlich! Und so,

du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder erschienen sein, daß du ihm

nicht wehren konntest!«

Er sah jetzt auch die andere an, sie war groß, hatte ein ernstes, in

strengen, aber ungemein edlen Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser

Ernst blieb auf ihren reinen Zügen, auch wenn sie lächelte, so daß sie

etwa wie die Muse der Historie neben der Muse des Liebesliedes oder des

anmutigen Tanzes bei ihrer Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht

lange im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es warm und

glückverheißend zur kleineren und heiteren anderen, die ihm in ihrem

lichten Gewande wie die Verkörperung aller Anmut erschien, so daß er,

als Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stieß, herzlich und

zukunftsicher mitlachte, aber aus einem ganz anderen Grunde, als sein

Freund, der mit leuchtenden Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der

eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels auf dem

Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, der taumelte vom Maultiere

herab, der schauderhafte Schatten des Liebchens schwang sich auf sein

lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis über das Scheunendach

verzerrten Schatten des Siegers und seiner willigen Beute den Abhang

nieder, indes der Besiegte mit täppischer Bewegung sich erhob, ihnen

nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum Hohne der jubelnden

Gesellschaft mitten in den Fackelbrand hineinsprang und ihn mit raschen

Tritten auslöschte. Das Schattenspiel war zu Ende.

Während die heiteren Zuschauer lachend Beifall klatschen und noch einen

Augenblick in ihren Gruppen verharrten, als sollte dem närrischen Spiele

noch ein Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos ergriffen und

zog ihn nun mitten in das Gewühl der Gesellschaft hinein. Fackelträger

kamen rasch aus dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben den

Mädchen standen und Emilio plötzlich seine Stimme in das Gespräch

mischte, als wäre er all die Zeit über anwesend gewesen, da erhob sich

gleich ein neuer Jubel und neues Lachen, während dessen Riccardo

unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene gestellt und

atmete den Duft ihres blühenden, entblößten Halses. Eine heiße Sehnsucht

ließ ihn erglühen und doch fühlte er sich einen Augenblick traurig, wie

ein Kind, das an einem fernen Orte einer rauschenden Musik lauscht und

plötzlich Heimweh nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter

bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas zu ihnen getreten und

hatten ihren Sohn begrüßt, der nun artig seinen Freund vorstellte und

ihn ihrer Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund empfahl. Und

während sich Riccardo über die Hand der Mutter Emilios beugte, fuhr

dieser fort, ihn auch den Mädchen bekannt zu machen, der jungen Gräfin

Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor denen sich der

Offizier verbeugte, ohne ein Wort sagen zu können, denn schon waren auch

die übrigen Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen und

Händedrücke die Menge, bis sich endlich die ganze Gesellschaft in die

weite Halle vor dem Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische

zu beenden. Riccardo saß an der Seite der Mutter Emilios und war durch

ihren freundlichen Zuspruch und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise

gefesselt, indes das junge Volk unten an der Tafel sich über das

Schattenspiel unterhielt und Emilio den Mädchen über den Gast berichten

mußte.

So daß Riccardo endlich, von dem Freunde in sein Zimmer geleitet, müde

von dem ausgiebigen Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf

seinem Lager einschlief, ohne Träume und ohne weiter an seine Pläne

gedacht zu haben.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 14 / 38 题