Da sie dann durch tiefe Dämmerung ritten, blitzten auf einmal ganz nahe
die Lichter von Bosco rado auf, das ihnen während der letzten Stunde
verdeckt gewesen war, und es währte auch gar nicht lange, daß sie die
Lichter ordnen und die Fensterreihen und den ganzen Aufbau des Schlosses
daraus erzeichnen konnten.
Aber in der Nähe des Schlosses ward jetzt ein helles, breites Licht
sichtbar, von Schatten unterbrochen, und das Licht loderte manchen
Augenblick plötzlich in die Höhe, so daß Emilio ängstlich wurde und dem
fragenden Riccardo die Antwort schuldig blieb.
»Dort auf dem leichten Hügel neben dem Schlosse sind die
Wirtschaftsgebäude,« sagte er wie zu sich, »es wird doch hoffentlich
kein Feuer entstanden sein, das wäre eine schlechte Illumination für
meine unerwartete Heimkunft!«
Sie ritten rascher, und nun sahen sie auch schon, daß die Schatten mit
einer gewissen Regelmäßigkeit durch das Licht huschten, und bald hörten
sie laute Stimmen und helles Lachen. Der Wald nahm die Reitenden für
kurze Zeit wieder auf, ein leichter Wind wehte ihnen jubelnde Stimmen
und auch die rasch verstummenden Töne einer tollen Musik zu.
»Oh, die feiern ein ländliches Fest!« sagte Emilio mit erleichterter
Brust. »Wir wollen uns erst die Festlichen anschauen und sie dann
überraschen. Wir wollen uns im Schatten unter sie mischen und uns dann
im Lichte erkennen lassen.«
Er winkte Tonio und Beppo herbei und gab ihnen, vom Pferde steigend,
seine kurzen Befehle. Die beiden Diener sollten auf einem Umwege die
Pferde in den Stall bringen, sich aber dabei gar nicht beeilen. Dann
traten die beiden Edelleute ganz nahe an den Waldesrand und schauten
zwischen den Bäumen dem Schauspiele zu, das sich ihnen phantastisch und
seltsam genug darbot.
Da stand in der weiten Waldlichtung seitab von dem stattlichen weißen
Schlosse auf dem Hügel eine Scheuer und unten am Fuße des sanften
Abhanges war eine vornehme und fröhliche Gesellschaft vereinigt, Damen
und Herren, jung und alt, die würdigen Damen auf Bänken und Sesseln,
indes die Herren sich nach Willen und Neigung um sie geschart hatten.
Auf dem rundlichen Abhange aber, etwa in der Mitte zwischen den
Herrschaften und der Scheuer, brannte ein Feuer von Pechfackeln, das die
weißgetünchte Wand des breiten Hauses grell beleuchtete. Und von beiden
Seiten des Hügels ritten nun auf munteren Maultieren zwei Burschen zu
der Scheuer empor, und plötzlich zeichneten sich ihre grotesken,
riesigen Schatten, aus dem Dunkel kommend, auf der grell erleuchteten
Wand ab, närrisch verzerrt und bis an das Dach des Gebäudes vergrößert,
aufeinander zureitend, auf sagenhaft aussehenden, unerhörten Tieren, und
die Schatten hatten Dreschflegel in den Händen, an deren Stangen aber
große Schweinsblasen befestigt waren. Ein Dudelsack jammerte dazu, von
Flöten verlacht, und die laute Heiterkeit der vornehmen Gesellschaft
begleitete die seltsamen Schatten und närrischen Töne.
»Das sind unsere Knechte,« erläuterte Emilio, »sie unterhalten sich und
machen den Herrschaften ihre hübschen Späße vor. Dort sitzt meine
Mutter neben der Gräfin Palma, die, wie ich zu meiner Freude sehe, zu
dem Abend herbeigekommen ist, und dort bei den drei Kavalieren steht
Francesca Palma mit meiner Schwester. Aber jetzt gib acht auf das
Schauspiel, das eben seinen Höhepunkt erreicht hat.«
Plötzlich war mitten auf dem weißen Hintergrunde der Wand ein
phantastisch aufgeputztes Weibsbild aufgetaucht, der unglaubliche
Schatten eines übertrieben üppigen Weibes, das nach den beiden Seiten
hin den Maultierreitern plumpe Kußhände zuwarf. Die waren just in ihrem
Ritte fast unten bei den vornehmen Zuschauern angelangt, nun schienen
sie, durch die Musik aufmerksam gemacht, plötzlich das Frauenzimmer zu
erblicken, sie wandten ihre Tiere und ritten wie rasend den Hügel empor,
den Ritt plötzlich hemmend, als ihr Schatten den Schatten der Holden
berührte. Sie ward stürmischer in ihren verlockenden Bewegungen, bald
schien sie den einen, bald den andern zu begünstigen, der Dudelsack war
dabei ganz toll geworden, die Flöten jammerten und die aufs beste
belustigte Gesellschaft jubelte laut zu dem sonderbaren Schauspiele.
Riccardo aber stand neben Emilio, sein Gesicht lächelte weiter, indes
sein Herz mächtig pochte und sein Blick unverwandt auf die Gruppe
hinstarrte, die ihm sein Freund gewiesen hatte; da standen die drei
Kavaliere, zwei jüngere und ein älterer, und die beiden Mädchen, lachend
und frohe Bemerkungen tauschend. Aber Riccardo fragte gar nicht erst,
welches der beiden Mädchen Francesca sei, er wußte es gleich, er konnte
sich nicht täuschen, er dachte gar nicht daran, daß er sich vielleicht
irren könnte; denn seine Augen und sein Herz sagten es ihm, daß die
Kleinere, die Fröhliche, Francesca sein müsse.
»Sie ist wunderschön!« jubelte es in ihm, und seine jugendliche Glut
flüsterte ihm gleich in die Ohren: »Da wird deine Rache ....« Aber er
dachte den frevlen Gedanken gar nicht zu Ende, er zwang sich, an seine
Schwester zu denken und preßte die Hände zu Fäusten zusammen. »Ja, das
ist Francesca, so reizend, so liebenswürdig, so unwiderstehlich! Und so,
du arme Schwester, mag dir auch ihr Bruder erschienen sein, daß du ihm
nicht wehren konntest!«
Er sah jetzt auch die andere an, sie war groß, hatte ein ernstes, in
strengen, aber ungemein edlen Linien gezeichnetes Antlitz, und dieser
Ernst blieb auf ihren reinen Zügen, auch wenn sie lächelte, so daß sie
etwa wie die Muse der Historie neben der Muse des Liebesliedes oder des
anmutigen Tanzes bei ihrer Freundin stand. Aber Riccardo verweilte nicht
lange im Anblicke dieser ernsten Erscheinung, ihn zog es warm und
glückverheißend zur kleineren und heiteren anderen, die ihm in ihrem
lichten Gewande wie die Verkörperung aller Anmut erschien, so daß er,
als Emilio ihn jetzt laut auflachend in die Seite stieß, herzlich und
zukunftsicher mitlachte, aber aus einem ganz anderen Grunde, als sein
Freund, der mit leuchtenden Augen dem Schattenspiele gefolgt war. Der
eine Reiter hatte eben die Schweinsblase seines Dreschflegels auf dem
Kopfe des anderen zum Platzen gebracht, der taumelte vom Maultiere
herab, der schauderhafte Schatten des Liebchens schwang sich auf sein
lediges Reittier und nun rasten die beiden, bis über das Scheunendach
verzerrten Schatten des Siegers und seiner willigen Beute den Abhang
nieder, indes der Besiegte mit täppischer Bewegung sich erhob, ihnen
nachdrohte und dann, gleichsam aus Rache und zum Hohne der jubelnden
Gesellschaft mitten in den Fackelbrand hineinsprang und ihn mit raschen
Tritten auslöschte. Das Schattenspiel war zu Ende.
Während die heiteren Zuschauer lachend Beifall klatschen und noch einen
Augenblick in ihren Gruppen verharrten, als sollte dem närrischen Spiele
noch ein Nachspiel folgen, hatte Emilio den Arm Riccardos ergriffen und
zog ihn nun mitten in das Gewühl der Gesellschaft hinein. Fackelträger
kamen rasch aus dem Schlosse gelaufen, und als nun die beiden neben den
Mädchen standen und Emilio plötzlich seine Stimme in das Gespräch
mischte, als wäre er all die Zeit über anwesend gewesen, da erhob sich
gleich ein neuer Jubel und neues Lachen, während dessen Riccardo
unbemerkt blieb. Er hatte sich nahe neben seine Auserkorene gestellt und
atmete den Duft ihres blühenden, entblößten Halses. Eine heiße Sehnsucht
ließ ihn erglühen und doch fühlte er sich einen Augenblick traurig, wie
ein Kind, das an einem fernen Orte einer rauschenden Musik lauscht und
plötzlich Heimweh nach den vertrauten Worten seiner entfernten Mutter
bekommt. Und schon waren die Eltern da Spadas zu ihnen getreten und
hatten ihren Sohn begrüßt, der nun artig seinen Freund vorstellte und
ihn ihrer Huld als tapferen Kameraden und lieben Freund empfahl. Und
während sich Riccardo über die Hand der Mutter Emilios beugte, fuhr
dieser fort, ihn auch den Mädchen bekannt zu machen, der jungen Gräfin
Francesca und seiner kleinen Schwester Maria, vor denen sich der
Offizier verbeugte, ohne ein Wort sagen zu können, denn schon waren auch
die übrigen Edlen um die beiden versammelt und es gab Verbeugungen und
Händedrücke die Menge, bis sich endlich die ganze Gesellschaft in die
weite Halle vor dem Schlosse begab, um das Fest bei einem reichen Tische
zu beenden. Riccardo saß an der Seite der Mutter Emilios und war durch
ihren freundlichen Zuspruch und ihre Gegenrede in der angenehmsten Weise
gefesselt, indes das junge Volk unten an der Tafel sich über das
Schattenspiel unterhielt und Emilio den Mädchen über den Gast berichten
mußte.
So daß Riccardo endlich, von dem Freunde in sein Zimmer geleitet, müde
von dem ausgiebigen Ritte und verwirrt von den vielen Menschen, auf
seinem Lager einschlief, ohne Träume und ohne weiter an seine Pläne
gedacht zu haben.