Als die beiden Offiziere sich am nächsten Tage beim Morgenimbiß trafen
und Emilio lachend von ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da
wurde es Riccardo erst klar, daß er dies nicht geträumt habe; er war
verstimmt über seine Schwäche und hatte Angst von seinen Plänen und
Absichten etwas verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, um für
den nächsten Reisetag ihre Einkäufe zu besorgen, die Riccardo bald
erledigt hatte.
Dann irrte er wieder wie früher durch Rom und in einer verschwiegenen
Schenke unter dem Monte Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm
ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten Male blitzartig durch
sein Hirn geschossen war.
»Du reitest morgen nach Bosco rado,« sprach er zu sich, »und kannst
übermorgen vielleicht vor den Eltern und der Schwester dessen stehen,
der dein und deiner Lieben Glück zerstört hat. Und du bist ausgezogen,
um die Schmach, die er deinem Hause angetan, zu rächen. Ist nicht die
Lage, darin du und die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor
Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter betrat? Der Bruder ist
auf dem Meere und die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen
absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, eine Rache, die
Gleiches mit Gleichem besser vergilt, als wenn du den heimkehrenden
Bruder, der jetzt deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglücklich
machst, wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstört hat? Da
ist die Mutter, da die Schwester und da bin ich«, so berechnete er an
den Fingern die Lage. »Wäre jener Schuft, jener Feigling, der sich vor
mir aufs Meer geflüchtet hat, zur Stelle, er dürfte den heutigen Abend
nicht erleben. Aber er ist vor mir geflohen,« der Gedanke fraß sich
immer tiefer in sein Hirn, »er hat sich feige davongemacht, um meiner
Rache zu entfliehen, da er doch wissen mußte, daß ich bald kommen, daß
ich bald erscheinen werde, um die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt
die beiden Frauen: was bleibt mir anderes übrig, als gleiches Unrecht
mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine Schwester so unglücklich zu
machen, als er meine Schwester fürs ganze Leben elend gemacht hat! Und
wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfühlen, die ich in den
letzten Wochen gelitten, und dann will ich vor ihn hintreten, offen und
ehrlich, wie es einem Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben
und ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!«
Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, damit zog er die Summe
ihrer einzelnen Zahlen, damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es
einschlief. Ein heißes Gefühl der Zufriedenheit durchfloß ihn, er konnte
nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins Freie und eine glühende
Ungeduld jagte ihn durch die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum
erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse wie ein
kraftstrotzender Jüngling auf ein Turnier, daraus er als Sieger
hervorgehen muß. Und er war auf dem Ritte nach Bosco rado durch den
herrlichen, klaren Frühherbstmorgen übermütig und glücklich wie nur je.
»Erzähle mir von Francesca, Emilio,« sagte er, da sie einen steiler
werdenden Pfad emporritten, »ist sie schön, ist sie liebenswert, hat sie
einen Liebsten?«
Er mußte von Francesca sprechen, er drängte sein Pferd ganz nahe an den
Schimmel Emilios, er fühlte, daß er sich mit seiner Frage in die Gefahr
begab, etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er mußte fragen:
»Ist sie wirklich so schön, wie alle Welt sagt? Und hat sie ihr Herz
schon jemandem vergeben? Mich gelüstet nach Abenteuern, weißt du, ich
sehne mich nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!« wiederholte er, da
Emilio schwieg.
Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen erst abgewendet; dann
klopfte er seinem Rosse den Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem
großen und ernsten Blicke an, er saß steil und wie aus Erz gegossen im
Sattel und sprach dann mit einer Stimme, die zu schwer für die schlichte
Antwort war:
»Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine römische Adelige, sie ist
nicht für Abenteuer geboren, sie ist eine Palma!«
»Und meine Schwester ist eine Fabbri!« wollte Riccardo antworten. Aber
er hemmte sich.
»Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!« versuchte er seine
Frage abzuschwächen. »Und ich habe nichts anderes gefragt, als ob sie
schön sei. Du willst meine Frage nicht beantworten,« setzte er dann
munter hinzu, »du willst mich überraschen! Ich danke dir!«
Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war verschwunden, er empfand
die Demütigung in den Worten Emilios, er fühlte, wie ihn Spada an den
Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der Gräfin Palma trennte, er
biß sich auf die Lippe und gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem
Pferde die Sporen, daß es in eine rasche Gangart fiel.
Dann aber mäßigte er den Trab seines Pferdes und sagte: »Siehst du, so
närrisch macht mich die Würze dieses Herbstrittes! Sei nicht böse,
Emilio, wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge vom
blauen Himmel heben.«
Und nach einigem Zögern fügte er hinzu, und seine Stimme war weich und
fast zärtlich:
»Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe es vergessen, Emilio, ob
du Geschwister hast?«
»Ja, Riccardo,« sagte Spada, »ich habe zwei Schwestern, eine ist
vermählt und wohnt im Toskanischen, und zu Hause habe ich meine kleine,
liebe Maria, die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.«
Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im hügeligen Walde einen hellen
Fleck. »Dort ist Bosco rado und dort drüben, nicht weit von jener
Waldlichtung, sitzen die Palma.«
Er lächelte und reichte Riccardo die Hand hinüber. »Dort wirst du meine
Antwort von vorhin verstehen!«
»Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!« erwiderte Riccardo.
Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach Bosco rado zu kommen.