VI.

Als die beiden Offiziere sich am nächsten Tage beim Morgenimbiß trafen

und Emilio lachend von ihrem gestrigen Zechgelage zu zweien sprach, da

wurde es Riccardo erst klar, daß er dies nicht geträumt habe; er war

verstimmt über seine Schwäche und hatte Angst von seinen Plänen und

Absichten etwas verraten zu haben. Dann trennten sich die beiden, um für

den nächsten Reisetag ihre Einkäufe zu besorgen, die Riccardo bald

erledigt hatte.

Dann irrte er wieder wie früher durch Rom und in einer verschwiegenen

Schenke unter dem Monte Pincio, wo er sein Mittagessen nahm, ward ihm

ein Gedanke lebendig, der gestern abend zum ersten Male blitzartig durch

sein Hirn geschossen war.

»Du reitest morgen nach Bosco rado,« sprach er zu sich, »und kannst

übermorgen vielleicht vor den Eltern und der Schwester dessen stehen,

der dein und deiner Lieben Glück zerstört hat. Und du bist ausgezogen,

um die Schmach, die er deinem Hause angetan, zu rächen. Ist nicht die

Lage, darin du und die Familie Palma euch findet, die gleiche, die vor

Monden Ermete fand, da er das Haus deiner Mutter betrat? Der Bruder ist

auf dem Meere und die Frauen sind allein, wenn ich vom alten Grafen

absehe. Und gibt es eine andere, eine gerechtere Rache, eine Rache, die

Gleiches mit Gleichem besser vergilt, als wenn du den heimkehrenden

Bruder, der jetzt deinem Schwerte sich entzieht, ebenso unglücklich

machst, wie er dich in allen deinen stolzen Hoffnungen zerstört hat? Da

ist die Mutter, da die Schwester und da bin ich«, so berechnete er an

den Fingern die Lage. »Wäre jener Schuft, jener Feigling, der sich vor

mir aufs Meer geflüchtet hat, zur Stelle, er dürfte den heutigen Abend

nicht erleben. Aber er ist vor mir geflohen,« der Gedanke fraß sich

immer tiefer in sein Hirn, »er hat sich feige davongemacht, um meiner

Rache zu entfliehen, da er doch wissen mußte, daß ich bald kommen, daß

ich bald erscheinen werde, um die Schmach zu tilgen. Und da sind jetzt

die beiden Frauen: was bleibt mir anderes übrig, als gleiches Unrecht

mit gleichem Unrecht zu zahlen, als seine Schwester so unglücklich zu

machen, als er meine Schwester fürs ganze Leben elend gemacht hat! Und

wenn er heimkehrt, dann soll er alle Qualen durchfühlen, die ich in den

letzten Wochen gelitten, und dann will ich vor ihn hintreten, offen und

ehrlich, wie es einem Ritter ziemt, und er soll mir Rechenschaft geben

und ich will ihm Rechenschaft geben. So ist es!«

Damit machte er den Strich unter seine Rechnung, damit zog er die Summe

ihrer einzelnen Zahlen, damit beschwichtigte er sein Gewissen, bis es

einschlief. Ein heißes Gefühl der Zufriedenheit durchfloß ihn, er konnte

nicht mehr sitzen bleiben, es trieb ihn ins Freie und eine glühende

Ungeduld jagte ihn durch die Gassen Roms. Er konnte den Morgen kaum

erwarten und freute sich auf die kommenden Ereignisse wie ein

kraftstrotzender Jüngling auf ein Turnier, daraus er als Sieger

hervorgehen muß. Und er war auf dem Ritte nach Bosco rado durch den

herrlichen, klaren Frühherbstmorgen übermütig und glücklich wie nur je.

»Erzähle mir von Francesca, Emilio,« sagte er, da sie einen steiler

werdenden Pfad emporritten, »ist sie schön, ist sie liebenswert, hat sie

einen Liebsten?«

Er mußte von Francesca sprechen, er drängte sein Pferd ganz nahe an den

Schimmel Emilios, er fühlte, daß er sich mit seiner Frage in die Gefahr

begab, etwas zu verraten, aber gerade dies reizte ihn, er mußte fragen:

»Ist sie wirklich so schön, wie alle Welt sagt? Und hat sie ihr Herz

schon jemandem vergeben? Mich gelüstet nach Abenteuern, weißt du, ich

sehne mich nach Heiterkeit und Liebe! Und Liebe!« wiederholte er, da

Emilio schwieg.

Emilio hatte sich bei den Fragen seines Genossen erst abgewendet; dann

klopfte er seinem Rosse den Bug, und nun schaute er Riccardo mit einem

großen und ernsten Blicke an, er saß steil und wie aus Erz gegossen im

Sattel und sprach dann mit einer Stimme, die zu schwer für die schlichte

Antwort war:

»Du irrst, Riccardo Fabbri, Francesca ist eine römische Adelige, sie ist

nicht für Abenteuer geboren, sie ist eine Palma!«

»Und meine Schwester ist eine Fabbri!« wollte Riccardo antworten. Aber

er hemmte sich.

»Du sagst mir nichts Neues, sie ist eine Palma!« versuchte er seine

Frage abzuschwächen. »Und ich habe nichts anderes gefragt, als ob sie

schön sei. Du willst meine Frage nicht beantworten,« setzte er dann

munter hinzu, »du willst mich überraschen! Ich danke dir!«

Er lachte gezwungen, aber seine Heiterkeit war verschwunden, er empfand

die Demütigung in den Worten Emilios, er fühlte, wie ihn Spada an den

Abstand gemahnte, der den armen Fabbri von der Gräfin Palma trennte, er

biß sich auf die Lippe und gab, da sie nun in der Ebene ritten, seinem

Pferde die Sporen, daß es in eine rasche Gangart fiel.

Dann aber mäßigte er den Trab seines Pferdes und sagte: »Siehst du, so

närrisch macht mich die Würze dieses Herbstrittes! Sei nicht böse,

Emilio, wir sind jung; schau, wie klar sich die waldigen Berge vom

blauen Himmel heben.«

Und nach einigem Zögern fügte er hinzu, und seine Stimme war weich und

fast zärtlich:

»Ich habe dich noch gar nicht gefragt oder habe es vergessen, Emilio, ob

du Geschwister hast?«

»Ja, Riccardo,« sagte Spada, »ich habe zwei Schwestern, eine ist

vermählt und wohnt im Toskanischen, und zu Hause habe ich meine kleine,

liebe Maria, die Freundin Francescas, die du bald sehen wirst.«

Er hob den Arm und wies Riccardo mitten im hügeligen Walde einen hellen

Fleck. »Dort ist Bosco rado und dort drüben, nicht weit von jener

Waldlichtung, sitzen die Palma.«

Er lächelte und reichte Riccardo die Hand hinüber. »Dort wirst du meine

Antwort von vorhin verstehen!«

»Ja, dort werden wir uns erst recht verstehen!« erwiderte Riccardo.

Und sie ritten scharf drauflos, um recht bald nach Bosco rado zu kommen.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 13 / 38 题