Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein böses Gift, das an ihm
zehrte. Er legte sich mit dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu
Bette, er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, und sah
sie klagend durch das Elternhaus irren, mit gesenktem Blick und
ängstlich, den Augen der geliebten Mutter zu begegnen. Er träumte, wie
seine Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg zimmerte, ihr
verlorenes Leben hineinzulegen, und er erwachte unglücklich und
zerquält. Dann irrte er in der Umgebung Roms umher und fand einen Ort,
von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres aufleuchten sah. Dort
stand er in der Sonnenglut, mit angestrengtem Blicke, ob nicht das
Geschwader dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und wenn ihm
seine erhitzten Augen ein Schiff vortäuschten, dann hob er die Arme, als
ob er ihm entgegenfliegen wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn
er den Irrtum einsah. Beppino erschrak über seinen Herrn, wenn er dann
müde und verstört heimkehrte in ihre armselige Herberge, und wagte wohl
einmal eine schüchterne Bemerkung, der gnädige Herr möge sich vor dem
Fieber in acht nehmen und ob sie nicht wieder lieber nach Genua
heimkehren wollten. Da traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen
Riccardos, daß er fürderhin schwieg und sich seufzend zurückzog. Und so
lungerte Beppo in den Gassen Roms und auf den Plätzen herum, bis er
eines Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen Flotte traf, der
gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswürdigen Offizier und
Verwandten des Papstes, in Rom weilte.
Dem erzählte er seine Sorgen um seinen Herrn und es stieg ein stiller
Plan in ihm auf, die beiden Offiziere zusammenzubringen, und er führte
auch mit Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben trefflich durch.
Der erzählte seinem Herrn, dem Nobile da Spada, daß er dem edlen Herrn
Fabbri begegnet sei, wie elend er aussehe, und daß er ausgeforscht habe,
daß er in der Via angusta wohne; ob der Herr ihn nicht dort einmal
aufsuchen wolle, denn es müsse schlecht um ihn stehen. Das sagte der
Offizier gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete er schon
am nächsten Tage auf seinen Kriegsgefährten und traf ihn auch, da er aus
der kleinen Herberge in der Via angusta heraustrat.
»Riccardo Fabbri,« rief er scheinbar überrascht, »bist du’s oder ist es
dein Schatten, der hier durch diese vermaledeit enge Gasse wandelt?
Sprich rasch, denn schon scheint es mir, mein Herr, als hätte ich einen
Fremden für meinen Kameraden Fabbri angesprochen!«
Er zog den Hut und machte eine höfliche Verbeugung vor Riccardo, der
wirklich erst einen Augenblick zögerte, ob er sich verstellen und fremd
tun solle. Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung peinlich,
er wollte hier, in dieser schmutzigen Gasse, nicht gern erkannt werden,
auch fürchtete er gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pläne.
Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als er mit Emilio immer
aufs beste ausgekommen war und auf dessen lachendem Gesichte die Freude
des Wiedersehens zu deutlich leuchtete.
»Freilich bin ich’s, mein lieber da Spada!« sagte er also und trat auf
den Kameraden zu, ihm die Hand zu reichen. »Ich bin in Angelegenheit
meiner Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.«
Und er log mit diesen Worten nicht, denn er glaubte in diesem
Augenblicke des Sichentdecktfühlens selbst daran, daß er nun aus Rom weg
müsse.
»Das wirst du gewiß nicht tun,« sagte Emilio herzlich; »wir waren immer
gute Kameraden, Riccardo, und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du
meine Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner Heimat
gesehen hast!«
Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino im Tore der Herberge
stand, und sagte ihm einige rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter
den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in dieser Nacht schlief Riccardo
schon im Palaste der Spada.