IV.

Nun wurde seine Sehnsucht nach Rache wie ein böses Gift, das an ihm

zehrte. Er legte sich mit dem Gedanken an seine entehrte Schwester zu

Bette, er sah sie im Traume, wie er sie einst verlassen hatte, und sah

sie klagend durch das Elternhaus irren, mit gesenktem Blick und

ängstlich, den Augen der geliebten Mutter zu begegnen. Er träumte, wie

seine Mutter aus den Brettern ihrer Bettstatt einen Sarg zimmerte, ihr

verlorenes Leben hineinzulegen, und er erwachte unglücklich und

zerquält. Dann irrte er in der Umgebung Roms umher und fand einen Ort,

von dem aus er einen fernen Streifen des Meeres aufleuchten sah. Dort

stand er in der Sonnenglut, mit angestrengtem Blicke, ob nicht das

Geschwader dort auftauchen wolle, nach dem er sich sehnte. Und wenn ihm

seine erhitzten Augen ein Schiff vortäuschten, dann hob er die Arme, als

ob er ihm entgegenfliegen wollte, um sie kraftlos sinken zu lassen, wenn

er den Irrtum einsah. Beppino erschrak über seinen Herrn, wenn er dann

müde und verstört heimkehrte in ihre armselige Herberge, und wagte wohl

einmal eine schüchterne Bemerkung, der gnädige Herr möge sich vor dem

Fieber in acht nehmen und ob sie nicht wieder lieber nach Genua

heimkehren wollten. Da traf ihn aber ein so harter Blick aus den Augen

Riccardos, daß er fürderhin schwieg und sich seufzend zurückzog. Und so

lungerte Beppo in den Gassen Roms und auf den Plätzen herum, bis er

eines Tages einen anderen Matrosen von der genuesischen Flotte traf, der

gleich ihm mit seinem Herrn, einem liebenswürdigen Offizier und

Verwandten des Papstes, in Rom weilte.

Dem erzählte er seine Sorgen um seinen Herrn und es stieg ein stiller

Plan in ihm auf, die beiden Offiziere zusammenzubringen, und er führte

auch mit Hilfe seines Kameraden Tonio sein Vorhaben trefflich durch.

Der erzählte seinem Herrn, dem Nobile da Spada, daß er dem edlen Herrn

Fabbri begegnet sei, wie elend er aussehe, und daß er ausgeforscht habe,

daß er in der Via angusta wohne; ob der Herr ihn nicht dort einmal

aufsuchen wolle, denn es müsse schlecht um ihn stehen. Das sagte der

Offizier gerne zu, da er Riccardo zugetan war, und so wartete er schon

am nächsten Tage auf seinen Kriegsgefährten und traf ihn auch, da er aus

der kleinen Herberge in der Via angusta heraustrat.

»Riccardo Fabbri,« rief er scheinbar überrascht, »bist du’s oder ist es

dein Schatten, der hier durch diese vermaledeit enge Gasse wandelt?

Sprich rasch, denn schon scheint es mir, mein Herr, als hätte ich einen

Fremden für meinen Kameraden Fabbri angesprochen!«

Er zog den Hut und machte eine höfliche Verbeugung vor Riccardo, der

wirklich erst einen Augenblick zögerte, ob er sich verstellen und fremd

tun solle. Denn im ersten Augenblicke war ihm diese Begegnung peinlich,

er wollte hier, in dieser schmutzigen Gasse, nicht gern erkannt werden,

auch fürchtete er gleich eine Behinderung seiner unbestimmten Pläne.

Dann aber siegte seine Ehrlichkeit um so eher, als er mit Emilio immer

aufs beste ausgekommen war und auf dessen lachendem Gesichte die Freude

des Wiedersehens zu deutlich leuchtete.

»Freilich bin ich’s, mein lieber da Spada!« sagte er also und trat auf

den Kameraden zu, ihm die Hand zu reichen. »Ich bin in Angelegenheit

meiner Familie hier gewesen und will nun bald Rom verlassen.«

Und er log mit diesen Worten nicht, denn er glaubte in diesem

Augenblicke des Sichentdecktfühlens selbst daran, daß er nun aus Rom weg

müsse.

»Das wirst du gewiß nicht tun,« sagte Emilio herzlich; »wir waren immer

gute Kameraden, Riccardo, und du darfst aus Rom nicht scheiden, ehe du

meine Eltern besucht und mit mir die Herrlichkeiten meiner Heimat

gesehen hast!«

Dabei winkte er seinem Diener, der mit Beppino im Tore der Herberge

stand, und sagte ihm einige rasche Worte. Dann nahm er Riccardo unter

den Arm und zog ihn lachend weiter. Und in dieser Nacht schlief Riccardo

schon im Palaste der Spada.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 11 / 38 题