III.

Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum großen

Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald

schien er der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwärmten

die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemüt

ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel saß und immer wieder

mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, die er dabei mit den

Patriziersöhnen hatte, erfuhr er nur, welch prächtiger Kumpan Ermete

Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und

Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine

überschäumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wären fast auf Riccardos

Schwester eifersüchtig geworden, da er diese immer als ein Muster von

Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie

gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der

junge Römer gewendet habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem

der Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, daß er

plötzlich abberufen worden sei, um auf einem römischen Schiffe an einem

Kriegszuge teilzunehmen.

Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten mußte, so den Gegenstand

seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, daß die andere Mitteilung

seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nächsten Morgen aus

und gegen Rom, zum großen Erstaunen und Ärger der jungen Genueser, denen

seine Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen hatte.

Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick

wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen,

seine Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg erkämpft hätte,

als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen könnte.

Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in

der römischen Aristokratie, das unermeßlichen Reichtum mit großer

Kunstliebe und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu verbringen,

vereinte. Die Palma bewohnten einen großen und herrlichen Palast in der

Stadt; alle Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals von den

Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze alter und neuer Kunst waren

in diesem im edelsten Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem

alle hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise

verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in

seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben

hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als

wahrhaftes Künstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese tätige

Beschäftigung mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach

erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer

Freund der Künstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von

ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht

viel übergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmückerin

liebte und gern mit den freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus

Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus wirklichem

Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude

des Hauses, die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die Romanzen jener

Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern über ihre Verse

sprach, die sie als ihre Schutzgöttin besangen und feierten.

Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmückten

Hallen, die eines Königs würdig waren, erregten Herzens dahinschritt,

da war es ihm, als ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem

ungemeinen Reichtum schwankend würde, als wäre er mit seinem Hasse in

eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, weit von jeder Not des

Lebens entfernt läge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn

über sein schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der

einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, daß der sich

nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jämmerlich Menschen

ihr Dasein fristen können. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers

gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Haß flammte um so glühender

in die Höhe, er umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine

brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, der Sohn eines

verarmten Edelmannes, dieses verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß

entreißen und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah im Geiste das

ärmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah

die beiden zerstörten Frauen durch die öden Räume schleichen, seine

entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für beneidenswert

hielt, weil _er_ sie seiner Umarmung gewürdigt hatte! Und Riccardo

umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause,

durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er ihm jetzt

entgegentreten würde, das fühlte er, dann würde er ihn, ohne ein Wort zu

sprechen, niederstoßen.

Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach seinen Wünschen. »Ob er

den Grafen Palma sprechen könne?«

»Nein, die Herrschaften sind für einige Wochen auf ihren Schlössern.«

Riccardo aber sagte ungeduldig, er wolle den jungen Grafen sprechen.

»O,« sagte der Diener, »unser junger Herr, der ist überhaupt jetzt nicht

zu sprechen! Der ist vor etwa vier Monaten mit der Flotte nach

Kleinasien gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres

heimkehren!«

»Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weißt du das wirklich? Ist das keine

Ausflucht?« fuhr Riccardo empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn

dieser Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser Offiziere,

daß Ermete vielleicht gar nicht in Rom sei, ganz vergessen, weil er sie

vergessen wollte; er hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar

nahe schien ihm der Augenblick seiner Rache. »Weißt du das sicher?«

wiederholte er.

»Ganz sicher, Herr! Übrigens kann Euer Gnaden noch nähere Auskunft bei

unserer Herrschaft erfahren, draußen in Selva nera, wo jetzt der ganze

römische Adel versammelt ist.«

»Ja, ja, das will ich tun,« sagte Riccardo; und er verließ den Palast

mit glanzlosem Blick, enttäuscht und hoffnungslos, und irrte lang durch

die Straßen Roms, unfähig, einen Plan zu entwerfen, unglücklich und

zerschmettert.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 10 / 38 题