Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum großen
Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald
schien er der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwärmten
die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemüt
ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel saß und immer wieder
mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, die er dabei mit den
Patriziersöhnen hatte, erfuhr er nur, welch prächtiger Kumpan Ermete
Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und
Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine
überschäumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wären fast auf Riccardos
Schwester eifersüchtig geworden, da er diese immer als ein Muster von
Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie
gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der
junge Römer gewendet habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem
der Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, daß er
plötzlich abberufen worden sei, um auf einem römischen Schiffe an einem
Kriegszuge teilzunehmen.
Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten mußte, so den Gegenstand
seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, daß die andere Mitteilung
seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nächsten Morgen aus
und gegen Rom, zum großen Erstaunen und Ärger der jungen Genueser, denen
seine Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen hatte.
Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick
wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen,
seine Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg erkämpft hätte,
als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen könnte.
Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in
der römischen Aristokratie, das unermeßlichen Reichtum mit großer
Kunstliebe und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu verbringen,
vereinte. Die Palma bewohnten einen großen und herrlichen Palast in der
Stadt; alle Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals von den
Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze alter und neuer Kunst waren
in diesem im edelsten Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem
alle hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise
verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in
seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben
hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als
wahrhaftes Künstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese tätige
Beschäftigung mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach
erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer
Freund der Künstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von
ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht
viel übergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmückerin
liebte und gern mit den freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus
Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus wirklichem
Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude
des Hauses, die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die Romanzen jener
Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern über ihre Verse
sprach, die sie als ihre Schutzgöttin besangen und feierten.
Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmückten
Hallen, die eines Königs würdig waren, erregten Herzens dahinschritt,
da war es ihm, als ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem
ungemeinen Reichtum schwankend würde, als wäre er mit seinem Hasse in
eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, weit von jeder Not des
Lebens entfernt läge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn
über sein schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der
einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, daß der sich
nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jämmerlich Menschen
ihr Dasein fristen können. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers
gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Haß flammte um so glühender
in die Höhe, er umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine
brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, der Sohn eines
verarmten Edelmannes, dieses verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß
entreißen und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah im Geiste das
ärmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah
die beiden zerstörten Frauen durch die öden Räume schleichen, seine
entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für beneidenswert
hielt, weil _er_ sie seiner Umarmung gewürdigt hatte! Und Riccardo
umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause,
durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er ihm jetzt
entgegentreten würde, das fühlte er, dann würde er ihn, ohne ein Wort zu
sprechen, niederstoßen.
Da trat ein Diener auf ihn zu und fragte nach seinen Wünschen. »Ob er
den Grafen Palma sprechen könne?«
»Nein, die Herrschaften sind für einige Wochen auf ihren Schlössern.«
Riccardo aber sagte ungeduldig, er wolle den jungen Grafen sprechen.
»O,« sagte der Diener, »unser junger Herr, der ist überhaupt jetzt nicht
zu sprechen! Der ist vor etwa vier Monaten mit der Flotte nach
Kleinasien gefahren, der wird wohl erst gegen Ende des Jahres
heimkehren!«
»Gegen Ende des Jahres?! Mensch, weißt du das wirklich? Ist das keine
Ausflucht?« fuhr Riccardo empor. Er schwankte, so unvorbereitet traf ihn
dieser Bescheid; denn er hatte die Mitteilung der Genueser Offiziere,
daß Ermete vielleicht gar nicht in Rom sei, ganz vergessen, weil er sie
vergessen wollte; er hatte gar nicht mehr daran gedacht, so greifbar
nahe schien ihm der Augenblick seiner Rache. »Weißt du das sicher?«
wiederholte er.
»Ganz sicher, Herr! Übrigens kann Euer Gnaden noch nähere Auskunft bei
unserer Herrschaft erfahren, draußen in Selva nera, wo jetzt der ganze
römische Adel versammelt ist.«
»Ja, ja, das will ich tun,« sagte Riccardo; und er verließ den Palast
mit glanzlosem Blick, enttäuscht und hoffnungslos, und irrte lang durch
die Straßen Roms, unfähig, einen Plan zu entwerfen, unglücklich und
zerschmettert.