II.

Der Tag, der diese böse Nacht ablöste, war ein strahlender Sommertag,

und die Sonne leuchtete vom Himmel, als wäre die Welt voll Glücks und

Jubels. Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine unglückliche

Schwester nur noch zerstörter zeigte und ihm keine Runzel in dem

vergrämten Antlitz seiner Mutter ersparte. Ein tiefes Weh füllte sein

Herz, als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah in einer ewigen

Unrast, als trauten sie sich nicht, laut aufzutreten oder bei dem so

sehnsüchtig Erwarteten zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. Er hatte

schon früh am Morgen Beppino zu sich gerufen und ihm befohlen, die

prunkenden Stoffe und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine Lieben

nicht durch die freudigen Gewänder in ihrem dunklen Leid zu kränken;

dann hatte er in kurzen Worten dem Diener, der wohl schon von dem

Unheil gehört hatte, auseinandergesetzt, daß sie nicht lange hier

bleiben würden, da er bald eine große Reise antreten müsse. Beppino

hatte stumm das Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, und

dachte sich wohl, was für ein Ziel seinen unglücklichen Herrn wieder in

die Fremde trieb. Dann hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der

Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit erfuhr.

Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um

Nachrichten über ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten

Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und Freude

aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren

Patrizierfamilien verschwägert waren; so ließ man die Frauen denn nicht

gleich wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts über ihren

Sohn hatten erfahren können; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein

junger römischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders,

zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit Emilias

entzückt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine

Bewunderung nicht hatte unterdrücken können. Und als dann die Frauen

wieder heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen Genueser

Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten

und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie

ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in

der Mutter waren fröhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines

edlen und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und

aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber einer jener allzu

liebenswürdigen Jünglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil

schöne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer

jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, um seine

Betörungskünste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen

geglückt war. Aber so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden

waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter,

rein und mädchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles

gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches

Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei der Graf verschwunden, ohne

auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglückliche zu hinterlassen, und

nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten

Umfrage halten lassen, habe niemand gewußt, wohin sich Graf Palma

gewendet habe.

»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte Riccardo gesagt, »verlaß

dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur

keine Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!«

Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht oder die Schwester getröstet

hätte, ritt er am nächsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua

zurück, um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte kein

bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer beginnen würde, wenn er ihn

erst fände, ob er ihn töten oder zu seiner Schwester zurückbringen

wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in

die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rächen. Und während ihres

schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die

Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um

aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache vor sich hinmurmelte.

Dann ritten sie abends in Genua ein.

Das blaue Fenster: Novellen · 第 9 / 38 题