Der Tag, der diese böse Nacht ablöste, war ein strahlender Sommertag,
und die Sonne leuchtete vom Himmel, als wäre die Welt voll Glücks und
Jubels. Riccardo aber fluchte dieser Sonne, die ihm seine unglückliche
Schwester nur noch zerstörter zeigte und ihm keine Runzel in dem
vergrämten Antlitz seiner Mutter ersparte. Ein tiefes Weh füllte sein
Herz, als er die beiden durch die Zimmer schleichen sah in einer ewigen
Unrast, als trauten sie sich nicht, laut aufzutreten oder bei dem so
sehnsüchtig Erwarteten zu sitzen und sich an ihn anzuschmiegen. Er hatte
schon früh am Morgen Beppino zu sich gerufen und ihm befohlen, die
prunkenden Stoffe und Geschenke auf den Boden zu tragen, um seine Lieben
nicht durch die freudigen Gewänder in ihrem dunklen Leid zu kränken;
dann hatte er in kurzen Worten dem Diener, der wohl schon von dem
Unheil gehört hatte, auseinandergesetzt, daß sie nicht lange hier
bleiben würden, da er bald eine große Reise antreten müsse. Beppino
hatte stumm das Haupt geneigt, gewohnt zu gehorchen, ohne zu fragen, und
dachte sich wohl, was für ein Ziel seinen unglücklichen Herrn wieder in
die Fremde trieb. Dann hatte Riccardo eine lange Unterredung mit der
Mutter, in der er den Hergang der traurigen Begebenheit erfuhr.
Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um
Nachrichten über ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten
Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und Freude
aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren
Patrizierfamilien verschwägert waren; so ließ man die Frauen denn nicht
gleich wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts über ihren
Sohn hatten erfahren können; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein
junger römischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders,
zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit Emilias
entzückt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine
Bewunderung nicht hatte unterdrücken können. Und als dann die Frauen
wieder heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen Genueser
Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten
und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie
ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in
der Mutter waren fröhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines
edlen und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und
aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber einer jener allzu
liebenswürdigen Jünglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil
schöne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer
jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, um seine
Betörungskünste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen
geglückt war. Aber so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden
waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter,
rein und mädchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles
gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches
Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei der Graf verschwunden, ohne
auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglückliche zu hinterlassen, und
nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten
Umfrage halten lassen, habe niemand gewußt, wohin sich Graf Palma
gewendet habe.
»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte Riccardo gesagt, »verlaß
dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur
keine Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!«
Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht oder die Schwester getröstet
hätte, ritt er am nächsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua
zurück, um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte kein
bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer beginnen würde, wenn er ihn
erst fände, ob er ihn töten oder zu seiner Schwester zurückbringen
wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in
die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rächen. Und während ihres
schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die
Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um
aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache vor sich hinmurmelte.
Dann ritten sie abends in Genua ein.