Etwa sechs Wegstunden nördlich von Genua, in einem jener schmalen Täler,
über welche jetzt auf kühnen Viadukten die Eisenbahn dahinsaust, lag zur
Zeit, da diese Begebenheit sich abspielt, ein einsames Gehöft derer von
Fabbri, eine Art Landhaus, welches aber von den Leuten ringsum ›das
Schloß‹ genannt wurde. Die Fabbri waren verarmte Edelleute, die von
ihren großen und weitläufigen Besitzungen nur dieses unansehnliche Haus
gerettet hatten und nun in einer schwer ertragenen, durch ihre
schlechten Verhältnisse aber notwendigen Verbannung hinlebten.
Diesem Schlosse nun ritt an einem trüben Spätsommernachmittage ein
junger und vornehm aussehender Offizier zu, von einem Diener gefolgt,
der auf seinem Gaule in zwei geschwollenen Mantelsäcken das Gepäck des
Herrn führte. Der hieß Riccardo Fabbri und war ein
sechsundzwanzigjähriger, schlanker Mann, der eben von einem jener kühnen
Seezüge zurückkehrte, durch welche sich Genua in jenen Zeitläuften zu so
großem und verdientem Ansehen aufgeschwungen hatte. Er hatte als
Seeoffizier das Unternehmen mitgemacht und sich durch seine Tapferkeit
den Ruf eines tüchtigen, aussichtsreichen Edlen erworben, der allen
Grund hatte, das Wiedersehen mit seiner Familie, die durch zwei Jahre
ohne Nachricht von ihm geblieben war, herbeizusehnen; mit einem geheimen
Seufzer freilich, daß sein herrlicher Vater, der vor mehreren Jahren
vergrämt über seine Armut gestorben war, nicht mehr das Glück
mitgenießen durfte, seinen Sohn so stattlich und hoffnungsvoll
heimkehren zu sehen, dessen ganze Sehnsucht denn Mutter und Schwester
umschloß. Er war auch kaum ans Land gestiegen, als er schon mit der
ganzen Liebe seines zärtlichen Herzens danach verlangte, in ihr einsames
Haus zu kommen, ungeachtet der Feste und Huldigungen, die das glückliche
Genua seinen heimkehrenden Söhnen bereitete. So hatte er denn zwei
Pferde gekauft und seinen Diener mitgenommen, weil er nicht ohne einen
gewissen Glanz nach Hause zurückkommen wollte, in einer verzeihlichen
Regung der Eitelkeit, und weil er wußte, in welchen glanzvollen Träumen
von Glück und Reichtum die Frauen zu Hause ihr kärgliches Leben
fristeten. Er brachte ihnen aus den fernen Ländern, in denen er
gefochten hatte, die herrlichsten Seidenstoffe und Gewebe mit und
freute sich die ganze Zeit über auf die Szene, die sein Erscheinen und
die Bewunderung der mitgebrachten Schätze hervorrufen würde, so daß er
eigentlich dem Himmel ein wenig zürnte, daß er bei seiner Heimkunft ein
so unfreundliches Gesicht machte und seinen Triumph nicht mit
Sonnenglanz und Leuchten verherrlichte. Doch er war zu jung, als daß er
sich dadurch hätte seine Laune verderben lassen; er sang vielmehr
fröhlich vor sich hin oder streichelte zärtlich den Hals seines Pferdes,
das dann freudig wiehernd seinen Kopf wendete und ihm mit ernsten Augen
dankte.
»Du wirst bald im Stalle stehen, mein Lieber,« sagte der Offizier dann
zu dem Pferde, »greife nur tüchtig aus und gib mir hübsch auf den Weg
acht! Dein Pferd, Beppino,« wandte er sich zu dem Diener, »scheint auch
lieber auf dem Strande Lasten zu ziehen, als so einen braven Matrosen,
wie du einer bist, zu tragen. Schau, wie es den Kopf hängen läßt!«
»Vielleicht liegt’s an mir, Signor,« lachte der Diener, »ich bin seit
meinen Kinderjahren nicht mehr im Sattel gesessen und meine
Matrosenbeine wollen nicht mehr den rechten Schenkeldruck zustande
bringen; ich könnte ordentlich seekrank werden bei diesem langweiligen
Hinundherschaukeln. Na, in einer Stunde sind wir wohl im Hafen!«
Er gab mit der Gerte seinem Gaule einen leichten Schlag und suchte
seinem Herrn näher zu kommen.
So ritten sie weiter; es war fast dunkel geworden, und endlich, endlich
sahen sie das einsame Schloß auf dem Hügel daliegen. Riccardo klopfte
das Herz, er mußte zwei, dreimal ordentlich schlucken, um die Rührung zu
verbeißen; für so weichmütig hatte er sich nicht gehalten! Dann aber,
als auch die Pferde den nahen Stall witterten, ging es rasch die Anhöhe
hinauf und sie pochten an dem verschlossenen Tore. Und endlich, nachdem
ein paar Stimmen laut geworden und Riccardo die alte Marietta an ihrem
»Heiligste Madonna, unser junger Herr!« erkannt hatte, ritten sie in den
Hof ein und schwangen sich lachend von den Pferden.
Wie deutlich hatte sich Riccardo in den langen Nächten, da er die Wache
auf seinem Schiffe hatte, die Heimkehr mit ihrer Erregung und Freude
ausgemalt, jede Bewegung, jeden Ausruf, der ihn als Ausbruch
mütterlicher Zärtlichkeit und schwesterlicher Liebe beglücken sollte!
Denn er hatte noch nie die wahre, echte Liebe erlebt, so daß seine
Sehnsucht nur den beiden Frauen galt, von denen er wußte, daß auch nur
er den Inhalt ihrer Gedanken bildete. Als er nun in dem Familienzimmer
harrend auf und nieder ging, in dem er jedes Gerät kannte und das nun
ganz mit den Schleiern der Dämmerung verhüllt war, da fühlte er wirklich
eine Bitterkeit gegen das Dunkel, das ihm das Zimmer so klein und modrig
machte, da er es sich doch so groß und herrlich vorgestellt hatte. Als
aber dann – endlich – die Mutter die Tür aufriß und mit einem »Riccardo,
mein lieber, lieber Riccardo!« in seine Arme eilte, da verschwand
jegliches andere Gefühl in seinem Herzen, er umarmte nur immer wieder
die zitternde Frau und suchte immer wieder ihre bebenden Lippen. Tränen
flossen aus ihren Augen und ein Krampf erschütterte ihre schmächtige
Gestalt. Da konnte auch Riccardo sein Gefühl nicht mehr bemeistern, er
wiederholte nur immer wieder die Worte »Mutter, meine liebe Mutter«,
wobei auch ihm große Tropfen über die Wangen liefen.
Es war aber nach dem ersten Ansturm bei der Mutter nicht nur der
Ausbruch der innigen Zärtlichkeit, die sie erbeben ließ, sondern auch
ein tiefer, zehrender Schmerz, den sie lange Monate hindurch in sich
niedergekämpft hatte und dessen Ursache der arme Riccardo bald erfahren
sollte; so daß sie ihn, da er nach seiner Schwester fragen wollte, wie
in einer großen Angst nur um so inniger umarmte und an sich preßte, als
könnte sie dadurch die Beantwortung dieser quälenden Frage weit, weit
hinausschieben.
Aber endlich, da ihn eine große Unruhe ergriffen und er die Mutter
beschworen hatte, ihm alles zu erzählen, aufs Argste gefaßt, daß die
geliebte Emilia krank oder, um Himmels willen, in seiner Abwesenheit
gestorben sei, da erfuhr er, daß etwas noch Schlimmeres sich ereignet
habe, etwas Entsetzliches, das ihm unfaßbar war und das ihn vernichtete,
so daß er lange mit leeren Augen in die Dunkelheit des Zimmers und der
Zukunft starren mußte.
Seine Emilie, seine herrliche Schwester entehrt, verführt! Er hörte
nicht mehr die Worte seiner Mutter, die ihn unter Tränen anflehte, sich
zu fassen, um Gottes und Christi Barmherzigkeit willen Emilia diesen
Schmerz nicht entgelten zu lassen, die ohnehin gestraft und unglücklich
sei: er wußte gar nicht, daß nun Emilia neben ihm stand, ein Bild des
Jammers und der schrecklichsten Zerstörung, daß sie an seinem Herzen
weinte und stöhnte, er starrte nur fassungslos und ohne Besinnung vor
sich ins Leere, ohne Gedanken, ja ohne Gefühl. Es war ihm, als stünde
sein Herz erschrocken in seiner Brust still und es gäbe kein Leben,
keine Zeit, keinen Raum, nur Finsternis, grenzenlose Finsternis. Dann
aber durchtobte ihn ein glühender Schmerz, er rang nach Luft, er reckte
sich empor, er griff um sich und stürzte besinnungslos in die Arme
seiner Mutter.
So ward seine Heimkehr, um derentwillen er die Entbehrungen und Mühen
der vergangenen Jahre so freudig ertragen hatte und die ihm als ein
Leuchtturm mit klarem Lichte den Weg gewiesen, zum traurigsten
Ereignisse seines Lebens, das alle seine Hoffnungen zerstörte, seinen
Stolz beugte, sein Glück höhnte und alle Pläne, die er für die Zukunft
geschmiedet hatte, vernichtete, für die Zukunft, durch die seine Mutter
und seine geliebte Emilia wie durch herrliche Schloßgemächer in Glanz
und Glück hätten schreiten sollen.
Und die dunkle Nacht, darein der Unglückliche ohne Frieden starrte,
schien ihm nur der Beginn einer dunklen, sonnenleeren Reihe von Jahren,
in denen er aber eine Aufgabe haben sollte, die ihn aufrechterhielt:
Rache an dem Verführer ....