Durchaus im europäisch-pariserischen Stile gehalten sind die

»Beuglants«. Es giebt deren in unmittelbarer Nähe der kurzen Avenue de

France nahezu ein Dutzend, die sich durchweg mit dem Namen der großen

Pariser Tingel-Tangels brüsten. Man trifft da eine »~Horloge~«, ein

»~Café des Ambassadeurs~«, ein »~Grand Eden~« u. s. w. Gepflegt wird

hauptsächlich das französische Chanson und der Pariser Cancan. Die

Leistungen sind fast durchweg gräßliche. Es muß ein ungelöstes Räthsel

bleiben, wie es den artistischen Leitern der besagten Etablissements

gelungen ist, eine solche Menge ältlicher, häßlicher und total

stimmloser Damen aufzutreiben. Die Eintrittspreise sind freilich sehr

niedrig bemessen, aber der Besuch einer Vorstellung wird trotzdem

ziemlich kostspielig durch die Sitte des Einsammelns seitens der

»Künstler«. Wie eine Fußnote des Programms ausdrücklich mittheilt,

erhalten die Artisten seitens der Direction nur die Beköstigung und

sind im Uebrigen auf die Erträgnisse des Sammelganges angewiesen. Sowie

also die Chansonnette ihre Nummer erledigt hat, schlägt sie ein Tuch

um die entblößten Schultern und steigt zum Volke herab. Sie ist dabei

bescheidener als ihre arabische Collegin, denn der übliche Obolus im

Betrage von einem Sou wird stets mit Dank in Empfang genommen. Da aber

ungefähr 20 Damen an der Vorstellung theilnehmen, deren Jede bei der

Kürze ihrer Nummern zwei- bis dreimal zum Sammeln kommt, so ergiebt

sich ein ganz nettes Sümmchen, das der Besucher für die zweifelhaften

Genüsse aufzuwenden hat. Das Hübscheste an den Vorstellungen sind

allerlei Episoden, die nicht auf dem Programm stehen. So geschah es

eines Abends im ~Grand Eden~, daß ein mißmuthiger Araber sich nicht nur

weigerte, seinen Sou zu spenden, sondern der drängenden Sängerin noch

einen Fußtritt versetzte. Auf der Stelle erhielt er von zarter Hand

eine so kolossale Ohrfeige, daß er buchstäblich vom Stuhle fiel. Als

das Publicum dieser muskulösen Vertreterin des schwachen Geschlechts

Ovationen brachte, lehnte sie diese bescheiden mit dem Bemerken ab, sie

sei früher -- »Kraftdame« gewesen.

Ein anderes Intermezzo ereignete sich in den »~Ambassadeurs~«, wo Mr.

Rheyal de Paris, »~diseur des chansons rabelaisiennes~« auftrat. Das

Chantant befindet sich in einem offenen Garten, und als Mr. Rheyal sich

gerade mitten in einem seiner saftigsten Vorträge befand, erscholl

plötzlich vom Dache eines Nachbarhauses der liebenswürdige Ruf: »Sie

Possenreißer, hören Sie doch endlich auf mit ihren Schw...! Ganz

verblüfft antwortete Mr. Rheyal: »Aber das Lied ist von Béranger.«

»Mir gleich,« klang es zurück, »Schw... sind es doch.« Man sieht, es

giebt noch streng moralische Leute in Tunis.

Die Umgebung der Stadt bietet manche Gelegenheit zu Ausflügen.

Obligatorisch sozusagen ist natürlich die Fahrt nach Carthago. Man

benutzt hierzu die italienische Eisenbahn von Florio-Rubattino, eine

höchst merkwürdige Anlage. Sie verbindet Tunis mit La Goulette und

La Marsa in einem regelrechten Dreieck. Da die Station für Carthago

zwischen den beiden letztgenannten Orten liegt, so differirt die

Fahrtdauer zwischen 30 Minuten und 1½ Stunden, je nachdem man eine oder

mehrere Seiten des Dreiecks absolviren muß. Um sich in dem verzwickten

Fahrplan dieser Kleinbahn zurecht zu finden, dazu gehört an sich schon

ein beträchtliches Orientirungsvermögen.

Man verläßt den Waggon in La Malka, einem kleinen schmutzigen

Berberdorfe, in dem das Vieh in innigster Gemeinschaft mit dem Menschen

lebt. Der triste Ort verdient aber doch eine eingehendere Besichtigung.

Er ist nämlich auf den Cisternen Carthagos erbaut, die verhältnißmäßig

gut erhalten sind. Die Bewohner benutzen diese Baulichkeiten als

Keller, Ställe oder Sommerfrische. Als ich mich in eine der mächtigen

unterirdischen Wölbungen wagte, störte ich zunächst das Wochenbett

einer Katze, dann traf ich einen ehrwürdigen älteren Herrn, der Wein

pantschte, und endlich drei wild blickende Berber, die bei Fackelschein

einen arabischen Dreimänner-Skat klopften.

Von La Malka aus sind es nur wenige Schritte bis zur Byrsa, dem

Burghügel von Carthago. Er war der Mittelpunkt des wüthenden

Schlachtens, als Scipio seine Legionen gegen die verzweifelten

Carthager führte. Jetzt liegt der niedere Hügel freundlich im

Sonnenlichte, und sein Plateau krönt eine gewaltige, im orientalischen

Stil erbaute Kathedrale, deren impertinent weißer Anstrich das Auge

blendet. Die Kirche verdankt ihr Entstehen dem bekannten Cardinal

Lavigerie, der bei seinem 1892 erfolgten Tode hier beigesetzt wurde.

Außer dieser Grabstätte bietet das in großen Dimensionen gehaltene

Innere nichts Sehenswerthes. Hinter der Kathedrale liegt ein

freundlicher Garten, der einige minderwerthige Antiken, ein kleines

Museum und die Kapelle mit der angeblichen Grabstätte des heiligen

Ludwig beherbergt. Sein Standbild überragt den Altar.

Von den ursprünglichen Riesenbauten der Byrsa ist Nichts erhalten

geblieben. Am östlichen Abhange hat man einige Gräber- und

Häuser-Ueberreste bloßgelegt. Diese stammen aber ersichtlich aus der

späteren, römischen Zeit. Verläßt man den Garten und tritt an den

Nordrand des Hügels, so hat man den vollständigsten Ueberblick über

das Gesammtterrain der alten Carthager-Stadt. Tief unten zur Rechten

erblickt man die beiden in ihrer Form wohl conservirten, kreisrunden

Häfen, den Militär- und den Handels-Hafen. Beide sind durch eine

schmale Landzunge getrennt, über die einst die starke Umfassungsmauer

hinweglief, die den Militärhafen einschloß. Zur Linken erstreckt sich

eine breite, hügelige Einsenkung dreiviertel Stunden weit bis zu

dem steil in's Meer abfallenden Cap Carthago, auf dessen Vorsprüngen

sich ein Leuchtthurm und das stattliche Araberdorf Sidi bou Saïd

erheben. Zwischen der Byrsa und dem Cap lag der Haupttheil der alten

Stadt. Heute sieht man auf diesem Terrain nur ein paar vereinzelte

Häuser, darunter eine der Bruderschaft vom heiligen Ludwig gehörige

Missionsschule. An Ausgrabungen werden gezeigt die Reste einer

römischen Basilika, eine angeblich punische Nekropole mit zahlreichen

unterirdischen Grabgängen, endlich die sogenannten »kleinen Cisternen«,

die von der französischen Verwaltung vollkommen restaurirt worden und

zur Wasserversorgung der Umgegend bereit sind.

Einige authentische Ueberreste des ältesten Carthago finden sich hart

am Ufer des Meeres. Es sind die gewaltigen Unterbauten einer antiken

Construction, wahrhaftige Riesenblöcke, die den Stürmen der Römer

und den Verheerungen der Jahrtausende getrotzt haben. Im Schatten

dieser Trümmer läßt es sich gut ruhen, vor sich das tiefblaue Meer,

über das hie und da ein weißes Segel zieht. Plötzlich wird die

Idylle unterbrochen durch ein langgezogenes, in unmittelbarer Nähe

erklingendes Trompetensignal. Es kommt vom nahen Fort Bordj Djdid. Bjil

Kader, mein kleiner Führer, ein strammer Berberjunge aus der Malka,

meint in seinem gebrochenen, aber ganz passablen Französisch: »Ich

möchte jetzt Zuave sein, denn es bläst zum Essen.« Der kleine Kerl

hat überhaupt schnurrige Einfälle und waltet seines Führeramtes mit

solchem Eifer, daß er mir einen vorbeifahrenden, älteren Herrn als den

(seit Jahren verstorbenen) Cardinal Lavigerie bezeichnet. Es ist Zeit

zur Rückkehr nach der Station. Dort ist der Zug bereits eingetroffen,

aber da der Zugführer gehört hat, daß sich ein Fremder auf Carthago

befinde, so kommt es ihm auf ein paar Minuten Wartens nicht an. Bjil

Kader steckt mit seligem Lächeln die beiden als Extragabe erhaltenen

Cigaretten auf einmal in den Mund und behauptet, daß er jetzt weit

besser dampfe als die Locomotive. Dann leistet sich das Dampfrößlein

einen dünnen Pfiff, und bald sind die öden und doch so reizvollen

Gefilde, auf denen sich einstens eine der größten Culturstätten des

Alterthums befand, dem Blicke entschwunden.

Ein anderer, landschaftlich genußreicher Ausflug führt nach dem am

Ostrande des Golfes von Tunis gelegenen Hammam el Lîf. Die Verbindung

nach dort vermittelt ein Secundärstrang der französischen Eisenbahn.

Schon die kurze Fahrt bietet prächtige Ausblicke. Zur Linken breitet

sich das Meer, zur Rechten läuft eine Hügelreihe, die mit malerischen

Forts, Dörfern und Heiligengräbern besetzt ist. Die Bahntrace führt

geradenwegs auf den seltsam geformten Bou Kornin zu, einen Berg, der

mit seinem lang hingestreckten Vorgelände und seinem Doppelgipfel

einem riesigen, in der Ruhe versteinerten Kameel auf's Haar gleicht.

Am Südhange des Bou Kornin liegt Hammam el Lîf, seit langer Zeit

wegen seiner heißen Schwefelquellen der beliebteste Badeort für die

wohlhabende jüdische und arabische Bevölkerung von Tunis. Neuerdings

hat sich ein französisches Unternehmer-Consortium gebildet, das die

kühne Absicht hegt, Hammam el Lîf zu einem fashionablen Seebade zu

gestalten. Sehr viele Umstände begünstigen die Ausführung des Planes.

Der Strand hat weichen Sandboden, und die Tiefe des Meeres nimmt nur

ganz allmählich zu. Der Wellenschlag ist für südliche Verhältnisse

kräftig, die Lage des Ganzen zauberhaft und die Temperatur angenehm

und milde. Die Gesellschaft hat bereits Straßen abgesteckt, einige

luftige freundliche Villen errichtet und ein imposantes Casino mit

Restaurationsterrasse, Spielsälen, Garten und Sommertheater geschaffen.

Das provisorische Bade-Etablissement ist dagegen ziemlich primitiv. Es

wird trotzdem, hauptsächlich Sonntags, von der französischen Colonie

stark frequentirt.

Der Besuch des Casinos hat allerdings seit vorigem Jahre Rückschritte

gemacht. Damals waren die Spielsäle Abend für Abend überfüllt, denn man

fand dort all die netten, kleinen Spielgelegenheiten, durch die sich

Monaco so vortheilhaft auszeichnet. Vornehmlich die arabisch-jüdische

~jeunesse dorée~ oblag hier mit rühmlichem Eifer dem Roulette. Der

neue französische Gouverneur hat diesem Treiben zur geringen Freude

der Casinogesellschaft ein Ende gemacht, und jetzt beherbergt der

Spielsaal nur noch die zahmen ~petits chevaux~, eine Unterhaltung, die

immerhin in Ermangelung einer besseren lebhaft gewürdigt wird. Es ist

entschieden ersprießlicher, den heißen Raum zu verlassen und sich den

Sonnenuntergang zu betrachten, der Berg und Meer mit den herrlichsten,

fast könnte man sagen unwahrscheinlichsten Farben-Reflexen vergoldet.

Es ist ein selten schönes Fleckchen Erde, dieses Hammam el Lîf, und

es könnte eine gefährliche Concurrenz werden für die heimatlichen

Seebäder, wenn es -- etwas näher zu Berlin läge.

IV.

Vom tunesischen Judenthum.

Werk der ~alliance israélite~ in Tunis. -- Schulen und Schüler.

-- Parienti's Ackerbaucolonie. -- Eine orthodoxe Hochzeit. --

Die genudelte Braut und ihr Toilettenwechsel. -- ~Povero sposo!~

Ein großartiges Unternehmen hat die ~Alliance israélite~ durch die

Begründung ihrer hiesigen Schulen in's Leben gerufen. Die jüdische

Bevölkerung von Tunis beträgt über 40000 Seelen. Für die Kinder

dieser Gemeinde gab es bis in die neueste Zeit nur die primitiven

Rabbinatsschulen, in denen ausschließlich hebräischer Religions-

und Leseunterricht ertheilt wurde. Auf Betreiben des Barons de

Castelnuovo, eines italienischen Philanthropen, richtete die

Alliance ihr Augenmerk hierher und eröffnete 1878 in einem zu diesem

Zwecke erworbenen Hause zuvörderst eine Knabenschule. Trotz des

Mißtrauens, das die Rabbiner und der überwiegende Theil der jüdischen

Bevölkerung gegen die abendländische Neuerung hegten, betrug dennoch

schon die Anfangsfrequenz 750 Schüler, ein Erfolg, der in erster

Reihe dem Umstande zu danken war, daß nicht nur der Unterricht

gratis ertheilt, sondern auch allen Kindern, die darauf Anspruch

machten, freie Beköstigung gewährt wurde. Auch sonst wurde des guten

Zweckes wegen diplomatisch vorgegangen, indem man für den Anfang

den Lehrkörper hauptsächlich mit Rabbinern besetzte und nur einige

wenige Elementarlehrer anstellte. Allmählich mit dem Erstarken des

Unternehmens wurde hierin Wandel geschaffen. Zur Zeit sind die Rabbiner

lediglich auf den Religionsunterricht beschränkt. Alle übrigen Fächer:

Französisch, Arabisch, Arithmetik, Geschichte und Geographie, werden

von wissenschaftlich gebildeten Lehrern ertheilt.

Im Jahre 1880 wurde dann eine Mädchenschule gegründet, die mit

22 Zöglingen begann. Hier war als einzige Bedingung der Aufnahme

europäische Kleidung der Mädchen vorgesehen. Bald darauf eröffnete

man ein drittes Werk, eine Art Vorschule (~école maternelle~), in der

die ganz Kleinen, und zwar Mädchen und Knaben zusammen, die ersten

Weisheitslehren empfangen. Die Entwickelung dieser Schulen von ihren

Anfängen bis zur Gegenwart ist eine ganz außerordentliche. Sie umfassen

jetzt 1200 Knaben, 600 Mädchen und 400 Vorschüler. Daneben ist ein

ausgedehnter Handwerksunterricht eingerichtet, verbunden mit einem

Abendcursus, der es den Handwerksschülern ermöglicht, ihre Schulstudien

fortzusetzen. Mit besonderer Vorliebe wird seitens der Schüler das

Buchdruckerei-Gewerbe erlernt. Aber auch Wagenbauer, Marmorarbeiter,

Kunstschmiede etc. werden ausgebildet.

Die Schulen der Alliance sind nunmehr in zwei Häusern untergebracht,

von denen besonders das den Mädchen reservirte ein stattliches,

freundliches Gebäude ist. Die Einnahmen des Unternehmens bestehen aus

einer den Schulen überwiesenen Fleischsteuer, einer baaren, von der

Regierung gezahlten Subvention, Ueberschüssen aus den Miethserträgen

der Häuser und den Zuschüssen der Alliance. Die Ausgaben für

Beköstigung und Bekleidung der Zöglinge haben sich vermindert. Man

hat nicht mehr nöthig, diese Vergünstigungen als Lockmittel für den

Schulbesuch auszuwerfen, nachdem die Eltern allmählich eingesehen

haben, welche Vortheile ihren Kindern durch einen geregelten

Unterricht zuwachsen. Nur den wirklich Bedürftigen wird noch der

Freitisch gewährt. Weniger erfolgreich ist man mit der Einführung

eines entsprechenden Schulgeldes gewesen. Kaum acht Procent der

Unterrichteten zahlen Schulgeld, aber man hofft mit der Zeit auch hier

eine Besserung zu erzielen.

Als vortrefflich sind die wissenschaftlichen Resultate der Schule zu

bezeichnen. Sie besitzt das Recht, ihren nach bestandenem Schluß-Examen

abgehenden Schülern das ~brévet élementaire~ auszustellen, das

zum Ertheilen von Unterricht an jeder französischen Normalschule

berechtigt, und verleiht dieser Diplome jährlich ungefähr zehn. Die

Abiturienten ohne Schluß-Examen erhalten ein »Studienzeugniß«, das

ihnen bei der Erlangung von Stellen, insbesondere bei der französischen

Administration, von großem Nutzen ist. Von derartigen Zeugnissen

werden durchschnittlich siebzig pro Jahr ausgestellt. Ein gleiches

Certificat erhalten die Mädchen, wenn sie die Schule verlassen. Der

beste Beweis für die Leistungen des Instituts ist wohl die Thatsache,

daß bei dem letzten Schul-Wettbewerbe die israelitische Schule die

höchste Auszeichnung erhielt. Sie wurde ~hors concours~ gestellt.

Der Lehrkörper besteht aus dem Director, einigen Rabbinern und circa

zwanzig Elementarlehrern, von denen mehrere aus der Anstalt selbst

hervorgegangen sind. An der Mädchenschule unterrichten eine Vorsteherin

und zehn Unterlehrerinnen. Darunter befanden sich noch vor Kurzem zwei

deutsche Damen, die Vorsteherin, Frl. Ungar, und die Lehrerin, Frl.

Braun. Beide wirken gegenwärtig in Adrianopel.

Bemerkenswerth ist, daß der Lehrplan nur sogenannte »moralische«

Strafmittel kennt. Schläge, Einsperren, Strafarbeiten etc. sind

ausgeschlossen. Man bewirkt dadurch, daß die Kinder mit Freuden die

Schule besuchen, und ein Nachtheil für die Disciplin ist durch diese

Milde noch nirgends erwachsen. Ueberhaupt ist der moralische Einfluß

der Schule sehr hoch anzuschlagen. Tausende von Kindern, die früher der

Straße oder der einseitigen, orthodoxen Erziehung unwissender Eltern

überantwortet waren, wachsen nun unter der sicheren Obhut der Schule

zu gebildeten, gesitteten Menschen heran. Noch unberechenbarer ist der

Nutzen für den weiblichen Theil der Schüler. Die Lehren, welche die

Mädchen hier im jahrelangen Unterricht empfangen, verhindern sie, sich

später wieder dem haremartigen, unwürdigen Scheinleben der tunesischen

Jüdinnen anzupassen, und so ist die stetig wachsende Zahl der

weiblichen Zöglinge die beste Gewähr für die allmähliche Ermöglichung

einer Emancipation von den bisherigen erniedrigenden Gewohnheiten.

Ich verdanke die bezüglichen Mittheilungen der Freundlichkeit des

gegenwärtigen Directors der Schulen, Herrn Parienti. Herr Parienti,

trotz seines italienischen Namens ein Franzose, ist eine sympathische

Erscheinung mit energischen Gesichtszügen und scharfblickenden Augen.

Er wurde erst vor Kurzem nach Tunis berufen, nachdem er bis dahin

für die Alliance in Rußland thätig gewesen war. Herrn Parienti's

eigenster Initiative ist ein weiterer Schritt nach Vorwärts zu

verdanken. Anläßlich einer Urlaubsreise nach Paris erwirkte nämlich

Herr Parienti beim Präsidium der Alliance Erlaubniß und Mittel zur

Gründung einer _Ackerbauschule_. Bereits wurde ein geeignetes Terrain

von 1550 Hektar erworben, dreiviertel Stunden von Tunis entfernt bei

Djédéida gelegen. Im October 1895 ist die Besitzung mit einem halben

Hundert Knaben belegt worden, die bei vollkommen freier Station unter

fachmännischer Leitung praktisch und theoretisch den Ackerbau erlernen

werden. Zum ersten Mal seit Bestehen der Schule in Tunis hat sich

anläßlich dieses agricolen Unternehmens auf französischer Seite eine

gewisse Opposition bemerkbar gemacht, die darauf hindeutet, daß man die

jüdische Concurrenz im Ackerbaufache fürchtet. Herr Parienti hat als

einzige Antwort darauf die Mittheilung ergehen lassen, daß er bereit

sei, bis zu einem bestimmten Procentsatze auch Knaben katholischen

wie mohamedanischen Glaubens kostenfrei in seine Ackerbaucolonie

aufzunehmen.

Ein Rundgang durch die Schulen, auf dem Herr Parienti mich in

liebenswürdigster Weise geleitete, zeigte ein sehr freundliches

Bild. Die Knabenschule ist in einem Gebäude der ~rue Malta Strida~

untergebracht, in dessem Vordertracte sich elegante Miethwohnungen

befinden, deren eine der Director inne hat. Durch den Hausflur gelangt

man in einen langen, viereckigen Hof, der mit schattenspendenden Bäumen

bepflanzt ist. In einer zweistöckigen Veranda, die diesen Hof umgiebt,

befinden sich die ca. 20 Schulzimmer, die sich durchweg lustig und hell

präsentiren. An den Hof schließt sich ein Garten, der für die Spiele in

den Pausen freigegeben ist. Ein großer Gartensaal dient als Refectorium

für die von der Anstalt Beköstigten. Das Haus, in dem die Mädchen und

die ganz Kleinen lernen, liegt im arabischen Viertel in der Nähe der

~place Carthagéna~. Es hat den Typus eines italienischen Palazzo und

birgt hohe, geräumige Säle, deren Fußböden und Wände mit Porzellan

ausgelegt sind. Hier befindet sich auch eine vielbenutzte, kleine

Schülerbibliothek.

Während unseres Rundganges war Unterrichtszeit, und ich konnte mich

von dem guten Aussehen und der Sauberkeit der Schüler, ihrer frischen,

intelligenten Art, zu antworten, selbst überzeugen. In Geschichte

und Geographie hörte ich durchweg tadellose Antworten. Sogar in

Deutschlands Geographie zeigte sich eine höhere Klasse vortrefflich

beschlagen. Hier sah ich auch Aufsätze über schwierige, meist

historische Themata, die stilistisch wie orthographisch fehlerlos

waren. Wenn man bedenkt, daß das Französische den tunesischen Kindern

im Grunde eine fremde Sprache ist, so ist das hier Erreichte als ganz

außerordentlich zu rühmen. In der Mädchenschule entwickelte sich das

Frage- und Antwortspiel weniger im gewohnten Gleise, denn die jungen

Damen bewiesen dem unerwarteten Besuche so viele Neugier, daß die

Aufmerksamkeit ganz erheblich darunter litt. Auch die hier vorgelegten

Hefte wiesen häufigere orthographische Mängel auf. Doch soll ja

auch außerhalb Tunis die Orthographie nicht die stärkste Seite der

weiblichen Bildung sein.

Ich verließ die Anstalt mit herzlichem Danke für Herrn Parienti und

mit hohem Respect vor dem schönen, humanen Culturwerke, das die

Opferwilligkeit der Alliance und der beharrliche, zielbewußte Eifer der

Lehrkräfte auf diesem schwierigen Terrain errichtet haben.

Wenige Tage später hatte ich Gelegenheit, zur rechten Contrastwirkung

einen Blick in die fremde Welt des orthodoxen, tunesischen Judenthums

zu thun. Durch Vermittelung des Hotelführers, der in seinen Mußestunden

übrigens »College« des Herrn Parienti, nämlich Vorsteher einer

kleinen Rabbinatsschule ist, erhielt ich Zutritt zu einer jüdischen

Hochzeit. Die dabei erscheinenden Sitten und Gebräuche ähneln in

mancher Hinsicht sehr stark den arabischen, wie denn auch die Stellung

der jüdisch-tunesischen Frau sich um Weniges über das Niveau des

Haremdaseins erhebt. Selbst die Vielweiberei soll unter den Juden

von Tunis im Gebrauche sein. Herr Parienti verneint dies zwar,

sondern giebt blos einen außerordentlichen Leichtsinn im Scheiden und

Wiederverheirathen zu, von anderer Seite aber wurde auf's Bestimmteste

versichert, daß eine ganze Reihe von Haushaltungen mit mehreren

Herrscherinnen besetzt sei, von denen freilich nur die Erste völlige

Legitimitätsrechte habe.

Der traditionelle Hochzeitstag ist der Mittwoch, die Zeit für den

Beginn der Ceremonie der späte Nachmittag. Gegen 5 Uhr ist der enge

Zugang zur Synagoge, die im Souterrain eines unscheinbaren Hauses

liegt, mit Kindern und Bettlern reich besetzt. Aus den Gitterfenstern

und von den flachen Dächern der benachbarten Häuser sehen unzählige,

grell bunt gekleidete Mädchen, darunter reizende Typen, auf die Straße

hinab. Der Hochzeitszug des Bräutigams läßt nicht lange auf sich

warten. Ihm schreitet eine Schaar von Knaben voraus, die unter der

Aegide eines blinden Cantors einen schrecklich mißtönenden Singsang

vollführen. Der Bräutigam, ein hochgewachsener, stattlicher Mann,

Apotheker seines Zeichens, hat tadellosen schwarzen Salonanzug, Gehrock

und runden Hut angelegt. Seine Verwandten und Freunde tragen sich

dagegen höchst zwanglos. Einige sind nach europäischer Manier, die

meisten orientalisch gekleidet.

Das Innere der Synagoge, der größten, die Tunis besitzt, bietet wenig

Besonderes. Es ist ein niederer, ziemlich beschränkter Raum. In der

Mitte steht die Kanzel und ringsumher im regellosen Durcheinander

ziehen sich Holzbänke, die mit Matten bedeckt sind. Die Frauen besuchen

hier die Synagoge nicht, beanspruchen also auch keinen besonderen

Raum für sich. Die Ceremonie ist rasch erledigt. Der Rabbi psalmodirt

einige Gebete, die von der Gemeinde wiederholt und durch Wippen mit den

Füßen begleitet werden. Die kleinen Sänger von vorhin treiben in einem

Winkel Unfug. Mein Führer fühlt den Schuldirector in sich erwachen.

Er kneift den Haupträdelsführer in's Ohr und verspricht den übrigen

die Bastonnade, wofür jede Rabbinatsschule eine besondere Maschinerie

besitzt. Kurz, es geht nicht übermäßig andächtig zu im tunesischen

Gotteshause.

Nach erledigter Andacht begiebt sich der Zug zum Hause der Braut.

Der kleine Hof, sauber mit blauweißen Majolikaplatten gepflastert,

wird von der Gefolgschaft des Bräutigams eingenommen, an den engen

Gitterfenstern der Wohnräume pressen sich Verwandtschaft und

Freundinnen der Braut und über die hohe Hofmauer hinweg schauen die

neugierigen Nachbarinnen, von denen man nur die Köpfe sieht, die sich

scharf gegen den tiefblauen Himmel abheben. Ein seltsames Bild von fast

beängstigender Farbenfülle!

Streifzüge im Süden: Reiseskizzen aus Italien und Tunis · 第 6 / 7 段