Die vorhin gerühmten Vorzüge der »Afrika« finden sich in verstärktem

Maße auf der »Asia« wieder. Letztere, ein Steamer, der bisher die Route

Genua-Bombay befuhr, ist ein mächtiges Schiff mit eleganter Einrichtung

und elektrischer Beleuchtung. Der Kapitän, ebenfalls Genuese, ein

schmales, feines Männchen, gebietet über einen unversiegbaren

Redestrom, dem es ganz gleich ist, ob er sich über die Klippen der

Politik, der Philosophie oder des Klatsches ergießt. Küche und Keller

sind wiederum vorzüglich, und der Stewart bedient bei Tische sogar in

weißen Handschuhen. Dieser Luxus wirkt um so beruhigender, als der

Ganymed die entschiedene Neigung hat, beim Serviren den Daumen in

die Suppe zu stecken. Dem Stewart sei diese angenehme Manier nicht

abzugewöhnen, versichert der Kapitän, und deshalb habe er einen

täglichen Wechsel der Handschuhe angeordnet. Man könnte sonst im

Consommé am Ende die Spargelsuppe von gestern schmecken. Der Kapitän

ist ein Gourmet. Jedenfalls nimmt er hier seinen Ausgangspunkt zu einem

halbstündigen Speech über die Macht der Gewohnheit. Dazu schaukeln

von der Salondecke herab einige Orchideenkästen, leise den weichen

Bewegungen des Schiffes folgend. Kein Wunder, daß sich bald allgemeine

Müdigkeit einstellt und die Cabinen frühzeitig aufgesucht werden.

Der Kapitän stopft sich ein frisches Pfeifchen und steigt, über eine

Gesellschaft kopfschüttelnd, die seine Unterhaltung genießt und dennoch

müde werden kann, langsam zum Deck empor.

Am andern Morgen frühzeitig kommt die afrikanische Küste in Sicht.

Zuerst erscheint ein kahles Inselchen mit einem kleinen Leuchtthurm,

dann, als man in den Golf von Tunis einläuft, das Vorgebirge von

Karthago mit den weißschimmernden Häusern des Dorfes Sidi bou Saïd, und

bald darauf zeigen sich die schlanken Thürme der Kathedrale, die auf

den Trümmern Karthagos errichtet ist. Man nähert sich La Goulette, der

früheren Hafenstadt von Tunis, und plötzlich weicht der frische Seewind

dem glühenden Hauche, der vom Lande herüberweht. Das ist der heiße

Athem Afrikas, der Scirocco.

Während früher die Dampfer in La Goulette anlegten und die Passagiere

mit einer kleinen Bahn, die sich im Besitz von Florio-Rubattino

befindet, nach Tunis befördert wurden, haben die Franzosen seit zwei

Jahren einen Kanal eröffnet, der in Länge von einer Stunde die Lagune

von Tunis, den See El Bahira durchschneidet. Für die Reisenden ist

dadurch eine große Bequemlichkeit geschaffen, denn sie fahren jetzt

unmittelbar bis an den Quai von Tunis. Den Schaden hat La Goulette und

vor allen Dingen die italienische Eisenbahn.

Bevor wir im Kanal einlaufen, nehmen wir den Lootsen an Bord, der in

einem mit vier Negern bemannten Boote herankommt. Gleichzeitig betreten

die Postbeamten, nacktfüßige Araber in malerischen Gewändern, mit

ihnen schwarze Gepäckträger und zudringliche Hôtelführer das Schiff.

Man hat jetzt den vollen Blick auf das grellweiße Häusermeer von

Tunis, das sich vom Strande bis zu einer Hügelkette, von welcher die

Stadt im Süden umschlossen wird, emporzieht. Die »Asia« legt an, eine

Treppe stellt die Communication mit dem festen Lande her, arabische

und schwarze Träger ergreifen die Bagage und schleppen sie zur Douane,

die höflich und ohne große Peinlichkeit geübt wird. Am bequemsten ist

es, sich dann einem Hôtel anzuvertrauen, dessen Beamter das Nöthige

besorgt. Meine deutschen Reisegefährten wollen Privatlogis aufsuchen,

und im Nu haben sich sämmtliche anwesende Droschkenkutscher der

verschiedenen Gepäckstücke bemächtigt und führen einen erbitterten

Faustkampf um die Beute. Rathlos steht das Ehepaar mitten in dem tollen

Gewühl, das sich zu einer allgemeinen Hauerei entwickelt, an der alle

am Hafen Anwesenden vergnügt theilnehmen. Ich sehe nur noch, wie der

Handkoffer von Madame als Wurfgeschoß benutzt wird und einem stämmigen

Neger an den Kopf fliegt, wobei jedenfalls der Handkoffer mehr Schaden

nimmt als der wollige Dickschädel. Dann führt mich der Omnibus zu den

gastlichen Pforten des Grand-Hôtel.

II.

Stadt und Bevölkerung.

Culturbild auf der Trambahn. -- Markthallen und Bazare. --

Palast des Bey. -- Der Herr Oberst nimmt Bakschisch. --

Tunesisch-französische Sittlichkeit. -- Sadok Bey und seine

Getreuen. -- Die »Ritter vom Zähringer Löwen«.

Der dem Hafen und der Lagune El Bahira zunächst gelegene Theil von

Tunis macht durchaus den Eindruck einer mittleren, französischen

Provinzstadt. Unmittelbar neben der Hafendouane klingelt dem Ankömmling

die Pferdebahn entgegen, und wenige Schritte weiter steht ein Grand

Café de Paris. Ein breiter, baumbepflanzter Boulevard führt geradlinig

bis nach dem Mittelpunkt des europäischen Verkehrs, der Avenue de

France. Elegante Läden mit Pariser Novitäten, zahllose Cafés und

Restaurants nehmen diese Straße ein. Man würde sich in Europa wähnen,

wenn sich nicht hie und da über einer Hofmauer der schlanke Hals eines

Kameels erhöbe oder auf flüchtigem Roß ein Araber mit nachflatterndem

weißen Burnus über den Weg dahingaloppirte. Ein frappantes Beispiel,

wie in Tunis Orient und Occident einander berühren, bieten die

vorbeirollenden Sommerwagen des Tramway. Die Conducteure sind meist

Malteser, die Kutscher pechrabenschwarze Neger. Im Passagierraum sitzt

neben dem tadellos gekleideten französischen Beamten ein schmutzig

brauner Berber, neben der eleganten Modedame, deren riesige Ballonärmel

sich im Winde blähen, die breithüftige Jüdin in ihren engen, um das

Knie zusammengeschnürten Hosen, die zuckerhutförmige, spitze Behauptung

auf dem Kopfe. Ein junger Lieutenant der Chasseurs d'Afrique klemmt

das Monocle ein und fixirt ein Araberweib, aus deren schwarzer, das

Antlitz dicht verhüllender Gesichtsmaske die dunklen Augen lebhaft

hervorleuchten. Ein ganzes Culturbild -- solch' ein tunesischer

Pferdebahnwagen.

Im modernen Theile der Stadt liegen die Bahnhöfe: der italienische

für La Goulette, La Marsa (Residenz des Beys) und Carthago; der

französische für Hammann el Lîf, Biserta und Algier. In der

Rue d'Allemagne erhebt sich ein prachtvolles, sehr zweckmäßig

eingerichtetes neues Postgebäude und nicht weit davon das umfängliche

Viereck der Markthallen. Diese, wie alle europäischen Markthallen, sind

im Grunde nichts Anderes, als eine solidere Nachahmung der türkischen

Bazare, Sûks genannt, in denen sich die Läden an überwölbten Wegen

zusammendrängen. Das Leben und Treiben in diesen vornehmlich der

europäischen Colonie dienenden Räumen ist besonders zur Vormittagszeit

eigenartig. Zunächst fällt dem Beschauer auf, daß alle Verkaufsstände

von Männern eingenommen werden. In Tunis giebt es also keine

Hökerweiber, sondern nur Hökermänner. Die Geschwätzigkeit scheint aber

nicht am Geschlecht, sondern am Gewerbe zu hängen, denn die Verkäufer

vom männlichen Stamme reden mindestens eben so viel, wie ihre

deutschen Colleginnen. In der Mitte des weiten Hofes erhebt sich der im

maurischen Stil kokettirende Fisch-Pavillon. Dort herrscht der meiste

Lärm -- wiederum ~tout comme chez nous~. Im Hofe lagern nachlässig

dahingestreckt schmutzige Kameele, und in dichten Reihen drängen sich

mißmuthige Esel aneinander, die riesigen Marktkörbe auf dem Rücken.

Zwischen der Thierwelt hocken Araber und Juden, zanken, feilschen und

gerathen sich einander in die Haare. Der französische Polizist, correct

und scheinbar waffenlos -- er trägt einen Revolver unter dem Rocke

-- mischt sich nur ein, wenn der freundschaftliche Streit in allzu

grobe Thätlichkeiten ausartet. Durch all diesen Wirrwarr schreiten

mit der Ruhe der Gewohnheit die Damen der europäischen Colonie und

machen ihre Einkäufe. Jede hat einen braunen, barfüßigen Berberjungen

hinter sich, in dessen seltsam geformten, runden Tragekorb die Waaren

gelegt werden. Die kleinen Kerle, die sich bescheiden an den Thoren der

Markthalle mit den Worten »~Madame, moi porter~«, anbieten, tragen

eine sackartige Kapuze über Kopf und Rücken. Ueber diese Kapuze ziehen

sie die Schnur des Korbes um die Stirn und schleppen so mit dem Kopfe

oft ganz beträchtliche Lasten. Kostspielig sind diese kleinen, hübschen

und stets vergnügten Dienstmänner nicht; denn sie geben sich mit ein

paar Sous zufrieden, die dann das Capital bilden für ein am Nachmittag

mit einigen Collegen zu entrirendes kleines Jeu. Sie spielen mit sehr

schmutzigen Karten und ungeheurem Eifer ein Hazardspiel, das mit Poker

eine gewisse Aehnlichkeit zu haben scheint.

Der europäische Theil der Stadt reicht bis zur Porte de France, die

architektonisch sehr wirksam die Avenue de France abschließt. Dies

war früher die streng verschlossene Hauptpforte von Tunis, und ihre

jetzt Tag und Nacht weit offen stehenden Thürflügel, über denen die

stolze Chiffre ~R. F.~ (République Française) prangt, bezeichnen den

Weg, durch den die abendländische Cultur ihren Einzug gehalten hat.

Von der kleinen Place de la Bourse, die sich hinter dem Thore rundet,

streben fächerförmig vier Straßen nach den verschiedenen Quartieren, in

denen sich die Hauptstämme der Bevölkerung, die Araber und Mauren, die

Malteser und Juden, zusammengeschlossen haben. Die wichtigste dieser

Verkehrsadern, die schmale Rue de la Kasbah, führt in unablässigem

Zickzack durch das Herz des arabischen Quartiers nach der Kasbah,

der Citadelle von Tunis. Ein Gang durch diese Gasse versetzt den

Spaziergänger sofort in die bunte Welt des Orients. In malerische,

weite weiße Gewänder gehüllt, den Turban oder den Fez auf dem Haupte,

sitzen würdevolle Araber mit gekreuzten Beinen in ihren winzigen

Lädchen und Werkstätten und harren geduldig eines Käufers. Behutsam

watscheln voluminöse Jüdinnen vorbei, deren gassenfüllender Corpulenz

schwer auszuweichen ist, und, stummen Schatten gleich, huschen

vermummte Araberfrauen scheu die Mauer entlang. Rechts und links öffnen

sich Ausblicke in die dem Fremden untersagten Thorbögen einer Moschee

oder in majolicagepflasterte Höfe, in denen sich buntgekleidete,

lustige Kinder tummeln. Das Alles giebt ein Bild, das, so oft es

auch geschildert worden ist, seinen ganzen, geheimnißvollen Reiz

erst ausübt, wenn man es selbst erschaut. Was gerade dem aus Italien

kommenden Fremdling sehr angenehm auffällt, das ist die Ruhe auf der

Straße, das zurückhaltende Benehmen der Bevölkerung, die Sauberkeit

der Häuser. Kein überflüssiges Geschrei der Verkäufer, keine kindisch

belästigende Neugier und alberne Zudringlichkeit, keine ekelerregenden

Schmutzhöhlen. Man sagte mir einmal als Entschuldigung für das

widerwärtige Treiben, das in den schmutz- und lärmerfüllten Straßen

Neapels herrscht, Neapel wäre schon mehr eine afrikanische, als eine

europäische Stadt. Man hat mit diesem leichtsinnigen Ausspruche Afrika

schweres Unrecht gethan. Das unsauberste und übelriechendste Quartier

von Tunis ist denn auch richtig das der Malteser und Italiener.

Nur in den tunesischen Bazars oder Sûks gebrauche man dieselbe

Vorsicht, die in den Läden Neapels und Venedigs angebracht ist. In

den engen Abtheilen dieser an bedeckten Straßengängen sich entlang

ziehenden Verkaufshallen liegen wahrhafte Schätze an Schmucksachen,

kostbaren Essenzen, prachtvollen Teppichen und Seidenstoffen

verborgen. Aber schon der Einkauf einer Kleinigkeit gehört zu den

zeitraubendsten und unangenehmsten Aufgaben. Die meisten Händler

sprechen und verstehen nicht Französisch. Man ist also auf einen

Dolmetsch oder Führer angewiesen und diesen Herrschaften, die mit

den Kaufleuten unter einer Decke stecken, ist erst recht nicht zu

trauen. Die wenigen, fremde Sprachen beherrschenden Verkäufer wollen

aus diesem Vorzuge besonderes Capital schlagen und verlangen enorme

Preise. Wer unbedingte Sachkenntniß besitzt -- es wimmelt von allerlei

gefälschten Kostbarkeiten! -- wer die Geduld hat, drei- bis viermal den

Laden zu verlassen und sich eben so oft wieder zurückholen zu lassen,

wer so zäh ist, daß er ungefähr den fünften Theil des ursprünglich

Verlangten bietet und an diesem Standpunkte stundenlang annähernd

festhält, der wird vielleicht in den Sûks kaufen können, ohne allzu arg

übervortheilt zu werden. Wer aber diese Sachkenntniß nicht besitzt

oder aber ungeduldigen Temperamentes ist, der verzichtet besser auf die

zweifelhaften Freuden eines Einkaufes.

Verläßt man die Bazare und wandelt bis an's Ende der Rue de la Kasbah,

so erreicht man einen baumgeschmückten Platz, der von der alten

Citadelle, der jetzigen Kaserne des französischen Zuaven-Regiments,

dominirt wird. Zu ihr im rechten Winkel steht das Schloß des Beys, das

jedem Besucher zugänglich ist. Allzu viel ist freilich darin nicht zu

sehen. Man zeigt einige Säle mit schönen Stuckfiligran-Plafonds, dann

die Privatzimmer des Bey mit wurmstichigen Möbeln, endlich den früheren

Berathungs-Saal mit dem sehr wackeligen Thron -- wohl symbolisch

aufzufassen! -- und einer den Ministertisch überziehenden, ehemals

rothen Decke, die so fleckenbesät ist, als hätten die dereinstigen

Würdenträger von Tunis ihre ganze Wuth über den Tractat mit den

Franzosen in Tinte verspritzt.

Als Führer durch alle diese Sehenswürdigkeiten dient ein beleibter,

uniformirter Herr, dessen stolze Brust mit Orden bedeckt ist und vor

dem die tunesischen Wachen präsentiren. Es ist der »Schloßhauptmann«,

der den martialischen Titel »Oberst« führt. Mit Würde geleitet er mich

wieder zur Pforte und hält dann die Hand hin. Sollte der Herr Oberst

etwa ein »Backschisch« wollen? Bädeker sagt in seiner mit Recht so

beliebten Kürze: Trinkgeld 1 Franc. Es ist auch mehr als genug in

Anbetracht der mäßigen Wunderdinge, die der Palast enthält. Aber einem

Herrn, der so hoch auf der tunesischen Rangliste hält und so viele

schöne Orden besitzt, einen Franc zu geben, ist mißlich. Ich wage es

dennoch, in der Befürchtung, daß der gekränkte Würdenträger mir die

Münze vor die Füße werfen oder mich auf krumme Türkensäbel fordern

wird. Nichts von alledem. Der Herr Oberst macht einen tiefen Bückling,

sagt ein gerührtes »~Merci~« und murmelt ein paar arabische Worte, die

nach Aussage meines Dolmetschers bedeuten: Beehren Sie mich bald wieder.

Der Bey und seine Getreuen sind nämlich sehr knapp bei Kasse. Dahin

sind die schönen Zeiten, wo der Fürst und seine Minister ungezählte

Millionen von ihren lieben Unterthanen erpreßten. Die Franzosen haben

die Verwaltung in die Hand genommen, Seiner Hoheit die Schulden

bezahlt und ihm außerdem eine jährliche Rente von einer Million Francs

ausgesetzt. Davon muß der zur Ruhe gesetzte Ali Bey seine Hofhaltung

und seine Armee (250 Mann stark) bestreiten. Kein Wunder, daß der Sold

nicht immer prompt gezahlt wird. Und man versichert glaubwürdig, daß

der Herr Oberst, der Commandirende des Schlosses, lediglich auf die

Fremden-Trinkgelder angewiesen sei. Der Bey, ein alter Herr von 80

Jahren, residirt in seiner Villa zu La Marsa, die dicht am Meer und

wenige Minuten von den »Trümmern Carthago's« entfernt liegt. Dort hat

er seinen Marstall und seinen stark besetzten Harem, der freilich,

Angesichts des hohen Alters des Fürsten, mehr decorativen Zwecken dient.

Die einzige Herrscherthätigkeit, die der Bey noch ausübt, ist die

Rechtsprechung. Bei wichtigeren Criminalfällen, besonders zu solchen,

auf denen Todesstrafe steht, begiebt der Bey sich nach der Stadt und

sitzt zu Gericht. Doch giebt es einen Recurs gegen seinen Richterspruch

an den obersten Kadi. Auch sonst ist die Jurisdiction über die

Eingeborenen in den Händen der tunesischen Richter geblieben, während

in allem Uebrigen das französische »Protectorat« in Wahrheit die

französische Herrschaft bedeutet.

Die hiesige französische Garnison, deren Commandant zugleich

tunesischer Kriegsminister ist, besteht aus je einem Regiment Zuaven,

Chasseurs d'Afrique und Spahis. Besonders die Zuaven sind ein

brillantes Corps. Schlanke Leute mit kühnen, gebräunten Gesichtern,

denen die im türkischen Stile gehaltene Uniform -- man kennt sie in

Deutschland von 1870 her -- vortrefflich steht. Wenn die Schaarwache

der Zuaven des Abends im Laufschritt, Trompetengeschmetter vorauf,

und die Mannschaft mit Fackeln in der Hand, die Straßen der Stadt

durcheilt, begleitet von Neugierigen in den buntscheckigsten

Gewändern, so bietet dieser Aufzug einen Anblick von ganz besonderen

phantastischen Contouren.

Die Araber von Tunis sind im Allgemeinen von weit friedlicherer

Art, als ihre Stammesgenossen in Marokko. Sie lassen sich ruhig das

französische Regiment gefallen, ohne es freilich zu lieben. Wenigstens

sind sie der ewigen Steuererpressungen ledig, unter denen sie früher zu

leiden hatten. Die Franzosen sind auch klug genug, die Gewohnheiten und

Eigenthümlichkeiten der Eingeborenen zu respectiren. Z. B. darf kein

Europäer die Moscheen betreten, während jene von Algier dem Besucher

freigegeben sind. Nur im Punkte der öffentlichen Sittlichkeit sind

die neuen Herrscher energisch vorgegangen und mit dem Erfolge, daß

in dieser Beziehung Tunis den meisten europäischen Großstädten zum

leuchtenden Muster dienen konnte. Selbst in der Nacht sind die Straßen

rein von zweifelhaften Elementen, und der Fremde, der nach Tunis geht,

um »Sittenstudien« zu machen, kommt nicht auf seine Kosten.

Das hier Erreichte ist um so bemerkenswerther, als in Tunis in den

siebziger Jahren die zügellosesten Zustände herrschten. Sadok Bey,

Ali's Vorgänger, gab seinen Unterthanen nicht die besten Beispiele

in seiner persönlichen Führung. An seinem Hofe machte sich die

ausgesprochenste Günstlingswirthschaft breit, ja die sämmtlichen

Minister und Vertrauensmänner des Fürsten verdankten ihre Stellungen

weniger ihrer Tüchtigkeit, als -- anderen Eigenschaften. So war der

allmächtige Vezier, Mustapha ben Ismaïl, ursprünglich Barbiergehilfe

gewesen, ehe er es verstanden hatte, dem Bey durch seine Schönheit

aufzufallen. Seitdem leitete er die Geschicke des Reiches, dessen

Kasse er nicht selten mit der seinigen verwechselte. Als seine

Herrlichkeit zu Ende ging, konnte er wohlgezählte 80 Millionen Francs

redlich gestohlener Gelder mit auf den Weg des Ruhestandes nehmen. Der

schnöde Mammon ist freilich nicht bei ihm geblieben. Der gute Mustapha

ging nach Frankreich, und dort haben ihm die freundlichen Damen von

Paris und die Croupiers von Monte-Carlo seinen Reichthum allmählich

wieder abgenommen. Der Reichskanzler und Millionär a. D. lebt jetzt

in Konstantinopel von einem Gnadengehalt, das ihm der Sultan zahlt.

Mustapha ben Ismaïl war allerdings der Hauptspitzbube, aber er hatte

zahlreiche Genossen, die mit ihm um die Wette raubten und plünderten.

Man kann sich kaum einen Begriff machen, woher diese Blutsauger die

Unsummen genommen haben, denn Tunis, arm an Industrie und Handel, ist

keineswegs ein reiches Land.

Die Erinnerung an diese saubere Gesellschaft wurde kürzlich auf eine

für Deutschland nicht gerade rühmliche Weise aufgefrischt. Von Baden

aus recherchirte man zu irgend einem statistischen Zwecke nach dem

Verbleib der tunesischen -- Ritter vom Zähringer Löwen. Es waren,

wenn ich recht berichtet wurde, drei Würdenträger des Sadok Bey,

die wahrscheinlich bei einem fürstlichen Besuch den hohen Orden

erhalten hatten. Die Schicksale des einen Decorirten, eben jenes

Mustapha ben Ismaïl, habe ich eben erzählt, der zweite ist gestorben

oder verschollen, der dritte heißt Elias Chaloum und war früher

Kriegsminister. Jetzt ist er etwas bescheidener geworden und fungirt

als -- Steuereinnehmer an der Bab el Kadrah mit einem Gehalte von

3 Francs täglich. Ob er bei seinem jetzigen Geschäfte immer den

»Zähringer Löwen« trägt?

III.

Tunesische Vergnügungslocale.

Zuaven-Concerte. -- Der Bauchtanz. -- Die »Beuglants«. -- Die

Riesendame haut. -- Mr. Rheyal und der Moralist von Tunis.

-- Auf den Trümmern von Carthago. -- Bjil Kader. -- Ein

afrikanisches Seebad.

Es mangelt nicht an abendlichen Vergnügungen in Tunis. Zwar die

Theater, von denen eines den für Schaubühnen nicht ganz gewöhnlichen

Namen Teatro Cohn führt, spielen im Sommer nicht. Dafür giebt es

Zuaven-Musik, arabische Cafés und französische Tingel-Tangels, nach

Pariser Muster »Beuglants« genannt.

Die Zuaven-Kapelle läßt sich wöchentlich drei Mal auf der kleinen

Promenade der Avenue de la Marine hören. Dort sitzen die Musiker

auf eleganten Gartenstühlen, und in weiter Corona um sie herum

das lauschende Publicum. Das Programm ist jedenfalls nicht vom

chauvinistischem Standpunkte aus aufgestellt. Seine Haupt- und

Paradestücke bilden eine Phantasie aus der »~cavalleria rusticana~«

-- selbst in Tunis kann man den Wimmertönen des Intermezzos nicht

entgehen -- Weber's »Aufforderung zum Tanz« und Beethovens »Adagio

aus der ~Cis-Moll~-Sonate«. Die Leute spielen ganz brav, aber das

Beethoven'sche Adagio von einem kriegerischen Trompeter-Corps

vorgetragen zu hören, bleibt ein zweifelhafter Genuß, zumal, wenn man

ihn öfters hat. Und da die Zuaven immer dasselbe Programm executiren,

mit kleinen Variationen nur in den Nebenstücken, so sind die Verdienste

des Dirigenten um die tunesische Musikpflege keine ganz unbestrittenen.

Die großen arabischen Cafés, die von den Fremden hauptsächlich

besucht wurden, des dort gezeigten _Bauchtanzes_ wegen, der seit

der Weltausstellung auch in Paris heimisch ist, gruppiren sich um

den viereckigen Platz Halfa-Ouïne. Seit einiger Zeit ist jedoch den

dortigen Etablissements die Erlaubniß zur Production des Bauchtanzes

entzogen worden, und die Cafés von Halfa-Ouïne dienen jetzt nur noch

zur Erholung für die arabischen Elegants, die sich allabendlich in

dichten Schaaren einfinden und mit Andacht ihren »Kaoua« schlürfen.

Der Bauchtanz hat sich in die Stadt zurückgezogen und kann dort von

kunstsinnigen Interessenten aufgesucht werden. Sehr comfortabel

sind die betreffenden Locale nicht. Eine Bretterbude mit Segeltuch

bedeckt und mit langen Holztischen ausgestattet, an denen die Gäste

sitzen. Im Hintergrunde erhebt sich die kleine bühnenmäßige Estrade,

auf der das Tänzerinnen-Corps Platz nimmt. Es sind Mauresken oder

Jüdinnen, mit interessanten, scharfgeschnittenen Gesichtern, die

sie häufig durch eine kinnbartartige Tätowirung entstellen. Die

obligate Musik besteht aus Clavier, Mandoline und Flöte. Sie ist von

hervorragender Eintönigkeit. Die ersten beiden Instrumente bewegen

sich unausgesetzt auf Mitteltönen, und dazu wirft die Flöte, alle

drei Tacte etwa, ein paar gellende Quietscher ein. Der »Bauchtanz«,

der zu dieser nervenreizenden Musik geleistet wird, besteht in einem

eigenthümlichen, halb wiegenden, halb watschelnden Schreiten, das von

heftigen, krampfartigen Zuckungen der mittleren Körpertheile begleitet

wird. Hat sich die Tänzerin bis zu einem gewissen Grade begeistert,

so feuert sie ein schaurig-schöner Chorgesang der Gefährtinnen zu

weiterem Thun an. Die Bewegungen werden immer heftiger und wilder,

bis die tunesische Balleteuse erschöpft innehält und -- sammeln geht.

Die Dame, deren Bauchkünste zu schauen mir vergönnt war, hatte dabei

ihren besonderen Truc. Von den einheimischen Gästen nahm sie ruhig

den üblichen Sou entgegen, bei den Fremden aber wies sie das Kupfer

zurück und verlangte Silber. Als diesem Verlangen nicht entsprochen

wurde, schmollte die Schöne und erklärte, ihre anregende Thätigkeit

nicht eher wieder aufnehmen zu wollen, bis sie Silber gesehen habe. Um

diesem »Bauchtanz-Strike« ein Ende zu machen, zogen wir es vor, das

Local zu räumen. Noch ehe wir die Schwelle erreicht hatten, war die

strikende Tänzerin bei uns, erklärte sich jetzt bereit, auch Kupfer zu

acceptiren, und streckte das mit Hennah roth gefärbte Händchen hin. Ich

begnügte mich, der jungen Dame freundschaftlich die Hand zu drücken.

Die Undankbare aber bewies keinen Sinn für civile Umgangsformen, denn

sie überhäufte mich mit einer Fluth nationaler Schimpfworte.

Streifzüge im Süden: Reiseskizzen aus Italien und Tunis · 第 5 / 7 段