Die Brautführer verschwinden über eine halsbrecherische, schmale Stiege

im Inneren des Hauses. Der Eine kehrt alsbald mit einer Stange wieder,

aus der eine riesige weiße Hand mit Fackeln statt der Finger befestigt

ist. Nach einigen Minuten erscheint, von Vater, Mutter und Verwandten

sorglich geleitet, die 16jährige Braut. Es ist keine Kleinigkeit, das

junge Mädchen ungefährdet die steile Treppe herabzubringen, denn die

Verlobte ist von einer unglaublichen Corpulenz. Bei ihrem Erscheinen

bricht Alles in den gellenden, nervenzerreißenden Ruf: Girigirigi

aus. Dieses im Laufe der Ceremonie fortwährend wiederholte Zauberwort

soll ganz vortreffliche Eigenschaften für den guten Verlauf der Ehe

besitzen. Man befördert die Braut glücklich durch den Hof, setzt

sie auf einen Stuhl und lehnt sie an die Mauer. Stehend nimmt der

Bräutigam neben ihr seinen Platz. Die Braut trägt ein orientalisches

außerordentlich reiches Gewand aus himmelblauem Atlas dicht mit Gold

besetzt. Von der hohen, zuckerhutförmigen Haube hängen kostbare Münzen

herab, die unförmigen, roth gefärbten Finger sind mit Ringen besteckt.

Ein langer, weißer Schleier verhüllt die Gesichtszüge nur wenig. Sie

sind regelmäßig, aber schlaff, aufgequollen und apathisch. Wie das

junge Mädchen, ohne sich zu rühren, dasitzt, als ob die ganze Sache sie

gar Nichts anginge, während die Fackeln phantastische Lichter über ihre

goldstrotzenden Kleider werfen, gleicht es einem exotischen Götzenbilde

auf ein Haar.

Diese dumpfe Apathie der Verlobten ist übrigens kein Wunder. Ganz

nach mohamedanischer Anschauung gilt auch dem tunesischen Juden die

_dickste_ Braut für die schönste. Darum werden die unglücklichen

Geschöpfe vom Momente ihrer Verlobung an regelrecht _genudelt_. Sie

dürfen sich keine Bewegung machen, müssen Unmengen von Kouß-Kouß essen,

eine mit gepfeffertem, durstreizendem Fleisch gefüllte Mehlspeise, und

so schwellen die armen Wesen oft zum Doppelten und Dreifachen ihres

bisherigen Umfanges auf.

Der Rabbi spricht nunmehr den Segen über das Paar, der Bräutigam steckt

einen Ring an die fleischige Hand der Erkorenen, Beide nippen an einem

Glase Rothwein, das dann zu Boden geworfen wird, und die religiöse

Feier ist zu Ende. Die Herrenwelt beginnt sich in gierigster Weise

um die Weinreste in der für das Ehepaar benutzten Flasche zu balgen,

da der Aberglaube diesem Weine eine besonders glückbringende Kraft

zuspricht. Dann wird die Braut in ihre Gemächer zurücktransportirt,

denn erst am nächsten Morgen zu Beginn der zweitägigen Schmauserei

betritt sie ihr künftiges Heim.

Schon in der Frühe beginnt das Gelage. Die Tafel ist schmucklos,

aber mit Speisen in verschwenderischem Maße überladen. Das oben

geschilderte Nationalgericht Kouß-Kouß bildet auch hier die ~pièce de

résistance~. Getrunken wird hauptsächlich Schnaps, besonders ein in

Tunis fabricirter süßlich-scharfer Anisette. Mehrere Gäste berauschen

sich sehr rasch, indem sie die diversen Schnäpse mischen. Toaste,

die Schrecken europäischer Hochzeitstafeln, kennt man hier zum Glück

nicht. Wer das Bedürfniß fühlt, seinem überquellenden Gefühle für die

Verehelichten Luft zu machen, der geht hin und küßt das Paar auf die

Wangen. Schon dachte ich an einen geordneten Rückzug vor den immer

neu anstürmenden Massen von Speisen und Getränken, als sich mir ein

Brautführer mit geheimnißvoller Miene nähert und mir mittheilt, daß mir

als dem Ehrengaste mit zwei anderen Honoratioren die Ehre zugedacht

worden sei, der Braut bei ihrem demnächstigen Toilettenwechsel --

sie trägt während der Festesdauer sieben verschiedene Costümes -- zu

helfen. Ein Blick auf die in ihren Strapazen lieblich schwitzende Dame,

und ich erkläre mich sehr geehrt von dieser besonderen Gunst, aber ich

wäre ein wenig unwohl und müßte mich auf kurze Zeit entfernen. »So

bleibt der Toilettenwechsel bis zu Ihrer Rückkehr,« meint höflich der

junge Mann. Ich aber ergreife schleunigst die Flucht und hoffe nur,

daß man nicht bis zum heutigen Tage auf meine Rückkunft wartete. Im

Interesse des verliebten Bräutigams wäre das sehr bedauerlich.

[Illustration]

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die

Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 21: Appenninen → Apenninen

die ersten Vorläufer der {Apenninen} darstellt

S. 33: Cefarotto → Cesarotto

Titelrolle, {Cesarotto}, der, ein Schüler

Streifzüge im Süden: Reiseskizzen aus Italien und Tunis · 第 7 / 7 段