den verschiedenen Hôtels zugehörig, stehen zu diesem Zwecke bereit.
Eine kleine Capresin, die das Aufschließen und die Wäsche besorgt,
hockt sich als Wächterin vor den in der Hütte deponirten Schätzen
am Meeresufer nieder. Zwischen zwei Schwimmtouren sonnt man sich
behaglich, halb auf dem Strande, halb im Wasser liegend. Das kleine
Bade-Fräulein nimmt die Gelegenheit wahr, eine Conversation zu
eröffnen. Sie beginnt: »Die Franzosen sind sehr gute Leute.« Ich bin
zu wenig Chauvinist, um diesem Satze zu widersprechen, habe aber
auch keine Ursache, das Gegentheil zu thun. Ich schweige also. Schon
weniger sicher erfolgt nun die zweite Behauptung: »Die Engländer sind
auch ausgezeichnete Menschen.« Meinerseits wieder stummes Spiel. »Was
ist denn der Signor für ein Landsmann?« kommt endlich die längst
erwartete Frage. »Holländer,« sage ich, mir die Nationalität meines
Reisegefährten auf einige Minuten ausleihend. »Die Holländer,« meint
die Kleine, von ihrer Ungewißheit befreit, aber sehr schwer an dem
ungewohnten Worte kauend, »sind besonders vortreffliche Leute, ebenso
wie die Capresen. Nur die Neapolitaner sind schlechtes Volk. Sie
stehlen Taschentücher und Uhren und sagen den Fremden, daß sie nicht
nach Capri kommen sollen. Hier in Capri können Sie ein Taschentuch --
dieses Nasen-Instrument dünkte ihr offenbar eine besondere Kostbarkeit
-- mitten auf den Weg legen und Sie bekommen es zurück.« Ich war
natürlich entzückt von diesem Beweise capresischer Ehrlichkeit, hegte
aber im Stillen meine Zweifel, ob solche Tugend sich ebenso bewähren
möchte, wenn man statt des Taschentuches etwa einen 100 Lire-Schein
verlieren würde. Nachdem die kleine Volkspsychologin genug von ihrer
Wissenschaft zum Besten gegeben, wandte sie sich ihrer eigenen
Persönlichkeit zu und berichtete, daß ihr deutsche Maler schon viel
Geld geboten hätten, wenn sie ihnen Modell stehen wollte. Sie habe
ja auch Lust dazu gehabt, aber der Papa habe es nicht erlaubt. »Und
wissen Sie,« fügte sie naiv hinzu, »_jetzt_ commandirt noch der Papa.«
Nach diesem einen tröstlichen Ausblick in die Zukunft eröffnenden
Worte hob sie in begreiflicher Ideenverbindung an, einige Romane aus
der capresischen ~chronique amoureuse~ zu erzählen, von der Bella
Margherita, die einen reichen deutschen Fabrikanten geheirathet habe,
von der lustigen Santina, die jetzt mit einem berühmten Maler in Rom
lebe, von der armen Luigia, die sich in's Meer gestürzt habe, weil der
Engländer, den sie geliebt, Capri verließ. Es ist selbstverständlich,
daß ich, theils aus Dankbarkeit für so interessante Unterhaltung,
theils aus Rücksicht auf mein holländisches Adoptiv-Vaterland,
das Trinkgeld besonders reichlich bemaß. So schieden beide Theile
befriedigt von einander: Ich mit dem Eindrucke, daß die Capresinnen
ebenso schwatzhaft sind, wie die Damen bei -- uns zu Hause; die kleine
Plaudertasche mit der bestärkten Ansicht, daß die Holländer wirklich
»ganz ausgezeichnete Leute« sind.
Der Weg von der großen Marina zur Stadt Capri führte über einen
schön angelegten, sanft ansteigenden Fahrweg zwischen hellen Villen
und üppigen Gärten empor, überall findet man deutsche Firmen und
Inschriften. Auch lebende Beweise von dem Einflusse des Deutschthums
fehlen nicht. Unter der lustig lärmenden Kinderschaar, die gerade
die Schule der französischen Mönche verläßt, tummeln sich zahlreiche
Blondköpfe. Man nennt die so aus der Art Geschlagenen bezeichnender
Weise »Deutschenkinder«. Die in Wort und Bild oft gepriesene Anmuth
des capresischen Menschenschlages ist übrigens zum Glück keine
Legende. Während man sonst im Süden gar oft nach den traditionellen
»schönen Italienerinnen« suchen muß, ohne sie zu finden, sieht man
hier bildhübsche Mädchen, deren frische Lieblichkeit es begreiflich
erscheinen läßt, daß so mancher Fremdling hier sein Herz verloren hat.
Nicht nur an der heranwachsenden Bevölkerung, auch an dem Städtchen
Capri selbst kann man germanische Einwirkung verfolgen. Es ist da so
sauber, so still, so gemüthlich, kurz so ganz anders, wie sonst in
italienischen Orten, daß man sich in einem deutschen Gebirgsneste
wähnen könnte, wären nicht zur Rechten und zur Linken die weiten
Fernsichten in die schimmernde See, die in einer Farbengluth erstrahlt,
wie sie nur südlichen Meeren zu eigen ist. Der beliebteste Ausflug geht
nach der »Villa des Tiberius«, den Trümmern des alten Kaiserpalastes,
welcher einst das Ostkap der Insel, Sorrent gegenüber, krönte. Der
Weg dahin ist steil, langgedehnt und sonnig. Wir unterliegen also den
wiederholten Offerten einer ihre Esel anpreisenden Vermietherin, und
auf dem Rücken dieser in Deutschland so verrufenen, in Italien so
beliebten Thiere geht es munter durch die engen Straßen und Thorbögen
der Stadt. Wir stören allerlei häusliche Verrichtungen, die sich auf
der Gasse abspielen, denn das Reitthier nimmt gerade die ganze Breite
des Verkehrsweges ein. Aber alle diese Leute weichen höflich aus und
grüßen freundlich dazu. Bald liegt das Städtchen hinter uns, und der
Weg zieht sich zwischen Landhäusern und Vignen in die Höhe. Die meinen
Esel begleitende Matrone führt einen Stecken in der Hand, und wenn
Grauchen auf den landesüblichen Antreibungslaut »Aaah!« nicht genügend
reagirt, so bekommt er den Stock zu fühlen. Im Allgemeinen aber
trottet er mit seiner gewichtigen Last munter vorwärts, die kleinen,
elastischen Beinchen fest zwischen Geröll und Treppenstufen aufsetzend.
Nur wenn am Wege Orangenschalen liegen, bleibt er einen Moment stehen
und frißt sie. Orangenschalen sind nun einmal seine Leibspeise.
Nach dieser einleitenden Bemerkung über die verfeinerte
Geschmacksrichtung des Eseleins gedenkt die Führerin keineswegs, die so
nett begonnene Unterhaltung wieder einschlafen zu lassen. Da es stets
erfreulich ist, ein Stückchen Geschichte in volksthümlicher Beleuchtung
zu genießen, so gestatte ich mir die Frage, wer denn eigentlich der
Signor Tiberio gewesen sei, nach dessen Villa wir uns begeben. Ein
mißtrauischer Blick der Alten sänftigt sich, als sie mein wißbegieriges
Antlitz sieht, und sie beginnt ihre Vorlesung. Don Timberio (so
verstümmelt der capresische Dialekt den Namen des Cäsaren) war kein
einfacher Signor, sondern ein reicher König von Neapel. Als er alt
wurde, kriegte er das Regieren satt -- denn die Neapolitaner sind ein
häßliches, schlimmes Volk -- und kam hierher, weil er so viel gehört
hatte von der Nettigkeit und Höflichkeit der Capresen. Er erbaute sich
auf der Felsenspitze ein Schloß, ganz aus Marmor und Mosaik. Bald
begann er sich aber trotz der herrlichen Aussicht zu langweilen und
wurde so grausam, daß er sich zahllose Sklaven kaufte, um sie zu Tode
zu martern. Der Herr Pfarrer warnte ihn oft genug vor diesem sündigen
Treiben, aber wer nicht hören will, muß fühlen. Der Teufel wartete
nur, bis Don Timberio mal einen Ausflug auf's Festland machte -- denn
nach Capri wagt sich der Teufel nicht -- und flugs war er in Timberios
Schlafzimmer und erstickte den alten Herrn mit seinem Kopfkissen. Unter
so lehrreichen Erzählungen waren wir zu einer freundlichen Osteria
gelangt, die den Eingang bildet zum »Salto di Tiberio«, der Localität,
wo Tiberius seine Schandthaten mit Vorliebe ausübte. Wenigstens
behauptet die französische Inschrift, daß hier der Ort sei, »wo man
eine schöne Aussicht genießt und Tiberius seine Verurtheilten in's Meer
stürzen ließ.« Da gerade keine Sklaven zur Hand waren, so machte die
führende Wirthin das Experiment mit einem großen Steine, den sie über
die Brüstung hinabwarf. Es dauerte eine unheimliche Weile, bis man
das Aufklatschen des Steines im Meere hörte. Die armen Gemarterten
hatten also während des Hinabfallens noch genügende Zeit, die »schöne
Aussicht« zu genießen.
Die trüben Eindrücke zu verwischen, schlug die Wirthin vor, wir sollten
uns von zwei »zufällig« anwesenden jungen Mädchen die Tarantella
vortanzen lassen. Da die beiden »jungen Mädchen« jedoch in zu
ehrwürdigem Alter standen, als daß wir ihnen die Anstrengungen eines so
lebhaften Tanzes zumuthen wollten, so verzichteten wir mit Enthusiasmus.
Dann ging es bis zur eigentlichen Villa empor, von der nur noch
traurige Reste stehen. Ein Theil der Unterbauten ist zu Ställen und
Schuppen eingerichtet. Das Uebrige ist verschwunden oder zerfallen.
Nur hier und da sieht man noch Theile eines kostbaren Mosaikfußbodens.
Was aber der berüchtigte »Zahn der Zeit« nicht zerstören konnte, das
ist der überwältigende Fernblick auf die Golfe von Neapel und Salerno,
den man von der Terrasse genießt. Hier auf der Stätte, wo Tiberius
einst seinen heidnischen Unfug trieb, steht gleichsam zur Sühne eine
einfache, lichte Kapelle. Ein Eremit haust dabei und sorgt für den
kirchlichen Dienst. Für gewöhnlich stellt man sich einen Eremiten
als einen verwitterten, wildbärtigen Mann in geflickter, schäbiger
Mönchskutte vor. Dieser hier ist aber ein Gentleman-Eremit mit sauber
rasirtem Antlitz, und tadelloser, eleganter Soutane. Im Uebrigen läßt
er sich den Wein, den er credenzt, ganz nett bezahlen, und auch für
das Einschreiben in das Fremdenbuch erhebt er eine kleine Taxe. Die
Eremitage hier oben ist also gar kein übles Geschäft.
Beim Salto di Tiberio besteigen wir wieder die harrenden Esel, deren
Aufgabe, uns über die abschüssigen Treppenstufen hinabzutragen, noch
schwieriger ist, als der Anstieg. Aber die braven Thiere liefern uns
wohlbehalten am Hôtel Tiberio zum Souper ab, wo wir die ziemlich
primitiven culinarischen Genüsse mit einem Dutzend zierlicher Katzen
theilen, deren Bettelhaftigkeit bisweilen einen etwas zudringlichen
Charakter annimmt. Wir verzeihen ihnen gern die schlechte Erziehung
in der Hoffnung, einigen directen Nachkommen oder wenigstens nahen
Blutsverwandten des Scheffel'schen »Hiddigeigei« eine Gefälligkeit
erwiesen zu haben. »Hiddigeigei« selbst genießt auf der Insel
verdienten Nachruhm. Das Hauptrestaurant neben dem Hôtel Pagano nennt
sich stolz nach dem philosophischen Kater »Café Hiddigeigei«. Weibliche
Hände credenzen hier Löwenbräu, das bedeutend zu warm, dafür aber
entsprechend theurer ist. Das hindert uns natürlich nicht, dem Andenken
Tiberii einen kräftigen Verachtungsfetzen und den Manen Scheffels einen
ausgiebigen Hochachtungsschluck darzubringen.
Am nächsten Morgen besuchen wir Anacapri, die zweite Stadt auf Capri,
die nicht ganz so schön gelegen und fremdenreich ist, wie die »besser
situirte« Schwester. Eine neue, kunstvoll in den Felsen gehauene
Fahrstraße, die überraschende Ausblicke bietet, verbindet Capri mit
Anacapri. Eine Bootsexcursion führt uns nach der »grünen Grotte«,
die nicht gleich berühmt, aber mindestens ebenso schön ist, wie die
blaue, und nach der »~grotta del matrimonio~«, dem Orte, wo Tiberius
jene Bäder genommen haben soll, von denen Suetonius so Erbauliches zu
berichten weiß. Als wir zur großen Marina wiederkehren, liegt schon der
Dampfer bereit, der uns aus dieser köstlichen Idylle, zu der sich Fels,
Meer und Himmel in höchster Schönheit vereinigen, entführen soll nach
dem staubigen, lärmvollen Neapel.
Ein Ausflug nach Tunis.
I. Von Neapel bis Tunis.
Im Bureau Florio-Rubattino. -- Neapolitanische Barkenführer bei
Nacht. -- Der Herr aus Mailand im Damensalon. -- Addio, Napoli!
-- Die »Afrika« und ihr Kapitän. -- Wie man in Cagliari Feste
feiert. -- Der Witzbold von Cagliari und der »nervöse Herr«.
-- Die weißen Handschuhe des Stewart. -- Afrika in Sicht. --
Ankunftsscherze.
Nach Rom führen bekanntlich alle Wege, von Rom nach Tunis aber
nur zwei. Und diese beiden Wasserstraßen sind Monopol der großen
italienischen Schifffahrtsgesellschaft Florio-Rubattino. Ihr muß
man sich anvertrauen, ob man über Cagliari oder über Palermo der
tunesischen Küste zustrebt. Das erweckt dem, der die italienischen
Beförderungsmittel und ihre zweifelhafte Sauberkeit kennen gelernt
hat, zunächst keine angenehmen Empfindungen. Und die ersten Schritte,
die man thut, um sich für die Ueberfahrt einen Platz zu sichern, sind
keineswegs geeignet, diese Besorgnisse zu zerstreuen. Die Bureaubeamten
der Gesellschaft Florio-Rubattino ähneln an Schwerfälligkeit und
begrenztem Auskunftsvermögen ihren Collegen von der Eisenbahn. Auf
der Agentur in Rom befindet sich zwar ein Schalter mit der schönen
Aufschrift »Informationen«, und dahinter sitzt ein sorgfältig frisirter
junger Mann. Aber da er bei meinem Besuche gerade die »Riforma« las
und sein Nachbar den »Don Chisciotte«, so konnte es nicht ausbleiben,
daß erst ein längerer Meinungsaustausch in politischen Dingen, ein
Rede-Duell »hie Cavallotti, hie Crispi«, stattfinden mußte, ehe der
Mann der Informationen für das Publicum Zeit hatte. Dann wußte er
nicht, wann der Dampfer für Cagliari aus Neapel abging, auch nicht,
ob überhaupt ein Fahrplan der verschiedenen Linien existirte oder
wieviel die Ueberfahrt kosten würde, sondern er wußte nur, daß man
diese nützlichen Dinge »vielleicht« auf der Direction wissen würde.
Ein um 11 Uhr nach dieser Centralstelle angetretener Gang bereicherte
zunächst die allgemeinen Erfahrungen dahin, daß die directorialen
Localitäten nur von 2 bis 6 Uhr geöffnet sind, offenbar um eine
Ueberarbeitung der Betheiligten zu vermeiden. Der vierstündige
Normal-Arbeitstag -- welch' ein Ziel auf's Innigste zu wünschen --
hier ist er eingeführt. Von 2--6 Uhr aber war man wirklich vorhanden.
Nur war Genaues auch hier nicht zu hören. Dagegen kam ein riesiger
Fahrplan zum Vorschein, groß genug, um eine Zimmerwand zu tapeziren.
Leider verlor das kostbare Schriftstück einigermaßen an Werth durch die
bei der Uebergabe ausgesprochene Bemerkung, man möge sich auf diesen
Fahrplan nicht verlassen, denn Aenderungen seien sehr häufig. Endlich
an der dritten Stelle, in Neapel, erlangt man nach einiger Mühe und
unterschiedlichen Formalitäten Auskunft und Billet. Ein neuer Scherz
steht erst bei der Bezahlung bevor. Der Beamte verweigert die Annahme
italienischen Papiergeldes. Er verlangt Gold! Also eine italienische
Gesellschaft, die von der Regierung mit jährlich 10 Millionen Lire
subventionirt wird, schlägt die einzig gangbare italienische Münze
aus und verlangt Gold, trotzdem man Jahre in Italien leben kann, ohne
jemals ein italienisches Goldstück zu sehen. Französisches Gold, das
bereitwilligst acceptirt wird, beseitigt auch diese Schwierigkeit, und
endlich hat man die Bescheinigung in Händen, daß sich die Gesellschaft
Florio-Rubattino verpflichtet, den Passagier bis nach Tunis zu
befördern und zu beköstigen. In aller Eile leistet sich der Herr
hinter dem Schalter noch die unwahre Mittheilung, daß die Gesellschaft
für Ein- und Ausbarkirung der Passagiere und Bagagen Sorge trägt. Es
fällt der Gesellschaft natürlich gar nicht ein, den Reisenden dieses
mühevolle und kostspielige Geschäft abzunehmen.
Der nach Cagliari bestimmte Dampfer »Afrika« liegt im Hafen in
respectvoller Entfernung vom Quai. Die Abfahrt erfolgt um Mitternacht.
Irgend ein Grund zur Wahl dieser höchst unbequemen Stunde liegt
selbstverständlich nicht vor, es sei denn der, daß man der
Unverschämtheit der neapolitanischen Barkenführer gestatten will, sich
in ihrer ganzen Glorie zu zeigen. Wie eine Horde Wilder stürzt das
Gesindel dem nächtlichen Ankömmling entgegen. Es dauert eine Weile, ehe
man sich auf einen einigermaßen entsprechenden Preis einigen kann. Kaum
ist man auf halber Fahrt zwischen Quai und Schiff, als die Bootsleute
unter Androhung der Umkehr das Dreifache des Ausbedungenen fordern. Auf
geraden Wegen kommt man mit dieser Gesellschaft nicht vorwärts. Ich
verspreche also Alles, was Jene wollen, werde dafür mit »Excellenza«
angeredet und mit rührender Vorsorge sammt Gepäck an Bord befördert.
Dort erweist sich die »Excellenza« für die plötzliche Standeserhöhung
wenig dankbar, denn sie zahlt zur Strafe für begangenen Treubruch
nur den ursprünglichen Tarif und nicht einen Soldo des mit Recht so
beliebten Trinkgeldes. Darauf retirire ich schleunigst in die Kajüte.
Hier ist man sicher, denn jetzt ist man die Beute des Stewarts, und der
läßt _andere_ Trinkgeldheischende nicht in seinen Bereich. Nach einem
Wuthgeheul ziehen die neapolitanischen Hafenpiraten ab, und das Deck
ist zu einer Orientirungspromenade frei. Groß ist die Passagierliste
der »Afrika« nicht. Außer mir befindet sich nur noch ein deutsches
Ehepaar an Bord, das ebenfalls nach Tunis will, und ein mailändischer
Handlungsreisender, der mit der eigenthümlichen Rührigkeit dieser
Gesellschaftsklasse bereits Mittel und Wege gefunden hat, sich den --
Damensalon reserviren zu lassen.
Zauberisch schön ist der Blick vom Verdeck auf das nächtliche Neapel.
Gedämpft klingt das nervenerschütternde Geräusch der lärmvollsten
Großstadt herüber, in der, wie im Pariser Café Jacques Offenbachs,
erst um Mitternacht das Leben beginnt. Feurigen Schlangen gleich,
bergauf und bergab, durchziehen die langen Reihen der elektrischen und
Gaslaternen die sich zu Bergeshöhe emporstreckende Stadt, in einige
lichte Vorposten auslaufend am weit vorspringenden Posilipp. Schweigend
und düster, ohne äußere Zeichen des im Innern wüthenden Feuers,
überragt der Vesuv das wundervolle Nachtbild. Da schießen Raketen auf
am Mercato, und bunte Feuersäulen antworten aus den höheren Theilen der
Stadt, vom Capodimonte und vom Vomero. Man vergnügt sich in Neapel,
wie fast allnächtlich, mit Feuerwerk. Während es drüben knattert und
blitzt, während Leuchtkugeln und Schwärmer prasselnd zum Himmel fahren,
setzt sich die »Afrika« langsam in Bewegung. Und bald versinkt Neapel
mit seinem Lichterglanz und seinem fröhlichen Lärmen in's schweigende
Meer, auf das der Mond seine zitternden Streifen breitet. ~Addio, bella
Napoli!~ Es ist Zeit, die Cabine aufzusuchen.
Am andern Morgen ist die Toilette mit ungewohnten Schwierigkeiten
verknüpft. Auf den Fußboden ist kein Verlaß, und das Waschbecken
vollführt mit den Gläsern einen Contre-Tanz. Draußen bläst eine
tüchtige Mütze voll Wind, und die »Afrika«, ein ziemlich kleines
Schiff, läßt sich von den aufgeregten Wellen tüchtig werfen. Aus den
übrigen Cabinen dringen seltsam stöhnende Laute, ein Beweis, daß man
dort bereits an Neptun Tribut zahlt. Als die Schiffsglocke melodisch
zum Frühstück ruft, versammelt sich der Herr Kapitän ganz allein
am schwankenden Tische und läßt es sich stillvergnügt schmecken.
Erst gegen Abend sieht der grimme Meergott, klüger, als mancher
Finanzminister ein, daß Mägen, die immerfort hergeben sollen, auch
Etwas einnehmen müssen, und zum Diner wird der liebenswürdige Lenker
des Schiffes von der gesammten Vierzahl seiner Kajüten-Passagiere
umgeben. Mit lebhafter Unterhaltung würzt er das Mahl. Zunächst betont
er, daß er sich nur ausnahmsweise auf dem »Mittelländischen« bewege.
Seine gewöhnliche Tour sei die transatlantische nach Buenos-Ayres und
Rio de Janeiro. Nachdem wir hiervon mit gebührendem Respect Notiz
genommen, entschuldigte er sich, daß er uns nicht in Neapel auf Deck
begrüßt habe. Aber er könne Neapel nicht ausstehen und bleibe stets
so lange in seiner Kajüte, als das Schiff im dortigen Hafen ankere.
Ihm, dem Genuesen, sind die Neapolitaner die verhaßteste, greulichste
»Rasse«. Er erklärte die Einwohner der ~bella Napoli~ kurzweg für
die ärgsten Briganten der civilisirten Welt. Und wir können diesem
landsmännischen Urtheile trotz seiner Schroffheit nicht ganz Unrecht
geben. Jedenfalls ist das Gespräch ein Beweis für die Tiefe der Kluft,
die sich in Italien zwischen Nord und Süd öffnet.
Das Diner an Bord ist im Uebrigen ausgezeichnet. Zum Schluß giebt es
einen Marsala, der das Entzücken der Kenner erregt. Er stammt aus den
Kellern Florio's, des sicilianischen Mitbegründers der Gesellschaft,
der nicht nur Schiffsrheder, sondern auch Weinhändler ist. Eine seiner
besten Marken wird auf den Schiffen gewissermaßen als Reclame-Weine
credenzt. Es ist überhaupt an der Zeit, der Compagnie Florio-Rubattino
eine Ehrenerklärung zu machen. Ihre Comptoirs am Lande mögen nicht
tadellos eingerichtet sein, ihre Schiffe aber lassen Nichts zu wünschen
übrig. Tadellose Sauberkeit, aufmerksame Bedienung, zweckmäßig
eingerichtete Cabinen und brillante Verpflegung machen den Aufenthalt
auf den Florio-Rubattino-Dampfern zu einem durchaus angenehmen.
Am Morgen des nächsten Tages kommt die Südküste Sardiniens und
Cagliari, die Hauptstadt der Insel, in Sicht. Die Stadt ist malerisch
auf schroff aus dem Golf emporstrebendem Hügel gelagert, zu dessen
Füßen sich weite, öde Ebenen ziehen, die Salzsümpfe Cagliaris.
Die Stadt ist sauber und nett. Abgesehen von einigen Bauten aus
der Pisaner-Zeit giebt es eine hübsche, dem Fels abgerungene
Terrassen-Promenade mit schöner Aussicht auf das Meer und die gelblich
schimmernden Salzläger. Um so interessanter ist unser Spaziergang,
zu dem ich mich den deutschen Reisegefährten angeschlossen habe, für
die Einheimischen. Fremde scheinen hier noch ein seltener Artikel zu
sein, denn halb Cagliari ist uns auf den Fersen, um die Inglesi zu
bewundern. Als wir die Cagliaresen dahin aufklären, daß wir keine
Engländer, sondern Deutsche seien, giebt es ein ungeheueres Staunen,
daß diese klugen Prussiani ein verständliches Italienisch reden. Der
Enthusiasmus hierüber setzt sich in eine feierliche Einladung um, ein
abendliches Wohlthätigkeitsfest mit unserer Gegenwart zu verschönen.
Trotzdem uns der Hauptgewinn der Tombola, ein sardisches Nationalcostüm
und eine Büchse Sardinen so gut wie sicher versprochen wird, müssen
wir doch mit schmerzlichem Bedauern ablehnen. Die »Asia«, ein anderer
größerer Florio-Dampfer, der uns nach Tunis bringen soll, ruft die
Säumigen mit greller Stimme an Bord.
Hier giebt es noch Manches zu beobachten, ehe die Schraube des Dampfers
sich zu drehen beginnt. Zum Hafen steigt eine große Procession, unter
Entfaltung vielen Pompes, hernieder. Musik, Pistolenschüsse, Feuerwerk,
kurz Alles, was zu einem richtigen italienischen Rummel gehört, läßt
sich vernehmen. Man feiert das Fest des heiligen Antonius von Padua.
Wir schreiben den 16. Juni, und das Fest des Heiligen ist am 13.
Auf meine bezügliche Frage kommt eine reizende Aufklärung. Cagliari
zerfällt nämlich in vier Bezirke. Jeder Bezirk feiert seinen Festtag
für sich, während jeweilig die drei anderen daran Theil nehmen. Auf
diese höchst ingeniöse Art vervierfachen sich die Feiertage in Cagliari.
Unter den neu eingetroffenen Passagieren befindet sich ein behäbiger,
junger Mann, der von einer ganzen Cohorte Abschied nehmender Freunde
begleitet ist. Er macht furchtbaren Lärm, redet die Gepäckträger »meine
Herren Cavaliere« an, drückt ihnen, als sie ihren Lohn heischen,
gerührt die ausgestreckten Hände, wirft sich zur Begrüßung vor dem
Kapitän auf den Bauch und läßt beim Abschied von den Gefährten
klatschende Knallerbsen anstatt der Thränen auf das Verdeck fallen.
Die Corona der cagliaresischen ~jeunesse dorée~ heult bei jedem
dieser Impromptus vor Vergnügen. Kein Zweifel, wir haben einen der
gefürchtetsten Witzbolde Cagliari's an Bord. Weniger vergnügt ist ein
anderer Jüngling, der die Mütze tief in die Stirne gezogen hat und mit
nervöser Hast, fortwährend sich erkundigend, ob man noch nicht abfährt,
auf dem Verdeck herumläuft. Gerade als das Signal zur Reise gegeben
wird, erfolgt unmittelbar Contreordre; denn vom Lande stößt ein Boot
ab, das zwei lebhaft winkende Carabinieri enthält. Bei ihrem Anblick
ist der nervöse junge Mann plötzlich verschwunden. Die Beamten der
öffentlichen Ordnung klettern an Bord und schicken sich an, das Schiff
zu durchsuchen, da man glaubt, daß ein seit Monaten aus dem Gefängniß
ausgebrochener Gauner sich auf dem Dampfer befinde. Sehr schlau fangen
die Herren Carabinieri ihre Nachforschung nicht an. Sie steigen in die
verschiedenen Kajüten hinab und lassen die zahllosen Schlupfwinkel, die
solch ein großer Dampfer bietet, undurchforscht. Ohne Resultat kehren
die Carabinieri in ihr Boot zurück, und die »Asia« beginnt endlich ihre
Fahrt gen Süden.
Unten in seiner Cabine liegt der nervöse Herr, läßt sich Eisumschläge
machen und hat das »sardinische Fieber«. Auch zu Tische erscheint er
nicht, dafür setzt sich der Witzbold, geladen mit angenehm zur Tafel
passenden Scherzen, neben den Kapitän. Aber der erwartete Beifall
bleibt vollständig aus. Ist es nun diese schmerzliche Enttäuschung
oder der Umstand, daß die »Asia« die hohe See erreicht hat und in
weichem Rhythmus sich zu heben und zu senken beginnt -- plötzlich wird
der Witzbold bleich, murmelt ein paar Worte, stürzt nach seiner Koje
und wird nicht mehr gesehen.