In diesen Bädern am Posilipp hört man mehr deutsch reden, als

italienisch, und nicht nur von Deutschen allein. Die deutsche Sprache

ist jetzt modern hier zu Lande, und es gilt als unzweifelhaft chic, sie

zu sprechen. Täglich erscheinen in den nachmittäglichen Badestunden die

jugendlichen Zöglinge der am Posilipp zahlreich vertretenen, vornehmen

Mädchen-Pensionate, selbstverständlich gehütet und geleitet von ihren

respectiven Lehrerinnen. Die obligatorische Unterhaltungssprache im

Wasser ist deutsch. »Maria«, rief neulich solch eine kleine Wassernixe

ihrer Freundin zu, »ich abe serr gut geschwimmt auf das Rücken, und

abe geabt die errliche Anblick von die schöne Stadt.« Leider hatte

die begleitende Gouvernante nicht blos große Füße, sondern auch lange

Ohren, denn sie antwortete statt der Angeredeten: »Sie machen so grobe

Fehler, Signorina Luigia, daß Sie heute Abend keinen Kaffee zum Pranzo

haben werden!« Mir that die arme Gemaßregelte herzlich leid trotz ihres

geringen Respects vor der deutschen Grammatik, denn erstens hatte die

kleine Luigia wunderschöne, nachtschwarze Augen, und dann ist man

versöhnlicher Stimmung, wenn man hat »serr gut geschwimmt auf das

Rücken und geabt die errliche Anblick von die schöne Stadt«.

Wie man in Neapel fährt.

Neapolitanische Fiaker und Tramways. -- Der Esel als

»Rennthier«. -- Corso am Kai Caracciolo. -- Der Prinz von

Neapel.

In einer früheren Skizze habe ich den Typus des römischen

Droschkenkutschers zu schildern versucht. Sollte dabei irgend etwas

Despectirliches gegen die Rosselenker des ewigen Roms gesagt worden

sein, so bitte ich sie inständigst um Verzeihung. Ich kannte damals

den neapolitanischen »Edlen vom Bock« noch nicht. Er fordert nicht,

wie sein römischer College, den Fußgänger auf, in seinem Wagen Platz

zu nehmen, er will ihn dazu zwingen. Das erste Stadium ist, daß er

dem Gehenden zuruft: »He, Sie, hier steht eine Carrozzelle. Steigen

Sie ein!« das zweite, daß er straßenlang so dicht neben dem fürbaß

Schreitenden einherfährt, daß er ihn fast an die Mauer drückt

(Trottoirs sind selten in Neapel), das dritte, daß er seine Peitsche

dem Hartnäckigen um die Ohren sausen läßt, daß Jenem Hören und Sehen

vergeht. Es fehlt nur noch, daß die Herren Rosselenker Alle, die nicht

fahren wollen, einfach durchprügeln. Selbst hanebüchene Grobheit hilft

nicht immer gegen solche Zudringlichkeit, und man sieht nicht selten

die geplagten Fremden zu Handgreiflichkeiten ihre Zuflucht nehmen. So

wurde neulich ein deutscher Herr, der aus seinem Hotel trat, durch die

Dreistigkeit eines Kutschers derart aufgebracht, daß er ihm seinen

Cigarrenstummel in's Gesicht warf. Der Effect war ein überraschender.

Schmunzelnd fing der Numerirte den Stummel auf, steckte ihn in den Mund

und verabschiedete sich mit den deutschen Worten: »Danke schön, auf

Wiedersehen!«

Natürlich wird der »Forestiere« weit mehr behelligt, als der

Einheimische. Von Letzterem nimmt der Kutscher ohne Weiteres an, daß

er, falls er überhaupt das nöthige Kleingeld besitzt, die Dienste

der Droschke beanspruchen wird. Denn ein Neapolitaner, der zu seinem

Vergnügen spazieren _ginge_, wäre eine unerhörte Erscheinung. Diese

Abneigung gegen die Benutzung von »Schusters Rappen« ist in ganz

Italien heimisch, und zu den Argumenten für die Ansicht des Italieners,

daß alle Fremden mehr oder minder verrückt seien, gehört in erster

Linie die Gewohnheit der Deutschen und Engländer, hie und da eine

Fußtour zu machen.

Der neapolitanische Droschkentarif ist ungemein niedrig. Er beträgt für

die oft sehr ausgedehnte und bergige Strecke innerhalb des Weichbildes

70 Centesimi (ungefähr 55 Pfennige). Aber innegehalten wird dieser Satz

so gut wie niemals. Besteigt man die Droschke, ohne vorher mit dem

Kutscher über den Preis zu unterhandeln, so ist sofort die Diagnose

auf »Fremd« gestellt und regelmäßig wird dann ein Zuschlag oder ein

Trinkgeld so laut und heftig gefordert, daß Viele, ums dem Scandal ein

Ende zu machen, das Verlangen erfüllen. Ganz anders, wenn man die

einschlägigen Gewohnheiten kennt und der italienischen Sprache mächtig

ist. Man fährt dann stets unter dem Tarif. Man ruft dem Kutscher zu:

»Halbe Taxe« und fast immer wird auf das Angebot eingegangen. So

widerlich das Handeln mit einem Kutscher um eine solche Lappalie ist,

so ist es doch kaum zu umgehen. Man wird durch das eben geschilderte

Gebahren der Leute einfach dazu gezwungen.

Man fährt also nirgends so billig, nirgends aber so unangenehm, wie in

Neapel. Das liegt an der Droschke selbst, am Pflaster, an der Eigenart

des Verkehrs. Die neapolitanische Carrozzelle ist ungewöhnlich hoch und

eng gebaut. Selbst Leute von Mittelwuchs wissen ihre Beine kaum anders

unterzubringen, als sie in Höhe des Kutschbockes an den Vorderbord

aufzustemmen. Da der Fahrgast ungefähr auf gleichem Niveau mit dem

Lenker und dicht hinter ihm sitzt, dieser aber, wie ein Besessener,

unaufhörlich mit der Peitsche knallt, so schwebt man in fortwährender

Gefahr, empfindlich getroffen zu werden. Das Straßenpflaster wird von

den Reisebüchern als eines der besten der Erde gepriesen. Es sieht mit

seinen breiten und glatten Lavaplatten in der That recht stattlich

aus und mag vortrefflich gewesen sein, als es noch neu war. Heute

aber haben sich längst riesige Löcher gebildet, an deren Reparatur

Niemand denkt. Da der Kutscher drauf los fährt, ohne eine Umgehung der

gefährlichen Stellen zu versuchen, so setzt es alle Augenblicke Stöße,

die den Wagen umzuwerfen drohen. Endlich bedingt die Eigenart der

bergigen Anlage Neapels, das nur wenig bequem fahrbare Straßen besitzt,

eine Ueberfüllung dieser Verkehrswege.

So ist der Kutscher, der, so wie er freie Bahn vor sich sieht, eine

tolle Pace vorlegt, häufig genöthigt, langsamen Schritt zu fahren.

Auch der öftere Wechsel zwischen diesen beiden Extremen ist keineswegs

erfreulich für den Insassen der Droschke.

Höchst merkwürdig ist die Adjustirung der Droschkengäule, die sich

zumeist aus der kleinen, zähen Rasse der Apenninenpferde rekrutiren und

im Klettern auf den glatten Hügelstraßen Neapels eine bewundernswerthe

Ausdauer und Sicherheit entwickeln. Das Geschirr ist derart mit Kupfer-

und Messingplatten überladen, daß das Lederzeug völlig dadurch verdeckt

wird. Außerdem trägt das Pferd eine Art Sattel mit einem riesigen

Messingaufsatz, der equestrische Scenen darstellt. Die Scheuklappen

sind mit bunten Rosetten und Fähnchen verziert, und zwischen den

Ohren der Rosinanten ragt ein roth eingebundenes Federbüschel in die

Höhe, wie es die kupferfarbigen Helden der Lederstrumpf-Erzählungen

zu tragen pflegen, wenn sie skalplüstern den Kriegspfad beschreiten.

Man sollte meinen, daß der Kutscher sein Pferd, das er so sorgfältig

schmückt, sehr lieb hat. Weit gefehlt: der Neapolitaner ist der

rücksichtsloseste Thierquäler, den man sich vorstellen kann. Alle diese

Metall- und Bandzierrathen sollen lediglich den Schutz bilden gegen das

»~mal'occhio~«, den bösen Blick, vor dem der Neapolitaner, selbst der

gebildete, in beständiger Furcht lebt und dem er alles ihm zustoßende

Unheil auf das Conto schreibt.

Eine weitere Specialität ist das eigentliche Zaumzeug der

Droschkenpferde. Sie tragen nämlich kein Gebiß -- Trense oder Kandare

-- sondern das Maul bleibt völlig frei. Die Leitzügel münden in große

Messingösen, die horizontal zu beiden Seiten der Backenstücke in Höhe

des Nasenriemens abstehen. Es ist wunderbar genug, daß der Kutscher

trotz dieser primitiven Lenkvorrichtung sein Roß fest in der Hand hält

und es sicher durch das Gewimmel des Straßentreibens zu leiten im

Stande ist.

Ist es kein Vergnügen, sich einer hiesigen Droschke anzuvertrauen,

so ist die neapolitanische Pferdebahn ebenfalls kein ideales

Beförderungs-Institut. Sie versieht ihren Betrieb nicht nur mit

Pferden, sondern mehr noch mit Mauleseln. Diese zähe Mischrasse dient

zumeist als Vorspann, und es gewährt einen seltsamen Anblick, wenn

an den Stellen, wo die Trace schlimme Steigungen zu überwinden hat,

wie bei dem Anstiege vom Quai S. Lucia zur Piazza del plebiscito die

Viererbespannung zur Hälfte aus Pferden, zur Hälfte aus Mauleseln

besteht. Die Wagen des Tramway führen hier zwei Klassen. Der Tarif

richtet sich nach »Sectionen« (eingetheilte Wegstrecken) und die

zweite Klasse ist durchschnittlich um 1--2 Soldi billiger, als die

erste. Letztere bietet gepolsterte Sitze, die erstere bloße Holzbänke.

Vorzuziehen wäre die ungepolsterte Sitzgelegenheit, da die in Neapel

so zahlreichen, blutgierigen Hüpfer -- ~vulgo~ Flöhe genannt -- ein

ungestörtes Dasein in den Kissen führen und mit Vorliebe dem Passagier

einen kleinen Besuch abstatten, wenn nicht andererseits das Publikum

zweiter Klasse so reich mit diesen Parasiten versehen wäre, daß es

ebenfalls gern von seinem Ueberfluß an Bedürftige abgiebt. Nicht

minder lästig sind die zahlreichen Bettler, die sich überall, wo die

Pferdebahn Schritt zu fahren durch die Terrain-Verhältnisse gezwungen

ist, aufhalten und die Wagen so lange mit Winseln und Heulen begleiten,

bis der Kutscher seine Gäule wieder in Trab setzen kann. Die fliegenden

Händler finden sich selbstverständlich auch auf den Trittbrettern der

Pferdebahnwagen ein und verstärken durch ihr mißtönendes Gekreisch den

ungeheueren Wirrwarr.

Die naive Unhöflichkeit des Neapolitaners zeigt sich am deutlichsten

auf der Trambahn. Die Bänke der Sommerwagen sind auf vier Personen

berechnet. Niemals aber werden drei Leute, die es sich bequem gemacht

haben, dem aufsteigenden Vierten aus freien Stücken Platz machen. Das

einzige Mittel ist, sich energisch auf die Kniee eines der Fahrenden

fallen zu lassen und so sein Wegrücken zu erzwingen. Das Unleidlichste

aber ist die Einrichtung, daß nicht nur an den Haltestellen, sondern

überall auf Verlangen gehalten wird. Der Neapolitaner steigt

principiell nur vor seinem Hause auf, resp. läßt sich bis dorthin

fahren. Ob eine Haltestelle zwei Schritte entfernt ist, ob eben eines

Anderen wegen gehalten worden ist, das ist ihm sehr gleichgiltig.

Niemals nimmt er die Gelegenheit wahr, dem Wagen einen Stillstand

zu ersparen, sondern giebt, kaum daß dieser sich wieder mühsam in

Bewegung gesetzt hat, das Zeichen zu erneutem Aufenthalt. So braucht

man zu einer Strecke, die unter normalen Verhältnissen in fünf Minuten

zu bewältigen wäre, oft das Drei- und Vierfache. Dabei macht die

Pferdebahn glänzende Geschäfte. Trotz ihres hohen Tarifes, trotz der

Concurrenz der Droschkenkutscher, die oft zu Pferdebahnpreisen fahren,

sind die Tramwagen überfüllt vom frühen Morgen bis in die späte Nacht.

Das Zug- und Lastthier des kleinen Mannes von Neapel ist der Esel.

Dieses bei uns als störrisch und widerwillig bekannte Vieh ist hier

das fleißigste und anspruchsloseste Geschöpf unter der Sonne, es

leistet Alles, was man von ihm verlangt, und man verlangt nicht wenig

von ihm. Oft verschwindet sein Körper unter der ihm aufgebürdeten

Riesenlast, aber er schleppt sie tapfer zum Ziele. An dem Tragsattel

befinden sich weit hinausragende breite Querbalken, auf denen sich

allerlei Körbe mit Waaren schaukeln. So gleicht das arme Eselein, von

dem man nur die melancholisch wackelnden Ohren hervorschauen sieht,

einem wandelnden Laden. Ist es vor einen zweirädrigen Karren gespannt,

so liegen auf diesem außer der eigentlichen Last meist noch ein

viertel Dutzend mangelhaft bekleideter Leute spazieren, eines süßen

Schlafes im Sonnenbrande pflegend. Auch als Reitthier dient der brave

~Asinus~. Er bekommt dann einen Strick in's Maul, ein brauner Bengel,

mit einem Hemde, oder auch mit »gar Nichts« angethan, schwingt sich

auf Esels Rücken, und fort geht's im Galopp. Findet sich ein zweites

Paar hinzu, so wird ein kleines Wettrennen veranstaltet. Bei einer

solchen Gelegenheit habe ich sogar das Phänomen eines durchgehenden

Esels beobachten können. Er fühlte sich seinem Reiter, einem höchstens

fünfjährigen Bürschchen, überlegen, »nahm ihm die Hand,« brach auf

der »geraden Bahn« aus und setzte »über die Barrière« mitten in die

Körbe und in die Conversation einiger Gemüse- und Fischweiber hinein.

Ueber diese schweren Hindernisse kam er mit großer Eleganz, bis er

endlich seinen Jockey mit einer regelrechten Lançade in einen Fischtrog

placirte und dann geduldig wartete, bis der kleine Held wieder aus dem

unfreiwilligen Bade emporgestrampelt war und die Prügel der erzürnten

Damen der Halle geerntet hatte. Abgesehen von solchen Ausnahmefällen

ist jedoch das wackere Grauthier geduldig und beklagt sich über sein

schweres Loos nur durch ein langgezogenes Gestöhne, das mit dem »I--ah«

seiner deutschen Eselsvettern nicht die mindeste Aehnlichkeit hat und

darum alle mit der italienischen Eselssprache noch nicht Vertrauten

weidlich erschreckt, weil sie glauben, es sei ein Schwerverwundeter in

der Nähe, der um Hülfe schreit.

Zu Luxuszwecken dient der Esel nur, wenn humoristische Zwecke

beabsichtigt werden. So erscheinen auf dem Corso, den die elegante

Welt Neapels allabendlich auf dem herrlichen Quai Caracciolo längs

der Via Nazionale abhält, niedliche Miniaturgefährte, angefüllt mit

reizenden Kindergestalten und gezogen von winzigen Eseln. Im Uebrigen

geht es sehr vornehm zu bei diesem Corso, der, was die landschaftliche

Umgebung betrifft, nicht seines Gleichen auf dieser Erde hat. Wollte

man von der Zahl und Ausstattung der Equipagen Schlüsse auf die

Wohlhabenheit ihrer Besitzer ziehen, so wäre Neapel die Stadt der

Millionäre. Nichts aber wäre falscher, als eine derartige Meinung.

Mancher dieser Equipagenbesitzer begnügt sich mit einer Wohnung und

einer Nahrung, die bei uns der Kleinbürger verschmähen würde. Um so

besser werden Pferde, Dienerschaft und Wagen gehalten, damit man Abends

beim Corso gute Figur mache. Man sieht denn auch wirklich correcte und

vornehme Gespanne in Menge, die den Vergleich mit den besten Mustern

aus dem Bois de Boulogne oder dem Hyde-Park aushalten können. Herren

wie Damen führen häufig in Person die Zügel, und die Aufgabe, ein

feuriges Gespann durch das Gewimmel und den Lärm des Corsos zu bringen,

ist wahrlich keine leichte.

Auch der in Neapel residirende Kronprinz von Italien, der Abend

für Abend an den Gesellschaftsfahrten Theil nimmt, lenkt seine

Rosse selbst. Er ist ein kleiner, schmächtiger junger Mann mit

ernsten Gesichtszügen und aufgewirbeltem, röthlichem Schnurrbart.

Er trägt stets Uniform, und die Neapolitaner, die keine besonderen

Militärfreunde sind, wollen daraus einen bewußten Gegensatz zu seinem

Vater construiren, der sich mit Vorliebe in Civil kleidet. Natürlich

ist das heller Unsinn. Der Kronprinz ist activer General und übt

die Functionen eines solchen mit voller Pflichttreue aus. Da es den

italienischen Offizieren so streng, wie den deutschen, verboten ist,

außerhalb des Dienstes die Uniform zu verlassen, so geht der Kronprinz

seinen Untergebenen einfach mit gutem Beispiel voran. Für solche

militärische Erwägungen sind aber die Neapolitaner nicht zu haben, und

sie beginnen immer von Neuem ihre sehr ungerechtfertigten Raisonnements

über die »Uniformschwärmerei« ihres künftigen Königs. Wenn sie gegen

die prinzlichen Equipagen Einwendungen erhöben, so wäre das eher zu

begreifen. Unter den luxuriösen Gespannen, die den Prinzen rings

umgeben, fällt die geringe Eleganz seiner Wagen und Pferde doppelt

auf. Nun ist er ja junger Ehemann. Vielleicht wird Prinzessin Helene

dafür sorgen, daß ihre Equipagen nicht hinter denen ihrer Unterthanen

an Vornehmheit zurückstehen.

Vom Eiland des Tiberius.

Abfahrt von Neapel. -- Der Landsmann mit dem Jägerhemde. --

Die blaue Grotte und der heilige Constantin. -- Korallen in

der Suppe. -- Völkerpsychologie einer kleinen Capresin. --

Das Deutschthum auf Capri. -- Ein Besuch bei »Don Timberio«

und des Cäsaren Geschichte in localer Beleuchtung. -- Ein

Gentleman-Eremit. -- »Hiddigeigei's« Nachkommen.

Das Dampfboot, das den Verkehr vermittelt zwischen Neapel und Capri,

liegt Morgens 9 Uhr am Quai Santa Lucia zur Abfahrt bereit, so heißt

es nämlich in den betreffenden Anzeigen. Trotzdem es aber an besagtem

Quai sehr hübsche Stellen giebt, wo ein Dampfer anlegen könnte, hat er

doch weit draußen im Hafen Posto gefaßt. Man muß sich also zunächst

einem Ruderboote anvertrauen. Der unverhältnismäßig hohe Preis, der für

die kurze Bootsfahrt gefordert wird, bildet eine Nebeneinnahme der

Dampfergesellschaft, deren Forderungen für die eigentliche Ueberfahrt

im Uebrigen ebenfalls nicht an Bescheidenheit kranken.

Auch die auf 9 Uhr festgesetzte Abfahrtszeit wird selbstverständlich

nicht innegehalten. Es wird reichlich ein Stündchen später, aber der

erfinderische Sinn der Neapolitaner sorgt für Unterhaltung. Zwei

schwimmend das Boot umkreisende Knaben ersuchen ein verehrliches

Publicum, Soldistücke in's Meer zu werfen. Durch das lichte Wasser, in

dem man die Bewegungen der nackten Körper bis in die Tiefe verfolgen

kann, tauchen sie zum Grunde und holen die Geldmünzen herauf. Der

glückliche Finder macht dann eine dankende Verbeugung und steckt

das Geld, in Ermanglung anderer Taschen, in die Backentasche. Das

artige Taucherstücklein findet mehr Anklang als der Schwarm von

Händlern, die an Bord Lava, Cameen, Schildpatt u. s. w. anbieten.

Bevor man die knappe Hälfte der Offerten zurückgewiesen hat, ist

die Verspätungsstunde verstrichen. Auf einen älteren Herrn, den der

unmögliche Loofah-Hut, das seit längerer Zeit im Dienst befindliche

Jägerhemde und die riesigen Stiefel auf hundert Schritte als

provinzdeutschen Touristen erkennen lassen, hat es das zudringliche

Händlervolk besonders abgesehen. Da er noch neu ist auf italienischem

Boden, fehlt ihm die nöthige Partie gediegener Grobheit, ohne die es

unmöglich ist, diese Kletten los zu werden. Aus Dank für geleistete

Hilfe erzählt mir der Befreite im schönsten, sächsischen Dialekte

seine bisher auf der Südlandsreise gewonnenen Eindrücke. Italien wäre

so weit ganz schön, aber es hätte auch arge Fehler. Die Kopfkissen

der Hotelbetten wären zu klein, das Bier zu theuer, und die meisten

Menschen verständen nicht Deutsch. Ich mußte diese Bemerkungen als

unzweifelhaft richtig zugeben und fügte noch mit einem Blick auf das

Jägerhemde des biederen Sachsen als weiteren Uebelstand hinzu, daß sich

auch die Wäscherinnen hier zu Lande viel zu gut bezahlen ließen. Das

wäre ihm noch nicht aufgefallen, meinte der Wackere. Ich glaubte ihm

das auf's Wort.

Endlich setzt sich der Dampfer in Bewegung. Sein Cours geht zunächst

nach Sorrent, an Vico Equense vorüber. Vico Equense wurde in der

letzten Zeit viel genannt, weil hier im Jahre 1885 jener Knabenmord

passirte, den die Geschworenen von _Bourges_ zum Unglücksfall

erklärten, als sie zehn Jahre später den _Marquis de Nayves_

freisprachen.

In Sorrent, das bei den Italienern als Badeort in hoher Beliebtheit

steht, verlassen unseren Dampfer die wenigen Einheimischen, die er mit

sich führte. Der Steamer nähert sich jetzt den Felsenkolossen Capris,

zwischen die hineingeschmiegt die ~grande marina~ (der große Hafen) und

darüber auf waldiger Kuppe das Städtchen Capri liegen. Vorerst dampfen

wir stolz daran vorüber zur »blauen Grotte«, deren Besuch für jeden

Caprineuling obligatorisch ist. Die »blaue Grotte« ist, wie bekannt,

im Jahre 1826 von dem deutschen Maler Kopisch, als er um Capris

Felsenküsten schwamm, wieder entdeckt worden. Den größten Gefallen hat

Kopisch damit dem Municipium von Capri erwiesen, in dessen Säckel

bisweilen solche Ebbe herrschte, daß es den Schutzheiligen der Insel,

den heiligen Constantin, dessen silberne Statue sich in der Hauptkirche

befindet, bei neapolitanischen Geldmännern versetzen mußte. Jetzt zieht

die Stadtverwaltung von der blauen Grotte eine stattliche Einnahme. Man

hat eine schwimmende Kasse vor dem Zugange etablirt. Gegen Erlegung

von 1½ Francs erwirbt man das Recht, sich auf den Boden eines sehr

schmutzigen Kahnes lang auszustrecken und auf diese Weise durch die

kaum über das Meeresniveau emporragende Grottenöffnung hineinbefördern

zu lassen. Die Grotte selbst gehört zu den wenigen italienischen

Sehenswürdigkeiten, die schlechter sind als ihr Ruf. Die Dichter

und Maler, die das Lob der Höhle sangen und pinselten, dürften ihre

Phantasie arg strapazirt haben. Wirklich malerisch schön ist nur der

fluctuirende Boden, das Wasser, das noch um einige Nuancen blauer und

durchsichtiger ist als draußen im freien Meere.

Höhlenbewohner, natürlich nur zur Zeit des Fremdenbesuches, ist ein

halbwüchsiger Knabe, der, wenn sich genügende Entlohnung für ihn

findet, zum Grunde taucht, um zu zeigen, wie das Wasser den Körper

versilbert. Die diesmaligen Besucher der Grotte waren offenbar Anhänger

der Goldwährung, denn der nöthige Garantiefonds für dieses im Bädeker

gepriesene bimetallistische Experiment wollte nicht zu Stande kommen.

Die kleine Enttäuschung war rasch verwunden, als der Anker angesichts

der großen Marina in's Wasser rasselte. Einige Herren, die bisher

auf dem Dampfer promenirten und ganz gegen italienische Gewohnheit

freiwillige und höfliche Auskunft über allerlei Wissenswerthes gegeben

hatten, ohne ein Trinkgeld zu verlangen, entpuppten sich jetzt im

entscheidenden Momente als Geschäftsführer capresischer Hotels, deren

Vorzüge und Billigkeit sie in lichtesten Contouren erscheinen ließen.

Der alterprobte Grundsatz, in Italien _vorher_ nach allen Preisen

zu fragen und dann principiell höchstens die Hälfte zu bieten, that

auch hier seine Schuldigkeit. Die ursprünglich ziemlich insolenten

Forderungen gingen auf ein bescheidenes Maß herunter, und bald saßen

wir bei einem auf dem Balcon des Hotels »Grande Bretagne« servirten

Dejeuner. Die unten auf der Straße versammelten Vertreter der

capresischen Bevölkerung verfehlten nicht, uns das Mahl durch kleine

Scherze zu würzen. Einige Damen reiferen Alters, die in Begleitung

mehrerer melancholisch dreinschauender Esel erschienen waren, priesen

uns ihre Schützlinge als die besten und edelsten Esel unter der Sonne,

liebe Thierchen, auf deren Rücken eine kleine Excursion die reinste

Wonne sei. Die anwesenden Droschkenkutscher behaupteten dagegen, daß

es miserable, traurige Esel wären, während ihre Carozzellen und die

davor gespannten Pferdchen uns mit Windeseile nach jedem gewünschten

Punkte befördern würden. Diese Soli wurden durch einen Chor weiblicher

Wesen fundirt, die in allen Tonarten Korallen feilboten. Wir nahmen

alle diese Offerten mit größerer Gemüthsruhe als sonst entgegen, da

wir uns auf hohem Balcone sicher vor allzu heftiger Zudringlichkeit

wähnten. Die Enttäuschung folgte alsbald. Da wir uns zu theilnahmslos

verhielten, eröffneten die guten Capresinnen ein kleines Bombardement

mit Korallenketten. Diese flogen auf Tische und Stühle, eine begab sich

sogar in die Suppenterrine. Sofort war auch die geschickte Schützin zur

Stelle mit der Behauptung, wir müßten wenigstens die im Suppentopfe

verunglückte Kette kaufen. Erst als wir in aller Ruhe den Spieß

umdrehten und ihr bemerkten, sie müsse die Suppe bezahlen, da diese

durch das Hineinfliegen der Korallen verdorben sei, verschwand die

übereifrige Handelsfrau aus dem Süden und ward nicht mehr gesehen.

Streifzüge im Süden: Reiseskizzen aus Italien und Tunis · 第 3 / 7 段